Burger, Carl Heinrich August von - Am zweiten Weihnachtstag 1850.

Burger, Carl Heinrich August von - Am zweiten Weihnachtstag 1850.

Text: Luc. 2, 15-20.

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten unter einander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem, und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kund gethan hat. Und sie kamen eilend, und fanden beide Mariam und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte, und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehreten wieder um, preiseten und lobeten Gott um alles, das sie gehöret und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Das Christfest mit seinen mancherlei öffentlichen und verborgenen Freuden ist abermals an uns vorübergegangen, und wir sind zu einer stillen Nachfeier heute hier versammelt. Möge sie an uns gesegnet sein. Es hat sich nach und nach so eingeführt, daß dieß Fest mehr als jedes andere umgeben ist mit viel äußeren Zurichtungen, Besorgungen und Geschäften; man will gern vielen Freude machen, und geräth dadurch in einen Drang von Arbeit und in ein unruhiges Treiben, das bis zum letzten Tage Leib und Seele in Anspruch nimmt, und den eigentlichen Grund der Freude, die eigentlichen Festgedanken, beinahe in den Hintergrund drängt. So wollen wir uns heute, wo diese Zeit der Zerstreuung nun hinter uns liegt, um so eifriger zur Sache halten, und Fleiß thun, daß uns nicht die äußere Zuthat um den innern Kern des Festes bringe; daß wir nicht über dem Bestreben, andern Freude zu bereiten, der Freude verlustig gehen, die Gott in Seinem lieben Sohn uns zugedacht hat. Zu solcher Beschäftigung gibt unser Text uns heute Anlaß, der uns lehret:

wie wir die jährlich uns gebrachte Weihnachtsbotschaft nützen sollen; er sagt uns aber:

  1. daß sie uns dazu dienen soll, zu einer eignen festen Ueberzeugung von ihrem Inhalt zu gelangen;
  2. daß sie uns ermuntern soll, die an uns erfahrene Freude weiter auszubreiten; und
  3. daß wir von dem, was uns geschenkt ist in dem Herrn, uns einen Schatz anlegen sollen auf den Tag des kommenden Bedarfes.

I.

Ich habe gesagt, wir sollen uns die Weihnachtsbotschaft, welche wir alljährlich hören und auch gestern wiederum gehört haben, doch dazu dienen lassen, daß wir es zu einer eignen festen Ueberzeugung von ihrem Inhalt bringen, und das ist das erste, was unser Text uns an das Herz und das Gewissen legt. Wie oft ist uns die Geschichte schon gesagt worden von dem armen Kindlein der Maria, das in der Krippe seine erste Ruhestätte fand auf Erden, und war doch der eingeborne Sohn des Vaters, empfangen von dem heiligen Geist, geboren rein von aller menschlichen Befleckung, das ewige Wort von Anbeginn, das in der Fülle der Zeit sich in unser Fleisch und Blut versenkt hat; und muß man nicht heute noch über viele, die das so gut auswendig wissen, als Jemand es wissen kann, die Klage des Propheten führen: „Aber wer glaubt unserer Predigt, und wem wird der Arm des Herrn geoffenbaret?“ So lebendig und gewiß davon durchdrungen, daß sie darauf sterben könnten,- die Hand auf's Herz gelegt: sind das alle, welche hier sind? Besteht nicht Vieler Glaube daran in weiter nichts, als daß sie es nicht untersuchen wollen, sondern die hergebrachte Meinung eben als solche gelten lassen? Aber ist das die gewisse Zuversicht, die sich halten kann an den, den sie nicht stehet, als sähe sie ihn, die nicht zweifelt an dem, was sie hofft, weil sie mit göttlicher Gewißheit davon überzeugt ist?

Wollen wir uns nicht darüber täuschen; gar vieles gilt als Glauben, und ist weit entfernt es zu sein; gar viele halten sich für überzeugt von den Wahrheiten des Christenthums, blos weil es ihnen bequemer ist zu bleiben bei dem einmal Angenommenen, als mit Zweifeln sich herumzuschlagen, und weil sie überhaupt nicht viel an diese Sachen denken mögen. Aber diese ihre vermeinte Ueberzeugung ist ein schwaches Bollwerk, das vor dem ersten geschickt geführten und mit Ernst verfolgten Angriff zusammenbrechen muß. Meine Lieben! damit ist nichts gethan in unsern Tagen; die Zeiten sind vorbei, wo noch die unbestrittene Autorität der Kirche jedem Einzelnen genug war, um auf ihr Wort und Zeugniß seine Zuversicht zu gründen und sich in Tod und Leben ihrer zu getrösten. Es gehen von Mund zu Mund, von Hand zu Hand die Reden, Schriften, Flugblätter und Gedichte, die ohne Scheu das Heiligste zum Gegenstand leichtfertigere Besprechung machen, mit ernsten Mienen an dem Fundamente eures Glaubens rütteln durch den Schein von tiefern Untersuchungen, oder mit frevelhaften Scherzen in die Seele einen Brand euch werfen, den ihr nicht wißt zu löschen, der sich störend in eure Andacht drängt, eure Vorstellungen vergiftet und zu dem Frieden eines in Gott getrosten Muthes euch nicht mehr kommen läßt. Was der Apostel Petrus fordert: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung Jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist, und habt ein gutes Gewissen;“ das ist darum mehr als je in unserer Zeit wieder unabweisliches Bedürfniß für jeden Christen, der sein will, was er heißt, und nicht dem Rohre wünscht zu gleichen, das hin und her gewiegt wird von jedem Wind der Lehre. Aber wie thun wir, daß wir dieser Forderung genügen? Habt Acht darauf, was die Hirten thaten in unserm Text, als sie die Botschaft aus der Engel Mund vernommen hatten; sie sprachen: „Lasset uns hingehen und die Geschichte sehen, die geschehen ist, die uns der Herr kund gethan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Mariam und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend.“ Nicht der Zweifel an der Engel Botschaft trieb sie, selbst zu sehen, was sie gehört hatten; sondern die Wichtigkeit der Nachricht, die Freude über das Gehörte, die teilnehmende Bewegung, die ihr ganzes Herz erfüllte, ließ sie nicht ruhen, bis sie die Bestätigung gefunden hatten in der That und Wahrheit. Nun seht, Geliebte, also ziemt uns auch zu thun an unserm Theile. Denken wir uns, die Hirten wären ruhig bei ihren Heerden geblieben diese Nacht und hätten den Genuß des Sehens und Erfahrens sich versagt, wie dann? Die ganze Botschaft wäre am Morgen ihnen wie ein schöner Traum erschienen; sie hätten etwa davon geredet und erzählt, doch höchstens Neugierde, Verwunderung, nirgends Zuversicht und Glauben mit ihren Worten erweckt, und nach Jahr und Tag wäre der Eindruck weggewischt und hingeschwunden auch bei ihnen unter dem Alltagsgetriebe des Berufs, der irdischen Arbeit, und sie wären um die schönste Erfahrung ihres Lebens, um ihre Zuversicht und Freudigkeit noch in der Stunde ihres Todes gebracht gewesen durch ihre Lauheit und Gleichgültigkeit und Trägheit. Ich frage: thun nicht viele unter uns so, wie ich eben von den Hirten sagte, daß sie es nicht thaten? Rauscht nicht ein hohes Fest der Christenheit um's andere an uns vorbei, und läßt uns immerdar die alten, matten, von der Noth und Lust der Welt gebundenen und gedrückten, an Kraft des Glaubens und an Sieg der Hoffnung leeren Alltagsmenschen bleiben? Das sollte nicht so sein. Zwar in der Krippe liegt das Kindlein nicht mehr, über dessen Geburt wir in diesen Tagen uns freuen, sondern zu der Rechten Gottes sitzt unser Herr in Herrlichkeit und Kraft. Aber das Gedächtniß Seiner Wunder hat er uns gelassen in der Schrift, die von Ihm zeuget, und in den Thaten, welche von Ihm ausgegangen sind und aufgehen. So macht es wie die frommen Leute in Beroea, welche der Apostel lobt, weil sie täglich forschten in der Schrift, ob es sich also hielte, wie er ihnen sagte, und prüfet selbst, ob das Zeugniß von Christo, das vom ersten Blatt der Bibel und von der Verheißung des Weibessaamens, der den Kopf der Schlange zertreten werde, sich ununterbrochen durchzieht bis an den Ruf, mit dem das letzte Buch derselben schließt: „Ja komm, Herr Jesu!“ ob das ein Wort der Wahrheit, oder Dichtung oder Traum sei, und schlaget die Blätter der Geschichte nach und sehet, ob der Glaube an den Gottes- und Mariensohn sich in der Welt bewährt hat in seinen Früchten, oder schamroth sich vor ihr verbergen mußte, und laßt eure Seelen in williger Empfänglichkeit sich füllen und Nahrung schöpfen aus den bewährten Zeugnissen des Heiligen Geistes, die ihre Kraft noch keinem je entzogen haben, der begierig war sie aufzunehmen. Das Christfest sei der Ausgangspunkt für euch zu neuem Eifer, euch tiefer zu begründen in der Einen Wahrheit, deren Kern und Mittelpunkt Er selbst ist. Es stehe nicht abgerissen wie der schnell dahingeschwundene Traum eines schönen Tages in unserm Leben, das sofort zu andern Dingen ablenkt; sondern es treibe euch mit diesem Kind euch enger zu verbinden als ihr bisher gethan, Seine Herrlichkeit zu schauen, Sein göttliches Vermögen an euch selber zu erproben im Gebet zu Ihm und in Gehorsam gegen Seinen Willen; und kein Tag vergehe, wo ihr nicht in diesem Buche forschet, ob sich's also hält, wie euch gesagt wird, bis euch die Kraft des göttlichen Zeugnisses also übernimmt, daß ihr mit voller Zuversicht des Geistes sprechen könnt: Wir glauben hinfort nicht blos, weil ihr Lehrer und Prediger uns so saget; wir haben selbst gesehen und erkannt und sind es an dem Segen, den es uns gebracht hat, inne worden, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist, und ist unser Bruder worden, und ist das Heil für uns und für die ganze Welt.

II.

Dann seid ihr erst tüchtig, auch im andern Stücke zu folgen dem Beispiel, welches euch die Hirten unseres Textes geben; „denn da sie es gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ Zu allen Zeiten sehen wir, daß in dem Maße, als der Glaube der Christenheit lebendig und fest gegründet war in eigner Ueberzeugung und Erfahrung, auch ihr Eifer brannte, was sie als wahr und als gewiß und als Grund ihrer Seligkeit erkannte und im Herzen fühlte, andern mitzutheilen; daß die Kirche gleich einem Baume um so weiter ihre Zweige ausbreiten konnte und um so größere Mengen labte unter ihrem Schatten, je tiefer sie ihre Wurzeln trieb und eingesenkt fand in den Herzen ihrer Glieder. „Ich glaube, darum rede ich,“ das ist das Losungswort in alter und in neuer Zeit gewesen, vor welchem der Geist dieser Welt geschlagen sich zurückzog, durch das die Kirche alle ihre wahren Siege feierte, nie herrlicher als einst in der Apostel Tagen. Aber auch unser deutsches Vaterland ward vor 1000 Jahren nicht bezwungen durch die Waffen christlicher Beherrscher, sondern durch die Predigt treuer Boten Christi. Die äußern Siege erweckten Bitterkeit und Groll; die Kraft des Glaubens und der Liebe Christi unterwarf die ungebrochenen Herzen und gewann sie dem Gekreuzigten zur Siegesbeute. Ein Häuflein armer Vertriebener ist's gewesen, doch von erprobter Kraft des Glaubens, das sich vor etwa 125 Jahren um Herrnhut sammelte, schwach an Zahl, schwächer noch an äußern Mitteln und an Ansehen, Gelehrsamkeit und Reichthum vor der Welt. Aber von dem kleinen, unscheinbaren Mittelpunkte gingen Ströme des Segens aus in alle Lande, erfrischten die alte Christenheit und trugen das Panier des Kreuzes von einem Ende der Erde bis zum andern, daß unsers Herrn Jesu Name hoch gelobt ward in Zungen, welche seinen Klang bis dahin nie vernommen hatten. An dem aus tiefer Entfremdung und Gleichgültigkeit neu erwachten erfahrungsgemäßen Glauben an Christum entzündete sich der Eifer, der seit mehr denn 50 Jahren die Welt mit einem Netze von Anstalten der Liebe überzogen hat, um Seelen zu gewinnen für das herrliche Reich unsers Heilandes Jesu Christi und mit dem Salz der Wahrheit alle Kreise der Gesellschaft wieder zu durchdringen. Und daß es gleichwohl möglich war in diesen letzten Jahren Tausende zu berücken und weg zu drängen von dem Grundstein Christo, und einen Zustand herbeizuführen, daß man in manchen Gegenden wieder klagen muß mit dem Propheten: „Was aber übrig ist von der Tochter Zion, ist wie ein Häuflein im Weinberge, wie eine Nachthütte in den Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt,“ wo liegt die Schuld? Es hatten wohl Alle von alten Zeiten her vernommen, daß ein Kindlein geboren worden sei zu Bethlehem, von dem man sage, es sei der Welt Heiland. Aber selbst zugesehen, ob es auch so sich verhalte, hatten nur wenige. Einen festen Grund eigener Ueberzeugung aus Gottes Wort und aus Erfahrung Seines Heiles besaß nur eine kleine Auswahl, und von diesen waren wieder viele eingeschüchtert, zaghaft, blöde; darum schlossen sie Vergleiche mit den Stimmführern des Tages, statt daß sie ihnen ungescheut und mannhaft widersprechen sollten, und hinkten auf beiden Seiten, weil ihr Herz nicht ganz war mit dem Herrn. So standen denn die Wälle unserer Festung leer und die Vertheidiger verhandelten wohl noch die eigenen Waffen an die Widersacher. Geliebte in dem Herrn, so darf's nicht bleiben, so bleibt es auch nicht, ja es ist schon anders worden. Viele Stimmen erheben sich schon aller Orten und bezeugen: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben;“ aber diese Stimmen müssen sich verbinden, sie müssen sich vereinigen zu vollem Chore, sie müssen wieder verkünden mit lautem Schalle, daß die Welt davon ertöne, von einem Ende bis zum andern: „Ehre sei Gott und dem Lamme, das für uns erwürgt ward!“ Und das wird geschehen, wenn wir aus der Gleichgültigkeit und Stumpfheit aufstehen, mit der bisher von vielen Christi Worte und Thaten angesehen wurden; wenn es uns Herzensangelegenheit wird, Christo zuerst uns selber ganz und gar zum Eigenthum zu übergeben, und dann Ihm zuzuführen, wen wir können, unsre Kinder, unsre Gatten, unsre Freunde, unsre Nachbaren, jeder seinen Nächsten. Es taugt nicht, daß wir uns begnügen zur Mission ein Scherflein beizusteuern für die Heiden, aber in unserm eigenen Hause, in unsrer nächsten Nähe sind Leute, welche auch noch Christum nur erst nach dem Namen kennen. Sie müssen wir bei der Hand nehmen, mit uns führen, ihnen aufdecken die Schätze des Himmelreichs durch freudiges Bekenntniß und vor allen Dingen durch einen Wandel, welcher dem Bekenntnisse gemäß ist. Es taugt nicht, wenn wir andere in der Irre gehen sehen, die uns nahe sind, mit denen wir Umgang pflegen, in freundschaftlichem Verkehre stehen, daß wir denken: Ihr Glaube geht mich nicht an, ich bin ja kein Prediger und Lehrer! Ihr Glaube geht dich wohl an, und das Wort: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ stammt von Kain, dem Brudermörder! Wenn einst am jüngsten Tag dein Freund und Bruder stehen sollte aus der Linken Christi und könnte dir vorwerfen: „Du hast mir nichts davon gesagt, und hast es doch gewußt, daß nur Ein Name den Menschen gegeben ist, darin sie sollen selig werden; viele Zeit hast du mit mir verschwatzt, vertändelt, aber von dem Einen, was mir zu wissen nöthig war, hast du geschwiegen! Ach! hättest du dich meiner Seele angenommen, statt daß du blos eine Zeit lang Genuß der Unterhaltung und des Umganges an mir suchtest! Du bist mit Schuld an meinem Blute!“ Lieber, meinst du auch, daß dir könnte wohl sein, wenn du ihn so reden hörtest, wenn dein Gewissen seinethalben also dich verklagte? Nein, wo lebendiger Glaube ist, da ist auch Liebe; da hält man nicht zurück mit seinen Schätzen, man theilt sie mit, man breitet sie aus, man wirbt, man sammelt Christi Glieder; nur eigne Glaubenslosigkeit fragt auch nichts nach des Nächsten Glauben, Wie viel Almosen wird in unsrer Stadt gegeben, auch von dir, du liebe, im Wohlthun noch nie ermüdete Gemeinde! O, wenn ihr mit der Gabe eurer Hand auch ein Wort liebender Ermahnung, freundlicher Zusprache, herzlicher Fürbitte noch verbändet, wie ganz anders müßte das Geschenk dann wirken, wie würde es geheiligt werden durch das damit verbundene Wort Gottes und Gebet. Soll der Strom der Armuth versiegen, so verstopft die Quelle, und werft nicht blos eure Gaben in das Bette des Flußes, welcher sie mit fortschwemmt. Die Quelle ist die Gottvergessenheit der Massen. Sie kennen ihren einigen und wahren Trost und Schatz nicht, Jesum Christum, und wer diesen ihnen wieder in's Gedächtniß ruft und mit Wort und That an's Herz legt, der hat den rechten Weg betreten, um zu helfen, der verwandelt das zeitliche Almosen in eine Gabe für die Ewigkeit. Also lasset uns Christfest feiern alle Tage, daß wir die Freundlichkeit des Herrn, die uns erquickt hat, kund werden lassen Jedermann, indem wir nicht blos ihre Früchte loben, sondern auch den Baum anpreisen, der sie trägt. Selig wer selber sagen kann: Ich weiß, an wen ich glaube, denn ich habe Sein Heil gesehen und an mir erlebt. Der bleibt nicht allein, der führt noch einen Bruder mit zum Herrn; denn weß das Herz voll ist, muß der Mund ihm übergehen.

III.

Aber wir haben noch ein anderes Beispiel unsers Textes zu erwägen: „Maria,“ heißt es, „behielt alle diese Worte, und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Mehr als einmal steht dies von ihr geschrieben. Als Simeon ihr Kindlein auf den Arm nahm im Tempel zu Jerusalem und lobete Gott darüber, daß er seinen Herrn und Christ gesehen habe; als Jesus 12 Jahre alt im Tempel Sein Zeugniß ablegte, wer Sein Vater sei, und daß Er sei im Hause Seines Vaters, da lesen wir auch: „Und Maria behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“ So ist sie uns das Muster einer treuen Bewahrerin und Sammlerin der ihr gegebenen Schatze zur Mehrung ihres Glaubens und Erkennens. Und als der Tag kam, da sie diesen ihren Sohn umgeben sah von grimmen Feinden, und geschmähet, und verspeiet und an's Kreuz geheftet, da ging wohl das Schwert durch ihre Seele, von dem Simeon ihr gesagt hatte, das Schwert bittrer Schmerzen; aber den Glauben konnten sie ihr nicht tödten, denn er war zu wohl gegründet, und sie hatte was ihn nähren und befestigen konnte, nicht verschleudert, nicht vergessen, noch verloren, sondern behalten und bewegt und aufgesammelt auf die Tage der Prüfung, und darum bestand sie in der Stunde der Versuchung. So lasset uns ihr nachfolgen. Es hat auch uns schon oft der Herr besucht mit Licht und Kräften Seines Geistes; welcher erweckte Christ wüßte nicht von Stunden, wo sein Herz so voll, so überführt und so gewiß war in seinem Gott und Heiland, daß er hätte wie David sagen mögen: „Mit meinem Gotte will ich über Mauern springen!“ Welcher aufrichtige Jünger war noch nie bei dem Genuß des heiligen Sakramentes so hingenommen, daß er wirklich Kräfte des zukünftigen Lebens schmeckte? welchem nachdenkenden Christen wäre noch keine Stunde je gekommen im Laufe seines Christenlebens, wo der Zusammenhang des Rathes Gottes ihm so lebendig gegenwärtig war, daß ihm die Stimme seines eigenen Gewissens Beifall geben mußte, daß er in seinem Geist Zeugniß empfing vom Geiste Gottes: Das ist die Wahrheit, dabei sollst du bleiben? Und doch, wie schwach, wie schwankend, wie unsicher, wie zweifelsvoll kann uns eine andere Stunde wieder treffen! Wo ist das uns zuerst geschenkte Gut? Wir suchen es und können es nicht finden. Alles ist wieder trüb und dunkel und unstät vor unsern Augen. Das soll nicht also sein. Da liegt ein Fehler, und zwar in uns. Was uns Gott gibt und oft gegeben hat, das sollen wir bewahren, um es zu gebrauchen in bösen Tagen. Darauf bezieht sich das Wort Christi: „Wer da hat, dem wird gegeben werden, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen werden, das er meint zu haben.“ Alle, die je am Glauben Schiffbruch gelitten haben, hatten einst bessere Zeiten; der Herr hat sich an ihrer keinem unbezeugt gelassen; aber leichtsinnig verschwendeten sie ihr Gut und ließen es untergehen und ersticken unter dem Gestrüppe und den Dornen ihrer Lüste, ihrer Sünden, ihrer Sorgen, ihres Knechtsdienstes in dem Joche dieser Welt. Wenn dann der Tag kam, wo sie ihr Licht sollten leuchten lassen, so war es ausgegangen und sie glichen den thörichten Jungfrauen, welche ausgeschlossen werden mußten von der Hoheit Christi. Darum seid fleißig zu bewahren, was der Herr euch gibt. Unserer Stimmungen sind wir nicht immer Meister; unsre Seele kann getrübt werden, wenn die Anfechtung auf sie stürmt. Sagte doch der Sohn Gottes selber: „Jetzt ist meine Seele betrübt, denn ich muß mich taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde.“ Aber fester als die wechselnde Stimmung unseres Herzens steht die Erfahrung von der Kraft Christi, wenn sie von uns behalten und bewegt wird, und was uns der Herr klar gemacht und versiegelt hat in unserm Geist als Wahrheit, wird nicht umgestoßen dadurch, daß wir es je einmal nicht fühlen, oder daß der Anschein ihm widerspricht. Die Sonne scheint auch über dem Nebel; er zertheilt sich und ihr heller Strahl erquickt uns wieder. Drum muß die Seele sich waffnen mit Gewißheit fester Ueberzeugung. Dann hält sie mannhaften Widerstand und wird nicht niedergeworfen, wenn es anders geht, als wir nach unserm Sinn und guter Meinung dachten; dann spricht sie freudig: „Du demüthigest mich und hilfst mir,“ wenn der Herr nöthig findet durch Geduld und Warten zuvor uns klein zu machen, ehe er uns erhöht. Das Gold unseres Glaubens wird nicht angegriffen und verzehrt, wenn der Herr, was noch fleischliches, verkehrtes, engherziges, beschränktes an unserer Hoffnung klebt, davon wegschmelzt durch Anfechtung und Trübsal, sei es von innen oder außen.

O, daß wir in dieser uns geschenkten Gnadenzeit, da uns das Zeugniß Christi reichlich zu Gebote steht und das Wort von Ihm so leicht zu haben ist, wo Tag für Tag Er Seine Hand ausbreitet über uns, und uns zu Sich ruft mit freundlichen und ernsten Worten: o, daß wir uns jetzt Schätze sammelten gewisser Hoffnung, bewährter Zuversicht und wohlbegründeter Erkenntniß; es wird Anfechtung kommen, mehr noch als jetzt schon da ist; es geht mit der Kirche Christi, wie mit ihrem Meister: sie muß an's Kreuz, bevor sie auferstehen kann im ewigen vollkommenen Leben. Aber gleich wie Maria fest hielt am Glauben und auch unter dem Kreuze ihres Sohnes zu stehen vermochte, weil sie nicht vergessen hatte, was ihr von Ihm gesagt war in den Tagen Seiner Kindheit, und wie sie das Widerspiel des Augenscheins zu überwinden stark war, denn Seine Worte blieben in ihrem Herzen: so werden auch die nicht zu Schanden werden, sondern gleich ihr im Glauben überwinden, die nach ihrem Vorgange sich einen Vorrath von tüchtigen Glaubensgründen sammeln in der Zeit des Ueberflusses, und darum nicht zu darben brauchen in der Zeit der Dürre. Gott helfe uns allen dazu durch den Segen Seines Geistes und Wortes, und lasse am Geburtsfeste Seines lieben Sohnes auch für uns den Tag anbrechen und den Morgenstern aufgehen in unsern Herzen, der uns leuchte, bis wir Ihn sehen in Seines Vaters Reiche glänzen wie die helle Sonne. Amen!

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