Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 3.

Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 3.

V. 1. O ihr unverständigen Galater. Paulus fügt zur Lehre einen Tadel oder schiebt ihn vielmehr mitten hinein. Sollte sich jemand wundern, warum er ihn nicht bis ans Ende aufgeschoben hat, so ist zu erwidern, dass die vorgetragenen ernsten Sätze den Apostel in plötzliche Aufwallung versetzt haben. Denn welches fromme Gemüt sollte sich nicht empören, wenn es vernimmt, dass man den Sohn Gottes mit allen seinen Gütern verwirft und seinen Tod für nichts achtet? Die Galater sind unverständig d. h. von Sinnen gekommen, wenn sie in solche Schändung des Heiligen sich haben hineinverwickeln lassen. Paulus beschuldigt sie nicht bloß, dass sie sich haben täuschen, sondern dass sie durch eine gleichsam zauberhafte Einwirkung sich haben fangen lassen, was weit schlimmer ist. Er deutet damit an, dass ihr Fall mehr auf Wahnsinn als auf Torheit beruht. Und allerdings ist es ein finsteres Rätsel, wie bei solcher Klarheit des Evangeliums das Blendwerk des Teufels Eingang finden kann. Wie durch eine Bezauberung sind die törichten Galater nicht nur überhaupt, sondern mit überraschender Schnelligkeit zum Abfall gebracht worden, obgleich Paulus ihnen so kräftig, klar, innig und wirksam gepredigt hatte!

Welchen Christus vor die Augen gemalt war. Dies mehrt die Schuld der Galater. Denn je bekannter uns Christus war, desto schlimmer ist das Verbrechen des Abfalls. So groß war nun die Klarheit der Predigt des Paulus, dass sie nicht sowohl eine bloße Lehre bot, sondern ein lebendiges und treues Bild Christi. So empfingen die Galater eine Erkenntnis, die der Anschauung nahe kommt. Paulus vergleicht also seine Predigt, um ihre Kraft zu zeigen, zuerst einem Gemälde, welches das Bild Christi ihnen lebendig vor Augen gestellt hat, dann fügt er, mit diesem Vergleich nicht zufrieden, hinzu: so lebendig wurde Christus euch vorgemalt, als wäre er unter euch gekreuzigt: also der gegenwärtige Anblick des Todes Christi hätte keinen stärkeren Eindruck hervorbringen können, als die Predigt des Paulus. Andere übersetzen freilich: Christus ward als der Gekreuzigte „öffentlich proklamiert“. Aber die Übersetzung „vor Augen gemalt“ ist ebenso gut sprachlich möglich und passt sachlich ganz ausgezeichnet. Eine so lebendige Vergegenwärtigung, wie sie in diesem Ausdruck liegt, bringt keine Beredsamkeit mit noch so glänzenden Farben zustande, wenn nicht die Wirksamkeit des heiligen Geistes hinzukommt (vgl. 1. Kor. 2, 4. 12.; 12, 3.; 2. Kor. 3, 6). Daher sollen die, welche das Amt des Evangeliums ordentlich verwalten wollen, nicht nur sprechen und rufen lernen, sondern auch ins Innere der Gewissen eindringen, damit dort ein Gefühl davon entsteht, wie Christus für uns gekreuzigt ward und wie er sein Blut für uns vergoss. Wo die Kirche solche Maler hat, bedarf sie nicht der toten Bilder von Holz oder Stein; ohne Zweifel haben dieselben erst dann ihren Einzug gehalten, als die wahre Kraft des Predigtamtes erloschen war.

V. 2. Das will ich allein von euch lernen. Jetzt erst kehrt die Rede zur weiteren Begründung zurück. Zuerst erinnert Paulus an die eigene Erfahrung der Galater, wie das Evangelium bei ihnen seinen Anfang nahm: als sie es hörten, empfingen sie den heiligen Geist; sie mussten also den Empfang dieses Gutes dem Glauben und nicht dem Gesetze zuschreiben. Desselben Beweisgrundes bedient sich Petrus, wenn er sich bei den Brüdern entschuldigt, dass er die Unbeschnittenen getauft habe (Apg. 10, 47). Ebenso verfuhren Paulus und Barnabas im Streit über die Beschneidungsfrage zu Jerusalem (Apg. 15, 12 ff.). Es ist also offenbare Undankbarkeit, wenn die Galater nicht in der Lehre verharren, durch die sie den heiligen Geist empfangen hatten. Die Antwort auf seine Frage überlässt nun Paulus den Lesern selbst, nicht weil er zweifelt, sondern weil er sehr genau weiß, wie sie ausfallen muss. Durch ihr Gewissen überführt, konnten die Galater ja nur in seinem Sinne antworten. – Eine Predigt vom Glauben heißt das Evangelium, wie Röm. 3, 27 ein „Gesetz des Glaubens“, weil uns darin lauter Gnade Gottes durch Christum angeboten wird, ohne alle Rücksicht auf Verdienst der Werke. Unter dem Geist verstehe ich hier die Gnade der Wiedergeburt, die allen Gläubigen gemeinsam ist. Doch kann man auch an die besonderen geistlichen Gaben denken, mit denen damals der Herr die Predigt des Evangeliums begleitete. Auf den Einwurf, dass der Geist in dieser Weise nicht allen geschenkt worden sei, wäre dann zu antworten, dass es für den Zweck des Apostels genügte, wenn die Galater wussten, wie in ihrer Gemeinde die Kraft des heiligen Geistes bei seiner Predigt offenbar geworden, und die Gläubigen zur Erbauung der Gesamtheit mit den Gaben des Geistes mannigfach ausgestattet wurden. Immerhin dürfte sich am meisten die erstere Annahme empfehlen, dass die Gemeinde insgesamt die Gabe der Gotteskindschaft besaß, bis die Lügenlehrer ihre falschen Zusätze einbrachten. So heißt es auch Eph. 1, 13: Als ihr das Wort der Wahrheit hörtet, seid ihr mit dem heiligen Geiste versiegelt worden.

V. 3. Seid ihr so unverständig? Unverständig sind die Galater, weil sie auf einen Anfang im Geist, da ihnen eben die Predigt des Evangeliums den Besitz des Geistes brachte, jetzt auf die Stufe des Fleisches herabgestiegen sind. Unter „Fleisch“ haben wir an allerlei wertlose Äußerlichkeiten zu denken, wie ja Zeremonien vollends ihre Bedeutung einbüßen, wenn man sie von Christo loslöst, und an die entsprechende tote und kraftlose Unterweisung.

V. 4. Habt ihr denn so viel umsonst erlitten? Ein zweiter Grund: da die Galater so vieles um des Evangeliums willen erlitten hatten, sollten sie nicht dieses alles jetzt in einem Augenblick verlieren. Tadelnd hält ihnen Paulus vor, ob wirklich alle diese herrlichen Kämpfe für den Glauben nun vergeblich gewesen sein sollen? Hätte ihnen Paulus nicht den rechten Glauben verkündigt, so wäre es ja Tollkühnheit gewesen, zur Verteidigung einer schlechten Sache derartiges zu erdulden. Nun aber hatten sie Gottes Beistand in diesen Verfolgungen erfahren dürfen. Um welch herrliche Güter hatte also der Neid der Lügenapostel die Galater betrogen! Übrigens mildert Paulus die Schärfe seiner Aussprache, indem er verbessernd fortfährt: Ist es anders umsonst. Damit richtet er die gedemütigten Herzen zu neuer Hoffnung auf und öffnet ihnen den Weg zur Umkehr. Denn dies ist der Zweck jeglichen Tadels, nicht die Menschen in Verzweiflung zu stürzen, sondern sie für das Bessere zu gewinnen.

V. 5. Der euch nun den Geist reicht. Jetzt ist nicht mehr von der Wiedergeburt die Rede, sondern von den übrigen Geistesgaben. Dass hier etwas Neues folgt, ergibt sich schon aus dem zwischenliegenden Einschub eines anderen Gedankens (V. 4). So empfangen die Galater die Erinnerung, dass alle Gaben des heiligen Geistes, durch die sie sich auszeichneten, Früchte des Evangeliums sind, wie es Paulus bei ihnen gepredigt hatte. Aller dieser Früchte beraubten sie sich also, wenn sie das Evangelium aufgaben und einer anderen Lehrart sich leichtsinnig zuwandten. Schätzten sie aber jene Gaben, unter welchen der Apostel ausdrücklich auch Wundertaten verrechnet, wirklich, so mussten sie auch unter allen Umständen das Evangelium festhalten.

Auf den Erfahrungsbeweis folgt jetzt das Schriftzeugnis. Zuerst wird das Beispiel Abrahams angeführt. Pflegen sonst die von Beispielen hergenommenen Gründe nicht immer stichhaltig zu sein, so haben wir es hier doch mit einer sehr wirksamen Beweisführung zu tun, die sowohl der Sache nach als in Bezug auf die zum Vorbilde gewählte Persönlichkeit durchaus zutrifft. Denn da es nur einen Weg zur Gerechtigkeit gibt, so wird Abraham mit Recht der Vater aller Gläubigen genannt: er ist das gemeinsame Vorbild für sie alle. Ja, in seiner Person ward uns eine allgemeingültige Regel dafür gegeben, wie man die Gerechtigkeit erlangt.

V. 6. Gleichwie usw. Stillschweigend vorausgesetzt erscheint hier die Antwort auf die soeben erhobene Frage, die ja nicht zweifelhaft sein konnte: wir empfangen den Geist durch die Predigt vom Glauben, wie ja dies bereits Abraham erfahren durfte. Gerade die Weise, wie die Galater zuerst Gottes Gnade empfingen, ließ sie als Nachfolger Abrahams erscheinen.

Abraham hat Gott geglaubt. Dies Beispiel kann hier wie Röm. 4, 1 ff. zum Beweise für die Rechtfertigung durch den Glauben dienen, weil eben der Glaube dem Abraham zur Gerechtigkeit gerechnet ward. Wir müssen nun zunächst sehen, was Paulus hier unter „Glauben“ und unter „Gerechtigkeit“ versteht, dann, weshalb ihm der Glaube als Ursache der Gerechtigkeit gilt. Unter dem Glauben ist nicht jegliche Überzeugung zu verstehen, welche die Menschen von der göttlichen Wahrheit haben können. Denn gesetzt, Kain hätte hundertmal dem Herrn Glauben geschenkt, als er ihm Strafe ankündigte, so hätte er damit doch keine Gerechtigkeit erlangt. Abraham ist vielmehr nur deshalb durch den Glauben gerecht geworden, weil er sich mit gewisser Zuversicht an die ihm geschenkte Verheißung der göttlichen Gnade hielt. Der Glaube bezieht sich also hier auf ein solches Gotteswort, auf welches die Menschen vertrauen und bei welchem sie Ruhe finden können. – Was nun das Wort „Gerechtigkeit“ angeht, so gilt es, auf den Ausdruck in der alttestamentlichen Erzählung genau zu achten (1. Mo. 15, 6): dass Abraham glaubte, ward ihm gerechnet zur Gerechtigkeit; also war er gerecht, weil Gott ihn als gerecht ansah. Die Gerechtigkeit, welche die Menschen in sich selbst nicht haben, empfangen sie durch Zurechnung, indem Gott ihren Glauben als Gerechtigkeit gelten lässt. Dass wir durch den Glauben gerecht werden, will also nicht sagen, dass der Glaube uns innerlich in durch und durch gerechte Menschen verwandelt, sondern dass er uns vor Gott annehmbar macht. Wie kommt aber nun der Glaube zu der Ehre, dass er die Ursache unserer Gerechtigkeit heißt? Zunächst muss man wissen, dass er nur die Mittelursache ist, denn eigentlich zu reden ist unsere Gerechtigkeit nichts anderes als die unverdiente Annahme bei Gott, auf welche unser Heil sich gründet. Indem uns nun Gott im Evangelium ein Zeugnis seiner Liebe und Gnadenbereitschaft gibt, bietet er uns eben damit die „Gerechtigkeit“ an, von der hier die Rede ist – und wir ergreifen sie durch den Glauben. Wenn wir also dem Glauben die Rechtfertigung des Menschen zuschreiben, so wollen wir in diesem Glauben nicht die Hauptursache sehen, sondern nur den Weg, auf welchem die Menschen zur wahren Gerechtigkeit gelangen. Denn diese Gerechtigkeit ist ein reines Geschenk Gottes, nicht eine dem Menschen innewohnende Qualität. Man besitzt sie nur im Glauben. Der Glaube ist aber kein Verdienst, so dass wir die Gerechtigkeit gewissermaßen als schuldigen Lohn empfingen, sondern im Glauben ergreifen wir das, was Gott freiwillig schenkt. Darum sind alle jene Sprechweisen gleichwertig: wir werden gerecht durch Gottes Gnade, Christus ist unsere Gerechtigkeit, Gottes Barmherzigkeit ist die Ursache unserer Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit ist uns durch Tod und Auferweckung Christi erworben, die Gerechtigkeit wird uns durchs Evangelium gebracht, wir erlangen die Gerechtigkeit durch den Glauben. Welch ein törichter Irrtum ist es also, zwischen jenen Sätzen vermitteln zu wollen und zu sagen, wir werden gerechtfertigt durch Glauben und Werke zugleich; denn wer durch den Glauben gerecht ist, der weiß sich der eigenen Gerechtigkeit bloß und ledig und getröstet sich alleinigen Gnade Gottes. Dies ist auch der Grund, weshalb Paulus im Römerbrief (4, 2) den Schluss zieht, Abraham habe keinen Ruhm vor Gott, weil er die Gerechtigkeit durch den Glauben erlangt hatte. Denn es heißt nicht, ihm sei der Glaube als ein Teil der Gerechtigkeit angerechnet worden, sondern einfach als Gerechtigkeit. So bestand also seine Gerechtigkeit ganz und gar im Glauben. Und dieser Glaube schaut allein auf Gottes Barmherzigkeit und den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Demgemäß kann kein Verdienst der Werke zu der Rechtfertigung etwas beitragen, welche ganz und gar nur dem Glauben zugeschrieben wird. Denn der Glaube, welcher ja Gottes unverdiente Güte, den Herrn Christus mit allen seinen Gütern und das im Evangelium gegebene Zeugnis unserer Kindschaft in sich enthält, steht in scharfem Gegensatz zum Gesetz, zu irgendeinem Verdienst der Werke und zur eigenen Würdigkeit der Menschen. Die Beschränkung dieses Gegensatzes auf die Zeremonien widerlegt sich in diesem Zusammenhang leicht. Wir halten also fest, dass die, welche durch den Glauben gerecht sind, ihre Gerechtigkeit außer sich selbst haben, nämlich in Christo. Gott schenkt uns in freier Gnade die völlige Gerechtigkeit, die wir nicht in uns selbst besitzen können, weil das Gesetz ohne allen Rückstand erfüllt sein will. – Noch ließe sich aber fragen, ob nicht die jüdische Behauptung Recht hat, dass die an Abraham ergangene Verheißung nur irdische Güter im Auge habe, also auf Christum und das ewige Leben nicht bezogen werden dürfe. Indessen müssen wir als obersten Grundsatz festhalten, dass alle besonderen Verheißungen, welche Gott dem Abraham gab, nur einen Anhang zu den Grundverheißungen bilden (1. Mo. 15, 1; 22, 18): Ich bin dein Gott und dein sehr großer Lohn, und durch deinen Samen sollen alle Völker gesegnet werden. Als daher Abraham hörte: „Dein Same wird sein wie der Sand am Meer“ usw. (22, 17), betrachtete er diese Zusage nicht rein für sich, sondern nur als einen Teil der Gnaden- und Kindschaftsverheißung. Jede Einzelzusage betrachtete er lediglich als ein Zeugnis der väterlichen Gnade Gottes, und ließ sie sich zur Stütze seines Heilsvertrauens dienen. Denn auch in diesem Stücke unterscheiden sich die Ungläubigen von den Kindern Gottes, dass jene zwar Gottes Wohltaten mit ihnen gemeinsam erfahren, aber nach Art der Tiere sie verschlingen, ohne aufwärts dabei zu blicken, diese aber wissen, dass alle Wohltaten durch Verheißungen geheiligt sind, und lernen durch sie Gott als Vater kennen. So erblicken sie in allem einen Hinweis auf das ewige Leben, weil sie auf den Grund zurückgehen, auf den Glauben an ihre Gotteskindschaft. Nicht deshalb also ist Abraham gerechtfertigt worden, weil er nur in Bezug auf die Vermehrung seiner Nachkommenschaft Gott geglaubt hat, sondern weil er Gottes Gnade umfasste und auf den verheißenen Mittler vertraute, in dem alle Verheißungen Gottes Ja und Amen sind (2. Kor. 1, 19 f.).

V. 7. So erkennt denn. Man könnte auch übersetzen: „so erkennt ihr ja“; aber die Fassung als Befehl ist lebhafter. Unter Leuten, die des Glaubens sind, versteht der Apostel solche, welche allem Werkvertrauen entsagt haben und allein in Gottes Verheißung ihren Trost suchen. Diese Auslegung wird als richtig erwiesen, durch Vergleich der Stelle Röm. 4, 4 ff.: „Dem, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht.“ Einem Menschen aber, der keine Werke vorweisen will, ist Gott auch nichts schuldig – und es bleibt nichts übrig, als dass ihm „sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werde“. Des Glaubens sein heißt also seine Gerechtigkeit und sein Heilsvertrauen auf Gottes Barmherzigkeit gründen. Dass solche Menschen Abrahams Söhne sind, folgt aus dem vorigen. Denn wenn Abraham durch den Glauben gerechtfertigt worden ist, so müssen, die seine Söhne sein wollen, ebenfalls auf den Glauben sich gründen. Leise hört man hier die Wahrheit heraus, dass niemandem ein Platz in der Kirche zusteht, der nicht Abrahams Sohn ist.

V. 8. Die Schrift aber hat es zuvor gesehen usw. Was er bisher nur unbestimmt gesagt hatte, deutet Paulus nun ausdrücklich auf die Heiden. Denn die Berufung der Heiden war etwas Neues und Ungewohntes, weshalb man auch über ihre Aufnahme in die Christenheit unschlüssig war. Man schien ihnen die Beschneidung und das gesamte Gesetz auflegen zu müssen, sollten sie anders an Gottes Bund Anteil gewinnen. Demgegenüber zeigt Paulus, dass sie durch den Glauben den Segen Abrahams gewinnen und den Eintritt in seine Nachkommenschaft erlangen. Zum Beweise dient ihm der Satz (1. Mo. 12, 3): „In dir sollen alle Heiden gesegnet werden“. Diese Worte wollen ohne Zweifel besagen, dass man nur in der inneren Zusammenfassung mit Abraham den Segen empfangen kann: er ist das Urbild und die allgemeingültige Regel. Ist er nun durch den Glauben gesegnet worden, so wird ein anderer Weg dafür überhaupt nicht offenstehen. Darum redet der Apostel (V. 9) mit großem Nachdruck von dem gläubigen Abraham, nicht von dem beschnittenen oder dem, der gute Werke tat, nicht von dem Hebräer oder dem Manne, der auf eigene Würdigkeit sich stützen konnte, sondern lediglich von dem, der allein durch Glauben den Segen empfangen hat. Denn hier kommt keine persönliche Beschaffenheit in Betracht, sondern allein der Glaube. - Das Wort „Segen“ wird in der Schrift verschieden gebraucht; hier bezeichnet es die Annahme zum ewigen Leben.

V. 10. Denn die mit des Gesetzes Werken umgehen. Zur weiteren Begründung dient nun ein Hinweis auf das Gegenteil: das Gesetz legt auf alle Sterblichen den Tod, - also lässt sich aus ihm so wenig Leben und Segen schöpfen, als aus einem Quell kaltes und heißes Wasser zugleich. Unter Leuten, die mit des Gesetzes Werken umgehen, versteht Paulus in unserem Zusammenhange, wo es sich um die Frage der Rechtfertigung handelt, solche, die auf Gesetzeswerke ihr Heilsvertrauen gründen. Solche, sagt er, sind dem Fluche unterworfen. Zum Beweise dient ein Spruch des Gesetzes selbst, welcher jedem Menschen den Fluch androht, der auch nur irgendein Stück des Gesetzes übertrat (5. Mo. 27, 26). Dabei steht unausgesprochen der Gedanke im Hintergrunde, dessen Wahrheit ein jeder an sich selbst erproben mag, dass es weder einen Menschen gab noch geben wird, welcher dem Gesetz Gottes Genüge tun könnte. Es werden also alle hier in gleicher Weise verdammt. – Dieser Beweis Pauli würde nicht stichhaltig sein, wenn unsere Kräfte zur Erfüllung des Gesetzes hinreichten. Denn dann könnte ein Gegner erwidern: Dass alle Übertreter verflucht sind, gebe ich zu; aber man findet auch Menschen, die das Gesetz halten, denn die Menschen haben freie Wahl zwischen Gut und Böse. Aber Paulus setzt hier ohne Zweifel voraus, was die Päpstlichen heute für ein fluchwürdiges Dogma ansehen, dass den Menschen die Kräfte zur Beobachtung des Gesetzes fehlen. Daher tut er den kühnen Schluss, dass alle verflucht sein müssen, weil allen vorgeschrieben ist, das Gesetz ganz zu erfüllen, wozu ihnen doch bei der Verderbtheit ihrer Natur die Fähigkeit abgeht. Der Fluch des Gesetzes ist also etwas Dauerndes und Unentrinnbares. Denn den Segen, den es uns vorhält, hält die Verderbtheit unserer Natur uns fern. Es bleibt also nur der Fluch übrig.

V. 11. Dass aber durchs Gesetz, niemand gerecht wird usw. Wiederum wird der Beweis durch Erwägung des Gegenteils verstärkt. Der Gedankenfortschritt ist folgender: Wenn wir durch den Glauben gerecht sind, werden wir es nicht aus dem Gesetz. Nun sind wir durch den Glauben gerecht, - also nicht aus dem Gesetz. Den letzteren Satz beweist das Schriftwort aus dem Propheten Habakuk, das Paulus auch im Römerbrief zitiert (Hab. 2, 4; Röm. 1, 17). Der erstgenannte Satz muss wahr sein, weil die Rechtfertigung durch den Glauben oder durch das Gesetz auf eine ganz entgegengesetzte Weise geschieht. Denn das Gesetz rechtfertigt erst dann, wenn jemand alle seine Vorschriften erfüllt. Der Glaube aber rechtfertigt die, welche vom Verdienst der Werke absehend allein auf Christum vertrauen. Gerechtfertigt werden durch eigenes Verdienst und durch fremde Gnade, - das beides kann nicht zugleich miteinander bestehen; so macht eines das andere unmöglich. Erst nach dieser Darlegung des Hauptgedankens können wir nun die einzelnen Sätze in genauere Erwägung ziehen.

Der Gerechte wird kraft seines Glaubens leben. Nachdem dieser Prophetenspruch bereits zu Röm. 1, 17 erklärt worden, möge hier der Hinweis genügen, dass der Prophet das stolze Vertrauen auf das Fleisch dem wahren Glauben gegenüberstellt. Wenn er nun verkündet, dass die Gerechten kraft dieses Glaubens leben sollen, so will er damit sagen, dass sie dadurch nicht nur für eine gewisse Zeit getragen werden, sodass sie, wenn ein Sturmwind kommt, hinsinken müssten, sondern dass sie für immer feststehen, so dass sie nicht einmal mitten im Tode zu leben aufhören. So kann man auch nicht sagen, dass der Begriff des Glaubens beim Propheten in einem weiteren Sinne gebraucht werde, als hier bei Paulus. Hier wie dort ist völlig übereinstimmend der Glaube einfach die ruhige Gewissheit des Bewusstseins, die sich allein auf Gott stützt.

V. 12. Das Gesetz aber ist nicht des Glaubens. Das Gesetz steht an sich dem Glauben nicht entgegen, sonst würde ja Gott sich selbst unähnlich sein. So muss man stets im Auge behalten, dass Paulus so spricht, wie die Sachlage es notwendig macht. Der Gegensatz von Gesetz und Glaube bezieht sich also nur auf die Ursache der Rechtfertigung. Denn leichter könnte man Wasser mit Feuer vereinen, als dies beides, dass man durch Glauben und durch das Gesetz gerecht werde. Der Satz sagt also, die rechtfertigende Art des Gesetzes ist eine ganz andere als die des Glaubens. Sondern, der es tut, wird dadurch leben. Die Verschiedenheit von Glauben und Gesetz besteht darin, dass der Mensch bei Erfüllung des Gesetzes durch eigene, dem Gesetz entsprechende Gerechtigkeit für gerecht erklärt wird. Dies deckt Paulus mit dem Zeugnis des Moses (3. Mo. 18, 5). Welches ist aber die Gerechtigkeit des Glaubens? Der Apostel bestimmt sie Röm. 10, 9 also: „So du glaubst, dass Christus gestorben ist für unsere Sünden“ usw. Dennoch folgt daraus nicht, dass der Glaube müßig geht, oder die Gläubigen entblößt von guten Werken dastehen. Denn hier fragt sich es nicht, ob die Gläubigen das Gesetz, soweit sie können, halten müssen, was ja über jeden Zweifel erhaben ist, sondern ob sie durch Werke die Gerechtigkeit erwerben. Das ist aber unmöglich. Auf den Einwurf: wenn Gott den Tätern des Gesetzes das Leben verspricht, warum streitet Paulus ihnen die Gerechtigkeit ab? – ergibt sich die Antwort leicht: deshalb ist niemand gerecht durch Werke des Gesetzes, weil niemand sie tut. Denn wenn Täter des Gesetzes da wären, so müssten wir solche freilich als Gerechte gelten lassen. Das hängt aber eben daran, dass die entsprechende Bedingung erfüllt wird. Darum müssten wir auf diesem Wege alle zu Grunde gehen: denn die ausbedungene Gerechtigkeit vermag niemand zu leisten. Man muss hierbei die obige Bemerkung im Gedächtnis halten, dass das Gesetz nicht die tun, welche teilweise gehorsam sind, sondern, die in sämtlichen Punkten sich untadelig beweisen, - eine Vollkommenheit, von der alle sehr weit entfernt sind.

V. 13. Christus aber hat uns erlöst. Paulus hat alle, die unter dem Gesetz sind, unter den Fluch gestellt. Daraus entsteht die große Schwierigkeit, dass die Juden sich unter den Fluch des Gesetzes beugen mussten. Der Apostel löst diesen Knoten, indem er den allein möglichen Ausgang zeigt: Christus hat uns befreit. Dadurch erfährt aber die eigentliche Absicht des Gedankenganges nur noch eine erhebliche Verstärkung. Denn wenn unsere Seligkeit davon abhängt, dass wir vom Fluche des Gesetzes befreit werden, so kann ja die Gerechtigkeit nicht aus dem Gesetz stammen. Des Weiteren empfangen wir Auskunft über die Weise der Erlösung: Christus ward ein Fluch für uns. Dass es so war, ergibt sich aus dem Schriftwort, welches auf Christum zutrifft (5. Mo. 21, 23): „Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt“. Nun ist klar, dass er nicht seinetwegen diese Strafe erlitten hat. Er ist also entweder umsonst gekreuzigt, oder unser Fluch ist auf ihn gelegt, damit wir davon frei würden. Es heißt aber nicht „Christus ward verflucht“, sondern „ward ein Fluch“, was noch mehr ist. Denn dies heißt, dass er den Fluch, der auf allen Menschen lag, auf sich genommen hat. Scheint dies jemandem zu hart, so mag er wohl des Kreuzes Christi sich schämen, dessen Bekenntnis unser Ruhm ist. Gott wusste wohl, von welcher Art der Tod seines Sohnes sein würde, als er verkündete: „Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt“. Aber wie kann der geliebte Sohn des Vaters verflucht werden? Es wird gelten, in der Betrachtung von Christi Person und Menschheit ein doppeltes zu bedenken: einesteils war Christus das unbefleckte Gotteslamm, auf welchem nur Segen und Gnade ruhen konnte; andererseits wollte er unser Stellvertreter sein, - darum stand er als fluchbeladener Sünder da, nicht sowohl an und für sich, sondern weil er unsere Rolle spielte. So bewegte er sich einerseits im Bereich der göttlichen Gnade, und trug doch andererseits Gottes Zorn. Denn selbstverständlich hätte er den Vater nicht mit uns aussöhnen können, wenn er selbst mit ihm verfeindet und von ihm verworfen gewesen wäre. Es ruhte also auf ihm stets des Vaters Wohlgefallen. Andererseits konnte er uns nur dadurch von Gottes Zorn erlösen, dass er denselben auf sich nahm. Darum ist er um unserer Sünden willen verwundet worden und erfuhr es, dass Gott ihm als zürnender Richter gegenüberstand. Dies ist die Torheit des Kreuzes, die sogar den Engeln wunderbar erscheint (1. Kor. 1, 18; 1. Petr. 1, 12), die alle Weisheit der Welt nicht nur übertrifft, sondern auch zur Torheit macht.

V. 14. Auf dass der Segen usw. Was der Apostel soeben über unsere Erlösung vom Gesetzesfluch ausführte, passt er nunmehr seinem eigentlichen Gedankenzuge ein: dass der Segen, welcher Abraham verheißen war, über die Menschheit und darum auch über die Heiden kommen kann, hängt von dieser Erlösung ab. Denn wenn die Juden erst vom Gesetz frei werden müssen, um das Erbe Abrahams anzutreten, was hindert dann die Heiden, sich desselben Gutes zu bemächtigen? Weiter, wenn in Christus allein jener Segen vorhanden ist, so ist es allein der Glaube an Christum, welcher uns desselben teilhaftig macht.

Und wir die Verheißung des Geistes empfingen. „Verheißung des Geistes“ ist so viel wie „eine geistliche Verheißung“. Andere erklären freilich, als wenn dastünde: wir sollen „den verheißenen Geist“ empfangen. Ohne Zweifel wird uns auch für den neuen Bund der heilige Geist versprochen (Jes. 44, 3). Aber dass Paulus an unserer Stelle daran denkt, bezweifle ich. Vielmehr scheint er den „geistlichen“ Inhalt der Verheißung im Gegensatz zu äußerlichen Dingen zu betonen, wie z. B. der Zeremonien und vor allem der fleischlichen Abstammung, welche jetzt nicht mehr in Betracht kommen soll. Er zeigt also aus der Natur der Verheißung, dass dieselbe nicht etwa den Juden in höherem Maße gilt als den Heiden: denn eine „geistliche“ Verheißung kann man sich nur im Geist und Glauben aneignen.

V. 15. Nach menschlicher Weise. Diese Worte sollen die Leser beschämen. Denn allzu unwürdig und schmachvoll ist es, wenn Gott bei uns weniger Ansehen hat, als ein sterblicher Mensch. Selbstverständlich will Paulus Gott und Menschen nicht auf eine Linie stellen. Wenn er verlangt, dass man eine Verfügung Gottes mindestens mit dem gleichen Respekt behandeln soll, wie die Verfügung eines Menschen, so überlässt er es vielmehr uns, über den ungeheuren Unterschied zwischen Gott und Mensch weiter nachzudenken.

Verwirft man doch eines Menschen Testament nicht. Paulus schließt vom Kleineren auf das Größere. Menschliche Verträge werden ohne Widerspruch als gültig angesehen, wie viel mehr das, was Gott festgesetzt hat! Dabei werden wir nicht gerade bloß an ein Testament, sondern überhaupt an eine Verfügung oder einen Kontrakt denken müssen. Der Apostel schließt von menschlichen Verträgen auf jenen feierlichen Bund, den Gott mit Abraham eingegangen ist. Denn wenn jene unabänderlich bleiben und man nicht einmal etwas hinzufügen darf, wie viel mehr ziemt sich das gleiche für diesen?

V. 16. Nun ist ja die Verheißung Abraham und seinem Samen zugesagt. Ehe der Apostel seinen eigentlichen Beweisgang weiter verfolgt, macht er eine Zwischenbemerkung über die Art des göttlichen Bundesverhältnisses: dasselbe ist allein auf Christum gegründet. Ist aber Christus die Grundlage des Bundes, so muss er auf Gnade beruhen. Eben dasselbe liegt in dem Wort „Verheißung“. Denn wie sich im Gesetz alles um den Menschen und sein Tun dreht, so in der Verheißung um Gottes Gnade und Treue.

Er spricht nicht: „durch die Samen“. Um zu beweisen, dass Gott in der angeführten Stelle von Christus redet, legt der Apostel einen großen Nachdruck auf den Gebrauch der Einzahl, welche durchaus einen bestimmten „Samen“ oder Nachkommen Abrahams im Augen haben müsse. Diese Beweisführung wird nun von den Juden stark angegriffen, und scheinbar mit einigem Grunde. Denn da das Wort „Same“ ein Sammelname ist, so scheint die Behauptung unsinnig, dass man dabei nur an eine einzige Person und nicht vielmehr an Abrahams gesamte Nachkommenschaft denken müsse, zumal es auch heißt (1. Mo. 22, 17), dass dieser Same wie der Sand am Meer sein soll. Dennoch lässt sich des Paulus Beweisführung wohl verteidigen. Denn schon bei den Söhnen Abrahams selbst beginnt eine solche Trennung, dass der eine von beiden aus der Familie ausgestoßen wird. „In Isaak soll dir der Same genannt werden“ (1. Mo. 21, 12). Also wird Ismael nicht mitgerechnet. Gehen wir zur zweiten Generation über, so werden die Juden schwerlich behaupten wollen, dass Esaus Kinder zum gesegneten Samen zählten: vielmehr ward deren Vater trotz seiner Erstgeburt verworfen. Und wie viel Völker sind aus Abrahams Stamm hervorgegangen, die in dieser Berufung nicht Platz haben? Waren die zwölf Patriarchen ebenso viel Stammeshäupter, so waren sie dies nicht als Nachkommen Abrahams, sondern weil sie durch Gottes besondere Erwählung dazu bestimmt waren. Denn seit die zehn Stämme in die Verbannung geführt waren, waren viele Tausende so entartet, dass sie als Abrahams Same nicht gelten konnten. Zuletzt war auch bei dem Stamme Juda Gefahr, es möchte die wahre Erbschaft des Segens in dem kleinen Volke nicht bleiben. Und Jesajas Predigt lautet (Jes. 10, 21): nur der Rest wird selig werden. So entscheidet lediglich Gottes freie Gnade, welche zum ersten Male in der Verfügung zum Ausdruck kam (1. Mo. 21, 12): „in Isaak soll dir ein Same genannt werden“. Und es liegt völlig in derselben Linie, wenn der Herr später die an Abraham gegebene Verheißung immer mehr beschränkte und schließlich auf David und Davids Sohn zuspitzte. Paulus stützt sich also auf den Gebrauch der Einzahl nicht, um zu beweisen, dass nur von einer Person die Rede sein könne. Vielmehr will er vor allem darauf aufmerksam machen, dass der Titel „Abrahams Same“ nicht jedem gebührt, der fleischlich von Abraham abstammt, sondern nur dem, welcher außerdem durch besondere göttliche Berufung dazu verordnet ward. Dass sich aber die Weissagung insbesondere auf Christum bezieht, ergibt sich aus ihrem Inhalt: in deinem Samen sollen alle Völker gesegnet werden. Liegt auf uns allen von Natur Gottes Fluch, so kann ja den Segen nur empfangen, wer sich dem Messias anschließt. So erst wird er zum Gliede des einen Gottesvolkes, welches der Messias als Haupt zu seinem Leibe sammelt.

V. 17. Das Gesetz, welches gegeben ist über vierhundert und dreißig Jahre hernach, konnte die Verheißung nicht ungültig machen. Der einmal geschlossene Bund musste unantastbar bleiben. Nun meint Paulus gewiss nicht, dass die Beobachtung der Zeremonien und Werke, welche das Gesetz vorschreibt, an und für sich gegen den Bund mit Abraham verstoße. Nur wenn es sich um den Weg der Rechtfertigung handelt, stehen Verheißung und Gesetz wider einander: freie Gnade und Verdienst der Werke schließen sich aus. Darum konnte das Gesetz, welches erst später kam, die freie Gnade nicht wieder umstoßen: sonst wäre ja die Verheißung um ihre Gültigkeit gekommen.

V. 18. So das Erbe durch das Gesetz erworben würde usw. Wollten die Gegner etwa sagen, dass ja ihre Lehre gar nicht beabsichtige, Gottes Bundesverheißungen zu zerstören oder zu beseitigen, - so kommt der Apostel jetzt allen solchen Ausflüchten zuvor, indem er ganz deutlich ausspricht, dass es ein ausschließender Gegensatz ist, die Seligkeit auf dem Wege des Gesetzes oder auf dem Wege der Verheißung zu gewinnen. Wer möchte wagen, dabei nur an die Zeremonien zu denken, da Paulus vielmehr unterschiedslos alles zusammengreift, was der Verheißung aus freier Gnade entgegensteht? Jegliche Art von Werken soll aus dem Heilsweg ausgeschlossen werden. Ebenso heißt es auch im Römerbrief (4, 14): „Wo die vom Gesetz Erben sind, so ist der Glaube nichts, und die Verheißung ist abgetan“. Warum? Weil das Heil von der Bedingung abhängig sein würde, dass man dem Gesetze genüge tut. Soll die Verheißung feststehen, so ergibt sich also der unausweichliche Schluss, dass man das Heil lediglich auf den Glauben gründen darf. Nun verstehen wir, inwiefern Verheißung und Gesetz sich ausschließen: zielt doch jene durchaus auf den Glauben, während dieses mit Werken zu schaffen hat. Der Glaube aber nimmt hin, was ihm die freie Gnade schenkt, wogegen den Werken ein verdienter Lohn gezahlt wird. Eben dies meint Paulus, wenn er hinzufügt: Gott aber hat es Abraham durch Verheißung frei geschenkt. Wo es sich um Leistung und Gegenleistung handelte, könnte doch nicht von einem freien Geschenk die Rede sein.

V. 19. Was soll denn das Gesetz? Sobald wir hören, dass das Gesetz nichts für Erlangung der Gerechtigkeit bedeutet, schleichen sich gleich mancherlei Gedanken ein, entweder es sei unnütz oder dem Bunde Gottes entgegen oder sonst etwas derartiges. Ja wir könnten auch denken: Warum sollten wir nicht vom Gesetze sagen, was Jeremia vom neuen Bunde sagt (31, 31), dass er später geschlossen sei, um die Schwachheit der früheren Lehre zu verbessern? Derartige Einwürfe musste Paulus widerlegen, wenn er den Galatern genugtun wollte. Er fragt daher zunächst nach der Bedeutung des Gesetzes. Denn weil es auf die Verheißung gefolgt ist, entsteht leicht der Schein, es solle ergänzen, was jener fehlte. Ohne Zweifel wurde auch die Frage aufgeworfen, ob nicht die Verheißung an sich wirkungslos wäre, wenn sie nicht vom Gesetz unterstützt würde. Es ist dabei zu bemerken, dass Paulus nicht nur vom Moralgesetz redet, sondern von dem gesamten Dienste des Moses, soweit er dem Moses eigentümlich war. Dieser bestand aber darin, dass eine Lebensregel und Zeremonien für den Gottesdienst vorgeschrieben wurden, an welche sich dann Verheißungen und Drohungen fügten. Dass außerdem manche Verheißungen von Gottes freier Gnade und von Christus sich im Gesetze finden, die freilich auf Glauben zielen, ist nur nebensächlich und verschwindet vollends, wenn man die eigentliche Gnadenlehre damit vergleicht. Alles in allem will also Paulus die Frage aufwerfen, warum denn nach der Verheißung noch Moses mit neuen, gesetzlichen Bedingungen auftreten musste (3. Mo. 18, 5; 5. Mo. 27, 26): „wer das tut, wird dadurch leben, - verflucht aber, wer nicht alles erfüllt.“ Hat er damit etwas Besseres und Vollkommeneres hinzugebracht?

Um der Sünden willen ist das Gesetz hinzugekommen. Natürlich sagt Paulus damit nicht alles, was sich über Nutzen und Gebrauch des Gesetzes sagen ließe. Diesen Umstand darf man nicht übersehen. Anderwärts (2. Tim. 3, 16) lässt ja der Apostel selbst das Gesetz auch zur Lehre und Besserung nützlich sein. Im vorliegenden Gedankenzusammenhange aber gilt es zu betonen, dass das Gesetz um der Sünden willen gegeben ward. Das meint er nicht bloß in dem Sinne, wie auch die Philosophen sagen, dass das Gesetz dazu dient, die Missetaten einzudämmen, womit auch das alte Sprichwort zusammenhängt: aus bösen Sitten werden gute Gesetze. Die Meinung des Apostels geht viel tiefer, als die Worte scheinbar lauten. Paulus meint, das Gesetz sei gegeben, um die Vergehungen offenbar zu machen und so die Menschen zur Erkenntnis ihrer Schuld zu führen. Verzeiht sich doch der natürliche Mensch nur zu schnell seine Sünden selbst: darum schläft sein Gewissen, so lange es nicht den harten Druck des Gesetzes empfindet. Daher sagt Paulus (Röm. 5, 13): „die Sünde war wohl in der Welt bis auf das Gesetz, aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht“. Das Gesetz kam nun und weckte die Schlafenden. Denn das ist die wahre Vorbereitung auf Christum. „Durch das Gesetz“ heißt es ein anderes Mal (Röm. 3, 20), „kommt Erkenntnis der Sünde“. Warum? „Auf dass die Sünde würde überaus sündig“ (Röm. 7, 13). Es ist also das Gesetz der Übertretungen wegen gegeben, um sie aufzudecken, oder wie es heißt (Röm. 5, 20), „auf dass die Sünde mächtiger würde“. Diese Redeweise hat nichts Befremdendes. Oder ist es denn widersinnig, dass Gott die Gewissen vor seinen Richterstuhl ruft, damit sie durch das Schuldgefühl gedemütigt werden, sie sich sonst in ihren Sünden gefallen? wenn er die Stumpfheit wegnimmt, welche jedes Gefühl für sein Gericht schwächte? wenn er die Sünde, die wie ein Dieb in der Höhle der Heuchelei verborgen war, ins Licht zieht? Man könnte einwenden: da das Gesetz die Regel für ein frommes und rechtschaffenes Leben ist, warum soll es mehr um der Sünde als um des Gehorsams willen gegeben sein? Die Antwort lautet: obwohl das Gesetz die wahre Gerechtigkeit darstellt, hat seine Verkündigung bei der jetzigen Verderbtheit der Natur keine andere Folge als eine Vermehrung der Übertretungen, bis der Geist der Wiedergeburt hinzutritt, der es in die Herzen schreibt. Den gibt aber nicht das Gesetz, sondern der Glaube empfängt ihn. Mit alledem deckt Paulus eine Wirkung des Gesetzes auf, von welcher die Philosophen und Politiker dieser Welt nichts zu wissen pflegen.

Bis der Same käme. Wenn das Gesetz Beziehung hat auf den Samen, auf den der Segen sich gründet, so tut es der Verheißung keinen Abbruch. Denn jenes „bis“ will sagen: unterdessen wird der Same erwartet. Daraus folgt, dass das Gesetz dienen sollte, und nicht den ersten Rang einnehmen. Denn dazu ward es gegeben, dass es die Menschen zur Erwartung Christi aufrichten sollte. Aber nun fragt sich, ob es nur dauern sollte bis zu Christi Kommen. Wäre es so, dann wäre es jetzt abgeschafft. Ich antworte, jene ganze Veranstaltung war nur eine zeitweilige, lediglich zu dem Zweck vorgenommen, die Gemeinde des alten Bundes in der gläubigen Erwartung auf Christum zusammenzuschließen. Nicht aber gestehe ich zu, dass mit Christi Kommen das ganze Gesetz abgeschafft wurde. Auch der Apostel hat dies nicht sagen wollen, sondern nur, dass jene Art von Veranstaltung, die zwischeneingekommen war, ein Ende in Christo habe nehmen müssen, welcher der Gegenstand der Verheißung ist. Darüber werden wir unten noch mehr zu sagen haben.

Ist gestellt von den Engeln. Es soll zur Empfehlung des Gesetzes dienen, dass es durch Engel übergeben ist, was auch Stephanus (Apg. 7, 53) versichert. Wendet uns Gott schon die kleinsten Wohltaten durch Engel zu, so dürfen wir uns nicht wundern, dass den Engeln auch dieses Amt aufgetragen wurde, als Zeugen bei der Gesetzesveröffentlichung zugegen zu sein.

Durch die Hand des Mittlers. Mit diesem Mittler, dessen Dienst bei der Gesetzgebung noch wichtiger war als der Dienst der Engel, ist nicht Moses gemeint, sodass – wie viele1) glauben – hier ein Vergleich zwischen ihm und Christo stattfände, sondern – wie die Kirchenväter mit Recht annehmen – Christus selbst. Man muss dafür halten, dass seit Anfang der Welt kein Verkehr Gottes mit den Menschen stattgefunden hat, es sei denn unter Vermittlung seiner ewigen Weisheit oder seines Sohnes. Daher sagt auch Petrus, dass die heiligen Propheten durch den Geist Christi gesprochen hätten (Apg. 4, 26), und Paulus macht Christum zum Führer des Volkes in der Wüste (1. Kor. 10, 4). Auch der Engel, der dem Mose erschien (2. Mo. 3, 2), kann gewiss nicht für etwas anderes gehalten werden, da er sich den eigentlichen und wesentlichen Namen Gottes beilegt, der nie auf Geschöpfe übertragen wird. Christus ist also nicht bloß der Mittler des Schutzes, durch welchen uns der Zugang zur Anrufung des Vaters offensteht, sondern überhaupt und zu aller Zeit der Vermittler jeglicher Offenbarung Gottes an die Menschheit. Daran wollte Paulus hier ganz ausdrücklich erinnern, damit die Galater lernten, dass derselbe, welche der Grund des Gnadenbundes ist, auch die erste Stelle bei der Veröffentlichung des Gesetzes eingenommen hat.

V. 20. Ein Mittler aber ist nicht eines einigen Mittler. Man legt dies insgemein so aus, dass für einen Mittler kein Platz sei, außer wenn eine Partei mit einer andern ein Geschäft hat. Was aber diese Aussage im Zusammenhang bedeuten soll, wird dabei nicht immer klar. Darüber hätten wir also noch genauer nachzudenken. Möglicherweise will Paulus einem gotteslästerlichen Gedanken zuvorkommen, der angesichts der Veränderung des göttlichen Planes leicht aufsteigen konnte. Man konnte ja sagen: wie die Menschen ihre Verträge zurückzunehmen pflegen, die ihnen leid sind, so ist es auch mit den Verträgen Gottes geschehen. Bei dieser Auslegung würde Paulus im ersten Satzgliede einräumen, dass bei dieser Bundesschließung freilich veränderliche und unbeständige Menschen die eine Partei bildeten; er würde aber hinzufügen, dass Gott trotzdem der eine und unveränderliche bleibt, den die Unbeständigkeit der Menschen nicht zum Wanken bringt. – Bei genauer Erwägung glaube ich doch, dass dem Apostel vielmehr der Unterschied zwischen Juden und Heiden vorschwebt. Christus ist Mittler nicht bloß eines einigen und in sich völlig übereinstimmenden Volkes, sondern für sehr verschiedenartige Gruppen. Darum aber, so will Paulus sagen, soll man doch nicht den Schluss ziehen, dass Gottes Bund sich widersprechen und mit den verschiedenen Menschen wandeln müsse. So sind die Worte klar. Wie Christus einst Gott mit den Juden versöhnt hat bei Schließung des Bundes, so ist er jetzt der Mittler auch für die Heiden. Zwischen Heiden und Juden besteht ein tiefer Unterschied: denn durch die Beschneidung und die Zeremonien ist eine Mauer zwischen sie gebaut. Jene waren Gott nahe, als die Heiden fern waren. Dennoch hört Gott nicht auf, sich gleich zu bleiben. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass Christus die, welche früher voneinander getrennt waren, zu dem einen Gott führt und macht, dass sie zu einem Leibe zusammen wachsen. Gott ist also einig, da er immer sich gleich bleibt, und was er einmal beschlossen hat, beständig und unverbrüchlich festhält.

V. 21. Ist denn das Gesetz wider Gottes Verheißungen? Haben wir einmal erkannt, wie Gottes Vorsatz feststeht und sich stetig gleich bleibt, so werden wir nicht mehr zweifeln dürfen, dass seine verschiedenen Offenbarungen einander nicht widersprechen können. Aber der Schein des Widerspruchs zwischen dem Gesetz und dem Gnadenbund muss noch beseitigt werden. Bevor aber der Apostel sachlich auf diese Frage eingeht, drückt er in einer ihm geläufigen Weise (vgl. zu 2, 17) den Abscheu aus, welchen jedes fromme Gemüt bei dem gotteslästerlichen Gedanken an solchen Widerspruch empfinden muss: Das sei ferne! Hinter dieser Wendung birgt sich aber noch ein besonderer Kunstgriff. Paulus schiebt nämlich damit seinen Gegnern das Verbrechen zu, dass sie Gott mit sich selbst in Widerspruch setzen. Steht einmal fest, dass Gesetz und Verheißungen von Gott stammen, so ist es ja eine Gotteslästerung, beide miteinander in Widerstreit zu bringen. Der Widerstreit ist aber da, wenn das Gesetz rechtfertigen soll. So wendet Paulus sehr geschickt wider die Gegner, was sie in verleumderischer Absicht ihm fälschlich zur Last legen wollten.

Wenn aber ein Gesetz gegeben wäre usw. Diese indirekte Antwort stellt noch nicht offen die Übereinstimmung zwischen Gesetz und Verheißungen fest, reicht aber hin, den Widerspruch zwischen beiden aufzuheben. Besäße das Gesetz die Kraft, den Menschen zu rechtfertigen, dann würde es allerdings wider die Verheißung streiten. Denn es gäbe dann zwei entgegengesetzte Weisen der Rechtfertigung, und gewissermaßen zwei sich widersprechende Wege, die Gerechtigkeit zu erlangen. Paulus aber spricht diese Kraft dem Gesetz ab. So ist der Widerspruch aufgehoben. Ließe sich Heil und Leben im Gesetze finden, so müsste man ja zugeben, dass es auch Gerechtigkeit schaffe. Aber davon kann doch keine Rede sein.

V. 22. Die Schrift hat alles beschlossen usw. Unter der „Schrift“ ist hier besonders das Gesetz zu verstehen. Dieses beschließt alle Sterblichen unter die Schuld, beraubt sie also vielmehr der Gerechtigkeit, anstatt sie damit zu beschenken. Die Begründung ist sehr gut: du suchst im Gesetz die Gerechtigkeit, das Gesetz selber aber, ja die ganze Schrift, lässt den Menschen nichts übrig als die Verdammnis, denn es beschuldigt alle Menschen mit ihren Werken der Ungerechtigkeit. Wer wird also aus dem Gesetz das Leben empfangen? Hinter dem allen steht natürlich die Erinnerung an das Wort (V. 12): „wer es tut, wird dadurch leben.“ Schließt uns die Schuld den Eingang ins zukünftige Leben, so werden wir ja vergeblich durch Vermittlung des Gesetzes Heil suchen. Sagt der Apostel nun „alles“, so ist dies umfassender als „alle“. Nicht bloß die Menschheit, sondern alles, was man überhaupt denken kann, erscheint darunter begriffen.

Auf dass die Verheißung käme. Es bleibt kein anderes Heilmittel, als dass wir von der Werkgerechtigkeit uns los sagen und zum Glauben an Christum unsere Zuflucht nehmen. Die Folgerung lautet ganz bestimmt: wenn die Werke vors Gericht kommen, so sind wir alle verurteilt. Also erlangen wir die Gnadengerechtigkeit durch den Glauben an Christum. Übrigens birgt dieser Satz einen sehr großen Trost: er erinnert uns daran, dass, so oft wir von unserer Verdammnis in der Schrift hören, uns Hilfe in Christo bereit steht, wofern wir nur uns zu ihm wenden. Wir sind verloren, auch wenn Gott darüber geschwiegen hätte. Warum verkündet er aber so oft unser Verlorensein? Damit wir nicht im ewigen Verderben untergehen, sondern, durch so grauenvollen Urteilsspruch niedergeschmettert und verwirrt, im Glauben Christum suchen, durch den wir vom Tode ins Leben kommen. – Die „Verheißung“, welche kommen soll, ist das verheißene Heil.

V. 23. Ehe denn aber der Glaube kam. Hier erfolgt eine genauere Erörterung der schwebenden Frage. Paulus setzt deutlich auseinander, nicht nur welche Bedeutung das Gesetz hat, sondern auch, warum es nur für eine Zeit in Geltung stand. Es wäre doch eine Ungereimtheit, dass für alle Zeiten den Juden ein Gesetz gegeben sein sollte, von welchem die Heiden gar nichts wüssten! Denn wenn es eine Kirche gibt, die aus Juden und Heiden besteht, warum sollte sie so verschieden regiert werden? Und woher sollte nun die neue Freiheit stammen und auf welches Recht sollte sie sich stützen, - wenn doch die Väter unter dem Gesetze waren? Der Unterschied, welchen der Besitz oder Nichtbesitz des Gesetzes herbeiführt, muss also von solcher Art sein, dass er die innere Einheit und Zusammenstimmung der Kirche nicht stört. Bei alledem sei noch einmal erinnert, dass Paulus unter dem „Gesetz“ nicht bloß die Zeremonien und auch nicht das Moralgesetz allein versteht: vielmehr begreift er unter diesem Titel die ganze Veranstaltung, mit welcher der Herr im alten Bunde sein Volk regierte. War doch eben dies die Streitfrage, ob diese ganze Lebensform, wie sie Moses eingesetzt hatte, zum Erwerb der Gerechtigkeit dienen konnte. Das Gesetz in diesem umfassenden Sinne vergleicht Paulus zuerst einem Gefängnis, in welchem Israel verwahrt und verschlossen ward, sodann (V. 24) einem Zuchtmeister. – Auf den Glauben hin ward Israel verwahrt und erzogen, d. h. für die volle Offenbarung dessen, was das Gesetz nur unter dunkler, schattenhafter Hülle darbot. Dass die Väter, die unter dem Gesetze lebten, überhaupt noch keinen Glauben besaßen, will Paulus damit nicht behaupten. War doch soeben (3, 8) von Abrahams Glauben die Rede. Und der Verfasser des Hebräerbriefs führt noch weitere Glaubensvorbilder an (Hebr. 11). Auch geben Moses und alle Propheten Zeugnis für die Lehre vom Glauben. Aber weil damals die Klarheit des Glaubens noch nicht so offenbar war, darum nennt Paulus die Zeit des neuen Bundes die Zeit des Glaubens, nicht schlechthin, sondern verhältnismäßig. Dass er es so meint, zeigt gerade auch der Ausdruck, dass Israel auf den Glauben hin verschlossen ward: so sollte also die Zucht des Gesetzes nicht vom Glauben ausschließen, sondern eben innerhalb der Glaubensschranken festhalten. Der Ausdruck „verschlossen“ spielt übrigens in feiner Weise auf die Wendung an (V. 22), dass die Schrift alles unter die Sünde beschlossen habe. Denn wie die Menschen von allen Seiten vom Fluch umlagert gehalten wurden, so hatten sie dieser Belagerung gegenüber einen Gewahrsam, der sie vor dem Fluch beschützte. Paulus zeigt also, dass der Gewahrsam des Gesetzes dem Geiste nach in Wahrheit befreiend war. Der Glaube aber war damals noch nicht offenbar, - nicht als ob die Väter damals gar kein Licht gehabt hätten, sondern sie besaßen nur weniger Licht als wir. Damals stellten die Zeremonien nur ein Schattenbild von Christo auf, der selbst noch ferne war: heute besitzen wir ihn in persönlicher Gegenwart. Anstatt des Spiegels, den die Alten hatten, besitzen wir heute das Wesen. Bei aller Dunkelheit des Gesetzes wussten doch die Väter wohl, wie man wandeln müsse. Denn wenn auch bei der Morgenröte nicht solche Helligkeit ist wie um den Mittag, so warten doch die Wanderer nicht auf den vollen Aufgang der Sonne, weil es ihnen genügt, wenn sie den Weg sehen können. So hatten jene einen Anteil am Licht gleich der Morgenröte, dadurch sie, vor jeder Gefahr der Verirrung sicher, zur ewigen Seligkeit geführt werden konnten.

V. 24. Also ist das Gesetz usw. Dieses zweite Gleichnis drückt den Gedanken noch deutlicher aus. Ein Zuchtmeister wird nicht für das ganze Leben gesetzt, sondern nur für die Jugendzeit. Ferner hat er bei Erziehung des Knaben dies im Auge, durch die kindlichen Anfangsgründe ihn auf Größeres vorzubereiten. Beides passt auf das Gesetz: dasselbe hatte einmal nur über ein bestimmtes Zeitalter zu gebieten, ferner brauchte es seine Schüler nur bis zu einem gewissen Punkte zu führen, von welchem aus sie nach Überwindung der Anfangsgründe nun weiterschreiten konnten, wie es dem männlichen Alter ziemt. Darum sagt der Apostel, dass das Gesetz unser Zuchtmeister auf Christum war. Wie ein Elementarlehrer seinen Zögling in die Hand eines höheren Lehrers übergibt, der ihn nun tiefer in die Wissenschaft einführt, so war das Gesetz gewissermaßen unser erster Erzieher, welcher seine Schüler nun in den Anfangsgründen unterweisen konnte und dann an die Lehre vom Glauben zur vollen Ausbildung abtreten musste. So stehen nach des Apostels Vergleich die Juden auf der Stufe der Kindheit, - wir aber sind zu kräftigem Jünglingsalter herangewachsen. Doch was ist es eigentlich, das man in der Schule des Gesetzes lernt? Zunächst überführt das Gesetz, indem es Gottes Gerechtigkeit offenbart, die Menschen der eigenen Ungerechtigkeit. Denn in den Geboten Gottes können sie wie in einem Spiegel ersehen, wie weit sie von der wahren Gerechtigkeit entfernt sind. So empfangen sie einen Anstoß, die Gerechtigkeit anderswo zu suchen. Dieselbe Aufgabe haben die an das Gesetz geknüpften Verheißungen. Hört man sie, so steigt sofort der Gedanke auf: kann man durch Werke nur dann das Heil erreichen, wenn man das Gesetz wirklich erfüllt, so wird man einen neuen Heilsweg suchen müssen. Die eigene Unvollkommenheit wird es ja nie erlauben, dass wir uns die hohen Zusagen aneignen: bei aller Anstrengung werden wir stets weit vom Ziele bleiben. Umgekehrt treiben und drängen auch die Drohungen des Gesetzes, dass man dem Zorn und Fluch Gottes zu entfliehen sucht. Sie lassen uns nicht Ruhe noch Rast, bis wir nach Christi Gnade ausschauen. Ebendahin wiesen auch alle Zeremonien. Denn was anders wollten die Opfer und Reinigungen, als das Bewusstsein des Sündenschmutzes und der Verdammnis stetig rege halten? Wie sollte aber ein Mensch, der seine Unreinigkeit vor Augen sieht und an dem unschuldigen Opfertier eine Darstellung seines Todes empfängt, noch ruhig schlafen können? Wie sollte er nicht einen Stoß empfangen, ein Heilmittel zu suchen? Ohne Zweifel vermochten die Zeremonien aber nicht bloß die Gewissen zu schrecken und zu demütigen, sondern auch wieder zum Glauben an den kommenden Erlöser emporzurichten. War doch bei allem Gepränge der Zeremonien alles, was den Augen sich darbot, gewissermaßen mit dem Stempel Christi versehen. So war denn alles in allem das Gesetz nichts anderes, als eine Summe vielgestaltiger Übungen, welche zu Christo hinleiten sollten.

Dass wir durch den Glauben gerecht würden. Paulus hat schon dem Gesetz die Vollkommenheit abgesprochen, indem er sagt, es sei der Schulzucht ähnlich. Es würde aber die Menschen zur Vollkommenheit führen, wenn es ihnen Gerechtigkeit brächte. Was bleibt nun übrig, als dass der Glaube an seine Stelle tritt? Er tut dies aber, indem er uns, die wir der eigenen Gerechtigkeit bar sind, mit der Gerechtigkeit Christi umkleidet. So erfüllt sich jenes Wort: „Die Hungrigen füllt er mit Gütern“ (Luk. 1, 53).

V. 25. Nun aber der Glaube kommen ist. Was es heißt, dass der Glaube kommt, haben wir bereits dargelegt: es kommt eine völligere Offenbarung der Gnade, nachdem der Vorhang des Tempels zerrissen ist. Und wir wissen, dass dies bei Christi Erscheinung geschah. Darum sagt Paulus, dass mit dem Anbruch des Reiches Christi die Kinderzeit vorüber ist, während welcher der Zuchtmeister herrschte. Das Gesetz hat seine Schuldigkeit getan: weil es nur auf Christum vorbereiten soll, ist seine Zeit vorüber. Fragt man nun, ob das Gesetz so abgeschafft ist, dass es uns nichts mehr angeht, so antworte ich: Das Gesetz, soweit es eine Regel ist für ein gutes Leben, ein Zügel, der uns in Gottesfurcht festhält, und ein Stachel zur Besserung der Schwachheit unseres Fleisches, endlich soweit es nütze ist zur Lehre, zur Besserung, zur Strafe, sowie dass die Gläubigen zu allem guten Werk geschickt werden, gilt heute nicht weniger als ehemals und bleibt unberührt. Inwiefern ist es denn abgeschafft? Wir sagten schon, dass Paulus vom Gesetz hier in seiner ganz besonderen Eigentümlichkeit redet. Diese Eigentümlichkeit besteht eben darin, dass es Lohn und Strafe für unsere Werke festsetzt, seinen Tätern also das Leben verheißt, die Übertreter dagegen verflucht, dabei die höchste Vollkommenheit und unverbrüchlichen Gehorsam von dem Menschen verlangt, nichts nachlässt oder vergibt, sondern jeden geringsten Irrtum anrechnet, Christus und seine Gnade nicht offenbar zeigt, sondern nur von ferne andeutet, und zwar gleichsam von den Zeremonien umhüllt. Alle diese besonderen Eigenschaften des Gesetzes, so lehrt Paulus, sind abgeschafft: soweit des Moses Amt sich nach dem äußeren Anschein vom Bunde der freien Gnade unterscheidet, hat es sein Ende erreicht.

V. 26. Denn ihr seid alle Gottes Kinder. Noch auf einem anderen Wege beweist der Apostel, dass das Gesetz unmöglich mehr die Gläubigen dauernd in Fesseln schlagen darf: er erinnert an ihre Gotteskindschaft. Könnte er nicht auf diesen Stand der Freiheit hinweisen, welchen die Gotteskindschaft mit sich bringt, so würde die Behauptung, dass das Kindesalter hinter uns liegt, wenig bedeuten: wir könnten ja auch als Sklaven herangewachsen sein. Aber durch den Glauben an Christum Jesum werden wir freie Gotteskinder.

V. 27. Wie viel euer auf Christum getauft sind. Je größer und herrlicher unsere Gotteskindschaft ist, desto ferner liegt sie unserem irdischen Verstehen und Begreifen. So sieht sich denn der Apostel zu einer genaueren, wenn auch kurzen Beschreibung unserer Gemeinschaft mit dem Sohne Gottes veranlasst, kraft deren uns zu eigen wird, was Christo gehört: wir haben Christum angezogen. So ist Christus wie ein Kleid gedacht, welches die Gläubigen umgibt, sodass sie nun vor Gottes Angesicht gelten, als wären sie nicht mehr sie selbst, sondern Christus. Dies Bild eines Gewandes ist auch sonst geläufig (vgl. Röm. 13, 14). Bedenklich erscheint freilich die Aussage, dass die Galater ohne weiteres dadurch, dass sie getauft wurden, Christum sollen angezogen haben. Denn daran fehlt doch viel, dass die Taufe bei jedermann sich wirksam erwiese. Auch wäre es ungereimt, die Gnadengabe des heiligen Geistes ohne alles Weitere an das äußere Zeichen gebunden zu denken. Nach alledem scheint unser Wort sowohl gegen die sonstige Lehre der Schrift als auch gegen die Erfahrung zu streiten. Indessen haben wir zu bedenken, dass Paulus von den Sakramenten auf zweierlei Weise redet. Hat er es mit Heuchlern zu tun, die mit den bloßen Zeichen sich brüsten, so redet er, als wäre das äußere Zeichen leer und nichtig und fährt gegen ein trügerisches Vertrauen scharf drein. Dabei schwebt ihm dann nicht die göttliche Einrichtung vor, sondern das verkehrte Ding, welches ein unfrommer Sinn daraus gemacht hat. Spricht der Apostel aber zu Gläubigen, welche die Sakramente in rechter Weise gebrauchen, so denkt er mit dem Zeichen auch das bezeichnete Wesen zusammen. Dann ist ihm das Sakrament weit mehr, als ein äußeres Schaugepräge: die Sache selbst erscheint hinter der sinnbildlichen Darstellung. Sollte nun jemand die Frage aufwerfen, ob also nicht menschliche Schuld es dahin bringen könne, dass das Sakrament nicht mehr ist, was es darstellt, - so ist die Antwort leicht: es wird den Sakramenten durch die Gottlosen von ihrer Natur und Kraft nichts genommen, obgleich sie selbst gar keine Wirkung derselben empfinden. Denn die Sakramente bieten den Guten wie den Bösen Gottes Gnade an, und ihre Verheißung der Gnade des heiligen Geistes ist nicht trügerisch. Die Gläubigen empfangen das Dargebotene wirklich. Die Gottlosen bewirken zwar durch ihr Widerstreben, dass ihnen das Dargebotene nichts nützt; aber sie können nichts daran hindern, dass Gott treu ist und die Bedeutung des Sakraments wahrhaftig. Darum sagt Paulus mit Recht zu den Gläubigen, dass sie Christum in der Taufe angezogen haben. So sagt er auch im Römerbrief, dass wir samt ihm zu gleichem Tode gepflanzt worden sind, damit wir auch seiner Auferstehung gleich sein sollen (6, 5). So erscheint, was nur Gottes Kraft vermag, nicht den Sakramenten zugeschrieben: und doch bleibt den Sakramenten ihre Kraft, sodass sie niemand für leere und inhaltlose Schaustellungen halten darf. Zugleich wird klar, wie sündhaft die Undankbarkeit der Menschen ist, die Gottes heilsame Ordnungen nicht nur um ihre Wirkung bringen, sondern auch zum eigenen Verderben verkehren.

V. 28. Hier ist kein Jude noch Grieche. Paulus will sagen, dass die äußere Stellung und die Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Volke nichts mehr bedeutet. Und auch die Beschneidung wiegt nicht schwerer, als der Unterschied zwischen Mann und Weib oder die soziale Lage. Alle denkbaren Unterschiede gleich die Gemeinschaft mit dem einen Christus aus. Darum heißt es: ihr seid allzumal Einer in Christo Jesu. So hängt Gotteskindschaft und Heilshoffnung nicht mehr an der Beobachtung des Gesetzes, sondern allein an Christus, der alles ist. Spricht übrigens Paulus von den „Griechen“, so nennt er dieselben beispielsweise: gemeint sind die Heiden überhaupt.

V. 29. So seid ihr ja Abrahams Same. Dieser Zusatz sagt nicht, dass ein Sohn Abrahams sein mehr ist als ein Glied Christi sein, sondern schlägt den Stolz der Juden nieder, die sich ihres Vorrechtes rühmten, als wären sie allein Gottes Volk. Sie besaßen keinen größeren Vorzug als die Abstammung von Abraham. Darum erkennt Paulus gerade diesen Vorzug allen zu, die an Christum glauben. Diese Folgerung wird aber dadurch möglich, dass Christus jener gesegnete Same ist, in dem alle Kinder Abrahams vereinigt werden, wie der Apostel (V. 16) dargelegt hatte. Dass es aber so ist, ergibt sich aus dem ganz allgemeinen Angebot des göttlichen Erbes. So ist es die Verheißung, um deren willen uns das Erbe gehört. Zu dieser Verheißung – das wollen wir uns zuletzt noch einprägen – muss also der Glaube ein Verhältnis gewinnen.

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