Bunyan, John - Pilgerreise - Achtes Kapitel.

Bunyan, John - Pilgerreise - Achtes Kapitel.

Pilger im Thale Demuth.

Als er nun so gerüstet war, ging er mit seinen Freunden hinaus nach der Pforte. Hier fragte er den Pförtner, ob er keinen Pilger habe vorübergehen sehen.

Der Pförtner sagte: Ja.

Chr. Kanntest du ihn?

Pförtn. Ich fragte ihn nach seinem Namen, und er sagte mir, er heiße Getreu.

Chr. O, den kenne ich; er ist mein Landsmann und nächster Nachbar, er kommt aus meiner Heimath. Was meinst du, wie weit mag er wohl voraus sein?

Pförtn. Jetzt wird er wohl den Berg hinunter sein.

Chr. Gut, lieber Pförtner; der Herr sei mit dir und segne dich vielfältig für alle Liebe, die du mir erwiesen hast!

Christ ging nun vorwärts. Bescheidenheit, Gottesfurcht, Liebe und Klugheit wollten ihn aber bis zum Fuße des Hügels begleiten. So machten sie sich denn alle mit einander auf und setzten ihre frühern Gespräche fort, bis sie dahin kamen, wo der Hügel jählings hinuntergeht. Da sagte Christ: So schwer, wie es war, hinaufzukommen, so gefährlich ist es, wie mich bedünkt, hinunterzugehen. Ja, sagte Klugheit, so verhält sich's auch wirklich, denn es ist ein schwieriges Ding, für einen Menschen in das Thal der Demuth hinabzusteigen — wie du jetzt thun mußt — und nicht auszugleiten. Deßhalb sind wir mit dir gegangen, dich den Hügel hinab zu geleiten. So fing er nun an mit großer Vorsicht hinabzusteigen, allein dennoch glitt er das eine und andere Mal aus.

Darauf sah ich in meinem Traume, wie die lieben Begleiterinnen, als Christ am Fuße des Hügels angelangt war, ihm ein Brot, eine Flasche Wein und einige getrocknete Trauben gaben. Dann ging er seines Weges weiter.

Aber nun ward im Thal Demuth dem armen Christ hart zugesetzt; denn kaum hatte er eine kleine Strecke seines Weges zurückgelegt, als er schon einen schlimmen Feind, Apollyon, den Engel des Abgrunds herankommen sah. 1) Da wurde es Christ bange und er bedachte sich, ob er umkehren oder Stand halten sollte. Es fiel ihm aber ein, daß sein Rücken ungedeckt sei, und er so dem Feinde, wenn er ihm den Rücken zukehrte, einen großen Vortheil gewährte, weil derselbe ihn dann leicht mit seinen Pfeilen durchbohren könnte; aus dieser Ursache entschloß er sich, es zu wagen und Stand zu halten, denn, dachte er, hätte ich auch weiter Nichts im Auge, als mein Leben zu retten, so wäre es doch am Besten, stehen zu bleiben.

So ging er dann voran, und Apollyon kam ihm immer näher. Das Ungeheuer war scheußlich anzusehen: es war mit Schuppen bedeckt wie ein Fisch, und sie sind sein Stolz; er hatte Flügel wie ein Drache und Füße gleich eines Bären, aus seinem Bauche kam Feuer und Rauch und sein Maul war gleich eines Löwen Rachen. 2) Als er nahe zu Christ herangekommen, warf er einen verächtlichen Blick auf ihn, und stellte sodann folgendes Verhör mit ihm an.

Apoll. Woher kommst du und wohin willst du?

Chr. Ich komme aus der Stadt Verderben, dem Orte alles Übels, und ich bin nun auf dem Wege nach der Stadt Zion.

Apoll. Daraus entnehme ich, daß du einer meiner Unterthanen bist; denn jenes ganze Land ist mein, und ich bin der Fürst und Gott desselben. Wie kommt es, daß du von deinem Könige weggelaufen bist? Hätte ich nicht die Hoffnung, daß du mir in der Folge mehr Dienste thun wurdest, so schmetterte ich dich auf der Stelle mit einem einzigen Schlage zu Boden.

Chr. Freilich ward ich in deinem Reiche geboren, aber dein Dienst war ein harter Dienst und dein Sold so, daß man unmöglich davon leben kann, denn der Sünden Sold ist der Tod. 3) Deßwegen machte ich's, als ich älter wurde, wie andere bedachtsame Leute: ich sah mich um, ob ich mich nicht verbessern könnte.

Apoll. Kein Fürst gibt seine Unterthanen so leichtlich auf, und auch du sollst nicht so ohne Weiteres davon kommen. Da du dich aber über deinen Dienst und deinen Sold beklagst, so sei nur zufrieden und kehre wieder um; was unser Land aufbringen kann, das verheiße ich dir zu geben.

Chr. Aber ich habe mich schon einem Andern hingegeben und zwar dem Könige aller Könige; wie könnte ich nun als ein ehrlicher Mann mit dir wieder zurückgehen?

Apoll. Du hast gethan, wie's im Sprichwort heißt: „Du bist aus dem Regen unter die Traufe gelaufen;„ allein es pflegt in der Regel so zu gehen, daß die, welche sich seine Diener heißen, ihm bald nachher davonlaufen und wieder zu mir zurückkehren. Mache du es auch nur so, dann soll Alles wieder gut sein. 4)

Chr. Ich habe ihm Treue gelobt und ihm habe ich den Eid des Gehorsams geschworen. Wie sollte ich denn von meinem Herrn weichen? Verdiente ich dann nicht als ein Verräther gehängt zu werden?

Apoll. Du hast es mir gerade so gemacht, und doch will ich das Alles übersehen, wenn du nun noch umkehren und dich wieder zu mir wenden willst.

Chr. Was ich dir versprochen, das habe ich in meiner Unmündigkeit gethan. Überdem weiß ich aber auch, daß der Herr, unter dessen Panier ich jetzt stehe, die Macht hat, mich loszusprechen und mir Alles zu vergeben, was ich that, als ich mich dir ergeben hatte. Und noch mehr, o du Verderber Apollyon, ich sage es frei heraus, ich ziehe seinen Dienst, seinen Sold, seine Diener, seine Regierung, sein Volk und sein Land dem Deinigen vor. Darum höre auf, mich länger zu bereden. Es bleibt dabei, ich bin sein Knecht und Ihm will ich fortan folgen.

Apoll. Überlege es noch einmal, wenn du bei kaltem Blute bist, was dir noch Alles begegnen wird auf dem Wege, den du wandelst. Es ist dir bekannt, daß seine Diener meist ein übles Ende nehmen, weil sie sich gegen mich versündigt und meine Wege verlassen haben. 5) Wie Viele von ihnen sind nicht einem schmählichen Tode verfallen! Außerdem hältst du seinen Dienst für besser, als den meinigen — indessen hat er sich bis jetzt noch nie von seiner Stelle bewegt, um irgend Jemanden, der ihm dient, aus den Händen seiner Feinde zu erlösen; dagegen habe ich, wie alle Welt wohl weiß, die, welche mir treu dienten, aus seiner und der Seinigen Hand entweder durch Gewalt oder List befreit, und so will ich auch dich frei machen.

Chr. Wenn Er zuweilen seine Diener zu befreien verzieht, so geschieht's, um ihre Liebe zu prüfen, ob sie ihm anhangen bis an's Ende; was aber das Ende betrifft, welches du ein übles nennst, so ist das in ihren Augen gerade ein äußerst herrliches. Nach einer zeitlichen Erlösung verlangen sie nicht so sehr, denn sie warten auf die Herrlichkeit, die an ihnen offenbar wird, wenn ihr König kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit Ihm. 6)

Apoll. Du bist ihm ja schon untreu in seinem Dienst gewesen, wie kannst du denn denken, daß du einen Lohn von ihm empfangen werdest?

Chr. Worin habe ich mich denn einer Untreue gegen Ihn schuldig gemacht, Apollyon?

Apoll. Bereits im Anfang deiner Reise wurdest du muthlos, als du in dem Pfuhl Mißtrauen beinahe erstickt wärest. Dann suchtest du auf verkehrten Wegen von deiner Last befreit zu werden, obwohl du hättest warten sollen, bis dein König sie dir abnähme. Du hast dich ferner in einen sündlichen Schlaf hingegeben und das Köstlichste verloren, was du besaßest. Auch hättest du dich beinahe bewegen lassen umkehren, als du die Löwen, erblicktest. Und was sprichst du noch von deiner Reise und von dem, was du gesehen und gehört hast? In deinem Herzen trachtest du ja, bei Allem was du sagst oder thust, nach eitler Ehre.

Chr. Alles dies ist wahr und noch mehr dazu, was du nicht genannt hast; allein der König, dem ich diene und den ich ehre, ist barmherzig und zu vergeben bereit. Übrigens hatte ich diese Gebrechen schon in deinem Lande, denn dort habe ich sie eingesogen. Ich habe oft unter ihnen geseufzt und mich darüber betrübt, aber auch Vergebung empfangen von meinem Herrn.

Apoll. Nun brach Apollyon in grimmige Wuth aus und rief: ich bin ein Feind dieses Fürsten, ich hasse seine Person, seine Gesetze und sein Volk. Ich bin ausgegangen, um Dir Widerstand zu leisten.

Chr. Apollyon, siehe wohl zu, was du thust, denn ich bin auf der Straße meines Königs, auf dem Wege der Heiligung: darum nimm dich in Acht!

Apoll. Da stellte sich Apollyon so über den Weg hin, daß er die ganze Breite desselben einnahm und sagte: „Davor habe ich nicht die geringste Furcht. Bereite dich nur zum Tode, denn ich schwöre es bei dem Abgrund der Hölle, du sollst nicht hier fortkommen! Hier soll dir die Seele ausgehen!“ Und hierauf schoß er ihm einen feurigen Pfeil nach der Brust; allein Christ' hatte einen Schild in der Hand, womit er den Pfeil auffing und wendete so die Gefahr ab.

Nun zog Christ sein Schwert, denn er sah, es war Zeit, sich tapfer zu beweisen. Apollyon aber machte sich ebenso rasch an ihn und schoß eine ganze Masse von Pfeilen, dicht wie ein Hagelschauer, auf ihn los; dadurch wurde Christ, trotz aller Gegenwehr, die er aufbot, an Haupt, Hand und Fuß verwundet. Dies machte nun, daß Christ ein wenig zurückwich. Apollyon aber verfolgte deßhalb seinen Angriff mit Schnelligkeit und Macht. Indessen faßte auch Christ wieder Muth und widerstand ihm so männlich wie möglich. Dieser heftige Kampf dauerte länger als einen halben Tag, ja so lange, bis Christ fast ganz erschöpft war.

Denn man kann wohl denken, daß er wegen seiner Wunden immer schwächer werden mußte.

Apollyon nun bemerkend, daß er im Vortheil wäre, drang immer stärker auf Christ ein, fing an mit ihm zu ringen und brachte ihn zu einem furchtbaren Fall, zugleich flog Christ das Schwert aus der Hand. Da sagte Apollyon: „nun bist du mir sicher!„ und somit drückte er ihn schier zu Tode, so daß Christ an seinem Leben verzweifelte. Allein, als Apollyon seinen letzten Streich ausholte, um Christ den Todesstoß zu geben, ergriff der fromme Pilger, nach Gottes Willen, hurtig sein Schwert, faßte es auch und rief aus: „Freue dich nicht, mein Feind, daß ich darniederliege; ich werde wieder aufkommen!“ 7) und hiermit versetzte er seinem Widersacher einen tödtlichen Streich, daß er zurückwich, wie Einer, der eine Todeswunde bekommen hat. Als Christ dies sah, drang er abermals auf ihn ein und sprach: Wahrlich, in dem Allen überwinden wir weit um deßwillen, der uns geliebet hat!8) Da breitete Apollyon seine Drachenflügel aus und floh von dannen, daß Christ ihn nicht wiedersah. 9)

Nur wer diesen Kampf wie ich mit angesehen und angehört, kann sich das gellende und abscheuliche Gebrüll vorstellen, welches Apollyon, während der ganzen Zeit des Streites, gleich einem Drachen ausstieß — und ebenso das Stöhnen und Ächzen, daß aus Christ's Brust sich herauspreßte. Die ganze Zeit über that Christ keinen freundlichen Blick. Erst als er bemerkte, daß er Apollyon mit seinem zweischneidigen Schwerte verwundet hatte, lächelte er und blickte sein Auge aufwärts. Es war aber auch der furchtbarste Kampf, den ich jemals gesehen habe.

Als derselbe nun vorüber war, sprach Christ: „Hier will ich Dem danken, der mich aus dem Rachen des Löwen erlöset, Ihm, der mir wider Apollyon geholfen hat. „ Und nun sang er:

Groß Beelzebub, der dieses Feindes Haupt,
Bestimmte mich zur Beute: Drum sandt' er aus
Dies Ungeheu'r, daß wider mich es schnaubt'
Im Höllenpanzer so mit Wuth und Graus:
Allein Immanuel stand mir zur Seite,
Und also siegt mein Schwert, sucht rasch der Feind das Weite.
Drum sei mein Lob und Dank dir, Herr, geweiht
Und Deinem Namen Ruhm in Ewigkeit!

Da kam eine Hand hervor, die reichte ihm Blätter vom Baume des Lebens und Christ legte dieselben auf die Wunden, die er im Kampfe erhalten hatte, und alsobald wurden die Wunden heil. Nun ließ er sich an jener Stelle nieder und aß von dem Brote und trank von dem Weine, die er früher bekommen hatte. Nachdem er sich so gestärkt hatte, setzte er seine Pilgerreise weiter fort; das gezückte Schwert aber hielt er stets in der Hand, denn er sagte: „ich weiß nicht, auf welchen andern Feind ich noch treffen werde.“ Allein ohne irgend eine weitere Anfechtung wanderte er glücklich durch dieses Thal.

1)
2 Kor. 12,7. ff. Offenb. 9,11.
2)
Hiob 41,6.
3)
Röm. 6,23.
4)
1 Tim. 5,15.
5)
Offenb. 2,10.
6)
Matth. 25, 31. Kol. 3, 4.
7)
Mich. 7,8.
8)
Röm. 8,37.
9)
Jak. 4,7.
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