Brenz, Johannes - 2. Sonntag nach Trinitatis.

Brenz, Johannes - 2. Sonntag nach Trinitatis.

Luk. 14,16-24.

Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein ein groß Abendmahl, und lud Viele dazu. Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, zu sagen den Geladenen: Kommt, denn es ist Alles bereit. Und sie fingen an Alle nach einander sich zu entschuldigen. Der Erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft, und muss hinaus gehen, und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der Andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der Dritte sprach: Ich habe ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam, und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig, und sprach zu seinem Knechte: Gehe aus bald auf die Straßen und Gassen der Stadt, und führe die Armen, und Krüppel, und Lahmen, und Blinden herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen, und an die Zäune, und nötige sie herein zu kommen, auf dass mein Haus voll werde! Ich sage euch aber, dass der Männer keiner, die geladen sind, mein Abendmahl schmecken wird.

Paulus sagt, da er (Phil. 2,6.7) von Christo schreibt: „Ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich sein, sondern äußerte sich selbst, und nahm Knechtsgestalt an.“ In gleicher Weise vergleicht sich auch Christus selbst mit einem Weinstocke, welche Art von Gesträuch äußerlich verächtlich scheint, und für nichts, als für das Feuer, tauglich, aber den besten Saft hervorbringt. So nämlich ist Christus, unser Herr, der zwar als der Unansehnlichste unter den Menschen erscheint, und dennoch Gottes Sohn ist, und die höchste Majestät besitzt. Wie aber Christus nach seiner Person ist, so ist er auch nach seiner Lehre. Denn er scheint die verächtlichsten und gemeinsten Dinge zu lehren, und lehrt dennoch das, was uns das höchste Heil bringt. Er hätte zwar mit Engelzungen zu uns reden können und nur wie Seraphim und Cherubim sprechen, aber er wollte lieber schlichte und alltägliche Dinge vorbringen, um uns dadurch himmlische Wahrheiten zu lehren. Zu ihrer Zahl gehört auch das heutige Gleichnis von dem Hausvater, der viele Gäste eingeladen hatte. Was ist alltäglicher als diese Sache? Und als die geladenen Gäste nicht kommen wollten, da sind die Schwachen, die Lahmen und die Krüppel berufen worden. Was ist niedriger und unansehnlicher als diese Sache? Was aber in dieser niedrigen Redeweise beschlossen ist, das ist das Außerordentlichste. Daher muss uns an diesem Gleichnisse sehr viel gelegen sein, denn es widerlegt einen Irrtum, wodurch wir vom wahren Heilswege abgebracht zu werden pflegen, und lehrt uns den kürzesten Weg zu unserem Heil.

Es gibt nämlich einen gewaltigen und verderblichen Irrtum unter den Menschen, dass sie meinen, Gottes Reich gehöre nur den Vornehmen, den Rechtschaffenen und den in dieser Welt Berühmten, und gehöre nicht eigentlich den Unehrbaren, den Sündern und den Verworfenen. Es berührt vornehme Leute übel, wenn sie hören, verachtete Menschen würden im Himmel eine höhere Stufe einnehmen als sie selbst. Denn sie halten dafür, weil sie in dieser Welt vornehm seien, gebühre ihnen auch der Vorrang in einer anderen Welt. Reiche zürnen darüber, dass ihnen die Armen im Himmelreiche gleichgestellt werden; und diejenigen überhaupt, welche sich durch irgend eine Würde in dieser Welt auszeichnen, wollen auch im Reiche Gottes ob dieser Würde den Unwürdigen vorangehen. Und im Gegenteil pflegen die, welche verachtet, ruhmlos und elend in dieser Welt sind, immer zu fürchten, sie würden, weil sie in dieser Welt kein Glück erlangen könnten, auch vom Himmelreiche verstoßen werden.

Deswegen unternimmt es Christus in diesem Gleichnis, solchen verderblichen Wahn zu widerlegen, und lehrt das volle Gegenteil, nämlich, dass das Reich Gottes mehr für die Unehrbaren, die Sünder, die Ruhmlosen gehöre, als für die Vornehmen, die Rechtschaffenen und die Berühmten. Ein Hausvater (spricht er) hatte viel Vornehme zu seinem Mahle geladen; als aber die Stunde des Mahls herankam, da wollte kein Vornehmer kommen. Alle entschuldigten sich. Der Eine sprach: Ich habe einen Acker gekauft; das ist ehrenhaft. Ein Anderer: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft; auch das ist ehrenhaft. Ein Anderer: Ich habe ein Weib genommen; das ist gleichfalls ehrenhaft. Da siehst du gar vornehme und reiche Leute; allein am Schluss des Gleichnisses heißt es, dass der Männer keiner, die geladen sind, das Abendmahl schmecken wird. Das heißt doch aus dem Reiche Gottes vertreiben. An ihre Stelle aber werden die Armen, Schwachen, die Lahmen und die Blinden berufen, ferner die, so auf den Landstraßen und hinter den Zäunen liegen, d. i. zuziehende Bettler. Diese sind ein Schattenbild der Sünder und der verworfensten Menschen auf Erden, nämlich der Huren und der Zöllner unter den Juden und der gottlosen Heiden, welche den Götzendiensten ergeben waren. Diese nämlich sind berufen zum Evangelium vom Reiche Gottes, nachdem die vornehmen Pharisäer verworfen sind. Allein diese Lehre scheint den Klugen sehr verderblich, zumal da sie öfter erwähnt wird; denn diese Lehre entfällt Christo nicht bloß durch Zufall; sie kommt ihm weder nur so in den Mund, noch wird sie allein in diesem Gleichnisse angeführt, sondern ihrer geschieht oftmals Erwähnung im Evangelio. Christus sagt nämlich: Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder. Und wiederum: Die Huren und Zöllner werden eher in das Reich Gottes kommen als ihr. Ferner: Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott. Ferner: Die Letzten werden die Ersten sein rc. Ähnlich sagt Paulus: Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.

Was also bedeutet solche Lehre Christi und der Apostel? Denn sie erscheint als sehr gefährlich und voller Ärgernisse. Denn die, so ehrbar sind, pflegen sich durch diese Lehre zur Unehrbarkeit reizen zu lassen; denn sie denken: wenn die Unehrbaren so viel Vorzug haben, warum sollte man ein ehrbares Leben führen? Die aber unehrbar sind, und in ihren Sünden dahinleben, die schmeicheln sich selber bei ihren Missetaten und werden bestärkt in ihrem unehrbaren Leben. Was soll man also sagen?

Es lässt sich fürwahr nicht leugnen, dass sich Etliche an dieser Lehre ärgern, allein sie darf nicht deshalb übergangen werden. Denn was gibt es doch wohl Gutes, das die Bösen nicht missbrauchen? Die Fülle von Wein und Korn ist etwas sehr Gutes, das die Bösen doch aufs schlimmste missbrauchen. Der Eine missbraucht sie, um ein säuisches Leben zu führen, ein Anderer zum Geize. Wollen wir deshalb sagen, Gott solle keine Fülle von Wein und Korn geben? Soll etwa, weil die Menschen böse sind, Gott nicht gut sein? Das sei ferne! Die Gesundheit des Leibes ist etwas sehr Gutes; allein wie viele gibt's, welche ihre Gesundheit missbrauchen! Soll Gott darum keinen Menschen gesund machen? So ist auch diese Lehre sehr gut, und darf, obschon die Bösen sie missbrauchen, darum dennoch nicht übergangen, oder völlig vernichtet, oder verleugnet werden. Hat sie uns doch Gott zum notwendigen Gebrauche, nicht zu gottlosem Missbrauche dargeboten. Denn wenn man predigt, die Ehrbaren würden vom Reiche Gottes verstoßen, die Unehrbaren und die Sünder angenommen, so will erstlich der Heilige Geist die Ehrbaren vom Eingang in das Reich Gottes nicht abschrecken, noch auch will er sie zu einem unehrbaren Leben ermuntern; denn Christus fordert überhaupt von allen Menschen ein ehrbares Leben. Psalm 5, 5: „Du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt.“ Aber er will, dass die Ehrbaren nicht auf ihre Ehrbarkeit sich verlassen, und will sie dahin bringen, dass sie die wahre Ehrbarkeit in Christo suchen. Obwohl nämlich Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit des Lebens von uns gefordert wird, welche auch zu leisten ist, so tut sie dennoch niemals dem Gesetze Gottes Genüge, ist auch keine vollkommene Gerechtigkeit; deshalb erfordert Christus eine andere, nämlich seine eigene, mit der wir vermittelst des Glaubens an ihn beschenkt werden. Die Menschen sind aber in der Regel von einer solchen Sinnesweise, dass sie meinen, für das Reich Gottes genüge äußerliche Rechtschaffenheit, und haben völlig dieselbe Gesinnung wie diejenigen, deren im heutigen Gleichnis Erwähnung geschieht. Der, welcher einen Acker gekauft hat, denkt das Mahl des Hausvaters nicht zu bedürfen, sondern von jenem Acker sein tägliches Brot zu haben. Der, welcher fünf Joch Ochsen gekauft hat, denkt, er werde hinreichende Nahrung durch die Arbeit der Ochsen haben, und bedürfe nicht das Mahl des Hausvaters. Der junge Mann, der ein Weib genommen hat, glaubt nun weder der Menschen noch Gottes Hilfe zu bedürfen. So handeln auch ehrbare und rechtschaffene Leute; denn sie denken genug Glückseligkeit durch ihre Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit zu haben, und trachten nicht nach der wahren, vollkommenen Gerechtigkeit im Evangelio Christi. Diese gottlose, verderbliche Meinung tadelt Christus, indem er die ehrbaren Leute vom Reiche Gottes ausschließt. Wenn er danach die Unehrbaren und die Sünder zum Reiche Gottes beruft, so billigt er ihre Sünden nicht, sondern will, dass sie um ihrer Sünden willen nicht verzweifeln, will, dass sie Buße tun für ihre Sünden, und denken, sie liegen Gott desto mehr am Herzen, je elender sie sich erscheinen. Deshalb muss man der Ansicht sein, die ganze Lehre Christi sei uns dargelegt, nicht, dass wir Anlass nehmen zu sündigen, und verloren zu gehen, sondern nur, damit wir Anlass haben, von den Sünden abzulassen und das Heil zu erlangen.

Endlich steht in diesem Gleichnis auch jenes Wort: Nötige sie, hereinzukommen! Was heißt das? Sollen die Leute gewaltsam zum Glauben gezwungen werden? Offenbar hat Christus in seinem Reiche keine äußerliche Herrschaft eingesetzt. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Die Apostel haben sich weder das Schwert angemaßt, um die Leute zur Religion Christi zu zwingen, noch kann der Glaube gewaltsam dem Herzen aufgedrängt werden. Zwar ist der Obrigkeit daran gelegen, ihrem Berufe gemäß in ihrem Bereiche öffentlichen Ruchlosigkeiten zu steuern und die wahre Lehre der Gottseligkeit zu verordnen; aber das heißt nicht zum Glauben zwingen, sondern es heißt ihrem Berufe dienen und öffentliche Ehrbarkeit schirmen. Gleicherweise kann ein Hausvater seine Familie nicht zwingen, wahrhaftig zu glauben, und es ist dennoch sein Beruf, dass die Familie unterwiesen werde und nach der Gottseligkeit trachte. Was heißt also: Nötige sie, hereinzukommen!?

Die Kirche hat ihren Zwang; denn weder die Ehrbaren, noch die Unehrbaren gehen in Gottes Reich gern ein, und müssen daher durch kirchlichen Zwang genötigt werden. Die Ehrbaren meinen, ihnen genüge ihre eigene Ehrbarkeit, trachten daher nicht nach der Gerechtigkeit Christi, sondern müssen durch kirchliche Gewalt genötigt werden. Welches ist jene Gewalt? Es ist nicht die Gewalt, des äußerlichen Schwertes, sondern die Gewalt des Gesetzes Gottes, das man predigen muss. Denn dem Ehrbaren ist zu zeigen, dass seine Ehrbarkeit eine unvollkommene Gerechtigkeit ist, und dass er noch Sünde hat, wodurch er verdammt ist, es sei denn, dass er nach Christo verlangt. Das heißt kirchlicherweise nötigen, das heißt geistlicherweise in den Kerker werfen, in den Kerker der Hölle nämlich, der jetzt immerhin kalt scheinen mag, zu seiner Zeit jedoch sich heiß genug zeigen wird. So geht auch der Unehrbare nicht freiwillig in das Evangelium vom Reiche Gottes ein; denn er glaubt, es komme nicht groß darauf an, ob er auch fündige und in seinen Sünden verharre. Allein auch er muss durch die kirchliche Gewalt genötigt werden. Denn es ist ihm zu zeigen, dass seine Sünden so schwer sind, dass sie das ewige Feuer verdienen. Das heißt eben, ihn in den Kerker werfen und zum Glauben nötigen. Denn so Jemand von der Hölle befreit werden will, muss er notwendig durch den Glauben zu Christo eilen.

So hat Christus zum Glauben genötigt, als er im Matthäus das Gesetz auslegte. So hat Petrus Viele zum Glauben genötigt am Tage der Pfingsten, als er ihnen ihre Sünden zeigte und lehrte, sie wären Mörder.

So müssen wir denken, dass wir beim Anhören der Auslegung der zehn Gebote eben in den Kerker der Hölle geworfen werden, um zum Glauben genötigt zu werden. Gott offenbart uns nämlich unsere Sünden, nicht dass wir in der Verdammnis bleiben, sondern dass wir durch die Erkenntnis unserer Sünden eingeladen werden zur Erkenntnis Christi, in welchem allein wir Vergebung der Sünden und das ewige Leben haben sollen. Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/b/brenz/evangelien-predigten/brenz_evangelienpredigten_2_nach_trinitatis.txt · Zuletzt geändert: von aj
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain