Calvin, Jean – Hiob 39, 36 – 40, 3.

Calvin, Jean – Hiob 39, 36 – 40, 3.

36) Hiob antwortete dem Herrn also: 37) Ich bin eines geringen Standes, was soll ich dir antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. 38) Einmal habe ich geredet und will nicht mehr antworten, ja, wohl zweimal, aber ich will´s nicht mehr tun. 40, 1) Und der Herr redete aus dem Wetter zu Hiob also: 2) Gürte deine Lenden wie ein Held! Frage mich, so will ich dich lehren. 3) Willst du mein Urteil zunichte machen? Willst du mich verdammen, um selbst gerecht zu sein?

Wir haben gehört, dass Gott aus dem Wetter geredet hat, um Hiob zu rechter Demut zu bringen, und er hat es nicht umsonst so gemacht. Hiob ist so demütig geworden wie ein Lamm und hat gar nicht mehr darnach verlangt, sich zu verantworten. Zuvor hat er Gott widersprochen, hat ihm den Krieg erklärt und sich auf sein Recht versteift. Nun ist von dem allem nicht mehr die Rede, er wagt kein Wort mehr zu sagen, und soviel er sich auch noch zu reden vorgenommen, jetzt lässt er´s ganz und gar fallen. Ja, wenn Gott im Wetter einher fährt, so geschieht es uns zum Heil, so hart wir das auf den ersten Blick wohl finden mögen. Gott muss in Schrecken setzen; denn wir ergeben uns nicht leicht zum Gehorsam, wie ein störrisches Pferd; darum muss eine starke Gewalt die Hoffart, die wir von Natur in uns tragen, zerbrechen. Wenn aber Gott so aus dem Sturmwind redet, so haben wir keinerlei Entschuldigung, wenn wir Hiobs Beispiel nicht folgen und unsere Armut nicht erkennen und stille werden. Lasst uns die Schläge Gottes in Geduld hinnehmen – Gott will uns dadurch zum Gehorsam bringen, und weil er uns aus wilden Tieren zu Schafen und Lämmern macht, so sollen wir uns über solche vorbeugenden Maßnahmen Gottes nicht ärgern, sondern mit Hiob sprechen: Ich bin geringen Standes.

Wenn wir an die törichte Vermessenheit denken, die den Menschen eigen ist, so müssen wir feststellen: Hiob hat viel gelernt, er hat gute Fortschritte gemacht. Wenn uns jemand fragt, woher wir kommen, so müssen wir zugeben: Wir sind arme Kreaturen, wir stammen aus der Erde, wir sind so gebrechlich, dass es zum Erbarmen ist, so viel Schwachheit ist in uns. Das bekennen wir wohl mit dem Munde, aber dabei hört der Selbstruhm doch nicht auf; wir vergessen, woher wir stammen und wohin wir wieder zurückkehren müssen und wie es heute mit uns steht. Wenn einer so weit kommt, dass er wirklich und ungeheuchelt einsieht: er ist nichts, und es ist kein Grund, sich zu überheben, - dann ist das eine große Weisheit. Aber so weit kommen wir erst dann, wenn wir von der Majestät und Herrlichkeit Gottes gepackt werden. Denn solange einer auf den andern sieht, rühmt sich auch immer einer über den andern: Bin ich nicht ebensoviel wie dieser und jener? Menschen, die sich miteinander vergleichen, werden blind und halten sich allezeit für etwas Besonderes. Kommen wir aber vor Gott und sehen wir ihn, wie er ist, so muss alle unsere Vermessenheit vergehen, verschwinden und zunichte werden. Darum muss es unser Wunsch werden, Gott möge uns seine Herrlichkeit zu erkennen geben, damit wir merken, wie arm wir sind, und so klein werden, dass niemand sich mehr mit seinen törichten Einbildungen betrügt. Deshalb sprach auch Abraham, als Gott ihm erschien: „Herr, ich bin nur Erde und Asche“ (Gen 18, 27). Wer in der reinen Lehre des Evangeliums unterwiesen ist, der sollte so weise geworden sein, dass er von sich gar nichts mehr hält. Der Glaube bringt den Menschen zur Demut. Offenbart Gott an uns seine Güte, so tut er das deshalb, weil wir völlig unter dem Fluche stehen und verloren und verdammt wären, wenn es ihm nicht gefiele, uns mit seiner Barmherzigkeit zu Hilfe zu kommen. Das Evangelium macht bescheiden!

Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Wenn der Mensch so verständig wäre, dass er gar nicht in Versuchung käme, übel zu reden, so brauchte er seine Hand nicht auf den Mund zu legen; er würde sich selbst bezwingen und bedürfte keines andern Zwanges. Aber unsere törichten Lüste und Begierden reizen uns allezeit zu unreifem, übereiltem Reden. Die Hand auf den Mund zu legen, das ist eine schwere Zumutung – wir neigen immer zum Gegenteil. Aber es genügt, dem Widerstand zu leisten. Auch wenn wir alle Anfechtungen überwinden, so sind wir deshalb doch keineswegs tadellos; denn auch unsere bloßen Gedanken sind schlecht und fehlerhaft vor Gott. Aber wenn das Böse uns nicht gefällt und wir es zu unterdrücken versuchen, so nimmt Gott uns an in seiner grenzenlosen Güte. Umso entschiedener aber müssen wir böse Worte meiden und uns hüten vor Lästerungen und Murren gegen Gott.

Einmal habe ich geredet und will nun nicht mehr antworten, ja, wohl zweimal, aber ich will´s nicht mehr tun. Manche Menschen lassen sich, wenn sie sich erst weit von Gott entfernt haben, überhaupt nicht wieder zurückbringen, sie lassen sich immer weiter treiben, wie verwegene Spieler. Haben wir Gott lange Zeit hindurch beleidigt, so haben wir freilich immer Gelegenheit, uns zu bekehren; aber dabei dürfen wir uns nicht in Sicherheit wiegen. Mit Hiob stand es scheinbar ganz gut: er hatte nicht nur einen, nein, er hatte viele Gründe, um seine Sache zu verteidigen; an Worten und Beweismitteln fehlte es ihm nicht, so dass scheinbar seine Sache ganz gut stand. Er war auch seiner Sache ganz gewiss und überzeugt, er werde den Sieg gewinnen. Jetzt aber verzichtet er auf alle seine Einreden und all den guten Schein, den er sich vor Gott gegeben. So müssen auch wir dahin kommen, dass wir „auf tausend nicht eins antworten können“. Alles Murren und alle Widerworte müssen verstummen, ob es uns gleich dünkt, wir hätten hundert schöne und triftige Einreden vorzubringen.

Gürte deine Lenden wie ein Held! Wie kann Gott denn noch so hart mit ihm reden, wie kann er ihn dann noch so herausfordern und seiner Anmaßung spotten, da er doch schon völlig zerschlagen ist? Nun, auch wenn wir schon ganz demütig sind, so ist doch noch ein heimlicher Stolz in uns verborgen, der Gott allein bekannt ist und von dem er uns reinigen muss. Gewiss, es war durchaus ehrlich gemeint, wenn Hiob von seiner Armseligkeit und Nichtswürdigkeit sprach, es war ihm wirklich so ums Herz. Aber er musste zu noch besserer Selbsterkenntnis kommen, er musste Gott allein die Ehre geben und ihm allen Ruhm zuschreiben. Niemand kann auf einmal von allem Stolz gereinigt werden, jeder hat noch irgendeinen Schlupfwinkel, und Gott sieht immer noch einen geheimen Schaden, den er bessern muss. Wenn er uns züchtigt und wir mit einem Worte bekannt haben, dass uns damit Recht geschieht und dass wir´s mit unsern Sünden wohl verdient haben, so befremdet es uns, wenn er dennoch mit seiner Strenge nicht nachlässt: „Ich erkenne und bekenne doch meine Sünden“, sagen wir, „ich gebe doch mir selbst unrecht; ist das noch nicht genug? Was will er denn noch mehr von mir?“ Nun, Hiob hat nicht nur bekannt, dass er ein nichtswürdiger Mensch sei, sondern es war auch sein heiliger Ernst, und er redete Gott nicht mehr drein. Er war schon mit Schrecken erfüllt durch die Herrlichkeit Gottes, die ihm erschienen war; gleichwohl aber musste Gott in einem neuen Wetter kommen und im Sturmwind mit ihm reden, um ihn noch mehr zu erschüttern. Und wenn wir schon keinen einzigen Fehler hätten, so weißt doch Gott ganz gut, dass wir heute oder morgen fallen können; deshalb gibt er uns ein Mittel, das unserer Krankheit vorbeugen soll: er züchtigt uns. Darum sollen wir Gottes Schläge geduldig hinnehmen; denn auf diese Weise sucht und befördert er unser Heil. Wenn die Menschen ihre Demut sehen lassen, so geschieht das nur zum Spott; in Wirklichkeit sind sie überzeugt von ihrer hohen Würdigkeit. Haben wir aber alle unsere Kräfte geprüft und ernsthaft bedacht, was in uns ist, so wissen wir am Ende, dass wir nichts sind und dass wir gar keinen Grund haben, zu den Waffen zu greifen und unsere Rüstung anzulegen, um wider Gott zu streiten. Unser Herr nimmt uns von dem, was wir haben, nichts weg, um irgendwelchen Vorteil über uns zu gewinnen; denn wir haben ja nichts, womit wir uns gegen ihn stark machen könnten.

Weiter sagt Gott: Willst du mein Urteil zunichte machen? Willst du mich verdammen, um selbst gerecht zu sein? Hier stellt sich Gott, als wollte er mit Hiob darum rechten, wer von beiden die gerechteste Sache habe. Nicht als hätte Hiob daran gedacht, Gott so schändlich zu lästern; er wäre lieber tausendmal gestorben, als dass er solch einen fluchwürdigen Gedanken hätte aufkommen lassen, er wolle Gott verdammen; aber gleichwohl: Wenn ein Mensch erst anfängt, sich selbst rechtfertigen zu wollen, so muss er Gott verdammen; denn er will doch seine gerechte Sache behaupten, darum muss er Gottes Gericht umstoßen. Gott kann nicht gerecht sein, er kann nicht Richter sein, ehe wir als verdammungswürdige Sünder dastehen. Solange die Menschen noch irgendwelche Gerechtigkeit in sich haben, wie kann Gott da ihr Richter sein? Nun aber verdammt er uns allzumal. Gibt es in uns noch Gerechtigkeit, so tut er uns Unrecht. Darum müssen wir einsehen, dass in uns nichts als Ungerechtigkeit ist, und kein Tropfen Gutes, das Lob verdiente, sondern nichts als Unreinigkeit und Gift. Ehe wir nicht dahin kommen, kann Gott nicht Richter der Welt sein. Wer so seine Sache führen will, dass er sich und andere glauben macht, er sei rein und ohne Schuld, der stößt, so viel in seinen Kräften steht, Gottes Gerichtsurteile um und zeiht ihn der Grausamkeit. Es heißt Röm 3, 19: „Auf dass aller Mund verstopft werde und alle Welt Gott schuldig sei.“ Tun wir aber unsern Mund auf, um dreist unsere Sache vor ihm zu vertreten, so gibt es in Gott keine Gerechtigkeit mehr, sie liegt vielmehr ganz am Boden.

Nicht ohne Grund ist also zu Hiob gesagt, er habe Gottes Gerechtigkeit umstoßen und ihn verdammen wollen, um sich zu rechtfertigen. Was bedeutet denn unser Murren, wenn Gott uns irgendwie züchtigt? Das ist kein unbilliger Vorwurf, dass wir uns unterfingen, die Gerechtigkeit Gottes umzustoßen, damit er nicht mehr der Richter der Welt sei. Ihn verdammen wir, indem wir unsere Gerechtigkeit aufrichten wollen. Wir mögen uns wohl im Zaum halten, sooft wir mit Gott rechten wollen und meinen, wir hätten eine gute Sache! Sind wir erst so weit, so stecken wir in einem tiefen Abgrund, aus dem wir nicht wieder herauskommen.

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autoren/c/calvin/calvin-hiob/53.txt · Zuletzt geändert: von aj