Bunyan, John - Die überschwängliche Gnade - VIII. Kapitel. Versuchungen und Prüfungen nach seinem Eintritt in die Gemeine zu Bedford.

Bunyan, John - Die überschwängliche Gnade - VIII. Kapitel. Versuchungen und Prüfungen nach seinem Eintritt in die Gemeine zu Bedford.

1653-1654.

Nun will ich fortfahren, euch von andern Wegen des Herrn zu erzählen, die Er mich zu verschiedenen andern Zeiten geführt hat, und von den Versuchungen, die mir dabei begegnet sind. Ich will mit dein anfangen, was mir begegnete, als ich mich zuerst mit dem Volke Gottes in Bedford in Gemeinschaft vereinigte. Nachdem ich der Gemeine gesagt, daß ich mit ihnen in der Ordnung und den Einsetzungen Christi zu wandeln wünsche, und von ihr aufgenommen worden war, da wurde mir, während ich über die segensreiche Einsetzung seines letzten Abendmahls mit seinen Jüngern vor seinem Tode nachdachte, die Schriftstelle: „Das thut zu meinem Gedächtniß;“ Luc. 22,19, zu einem sehr köstlichen Worte gemacht. Denn dabei kam der Herr herab in mein Gewissen mit der Offenbarung Seines Todes für meine Sünden; und that mit mir, wie ich damals fühlte, als ob er mich in die Kraft desselben eintauchte. Aber siehe! kaum war ich ein Mitgenosse dieser Einsetzung gewesen, als mich auch so ungestüme und traurige Versuchungen jedes Mal dabei überfielen, - Versuchungen, die Einsetzung zu lästern, und den Abendmahlsgenossen etwas Tödtliches zu wünschen - daß ich, um nicht etwa einmal ihnen nachzugeben, genöthigt war, mich immer zu zwingen, und zu Gott zu beten, daß Er mich doch vor solchen Lästerungen bewahren möge; auch mußte ich zu ihm schreien, ihnen doch das Brod und den Kelch, so zu sagen, von Mund zu Mund zu segnen. Die Ursache dieser Versuchung war, wie ich seitdem dachte, daß ich zuerst nicht mit der Ehrerbietung dazu nahete, die mir geziemt hätte. So blieb's etwa dreiviertel Jahr, und ich konnte niemals Ruhe und Erleichterung haben. Aber endlich kam der Herr mit derselben Schriftstelle zu mir, mit welcher meine Seele zuvor besucht worden war; und darnach bin ich gewöhnlich sehr ruhig und getrost beim Mitgenuß des gesegneten Mahles gewesen, und habe, wie ich zu Gott hoffe, den Leib des Herrn dabei unterschieden, wie er für meine Sünden gebrochen, und wie Sein theures Blut für meine Uebertretungen vergossen worden ist.

Einmal, um den Frühling, wurde ich plötzlich und stark von einiger Anlage zu einer Auszehrung ergriffen, und mit großer Schwäche des äußern Menschen überfallen, so daß ich dachte, ich müßte sterben. Nun fing ich auf's Neue an, mich an eine ernstliche Prüfung meines Zustandes und meiner Aussichten für die Zukunft zu machen, und nachzusehen, was für einen Grund meiner Hoffnung auf die selige zukünftige Welt ich hätte. Denn es war - der Name des Herrn sei gelobt dafür! - meine gewöhnliche Weise gewesen, wie immer, so besonders am Tage der Trübsal, mich zu bestreben, meinen Anspruch auf einen Antheil am zukünftigen Leben, klar vor meinen Augen zu behalten. Aber ich hatte kaum angefangen, mich der früheren Erfahrungen von der Güte Gottes gegen meine Seele zu erinnern, so schwärmte auch eine unzählige Schar meiner Sünden und Uebertretungen in mein Gemüth. Mein todter Zustand, meine Stumpfheit und Kälte in meinen heiligen Pflichten, meine Abirrungen des Herzens, mein Ermüden in allem Guten, mein Mangel an Liebe zu Gott, zu Seinen Wegen und zu Seinem Volke, betrübten mich jetzt am meisten, und dann kam schließlich noch die Frage: „Sind das die Früchte des Christenthums? Sind das die Kennzeichen eines gesegneten Mannes?“ Bei der Betrachtung dieser Dinge verdoppelte sich meine Krankheit. Denn nun war ich auch am inwendigen Menschen krank; meine Seele war mit Schuld beladen. Meine frühere Erfahrung von Gottes Güte gegen mich war dabei ganz aus meinem Gemüthe genommen, oder doch so verdunkelt, wie wenn sie nie da gewesen oder gesehen worden wäre. Nun wurde meine Seele von diesen zwei Stücken sehr in die Enge getrieben: „Leben kann ich nicht; zu sterben getraue ich mich nicht.“ Darum zagte und versank ich jetzt in meinem Geist, und wollte Alles verloren geben. Aber als ich in diesem äußerst traurigen Zustand im Hause auf und ab ging, da ergriff dies Wort Gottes mein Herz: „Und werden ohne Verdienst gerecht, aus Seiner Gnade, durch, die Erlösung, so in Christo Jesu geschehen ist.“ Röm. 3,24. O! wie mich das umwandelte! Nun war ich wie Einer, der aus einem ängstlichen Schlaf und Traum aufgewachet ist; und da ich diesem himmlischen Ausspruch lauschte, war mir's, als ob ich so zu mir sagen hörte: „Sünder, du denkst, wegen deiner Sünden und Schwachheiten könnte Ich deine Seele nicht erretten; aber siehe! Mein Sohn ist bei Mir, auf Ihn blicke ich, und nicht auf dich, und thue mit dir, so wie ich Wohlgefallen an Ihm habe.“ Hierdurch wurde ich sehr erleuchtet in meinem Gemüth, und es wurde mir zu verstehen gegeben, daß wenn Gott zu irgend einer Zeit einen Sünder rechtfertige, so geschehe es nur dadurch, daß er auf Christum sehe, und dessen Verdienst uns zurechne, und daß dann die Sache gethan sei. Indem ich noch darüber nachdachte, kam auch die Schriftstelle mit großer Kraft über meinen Geist: „Nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir gethan hatten, sondern nach Seiner Barmherzigkeit machte Er uns selig.“ 2. Tim. 1,9. Tit. 3,5. Nun war ich auf der Höhe! Ich sah mich selbst in den Armen der Gnade und Barmherzigkeit; und obgleich ich mich vorher gefürchtet hatte, der Todesstunde zu gedenken, so rief ich doch jetzt: „laß mich sterben!“ Jetzt war der Tod lieblich und schön in meinen Augen; denn ich sah, daß wir nie wahrhaft leben werden, bis wir in die andre Welt gegangen sind. O, mir däuchte, dies Leben sei nur ein Schlummer gegen das droben. Um diese Zeit wurden mir auch tiefere Blicke geschenkt in die Worte: Erben Gottes;„ Röm. 8,17. als ich jemals werde aussprechen können, so lange ich in dieser Welt lebe. „Erben Gottes!“ Gott selbst ist das Theil Seiner Heiligen! Dies sah ich, und bewunderte es; kann euch aber nicht sagen, was ich Alles sah.

Ein andermal, als ich sehr krank und schwach war, setzte mir der Versucher die ganze Zeit zu; (denn ich erfahre, daß er der Seele gerne zusetzt, wenn man sich dem Grabe nähert; dann benutzt er die Gelegenheit.) So bemühte er sich auch, mir meine frühere Erfahrung von Gottes Güte zu verdunkeln, und stellte mir die Schrecken des Todes, und das Gericht Gottes so sehr vor, daß ich, aus Furcht, das Ziel auf ewig zu verfehlen, wenn ich jetzt sterben würde, schon wie todt war, ehe noch der Tod kam, und wie Einer, der schon in den Abgrund versinkt. Mir däuchte, es gäbe keinen Ausweg, ich müßte in die Hölle. Aber siehe! grade als ich mitten in diesen Aengsten war, kamen jene Worte von Lazarus, wie er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde, plötzlich über mich, als ob gesagt würde: „So wird's mit dir sein, wenn du diese Welt verlässest.“ Dies erquickte meinen Geist auf köstliche Weise, und befähigte mich, auf Gott zu hoffen. Als ich eine Weile zu meinem Troste darüber nachgedacht hatte, fiel das Wort mit großer Kraft in mein Gemüth: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ 1. Cor. 15,55. Hierbei wurde ich gesund, beides an Leib und Seele zugleich; denn meine Krankheit verschwand plötzlich, und ich ging mit Freuden wieder vorwärts in meiner Arbeit für Gottes Werk.

Ein andermal überfiel mich, obgleich ich grade zuvor noch ziemlich wohl und gesegnet in meinem Geiste war, plötzlich eine große, dunkle Wolke, welche mir den Heilsplan Gottes so verbarg, daß ich war, als ob ich nie in meinem Leben etwas davon gesehen oder erkannt hätte. Ich wurde auch von einem gefühllosen, herzlosen Zustande des Geistes so eingenommen, daß ich gar nicht mehr fühlen konnte, ob meine Seele sich rege oder sich nach Gnade und Leben von Christo ausstrecke. Es war mir, als ob meine Lenden gebrochen, oder als ob meine Füße mit Ketten gebunden oder gefesselt wären. Dabei fühlte ich auch, daß mein äußerlicher Mensch von einer Schwachheit überfallen wurde, wodurch mein Leiden noch schwerer und unerträglicher ward. Nachdem ich drei oder vier Tage in diesem Zustande gewesen war, hörte ich, als ich eben beim Feuer saß, plötzlich das Wort in meinem Herzen erschallen: „Ich muß zu Jesu gehen.“ Darauf floh meine frühere Dunkelheit und der Atheismus, und die segensreichen himmlischen Dinge zeigten sich meinem Blicke. Als ich nun davon so plötzlich und auch mit Bewunderung darüber erfüllt wurde, sagte ich zu meinem Weibe: „Frau, gibt es eine solche Schriftstelle: „Ich muß zu Jesu gehen?“ Sie sagte, sie wisse es nicht; da besann ich mich noch, ob ich mich einer solchen Stelle erinnern könne. Ich hatte kaum zwei oder drei Minuten gesessen, als die Worte in mir laut wurden: „Und zu der Menge vieler Tausend Engel.“ Zugleich war mir Hebr. 12 von dem Berge Zion vor Augen gestellt. Hebr. 12,22-24. Dann sagte ich mit Freuden zu meiner Frau: „O, nun weiß ich's, nun weiß ich's!“ Das war eine gute Nacht für mich, wie ich sie wenig besser hatte. Mich verlangte nach der Gesellschaft Einiger vom Volke Gottes, daß ich ihnen mittheilen möchte, was Gott mir gezeigt hatte. Christus war in dieser Nacht meiner Seele ein köstlicher Christus. Ich konnte fast nicht in meinem Bette liegen vor Freude, Frieden und Triumphieren durch Christum. Diese große Herrlichkeit blieb zwar nicht bis zum Morgen bei mir, aber Hebr. 12,22-24 war mir viele Tage noch eine segensreiche Stelle. Die Worte sind diese: „Ihr seid gekommen zu dem Berge Zion, und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler Tausend Engel, und der Gemeine der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu dem Richter Aller, Gott, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten; und zu dem Mittler des neuen Testaments, Jesu; und zu dem Blute der Besprengung, das da Besseres redet, denn Abels.“ Durch diese segensreiche Stelle leitete mich der Herr wieder und wieder, erst zu diesem Worte und dann zu jenem, und zeigte mir eine wunderbare Herrlichkeit in jedem derselben. Diese Worte sind mir auch seither oft zur großen Erquickung für meinen Geist geworden. Gelobt sei Gott für Seine Barmherzigkeit gegen mich!

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