Calvin, Jean - Apostelgeschichte - Kapitel 20.

Calvin, Jean - Apostelgeschichte - Kapitel 20.

1Da nun die Empörung aufgehöret, rief Paulus die Jünger zu sich und segnete sie, und ging aus zu reisen nach Mazedonien. 2Und da er dieselbigen Länder durchzogen und sie ermahnet hatte mit vielen Worten, kam er nach Griechenland und verzog allda drei Monate. 3Da aber ihm die Juden nachstelleten, als er nach Syrien wollte fahren, ward er zu Rat, wieder umzuwenden durch Mazedonien. 4Es zogen aber mit ihm bis nach Asien Sopater von Beröa, von Thessalonich aber Aristarchus und Sekundus und Gajus von Derbe und Timotheus, aus Asien aber Tychikus und Trophimus. 5Diese gingen voran und harreten unser zu Troas. 6Wir aber schiffeten nach den Ostertagen von Philippi an bis an den fünften Tag und kamen zu ihnen gen Troas, und hatten da unser Wesen sieben Tage.

V. 1. In diesem Kapitel erzählt Lukas, wie Paulus aus Kleinasien aufbrach, um Jerusalem zu besuchen, und darum über das Meer fuhr. Was nun in dieser Erzählung geschrieben steht, verdient genaue Erwägung, bedarf aber keiner langen Erklärung. Es lässt sich mit Händen greifen, wie die Gemeinde durch Gottes wunderbare Kraft in Sturm und Unwetter behütet ward. Die Gemeinde zu Ephesus war noch klein und schwach, und die Gläubigen, die einen plötzlichen Aufruhr einmal erlebt hatten, konnten mit Recht fürchten, dass sich ähnliche Stürme immer wieder erheben möchten. Ohne Zweifel ist es dem Paulus schwer geworden, sich von ihnen loszureißen; da aber ein wichtigeres Anliegen ihn anderswohin zieht, sieht er sich gezwungen, die neugeborenen Kinder, die kaum aus einem Schiffbruch auftauchen durften, in dem stürmenden Meer zurückzulassen. Ihnen selbst wird das Schreiben des Paulus traurig und bitter gewesen sein; um aber nicht andere Gemeinden zu schädigen, halten sie ihn nicht zurück, noch verzögern sie seine Reise. Wir sehen also, dass sie nicht an sich selbst hingen, sondern mit ihrer Sorge und ihrem Interesse Christi Reich umfassten und damit allgemein sowohl für die Brüder wie für sich selbst sorgten. Diese Vorbilder wollen wir uns fleißig vor Augen stellen, damit wir in unseren jämmerlichen zerrissenen Zuständen darauf bedacht seien, einander zu unterstützen; und wenn wir ja einmal einer wünschenswerten Hilfe beraubt werden müssten, sollen wir doch nicht wanken, sondern wissen, dass Gott das Steuer unseres Schiffleins hält. Bemerkenswert ist aber, dass Paulus nicht scheidet, ohne die Brüder zu grüßen, ja sie bei seinem Scheiden zu stärken, wie auch bezüglich der Mazedonier Lukas alsbald berichtet (V. 2), dass Paulus sie mit vielen Worten ermahnt habe. Der Ausdruck besagt, dass er nicht bloß geschäftsmäßig und obenhin redete, sondern so, wie er es anderwärts vorschreibt (2. Tim. 4, 2): „Predige das Wort, halt an, es sei zu rechter Zeit oder zur Unzeit!“ So werden die nötigen Dinge tief eingeprägt, dass man sie niemals vergessen kann.

V. 3. Da aber ihm die Juden nachstelleten usw. Gott hat seinen Knecht auf mancherlei Weise und in fortwährenden Kämpfen geübt, um uns an ihm ein Beispiel unermüdlicher Standhaftigkeit vor Augen zu stellen. Er muss sich nicht nur mit den Beschwerden einer schwierigen und langen Reise abmühen, es bringen ihn auch die Nachstellungen in Lebensgefahr. Diesen Spiegel mögen sich alle Knechte Christi vorhalten, damit sie niemals müde und der Schwierigkeiten überdrüssig werden. Indem aber Paulus seinen Weg anderswohin lenkt und den ihm breiteten Nachstellungen ausweicht, zeigt er zugleich, in wieweit wir auf das eigene Leben Rücksicht nehmen müssen, welches wir nicht leichthin in Gefahr bringen dürfen. Die Männer aber, die sich dem Apostel als Gehilfen anschließen, geben damit ein nicht gewöhnliches Zeugnis frommer Hingebung; und wir sehen, wie wertvoll sein Leben den Gläubigen war, indem mehrere aus verschiedenen Stämmen erwählte Begleiter um seinetwillen eine harte und schwierige Reise nicht ohne große Kosten auf sich nehmen. Paulus verweilte in Philippi (V. 6) während der Ostertage, weil sich dadurch eine besonders günstige Gelegenheit zum Lehren bot. Zudem wusste man von einer Abschaffung des Gesetzes noch nichts; darum musste er es vermeiden, vor den unerfahrenen Leuten als ein Verächter dazustehen, wenn er etwa den Passahtag nicht hielt.

7Am ersten Tage der Woche aber, da die Jünger zusammenkamen, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus und wollte des andern Tages weiterreisen, und zog die Rede hin bis zu Mitternacht. 8Und es waren viel Lampen auf dem Söller, da sie versammelt waren. 9Es saß aber ein Jüngling mit Namen Eutychus in einem Fenster und sank in einen tiefen Schlaf, dieweil Paulus so lange redete, und ward vom Schlaf überwogen und fiel hinunter vom dritten Söller und ward tot aufgehoben. 10Paulus aber ging hinab und legte sich auf ihn, umfing ihn und sprach: Machet kein Getümmel; denn seine Seele ist in ihm. 11Da ging er hinauf und brach das Brot und aß, und redete viel mit ihnen, bis der Tag anbrach; und also zog er aus. 12Sie brachten aber den Knaben lebendig und wurden nicht wenig getröstet. 13Wir aber zogen voran auf dem Schiff und fuhren gen Assos und wollten daselbst Paulus zu uns nehmen; denn er hatte es also befohlen, und er wollte zu Fuße gehen.

V. 7. Am ersten Tage der Woche aber usw. Diesen Versammlungstag wartete Paulus ab, um noch eben vor seinem Weggang desto leichter alle Jünger zusammenzubringen. Bemerkenswert ist der allgemeine Eifer, dass es den Paulus nicht verdross, bis Mitternacht zu lehren, obgleich er sich doch zur Reise rüstete, und dass die andern nicht überdrüssig wurden, zu lernen. Denn nur das Interesse und die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft konnten ihn veranlassen, seine Rede so lange auszudehnen.

Das Brot zu brechen. Dieser Ausdruck wird bei den Ebräern zuweilen für eine gewöhnliche Mahlzeit gebraucht, deutet aber hier ohne Zweifel auf die Feier des heiligen Mahles, zu welcher man sich an dem angesagten, jedermann bequem gelegenen Feiertage zusammenfand. Dass viele Menschen beisammen waren, sieht man daraus, dass in dem Raume viel Lampen angezündet waren. Denn es war dies sicherlich nicht um der Feierlichkeit und des Prunkes willen geschehen, sondern wegen des Bedürfnisses. Ein prunkender Schein, der keinem bestimmten Zweck dient, würde ja die Menschen nur zur Verschwendung anleiten. Es musste nun der ganze Raum hell erleuchtet sein, damit nicht der Verdacht einer Schandtat oder der Unehrbarkeit auf jene heilige Versammlung fiele. Wie angefüllt das Gemach war, sieht man auch daraus, dass man den Eutychus seinen Platz in einem Fenster einnehmen ließ. Das wäre eine Unordnung gewesen, welche die himmlische Lehre in Verachtung hätte bringen können, wenn noch irgendein anderer Platz zur Verfügung gestanden hätte.

Und sank in einen tiefen Schlaf. Ich sehe keinen Grund, mit manchen Auslegern die Schläfrigkeit des Jünglings besonders scharf zu tadeln und zu sagen, dass er seine Stumpfheit mit dem Tode als gerechter Strafe habe büßen müssen. Dürfen wir uns wundern, dass er in später Nacht mit dem Schlaf kämpfen musste und endlich unterlag? So stellt doch Lukas die Sache entschuldigend dar. Im Übrigen wollte der Herr nicht bloß durch den Schlaf, sondern auch durch den Tod dieses Jünglings den Glauben der Seinen erwecken, damit sie desto williger die Lehre des Paulus aufnähmen und tief im Herzen festhielten. Der Anfang der Sache bedeutet eine nicht geringe Anfechtung, die auch den Standhaftesten heftig hätte erschüttern können. Denn wer sollte den Herrn Christus als Haupt in einer Versammlung gegenwärtig glauben, bei welcher ein Mensch sich elend zu Tode fällt? Wer sollte das nicht vielmehr als ein Zeichen göttlichen Fluchs betrachten? Aber der Herr schaffte sofort Hilfe und führte die Gemüter der Seinen über alle Verwirrung hinaus.

V. 10. Und legte sich auf ihn. Wir wissen, dass die Apostel zuweilen zu ihren Wundern äußere Handlungen fügten, die als Fingerzeige auf Gott als den herrlichen Urheber dienen sollten. Dass sich aber Paulus jetzt über den Jüngling legt, dürfte lediglich zu dem Zweck geschehen, dass er sich zu eifrigem Gebet anspornen möchte. Er tut, als schließe er sich ganz mit dem Toten zusammen. Vielleicht ahmt er damit den Elisa nach, von welchem die heilige Geschichte das gleiche berichtet (2. Kön. 4, 34). Doch treibt ihn mehr sein heftig erregtes Gemüt als die bewusste Absicht, den Propheten nachzuahmen. Die Verbindung mit dem Jüngling schafft ihm die volle Inbrunst, den Herrn mit ganzer Entschlossenheit um das Leben desselben zu bitten. Wenn er mit dieser Gebärde den Leichnam umfasst, drückt er aus, dass er ihn dem Herrn zur Wiederbelebung darbietet, und die Darstellung zeigt, dass er ihn aus der Umarmung nicht eher losließ, als bis er merkte, dass ihm das Leben wiedergeschenkt war.

Machet kein Getümmel. Paulus ist in erster Linie dafür besorgt, dass jenes unglückliche Ereignis nicht den Glauben der Frommen ins Wanken bringe und ihre Gemüter erschüttere. Und der Herr hat die letzte Rede, die der Apostel in Troas hielt, gleichsam mit seinem eigenen Siegel bestätigt. Der Ausdruck: seine Seele ist in ihm – will nicht leugnen, dass der Jüngling tot gewesen sei, wodurch ja der Glanz des Wunders erbleichen müsste, sondern will besagen, dass ihm durch Gottes Gnade das Leben wiedergeschenkt ward. Dass die Gemeinde (V. 12) nicht wenig getröstet wurde, beschränke ich nicht auf die Freude über die Wiedergewinnung des Jünglings. Ich denke dabei zugleich an eine Stärkung des Glaubens durch das herrliche Zeichen seiner Liebe, welches Gott gegeben hatte.

V. 13. Wir aber zogen voran auf dem Schiff usw. Weshalb Paulus lieber zu Fuße gehen wollte, lässt sich nicht genau sagen: vielleicht war ihm die Schifffahrt beschwerlich, vielleicht wollte auch im Vorbeigehen Brüder besuchen. Ich möchte annehmen, dass er um seiner Gesundheit willen dem Meer aus dem Wege ging. Das wäre eine lobenswerte Menschenfreundlichkeit, indem er seine Begleiter schonte. Denn weshalb anders entließ er sie, als um ihnen die Belästigung zu ersparen? So wetteiferten sie von beiden Seiten mit Freundlichkeit und Dienstwilligkeit. Die Begleiter waren bereit und willig zum Dienst; Paulus aber fordert diesen Dienst nicht mit unbedingter Strenge, sondern verzichtet gütig und aus freien Stücken auf das, was sie ihm leisten wollen. Ja, er setzt seine eigene Bequemlichkeit hintan und ordnet an, was ihnen zum Troste dienen sollte. Assos gehörte zum Gebiet von Troas. Wie die Alten berichten, hieß es auch Apollonia und war eine Kolonie der Aetoler.

14Als er nun zu uns traf zu Assos, nahmen wir ihn zu uns und kamen nach Mitylene. 15Und von dannen schifften wir und kamen des andern Tages hin gen Chios; und des folgenden Tages stießen wir an Samos und blieben in Trogyllion; und des nächsten Tages kamen wir gen Miletus. 16Denn Paulus hatte beschlossen, an Ephesus vorüberzuschiffen, dass er nicht müsste in Asien Zeit zubringen; denn er eilte, auf den Pfingsttag zu Jerusalem zu sein, so es ihm möglich wäre. 17Aber von Miletus sandte er gen Ephesus und ließ fordern die Ältesten von der Gemeine. 18Als aber die zu ihm kamen, sprach er zu ihnen: Ich wisset, von dem ersten Tage an, da ich bin nach Asien gekommen, wie ich allezeit bin bei euch gewesen 19und dem Herrn gedienet mit aller Demut und mit viel Tränen und Anfechtungen, die mir sind widerfahren von den Juden, so mir nachstelleten; 20wie ich nichts verhalten habe, das da nützlich ist, dass ich´s euch nicht verkündiget hätte und euch gelehret öffentlich und sonderlich; 21und habe bezeuget, beide den Juden und Griechen, die Buße zu Gott und den Glauben an unsern Herrn Jesum Christum.

V. 16. Denn Paulus hatte beschlossen usw. Ohne Zweifel hatte der Apostel große und wichtige Ursachen zur Eile. Allerdings trieb ihn nicht religiöse Pedanterie, auf den Pfingsttag zu Jerusalem zu sein, vielmehr wollte er die Gelegenheit nicht verpassen, bei dem großen Zusammenfluss von Menschen einigen Erfolg zu erzielen. Die Auferbauung der Gemeinde lag ihm am Herzen; teils wollte er den Gläubigen über die weitere Ausbreitung des Reiches Christi Bericht erstatten, teil wollte er solche gewinnen, die Christus bis dahin noch fern standen, oder auch den Verleumdungen böswilliger Menschen entgegentreten. Indes ist bemerkenswert, dass er inzwischen auch für andere Gemeinden sorgte. Indem er (V. 17) die Ältesten von der Gemeine zu Ephesus nach Milet kommen lässt, zeigt er, dass er Kleinasien nicht vernachlässigt. Dass sie aber auf seinen Ruf kommen, ist nicht nur ein Beweis von Eintracht, sondern auch von Bescheidenheit; denn obwohl sie in der Mehrzahl waren, lassen sie es sich nicht verdrießen, dem einen Apostel Christi, den sie durch einzigartige Gaben ausgezeichnet wussten, zu willfahren. Als Presbyter oder Älteste werden die Vorsteher der Gemeinde bezeichnet, obwohl sie nicht unter allen Umständen Leute vorgerückten Alters sind.

V. 18. Ihr wisset usw. In dieser Rede legt es Paulus vornehmlich darauf ab, die von ihm zu Ephesus eingesetzten Hirten durch sein Beispiel zu treuer Ausrichtung ihres Amts zu ermahnen. Denn nur ein Lehrer, der außer mit den Vorschriften des Wortes auch durch sein gutes Beispiel vorangeht, kann rechte Zucht üben und erwirbt seiner Lehre Ansehen. Dass Paulus nun seine Tugenden ins Licht stellt, war keineswegs ungereimt. Allerdings ist an Dienern Christi nichts unerträglicher als Ehrgeiz und Eitelkeit. Da aber jedermann die Bescheidenheit und Demut des heiligen Mannes zur Genüge kannte, brauchte er nicht zu fürchten, in den Verdacht der Prahlerei zu kommen, zumal die Notwendigkeit ihn zwang, seine Treue und seinen Eifer andern zum Beispiel vorzustellen. Hoch rühmt er allerdings seine Arbeiten, seine Geduld, Tapferkeit und sonstige Tugenden. Aber zu welchem Zweck? Sicherlich nicht, um den Beifall der Zuhörer zu erhaschen, sondern um seine heilige Ermahnung mit desto schärferen Stacheln zu versehen, damit sie tief in die Herzen dringe und haften bleibe. Auch den weiteren Zweck verfolgt er, dass seine persönliche Unantastbarkeit künftig zur Empfehlung seiner Lehre diene. Und er beruft sich auf Augenzeugen, damit es nicht scheine, als rede er von unbekannten Dingen. Und zwar denkt er an solche Zeugen, denen nicht nur alles kund wurde, sondern die auch ein unvoreingenommenes, rechtes Urteil hatten.

V. 19. Und dem Herrn gedienet usw. Der Apostel erinnert zuerst an die Schwierigkeiten, die er zu überwinden hatte, insbesondere aber an seine Demut, zu der sich Verachtung der Welt, aber auch Schmach und andere Trübsal gesellte. Er will damit sagen, dass er nicht mit Ehren und Beifall aufgenommen wurde, sondern unter der verachteten Gestalt des Kreuzes unter ihnen wandelte. Es ist aber keine geringe Bewährung, wenn wir nicht müde werden, obwohl wir uns durch das unwürdige und hochfahrende Verhalten der Welt niedergetreten sehen. Doch es gilt, das einzelne genauer zu besprechen. Dass Paulus dem Herrn gedienet habe, ist hier nicht von dem allen Frommen gemeinsamen Wandel in Heiligkeit und Gerechtigkeit zu verstehen, sondern von seinem öffentlichen Amt. Er redet also nicht wie ein Privatmann, sondern als ein der Gemeinde gesetzter Diener. In dieser Hinsicht bezeugt er, dass er das ihm anvertraute apostolische Amt mit Demut und Bescheidenheit ausgerichtet habe, indem er im Bewusstsein seiner Schwachheit sich selbst misstraute, seine eigene Kraft in Anbetracht der Erhabenheit seines Amtes für unzureichend hielt, aber auch in williger Beugung sich unter die Schmach des Kreuzes Christi stellte. Von Demut spricht er nämlich im Gegensatz sowohl gegen windiges Selbstvertrauen wie gegen hochfahrendes Auftreten. Daran reiht er die Tränen, die ihm die Kämpfe, die mannigfachen Anläufe des Satans, der Trotz der Gottlosen, die inneren Krankheiten und Anstöße in der Gemeinde auspressten. Endlich fügt er hinzu, dass er ein zitterndes Leben unter den Anfechtungen vonseiten der Juden geführt habe, die ihm, da er nicht von Eisen war, zu schaffen machten, obwohl er ihnen nicht unterlag. Er schämt sich also des Eingeständnisses seiner Schwachheit nicht. Er will damit erreichen, dass die von ihm angeredeten Ältesten ähnlichen Beschwerden nicht erliegen möchten; sie sollen frei von allem Ehrgeiz, in heiliger Scheu und Sorgfalt ihr Amt ausüben, ruhigen Gemüts sich von den Menschen verachten lassen, dabei sich auch in sich selbst niedrig fühlen, weil niemand zum rechten Gehorsam gegen Christus gerüstet sein wird, der nach irgendetwas Großartigem trachtet. Weil sich nun Tugend auf die Dauer nicht erheucheln lässt, weist Paulus darauf hin (V. 18), dass sein Verhalten während der ganzen drei Jahre, da er in Ephesus weilte, unverändert das gleiche gewesen sei. Daraus muss man abnehmen, dass er rechtschaffen und von Herzen seinen Dienst tat. Wahrhaft bewährt sind ja Knechte Christi erst, wenn sie sich nicht nach dem mannigfachen Wechsel der Zeiten wandeln, sondern sich selbst gleich bleiben und stets die rechte Bahn einhalten.

V. 20. Wie ich nichts verhalten habe usw. Seine Zuverlässigkeit und Treue in der Lehre rühmt der Apostel mit drei Ausdrücken: er hat die Christen rechtschaffen und vollständig unterwiesen und nichts ausgelassen, was zu ihrem Heil diente; zum andern hat er sich nicht mit der allgemeinen Predigt begnügt, sondern sich bestrebt, auch dem einzelnen zu nützen; drittens gibt er in Kürze als Hauptinhalt seiner Lehre an, dass er die Menschen zum Glauben an Christus und zur Buße ermahnt habe. Paulus stellt uns also das Vorbild eines rechten und treuen Lehrers dar: will ein solcher seine Arbeit vom Herrn gebilligt sehen, so muss er es auf die wahre Erbauung der Gemeinde abstellen, wie Paulus anderwärts den Timotheus (1. Tim. 4, 7 f.) auf das achten heißt, was nützlich ist, dass er nur dieses eifrig weitergebe. Enthält doch auch die Schrift, nach deren Regel alle unsere Lehre zu prüfen ist, ja die allein den Plan der rechten Lehre in sich birgt, nicht spitzfindige Spekulationen, an denen müßige Leute sich ergötzen, sondern nach dem Zeugnis desselben Paulus (2. Tim. 3, 17) ist sie ganz und gar dazu nütze, einen Menschen Gottes vollkommen zu machen. Paulus wünscht nun einen solchen Eifer, die Gemeinde zu erbauen, dass der Hirt, soviel an ihm ist, nichts von dem übergehe, was zu wissen nützlich ist. Ein Lehrer also, der seine Schüler immer nur bei den ersten Anfängen festhält und niemals zur völligen Erkenntnis der Wahrheit anleitet, handelt verkehrt. Der Herr unterweist uns in seinem Worte nicht nur halb, sondern bietet uns eine vollkommene und in jeder Hinsicht vollständige Weisheit. Allerdings gebe ich zu, dass man nicht alles zugleich lehren kann, sich also an die Klugheit des Paulus halten muss, der sich dem Verständnis der Ungelehrten anpasste. Aber ist das etwa ein rechtes Maßhalten, was unter dem Papsttum im Schwange geht, dass man die Blinden in die Grube stürzen und die armen Seelen in Unwissenheit verderben lässt?

Und euch gelehret öffentlich und sonderlich. Dies ist das zweite Stück, dass der Apostel nicht nur die Gesamtgemeinde in ihrer Versammlung belehrte, sondern je nach dem Bedürfnis eines jeden auch die einzelnen Glieder in ihren Häusern. Denn Christus hat Pastoren nicht mit der Regel eingesetzt, dass sie nur im Allgemeinen die öffentlich versammelte Gemeinde unterweisen sollen; sie sollen auch für die einzelnen Schafe sorgen, die umherstreifenden und verirrten in den Stall zurückführen, die zerbrochenen und verwundeten verbinden, die kranken heilen, die schwachen und kraftlosen stützen (Hes. 34, 2. 4); denn nur zu oft wird die allgemeine Lehre kalt und fruchtlos bleiben, wenn sie nicht durch persönliche Mahnungen unterstützt wird. Darum ist es eine ganz unentschuldbare Nachlässigkeit, wenn die Pastoren ihr Pensum erledigt glauben, nachdem sie eine einzige Predigt gehalten, und nun in der übrigen Zeit in sicherer Ruhe dasitzen. Als ob ihr Wort nur im Tempel eingeschlossen wäre; denn wenn sie herauskommen, werden sie völlig stumm. Auch die Christen, sofern sie in Wahrheit zur Herde Christi gehören wollen, sollen sich hier die Mahnung aneignen, dass sie den Pastoren Raum zu geben haben, so oft sie zu ihnen kommen, und sich den persönlichen Erinnerungen nicht verschließen. Wer sich nur herablässt, die Stimme der Pastoren wie im Theater anzuhören, zu Hause aber sich nicht mahnen und tadeln lassen will, ja einen so nötigen Dienst trotzig von sich stößt, gehört mehr zu den Bären als zu den Schafen.

V. 21. Und habe bezeuget usw. Jetzt wendet sich Paulus zum dritten Stück, indem er den Hauptinhalt seiner Lehre kurz dahin zusammenfasst, dass er jedermann zu Glauben und Buße ermahnt habe, wie wir denn schon früher sagten, dass eben diese beiden Stücke das Evangelium ausmachen. Wir entnehmen daraus auch, was zur wahren Erbauung der Gemeinde dient. In Gottes Wort nichtige Probleme suchen, heißt dasselbe entweihen; wollen wir es dagegen nicht zufällig und sprunghaft lesen, so müssen wir uns eben an den doppelten Zielpunkt halten, den der Apostel uns hier vor Augen stellt. Wer auf etwas anderes ablenkt, wird trotz alles unruhigen Eifers sich nur im Kreise bewegen. Dass Paulus den Inhalt des Evangeliums „bezeuget“ habe, deutet auf eine besonders eindrückliche Lehrweise; er hat es durch sein Zeugnis den Menschen ans Herz gelegt, so dass niemand sich mit Unwissenheit entschuldigen kann. Der Ausdruck spielt auf das gerichtliche Verfahren an, bei welchem das „Zeugnis“ zur Beseitigung allen Zweifels angewandt wird. Man muss also die Menschen nicht nur belehren, sondern drängen, dass sie das Heil in Christus ergreifen und sich Gott für ein neues Leben übergeben sollen. Indem nun Paulus erklärt, dass er sich niemand entzogen habe, rückt er doch die Juden an die erste Stelle; der Herr hat ihnen diesen Ehrenplatz vor den Heiden gegeben, und bevor ihr Abfall endgültig geworden war, musste man ihnen Christus und seine Gnade zuerst anbieten.

Die Buße zu Gott usw. Zunächst ist bemerkenswert, dass Glaube und Buße unterschieden werden. Es ist also verkehrt, beides ineinander zu wirren und die Buße als einen Teil des Glaubens zu betrachten. Gewiss können beide Stücke nicht auseinander gerissen werden, weil Gott niemand mit dem Geist des Glaubens erleuchtet, ohne ihn zugleich zu einem neuen Leben umzuschaffen. Unterscheiden aber muss man sie, wie es Paulus hier tut. Denn die Buße ist die Bekehrung zu Gott, in welcher wir uns und unser ganzes Leben zum Gehorsam gegen ihn stimmen. Der Glaube dagegen ist die Annahme der uns in Christus dargebotenen Gnade. Denn darauf zielt die ganze Religion, dass wir in der Übung von Heiligkeit und Gerechtigkeit dem Herrn in reiner Weise dienen; zum andern, dass wir kein Stück unseres Heils anderswoher als von ihm begehren und nirgend anders suchen als allein in Christus. Es umfasst also die Lehre von der Buße die Regel für ein frommes Leben, die Verleugnung unserer selbst, die Abtötung unseres Fleisches und die Stimmung auf das ewige Leben. Da wir aber alle von Natur verderbt sind, der Gerechtigkeit entfremdet und von Gott selbst abgekehrt, weil wir auch Gott, den wir als unseren Feind fühlen, fliehen, muss uns notwendig auch die Weise der Wiederaussöhnung durch freie Gnade und der Wiedergewinnung eines neuen Lebens auseinandergesetzt werden. Wenn also der Glaube nicht hinzukommt, wird man vergeblich von der Buße reden. Prediger, die von einer Besserung sprechen, dabei vom Glauben schweigen und nur Vorschriften für gute Werke und Lebensgestaltung einschärfen, unterscheiden sich in nichts von heidnischen Philosophen. Sie lehren, wie man leben solle: indem sie aber die Menschen in ihrer Natur belassen, kann man davon keine Wendung zum Besseren erhoffen. Erst müsste man die Verlorenen zur Hoffnung auf Rettung einladen, die Toten durch die verheißene Vergebung der Sünden zu neuem Leben erwecken, zeigen, wie Leute, die zuvor Sklaven des Satans waren, durch gnädige Annahme Gottes Kinder werden, lehren, dass der Geist der Wiedergeburt vom himmlischen Vater erbeten sein will und dass man Frömmigkeit, Gerechtigkeit und rechtschaffenes Wesen aus ihm als dem Quell aller Güter schöpfen müsse. Daraus ergibt sich dann die Anrufung im Gebet, welche in der rechten Gottesverehrung die erste Stelle einnimmt. Wir wollen nun sehen, wie Buße und Glauben untrennbar zusammenhängen. Der Glaube ist es, der Gott uns zum Freunde macht, so dass er uns nicht nur gnädig gestimmt ist, uns von der Schuld des Todes freispricht und die Sünden nicht anrechnet, sondern auch durch seinen Geist den Schmutz unseres Fleisches reinigt und uns in sein Bild umgestaltet. Die Buße nennt der Apostel nicht darum an erster Stelle, weil sie etwa ganz und gar dem Glauben voranginge, - während sie doch zum Teil erst aus dem Glauben fließt und eine Wirkung desselben ist – sondern weil der Anfang der Buße eine Vorbereitung auf den Glauben ist. Unter diesem Anfang verstehe ich das Missfallen an uns selbst, das uns mit ernstlicher Furcht vor Gottes Zorn ergreift und treibt, das Heilmittel zu suchen.

Und den Glauben an unsern Herrn Jesum Christum. Mit gutem Grunde stellt uns die Schrift immer wieder Christus als den Zielpunkt oder, wie man zu sagen pflegt, als das Objekt des Glaubens dar. Denn Gottes Majestät an sich ist zu erhaben, als dass die Menschen zu ihr emporsteigen könnten. Wenn nicht Christus als Vermittler eintritt, müssen uns beim Suchen Gottes alle Sinne entschwinden. Und sofern Gott der Weltrichter ist, kann sein Anblick abgesehen von Christus uns nur schrecken und quälen. In Christus aber als in seinem Abbilde gewährt uns Gott nicht nur seinen Anblick, sondern erquickt uns auch durch seine väterliche Gunst und führt uns in jeder Hinsicht ins Leben zurück. Denn es gibt kein Stück unseres Heils, das man nicht in Christus fände; durch das Opfer seines Todes hat er unsere Sünden gesühnt, hat die Strafe getragen, um uns loszukaufen; durch sein Blut hat er uns gereinigt, durch seinen Gehorsam den Zorn des Vaters gestillt, durch seine Auferstehung Gerechtigkeit erworben. So ist es verständlich, was wir sagten, dass der Glaube sein Auge gänzlich in Christus verankern muss.

22Und nun siehe, ich, im Geiste gebunden, fahre hin gen Jerusalem, weiß nicht, was mir daselbst begegnen wird, 23nur dass der heilige Geist in allen Städten bezeuget und spricht, Bande und Trübsale warten mein daselbst. 24Aber ich achte der keines, ich halte mein Leben auch nicht selbst teuer, auf dass ich vollende meinen Lauf mit Freuden und das Amt, das ich empfangen habe von dem Herrn Jesu, zu bezeugen das Evangelium von der Gnade Gottes. 25Und nun siehe, ich weiß, dass ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, alle die, bei welchen ich durchgekommen bin und geprediget habe das Reich Gottes. 26Darum zeuge ich euch an diesem heutigen Tage, dass ich rein bin von aller Blut; 27denn ich habe euch nichts verhalten, dass ich nicht verkündiget hätte all den Rat Gottes.

V. 22. Und nun siehe, ich usw. Jetzt zeigt der Apostel deutlicher, weshalb er von der Unantastbarkeit seines Auftretens sprach: sollte man ihn doch später nicht mehr wieder sehen. Es war aber viel daran gelegen, dass das Beispiel, welches Gott den Christen zur Nachahmung dargeboten hatte, immer vor ihren Augen stände und auch nach dem Tode des Apostels sein Andenken als Nachlass bliebe. Wir wissen ja, wie leicht die Menschen von der Bahn einer reinen Unterweisung abtreten. Der Apostel sagt nun zwar, er wisse nicht, was ihm zu Jerusalem begegnen werde. Indessen hatten mehrer Weissagungen ihn erinnert, dass Bande dort seiner warteten. Darum schneidet er als ein zum Tode gerüsteter Mensch die Hoffnung auf seine Rückkehr alsbald ab. Indem er so redet, widerspricht er sich doch nicht. Absichtlich hebt er zweifelnd an, um das Nachfolgende, welches bitterer schmeckt, zu lindern: und doch versichert er mit Wahrheit, dass ihm der Ausgang der Sache noch unbekannt ist, weil ihm über ihren gesamten Verlauf eine bestimmte und ins Einzelne gehende Offenbarung noch nicht zuteil geworden war.

Im Geiste gebunden. Mit diesem Ausdruck will Paulus etwa sagen: Ich kann nicht anders handeln, wenn ich nicht widerspenstig und aufrührerisch gegen den Gott sein will, der mich gleichsam durch seinen Geist gefesselt hat und nun dorthin zieht. Der Apostel handelt also nicht vorwitzig, sondern bezeugt, dass der Geist Urheber und Leiter seiner Reise ist. Möchten doch gewisse Geisttreiber, die jeglichen phantastischen Einfall auf den Geist zurückführen, mit dem Geist auf so vertrautem Fuße stehen wie Paulus, der doch nicht sagt, dass alle seine Bewegungen und Antriebe aus dem Geist stammten, sondern rühmt, dass ihm dies bei einer bestimmten Sache als etwas Einzigartiges begegnet sei! Hier allerdings ergab sich eine unbedingte Notwendigkeit: Paulus hätte die Reise nicht unterlassen dürfen, ohne gegen Gott anzukämpfen. Wir sollen also nach dem Beispiel des heiligen Mannes lernen, nicht gegen Gottes Geist auszuschlagen, sondern uns seiner Regierung gehorsam anvertrauen, dass er uns wie gebundene Leute nach seinem Belieben führe, wobei wir uns doch nicht etwa vergewaltigt fühlen. Denn wenn die Verworfenen, die doch Satans Sklaven sind, unter seinem Antrieb nicht bloß freiwillig, sondern sogar mit gieriger Lust handeln, wie viel mehr wird man umgekehrt bei den Kindern Gottes einem freien und frohen Dienst begegnen!

V. 23. Nur dass der heilige Geist usw. Das verstehe ich nicht von heimlichen Zusprachen, sondern von den Sprüchen, die Paulus in allen Städten aus dem Munde von Propheten vernahm. Wenn nun derselbe Geist, welcher den Apostel im Voraus auf seine Bande und Trübsale aufmerksam macht, ihn zugleich innerlich bindet, dass er sich der Unterwerfung nicht weigert, so ist und dies eine Lehre, dass alle uns zustoßenden Gefahren uns nicht davon dispensieren, den Geboten des Herrn zu gehorchen und unserem Beruf zu folgen. Es ist eine unangebrachte Weichlichkeit, wenn man nur insoweit recht handeln will, als man es ohne Mühe kann, und wenn man sich mit Unbequemlichkeit, Schaden oder vielleicht Todesgefahr entschuldigt.

V. 24. Aber ich achte der keines. Alle Frommen und insbesondere Diener des Wortes müssen darauf gestimmt sein, alles andere zurückzusetzen, um in geradem und schnellem Lauf im Gehorsam gegen Gott zu wandeln. Gewiss ist das Leben ein viel zu herrliches Geschenk Gottes, als dass wir es verachten dürften; wurden wir doch nach Gottes Bild geschaffen und in dieses Leben gestellt, um in ihm uns auf die selige, im Himmel bereitliegende Unsterblichkeit einzuüben, und schon im gegenwärtigen Leben bietet sich Gott uns durch mannigfache Erweise als Vater dar. Weil uns aber der Lebenslauf wie ein Lauf in der Rennbahn verordnet ist, ziemt es sich, beständig zum Ziel zu eilen, Hindernisse zu überwinden und sich durch nichts im Lauf hemmen oder aufhalten zu lassen. Es ist hässlich, sich durch eine blinde Liebe zum Leben derartig gefangen nehmen zu lassen, dass man wegen des Lebens den Zweck des Lebens fahren lässt. Eben dies prägen die Worte des Paulus ein. Denn er hält nicht kurzweg sein Leben für nichts, sondern setzt die Rücksicht auf dasselbe aus den Augen, um seinen Lauf durchzuführen und den Dienst zu vollenden, den er von Christus empfangen hat. Er will etwa sagen, dass er am Leben nur darum hängt, weil er seinem von Gott gegebenen Beruf Genüge leisten möchte; darum werde es ihm nicht schwer werden, das Leben einzubüßen, wenn er nur durch seinen Tod das ihm vom Herrn steckte Ziel seiner Aufgabe erreiche. Bemerkenswert ist aber, was er sagt: dass ich vollende meinen Lauf mit Freuden. Es kann also keine Traurigkeit oder Betrübnis den Gläubigen dies nehmen, dass sie fröhlich dem Herrn leben und sterben. Die Freude eines guten Gewissens liegt in derartig verborgenen Tiefen, dass keine äußeren Beschwerden noch irgendein Schmerz des Fleisches sie erschüttern kann. Bemerkenswert ist auch, dass Paulus seinen Lauf als das Amt beschreibt, das er von dem Herrn Jesus empfangen hat. So redet der Apostel zwar von sich, lehrt aber durch sein Beispiel, dass jedermann in die Irre geht, der nicht seinen Lauf vom Herrn lenken lässt. Nur dann dürfen wir gewiss sein, dass unser Tun dem Herrn gefällt, wenn wir unser Leben nach seinen Winken einrichten. Insbesondere bei Dienern am Wort ist diese Gewissheit erforderlich, damit sie nichts unternehmen, wozu sie nicht Christus ermächtigt. Es ist auch kein Zweifel, dass Paulus durch den Hinweis, er habe sein Amt von dem Herrn empfangen, wie er es öfters tut, dasselbe auszeichnen und seine Glaubwürdigkeit bekräftigen will. Das Evangelium nennt er ein Zeugnis von der Gnade Gottes und bezeichnet damit dessen Wirken und Ziel. Dass durch das Evangelium Gottes Gnade und das Heil uns zugeleitet wird, ist ein Lob, das ganz besonders zu seiner Empfehlung dient. Denn zu wissen, dass wir dort einen gnädigen Gott finden, ist unser höchstes Anliegen.

V. 25. Und nun siehe, ich weiß usw. Was der Apostel soeben nur andeutete, sagt er jetzt frei heraus: Ihr werdet mein Angesicht nicht mehr sehen. Wir sagten schon, dass er ihnen die Hoffnung auf ein Wiedersehen abschneidet, um seine Ermahnungen umso haltbarer ihrem Gedächtnis einzuprägen. Wissen wir doch, welche Kraft den letzten Worten eines Scheidenden oder Sterbenden innewohnt. Der Apostel wollte auch durch diese Vorauserinnerung vorbeugen, dass die Christen sich nicht an seine Gegenwart klammerten und dann ihr Glaube durch den Schmerz ins Wanken käme. Die Lehre des Evangeliums wird als die Predigt vom Reich Gottes bezeichnet, weil sie die Herrschaft Gottes durch Erneuerung der Menschen zu seinem Bilde in dieser Welt anbahnt, die endlich bei der letzten Auferstehung ihre Vollkommenheit erreichen soll.

V. 26. Darum zeuge ich euch usw. Der Ausdruck besagt: Ich rufe euch als Zeugen auf. Oder: Vor Gott und seinen Engeln bezeuge ich euch, dass usw. So redet Paulus aber nicht um seinetwillen, als um den Angeredeten mit desto gewichtigerer Autorität das Gesetz ihrer Pflicht vorzuschreiben. Diese Stelle enthält auch einen kurzen Inbegriff davon, wie man richtig und rechtschaffen lehren soll, und ermahnt die Lehrer selbst mit nachdrücklicher und strenger Beteuerung, ihrem Dienst eifrig obzuliegen. An welche Lehrweise also haben die Hirten sich zu halten? Erstlich sollen sie nicht nach ihrem Gutdünken entscheiden, was vorzutragen oder auszulassen nützlich sei, sondern den Entscheid darüber allein in Gottes Hand legen. So wird Menschenfündlein der Eintritt in die Gemeinde Gottes verschlossen bleiben. Weiter soll kein sterblicher Mensch sich anmaßen, die Schrift zu zerreißen oder zu verstümmeln, indem er nach Belieben nur dieses oder jenes zu kosten gibt, manches verdunkelt, vieles unterdrückt; vielmehr soll alles, was in der Schrift offenbart ward, schlicht und ohne Umschweife von einem treuen und rechten Dolmetscher Gottes dargeboten werden, wobei er sich freilich klüglich und maßvoll auf das einrichten mag, was dem Volk erbaulich ist. Ich sage, dass man Klugheit gebrauchen soll: denn immer muss man auf den Nutzen sehen; nur die Verschlagenheit bleibe fern, in welcher viele nur zu sehr sich selbst gefallen, indem sie Gottes nach ihren eigenen Gedankengebilden modeln und aus dem Evangelium und ihren Einfällen irgendeine Philosophie zusammenbrauen, die den Menschen besonders einleuchten soll. Daher predigt man uns vom freien Willen und vom Verdienst der Werke, daher leugnet man Gottes Vorsehung und Erwählung durch freie Gnade. Wir wollen aber noch einmal einprägen, was wir schon sagten, dass der ganze Rat Gottes, von welchem Paulus spricht, in seinem Wort beschlossen liegt und nicht anderswo gesucht werden muss. Denn vieles bleibt uns in diesem Leben verborgen, dessen volle Offenbarung auf jenen Tag verschoben wird, an welchem wir Gott, wie er ist, von Angesicht zu Angesicht mit neuen Augen sehen werden. Gottes Willen und Rat verkündigt also, wer treulich den Inhalt der Schrift entfaltet und nach ihm das Volk im Glauben, in der Furcht des Herrn und allen Übungen der Frömmigkeit unterweist. Der Zorn des Paulus trifft darnach nicht bloß solche Lehrer, die sich in philosophischer Rede dem Geschmack der Menschen anbequemen, sondern auch solche, die aus Furcht vor Kreuz und Verfolgungen nur in dunklen Rätseln reden.

Dass ich rein bin von aller Blut. Das ist ohne Zweifel eine Anspielung an die Stelle bei Hesekiel (3, 18. 20), wo Gott seinem Propheten für den Fall, dass er nicht die Unfrommen treulich zur Buße mahnt, androht, dass er an ihrem Blut schuldig sein werde. Den Hirten der Gemeinde war ja die Bedingung auferlegt, dass Rechenschaft für alles gefordert werden soll, was durch ihre Nachlässigkeit verloren geht; wenn sie nicht den Weg des Heils ungeschminkt und deutlich zeigen, soll ihnen der Untergang der Irrenden angerechnet werden. Wer durch solche strenge Drohung sich nicht aus der Gleichgültigkeit aufrütteln lässt, muss schon ganz stumpfsinnig sein. Des Weiteren zeigt der Herr, wie teuer ihm die Seelen sind, wenn er der Trägheit der Hirten so schreckliche Strafen wegen ihres Verlorengehens androht. Und doch sehen wir, dass nur zu viele ihr Heil, für welches zu sorgen Gott sich so freundlich herablässt, für nichts achten.

28So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche euch der heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeine Gottes, welche er durch sein eigen Blut erworben hat. 29Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied werden unter euch kommen gräuliche Wölfe, die der Herde nicht verschonen werden. 30Auch aus euch selbst werden aufstehen Männer, die da verkehrete Lehren reden, die Jünger an sich ziehen. 31Darum seid wacker und denket daran, dass ich nicht abgelassen habe drei Jahre, Tag und Nacht einen jeglichen mit Tränen zu vermahnen. 32Und nun, lieben Brüder, ich befehle euch Gott und dem Wort seiner Gnade, der da mächtig ist, euch zu erbauen und u geben das Erbe unter allen, die geheiligt werden.

V. 28. So habt nun acht auf euch selbst usw. Jetzt richtet der Apostel seine Rede anwendend an die Ältesten und zeigt mit vielen Gründen, dass sie ernstlich wachen müssen, und dass auch er selbst nur darum so peinlich besorgt war, weil die Notwendigkeit es unbedingt erforderte. Der erste Grund ist, dass die Ältesten der Gemeinde verpflichtet sind, an deren Spitze sie stehen. Der zweite Grund ist, dass sie nicht von einem sterblichen Menschen, sondern vom heiligen Geist zu diesem Amt berufen wurden. Der dritte, dass es eine nicht gewöhnliche Ehre ist, Gottes Gemeinde zu leiten; der vierte, dass der Herr durch einen leuchtenden Beweis bezeugt hat, wie wertvoll ihm die Gemeinde ist, indem er sie durch sein eigenes Blut erkaufte. Was das erste Stück angeht, so heißt Paulus die Ältesten nicht nur auf die Gemeinde achten, sondern namentlich auf sich selbst. Denn wer sein eigenes Heil vernachlässigt, wird niemals für das Heil anderer ernstlich sorgen; wer selbst auf frommen Eifer keinen Wert legt, wird vergeblich andere zum frommen Leben ermahnen. Wer sich über sich selbst, der doch auch ein Glied der Gemeinde ist, keine Gedanken macht, wird auf die ganze Herde weder Eifer noch Mühe verwenden. Um also die Ältesten zu ernster Sorge für die ihnen anvertraute Gemeinde zu erwecken, ermahnt sie Paulus, dass jeder persönlich sich in der Furcht Gottes halte; denn so wird es geschehen, dass sie die schuldige Treue auch für die Herde leisten. Sagten wir doch, dass Paulus aus ihrer Berufung den Schluss zieht, dass ihre Arbeit der Gemeinde Gottes, der sie vorstehen, gehöre; seitdem sie zu Hirten erwählt wurden, besitzen sie kein Verfügungsrecht mehr über sich, sondern sind der gesamten Herde als öffentliche Diener verpflichtet.

Unter welche euch der heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen, d. h. buchstäblich Aufsehern. Dieser Name prägt ein, dass sie gleichsam auf eine Warte gestellt sind, von welcher aus sie für das gemeinsame Heil aller Menschen haften sollen. Besondern Nachdruck aber legt Paulus darauf, dass sie nicht von Menschen eingesetzt wurden, sondern dass Gott ihnen die Sorge für die Gemeinde anvertraute. Je ernstere Rechenschaft sie also dereinst vor dem höchsten Richterstuhl abzulegen haben, umso peinlichere Gewissenhaftigkeit wird von ihnen verlangt. Denn je erhabener die Würde des Herrn ist, dem wir dienen, desto größere Ehrfurcht bringen wir ihm naturgemäß entgegen, und eben diese Ehrfurcht steigert auch unsern Eifer. Übrigens beansprucht der Herr die eigentliche Leitung der Gemeinde immer für sich selbst, wenn er auch von Anfang an die Diener am Worte durch menschliche Stimmen gewählt wissen wollte; wir sollen ihn nicht nur als den einigen Oberherrn anerkennen, sondern auch wissen, dass der unvergleichliche Schatz des Heils lediglich von ihm stammt. Wir würden ihn seines Ruhmes berauben, wenn wir glauben wollten, dass das Evangelium durch Zufall oder menschliche Willkür und Bemühung zu uns gelange. Paulus aber schreibt dies recht eigentlich dem Geiste zu, durch welchen Gott seine Gemeinde leitet und der jedem einzelnen im Innersten seines Gewissens seine göttliche Berufung bezeugt. Über den Namen „Bischof“ ist kurz zu bemerken, dass Paulus ihn unterschiedslos allen ephesinischen Presbytern gibt. Wir schließen daraus, dass im Sprachgebrauch der Schrift die Presbyter oder Priester sich in nichts von den Bischöfen unterscheiden, sondern es durch Missbrauch dahin kam, dass man anfing, diejenigen Bischöfe zu nennen, die in jeder Stadt die Oberleitung hatten. Von einem Missbrauch spreche ich, nicht als wäre es ein Übel, dass in jedem Kollegium irgendeiner an der Spitze steht, sondern weil es eine unerträgliche Anmaßung ist, wenn Menschen die Bezeichnungen der Schrift nach ihrer Sitte umbiegen und sich nicht scheuen, die Sprache des heiligen Geistes umzumodeln.

Zu weiden, d. h. zu regieren die Gemeine Gottes. Diesen Hinweis bezeichneten wir als den dritten Grund zur Treue, der von der Erhabenheit des Amtes abgeleitet ist. In diesem Sinne ermahnt Paulus auch den Timotheus (1. Tim. 3, 15), er solle zusehen, wie man in dem Hause Gottes wandeln müsse, welches ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit. Er will damit sagen, dass ein so erhabenes Verwaltungsgebiet der Trägheit keinen Raum lasse. Leute, die Gott als Haushalter über seine Familie gesetzt hat, sind umso unentschuldbarer, je höher ihr Ehrenplatz ist, - wenn sie nicht entsprechend dieser erhabenen Würde mit Eifer auf ihre Pflicht bedacht sind.

Welche er durch sein eigen Blut erworben hat. Das ist der vierte Grund, mit welchem Paulus die Hirten zur fleißigen Ausübung ihres Amtes treibt: der Herr hat ein ganz besonderes Unterpfand der Liebe zu seiner Gemeinde gegeben, indem er sein Blut für sie vergoss. Daraus kann man ersehen, wie teuer sie ihm ist. Und sicherlich kann nichts die Hirten nachdrücklicher drängen, frisch ihrer Pflicht obzuliegen, als wenn sie sich sagen, dass ihnen das anvertraut ward, was den Herrn Christus sein Blut kostete. Denn daraus folgt, dass sie nicht bloß für die verlorenen Seelen haften müssen, wenn sie nicht treulich für die Gemeinde sich mühen, sondern dass sie auch des Raubs am Heiligtum schuldig wurden, weil sie das heilige Blut des Sohnes Gottes entweiht und , soviel an ihnen ist, die von ihm beschaffte Erlösung zunichte gemacht haben. Es ist aber ein schrecklich schweres Verbrechen, wenn durch unsere Trägheit Christi Tod nicht nur seinen Wert verliert, sondern auch seine Frucht zugrunde gerichtet wird. Dass Gott seine Gemeinde „erworben“ hat, will uns einprägen, dass er sie auch ungeschmälert behalten will; denn es ist billig, dass die Leute sein Eigentum bleiben, die er erkauft hat. Zugleich wollen wir uns dabei einprägen, dass das ganze Menschengeschlecht dem Satan verknechtet ist, bis uns Christus aus seiner Tyrannei erlöst, indem er uns zum Erbe des Vaters sammelt. Die scheinbar harte Ausdrucksweise, dass Gott durch „sein eigen Blut“ die Gemeinde erworben habe, bedarf der Erläuterung. Denn nichts wäre ja abgeschmackter, als Gott körperlich und sterblich zu denken. Der Ausdruck ergibt sich daraus, dass Christus zur persönlichen Einheit mit Gott zusammengefasst wird. Er sondert nicht seine menschliche Natur von der Gottheit, sondern stellt ihn uns vor Augen als Gott, geoffenbart im Fleisch. Denn der Mensch Jesus Christus, der sein Blut für uns vergoss, war zugleich Gott. So wird auf diese Weise die einheitliche Person Christi deutlich beschrieben, damit wir nicht ein Doppelwesen aus ihm machen, wie es einst Nestorius1) unternahm. Anderseits dürfen wir aber auch von einer unklaren Vermischung der beiden Naturen, wie sie Eutyches2) einführen wollte, nicht träumen.

V. 29. Denn das weiß ich usw. Gewiss ist es das ständige Schicksal der Gemeinde, dass Wölfe sie feindlich angreifen: darum ist niemals Zeit zu schlafen. Wenn aber besonders zahlreiche und schädliche Wölfe einbrechen, müssen die Hirten umso wachsamer sein. Zuweilen mildert Gott die Belästigung, damit die Herde sanft und ruhig geweidet werde. Wie nun bei klarem und heiterem Himmel die Schafe sicherer auf der Weide gehen, bei Nebel und dunkler Luft aber mehr Gefahr leiden, so wird auch der Gemeinde Gottes zuweilen gleichsam ein heiteres Wetter beschert, während dann stürmisches Wetter einsetzt, welches den Nachstellungen der Wölfe förderlich ist. Demgemäß will Paulus sagen, dass es größerer Wachsamkeit bedürfen wird als bisher, weil größere Gefahren drohen. Es fragt sich aber, woher er dies weiß. Erstlich ist kein Zweifel, dass seine Gegenwart viel dazu beitrug, die Wölfe zu bändigen oder zu verscheuchen. Es ist ja nicht zu verwundern, dass die Kraft des Geistes, die in Christi Dienern strahlt, gottlose Leute zügelt, so dass sie ihr Gift nicht auszuwerfen wagen, ja dass jener himmlische Glanz viele Finsternisse Satans verscheucht. Indem also Paulus wusste, dass durch seine Arbeit die Bosheit Satans eine Zeitlang unterdrückt war, ahnt er ohne Mühe, was nach seinem Weggang werden wird. Indessen ist es wahrscheinlich, dass ihm auch der Herr durch den Geist der Weissagung völlige Gewissheit gab, um durch ihn auch die andern zu erinnern, was ja dann, wie wir sehen, auch geschah.

V. 30. Aus euch selbst werden aufstehen usw. Das Übel erscheint besonders schwer, weil ein Teil der Wölfe sich innerhalb der Gemeinde befindet, ja sich unter dem Titel von Hirten verbirgt und auf die Gelegenheit wartet, Schaden zu tun. Paulus setzt nun auseinander, was von jenen Wölfen zu fürchten ist, nämlich die Zerstreuung der Herde, indem die Gemeinde von der Einheit des Glaubens abgeführt und in Sekten zerspalten wird. Nicht alle, die ihrer Pflicht weniger entsprechen, sind nämlich Wölfe; solche weniger schädlichen Leute sind oft Mietlinge, eine völlige Verstörung der Schafe wird aber erst durch Verderbnis der Lehre zustande gebracht. Des Weiteren zeigt Paulus auch mit dem Finger auf den Quell und Ursprung dieses Übels: die Betreffenden gehen darauf aus, die Jünger an sich zu ziehen. Ehrgeiz ist also der Erzeuger aller Irrlehren. Denn es kann kaum ausbleiben, dass ehrgeizige Leute von der Wahrheit abbiegen und Gottes Wort verfälschen. Denn wenn eine rechte Behandlung der Schrift darauf zielt, Christus groß zu machen, und wenn jeder Anspruch, den Menschen für sich selbst erheben, der Ehre Christi Eintrag tut, so folgt, dass jedermann die gesunde Lehre verderbt, der an sich selbst hängt und nach eigener Ehre strebt, welche die Ehre Christi verdunkelt. Das bekräftigt auch der Herr selbst (Joh. 7, 18). Übrigens bietet unsere Stelle eine treffliche Schutzwehr gegen die schreckliche Anfechtung, mit welcher der Satan zu allen Zeiten schwache Gewissen zu verwirren sucht. Dass äußere und erklärte Feinde das Evangelium bekämpfen, erschüttert fromme Gemüter weniger, als dass mitten aus dem Schoß der Gemeinde innere Feinde hervorgehen, die plötzlich das Kampfsignal ertönen lassen oder treulos das Volk zum Abfall reizen; und doch hat der Herr in dieser Versuchung seine Gemeinde seit Anbeginn geübt und übt sie noch heute. Wenn also Gott, um die Standhaftigkeit der Seinen zu erproben, oder nach seinem gerechten Gericht Wölfe in der Gestalt von Hirten wüten lässt, so kann die Autorität nicht mit dem Namen und der Ehrenstellung allein begründet werden, auch bedeutet die ununterbrochene Nachfolgerschaft der Apostel, auf welche sich die Papisten berufen, nichts, wenn sich nicht der Glaube und ein unbescholtenes Wesen damit verbindet. Christus hat seine Jünger nur dort, wo man ihn allein als Lehrer schätzt.

V. 31. Darum seid wacker. Noch einmal ermahnt Paulus die Ältesten zum Eifer nach seinem Vorbild, indem er zugleich auf die drohende Gefahr hinweist. Ihr zu begegnen bedarf es höchster Anspannung; und es wäre unwürdig, wollten sie, die während dreier Jahre sein ungebrochenes Ausharren schauen durften, ihrerseits müde werden. Auch seiner Tränen gedenkt er, welche viel zur Wirksamkeit seiner Mahnungen beitrugen. Dass er darauf aus war, einen jeglichen zu vermahnen, bezieht sich wohl nicht bloß auf die Presbyter, sondern auf die ganze Gemeinde: denn ihr gilt ja schließlich seine Rede, und er drückt sich so aus, als wäre sie in ihrer Gesamtheit zur Stelle.

V. 32. Ich befehle euch Gott usw. Dass Paulus in seine feierliche Rede ein Gebet einfügt, darf nicht ungereimt erscheinen: er hält nicht eine Kunstrede mit wohlgeordneter Disposition; die Glut seiner Empfindung können Worte nicht hinreichend ausdrücken. Er hatte von großen und schweren Dingen geredet, die über Menschenkraft weit hinausgreifen. Darum bricht er den Faden der Rede ab und wendet sich zum Gebet. Immerhin handelt es sich mehr um einen Gebetswunsch als um ein ausdrückliches Beten. Er will sagen, dass sie selbst nicht fähig seien, eine so große Last zu tragen, dass er ihnen aber Kraftzufluss vom Himmel wünsche, im Vertrauen auf welchen sie aus allen Anfechtungen siegreich hervorgehen können. Der Apostel empfiehlt nun die Gemeinde zuerst Gott, sodann dem Wort seiner Gnade. Das ist doch nur eine einzige Empfehlung, deren zweites Stück ausdrücken soll, in welcher Weise Gott das Heil der Seinen zu schützen pflegt. So sagt Petrus (1. Petr. 1, 5), dass wir durch den Glauben zur Seligkeit bewahrt werden. Soll aber der Glaube unter allerlei Gefahren nicht wanken, so muss das Wort ihn stützen. Es kommt sehr viel darauf an, dass wir wissen, wie Gott uns bewahren will; denn weil seine Majestät uns verborgen ist, blicken wir zweifelnd umher, bis er sich uns mit seinem Worte naht. Wenn er sich also anschickt, uns zu retten, bietet er uns als Mittel der Seligkeit sein Wort. Dasselbe heißt das Wort der Gnade, damit die Gläubigen umso sicherer auf dem Wort ausruhen möchten, in welchem Gott ihnen seine Gnade entgegenstreckt.

Der (nicht etwa: „das“) da mächtig ist, euch zu erbauen. Dieser Trost ward beigefügt, damit die Gläubigen nicht im Bewusstsein ihrer Schwachheit den Mut verlieren möchten. Denn so lange die Fehler des Fleisches uns umgeben, gleichen wir einem erst angefangenen Gebäude. Gewiss müssen alle Frommen auf Christus gegründet sein, aber es fehlt viel, dass ihr Glaube in jeder Richtung vollendet wäre. Ja, wenn auch das Fundament feststeht, wanken doch zuweilen manche Teile des Gebäudes und fallen zusammen. Darum bedarf es eines beständigen Weiterbauens und immer neuer Stützen. Indessen dürfen wir niemals verzweifeln, weil der Herr sein Werk nicht als Ruine liegen lassen will, - wie Paulus auch an die Philipper schreibt (1, 6): „Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird´s auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.“ Damit klingt das Wort des Psalms zusammen (138, 8): „Das Werk deiner Hände wirst du nicht lassen.“ Was Paulus dann von dem Erbe des ewigen Lebens hinzufügt, bezieht sich auf den völligen Genuss desselben. Wir machen zwar schon den Übergang aus dem Tode ins Leben, sobald uns Christus als unser Licht aufgeht, und der Glaube ist der Eintritt ins Himmelreich; auch ward uns der Geist der Kindschaft nicht fruchtlos verliehen. Hier aber verheißt Paulus den Gläubigen einen fortwährenden Zuwachs an Gnade, bis sie endlich den völligen Besitz des Erbes schauen dürfen, zu dem sie berufen sind, das schon im Himmel für sie bereit liegt. Wenn er von der Macht Gottes spricht, denkt er nicht an eine wirkungslose Fähigkeit, über die wir etwa spekulieren können, sondern an ihren wirksamen Erweis. Diese müssen die Gläubigen als ihren Schild ergreifen, der sie gegen alle Anläufe des Satans deckt. Wenn die Schrift lehrt, dass Gottes Kraft mächtig genug ist, uns zu schützen, so müssen wir uns sagen, dass im Herrn stark nur der ist, wer alles Vertrauen auf seinen freien Willen fahren lässt und auf den sich stützt, von dem Paulus mit Recht bezeugt, dass er allein auferbauen kann.

33Ich habe euer keines Silber noch Gold noch Kleid begehrt. 34Denn ihr wisset selber, dass mir diese Hände zu meiner Notdurft und derer, die mit mir gewesen sind, gedienet haben. 35Ich habe es euch alles gezeiget, dass man also arbeiten müsse und die Schwachen aufnehmen, und gedenken an das Wort des Herrn Jesu, dass Er gesagt hat: „Geben ist seliger denn nehmen.“ 36Und als er solches gesagt, kniete er nieder und betete mit ihnen allen. 37Es ward aber viel Weinens unter ihnen allen, und fielen Paulus um den Hals und küsseten ihn, 38am allermeisten betrübt über dem Wort, das er sagte, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen; und geleiteten ihn in das Schiff.

V. 33. Ich habe eurer keines Silber begehrt. Wie der Apostel kurz zuvor von der schädlichen Seuche des Ehrgeizes sprach, so erinnert er jetzt, dass man sich auch vor der Habsucht fürchten müsse. Wiederum stellt er sich selbst als Vorbild dar: er hat niemandes Güter begehrt, sondern vielmehr seinen Lebensunterhalt durch Handarbeit erworben. Das reichte zwar ohne Zuschuss zu seiner Ernährung nicht aus; aber er schonte doch die Gemeinden und mutete ihnen, soviel an ihm lag, nicht allzu schweren Aufwand zu, indem er der Arbeit seiner Hände oblag. Bemerkenswert ist, dass Paulus sich nicht bloß von eigentlicher Räuberei freispricht, wie ja hungrige Menschen sich meistens durch Erpressungen lästig machen, sondern auch von jedem bösen Begehren. Wir schließen daraus, dass niemand ein rechtschaffener Diener des Wortes sein kann, der nicht auch ein Verächter des Geldes ist. Leute, die in hässlicher Weise nach Gewinn trachten, verfälschen ja fast ausnahmslos Gottes Wort, um den Menschen nach dem Munde zu reden. Auch anderwärts (1. Tim. 3, 3) brandmarkt Paulus dieses Laster an den Bischöfen.

V. 34. Ihr wisset selber, dass mir diese Hände usw. Mit diesen Worten will der Apostel nicht ein peinliches Gesetz schaffen, das alle Diener am Wort zu allen Zeiten beobachten müssten. Er gebärdet sich nicht so herrisch, zu verbieten, was der Herr seinen Knechten erlaubt hat, erkennt ihnen im Gegenteil mehrfach das Recht zu, ihren Unterhalt aus Gemeindemitteln zu empfangen (1. Kor. 9, 14; vgl. Mt. 10, 10). Auch ließ er es zu, dass mehrere Gemeinden ihm Nahrung und Kleidung darreichten; und er nahm nicht nur gern den Lohn für gegenwärtige Arbeit an, sondern sagt den Korinthern (2. Kor. 11, 8), dass er während seines Aufenthalts bei ihnen andere Gemeinden beraubt habe, damit sie seinen Mange deckten. Er will also nicht kurzweg den Pastoren gebieten, ihr Leben mit der Hände Arbeit zu erhalten, sondern erklärt im nächsten Satz, inwiefern er sie ermahnt, sein Beispiel nachzuahmen (V. 35.): sie sollen die Schwachen aufnehmen. Die Korinther versagten dem Apostel nicht den schuldigen Lohn; da aber die falschen Apostel mit ihrer kostenlosen Arbeit prunkten und die Volksgunst zu gewinnen strebten, wollte Paulus ihnen in diesem Stück nicht nachstehen, noch ihnen einen Anlass zur Verleumdung geben, wie er dies selbst ausspricht (1. Kor. 9, 15; 2. Kor. 11, 10). Er prägt also ein, dass man sich hüten solle, den Schwachen Anstoß zu geben und dadurch ihren Glauben ins Wanken zu bringen. Denn dass man die Schwachen aufnimmt, bedeutet eben, dass man ihrem schwachen Verständnis freundlich einigermaßen nachgibt (Röm. 14, 1).

Das Wort des Herrn Jesu: „Geben ist seliger denn Nehmen.“ Dieser Spruch findet sich nirgend wörtlich. Doch berichten die Evangelisten manches Ähnliche, woraus Paulus diesen Gedanken entnehmen konnte. Zudem wissen wir, dass nicht alle Worte Christi schriftlich überliefert worden sind. Paulus wiederholt die allgemeine Mahnung zur Gleichgültigkeit gegen das Geld, die ein Mensch eben dann in Wahrheit beweist, wenn er geneigter ist, zu geben als zu nehmen. Christus hat dabei nicht eine bloße Morallehre vorgetragen in dem Sinne, dass freigebige Menschen glücklich sind, weil sie mit ihren Wohltaten sich andere verpflichten, während es anderseits eine Art Knechtschaft ist, jemand etwas zu schulden. Er blickt vielmehr höher empor, indem derjenige, der dem Armen spendet, dem Herrn leiht (Spr. 19, 17), und indem man sich als einen treuen und rechtschaffenen Haushalter Gottes erweist, wenn man die von ihm empfangene Fülle mit den Brüdern teilt. Was einen Menschen seinem Gott am ähnlichsten macht, ist ja die Guttätigkeit. Lobsprüche auf die Freigebigkeit finden sich auch bei weltlichen Schriftstellern, und sehr viele Menschen erklären sie für richtig. Doch stimmen sie nur äußerlich zu: das Leben der meisten Menschen beweist, dass nur sehr wenige der Überzeugung leben, es sei das Wünschenswerteste, sein Vermögen für die Unterstützung der Brüder aufzuwenden. Umso eifriger sollen Christi Jünger nach dem Glück trachten, dass sie, soviel sie irgend vermögen, sich des fremden Gut enthalten und an das Geben gewöhnen, - nicht mit hochfahrendem Geist, als wäre es schlimm, irgendjemand Dank zu schulden, oder mit dem sündhaften Ehrgeiz, sich andere zu verpflichten, sondern lediglich um sich freudig in den Pflichten der Liebe zu üben und dadurch ihren Gnaden- und Kindschaftsstand zu bezeugen.

V. 36. Kniete er nieder. Die Hauptsache beim Gebet ist freilich die inner Stimmung; aber auch äußere Zeichen, dass man die Knie beugt, das Haupt entblößt, die Hände erhebt, haben einen doppelten Nutzen. Erstlich sollen wir alle Glieder zu Gottes Verherrlichung und Verehrung üben, zum andern durch solche Hilfsmittel unsere Trägheit verscheuchen. Dazu kommt beim feierlichen und öffentlichen Gebet ein dritter Nutzen: die Kinder Gottes bezeugen auf diese Weise ihre Frömmigkeit und entzünden einander zur Ehrfurcht vor Gott. Ist auf der einen Seite das Aufheben der Hände ein Zeichen der Zuversicht und brennenden Sehnsucht, so fallen wir anderseits in die Knie, um Demut zu bezeugen. Übrigens hat der Apostel durch sein Beten das Siegel unter die von ihm gehaltene Rede gedrückt; denn nur aus dem Segen Gottes lässt sich eine Wirkung der Lehre erhoffen. Wollen wir also beim Lehren und Ermahnen eine Frucht unserer Arbeit sehen, so muss immer der Abschluss hinzukommen, dass wir alles in das Gebet ausklingen lassen.

V. 37. Es ward aber viel Weinens. Es ist nicht zu verwundern, dass alle Frommen den heiligen Mann mit besonders tiefem Gefühl geleiten; denn gleichgültig zu bleiben gegen ihn, den der Herr mit so großen und herrlichen Gaben geschmückt hatte, wäre die gröbste Undankbarkeit gewesen. Nach dem Bericht des Lukas bewegte sie aber vornehmlich dies zu Tränen, dass sie ihn nicht wieder sehen sollten. Sie hatten Grund, den Umschwung bei ihnen und der ganzen Kirche in Asien zu beklagen, da sie sich eines unvergleichlich wertvollen Schatzes beraubt sahen. Wenn übrigens der heilige Geist durch den Mund des Lukas ihre Tränen als Zeugen echter Frömmigkeit rühmt, spricht er ein Urteil über die anmaßende Zumutung, dass die Gläubigen ihre Tapferkeit in einem eisernen und gefühllosen Verhalten zeigen sollten. Denn es ist falsch, was man träumt, dass die von Gott uns eingeborenen natürlichen Gefühlsregungen nur aus der Sünde kämen. Nicht darin besteht die Vollkommenheit der Gläubigen, dass sie jeglichen Gefühls sich entschlagen, sondern dass sie sich ihm nur aus gerechter Ursache hingeben und es im Zaum halten.

1) , 2)
Kirchenlehrer zu Konstantinopel in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, welche entweder die Zweiheit der beiden Naturen in Christus oder deren Vermischung zu einem neuen einheitlichen Wesen einseitig betonten
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