Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 1.

Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Kapitel 1.

V. 1. Paulus, ein Apostel. Wir haben zu Röm. 1, 1 ausgeführt, dass Paulus bei den Eingangsgrüßen sich den Apostelnamen beizulegen pflegt, damit der Hinweis auf seine persönliche Stellung das Gewicht seiner Lehre verstärke. Nun hängt aber das Ansehen seiner Person nicht von dem Urteilsspruch der Menschen, sondern allein von der Berufung Gottes ab. Also gibt ihm sein Apostelamt ein Anrecht auf Gehör. Es bleibt beständig zu beachten, dass man in der Kirche auf Gott allein zu hören hat, und auf Jesum Christum, den er als Lehrer eingesetzt. Wenn also irgendjemand ein Lehramt bekleiden will, so muss er sich mit dem Namen Gottes oder Christi decken. Nun waren aber bei den Galatern die Meinungen über den apostolischen Beruf des Paulus ziemlich geteilt: darum redet er hier viel ausführlicher davon, als in den anderen Briefen. Paulus betont nicht bloß, dass er von Gott berufen ward, sondern mit besonderem Nachdruck auch umgekehrt, dass seine Berufung von keinem Menschen ausging. Dabei erscheint beachtenswert, dass nicht vom Hirtenamt im Allgemeinen, sondern vom Apostelamt die Rede ist. Das wagten die Verleumder nicht, ihm die Ehre des Predigtamtes gänzlich abzusprechen, sie beraubten ihn nur des Titels und Vorrechtes eines Apostels. Natürlich handelt es sich um einen Apostel im eigentlichen, nicht in jenem allgemeineren Sinne, in welchem das Wort auch einmal einen Prediger des Evangeliums überhaupt bezeichnen kann. Paulus beansprucht für sich den Besitz des obersten Amtes in der Kirche, in welchem er mit Petrus und den übrigen Zwölfen ganz auf gleicher Stufe steht.

Will er nun nicht von Menschen berufen sein, so trifft ja freilich dies erste Glied seiner Aussage bei allen wahren Dienern Christi zu. Wie niemand sich eine Ehre nehmen darf, so steht es auch nicht in der Menschen Macht, solche Ehre nach Belieben jemandem anzutragen. Weil es allein Gottes Sache ist, seine Kirche zu regieren, so kann auch nur eine Berufung von ihm gültig sein. Mag jemand vonseiten der Kirche noch so ordnungsgemäß berufen sein, so kann er dennoch in schändlicher Begierde und nicht mit einem guten Gewissen sein Amt erlangt haben. Demgegenüber spricht Paulus hier von dem unverfälschten göttlichen Siegel seiner Berufung, an der nichts auszusetzen ist. Aber – so heißt es – sehen wir nicht auch die falschen Apostel sich oft damit brüsten? Freilich, und obendrein mit weit mehr Anmaßung und Nachdruck, als es Gottes Knechten je in den Sinn kommen würde. Und doch: gerade die Sache selbst fehlte ihnen, welche Paulus vor aller Augen hinstellen konnte.

Das zweite Glied, dass Paulus auch nicht durch einen Menschen berufen ward, bezeichnet nun erst den eigentlichen Vorzug eines Apostels. Ein gewöhnlicher Diener und Leiter der Gemeinde konnte ordnungsgemäß ganz wohl durch Menschen eingesetzt sein, wie ja auch Paulus und Barnabas in jeder Stadt Älteste wählen ließen (Apg. 14, 23), und Titus und Timotheus den gleichen Auftrag empfangen (Tit. 1, 5). Man kann ja nicht erwarten, dass Gott jedes Mal durch eine Offenbarung vom Himmel bekannt gibt, wen er erkoren. Warum weist dann aber Paulus etwas so weit von sich, das nicht nur nicht übel, sondern sogar löblich ist? Ich habe es schon ausgesprochen, dass es ihm nicht genügte, sich als einen Hirten, oder als ein gewöhnliches Glied in der Reihe der Diener des Evangeliums zu beweisen. Denn es handelte sich um das Apostelamt. Eine gehörige Apostelwahl aber musste anders als die der Hirten vor sich gehen, nämlich unmittelbar vom Herrn selber, wie Christus selber die Zwölf berief (Mt. 10, 1). Aus dem Grunde wagte die Gemeinde bei der Ersatzwahl für Judas nicht unter Abstimmung zu wählen, sondern nahm ihre Zuflucht zum Lose (Apg. 1, 26). Gott selber sollte die Wahl für den Apostelkreis treffen. Paulus will sich also von der allgemeinen Schar der Diener am Wort unterscheiden. Darum legt er den Nachdruck auf die Unmittelbarkeit seiner Berufung von Gott. – Aber wie kann er in Abrede stellen, durch Menschen berufen zu sein, da doch Lukas (Apg. 11, 22. 26; 13, 1 ff.) berichtet, dass er mit Barnabas von der Gemeinde zu Antiochia berufen ward? Einige erwidern hierauf, dass er schon vorher das Apostelamt verwaltet habe: darum sei jene Bestallung nicht die eigentliche Grundlage desselben gewesen. Doch kann man dem wieder entgegenhalten, dass doch Gott damals erst für die Heiden, zu denen die Galater gehörten, einen Apostel bestimmt habe. Es ist darum richtiger anzunehmen, Paulus habe hier die Berufung seitens der Gemeinde gar nicht ausschließen, sondern nur zeigen wollen, dass sein Apostelamt doch noch auf einem tieferen und festeren Grunde ruhte. Das entspricht auch den Verhältnissen, denn die Brüder in Antiochien haben dem Paulus nicht nach eigenem Entschluss die Hände aufgelegt, sondern auf Geheiß einer göttlichen Anweisung. Er ist also vermittelst einer Offenbarung durch Gott berufen und darauf von dem heiligen Geist zum Heidenapostel bestimmt und feierlich erklärt worden: demgemäß ist er nicht durch Menschen eingeführt, mag auch eine Bestallung durch die Gemeinde noch hinzugekommen sein. – Im Übrigen wird man daran denken dürfen, dass Paulus hier einen Gegensatz zu den falschen Aposteln, die sich menschlicher Namen rühmten, zu spöttischem Ausdruck bringen will: mögen jene mit den Namen derjenigen prahlen, welche sie ausgesandt haben, ich stehe doch entschieden über ihnen, denn ich habe meinen Auftrag von Gott und Christo!

Durch Jesum Christum und Gott den Vater. Von Gott dem Vater und Christo stammt des Paulus Apostelamt. Christum nennt er zuerst, weil die Sendung zunächst von ihm ausgeht, und wir unsere Mission für ihn erfüllen. Aber der Vollständigkeit wegen nennt er auch den Vater; denn sollte jemandem die Majestät Christi als nicht genügend vorkommen, der bedenke, dass dem Apostel sein Amt auch von Gott dem Vater auferlegt ward.

Der ihn auferweckt hat von den Toten. Mit Bedacht wird hier die Auferstehung erwähnt: sie ist der Anfang des Königreiches Christi. Hielt man den Apostel darum für nichts, weil er auf Erden nicht mit Christo verkehrt hatte, so behauptet er selbst ganz im Gegenteil: wie Christus durch die Auferstehung in den Stand der Herrlichkeit erhoben ward, so hat er damit auch erst angefangen, mit göttlicher Macht seine Kirche zu regieren. Das gibt der Berufung Pauli eine höhere Würde, als wenn er noch zu Lebzeiten von Christo eingesetzt wäre. Dieser Umstand erscheint besonders bemerkenswert: denn Paulus gibt durch diesen Hinweis zu verstehen, dass seine neidischen Gegner im Grunde gegen die wunderbare Gotteskraft in Christi Auferstehung ankämpften, wenn sie ihn nicht gelten lassen wollten, welcher als Herold dieser in Christi Auferweckung sich verklärenden Gotteskraft vor ihnen stand.

V. 2. Und alle Brüder, die bei mir sind. Pflegt Paulus sonst nur am Ende seiner Briefe die Grüße mehrerer Genossen auszurichten oder im Eingang höchstens einmal zwei seiner bekannteren Mitarbeiter zu nennen (1. und 2. Thess. 1, 1), so schreibt er hier im Namen vieler: schien er allein zu unbedeutend, so sollte man wenigstens eine größere Anzahl von Brüdern nicht verächtlich bei Seite schieben.

Den Gemeinden in Galatien. In der weit zerstreuten Gegend gab es mehrere Gemeinden. Aber verdienten die Galater, welche fast von Christo und damit von der Einheit des Glaubens abgefallen waren, noch den Namen einer Gemeinde Christi? Ich antworte, dass immerhin noch Spuren einer Gemeinde übrig geblieben waren: es gab noch Bekenntnis des Christentums, Anrufung des einen wahren Gottes, Gebrauch der Sakramente, und immerhin noch einen Dienst am Wort. Die volle Reinheit, wie wir sie wünschen müssen, findet sich ja nur selten in der Kirche. Auch eine verhältnismäßig reine Gemeinde wird immer ihre Gebrechen haben, - andere Gemeinden tragen nicht nur Flecken an sich, sondern erscheinen tief zerrüttet. Wir dürfen uns also an den Fehlern in der Lehre und im Leben nicht in der Weise stoßen, dass wir irgendeiner Versammlung, in welcher nicht alles nach unserem Geschmack ist, sofort den Namen der Gemeinde Jesu verweigern. Wir können hier in der Milde von Paulus viel lernen; was aber nicht ausschließt, dass man nichts desto weniger das Böse, was sin in solchen fehlerhaften Gemeinden Christi findet, verurteilt.

V. 3. Gnade sei mit euch und Friede. Betreffs dieses Grußes verweisen wir auf die Ausführungen zu Röm. 1, 7. Hier nur die Bemerkung: Paulus wünscht den Galatern die Gnade Gottes, und ferner alles Gute, denn nur aus dem Wohlwollen Gottes fließt uns der glückliche Erfolg in allen Dingen zu. Beides erbittet er zugleich vom Vater und von Christo, weil es außer Christo weder Gnade noch irgendeinen gesegneten Fortgang gibt.

V. 4. Der sich selbst für unsere Sünden gegeben hat. Gleich in den ersten Zeilen des Briefes begegnet uns diese Empfehlung der Gnade Christi: denn Paulus will die Galater zu Christo zurückführen und bei ihm festhalten. Hätten sie diesen Segen der Erlösung recht bedacht, so wären sie überhaupt niemals auf fremdartige Zeremonien und Gebräuche verfallen. Wer Christum recht kennt, ergreift ihn aus allen Kräften und umfängt ihn mit beiden Armen; er begehrt außer ihm selbst gar nichts. Es gibt daher kein besseres Mittel, unseren Sinn von jedweder Art von Irrtum und Aberglauben zu befreien, als dass wir uns ins Gedächtnis rufen, was Christus uns ist und was er uns gebracht hat. Denn wahrlich, nichts Geringes enthalten diese Worte: der sich selbst für unsere Sünden gegeben hat! Paulus stellt damit den Galatern vor Augen, dass man nirgendwo anders die Sühne für die Sünden und die vollkommene Gerechtigkeit suchen könne als in Christo, weil er sich dem Vater zum Opfer angeboten hat; dass es bei der Größe dieses Opfers eine Sünde sei, ihm irgendeine andere Genugtuung an die Seite stellen zu wollen, dass endlich diese Erlösung so hoch steht, dass sie uns ganz zur Anbetung hinreißen sollte. Sein Tod ist eine Genugtuung für unsere Sünden.

Dass er uns errettete zeigt das Ziel der Erlösung: Christus hat uns durch seinen Tod zu seinem Eigentum erworben. Diese Besitznahme wird aber vollzogen, wenn wir uns von der Welt scheiden; denn solange wir noch aus der Welt sind, gehören wir nicht zu Christo. Das Wort Welt bedeutet hier das Verderben, das in der Welt ist; wie es z. B. 1. Joh. 5, 19 heißt: „die ganze Welt liegt im Argen“. In einem anderen Sinne steht das Wort jedoch Joh. 17, 15: „Ich bitte nicht, dass du sie von der Welt nehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Übel“. Hier bedeutet es einfach das jetzige Erdenleben. – An unserer Stelle haben wir also unter „Welt“ schließlich die Menschen zu verstehen, welche fern vom Reiche Gottes und der Gnade Christi sind. Denn solange ein Mensch sich selbst lebt, ist er ganz in der Verdammnis. Welt und Wiedergeburt sind Gegensätze, wie Natur und Gnade, Fleisch und Geist. Und so haben denn die, welche aus der Welt geboren sind, nur Sünde und Bosheit, und zwar nicht durch die Schöpfung, sondern durch die Sünde. Darum wollte uns Christus, als er für unsere Sünden starb, von der Welt loskaufen, ja absondern. Redet aber der Apostel von einer argen Welt, so gibt er damit zu verstehen, dass ihm nicht Gottes ursprüngliche Kreatur oder die irdische Existenz an sich vorschwebt, sondern die sündige Verkehrung. So schlägt er denn freilich mit diesem einen Wort wie mit einem Blitzstrahl allen menschlichen Stolz zu Boden. Er bezeugt uns, dass in uns ohne die Erneuerung durch die Gnade Christi nichts als lauter Verkehrtheit sich findet. Wir stammen von der Welt, leben ihr und lassen uns von ihr beherrschen, wenn uns nicht Christus herausreißt. Das wollen die Menschen allerdings oft selbst nicht eingestehen: uns aber ist es genug, dass des Herrn Mund durch den Apostel uns ein solches Urteil spricht.

Nach dem Willen Gottes. Damit weist Paulus auf die oberste Quelle der Gnade hin, nämlich auf den Ratschluss Gottes. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab (Joh. 3, 16). Im Besonderen wollen wir aber beachten, dass Paulus immer dann von Gottes Ratschluss redet, wenn es gilt, menschliche Genugtuung und Verdienst auszuschließen. Gottes Wille ist sein Wohlgefallen. Die Worte besagen also, dass Christus nicht deshalb für uns gelitten hat, weil wir es wert gewesen oder weil wir etwas herzu gebracht hätten, was ihn dazu hätte reizen können, sondern allein deshalb, weil dies Gottes Plan war.

Die Schlussworte: Gottes und unsers Vaters könnte man umschreiben mit: Gottes, welcher unser Vater ist.

V. 5. Welches sei Ehre. Plötzlich wird die Rede zum Lobpreis, um unsere Sinne zur Betrachtung dieser unschätzbaren Wohltat Gottes emporzuheben. So wird die Empfänglichkeit für die folgende Ansprache vertieft. Im Allgemeinen entnehmen wir aber hier die Erinnerung, dass jeder Gedanke an Gottes Erbarmen uns zu Lob und Preis stimmen muss.

V. 6. Mich wundert, dass usw. Der Tadel, mit welchem der Apostel nunmehr anhebt, fällt immer noch milder aus, als die Galater verdienten. Denn den Hauptschlag will Paulus lieber für die falschen Apostel aufsparen, wie wir alsbald sehen werden. Die Anklage lautet auf Abfall, nicht nur von des Apostels Lehre, sondern von Christo: denn man kann an Christo nicht mehr ernsthaft festhalten, wenn man nicht rund und klar anerkennt, dass seine Heilandstat uns von der Knechtschaft des Gesetzes befreit hat. Der Zwang zum Zeremoniendienst, welchen die Lügenapostel aufrichteten, schlug Christo ins Gesicht. So ließen sich die Galater von Christus abwenden, - nicht als ob sie das Christentum überhaupt wegwerfen wollten, sondern weil bei solcher Verkehrung der Wahrheit ihnen nur ein Schein-Christus blieb. Licht und Finsternis lassen sich eben nicht mischen. Eben dies will Paulus auch sagen, wenn er behauptet, dass die Galater auf ein ander d. h. auf ein vom wahren abweichendes Evangelium sich wenden. Mochten die Lügenapostel auch vorgeben, das Evangelium Christi zu predigen, so brachten sie es doch mit ihren selbstersonnenen Beimischungen um seine eigentliche Kraft, trugen also in der Tat ein falsches, verderbtes und verkehrtes Evangelium vor. Mit Vorbedacht sagt der Apostel in der Gegenwartsform: ihr lasset euch abwenden. Der Abfall vollzieht sich also erst und ist noch nicht bis zu jenem abschließenden Punkte gelangt, von welchem eine Rückkehr fast unmöglich erscheint. Also jetzt gilt es umzukehren, ehe es zu spät wird. – Andere übersetzen: „dass ihr euch abwenden lasset von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi“, und denken dabei an Gott. Unsere Übersetzung aber erscheint einfacher1). – Die Erinnerung daran, dass Christus die Galater in Gnaden berufen, lässt ihren Abfall umso hässlicher und undankbarer erscheinen. Ein Abfall von Gott ist an und für sich schon etwas Unwürdiges und Schändliches, aber noch viel abscheulicher ist der Abfall von dem, der uns in Gnaden zum ewigen Heil berufen hat. Seine Güte gegen uns undankbare Menschen macht das Vergehen noch unentschuldbarer.

Auch dass die Galater sobald sich abwenden ließen, rückt ihre Unbeständigkeit in eine sehr ungünstige Beleuchtung. Allerdings ist es zu keiner Zeit passend, von Gott abzufallen. Besonderen Tadel aber verdienten die Galater, weil sie der Verführung nachgaben, sobald Paulus den Rücken gekehrt. (*)) V. 7. Was doch nichts anderes ist, als dass usw. Andere übersetzen: „so doch kein anderes ist“. Diese Wendung würde im Hinblick auf die soeben gefallene Rede von einem anderen Evangelium dem Missverständnis wehren, als könne es ein anderes Evangelium überhaupt geben. Ich glaube dagegen, dass der Apostel wegwerfend von der Lehre der Lügenapostel sagen will, dass sie nichts anderes ist als Anlass zu Unruhe und Zerrüttung. Er gibt zu verstehen: was können euch eigentlich diese Menschen bringen? was haben sie für einen Grund, so gegen meine Lehre anzukämpfen? Sie können doch tatsächlich weiter nichts, als euch verwirren und das Evangelium auf den Kopf stellen! Natürlich liegt darin auch, dass ihr so genanntes Evangelium seinen Namen mit Unrecht führt.

Wollen das Evangelium Christi verkehren. Ein weiteres ganz furchtbares Verbrechen! Nicht bloß etwas verdreht, sondern völlig verkehrt wird ja das Evangelium, wo man die Kraft der Rechtfertigung anderswo sucht, als bei Christo, und so den Gewissen einen Strick dreht. Wer dieses Hauptstück des Evangeliums antastet, wird zum völligen Verstörer. „Evangelium Christi“ sagt der Apostel entweder, weil dasselbe Christo angehört und von ihm seinen Ursprung hat, oder weil es Christum rein und klar vor unsere Augen stellt. In jedem Fall soll aber der Zusatz sagen, dass es sich hier um das allein wahre und unverfälschte Evangelium handelt.

V. 8. Aber so auch wir usw. Mit größtem Nachdruck behauptet Paulus nunmehr die alleinige Wahrheit der von ihm vorgetragenen Lehre. Dabei sucht er aber nicht blinde Unterwerfung, sondern klare Erkenntnis zu erzielen. Freilich hält er seine Predigt für so gewiss und glaubwürdig, dass er einen Fluch über alle schleudert, welche es wagen würden, derselben zu widersprechen. Aber er scheut sich nicht, mit seiner eigenen Person den Anfang zu machen. Damit bricht er jeder Verleumdung die Spitze ab. Nun durfte niemand mehr sagen: du willst, dass man alles annehmen soll, was du sagst, lediglich deshalb, weil es von dir herkommt. Denn der Apostel zeigt ganz deutlich, dass es ihm nicht um seine Person geht: er spricht vor allem sich selbst das Recht ab, sich wider seine Lehre aufzulehnen. Auf diese Art beugt er die anderen nicht unter sich, sondern, wie es recht ist, jedermann und dazu sich selbst unter das Wort Gottes. Um aber die Irrlehrer mit noch größerer Wucht niederzuwerfen, steigt er bis zu den Engeln hinauf, und gebietet nicht nur einfach, auf sie nicht zu hören, falls sie etwas anderes bringen, sondern spricht für diesen Fall sogar den Fluch über sie aus. Diese Herbeiziehung der Engel könnte auf den ersten Blick lächerlich scheinen: und doch ist sie wohlbegründet. Freilich setzt der Apostel damit einen unmöglichen Fall: denn ein Engel vom Himmel kann nie etwas anderes verkündigen, als Gottes Wahrheit. Aber Paulus schlägt mit dieser Wendung alle Ansprüche menschlich hoher Namen nieder, wenn er sich selbst durch Engel in seiner Gewissheit nicht will erschüttern lassen. So können wir im fröhlichen Vertrauen auf das Wort der göttlichen Majestät uns auch richtend über die Engel erheben! – Heißt es endlich: der sei verflucht, so werden wir hinzuzudenken haben: für euch.

V. 9. Wie wir jetzt gesagt haben, so sagen wir auch abermal. Damit wiederholt die Rede im Allgemeinen, was sie mit besonderer Beziehung bereits ausgesprochen: keine Menschenseele hat das Recht, den Galatern etwas anderes anzubieten, als was sie von Paulus gelernt hatten. Wir beachten den ausdrücklichen Hinweis, dass die Leser das Evangelium empfangen haben. Es handelt sich also nicht um eine unbekannte, ungreifbar in der Luft schwebende Größe: bestimmt und klar haben sie Christi wahres Evangelium in Händen. Mit bloßen Einbildungen ist ja dem Glauben nicht gedient. Wer ein von dieser bekannten Wahrheit abweichendes Evangelium bringt, soll als ein Teufel und Verführer gelten. Und anders predigt man das Evangelium bereits, wenn man ihm fremdartige Zusätze beimischt. So taten es aber die Lügenapostel, deren Lehre ja nicht als ausdrücklicher Gegensatz gegen das Evangelium gemeint war. Und ebenso steht es mit den Papisten, die uns immer die kindische Ausflucht entgegenhalten, dass sie das Evangelium nur mit ihren Traditionen ergänzen wollen. Als ob nicht eben damit ganz fremde und abführende Elemente hinzukämen!

Bisher hat der Apostel seine Predigt mit aller Zuversicht gepriesen, im Folgenden legt er dar, dass er das mit gutem Recht und nicht mit eitler Aufgeblasenheit getan. Er bringt zu dem Zweck zwei Gründe, - zunächst einen aus seiner Gemütsstimmung heraus: ich habe mich nicht in eitlem Ehrgeiz oder um zu schmeicheln, Menschen anbequemt. Eigentlich durchschlagend wirkt aber erst der zweite: ich bin nicht selbst der Urheber des Evangeliums, sondern ich habe es von Gott empfangen und von Hand zu Hand treulich weitergegeben.

V. 10. Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zu Dienst? Hier redet Paulus noch nicht von dem Inhalt seiner Predigt, sondern von der Stellung seines Herzens, nach welcher er lieber auf Gott als auf Menschen Rücksicht nimmt. Allerdings entspricht auch die Lehre der Gemütsrichtung des Lehrers; denn wie einerseits durch Ehrgeiz, Habsucht oder irgendeine sündliche Begierde die Lehre verdorben wird, so bewirkt andererseits ein aufrichtiges Gewissen, dass die reine Wahrheit erhalten bleibt. Weil sich der Apostel nun nicht nach Menschen gerichtet hat, so darf uns das wohl einen Schluss auf die Gesundheit seiner Lehre nahe legen.

Oder gedenke ich Menschen gefällig zu sein? Dieser zweite Satz unterscheidet sich lediglich insofern von dem vorigen, als er uns den tieferen Grund aufdeckt: wer Menschen gefallen will, wird ihnen eben auch zu Dienst predigen. Wo aber dieser Ehrgeiz in unseren Herzen die Herrschaft hat, dass wir unsere Worte nach dem Wohlgefallen der Menschen einzurichten trachten, da können wir unmöglich lautere Lehrer sein. Von diesem Fehler frei und unberührt zu sein, darf Paulus nun bezeugen. Die Frageform zeugt dabei von besonderer Zuversicht. Es ist, als wollte sie den Gegner geradezu herausfordern, ob er etwas dagegen sagen könne. Welch ein gutes Gewissen über seine Amtsführung musste Paulus haben, dass er solche Sprache führen durfte, ohne einen Vorwurf fürchten zu müssen!

Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht. Ein denkwürdiger Satz: die Ehrgeizigen, welche um die Gunst der Menschen buhlen, können nicht Christo dienen. Paulus redet aber ganz persönlich, weil er ja die Bekehrung von Menschendienst zum Gehorsam Christi an sich selbst erfahren hat und somit seinen früheren Lebenszustand mit dem jetzigen vergleichen kann. Er hatte die höchste Achtung genossen und fand weit und breit großen Beifall: er hätte also sein Leben nicht zu verändern brauchen, wenn ihm an der Menschen Wohlgefallen gelegen gewesen wäre. So ergibt sich denn hier die allgemeingültige Lehre: wer Christo treulich dienen will, darf auf Menschengunst nichts geben. Dabei will freilich das Wort „Menschen“ noch genauer erwogen sein. Denn darauf sollen Christi Diener gewiss nicht ausgehen, geflissentlich allen Menschen zu missfallen. Vielmehr gilt es, zu unterscheiden. Leuten, welche Gefallen an Christo haben, sollen wir auch in Christo zu gefallen trachten. Leuten aber, welche ihre Neigungen über die wahre Lehre gesetzt zu sehen wünschen, dürfen wir durchaus nicht willfahren. So bleibt freilich frommen und rechtschaffenen Pastoren immer dieser Kampf, dass sie es für nichts achten müssen, Leute vor den Kopf zu stoßen, die immer durchaus auf ihrem Willen bestehen. An solchen Gleißnern und gottlosen Leuten wird es ja in der Kirche nie mangeln, welche ihren Willen über das Wort Gottes stellen. Und auch gut gesinnte Christen werden zuweilen vom Teufel in Versuchung geführt, dem Seelsorger wegen seiner nötigen Erinnerung zu zürnen, sei es aus Unwissenheit, sei es durch irgendeine Voreingenommenheit. So ist es unsere Pflicht, keinen Anstoß zu scheuen, - wenn wir nur nicht schwache Gemüter durch unser Auftreten Christo entfremden.

V. 11. Ich tue euch aber kund. Jetzt erst folgt der Hauptbeweis, auf welchem alles ruht: Paulus hat das Evangelium nicht von Menschen empfangen, sondern durch Gottes Offenbarung. Um jeden Widerspruch gegen diese Behauptung zum Schweigen zu bringen, lässt sich der Apostel auf einen erläuternden Beweis ein, der einfach in Erzählung der Tatsachen besteht. Um aber diesem Bericht ein erhöhtes Gewicht zu verschaffen, schickt Paulus – ganz dem Ernst des Gegenstandes angemessen – voran, dass er nicht von ungewissen Dingen redet, sondern von einem Gegenstande, welchen zu vertreten er völlig bereit ist. Das von ihm gepredigte Evangelium ist nicht menschlich, weil es nicht nach Menschen schmeckt und nicht von Menschen zubereitet ward. Zum Beweis dafür fügt er sogleich hinzu, dass er nicht von einem irdischen Lehrer unterwiesen worden ist.

V. 12. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen. Ist denn dessen Ansehen geringer, der durch den Dienst eines Menschen sich unterweisen lässt, ehe er selbst lehrt? Das nicht, aber man muss bedenken, mit welchen Erfindungen die falschen Apostel den Paulus angriffen, dass er ein verstümmeltes und verfälschtes Evangelium von einem untüchtigen oder wenigstens unbekannten Lehrer empfangen habe und das schlecht verstandene jetzt mit Unbedacht weiter gebe. Hingegen rühmten sie sich als Jünger der höchsten Apostel, deren innerste Gedanken sie voll verstanden hätten. So musste denn Paulus, um der ganzen Welt seine Lehre entgegen zu stellen, dies zur Stütze gebrauchen, dass sie ihm von Gott geoffenbart sei und nicht durch den Unterricht eines Menschen übergeben. Sonst wäre er niemals gegen die Verleumdungen der falschen Apostel sicher gewesen. Gegen den Einwurf, er sei doch von Ananias (Apg. 9, 10 ff.) belehrt worden, ist die Antwort leicht. Denn nichts steht dem im Wege, dass Gott auf der einen Seite den Apostel innerlich durch Offenbarungen belehrt, und andererseits, um dem Predigtamt seine Ehre zu lassen, eines Menschen Hilfe bei seiner Belehrung gebraucht hat. Ähnlich beobachteten wir schon oben (zu 1, 1), dass Paulus unmittelbar durch Gottes Erleuchtung berufen, und doch auch durch der Menschen Wahl und feierliche Einsetzung zum Amte verordnet ward: beides widerspricht sich durchaus nicht.

V. 13. Denn ihr habt ja wohl gehört usw. Diese ganze Erzählung dient der Beweisführung. Paulus erwähnt die feindselige Richtung seines ganzen früheren Lebens gegen das Evangelium, um zu folgern: also ist die Bekehrung durch Gott zustande gekommen. Und zwar nennt er Zeugen wie für eine ganz offenbare Sache, damit, was er sagt, gegen allen Zweifel festgestellt werde. Sagt er (V. 14), dass er im Judentum zunahm über viele meines Gleichen, so denkt er dabei an seine Altersgenossen, denn eine Vergleichung mit älteren würde nicht passen. Unter dem väterlichen Gesetz versteht er nicht jene Zusätze, durch die man das göttliche Gesetz entstellt hatte, sondern das Gesetz Gottes selbst, in welchem er von Kindheit an erzogen worden, und das er von Eltern und Großeltern von Hand zu Hand empfangen hatte. Da er den väterlichen Gebräuchen sehr zugetan war, war für ihn die Trennung davon nicht leicht und nur durch Gottes wunderbare Leitung möglich.

V. 15. Da es aber Gott wohlgefiel. Jetzt folgt das zweite Glied der Erzählung: der Bericht von des Apostels wunderbarer Bekehrung. Derselbe enthält wiederum zwei Stücke: zuerst, dass Paulus durch Gottes Gnade berufen wurde, Christum unter den Heiden zu predigen, sodann dass er, des göttlichen Ratschlusses gewiss, sogleich von seiner Berufung an, ohne die Apostel um Rat zu fragen, zu dem ihm aufgetragenen Werk ohne alles Zögern sich gerüstet hat. – Übrigens stützt sich der Apostel auf mehrere Beweisgründe, die nur in ihrer Vereinigung wirken. Zuerst sagt er, er sei durch Gottes Gnade berufen, sodann, sein Apostelamt sei von den übrigen Aposteln bestätigt worden. Man muss diese ganze Erzählung in einem Zuge lesen und als Ganzes ins Auge fassen. Der mich hat ausgesondert. Diese Aussonderung ist der Ratschluss Gottes, dadurch Paulus zum apostolischen Amte bestimmt wurde, ehe sein menschliches Selbstbewusstsein erwacht war; nachher folgte zu seiner Zeit die Berufung, als der Herr seinen Willen über ihn ihm offenbarte und ihn hieß, sich zu seinem Werke zu rüsten. Ohne Zweifel hat Gott vor Schöpfung der Welt beschlossen, was er mit jedem von uns vorhat, und nach geheimem Ratschluss einem jeden seine Rolle zuerteilt. Zuweilen stellt die Schrift auch drei Stufen auf: Gottes ewige Vorherbestimmung, die Bestimmung von Mutterleibe an und die Berufung, welche eine Wirkung und Bestätigung der beiden ersten Stufen ist. Zu Jeremias redete der Herr (Jer. 1, 5), dem Wortlaut nach anders, aber dem Sinne nach ebenso wie zu Paulus: „Ich kannte dich, ehe denn ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe denn du von der Mutter geboren wurdest, und stellte dich zum Propheten unter die Völker.“ Denn schon vor seiner Geburt hatte Gott den Paulus zum Apostelamt ausgesondert, wie den Jeremias zum Prophetenamt. Die Berufung aber wird bis zur geeigneten Stunde aufgeschoben, bis uns Gott zur Erfüllung des uns übertragenen Amtes tauglich gemacht hat. Demgemäß will Paulus sagen, dass seine Berufung auf Grund von Gottes geheimer Auswahl erfolgte. Er ist nicht deshalb zum Apostel geweiht worden, weil er durch eigenen Fleiß für ein solches Amt sich tüchtig gemacht oder weil ihn Gott zu solcher Stellung besonders geeignet gehalten, sondern weil er schon vor seiner Geburt durch Gottes geheimen Ratschluss dazu bestimmt war. So führt Paulus die Ursache seiner Berufung auf Gottes gnädigen Ratschluss zurück. Und das ist wichtig. Denn daraus folgt, dass nicht nur unsere Erwählung und Bestimmung zum ewigen Leben von Gottes Gnade abhängt, sondern auch die Einsetzung in einen besonderen Beruf in Gottes Dienst, für welchen wir ohnedies völlig unbrauchbar sein würden. Gott ist es, der allein rechtmäßig einen Beruf übertragen kann, in welchem wir uns üben sollen. Denn was hatte Paulus, als er noch nicht geboren war, an sich, das ihn solcher Ehre würdig machte? Es ist also dies alles als das Werk der göttlichen Gnade, und nicht als durch unsere Geschicklichkeit erworben anzusehen, dass wir zur Leitung seiner Kirche berufen sind. – Dass Gott einen Menschen aussondert, will nun nicht besagen, dass er ihm im Unterschiede von anderen eine ganz besondere Kraft einflößt: vielmehr gibt er ihm durch seinen Ratschluss lediglich eine besondere Bestimmung. – Obgleich es nun an sich schon deutlich war, dass Paulus seine Berufung von Gottes Gnade ableitete, wenn er sie auf die Aussonderung vom Mutterleibe her gründete, so sagt er dies doch noch einmal mit ausdrücklichem Wort. Denn es liegt ihm einerseits daran, mit seinem Lobpreis der Gnade jeden Schein von Selbstruhm auszuschließen; andererseits drängt es ihn, dem Herrn seine Dankbarkeit zu bezeugen.

V. 16. Dass er seinen Sohn offenbarte. Christus ist dem Paulus offenbart worden, nicht damit er allein seine Erkenntnis genösse und ihn still in seinem Busen trüge: vielmehr sollte er den, welchen er ohne eigenes Zutun erkannt hatte, unter den Heiden predigen. Alsobald fuhr ich zu und besprach mich nicht usw. Sich mit Fleisch und Blut besprechen heißt dieses zu Rate ziehen. Dabei denkt der Apostel an jeglichen menschlichen Beirat, auf den er gänzlich verzichtet hat. Insbesondere aber nennt er seine Mitapostel in der ausdrücklichen Absicht, Gottes unmittelbare Berufung in ein desto helleres Licht zu setzen. Im alleinigen Vertrauen auf Gottes Ermächtigung, und mit ihr völlig zufrieden, hat Paulus sein Predigtamt angetreten.

V. 17. Kam auch nicht gen Jerusalem usw. Damit wird lediglich der vorige Satz erläutert und verstärkt: unter allen Sterblichen sind nicht einmal die Apostel als Ratgeber in Betracht gekommen. Natürlich liegt es dem Paulus sehr fern, etwa die Apostel dadurch herabzusetzen, dass er sie unter dem Titel „Fleisch und Blut“ mitbegreift. Wo eine Kreatur mit Gott in Vergleich tritt, darf sie auch die niedrigste Bezeichnung nicht als ein Unrecht empfinden.

Sondern zog hin nach Arabien. Lukas in der Apostelgeschichte (9, 19 ff.) tut dieser drei Jahre keine Erwähnung, wie er auch sonst nicht alles bis ins Einzelne berichtet. Von einem Widerspruch ist aber trotzdem keine Rede. Übrigens mag der fromme Leser sich vor Augen stellen, in welchen schweren Versuchungskampf den Paulus schon die ersten Schritte des Kriegsdienstes Christi gebracht haben: der Mann, der kurz zuvor in allen Ehren und mit glänzendem Gefolge in Damaskus eingezogen, sieht sich nun plötzlich zur Flucht in ein fremdes Land gezwungen. Aber er verliert den Mut nicht.

V. 18. Darnach über drei Jahre. Endlich drei Jahre nach Übernahme des Apostelamtes kam Paulus nach Jerusalem: so wird deutlich, dass am Anfang seines Weges keine Berufung durch Menschen steht. Und doch, damit es nicht scheint, als habe er einen anderen Geist als die übrigen und fliehe deshalb ihren Anblick, sagt er, er sei in der Absicht gekommen, Petrus zu sehen. Obgleich er also ihre Anerkennung bei Übernahme des Apostelamtes nicht abgewartet, hat er dennoch das Amt nicht wider ihren Willen geführt, sondern mit ihrem vollen Einverständnis. Alles in allem: zwischen Paulus und den übrigen Aposteln hat nie eine Entfremdung bestanden, auch waltet noch immer das beste Einvernehmen. – Nennt Paulus endlich die verhältnismäßig kurze Zeit, die er in Jerusalem zugebracht hat, so sollen wir daraus abnehmen, dass er nicht gekommen ist, um einen Unterricht zu empfangen, sondern nur um einen freundlichen Austausch zu suchen. Eben darauf deuten auch die Worte (V. 19): der andern Apostel aber sah ich keinen. Offenbar kam Paulus nur auf einer Durchreise nach Jerusalem.

Außer Jakobus. Wer war dieser Jakobus? Die Alten halten ihn, der den Beinamen des Gerechten trug und Vorsteher der Gemeinde von Jerusalem war, fast einstimmig für einen aus dem Kreise der zwölf Jünger. Und dabei wird es bleiben müssen, da gerade in unserem Zusammenhange, wo es sich um die apostolische Amtswürde handelt, der Titel eines Apostels schwerlich im weiteren Sinne gebraucht ist. Wir dürfen also weder an einen Sohn des Joseph aus einer zweiten Ehe denken, noch an einen Vetter Jesu von mütterlicher Seite, der aber nicht zu den Zwölfen gehört hätte, sondern wohl nur an Jakobus, den Sohn des Alphäus. Wahrscheinlich hätten sich die anderen Apostel damals in die verschiedensten Gegenden zerstreut, denn sie hielten sich nicht untätig an einem Orte auf. Wenn aber Lukas erzählt (Apg. 9, 27), Paulus sei von Barnabas zu den Aposteln geführt worden, so ist dies nicht von den Zwölfen zu verstehen, sondern von diesen zweien, die damals allein zu Jerusalem waren.

V. 20. Was ich euch aber schreibe usw. Diese Versicherung gilt der ganzen Erzählung. Der Eid bezeugt den Ernst, mit dem Paulus um diese Sache streitet: denn nur bei wichtigen Dingen darf man ihn gebrauchen2). Über dieses energische Auftreten dürfen wir uns nicht wundern, denn wir sahen oben, was die Betrüger im Schilde führten, indem sie dem Paulus den Ehrennamen eines Apostels entzogen.

V. 22. Ich war unbekannt von Angesichte. Diese Bemerkung soll wohl die Bosheit der Gegner in ihrer ganzen Hässlichkeit erscheinen lassen. Denn wenn das bloße Gerücht schon die jüdischen Gemeinden dazu bewegte, Gott die Ehre zu geben, weil er so großartig in Paulus gewirkt hatte, wie empörend ist es, dass Leute, welche die wunderbare Kraft des Apostels in seinen Erfolgen vor Augen hatten, nicht mit einstimmen wollen!

V. 24. Und priesen Gott über mir. Beiläufig wird uns hier eine Regel für die Betrachtung der Heiligen des Herrn gegeben. Unser verkehrter, undankbarer oder auch zum Aberglauben geneigter Sinn überträgt nur zu gern göttliche Ehren auf Menschen, welche Gott mit seinen Gaben geschmückt hat, und vergisst den Ursprung dieser Gaben. So erinnert uns diese Stelle, vielmehr auf den Geber selbst die Augen zu werfen und ihm zu geben, was sein ist. Auch des Paulus Umwandlung aus einem Feinde zu einem Diener soll uns als Grund gelten, Gott zu loben.

1)
In Wirklichkeit dürfte doch Luther doch Recht haben; Calvins Übersetzung, obgleich sprachlich nicht geradezu unmöglich, ist gezwungen.
2)
Vgl. zu Röm. 1, 9
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