Bunyan, John - Pilgerreise - Vierzehntes Kapitel.

Bunyan, John - Pilgerreise - Vierzehntes Kapitel.

Herr Nebenwege und Genossen.

In meinem Traume sah ich nun, daß Christ auf seinem weitern Wege abermals einen Reisegefährten erhielt, Namens Hoffnungsvoll; denn Solches war er geworden, da er auf die Worte und auf das Benehmen Christ's und Getreu's in ihrer Trübsal geachtet hatte; derselbe gesellte sich zu ihm und indem er einen Bruderbund mit ihm schloß, erklärte er ihm, daß er sein Gefährte sein wolle. Während so Einer zum Zeugniß der Wahrheit starb, erstand ein Anderer aus seiner Asche, um Christ's Gefährte auf der Pilgerfahrt zu werden. Eben derselbe Hoffnungsvoll erzählte Christ auch, daß noch manche Andere auf dem Jahrmarkte seien, die zu ihrer Zeit ebenfalls folgen würden.

Nachdem nun die Beiden die Stadt eilig verlassen hatten, holten sie alsbald einen gewissen Herrn Nebenwege ein. Sie fragten ihn: Was er für ein Landsmann sei? und wie weit er diesen Weg gehen wolle? ,Ich komme aus der Stadt Schönwort„, sagte er „und will nach der himmlischen Stadt;“ aber seinen Namen nannte er ihnen nicht.

„Von Schönwort?“ sagte Christ; „wohnen auch fromme Leute dort?„ 1)

Nebenw. Das hoffe ich doch.

Chr. Darf ich mir euren Namen ausbitten, mein Herr?

Nebenw. Ich bin euch fremd und ihr seid es mir. Gehet ihr aber auch dieses Weges, so wird mir eure Gesellschaft angenehm sein; wo nicht, muß ich auch zufrieden sein.

Chr. Von der Stadt Schönwort meine ich mehr gehört zu haben; es soll, wenn ich mich recht erinnere, ein wohlhabender Ort sein.

Nebenw. Allerdings, das kann ich euch versichern. Ich habe viele reiche Verwandte dort.

Chr. Mag ich wohl fragen, wer eure Verwandte dort sind?

Nebenw. Fast die ganze Stadt ist mir anverwandt, namentlich aber: Herr von Verdreher, Herr von Zeitdiener und Herr von Schönwort, von dessen Ahnherrn die Stadt ihren Namen hat; auch bin ich verwandt mit Herrn Glattmann, Herrn Schulterträger, Herrn Allerweltsmann und mit unserm Pastor, dem Herrn Zweizüngig, der meiner Mutter leiblicher Bruder ist. Und, um's euch gerade herauszusagen: ich bin ein Mann von guter Herkunft, obgleich mein Urgroßvater nur ein Bootsmann war, der nach dem einen Ufer hinsah, wenn er auf das andere zusteuerte. Ich selbst aber kam durch die nämliche Beschäftigung zu dem größten Theile meines Vermögens.

Chr. Seid ihr verheirathet?

Nebenw. Ja, und meine Frau ist ein sehr tugendhaftes Weib, von einer tugendsamen Mutter, und diese war die Tochter der Frau von Verstellung. Sie stammt also aus sehr ehrbarer Familie und hat einen solchen Grad von Bildung erlangt, daß sie sich mit allen Leuten, so gut mit Fürsten wie mit Bauern, zu benehmen weiß. Wir weichen in der Religion zwar etwas von denjenigen ab, die es darin ein wenig genauer nehmen; es betrifft dies jedoch nur zwei Punkte, die nicht gerade wichtig sind. Einmal gehen wir nie gegen Wind und Wetter an, und zum Andern sind wir immer die Eifrigsten, wenn die Religion in silbernen Pantoffeln einhergeht: wir lassen uns mit ihr gerne auf der Straße sehen, wenn die Sonne hell scheint, und die Leute ihr zujauchzen. 2)

Da wandte sich Christ zu seinem Reisegefährten Hoffnungsvoll auf die Seite und sprach zu ihm: Es fällt nur ein, daß dieser Mann ein gewisser Nebenwege aus Schönwort ist, und wenn er das ist, so haben wir einen so argen Schelm in unserer Gesellschaft, als es nur einen in der ganzen Gegend gibt. Darauf sagte Hoffnungsvoll: So frage ihn doch; ich sollte meinen, er würde sich seines Namens nicht schämen. Da wandte sich Christ wieder zu ihm hin und sagte: Ihr sprechet, Herr, als wenn ihr mehr verstandet, als jeder Andere; wenn ich nicht irre, so errathe ich halb und halb, wer ihr seid. Seid ihr nicht Herr Nebenwege aus Schönwort?

Nebenwege. So heiße ich nicht; aber diejenigen, die mich nicht leiden mögen, haben mir diesen Beinamen gegeben, und ich finde mich darein, ihn als eine Schmach zu tragen, wie andere fromme Menschen ja solcherlei schon vor mir erduldet haben.

Chr. Aber habt ihr nicht selbst die Veranlassung dazugegeben, daß man euch diesen Namen beigelegt hat?

Nebenw. Nein, ganz und gar nicht! Das Schlimmste, was ich that, um ihnen zu diesem Namen Veranlassung zu geben, bestand dann, daß ich immer so glücklich war, meine Ansichten nach den jedesmaligen Zeitumständen einzurichten, und daraus Vortheil zu ziehen.

Aber was mir so zugefallen ist, das rechne ich mir als einen Segen an. Mögen immerhin gottlose Menschen ihre Beschimpfungen auf mich laden: das soll mich nicht irre machen.

Chr. Ich dachte mir's wohl, daß ihr der Mann seid, von dem ich gehört habe. Um euch aber meine Meinung gerade herauszusagen, so fürchte ich, daß der Name, welchen man euch beigelegt hat, besser zu euch paßt, als ihr zugestehen möchtet.

Nebenweg. Nun, wenn ihr das meint, dann kann ich euch nicht helfen. Ihr werdet aber finden, daß ich ein ganz guter Reisegesellschafter bin, wenn ihr mich als solchen annehmen wollt.

Chr. Wenn ihr mit uns gehen wollt, so müsset ihr gegen Wind und Wetter an. Das ist aber, wie ich gemerkt, wider eure Ansicht. Auch müsset ihr das Christenthum ebenso treu bekennen, wenn es in Lumpen, als wenn es in Silberpantoffeln einhergeht, und müsset ebenso, zu ihm stehen, wenn es in Ketten gebunden liegt, als wenn es unter dem Zujauchzen der Menge durch die Straßen zieht.

Nebenw. Ihr müsset mir aber keine Bürde aufbinden, noch euch zum Herrn meines Glaubens machen wollen. Lasset mir meine Freiheit und erlaubt mir nur, daß ich mit euch gehe.

Chr. Nicht einen Schritt weiter, wenn ihr nicht nach meinem Vorschlage thun wollt, wie wir.

Nebenw. Nun, wenn es so ist, dann erkläre ich euch, daß ich niemals von meinen alten Grundsätzen abweichen werde, denn sie sind harmlos und vortheilhaft. Wenn ich nicht mit euch zusammengehen darf, dann muß ich's machen wie vorher, ehe ihr mich einholtet — ich muß dann so lange allein gehen, bis mich Jemand einholt, der an meiner Gesellschaft Gefallen findet.

Nun sah ich in meinem Traume, daß Christ und Hoffnungsvoll ihn verließen und in einiger Entfernung vor ihm hergingen. Einer von ihnen blickte aber hinter sich und sah drei Männer, welche Herrn Nebenwege folgten. Er machte eine tiefe Verbeugung vor ihnen, die sie ebenso höflich erwiderten. Die Männer waren folgende: Herr Haltewelt, Herr Geldlieb und Herr Sparauf. Sie waren sämmtlich alle Bekannte des Herrn Nebenwege, denn in ihrer Jugend waren sie Schulkameraden gewesen. Ihr Lehrer war ein gewisser Herr Greifmann im Flecken Gewinnsucht, in der Grafschaft Habgier, im Norden gelegen. Dieser Lehrer unterwies seine Schüler in der Kunst des Erwerbs, und zeigte ihnen, wie dieselbe durch Gewalt, Betrug, Schmeichelei, Lüge oder durch Scheinheiligst auszuüben sei. Und diese vier Herren hatten es in der Kunst ihres Meisters so weit gebracht, daß Jeder von Ihnen selbst eine solche Schule hätte halten können.

Nach ihrer wechselseitigen Begrüßung fragte Herr Geldlieb den Herrn Nebenwege: „wer sind die Beiden da, welche vor uns hergehen?“ denn Christ und Hoffnungsvoll konnten noch von ihnen gesehen werden.

Nebenw. Es sind entfernte Landsleute von uns, die eine Pilgerfahrt nach ihrer Weise machen.

Geldl. Ei, warum warteten sie denn nicht, daß wir gute Gesellschaft mit ihnen hätten machen können? denn ich hoffe, sie wollen eine Pilgerreise machen, wie auch wir allesammt.

Nebenw. Das ist wohl wahr: allein die Männer vor uns sind so strenge, und halten so fest an ihren oberflächlichen Ansichten, während sie die Meinungen Anderer nur so gering schätzen, daß sie einen Menschen, der noch so gut ist, wenn er nicht gerade in allen Stücken mit ihnen übereinstimmt, aus ihrer Gesellschaft ausstoßen.

Sparauf. Das ist schlimm; allein wir lesen von gewissen Leuten, die allzu gerecht sind, und deren Strenge sie verleitet, alle nach dem nämlichen Maßstabe zu beurtheilen und Jeden, der nicht wie sie denkt, zu verdammen. Doch sage mir, welches sind die Dinge, in denen ihr verschiedener Meinung waret?

Nebenw. In ihrer hartnäckigen Weise behaupteten sie, es sei ihre Pflicht, jedem Wetter auf ihrer Reise Trotz zu bieten; hingegen bin ich dafür, daß man Wind und Wetter abwarte. Sie setzen Alles, was sie haben, auf einmal für Gott auf's Spiel; ich bin jedoch dafür, möglichst alle Vortheile wahrzunehmen, um mein Leben und mein Vermögen zu sichern. Sie sind dafür, ihre Meinung festzuhalten, wenn auch die ganze Welt dagegen sein mag; ich aber bin für die Religion nur insoweit, als es sich mit den Umständen und meiner eigenen Sicherheit verträgt. Sie sind für das Christenthum, selbst wenn es in Lumpen und Schmach einhergehen muß, ich bin jedoch nur für dasselbe, wenn es in silbernen Pantoffeln, im hellen Sonnenschein einhergeht und die Leute ihm Beifall schenken.

Haltew. Ganz Recht! Bleibt nur bei eurer Ansicht, mein guter Herr Nebenwege; denn ich kann meinerseits den nur für einen Narren halten, der so unweise ist, das, was er hat, zu verlieren, wenn es ihm frei steht, dasselbe zu behalten. Lasset uns doch klug sein, wie die Schlangen! Es ist ja dann am Besten Heu machen, wenn die Sonne scheint. Ihr sehet, wie die Biene den ganzen Winter über still liegt und sich erst dann regt, wenn sie einen Vortheil mit Vergnügen erjagen kann. Gott sendet bald Regen und bald Sonnenschein: sind jene solche Narren, daß sie durch den Regen hindurchgehen, nun so wollen wir warten, bis das Wetter heiter wird. Was mich betrifft, so erachte ich diejenige Religion für die beste, welche uns die gütigen Segnungen Gottes sicher stellt; denn, wer kann sich's vernünftigerweise anders denken, als daß Gott, der uns einmal die Güter dieses Lebens geschenkt hat — auch haben will, daß wir sie um seinetwillen bewahren sollen? Abraham und Salomo wurden auch reich bei ihrem Gottesdienste, und Hiob sagt:3) Silber wird dem Gerechten zugehäuft werden. Dann muß aber Einer nicht sein, wie die Männer vor uns nach eurer Beschreibung sind.

Sparauf. Ich glaube, daß wir in dieser Sache alle mit einander einverstanden sind, deßhalb brauchen wir uns dabei nicht länger aufzuhalten.

Geldl. Nein, es bedarf wirklich keiner Worte weiter über diese Sache; denn der, welcher weder der Bibel noch der Vernunft Glauben schenkt (und ihr sehet wohl, wir haben beide auf unserer Seite), der kennt weder etwas von seiner eigenen Freiheit, noch ist er auf seine eigene Wohlfahrt bedacht.

Nebenw. Wir sind alle, wie ihr sehet, meine Brüder, auf der Pilgrimschaft. So erlaubet mir denn, damit wir uns um so eher von Dingen, welche böse sind, fern halten, euch folgende Frage vorzulegen:

Den Fall gesetzt, daß ein Mann, sei es nun ein Geistlicher oder ein Geschäftsmann, sich in der Lage befände, die Güter dieses Lebens zu erlangen, doch so, daß es nur geschehen könnte, wenn er sich wenigstens zum Schein mit einigen Stücken der Religion eifrig befaßte, um die er sich vorher nicht bekümmert — stände es ihm zu, sich dieser Mittel für seinen Zweck zu bedienen, und könnte er dabei doch ein ganz ehrlicher Mann bleiben?

Geldl. Ich kann es mir wohl denken, wer euch zu dieser Frage gebracht hat. Erlaubt mir, meine Herren, daß ich versuche, darauf eine gründliche Antwort zu geben. Erstlich nun, was die Frage hinsichtlich eines Geistlichen betrifft, so denke ich mir einen würdigen Mann, der nur ein sehr geringes Einkommen und eine bei weitem einträglichere Stelle in Aussicht hat, es böte sich demnach eine Gelegenheit, sein Einkommen zu vergrößern. Er könnte aber nur dazu gelangen, wenn er sich in seinem Amte thätiger bewiese, wenn er öfter und eifriger predigte und einige von seinen früheren Grundsätzen änderte, wie es der Sinn der Gemeinde verlangte: dann sähe ich für mein Theil keinen Grund, warum ein Mann, vorausgesetzt, daß er einen Ruf hat, dies und noch viel mehr nicht thun sollte, und warum er dabei nicht dennoch ein ehrlicher Mann bleiben konnte. Denn

1) sein Verlangen nach einem größern Einkommen ist, unwidersprechlich, ein gesetzmäßiges, da es ihm von der Vorsehung angeboten wird. Er darf es also auch annehmen, ohne sein Gewissen dadurch zu beschweren.

2) Überdies macht solch Verlangen ihn thätiger in seinem Amte und eifriger im Predigen u. s. w. Mithin macht es ihn zu einem bessern Menschen, ja es macht, daß er sie besser ausbildet, welches gerade dem Willen Gottes gemäß ist.

3) Was nun aber den Punkt angeht, daß er sich nach dem Sinne der Gemeinde richtet, indem er ihr zu Gefallen einige von seinen frühern Grundsätzen aufgibt, so beweiset er dadurch zunächst, daß er sich selbst verläugnet, ferner auch, daß er ein sanftmüthiges und einnehmendes Wesen hat, und endlich, daß er zur Führung eines geistlichen Amtes um so tüchtiger ist.

4) Daraus nun ziehe ich den Schluß, daß ein Geistlicher, der ein geringes Einkommen mit einem größeren vertauscht, nicht deßhalb als ein Geizhals angesehen werden sollte, sondern, weil er dadurch, in seinem Fleiße und seiner Ausbildung fortgeschritten, vielmehr als ein Mann betrachtet werden muß, der seinem Berufe entspricht, und die ihm dargebotene Gelegenheit, Gutes zu thun, ergreift.

Und nun komme ich auf den zweiten Theil der Frage, sofern dieselbe nämlich einen Geschäftsmann betrifft. Gesetzt, solcher hätte nur ein ärmliches Einkommen, könnte aber, dadurch daß er fromm würde, sein Geschäft heben, vielleicht ein reiches Weib bekommen, oder mehr und bessere Kundschaft erlangen — so sehe ich keinen Grund, warum er von jenem Mittel keinen Gebrauch machen sollte. Denn

1) Fromm zu werden, ist eine Tugend, woraus sie auch immer entstehen möge.

2) Auch ist's keine Sünde, wenn man ein reiches Weib oder mehr Kunden zu bekommen sucht.

3) Durch seine Frömmigkeit erlangt er das Gute von Menschen, die gut sind, wie er es selbst ist. So hat er denn ein gutes Weib, gute Kunden und guten Gewinn, und zwar dies Alles durch seine Frömmigkeit. Es ist daher eine gute und nützliche Absicht fromm zu werden, um alle diese Vortheile zu erlangen.

Diese Antwort des Herrn Geldlieb auf Herrn Nebenwege's Frage fand den größten Beifall seiner Reisefährten, und so stimmten sie dann sämmtlich in die Behauptung ein: So zu handeln wäre heilsam und vortheilhaft. Weil sie nun meinten, daß kein Mensch etwas dagegen einwenden könne, so kamen sie mit einander überein, weil Christ und Hoffnungsvoll ihnen noch nicht weit voraus waren, sie mit dieser Frage gemeinschaftlich anzugehen, sobald sie dieselben nur eingeholt hätten. Dies war aber um so mehr ihre Absicht, weil sie dem Herrn Nebenwege so sehr widersprochen hatten. So riefen sie denn den Beiden zu, und diese blieben denn auch stehen, bis Herr Nebenwege und seine drei Genossen zu ihnen gekommen waren. Diese hatten aber unter einander ausgemacht, daß nicht Herr Nebenwege, sondern der alte Herr Haltewelt ihnen die Frage vorlegen sollte, indem sie dachten, diesem würden sie Rede stehen, ohne die Heftigkeit, die früher zwischen Herrn Nebenwege und ihnen entbrannt war.

Als sie nun beieinander waren und sie sich eben begrüßt hatten, legte Herr Haltewelt alsbald Christ und seinem Gefährten die Frage vor, und ersuchte sie, dieselbe, wenn sie könnten, zu beantworten.

Hierauf nahm Christ das Wort und sprach: Wer nur ein Kind im Christenthum ist, wird im Stande sein. Tausende solcher Fragen zu beantworten. Ist es Unrecht, Christo um des Brotes willen zu folgen — und anders ist's nicht,4) um wie viel schändlicher muß es sein, wenn man ihn und seine Lehre als Mittel gebraucht, die Welt und ihre Freuden zu erwerben! Und so finden wir denn auch Niemanden, der Solches thut, als die Heiden, Heuchler, Teufel und Zauberer.

1) Die Heiden — denn als Hemor und Sichem Lust hatten zu Jakobs Tochter und Vieh, und einsahen, daß sie nicht anders dazu gelangen könnten, als wenn sie sich beschneiden ließen, — sagten sie zu ihren Genossen: „Wo wir Alles, was männlich unter uns ist, beschneiden, gleichwie sie beschnitten sind, wird ihr Vieh und Güter und Alles, was sie haben, unser sein. „ Töchter und Vieh waren das, was sie zu bekommen suchten, die Religion aber das Mittel, dessen sie sich bedienten, um dazu zu gelangen. 5)

2) Die heuchlerischen Pharisäer waren ebenfalls Leute solcher Art. Lange Gebete waren ihr Vorwand, allein der Wittwen Häuser zu fressen ihre Absicht, daher sollten sie aber schwerere Verdammniß empfangen. 6)

3) Judas, der ein Teufel war, hatte auch diese Religion. Er war fromm um des Beutels willen, den er trug und nahm, was hineingethan wurde, aber er ward verworfen und ging verloren als ein Kind des Verderbens. 7)

4) Simon, der Zauberer, war ebenso von dieser Religion, denn er begehrte die Gabe des heiligen Geistes, um dadurch Geld zu gewinnen, deßwegen ward er von Petto verflucht. 8)

5) Überdem kann ich des Gedankens nicht los werden, daß ein Mensch, der um der Welt willen fromm wird, auch um der Welt willen die Frömmigkeit wieder fahren lässet; denn so gewiß als Judas nur nach der Welt trachtete, da er fromm war, ebenso gewiß verkaufte er seine Frömmigkeit und seinen Herrn hinwieder um der Welt willen. Wer demnach die aufgeworfene Frage bejaht - und das habt ihr, wie Ich merke, gethan — und das für recht annimmt, der ist ein Heide, ein Heuchler und ein Teufel, und ihr werdet euren Lohn empfangen nach euren Werken.

Nach diesen Worten sahen die Frager einander ganz bestürzt an, und wußten Nichts darauf zu antworten. Hoffnungsvoll gab der gründlichen Antwort Christ's seinen ganzen Beifall, und nun entstand eine große Stille unter ihnen. Herrn Nebenwege und seinen Gefährten war's in die Beine geschlagen, so daß sie zurückblieben und sie waren's denn auch wohl zufrieden, daß Christ und Hoffnungsvoll ihnen vorausgingen. Da hub Christ zu seinem Gefährten an: „Wenn diese Leute nicht einmal vor dem Urtheile der Menschen bestehen können, was soll's dann erst vor dem Gerichte Gottes mit ihnen werden? Und wenn sie vor irdischen Gefäßen verstummen, wie wird's ihnen ergehen, wenn der mit ihnen rechnet, der ein verzehrendes Feuer ist?“ 9)

Hierauf gingen Christ und Hoffnungsvoll weiter, bis sie in eine liebliche Ebene, Ruhe genannt, kamen; hier wandelten sie mit großer Annehmlichkeit. Allein die Ebene war nicht groß, und daher hatten sie den Weg durch dieselbe bald zurückgelegt. An der andern Seite dieser Ebene war aber ein kleiner Hügel, Namens Gewinn, und in dem Hügel befand sich eine Silbergrube. Schon viele Pilger waren früher angelockt worden, vom Wege abzugehen, um sie zu besetzen, denn es war eine Seltenheit. Weil sie sich aber zu nahe an den Rand des Schachtes begaben, war der betrügerische Boden unter ihnen zusammengebrochen, und Mancher von ihnen um's Leben gekommen; Andere waren beschädigt und ihr Lebenlang Krüppel geworden.

Nun sah ich in meinem Traume, wie ein wenig vom Wege ab, der Silbergrube gegenüber, Demas, wie ein vornehmer Herr dastand. Das that er aber, um die. Vorübergehenden einzuladen, daß sie kommen und sehen möchten. So rief er denn auch Christ und seinem Gefährten zu: „Kommt herüber, ich will euch etwas Merkwürdiges zeigen!“

Chr. Was kann denn einen solchen Werth haben, daß es uns vom Wege abbringen sollte!

Dem. Hier ist eine Silbergrube und darin sind Leute, die nach Schätzen graben. Wenn ihr kommen wollt, könnt ihr mit leichter Mühe reich werden.

Hoffn. Sich an seinen Gefährten wendend: So laß uns hingehen und sehen!

Chr. Ich nicht, sagte Christ. Ich habe schon früher von diesem Platze gehört, und wie Viele hier um ihr Leben gekommen sind; übrigens sind auch diese Schätze nur ein Fallstrick für diejenigen, die sie suchen und ihnen hinderlich auf ihrer Pilgerfahrt. 10) Hierauf rief Christ dem Demas zu: Ist der Platz nicht gefährlich? Ist er nicht Vielen schon ein Hinderniß auf ihrer Pilgerreise geworden?„ 11)

Dem. O, nein; gefährlich kann er nur für sorglose Menschen sein. Aber indem er das sagte, erröthete er.

Christ sprach hierauf zu Hoffnungsvoll: Laß uns keinen Schritt näher gehen, sondern stille unsern Weg weiter verfolgen.

Hoffn. Ich bürge dafür, wenn Nebenwege hierhin kommt und dieselbe Einladung erhält, wie wir, so wird er sich dahin wenden, um zu sehen.

Chr. Das bezweifle ich nicht, denn gerade seine Grundsätze bringen ihn dahin, aber ich setze auch Hundert gegen Eins, daß er dort zu Grunde geht.

Demas rief ihnen abermals zu: Wie ist's denn? wollt ihr nicht kommen und sehen?

Christ aber antwortete nun rund heraus: Du bist ein Feind der rechten Wege des Herrn, du selber bist davon abgewichen und hast bereits von einem Diener des Herrn der Herrlichkeit dein Urtheil empfangen;12) — was suchest du uns denn in dieselbe Verdammniß zu bringen? Würden wir von unserm Wege abgehen, so käme es sicher vor unsern Herrn, den König, und er würde uns zu Schanden machen, während wir vor ihm stehen sollten mit Freudigkeit.

Demas schrie hinwiederum und versicherte, daher ebenfalls einer von ihren Brüdern sei und daß, wenn sie nur ein wenig warteten, er auch mit ihnen gehen wolle.

Darauf fragte Christ ihn: wie heißest du? Habe ich dich beim rechten Namen genannt?

Demas. Ja, ich heiße Demas und bin ein Sohn Abrahams.

Chr. Ich kenne dich. Gehasi13) war dein Urgroßvater und Judas dein Vater: du bist in ihre Fußstapfen getreten. Du treibst nichts als Teufelsstreiche. Dein Vater ist als Verräther erhängt worden und du verdienst kein besseres Loos. 14) Halte dich versichert, wenn wir zum Könige kommen, werden wir erzählen, wie du's hier gemacht hast. Und hiermit zogen sie ihres Weges weiter.

Unterdessen kamen Nebenwege und seine Begleiter ihnen wieder zu Gesicht und auf den ersten Wink gingen sie zu Demas hinüber. Ob dieselben nun in die Grube fielen, indem sie über deren Rand hinabsahen, oder ob sie hinabstiegen, um nach Schätzen zu graben, oder ob sie durch die Dämpfe, welche gewöhnlich daraus aufsteigen, erstickt wurden — darüber kann ich nichts Gewisses angeben. Das aber weiß ich, daß sie nie wieder auf dem Wege gesehen wurden. Hierauf stimmte Christ die Worte an:

Nebenwege stimmt mit Demas Sinn:
Ruft der Eine, eilt auch schon der Andre,
Daß er mit ihm theile den Gewinn,
Aber nur mit ihm zur Hölle wandre!

Nun sah ich, daß die, Pilger gerade auf der andern Seite dieser Ebene an eine Stelle kamen, auf der ein altes Denkmal dicht an der Landstraße stand. Beim Anblick desselben waren beide wegen der sonderbaren Gestalt nicht wenig verwundert: es kam ihnen nämlich vor, als wäre es ein Weib gewesen, die in eine Säule umgewandelt worden. Sie blieben daher eine Weile stehen und sahen es wieder und wieder, und doch wußten sie eine Zeitlang nicht, was sie daraus machen sollten. Endlich wurde Hoffnungsvoll gewahr, daß ganz oben am Kopfe eine ganz eigenthümlich geformte Inschrift stand. Da er aber kein Gelehrter war, rief er Christ herbei (denn dieser war ein Gelehrter), doch einmal zuzusehen, ob er den Sinn wohl herausbringen könne. Christ kam und nachdem er ein wenig an der Inschrift buchstabirt hatte, brachte er die Worte heraus: „Gedenket an Lots Weib.“15) Er las es seinem Gefährten vor, und so schlossen denn beide daraus, daß' es die Salzsäule sei, in welche Lots Weib verwandelt worden, weil sie mit lüsternem Herzen hinter sich sah, nachdem sie aus Sodom gegangen war. 16) Dieser überraschende und staunenerregende Anblick gab ihnen nun zu folgendem Gespräche Veranlassung.

Chr. Ach, mein Bruder, dieser Anblick kommt gerade zur rechten Zeit. Sahen wir das Denkmal ja alsbald nach der Einladung, welche Demas an uns ergehen ließ, um den Hügel Gewinn in Augenschein zu nehmen. Und wären wir zu ihm hinübergegangen, wie er es wünschte und du dann geneigt warst, lieber Bruder, so hätten wir, glaube ich, uns wie dieses Weib, denen zum Schauspiel gemacht, die nach uns kommen werden.

Hoffn. Es thut mir leid, daß ich so thöricht gewesen bin, und es ist ein Wunder, daß ich nicht jetzt schon wie Lots Weib geworden bin; denn was für ein unterschied ist zwischen ihrer und meiner Sünde? Sie sah hinter sich, und ich hatte das Verlangen hinzugehen und zuzusehen. O, wie muß ich preisen die Gnade des Herrn und mich schämen, daß je solche Lust in mein Herz gekommen ist!

Chr. Laß es uns doch zu Herzen nehmen, was wir hier sehen, damit wir zu seiner Zeit daraus Nutzen ziehen. Dieses Weib entging dem einen Gericht, denn sie kam bei dem Untergange Sodoms nicht um; bei dem andern ging sie jedoch zu Grunde, wie wir sehen: denn sie wurde in eine Salzsäule verwandelt.

Hoffn. Wahrlich, sie kann uns beiden zur Warnung und zum Exempel dienen: zur Warnung, daß wir ihre Sünde meiden; zum Exempel, was für ein Gericht diejenigen überfällt, die sich durch solche Warnung nicht abhalten lassen. So sind Korah, Dathan und Abiram nebst den zweihundert und fünfzig Männern, die mit ihnen in ihrer Sünde umkamen, als ein Zeichen und Warnungsexempel für Andere aufgestellt. 17) Allem vor Allem wundere ich mich über Eins, wie nämlich Demas und seine Gesellen so dreist nach den Schätzen suchen können, während dieses Weib, bloß weil sie darnach umsah, denn wir lesen nicht, daß sie auch nur einen Fuß vom Wege abgesetzt habe, in eine Salzsäule umgewandelt ward; zumal da das Gericht, welches dieselbe übereilte, ihnen zu einem Exempel ganz nahe vor Augen gestellt ist, denn sehen müssen sie es, wenn sie nur die Augen aufthun.

Chr. Allerdings muß man sich darüber wundern, aber es beweiset dies auch nur, wie ihre Herzen durch und durch böse geworden sind. Ich weiß sie mit Niemandem so passend zu vergleichen als mit Dieben, welche in Gegenwart des Richters andern Leuten die Taschen bestehlen, oder unter dem Galgen noch Beutelschneiderei treiben. Von den Leuten zu Sodom steht geschrieben, daß sie böse waren und sehr sündigten wider den Herrn, d. h. vor seinen Augen, und ungeachtet der Güte, die er ihnen erwiesen hatte, denn ehe er das Land verderbete, war es wie der Garten Eden. Dies erweckte aber um so mehr den Eifer des Herrn und machte, daß er vom Himmel Feuer und Schwefel regnen ließ. Daraus läßt sich aber mit Sicherheit entnehmen, daß solche Menschen, ja solche, wie diese, die trotz dergleichen Warnungsexempeln, die sie vor Augen haben, dennoch in der Sünde verharren, das schwerste Gericht über sich empfangen werden.

Hoffn. Ohne Zweifel hast du da wahr gesprochen; aber welche Gnade ist's, daß weder du, noch ich, und ich ganz besonders, zu einem solchen Exempel der strafenden Gerechtigkeit Gottes gemacht worden sind! Dies soll uns antreiben Gott zu danken, in kindlicher Furcht vor ihm zu wandeln und uns beständig an Lots Weib zu erinnern.

1)
Sprüch. 25,25.
2)
Apgsch. 14,13.
3)
Kap. 22,25.
4)
Joh. 6, 26.
5)
1 Mos. 34,20-24.
6)
Luk. 20,47. Matth. 23,14.
7)
Joh. 6,70. 71. 12,2.
8)
Apgsch. 8,19-22.
9)
Hebr. 12,29.
10)
1 Tim. 6,9.
11)
Hos. 9,6. Matth. 13,22. –
12)
2. Tim. 4,10.
13)
2 Kön. 5, 20.
14)
Matth. 26,14. 15; 27,3-6.
15)
Luk. 17,32.
16)
1 Mos. 19,26.
17)
4 Mos. 16,27-35. 26,9. 10.
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