Burger, Carl Heinrich August von - Am Neujahrstag 1849.

Burger, Carl Heinrich August von - Am Neujahrstag 1849.

Text. Ps. 126.
Ein Lied im höhern Chor: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen gethan; der Herr hat Großes an uns gethan; deß sind wir fröhlich. Herr, wende unser Gefängniß, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest. Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben.

Durch Gottes Gnadenhand behütet und beschirmt und von Seiner Huld getragen stehen wir heute an dem Morgen eines neu uns aufgegangenen Jahres. Ein Jahr, desgleichen wir noch keines erlebt hatten, unerschöpflich bis in seine letzten Stunden an immer neuen Verwicklungen und Sorgen, liegt hinter uns. Was es uns gebracht hat und was nicht, wird der Tag offenbaren (1. Cor. 3, 13). Aber vorwärts, nicht rückwärts streckt sich heute unser Blick. Was haben wir vom neuen Jahre zu hoffen, was zu fürchten? - Wer ist, der hierauf Antwort geben könnte! Mich wenigstens gelüstet nicht darüber ein Prophet zu sein von dieser Stätte. Ich danke meinem Gott, daß ich so viel weiß: Er wird es versehen! und daß ich nicht nach Menschenwitz und Weisheit, die von gestern her ist, sondern von Seinen ewigen Heils- und Friedensgedanken die Welt und all ihr Thun und Lassen bestimmet und nach festem Plan geleitet sehe. Darum überlassen wir es denen, die daran Freude finden, heute über Krieg und Frieden und dergleichen, was sie selbst nicht wissen, Gedanken und Aussichten sich zu bilden oder auszusprechen, und auf das Werdende nach ihrem Urtheil über das Gewordene zu schließen. Die Kirche Gottes hat festeren Boden unter ihren Füßen; sie hat gewissere Zuversicht und bessere Bürgschaft für das, was ihr verheißen ist, als menschliche Vermuthungen und Hoffnungsträume; und diese Kirche Gottes begreifet und beschließt ja in sich das Edelste und Beste, was ein Christ hat: seines Geistes Leben, seines Herzens Schatz und Kleinod. So mache dich auf, du Gemeinde Gottes! tritt einher in deiner Würde! wirf hinter dich die kleinlichen Bekümmernisse, die armseligen Nothbehelfe, an denen der Andern Herz und Hoffnung klebet! Dein Theil hat Gott in Händen und Er wird dir's geben, und von diesem deinem Theil und Erbe gilt ja das Wort, daß denen, die es haben, auch Alles andre, was sie nicht entrathen können, von selbst zufallen werde. Erhebe dich darum zu freudiger Zuversicht in deinem Gott! Sorge nicht und verzage nicht! sei wohlgemuth in deinem Heiland, deinem Herrn und Haupte und verklärten Bruder! Mit Christo tritt in's neue Jahr; Sein Name wandelt Alles dir in Segen; in Ihm sind alle Gottes - Verheißungen auch für dich Ja und Amen; und auf den Boden dieser Verheißungen wünsche ich mich heute sammt euch zu stellen. Darum habe ich den Text gewählt, den ich gelesen habe, und ziehe darauf den Schlußsatz, welchen der Apostel im Brief an die Hebräer ausspricht (4, 9):

Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes!

Darauf lasset unser Augenmerk uns richten und die Fragen uns beantworten:

  1. wem die Verheißung dieser Ruhe gilt;
  2. aufs welchen Bürgschaften ihre Gewißheit ruht;
  3. auf welchem Wege wir zu ihr geführt werden.

Herr Jesus Christus, der Du bist gestern und heute und derselbe in Ewigkeit, segne das Wort hievon in dieser Stunde; segne auch in dem neuen Jahre unsern Eingang und unseren Ausgang; segne dieß Haus und unsere Versammlungen an dieser Stätte; ziehe uns durch sie zu immer engerer Gemeinschaft mit Dir und allen Heiligen, daß wir das Zeitliche betrachten lernen im Lichte Deiner ewigen Heilsgedanken; daß unsre irdischen Wege uns verkläret werden durch das Ziel, dem Du uns zuführst! Ziehe unsre Seelen jetzt zu Dir, und lenke unsre Sinne und Gedanken auf Dein tröstliches Wort, daß wir uns Deiner Verheißungen erfreuen lernen, wenn die Gegenwart uns nicht erfreuen kann; daß wir einhergehen in Deiner Kraft und preisen Deine Gerechtigkeit allein! Das hilf, o Herr! zu Deines Namens Ehre und unserer Seelen Seligkeit! Amen.

I.

„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden,“ - beginnt unser Psalm. Wer sind denn die Gefangnen Zions? Es ist die gläubige Gemeinde aus Israel, die um der Sünde ihrer Väter und Volksgenossen willen und zu ihrer eigenen Läuterung und Vollbereitung hinweggeführt ist aus dem Vaterlande in die Fremde, und nun sich sehnet nach dem Tag der Heimkehr, nach ihren schönen Gottesdiensten, nach den Vorhöfen des Herren und dem Hause ihres Gottes. Sie ist ein Bild der geistlichen Gemeinde Jesu Christi, die jetzt auf Erden auch herumirrt als in einer Fremde, wo keine bleibende Statt für sie erfunden wird, und unter so viel Ungerechtigkeit, Verkehrtheit und Verstörung, die sie mit ansehen muß, und deren Druck sie nicht zum wenigsten empfindet, oft rufen muß mit dem Psalmisten (Psalm 120): „Wehe mir, daß ich ein Fremdling bin unter Mesech; ich muß wohnen unter den Hütten Kedars; es wird meiner Seele lange zu wohnen bei denen die den Frieden hassen.“ Dieß sind die Gefangenen Zions, deren Erlösungsstunde sicher naht. Es sind die, welche ihre rechte Heimath und ihre wahre Ruhestätte nicht auf der Erde, wie sie jetzt ist, suchen, aber fest trauen auf den lebendigen Gott, daß Er werde Frieden schaffen, und aus all dem Wirrsal, das der Menschen Sünde jetzt anrichtet, Sein ewiges Reich werde hervorgehen lassen, das für den Kampf und die Geduld der Vorbereitung überschwänglichen Ersatz gibt. - Sie sind Gefangene; denn das Gewicht und die Bedürfnisse des eigenen Fleisches, und die Anforderungen und die Noth des äußern Lebens halten sie gebunden und hemmen ihren freien Aufschwung und zwingen ihre Glieder unter das Joch der Mühe und der Arbeit um ihr Fortkommen in der Welt, und machen sie zu unfreiwilligen Zuschauern und Teilnehmern an dem Jammer, der von Geschlecht zu Geschlecht sich forterbt und durch die Menge der Aerzte, die daran heilen wollen, nur immer schlimmer wird. Aber ihr Vaterland heißt Zion; denn sie sind Bürger des himmlischen Jerusalems (Gal. 4, 26), und der Sohn Davids, Jesus Christus, ist ihr König, und all ihr Hoffen ist darauf gerichtet, daß sie Ihn noch schauen werden in Seiner Herrlichkeit und Schöne, und alle Tage ihres Lebens hier auf Erden halten sie für Pilgertage, in denen jedes Jahr dem Ziele sie näher bringt, daheim zu sein bei ihrem Herrn und dort zu warten, bis die Zahl der Miterlösten voll ist. - So sind sie mitten in der Welt nicht von der Welt, weil ihre Sehnsucht und Erwartung höher sieht als auf die scheinbare Befriedigung, die diese Erde bietet. Sie gehen in alle Leiden und Freuden ihrer Brüder ein; sie tragen mit die Last des Lebens und helfen redlich sie erleichtern, entziehen sich keinem Dienst der Liebe, sind vielmehr die ersten überall sie zu beweisen, und wissen zu weinen mit den Weinenden und mit den Fröhlichen sich zu freuen. Aber tief im Grund ihres Herzens steht unverrückt und unvertilgbar das Verlangen nach ihrem eigentlichen Vaterlande, und in der freudigsten wie in der trübsten Stunde, wenn man sie darauf fragen wollte, wer sie seien? würde ihr Bekenntniß lauten müssen: Ich bin ein Gefangener aus Zion; denn die Stadt Gottes, die erst noch aufgerichtet werden soll, ist meine Heimath!

Geliebte in dem Herrn! sind solche Gefangene unter uns, die sollen heute sich freuen. Sie werden mit ihrer Hoffnung nicht zu Schanden werden. Ihnen rückt jedes Jahr den Ausgang, deß sie harren, naher; ja ihnen gilt jetzt schon, was der Apostel sagt, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Mag auch noch manches Ungestüm die Welt erschüttern, mag auch das friedliche Bestehen auf Erden immer schwerer werden, und manches Pflänzlein, das uns lieb und werth war, noch hinwelken oder untergehn vor unsern Augen: am Grabe unsrer Hoffnung stehen wir nie, deßwegen weil wir unsre Hoffnung setzen auf das Unvergängliche und Bleibende; weil unser Schatz der Herr der Zeit ist, den ihr Wechsel nicht berühret. Drum wünschen wir uns Glück zum neuen Jahre! Ja freuet euch, die ihr den Herren kennt und liebet, freuet euch über jede Stunde, die euch ausgeht; denn ihr seid es, die aus einer jeglichen Gewinn zieht. Die Sorge und die Furcht und die Unruhe und die Bangigkeit laßt denen, die ihr Heil auf's Ungewisse stellen, denen der Tag es nehmen wie geben kann, die aus der schwankenden Welle der Zeitbewegung sich ihr Glück erbauen wollen. Wir haben eine leichtere Aufgabe; sie heißt: lediglich an jedem Tage, so wie er kommt, das Rechte thun, was der Tag mit sich bringt, was unsre Pflicht an ihm gebietet. Es ist die selige Einfalt der Kinder Gottes und doch eine wahre Klugheit, daß sie nicht hoch herfahren in Berechnungen und Plänen, was sie in Wochen, Monden, Jahren beginnen und ausrichten wollen, weil man sich damit nichts als Schmerzen schafft, wenn die Berechnungen nicht in Erfüllung gehen und aus den seinen Plänen nichts wird; daß sie vielmehr dem Herrn die Zukunft ganz und völlig überlassen. Mein ist nichts als der gegenwärtige Augenblick. Drum heute fröhlich ausgerichtet, was ich soll! es ist genug, wenn ich den nächsten Schritt vor mich hin sehe; derselbe Herr und Gott, der mir zu diesem nächsten Licht gibt, wird den weiter kommenden mich nicht verfehlen lassen. - So wandeln Christen, die ihr Bürgerrecht in Zion haben, und hier als Pilgrime die Welt durchziehn. Sie eilen fort von Jahr zu Jahr; jede Anmuth des Weges begrüßen sie mit Dank und Freude, und wissen immer von Erquickungen zu sagen, welche sie erfahren, und sind nie leer an Tröstung und Vergnügung; aber auch keine Rauhheit ihrer Straße schlägt sie nieder; unverdrossen winden sie sich hindurch; nur immer vorwärts ohne Rasten drängt ihr Schritt; bald schallen heimathliche Klänge an ihr Ohr; ihr Herz wallt; denn das Ziel kommt immer näher. Schon die Ahnung macht frohlocken! Und wenn es errungen ist: - ach da ist Freude! Seligkeit und Freude! Wie ein erwünschtes Traumbild, das im Schlafe uns erquickt hat, steht dann die Wirklichkeit vor unsern Augen! Dann wird der Mund voll Lachens und die Zunge voll Rühmens sein; dann wird der Jubel ausbrechen in den Ruf: Der Herr hat Großes an uns gethan! ja Er hat herrlich Seinen Rath hinausgeführet! So gebe uns Gott solchen Pilgersinn; so mache Er uns so getrost in Seiner Führung und schenke uns den Muth, die Zuversicht, in welcher Seine Kinder deß gewiß sind, daß eine Ruhe für sie vorhanden ist, an die kein Leid und kein Geschrei noch Schmerz der Welt rührt; die über allem Wechsel steht und nimmer fehlet; der jeder Tag uns näher zuführt; über die kein Feind Gewalt hat! Dann sind wir gerüstet für das neue Jahr. Wir stehen auf unsrer Hut und fürchten uns nicht; denn der Harnisch Gottes deckt uns, und das Ende, der einzig bleibende Gewinn aus diesem Weltlauf, Gottes Reich, ist unser!

II.

Doch welches sind die Gründe für diese unsre Zuversicht, in welcher wir so muthig sind und stark uns dünken? Ich stelle den gewichtigsten voran: es ist die Erhöhung unsers Herrn und Hauptes Jesu Christi. Seit 1800 Jahren ist Er weggenommen von der Erde, nicht als Besiegter, sondern als der Ueberwinder. Denn Er war todt, und ist lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und hat die Schlüssel der Hölle und des Todes (Offenb. Joh. 1, 18). Aus Seiner heiligen Höhe hat Er Seinen Geist gesandt zum Tröster und zum Unterpfande, daß Er unser gedenkt in unsrer Wallfahrt. Als der verklärte Mittler gibt Er uns im Sakramente das Siegel der Gemeinschaft Seines Leibes und Blutes, auf daß wir immer fester schlingen das Band, das uns mit Ihm verbindet, immer mehr zu Ihm gezogen, zur Verklärung in Sein Bild bereitet werden; und scheidend hat Er uns sein Wort gelassen, daß Er will wieder kommen und uns zu sich nehmen (Joh. 14, 3), Aus dieser Gewißheit steht der ganze Christenglaube. Wir glauben nicht an einen todten Heiland, sondern an einen lebendigen; auch nicht au einen solchen Gott, der unbekümmert um das Loos der Sterblichen in seliger Selbstbeschauung sich allein freut, und läßt uns arme Erdenwürmer hier uns plagen und unter uns verzehren und verderben und vergehen; - sondern der Gott und Herr, den wir bekennen, war in Christo und versöhnte die Welt mit Ihm selber (2. Cor. 5,19); Er ist theilhaftig worden unsers Fleisches und Blutes (Hebr. 2, 14), und hat die menschliche Natur nicht abgeleget, sondern sie verkläret, da Er nach überstandnem Leidenskampf aufstieg zum Thron der Ehren, und sitzt als Menschensohn zur Rechten des allmächtigen Vaters (Matth. 26, 64), und wird als Menschensohn einst wieder kommen um zu offenbaren, wozu Er in der Niedrigkeit den Grund gelegt hat. Ist aber Jesus Christus, wozu Er sich selbst bekennt, unser Bruder worden und geblieben (Joh. 20, 17): ist dann Sein Theil nicht unser Theil, und Seine Ehre unsre Ehre und Sein Sieg unser Sieg? Hat Er ihn doch allein für uns erstritten; ist Er doch nicht um Seinetwillen, sondern um unsertwillen Mensch geworden; ist doch sein einig Ziel und Absehen, daß Er uns von dem Joch der Sünde und des Todes und des Teufels ledig mache, und hat Er doch gesagt: „Wer an mich glaubet, der hat das ewige Leben, und Ich will ihn am jüngsten Tage auferwecken!“ (Joh. 6, 40). Darum, so wahr Jesus Christus unser Heiland lebet, so wahr ist und so fest steht, daß noch eine Ruhe vorhanden ist für das Volk Gottes, die Ruhe, zu der Er, unser Josua, uns heimbringt, wenn nur die Wüste dieser irdischen Laufbahn im Fleische einmal durchschritten ist.

Aber für dieses Ziel bürgt nicht bloß Christi Ehre, sondern auch des Vaters Heiligkeit und Wahrheit. Den Anfang der Geschichte bildet schon die Verheißung ihres Endes; der Sieg des Weibessamens ist im Paradiese noch geweissagt (1. Mos. 3, 15). Gott kann nicht Sein Geschöpf, das Er nach Seinem Bild gemacht hat, im Schmutz der Sünde elend untergehen lassen; Er kann nicht des Teufels Neid die Oberhand gewinnen und Sein Werk durch den hinterlistigen Verführer vereiteln und verderben sehen. Er kann es nicht, und will's nicht thun. Sondern wie jetzt die Sünde herrscht auf Erden, so soll noch einmal die Gerechtigkeit sie füllen, und wie der Tod der Sünde Sold ist, der Glied um Glied verschlingt und ein Geschlecht um's andre hinrafft: so soll das Leben als Frucht der Gerechtigkeit, die Christus schaffet, noch erblühen, und diese Erde, auf der der Kampf geführt wird, soll auch einst die Stätte des Triumphes werden. Drum nur getrost; es wird nicht immerdar so fortgehen! Es lebet noch ein Gott und Richter über Alles. Er ist der erste und der letzte, und Er wird das Feld behalten. Die Kraft, die einst am ersten Schöpfungstage rief: Es werde Licht! und es ward Licht; - der alle Elemente unterthan sind; die spricht, und es geschieht, die gebeut, und es steht da: sie steht im Dienste des heiligen Liebesrathes unsers Gottes; Sein ist die Welt, und darum ruhet unsre Hoffnung auf der Allmacht, auf der Wahrhaftigkeit und Heiligkeit, auf der Barmherzigkeit des Vaters und des Sohnes; und Jesus Christus ist der erste Stein des neuen Baues, der Grund- und Eckstein zu dem Tempel, zu welchem Gottes Hand in Seiner Zeit den Himmel und die Erde verwandeln wird als ewige Verkündiger und Zeugen Seiner Macht und Treue.

Habt ihr an solchem Fundamente genug oder wollt ihr mehr noch? Oder dünkt es euch gewisser, daß ein solcher Gott die Welt regiere, wie die Ungläubigen ihn gerne möchten, welcher nichts nach seinen Werken fraget? der selber gar kein Gott ist, sondern nur ein Traum der Menschen? der gar nicht existiert als in den müßigen Gedanken derer, welche von ihm fabeln? deß wahre Stimme lediglich im Munde derer sich vernehmen ließe, die uns belehren, daß wir ohne einen Gott bestehen, daß niemals einer war noch sein wird, daß die Welt von selbst geworden ist, von selbst sich forthilft und von selbst zergehen wird? Vor diese Frage stellet euch der laute Rus des Zeitgeists. Wählet, wem ihr euch anvertrauen wollt, wen ihr zum Führer nehmen wollt im neuen Jahre: den Herrn und Gott, der unsre Zuflucht ist für und für; der ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt und regieret, den Vater unsers Herrn Jesu Christi, den Gott alles Trostes und den Vater der Erbarmung, der uns geliebet hat und hat Sich selbst in Seinem Sohn für uns gegeben! Oder wollt ihr euch an den löcherichten Brunnen der Tagesweisheit laben, die von gestern her ist, und morgen weicht sie einer andern, und keines Menschen Seele macht sie froh, und wer sich von ihr blenden läßt, den stürzt sie in's Verderben? Wir aber wählen nicht mehr, wir, die wir uns Christi Jünger nennen; denn wir sind Sein. Wir haben unsre Zuversicht gesetzt auf den, der unablässig sich in unserm Geist bezeuget, den wir nicht lassen können, weil wir in Ihm leben; der die Berge fest setzt in Seiner Kraft, der die Liebe ist, der Glauben hält ewiglich. Mit Ihm fürchten wir kein Unglück; Er ist unser Friede, Sein Wort unsrer Seelen Speise, Seine Wahrheit der Gurt unsrer Lenden; und wenn hier Alles wankt und bricht, woran sich unsre irdische Hoffnung heftete und knüpfte, dann wissen wir doch, daß wir nichts verloren haben; denn Er ist unsre Zuversicht, vor dem die ganze Erde ist wie ein Stäublein in der Wage, und alle Völker, die so toben, wie ein Tröpflein, das am Eimer klebet. Er ist die Bürgschaft jener Ruhe, der wir harren. Laßt sehen, ob Gott Recht behalten wird oder Seine Widersacher, die Ihn läugnen!

III.

Aber der Weg zu dieser Ruhe ist in unserm Psalm nicht minder lieblich uns bezeichnet in den Worten: „Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten; sie gehen hin und weinen und tragen edeln Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“ An Thränen ist kein Mangel hier auf Erden, das ist nur zu wahr. Möchten doch alle Weinenden der Freudenernte sich getrösten können! Aber hier thut es eben noth zu unterscheiden. Nicht von den Thränen kommt die Ernte, sondern von dem Samen. Die Thränen dienen wohl ihn zu befruchten; sie mehren seine Keimkraft, sie befördern seinen Wachsthum. Aber sie können nimmer ihn ersetzen. Darum lasset uns wohl darauf achten, wenn wir weinen, ob unser Schmerz ein solcher ist, dem die Verheißung unsers Textes zu gute kommt, damit wir uns nicht mit dem falschen Wahn betrügen, als ob das Leiden und die Trübsal schon für sich allein Anwartschaft gebe auf die ewigen Freuden. Denn woher kommt denn das gehäufte Elend, das immer steigend auf das Leben der Menschen drückt? Können wir es läugnen, daß seine Quelle die Sünde ist, die üppig wuchernd alle Stände und Verhältnisse umschlinget, die jeden Segen in sein Gegentheil verwandelt, und aus dem Bande der Liebe zu den Brüdern eine Kette von Berechnungen des Eigennutzes und der Eitelkeit gemacht hat, und aus der Freude an den Gaben Gottes den Gifttrank schwelgerischen Mißbrauchs mischet! Wenn dann das Elend fühlbar wird, wird es durch das Weinen besser? Kann man den Thränen einen Werth beilegen, von denen man nichts weiter sagen kann, als daß sie eine Strafe sind für eigne Schuld und Thorheit? Ich fürchte, solcher Thränen wird die Welt noch viele sehn: und wird damit gehn wie geschrieben steht im Worte der Weissagung (Offenb. Joh. 16,10.11): „Sie zerbissen ihre Zungen vor Schmerzen, und lästerten Gott im Himmel vor ihren Schmerzen, und thaten nicht Buße für ihre Werke.“

Lasset uns andre Thränen, bessere, kennen lernen: Thränen der Gefangenen aus Zion. Sie haben Sünde, und sie wissen und bekennen, daß sie solche haben; aber durch Gottes Gnade ist ihr Sinn verwandelt und erneuert, daß sie nimmer eine Freude an der Sünde fühlen; sie ist vielmehr das bitterste, was sie empfinden. Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes hat sie von der Luft daran geheilet, und die vornehmste Quelle ihrer Schmerzen ist eben, daß sie immer noch mit der Versuchung zu derselben kämpfen müssen; daß sie das Rechte lieben, und doch beschleicht sie immer noch der Anlaß und der Reiz zum Ungerechten; daß sie Lust haben am Gesetz des Herren nach dem innern Menschen, und müssen doch ein anderes Gesetz, einen andern Zug in sich gewahren, der sie noch immer bindet unter das Gesetz der Sünde (Röm. 7, 18-24). Aber der Schmerz darüber ist ein Schmerz, der Gott gefällt; denn er bezeuget, daß die Sünde nicht mehr bei uns herrsche, daß sie uns ein Joch worden ist, von dem wir ringen los zu kommen; er ist dasselbe, was der Apostel (2. Kor. 7, 10) die göttliche Traurigkeit nennt, welche wirket zur Seligkeit eine Reue, die Niemand gereuet. O, daß der Geist des Herren solche Thränen reichlich bei uns weckte! Ihnen vorerst gilt die Verheißung, daß sie Gott selbst abwischen will von unsern Augen, wenn mit dem Leibe dieses Todes auch die verhaßt gewordne Sünde von uns abfallt, und die erwachte Liebe zu dem Herrn und die Lust der Gerechtigkeit durch keinen Widerstand gehemmt in freier Thätigkeit allein uns Herz und Muth und Sinn durchdringet und erfüllet!

Wohl macht uns jene göttliche Traurigkeit auch für das Leiden dieser Zeit empfindlicher. Sie schmelzt die Rinde der Stumpfheit weg, mit der man ohne viel Nachdenken trug, was eben nicht zu ändern sei; sie läßt uns auch im Leiden de n Fluch der Sünde sehen und empfinden; und der Tod mit allen seinen Schrecken, dem Geleite, das ihm vorangeht und ihm folgt, trifft um so schmerzlicher den, welcher weiß, woher der Tod in diese Welt gekommen ist; welcher fühlet, daß er nicht das natürliche Ende, daß er wider die Natur ist, ein Riß, der sie zerstört anstatt sie zu verwandeln. Das kann eines Christen Herz nicht fröhlich machen, sondern beugt ihn, daß er weinend zu seines Heilandes Füßen sinkt und spricht: Ach Herr! wird denn die Sünde noch einmal aufhören die Welt zu zerfleischen? Wird denn noch einmal Friede werden auf der Erde und Güte und Barmherzigkeit sie füllen und Treue und Gerechtigkeit darinnen wohnen? Ach Herr! komm doch und suche heim Dein Erbe! Du hast ja Lust zum Leben! mache des Weinens ein Ende, daß wir fröhlichen Mundes Dich loben können! -

Zu solchen Thronen wird uns auch das neue Jahr überflüssige Aufforderung und Anlaß geben. Wir haben nichts anderes von ihm zu erwarten; es wird nichts Besseres bringen. Macht euch keine Täuschung; hofft nicht auf's Ungewisse; meint nicht, die Dornen, die man aussteckt, werden Feigen tragen, und die Hecken Trauben! Aber den edeln Samen haltet fest, auf welchem die Verheißung ruht, daß eure Garben darauf wachsen sollen. Der Same ist die Hoffnung und der Glaube: der Glaube, welcher eine Kraft von Gott ist, die das Herz voll Zuversicht und Freude machet; der Glaube, welcher sein Licht leuchten läßt in guten Werken, und weil er weiß, daß wir berufen sind zum Segen, uns auch zu Segensspendern macht auf Erden. Was von ihm ausgeht, das ist nicht verloren. Die Liebe, die er übt, und die Geduld, zu der er stärket, und die Freundlichkeit und Sanftmuth, die er weckt und nähret, und die Zucht und Reinigkeit, in die er einführt und darin bewahret: das sind Pflanzen zu Gottes Preise; die stehen beschirmt inmitten dieser Welt, und zeugen, daß ihr ein Erntetag noch kommen muß; denn was von Gott ist, wird Gott sammeln und bewahren. Die Thränen der Sehnsucht aber und der Schmerz der Gegenwart bei denen, die Gott lieben, sind die Nährer und Beförderer der Hoffnung; sie machen, daß wir Zions nimmermehr vergessen; sie treiben zum Gebet; sie heiligen das Leiden, daß es zu einem Opfer wird, das wir dem Herrn darbringen, bittend, daß Er es ansehen und annehmen und Sein Wort uns halten wolle, welches uns Erlösung davon zusagt; unter unsern Thränen wird der Same groß, und in der Trübsalshitze reift er. Aber die Ernte trocknet alle Thränen ab; wenn wir die Garben bringen, dann ist Freude!

Und dazu wird es kommen! Ja die Ernte eilet uns entgegen. Die Zeit hat Flügel; sie verdoppelt und vervielfacht ihre Raschheit. Danket dem Herrn, daß Er sie kürzt durch solche Eile! Danket dem Herrn, daß mit dem Maaße der Drangsal die Nähe und die Sicherheit des Zieles zunimmt! Solche Gewißheit leite uns im neuen Jahre, denn sie trügt nicht. Alles andre laßt uns Gott befehlen! Aber weil die Zeit kurz ist, laßt uns Fleiß thun, sie nicht zu versäumen, und wer wohl Thränen kennt, aber von dem Samen, welchen sie befeuchten sollen, noch nichts in seinem Herzen hat, der bitte Gott, daß Er ein Jahr der Saat ihm schenken möge, indem Er ihm durch Seinen Geist das Herz und das Gewissen rühre, und ihn erkennen lehre, daß die Sünde der Leute Verderben, Jesus Christus aber der Eine Name ist, in dem wir können selig werden. Mit diesem Namen sei heute der erste Schritt gethan in dem neuen uns geschenkten Gnadenjahre; mit diesem Namen werde jeder Tag begonnen, jedes Tagewerk beschlossen: bis wir dem Herrn, der diesen Namen trägt, den Freudenruf entgegen bringen werden (Offenb. Joh. 12, 15): Jetzt sind die Reiche der Welt unsers Herrn und seines Christus worden, und Er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit! Halleluja! Amen.

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