Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 4.

Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 4.

V. 1. Ich sage aber. Noch immer verweilt Paulus bei dem Unterschied zwischen uns und der Gemeinde des alten Bundes. Ein neues Bild, der Hinweis auf das Verhältnis zwischen Mündel und Vormund, muss denselben klar machen. Obgleich der Mündel frei, ja sogar ein Herr des väterlichen Hausguts ist, ist er doch darin dem Sklaven ähnlich, dass er von Vormündern regiert wird. Diese Unterordnung aus Fürsorge dauert bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat, nachher genießt er seine Freiheit. So waren im alten Bunde die Väter, da sie Gottes Kinder waren, frei. Aber sie waren nicht im Besitz ihrer Freiheit, da das Gesetz gleichsam ihr Vormund war, der sie unter dem Joche hielt. Jene Knechtschaft des Gesetzes dauerte, solange es Gott gut schien, der ihr durch die Ankunft Christi ein Ende machte. Lässt nun Paulus den Schluss der Vormundschaft allein durch die Bestimmung des Vaters eintreten, - obgleich rechtlich die Sache vielfach ganz anders geordnet ist – so passt eben nur dies in seinen Vergleich. Übrigens fragt sich, ob man in der Deutung des Gleichnisses an jeden einzelnen Gläubigen, oder nicht vielmehr an die großen Stufenunterschiede im Volke Gottes denken soll. Das erstere enthält ohne Zweifel eine Wahrheit: die Auserwählten sind vom Mutterleibe an Gottes Kinder, und doch müssen sie wie Sklaven durch das Gesetz hindurchgehen, bis sie durch den Glauben Christum erkennen und so in den wirklichen Besitz der Freiheit eintreten. So richtig dies an sich ist, so wenig hat es aber mit der vorliegenden Stelle zu tun, die vielmehr von dem Unterschied des alttestamentlichen und des neutestamentlichen Volkes in der einen Gottesgemeinde handelt. Während wir durch den Glauben frei sind, - wie kommt es, dass wir heute von einem Joch ledig sind, welches sie noch tragen mussten? Ist dies die Frage, welche dem Apostel vorschwebt, so ergeben sich hier mancherlei nützliche Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen altem und neuem Testament. Dann müssen wir nämlich zugeben, dass wir mit den alttestamentlichen Vätern durch eine unveränderte Lehre und Gemeinschaft des wahren Glaubens verbunden sind: sie haben ihre Zuversicht auf denselben Mittler gegründet, wie wir, haben denselben Gott und Vater angerufen und sind von demselben Geiste geleitet worden. Tragen sie auch des Gesetzes Joch auf ihren Schultern, so verehrten sie doch mit innerlich freiem Geiste ihren Gott, kannten die Vergebung aus freier Gnade, und ihr Gewissen war frei von der Herrschaft der Sünde und des Todes. Was uns also von den Vätern trennt, betrifft nicht das Wesen, sondern nur unwichtigere Außenwerke. Was die Hauptsache in Gottes Bund und Testament ist, darin kommen wir zusammen. Dass übrigens die Väter als Kinder im Glauben dastehen sollen, wir aber als ausgereifte Männer, bezieht sich nicht etwa auf die Glaubensstärke der einzelnen Persönlichkeiten, sondern auf die heilsgeschichtliche Stellung des alt- und neutestamentlichen Volkes. Blicken wir auf Abrahams unvergleichlichen Glauben und auf das reiche Licht der Erkenntnis, welches die heiligen Propheten besaßen, so wird uns jede persönliche Überhebung vergehen: denn leicht möchten jene als Helden, wir aber als Knaben dastehen. Und hätte sich vollends unter den Galatern auch nur Einer finden lassen, den man diesen Vätern an die Seite stellen durfte? Wir müssen aber dies ins Auge fassen, dass unter dem alten Bunde nur einzelne Persönlichkeiten über die Volksgesamtheit hervorragten. Das Volk als Ganzes, und mit ihm trotz aller inneren Vorzüge auch jene einzelnen Männer, stand unter Erziehung und kindlicher Zucht. Heute dagegen sind diese Fesseln gebrochen: Gott regiert seine Gemeinde in freierer Weise und hält sie nicht mehr in so engem Gehorsam. Ferner blieb die Offenbarung unter dem alten Bunde wie in einer Wolke verhüllt. Darum konnte einst Christus zu seinen Jüngern sagen (Luk. 10, 23 f.): „Selig sind die Augen, die da sehen, das ihr seht. Viele Propheten und Könige wollten sehen, das ihr seht, und haben es nicht gesehen.“ So kommen wir als Kinder des neutestamentlichen Volkes über denen zu stehen, die doch persönlich weit größer waren als wir. – Aus dieser ganzen Darlegung können wir mit völliger Gewissheit entnehmen, dass man die Christenheit nicht mehr mit einem ganzen Apparat von Zeremonien beschweren soll, wie dies im Papsttum geschieht. Dergleichen bedeutet nur eine Verunstaltung der Gemeinde Gottes. Und auch die Ausflucht verfängt nicht mehr, dass man dem rohen und unwissenden Volke solche äußeren Handhaben bieten müsse. Denn nach Gottes Verfügung ist diese Art der Erziehung, welche in Israel zu Recht bestand, ein für alle Mal abgetan. Sagt man aber, dass eine derartige Pädagogie noch immer ihren Nutzen habe, so antworte ich: wir sollen nicht weiser sein, als Gott. Was Er verordnet hat, sollen wir nicht nur für recht, sondern auch für allein heilsam halten. Paulus lehrt also hier nicht bloß, dass uns nach Abnahme des alttestamentlichen Jochs nun freisteht, die Zeremonien zu gebrauchen oder nicht. Darüber hinaus setzt er ausdrücklich einen von Gott geordneten Unterschied in der ganzen Weise, wie die Gemeinde geleitet und erzogen werden soll. Sind wir nun auch im Gebrauche aller äußeren Dinge frei, so darf doch die Gemeinde nicht mit einer ganzen Last von Zeremonien beschwert werden, wenn anders nicht der Unterschied von Christentum und Judentum sich verwischen soll.

V. 3. Wir waren gefangen unter elementaren Satzungen weltlicher Art. Wörtlich: unter den „Elementen der Welt“. Darunter werden doch schwerlich die äußeren Bestandteile der Welt zu verstehen sein, sondern, bildlich geredet, die elementaren Anfangsgründe, in welchen Israel unterwiesen ward. Hatten diese Zeremonien nun auch eine geistliche Bedeutung, so war die Wahrheit noch in irdischer Ausgestaltung verhüllt. Darum gehörten diese Satzungen der Welt an, obwohl sie ein himmlisches Geheimnis bargen.

V. 4. Da aber die Zeit erfüllt war. Im Bilde fortfahrend deutet der Apostel die „Zeit, die der Vater bestimmt hat“. Zugleich zeigt er, wie geeignet jene durch Gottes Vorsehung bestimmte Zeit war. Nur da, wo Gottes Vorsehung waltet, ist eben rechte Zeit und Gelegenheit zum Handeln. So war es allein Gottes Sache, den Zeitpunkt zu bestimmen, in welchem es nützlich war, dass sein Sohn der Welt offenbart werde. Keine Neugier darf über diesen verborgenen göttlichen Ratschluss hinausgreifen und etwa die Frage aufwerfen, warum Christus nicht früher erschienen. (Vgl. auch zu Röm. 16, 25 f.).

Sandte Gott seinen Sohn. Diese wenigen Worte bergen tiefe Erkenntnis. Ward der Sohn gesandt, so war er zuvor schon vorhanden. Wir haben hier also einen Beweis seiner ewigen Gottheit. Christus ist der Sohn Gottes, vom Himmel gesandt. Dieser ward, so heißt es weiter, geboren von einem Weibe: so hat er sich mit unserer Natur bekleidet und besteht aus zwei Naturen.

Unter das Gesetz getan, - obgleich doch der Sohn Gottes als solcher von Rechts wegen über jede Unterordnung erhaben war. Aber um unsertwillen ward er unter das Gesetz gestellt, damit er uns die Freiheit erwürbe. Wie ein freier Mann einen Gefangenen loskauft, indem er sich zum Bürgen setzt, seine Fesseln abnimmt und sich selbst anlegt, so wollte Christus verpflichtet sein, das Gesetz zu halten, um uns die Freiheit zu gewinnen. Sonst wäre er ja zwecklos unter das Joch des Gesetzes gegangen. Denn seinetwegen hat er es gewiss nicht getan. Übrigens wenn wir auch durch Christi Wohltat vom Gesetz erlöst sind, schulden wir doch dem Gesetz noch Gehorsam, und nicht etwa ist erlaubt, was gefällt. Denn als Regel für ein gutes und heiliges Leben behält das Gesetz seinen Bestand. Nur was sonst daran hing ist weggefallen. Wir stehen nicht mehr unter des Gesetzes Knechtschaft: denn der Vorhang ist zerrissen, und die Freiheit erschienen. Das ist es, worauf der Apostel nun hinweist:

V. 5. Dass wir die Kindschaft empfingen. Durften die Väter unter dem alten Bunde auch ihrer Kindschaft gewiss sein, so standen sie doch noch nicht im vollen Genuss dieses Rechts. Demgemäß kann der Apostel hier davon reden, dass erst wir die Kindschaft empfangen. Ganz ähnlich verlegt er Röm. 8, 23 gar unsere Erlösung erst in die Zukunft: er denkt dabei an deren völligen Besitz. Wie wir nun erst am jüngsten Tage die volle Frucht der Erlösung ernten werden, die wir doch jetzt schon besitzen, so genießen wir im gegenwärtigen Augenblick erst die Frucht der Gotteskindschaft, welche die Väter vor Christi Ankunft noch nicht völlig fassen konnten. Wer also jetzt noch die Kirche mit einer Unsumme von Zeremonien belastet, betrügt sie um das Recht der Gotteskindschaft.

V. 6. Dass auch die Galater an der eben beschriebenen Gotteskindschaft Anteil besaßen, ergibt sich nun daraus, dass ihnen der Geist der Kindschaft geschenkt ward, den man doch ohne die Kindschaft selbst nicht wohl haben kann. Paulus will sagen: Christi Geist treibt und mahnt euch, dass ihr wagen dürft, Gott euren Vater zu nennen. So muss es ja feststehen, dass ihr Gottes Kinder seid. Ganz ebenso nennt Paulus auch sonst den Geist einen Bürgen und ein Unterpfand unserer Kindschaft (2. Kor. 1, 22; 5, 5), sodass wir nun von Gottes väterlicher Gesinnung gegen uns fest überzeugt sein können. Freilich ließe sich fragen: Gehen nicht auch die Gottlosen in ihrer Verblendung soweit, dass sie damit prahlen, Gott sei ihr Vater? Sie pflegen sogar umso anmaßender sich Gottes zu rühmen, je weniger sie dazu ein Recht haben. Darauf antworte ich: Paulus redet hier nicht von eitler Prahlerei oder von dem, was einer für sich nach seinem eigenen Geiste beansprucht, sondern von dem Zeugnis eines frommen Gewissens, welches mit der Wiedergeburt unabtrennbar verbunden ist. Darum hat dieser Beweis nur unter Gläubigen Gültigkeit, weil die Gottlosen keine Erfahrung von dieser Gewissheit besitzen; wie der Herr selbst sagt (Joh. 14, 17): „Der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kann empfangen, denn sie kennt ihn nicht“. Nichts anderes sagen auch Pauli Worte.

Gott hat gesandt usw. Nicht von dem redet der Apostel, was vielleicht den Galatern anmaßender fleischlicher Sinn eingab, sondern was Gott ihnen innerlich im Herzen durch seinen Geist bezeugte. Damit stimmt es trefflich zusammen, dass nach dem vorliegenden Ausdruck Gott den Geist seines Sohnes gesandt hat. Gerade weil wir den Geist seines Sohnes haben, sind wir Gottes Kinder. Dabei wollen wir wohl beachten, wie Paulus diesen Besitz allen Christen insgemein zuerkennt, - wie denn in Wirklichkeit da kein Glaube ist, wo dieses Unterpfand der göttlichen Liebe gegen uns fehlt. Von hier aus fällt ein Licht auf das Christentum des Papismus, wo der einer gottlosen Anmaßung schuldig gesprochen wird, der den Geist Gottes zu haben vorgibt. So ersinnt man sich einen Glauben ohne Gottes Geist und ohne Gewissheit, während doch Paulus niemanden als einen Christen gelten lässt, der nicht unter dem Antrieb des heiligen Geistes Gott als seinen Vater anruft.

Der schreit. Wer ein fröhliches Vertrauen besitzt, darf seinen Mund weit auftun. Der Zweifel dagegen hindert uns, frei heraus zu reden, hält die Kehle gleichsam eingeschnürt, sodass kaum halbgebrochene Töne bei stammelnder Zunge herauskommen. Dagegen ist das Schreien ein Anzeichen der Sicherheit und des nicht wankenden Vertrauens. Denn wir haben nicht abermals einen knechtischen Geist empfangen, dass wir uns fürchten müssten (Röm. 8, 15), sondern einen Geist der Freiheit voll fröhlichen Vertrauens.

Abba, lieber Vater! Dass uns dieser Ruf in doppelter Sprache mitgeteilt wird, bedeutet ohne Zweifel, dass er in allen Zungen erschallen soll. Gerade in den vorliegenden Zusammenhang passt ja der Hinweis trefflich, dass gleicherweise Juden und Griechen Gott ihren Vater nennen. So hatte es Jesaja vorausgesagt (45, 23): „Alle Zungen sollen meinen Namen bekennen“. Zählen aber die Heiden zu den Kindern Gottes, so ist klar, dass die Kindschaft sich nicht auf gesetzliches Verdienst, sondern auf die Gnadengabe des Glaubens gründet.

V. 7. Also ist nun hier kein Knecht mehr. D. h. in der christlichen Gemeinde gibt es nicht mehr Knechtschaft, sondern nur freie Kindesstellung. In welcher Weise die Väter unter dem Gesetze Knechte waren, ist schon gesagt, nämlich insofern ihre Freiheit noch nicht offenbart, sondern unter den Hüllen und dem Joch des Gesetzes eingeschlossen war. Paulus spricht also wieder vom Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Bund. Kinder Gottes waren die Alten auch und Erben durch Christum. Aber wir sind es in anderer Weise, denn Christus ist uns gegenwärtig: deshalb genießen wir seine Gaben. Dies alles wird im Römerbrief eingehender besprochen (vgl. Röm. 8, 15).

V. 8. Zu der Zeit, da ihr Gott nicht erkanntet. Um den Galatern vorzustellen, wie tief sie gefallen, sagt Paulus: was einst ganz begreiflich war, muss jetzt nahezu unfasslich scheinen. Dass ihr bei der früheren Blindheit und Unkenntnis Gottes denen dientet, die von Natur nicht Götter sind, kann ich verstehen. Aber wie unwürdig ist es, jetzt am hellen Tag so schmählich in der Irre zu gehen! So lässt sich die gegenwärtige Verunreinigung des Evangeliums viel weniger entschuldigen als der frühere Götzendienst. Dies ist der Hauptgedanke. Übrigens ist noch zu bemerken, dass die Menschen, ehe sie die Erleuchtung zur Erkenntnis des Einen Gottes empfangen haben, immer den Götzen dienen, mit welcher Farbe sie auch die falsche Religion verdecken. Soll man Gott in Wahrheit verehren, so muss man ihn erst recht kennen. – Die Götzen sind „von Natur“, d. h. ihrem Wesen nach, nicht Götter. Denn alles, was Menschen über Gott ausdenken, ist eine Dichtung und ein Nichts. So sind Götzen nur Gedankengötter, also in Wahrheit ein Nichts.

V. 9. Nun ihr aber Gott erkannt habt. Es lässt sich nicht in Worten genügend ausdrücken, welch eine schändliche Undankbarkeit der Abfall von dem einmal erkannten Gott ist. Man bedenke doch, was es eigentlich bedeutet, freiwillig das Licht, das Leben und die Quelle aller Güter zu verlassen, wie der Herr selbst durch Jeremias (2, 13) klagt. Noch größer aber wird die Schuld, weil Paulus verbessernd hinzusetzen muss: ja vielmehr von Gott erkannt seid. Denn je größer Gottes Gnade gegen uns, umso schwerer ist unsere Schuld, wenn wir sie verachten. Paulus erinnert die Galater daran, woher ihre Gotteserkenntnis kommt. Sie haben sie nicht erlangt durch eigene Kraft, durch den Scharfsinn ihres Geistes oder durch Fleiß, sondern weil Gott durch seine Barmherzigkeit ihnen zuvorgekommen ist, als sie an nichts weniger als an ihn dachten. Was Paulus von den Galatern sagt, gilt ebenso von uns allen. Denn immer erfüllt sich jenes Wort des Jesaja (65, 1): „Ich werde gesucht von denen, die nicht nach mir fragten; ich werde gefunden von denen, die mich nicht suchten“. Der Grund unserer Berufung ist also Gottes gnädige Erwählung, durch die er uns zum Leben bestimmt, ehe wir geboren werden. Davon hängen die Berufung und der Glaube ab, wie überhaupt alles, was zur Seligkeit gehört.

Wie wendet ihr euch denn wieder um? Da die Galater nicht in den jüdischen Zeremonien aufgewachsen waren, so konnten sie sich, streng genommen, auch nicht „wieder“ zu denselben wenden. So wird vielmehr ein allgemeiner Tadel darüber vorliegen, dass die Gemeinde sich in so unbegreiflicher Weise wieder einem alten Aberglauben zugekehrt, als hätte sie nie etwas von Gottes Wahrheit vernommen. Als schwache und dürftige Satzungen bezeichnet aber der Apostel die Zeremonien, weil er sie außer dem Zusammenhang mit Christus betrachtet, ja sogar im Gegensatz gegen Christum. Denn den Vätern waren sie nicht nur heilsame Übungen und Hilfsmittel ihrer Frömmigkeit, sondern auch wirksame Mittel der Gnade. Aber ihre ganze Kraft ruhte in Christus und in Gottes Einrichtung. Die falschen Apostel dagegen legten auf die Zeremonien einen Wert im Gegensatz zur Predigt von Christo und ließen die daran gehängten Verheißungen gänzlich außer Acht: so entstand denn freilich ein Aberglaube, den Paulus mit Recht geringschätzig behandelt. Heißt es endlich, dass die Galater diesen Satzungen dienen, so liegt darin ein Hinweis auf den Zwang, welchem sie sich unterwerfen.

V. 10. Ihr haltet Tage usw. Damit führt der Apostel nur ein Beispiel für die Art der Satzungen an. Selbstverständlich will er die Beobachtung bestimmter Zeiten im bürgerlichen Leben, wie sie sich aus der Naturordnung ergibt, nicht für unerlaubt erklären. Diese Naturordnung wird fest und unbeweglich bleiben. Der Wechsel von Monaten und Jahren ergibt sich aus dem Umlauf der Sonne und des Mondes. Sommer und Winter, Frühling und Herbst müssen einander nach Gottes ablösen. So hat es ja Gott selbst versprochen (1. Mo. 8, 22). Dass sich das bürgerliche Leben nach dieser Ordnung richtet, lässt sich auch im Ackerbau, in Staat und Haushalt gar nicht vermeiden. Und diese Tatsache wirkt auch in das Leben der christlichen Gemeinde hinein. Die Tagewählerei, welche Paulus tadelt, ist von ganz anderer Art: sie bindet die Gewissen mit religiöser Scheu, als ob es zum rechten Gottesdienst gehörte, einen Tag heiliger zu halten, als den anderen (vgl. auch zu Röm. 14, 5 f.). In diesem Geiste drängten die falschen Apostel zur Beobachtung der Sabbate, Neumonde und anderen Festtage, weil sie im Gesetz verordnet waren. Wenn wir dagegen heute zwischen den Tagen Unterschiede machen, so legen wir nicht die Schlinge des Zwanges um die Gewissen, wir halten nicht einen Tag vor dem anderen, als wäre einer heiliger als der andere, wir machen daraus nicht eine Sache der Religion und Gottesverehrung, sondern sorgen nur für die Ordnung in der Gemeinschaft. So ist bei uns die Beobachtung der Tage frei und rein von allem Aberglauben.

V. 11. Ich fürchte, dass ich nicht umsonst gearbeitet. Ein hartes Wort, das die Galater sehr demütigen musste. Denn was blieb ihnen für Hoffnung übrig, wenn Pauli Arbeit vergeblich gewesen wäre? Manche wundern sich, dass Paulus durch die Beobachtung der Tage erregt wurde, dass er sie eine Zerstörung fast des ganzen Evangeliums nennt. Wir müssen ihm aber bei genauer Überlegung Recht geben. Nicht nur versuchten die falschen Apostel, der Gemeinde ein jüdisches Joch aufzuhalsen, sondern sie erfüllten auch die Seelen mit gottlosem Aberglauben. Schon das war kein geringes Übel, dass die Christen dem jüdischen Formenwesen unterworfen wurden, aber ein noch viel schlimmeres Gift war es, dass man im Widerspruch mit der Gnade Christi die Beobachtung von Feiertagen als ein verdienstliches Werk einführte, mit welchem man Gott verehren und versöhnen könnte! Bei der Annahme solcher Lehren wird die Verehrung Gottes gefälscht, die Gnade Christi entleert, die Gewissensfreiheit unterdrückt. Wundern wir uns, dass Paulus fürchtet, umsonst gearbeitet zu haben? Welcher nennenswerte Inhalt des Evangeliums wäre denn noch übrig geblieben? Und ähnlich steht es heute bei den Römischen!

V. 12. Seid doch wie ich. Durch diese freundlichere Zusprache mildert Paulus die bisherige Schärfe. Für die unwürdige Haltung der Galater war freilich kein Tadel zu schroff: weil es aber dem Apostel vor allem darauf ankam, sie zurechtzubringen, mildert er seine Rede und sucht so die Gemüter zu versöhnen. Das ist ja die Art eines weisen Seelenhirten, nicht danach zu fragen, was die Irrenden wohl verdient hätten, sondern was ihnen frommt, um sie wieder auf den rechten Weg zu leiten. Muss man strafen zu rechter Zeit und zur Unzeit, so soll dies doch mit aller Gelindigkeit und Geduld geschehen, wie derselbe Paulus anderwärts (2. Tim. 4, 2) vorschreibt. In solcher Erwägung hört er hier auf, zu strafen und fängt an zu bitten. Ich bitte euch, sagt er, und Brüder nennt er die Galater, damit sie wissen, dass er mit dem Tadel sie nicht hat schmähen wollen. Fordert er nun, sie sollten sein wie er, so denkt er dabei an die innere persönliche Stimmung. Er ist ihnen innerlich entgegengekommen, - nun mögen sie das Gleiche tun. Denn ich bin wie ihr, d. h. wenn ich nur darauf ausgehe, wie ich mich euch nützlich erweisen kann, so ist es billig, dass auch ihr euch etwas mäßigen lernt und euch lenksam und willig beweist. In alledem birgt sich ein neuer Fingerzeig für Seelenhirten: wer unter dem Volke etwas erreichen will, soll ihm so nahe kommen wie möglich und soll ganz in sein Denken und Fühlen eingehen. Denn immer gilt der Satz: wer Liebe ernten will, muss Liebe beweisen.

Ihr habt mir kein Leid getan. Damit beseitigt der Apostel einen Verdacht, bei welchem die eben vernommenen Vorwürfe allerdings hätten gehässig erscheinen müssen. Denn wenn wir glauben, dass jemand persönliche Beleidigungen ahnden oder sich wegen eigener Unannehmlichkeiten rächen will, so wendet sich unser Herz von ihm, und was er sagt, erscheint in einem üblen Lichte. Allen solchen Gedanken will Paulus die Spitze abbrechen, indem er sagt: Persönlich habe ich keine Klage über euch zu führen. Werde ich heftig, so geschieht dies nicht meinetwegen, nicht aus Zorn oder Hass, sondern, weil die Sache es erfordert.

V. 13. Ihr wisst, dass ich euch in Schwachheit gepredigt habe. Diese Erinnerung an die freundliche und ehrenvolle Aufnahme, welche der Apostel bei den Galatern gefunden, hat einen doppelten Zweck: zuerst sollen sie wissen, dass er sie liebt, und mit willigem Ohr seine Worte aufnehmen, sodann sollen sie einen Anstoß empfangen, zu dem guten Anfang ihres Laufes zurückzulenken. Unter „Schwachheit des Fleisches“ versteht Paulus alles, was ihn verächtlich und gering erscheinen lassen konnte. „Fleisch“ bezeichnet die äußere Erscheinung, „Schwachheit“ des Fleisches deutet demgemäß auf ein unansehnliches Auftreten, - wie ja Paulus in der Tot ohne Prunk, ohne Prahlerei, ohne jene Ehre und Würde gekommen war, die in der Welt zu gelten pflegt, sondern als ein ganz bescheidener und scheinbar unbedeutender Mann. Trotzdem hatten die Galater ihn sehr ehrenvoll aufgenommen. Dieser Umstand ist von höchster Bedeutung: denn es konnte doch nur die Kraft des heiligen Geistes sein, welche den Apostel groß und erhaben scheinen ließ. Wie durfte man aber dann ihn jetzt plötzlich bei Seite schieben? Paulus erhebt also einen Vorwurf auf Wankelmütigkeit: an ihm selbst hatte sich ja nichts verändert, um dessen willen er etwa geringere Achtung verdiente. Doch gibt er in dieser Hinsicht nur eine Andeutung und überlässt das Weitere dem eigenen Nachdenken der Galater.

V. 14. Meine Anfechtungen, die ich leide nach dem Fleisch usw. Paulus will sagen: obwohl ihr mich als einen Menschen vor euch stehen saht, der nach weltlichem Maßstabe verächtlich erscheinen konnte, so habt ihr mich doch nicht verachtet. Sondern als einen Engel Gottes nahmt ihr mich auf. So muss man ja jeden wahren Diener Christi ansehen. Denn wie Gott uns durch den Dienst der Engel seine Gnadengaben austeilt, so erweckt er auch fromme Lehrer, welche uns das allerherrlichste Gut zudienen sollen, die Lehre vom ewigen Heil. Darum werden die Männer, durch deren Hände uns Gott einen solchen Schatz übermittelt, nicht mit Unrecht den Engeln an die Seite gestellt. Spricht durch ihren Mund Gott selbst zu uns, so sind sie auch in Wahrheit Gottes Boten (vgl. Mal. 2, 7). Aber Paulus versteigt sich noch höher, indem er hinzufügt „ja als Christum Jesum“. Auch der Herr selbst schreibt vor, seine Diener nicht anders zu schätzen, als ihn selbst (Luk. 10, 16): „Wer euch hört, der hört mich; wer euch verachtet, der verachtet mich“. Das ist nicht verwunderlich, denn als seine Gesandten traten sie an seine Stelle. Mit solchen Lobsprüchen wird uns die Majestät des Evangeliums gepriesen, und der Dienst daran verherrlicht. Müssen aber nach Christi Befehl die Diener so geehrt werden, so ist gewiss, dass es nur vom Teufel stammen kann, wenn man sie verachtet. Es kann ja auch keine Verachtung ihrer Person aufkommen, so lange man noch das Wort gebührend schätzt. Freilich gilt die leere Berufung auf das bloße Amt, wie man sie im Papsttum vernimmt, nichts: wer als ein Engel verehrt werden will, soll auch ein Engelswerk ausrichten; wer gehört werden will, wie Christus selbst, soll auch treulich das reine Gotteswort predigen.

V. 15. Wo ist nun eure Seligkeit von damals geblieben? Paulus gibt zu verstehen, dass die Galater damals selig waren, als sie ihn, welcher ihnen Seligkeit brachte, mit frommer Zuneigung umfingen. Jetzt aber sind sie unglücklich, weil sie sich den Dienst eines Mannes haben rauben lassen, dem sie alles verdankten, was sie von Christo besaßen. Damit will der Apostel seiner Gemeinde einen Stich versetzen. Soll denn alles verloren sein? Soll es umsonst gewesen sein, dass ihr einst Christus aus mir reden hörtet und annahmt? So ich vergeblich euch im Glauben gegründet haben? Soll jetzt euer Abfall den Ruhm eures Gehorsams vor Gott vernichten?

Ich bin euer Zeuge. Nicht nur Ehrfurcht soll den Pastoren zu Teil werden, sondern auch Liebe. Beides ist notwendig. Denn sonst fehlt ihrer Lehre der liebliche Geschmack. Beides war nach Pauli Zeugnis bei den Galatern der Fall. Von ihrer Liebe spricht er hier. Denn es ist das Zeichen einer seltenen Liebe, seine Augen auszureißen, wenn es nötig ist. Das ist noch mehr als die Hingabe des Lebens.

V. 16. Bin ich denn euer Feind geworden? An dem jetzigen Umschwung will Paulus nicht schuld sein. Mag es noch so oft vorkommen, dass man sich durch offene Wahrhaftigkeit verhasst macht, so geschieht dies doch nur, wo ein böser und verkehrter Sinn die Wahrheit eben nicht hören will. Ist also jetzt eine Entfremdung eingetreten, so kann der Apostel die Schuld von sich abwälzen und die Undankbarkeit der Gemeinde anklagen. Dabei redet er noch immer im Tone freundlicher Erinnerung, die Gemeinde möge doch ja nicht unbedacht und grundlos ihren Apostel verwerfen, den sie einst geliebt und liebenswert gefunden. Wie unsagbar hässlich wäre es doch, wenn Hass gegen die Wahrheit aus Freunden Feinde machen sollte! So wollen diese Worte weniger schelten, als zur Umkehr mahnen.

V. 17. Sie eifern um euch nicht fein. Endlich wendet sich Paulus zu den falschen Aposteln, denen er viel böser mitspielt, indem er sie namenlos lässt, als wenn er sie ausdrücklich genannt hätte. Denn wir pflegen Namen zu unterdrücken, wenn wir von Leuten sprechen, die zu nennen uns anwidert. Der Apostel will nun seiner Gemeinde über das unzeitige Liebeswerben jener Leute die Augen öffnen, das freilich einem redlichen Eifer täuschend ähnlich sieht. Diese Leute sind wie Verführer, welche eine Jungfrau nicht zu keuschem und ehrbarem Bunde, sondern zu unreiner Lust gewinnen möchten. Möchten sich doch die Galater durch diesen regsamen Eifer nicht imponieren lassen: dahinter steckt keine reine Absicht, sondern nur die eitle Sucht, sich einen Namen zu machen! So haben wir hier das Widerspiel zu jenem Eifer, von welchem 2. Kor. 11, 2 die Rede ist.

Sie wollen euch von mir abfällig machen usw. Damit erscheint ihre betrügerische Kunst in einem noch hässlicheren Lichte. Sie haschen nicht nur nach euch, sagt Paulus, sondern weil sie sich euer nicht anders bemächtigen können, versuchen sie Zwietracht zwischen uns zu säen, damit ihr nun innerlich allein steht und desto leichter eine Anknüpfung bei ihnen suchen möchtet. Wissen sie doch recht gut, dass sie keinen Eingang finden werden, so lange zwischen uns gutes Einvernehmen herrscht. Es ist ein geläufiges Kunststück aller Diener Satans, die Gemeinde ihrem Hirten zu entfremden, um sie nachher zu sich herüberzuziehen und, wenn der Nebenbuhler sozusagen entfernt ist, den leeren Platz einzunehmen. Bei genauer Beobachtung wird man immer finden, dass Irrlehrer auf solche Weise den Anfang machen.

V. 18. Eifern ist gut. Ob der Apostel hier von sich oder von den Galatern spricht, ist nicht sofort deutlich. Sollen in der Tat rechte Diener Christi brennenden Eifer beweisen, um ihre Gemeinden in der keuschen Verbindung mit ihrem himmlischen Eheherrn festzuhalten, so ließe sich der Satz in folgendem Sinne auf Paulus beziehen: Auch ich eifere um euch, aber mit anderem Ziel und Zweck, - und ich tue dies abwesend nicht weniger als anwesend, weil ich nicht das Meine dabei im Auge habe. Besser wird der Satz doch auf die Galater bezogen werden, wobei freilich noch immer verschiedene Deutungen möglich sind. Entweder so: Jene versuchen, euch mir zu entfremden, damit ihr in der Vereinsamung zu ihnen übergeht; ihr aber, die ihr mich, als ich gegenwärtig war, geliebt habt, fahrt fort, auch wenn ich abwesend bin, mit Liebe mich zu umfassen! Vielleicht noch richtiger so: Paulus spielt mit der Doppelbedeutung des Wortes eifern. Erst hatte er es gesetzt im Sinne von „sich bewerben“, dann heißt es so viel wie „der Tüchtigkeit eines andern nacheifern“. Indem er das trügerische Eifern verurteilt, ermahnt er die Galater, sich in der entgegengesetzten Art des Eiferns zu üben und zwar auch, wenn er abwesend ist.

V. 19. Meine lieben Kindlein. Eine besonders freundliche Anrede. Denn „Kind“ ist mehr als „Bruder“, und die Verkleinerungsform ist nicht verächtlich, sondern zärtlich gemeint. Immerhin mögen wir auch eine leise Anspielung auf die Unreife der Galater heraushören, welche ja längst ausgereifte Männer hätten sein sollen. Die Rede ist abgebrochen, wie es in der Erregung zu geschehen pflegt. Ein besonders lebhaftes Gefühl lässt uns ja den Faden der Rede abbrechen und nicht den passendsten Ausdruck finden: wenn die Seele emporquillt, so verschließt sie leicht den Mund.

Welche ich abermals mit Ängsten gebäre. Auch daraus, dass Paulus um der Galater willen mütterliche Wehen und Schmerzen auf sich nimmt, kann man abnehmen, wie sehr er sie liebt. Zugleich aber verraten seine Worte eine gewisse Ängstlichkeit. Denn erst, wenn eine Mutter geboren hat, kehrt Freude ein, bei der Geburt selbst aber erduldet sie die bittersten Qualen. Waren nun die Galater bei ihrer Bekehrung schon einmal ans Licht geboren, so mussten sie jetzt nach dem Abfall gleichsam noch einmal geboren werden. Kann aber der Apostel sagen, bis dass Christus in euch eine Gestalt gewinne, so mildert er mit diesem Ausdruck die bisherige Aussprache. Die erste Geburt scheint danach doch nicht ganz zunichte geworden, vielmehr deutet das Bild darauf hin, dass nur eine nicht völlig ausgetragene Frucht noch zur ganzen Reife kommen muss. So gewinnt sie in Christo eine Gestalt, oder (was dasselbe ist), Christus gewinnt Gestalt in uns. Denn dazu werden wir eben geboren, damit wir in ihm neue Kreaturen werden, und er selbst wird in uns geboren, damit sein Leben in uns lebe. Weil nun das wahre Bild Christi durch die von den falschen Aposteln eingeführten Irrlehren entstellt ward, arbeitet Paulus an dessen Ausbildung, damit es rein und ohne Hindernis erstrahle. Das tun auch die Diener des Evangeliums, wenn sie Milch, wenn sie feste Speise geben, ja im ganzen Verlauf ihrer Predigt müssen sie damit beschäftigt sein. Insbesondere vergleicht sich hier aber der Apostel einer Gebärerin, unter dem Gesichtspunkte, dass die Galater noch nicht völlig geboren waren. Damit gibt er einen trefflichen Wink für die Aufgabe des Predigtamtes. Ist es im eigentlichsten Sinne allein Gottes Werk, geistlich zu zeugen und zu gebären, so sind doch die Diener des Wortes mit ihrer Predigt seine Werkzeuge. Und sofern Gottes Kraft ihre Tätigkeit begleitet, kann man wohl von ihnen aussagen, was eigentlich nur Gottes ist. Dabei gilt es aber stets festzuhalten, dass der Diener des Wortes, abgesehen von Gottes Kraft, nichts ist und vermag, sondern ein nutzloses Werkzeug bleibt. Wirkt aber durch ihn der heilige Geist, so gewinnt er Anteil an dem Lobe, das solchem Wirken gebührt. Will also ein Diener des Wortes wirklich etwas ausrichten, so muss er streben, nicht sein, sondern Christi Bild der Gemeinde einzuprägen. – Wie vom Schmerz überwältigt bricht der Apostel nun mitten im Satze ab.

V. 20. Ich wollte, dass ich jetzt bei euch wäre. Einen schmerzlicheren Tadel kann ein Vater kaum aussprechen, als wenn er klagen muss, dass er durch Schuld der Kinder ganz verwirrt, irre und ratlos wird, sodass er nicht mehr weiß, wohin er sich wenden soll. Des Apostels Wunsch wäre es nun, mündlich mit den Galatern verhandeln zu können, weil sich ja persönlich viel leichter der passende Ton treffen lässt: nur die mündliche Rede vermag sich anzupassen, je nachdem der Zuhörer sich empfänglich oder widerstrebend zeigt. Aber noch mehr als dies will der Apostel ausdrücken, wenn er wünscht, seine Stimme wandeln zu können: er wäre gern bereit, ganz neue Formen und selbst eine neue Sprache zu finden, wenn er wüsste, wie er es machen sollte. Möchten hier alle Diener am Worte lernen, dass sie nicht selbstgefällig an ihrer Eigenart kleben, sondern, wie es die Sache fordert, sich dem Verständnis der Gemeinde anbequemen. Freilich darf die Rücksicht auf Menschenbeifall sie auch nicht vom rechten Wege abbringen.

V. 21. Auf die letzte persönliche Zusprache, welche die Gewissen treffen sollte, folgt nun eine anschauliche und schöne Erläuterung der zuvor dargelegten Lehre. Sicherlich wäre dieses Beweisstück an und für sich nicht probehaltig: aber als bestätigende Zugabe zu den früher entwickelten Gründen ist es nicht zu verachten. Unter dem Gesetz sein heißt hier: sich unter das Joch des Gesetzes beugen und mit Gott unter gesetzlichen Bedingungen handeln, sodass wir uns peinlich an das Gesetz halten, zugleich aber Gott verpflichten wollen, uns dafür den versprochenen Lohn zu zahlen. Irgendwie sind ja alle Gläubigen unter dem Gesetze: hier aber handelt es sich um die besondere Eigenart des gesetzlichen Verkehrs mit Gott.

V. 22. Es steht geschrieben, dass Abraham usw. Niemand ist so unvernünftig, dass er, wenn er die Wahl hat, die Freiheit verachtet und die Knechtschaft vorzieht. Nun sind aber nach des Apostels Lehre alle, die unter dem Gesetze stehen, Sklaven. Wie elend ist es nun, sich freiwillig in eine solche Lage zu begeben, von welcher Gott uns doch frei haben will! Ein Abbild davon stellt uns Paulus an den beiden Abrahamssöhnen vor Augen, deren einer als Sohn der Magd in Knechtesstand hineingeboren ward, während nur dem freien Sohn der freien Gattin das Erbe zufiel. Dieser Tatbestand wird dann höchst feinsinnig für den vorliegenden Zweck ausgedeutet. So wendet Paulus die Waffe des Gesetzes, mit welcher man ihn angriff, auf die Gegner zurück. Unter Gesetz versteht er dabei, wie öfters, die fünf Bücher Moses. Die dort erzählte Geschichte, die zunächst gar keinen Bezug auf das vorliegende Thema zu haben schien, empfängt nun eine allegorische Deutung: die Worte bedeuten etwas (V. 24). Natürlich soll uns solche vereinzelte Allegorie nicht dazu verleiten, Gottes heiliges Wort überall willkürlich umzudeuten. Sicherlich ist die Schrift ein überreicher und unausschöpflicher Quell aller Weisheit: aber der Reichtum besteht nicht darin, dass jedermann hier einen Sinn finden kann, welchen er will. Der wirkliche Sinn der Schrift ist immer einfach und ungekünstelt: ihn gilt es festzuhalten; erdichtete Auslegungen, die vom buchstäblichen Sinn abführen, sind verwerflich und verderblich. Doch was sollen wir zu des Apostels Worten sagen? Die Deutung von Vorgängen in Abrahams Familie auf die Kirche Christi ist doch keine willkürliche Spielerei: hier, wie auch in den Opfern und dem ganzen levitischen Gottesdienst, lagen ja nach Gottes Absicht wirkliche Vorbilder. Auf diesem tatsächlichen Hintergrunde kann Paulus in den beiden Weibern Abrahams und den von ihnen stammenden Völkern die beiden Bundesordnungen Gottes anschaulich dargestellt finden.

V. 23. Der von der Magd war, ist nach dem Fleisch geboren. In äußerlichem Sinne galt dies selbstverständlich auch von Isaak: aber seine Geburt hatte doch noch etwas Besonderes, da sie auf göttlicher Verheißung ruhte. Bei jenem wirkte nichts als die Natur, bei Isaak dagegen die göttliche Erwählung. So zeigte es sich schon bei der Zeugung Isaaks, welche ohne Gottes Wunderwirken gar nicht zu denken ist. So liegt denn in diesem Worte sicher ein versteckter Hinweis auf die Berufung der Heiden und die Verwerfung Israels: rühmt sich Israel der fleischlichen Herkunft, so werden vielmehr die Heiden durch den Glauben, über alle Menschenkraft hinaus, Abrahams geistliche Nachkommenschaft.

V. 24. Denn das sind die zwei Bundesordnungen. Wie in Abrahams Hause, so gibt es auch in der Kirche Gottes zwei Mütter, nämlich die doppelte Lehre, die gesetzliche und die evangelische, aus welcher dem Herrn Kinder geboren werden. Die gesetzliche Lehre, welche der Hagar gleicht, gebiert ihre Kinder in Knechtesstand hinein. Sara dagegen gleicht der Lehre, deren Kinder in die Freiheit geboren werden. Sollte sich aber jemand wundern, wie wirkliche Gotteskinder überhaupt in den Knechtesstand hineingeboren werden können, der möge daran denken, dass ja in der Tat das alttestamentliche Gesetz die heiligen Propheten und alle übrigen Gläubigen, obwohl sie Kinder Gottes waren, in Knechtschaft hineingebar, unter welcher sie während gewisser Zeit erzogen werden sollten. So war ihre innere Freiheit unter der Hülle von Zeremonien und der ganzen alttestamentlichen Ordnungen verborgen, sodass (Röm. 8, 15) von einem knechtischen Geiste die Rede sein kann. Übrigens wird Paulus gar nicht gewillt gewesen sein, die Leute, welche zu seiner Zeit unter den Sinai-Bund zurückkehren wollten, als wirkliche Gotteskinder gelten zu lassen: sie waren nur Heuchler und Bastarde; sie gebrauchten das Gesetz nicht, wie es gebraucht sein wollte, nämlich zur Erziehung für Christum, sondern ließen es sich nur zum Hindernis werden, zu Christo zu kommen; sie werden darum schließlich aus Gottes Gemeinde ausgetilgt werden (V. 30).

V. 25. Hagar heißt der Berg Sinai. Allerlei törichte Auslegungen, welche ein Spiel mit den Namen treiben, die angeblich zusammenstimmen sollen, lassen wir bei Seite. Hager war einfach in dem Sinne der Berg, dass sie ihn bildlich oder „typisch“ darstellte, - genau so, wie Christus durch das Passahlamm dargestellt ward. Mit Verachtung weist der Apostel dabei auf die Lage des Berges hin: in Arabien liegt er, also außerhalb der Grenzen des heiligen Landes, welches ein Sinnbild des ewigen Erbes ist.

Und kommt überein d. h. hat eine innere Ähnlichkeit mit Jerusalem und zwar mit dem Jerusalem, wie es zu dieser Zeit ist, entartet und in Lehre und Kultus zur Knechtschaft herabgesunken. Hätte doch das irdische Jerusalem eigentlich ein lebendiges Abbild des himmlischen sein und sich mit dessen Geist erfüllt zeigen sollen. Stattdessen wird es ganz und gar dem Sinai ähnlich! Einen schwereren Vorwurf gegen die Juden kann man kaum erheben. Sie sind aus der Gnade gefallen, ihre Mutter ist nicht mehr Sara, sondern das ehebrecherische Jerusalem, die Zwillingsschwester der Hagar! Sie sind Knechte, von der Magd geboren, obgleich sie sich stolz Abrahams Kinder nennen!

V. 26. Aber das Jerusalem, das droben ist. „Droben“ ist unsere Mutter d. h. die christliche Gemeinde, nicht weil sie etwa im Himmel eingeschlossen und außerhalb der Welt zu suchen wäre. Denn die Kirche ist über den ganzen Erdkreis verbreitet und wohnt auf der Erde. Warum also soll sie vom Himmel sein? Weil sie ihren Ursprung in der himmlischen Gnade hat. Denn nicht aus Fleisch und Blut werden die Kinder Gottes geboren, sondern durch die Kraft des heiligen Geistes. Das Jerusalem, das droben ist, das seinen Ursprung im Himmel hat und durch den Glauben droben wohnt, das ist die Mutter der Gläubigen. Denn es birgt den unzerstörbaren Samen des Lebens, mit welchem es uns bildet, im Mutterleibe nährt und das Licht bringt. Eben dasselbe hat Milch und Speise, womit es die Erzeugten für immer ernährt. Nun verstehen wir, weshalb die Kirche die Mutter der Gläubigen heiße. Wer ein Sohn dieser Gemeinde zu sein sich weigert, der wird vergebens Gott seinen Vater nennen. Denn nur durch den Dienst der Kirche zeugt sich Gott Söhne und zieht sie auf, bis sie heranwachsen und zum männlichen Alter gelangen. Ein herrliches und rühmendes Lob der Kirche. Freilich die Papisten, welche sich dasselbe am nachdrücklichsten aneignen möchten, dürfen es nicht auf sich beziehen: denn ihre Mutter gehört ganz ebenso mit der Hagar zusammen, wie einst Jerusalem zu des Apostels Zeiten.

V. 27. Es steht geschrieben. Paulus erweist durch das Zeugnis des Jesaja, dass echte Kinder der Kirche nur solche sind, die nach der Verheißung geboren werden. Der Prophet redet an der Stelle (Jes. 54, 1) von dem Reiche Christi und der Berufung der Heiden und verheißt dem unfruchtbaren und verlassenen Weibe zahlreiche Nachkommenschaft. Im Blick auf diese Hoffnung kann er die Gemeinde zu Freude und Jubel aufrufen. Dabei gilt es nun zu beachten, wie der Apostel absichtlich einer Deutung jenes geistlichen Jerusalem auf die Juden aus dem Wege geht. Diesem Jerusalem sollen ja nach dem Worte des Propheten Kinder aus aller Welt zugeführt werden, und dies ohne eigenes Zutun, allein durch den Segen Gottes. Und eben daraus schließt der Apostel, dass wir nach Isaaks Art Kinder Gottes nur durch göttliche Gnadenverheißung werden können.

V. 29. Aber gleichwie usw. Damit rückt Paulus die frechen Angriffe in das rechte Licht, mit welchen die Lügenapostel die wahren Gläubigen Christi verfolgten. Denn diese letzteren bedurften umso mehr des Trostes, je härter sie sich verfolgt sahen: und für die anderen war eine entschiedene Zurückweisung durchaus nötig. So erinnert der Apostel daran, dass man sich gar nicht wundern dürfe, wenn jetzt die Kinder des Gesetzes tun, was einst ihr Vorfahre Ismael tat, der, auf seine Erstgeburt pochend, dem wahren Erben Isaak übel mitspielte. Von diesem Vorfalle bildet es doch nur eine Fortsetzung, wenn jetzt Ismaels geistige Nachkommen um der äußeren Zeremonien, der Beschneidung und der gesamten gesetzlichen Ordnungen willen über die wahren Kinder Gottes sich hochmütig erhaben dünken und ihnen Verfolgungen bereiten. Dabei deutet der Gegensatz zwischen dem, welcher nach dem Fleisch, und dem, welcher nach dem Geist geboren war, auf den Gegensatz zwischen dem menschlichen Schein und der göttlichen Berufung. Die um Gesetz und Werke eifern, haben nur die äußere Maske, - das Wesen selbst bleibt denen vorbehalten, die allein auf die göttliche Berufung sich stützen und auf Gottes Gnade sich gründen. – Dass nun Ismael den Isaak verfolgte, steht nicht ausdrücklich im alten Testament, sondern nur (1. Mo. 21, 9), dass er ein „Spötter“ war. Wegen der harten Strafe, die ihn dafür traf, werden wir nicht daran denken dürfen, dass er seinen Bruder etwa nur mit einem unschuldigen Lachen verspottet habe. Vielmehr wird es sich um boshafte Schmähungen handeln. Solche „Verfolgung“, die etwa einen Zweifel an unserer Berufung erweckt, kann uns weit härter beschweren, als äußerer Angriff. Weder Backenstreiche, noch Geißelhiebe, noch die Nägel und die Dornen haben Christo so viel Qual bereitet, wie der höhnische Zuruf: „Er hat auf Gott vertraut, - was nützt ihm das nun, da er von aller Hilfe verlassen ist?“ In solchem Hohn verbirgt sich mehr Gift als in allen Verfolgungen. Denn wenn man uns die Gnadengabe der Gotteskindschaft nimmt, so ist dies viel mehr, als wenn man uns das vergängliche Leben entreißt. – Ismael hat seinen Bruder nicht mit dem Schwert verfolgt, sondern was schlimmer ist, er hat mit frecher Selbstüberhebung ihm seine göttliche Verheißung mit Füßen zertreten. Das ist überhaupt die Quelle aller Verfolgungen, dass die Gottlosen die Gnade Gottes an den Auserwählten verachten und hassen. Einen deutlichen Beweis hiervon bietet die Geschichte von Kain und Abel. Übrigens entnehmen wir unserer Stelle auch die Erinnerung, dass äußere Verfolgungen gar nicht unser einziger Schrecken sind, - wenn die Feinde der Frömmigkeit uns mit Feuer und Schwert töten, wenn sie Gefängnis, Folter und Geißel gegen uns gebrauchen: sondern dass wir nicht weniger dies zu fürchten haben, wenn sie mit ihrem Spott unser auf Gottes Verheißungen ruhendes Vertrauen zu erschüttern versuchen, wenn sie frech das ganze Evangelium verhöhnen. Denn nichts darf unsere Seele so schwer verwunden als die Verachtung Gottes und der Spott gegenüber seiner Gnade, und keine Art der Verfolgung ist so verderblich, als die es auf das Heil der Seele absieht. Uns treffen heute nicht die Schwerter der Gottlosen. Aber wie stumpf sind wir, wenn wir gleichgültig bleiben gegen jene geistliche Verfolgung, wenn man die Lehre, aus der wir das Leben gewinnen, auf jede Weise zu vernichten versucht; wenn sie mit Lästerungen wider den Glauben angeht und ihn in der Tat bei vielen Unerfahrenen ins Wanken bringt! Ich stehe heute voller Betrübnis der Weisheit genusssüchtiger Weltkinder gegenüber, die freilich nichts mit gewaltsamen Händen angreifen, auf voll teuflischer Bosheit darauf ausgehen, alle Furcht und Anbetung Gottes und jedes Gedächtnis an Christum auszutilgen, dem gottlosen Spott das Heilige preiszugeben und damit ein alles verheerendes Feuer anzuzünden. Davor zittere ich, - weil mir Gottes Name kostbarer ist, als mein Leben.

V. 30. Aber was spricht die Schrift? Schon das war ein gewisser Trost, dass der Apostel uns Christen als Isaaks Nachkommen bezeichnen konnte: noch wirksamer ist aber, was er nun hinzufügen kann, - dass nämlich die Heuchler mit allem ihrem Übermut nur erreichen werden, dass Gott sie aus Abrahams geistlicher Nachkommenschaft ausschließt, während uns trotz ihres Wütens, welches eine Weile währt, das ewige Erbe bleibt. In diesen Trost mögen die Gläubigen sich halten: denn die Tyrannei der Ismaeliten wird nicht beständig dauern. Sie scheinen zwar den Vorrang zu haben, und deshalb verachten sie uns als eine unzeitige Geburt, aufgeblasen wegen ihrer Erstgeburt; aber zuletzt werden sie offenbar werden als Kinder der Magd Hagar, welche des Erbes nicht wert sind. Welch herrliche Mahnung, dass wir uns durch das stolze Glück der Heuchler nicht irre führen und zum Neid verleiten lassen, sondern vielmehr in Geduld das Ende abwarten sollen. Die Bastarde mögen eine Zeitlang in der Kirche Duldung und Achtung genießen, - aber eine bleibende Stätte haben sie hier nicht, weil ihr Glaube nicht fest bleibt.

V. 31. So sind wir nun usw. Abschließend mahnt der Apostel die Christen, dass sie sich lieber als Kinder der Sara, denn als Kinder der Hagar fühlen sollen. Ja, sie sind schon durch Christi Gnade in die Freiheit hineingeboren, um für alle Zeit darin zu bleiben. In unserer Zeit mögen wir mit Recht die Papisten als Ismaeliten und Hagariter, uns selbst aber als die rechtmäßigen Kinder betrachten.

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