Brenz, Johannes - 1. Sonntag nach Trinitatis.

Brenz, Johannes - 1. Sonntag nach Trinitatis.

1542.

Luk. 16,19-31.
Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und köstlicher Leinwand, und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer, mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voller Schwären, und begehrte sich zu sättigen von den Brosamen, die von des Reichen Tische fielen; doch kamen die Hunde, und leckten ihm seine Schwären. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch, und ward begraben. Als er nun in der Hölle und in der Qual war, hob er seine Augen auf, und sah Abraham von ferne, und Lazarum in seinem Schoß, rief, und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner, und sende Lazarum, dass er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche, und fühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Und über das Alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, dass die da wollten von hinnen hinab fahren zu euch, können nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüber fahren. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, dass er ihnen bezeuge, auf dass sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach zu ihm: Sie haben Mosen und die Propheten; lass sie dieselben hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham; sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mosen und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, ob Jemand von den Toten auferstände.

Das heutige Evangelium verdient es gar wohl, dass wir auf sein Verständnis fleißigen Eifer verwenden; denn indem es uns das Gleichnis von dem reichen Schwelger und dem armen Lazarus vorlegt, erinnert es uns daran, was in Wahrheit von dem Reichtum und der Armut, von guter und schlechter Gesundheit, von Ruhm und Schmach in dieser Welt zu halten sei. Denn das ist's, womit die Menschen in dieser Welt beschäftigt sind, und worüber es mannigfaltige und so sehr verschiedene Meinungen der Menschen gibt. Indem also das heutige Evangelium klar bezeichnet, was in Wahrheit davon zu halten sei, ist es wert, mit Fleiß behandelt zu werden.

„Es war ein reicher Mann“, heißt es, „der kleidete sich mit Purpur und köstlicher Leinwand, und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.“ Zu allererst wird dieser Mensch beschrieben, dass er reich, gesund und angesehen gewesen ist. Das sind sehr angenehme und sehr erwünschte Güter dieser Welt. Und dennoch wird hinzugefügt, dass er starb, was allgemein und daher erträglich ist; aber das ist schrecklich, dass er in die Hölle geworfen ist, worin er so gequält wird, dass er wenigstens einen Tropfen Wassers begehrt und nicht erlangen kann, und ewige Flammen ertragen muss. Lasst uns nun sehen, was der reiche, gesunde und angesehene Mann begangen hat, dass er zu so großer und zwar ewiger Strafe gekommen ist. Hat ihn denn sein Reichtum nicht vor dem Untergange retten können? Und ist Reichtum ein so großes Übel, dass er ihn ins Verderben gestürzt hat? Hier werden wir die wahre Natur des Reichtums erklären müssen, und zwar in der Kürze, soviel es zu diesem unserem Zwecke genügt. Ebenso wenig nämlich, wie bei anderen Dingen, pflegen wir bei der Erkenntnis der Natur des Reichtums auf königlichem Wege zu wandeln. Denn die Einen denken, der Reichtum dieser Welt sei das alleinige, höchste Glück, und so trachten sie danach, Reichtum zu erlangen durch Waffen und Feuer, durch Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, auf jede mögliche Weise. Diese wollen lieber geringen Reichtum, als den großen Himmel des Herrn unseres Gottes, und haben also den Reichtum zu ihrem Gotte, dem sie Tag und Nacht dienen; das heißt gewiss, den Reichtum zu hoch anrechnen. Allein diese Ansicht vom Reichtum ist die nichtigste. Spr. 11, 4: „Gut hilft nicht am Tage des Zornes.“ Ein Beispiel ist heute der Reiche, welchen sein Reichtum vom ewigen Verderben nicht retten konnte. Und Luk. 12,16-21: „Sein Reichtum konnte den Reichen nicht von Tode befreien.“ Andere meinen, der Reichtum sei durchaus zu verdammen, und Niemand könne selbst geringen Reichtum behalten und das Heil erlangen. Daher haben sie gelehrt, es sei christliche Vollkommenheit, den Reichtum im Stiche zu lassen, und haben jenes Wort Christi missbraucht: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben“ (Matth. 19,21). Es gibt auch eine Fabel von Einsiedlern, welche hundert Gulden fanden bei dem Bruder, den sie eben bestatten wollten, ihn verfluchten und mit den Münzen vergruben und sprachen: Möge dein Geld bei dir sein in der Verdammnis! Damit haben sie bezeichnet, Niemand könne selbst den geringsten Reichtum haben und das Heil erlangen. Allein das heißt vom Reichtum geringer denken, als es sich gebührt. Wie nämlich Gesundheit und schlanker Wuchs des Körpers, so ist auch Reichtum eine Gabe und ein gutes Geschöpf Gottes; und was Christus zu dem Jünglinge sagt: „Gehe hin, und verkaufe Alles!“ Das ist persönlich und nicht allgemein. Denn vom Reichtum muss man dafür halten, dass er weder als das höchste Glück, noch als Verdammnis gelten darf, sondern dem Willen Gottes gemäß zu besitzen und im Stiche zu lassen ist. Wenn Gott ihn gibt, muss man gerecht darin wandeln; wenn er ihn nimmt oder im Stiche zu lassen gebeut, muss man dem Rufe Gottes Folge leisten. Dann aber gebeut er ihn im Stiche zu lassen, wenn du ihn nicht behalten kannst, es sei denn mit Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit.

Ist aber solches die Natur des Reichtums, was ist's, wird man sagen, dass der Reiche in die Hölle geworfen und verdammt wird? Er hat gewiss nicht gestohlen, nicht geraubt, und wird dennoch von ewiger Pein gequält. Was hat er denn getan? Am Ende des Gleichnisses verrät er seine Gottlosigkeit; denn er wird nicht verdammt ob seines Reichtums, sondern ob seiner Verachtung Gottes und des Nächsten. Denn indem er Abraham bittet, Lazarus in seines Vaters Haus zu senden, und seinen Brüdern zu bezeugen, wie groß die Strafen der Gottlosen in der zukünftigen Welt seien: bezeichnet er offenbar, dass er bei Lebzeiten ein Verächter des Wortes Gottes gewesen ist. Er hat so gelebt, dass er auf die zukünftige Welt keine Rücksicht nahm; was nach dem Worte Gottes gepredigt ward, das hat er für Erdichtungen der Priester erklärt: „Nein, Vater Abraham (spricht er), sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.“ Das heißt doch: die, welche im Leben Mosen und die Propheten predigen, sind keine Engel, sondern elende Priester, und haben dennoch kaum so viel Vermögen, dass sie einen Hund können vom Ofen hervorlocken, wie man gemeiniglich zu sagen pflegt. Deshalb sind sie so verächtliche und gemeine Menschen; meine Brüder verachten und verschmähen sie bei ihrem Reichtum, wie ich sie auch verachtet und nicht für wert erklärt habe, ihnen Glauben zu schenken. Sie würden aber Buße tun, wenn sie einen von den Toten hörten.

Da siehst du nun, was diesem Reichen gefehlt hat. Er war ein Epikuräer (Weltmensch), war ein Verächter des Wortes Gottes, hörte zwar die öffentlichen Predigten, um nicht gänzlich für einen Gottlosen zu gelten, verlachte sie aber und verachtete sowohl die Prediger als die Predigten in seinem Herzen. Das ist die allergrößte Gottlosigkeit und Versündigung gegen die ganze erste Tafel des Gesetzes. Denn Gott hat uns die Heilige Schrift gegeben und sie mit den größten Wundern bekräftigt, und angeordnet, dass sie in der Kirche erklärt und gepredigt wird. Er erweckt aber keine Toten, die uns anstatt der öffentlichen Predigt die Schrift erklären sollen; er erweckt keine Engel, die uns predigen sollen, sondern Menschen unseres gleichen, uns gleichzeitig, bisweilen unansehnlicher und verachteter als wir sind. Schenken wir ihnen also keinen Glauben, wenn sie uns das Wort Gottes predigen, so würden wir gewiss weder Toten noch Engeln glauben.

Zweitens war der Reiche ein Verächter seines Nächsten, und ward von fremder Not nicht berührt, was man an Lazarus ersieht, der ihm vor Augen lag, und den er so vernachlässigte, dass er ihm nicht einmal Brosamen reichen ließ. Man braucht auch nicht zu meinen, er habe keine Almosen gegeben; denn diese Art von Leuten pflegt ihre Almosen öffentlich zur Schau zu stellen, damit sie als recht fromm erscheinen; sondern er habe fremde Not nicht wahrhaft beachtet. Was er gab, das gab er nicht aus Liebe, sondern aus Ehrgeiz, und weil er also den Nächsten nicht von Herzen geliebt hat, hat er wider die ganze zweite Tafel des Gesetzes gesündigt, und ist deshalb mit Recht verdammt worden. Da hast du nun, wie der Reiche wegen seiner Gottlosigkeit in die Hölle geworfen ist, wo er auch ewiglich gepeinigt wird. Und es wäre zu ertragen, wäre er selbst allein also umgekommen; nun aber ist zu beklagen, dass er viele Erben seiner Gottlosigkeit hinterlassen hat, die ihm wie in der Gottlosigkeit, so in der Pein nachfolgen.

Nun wollen wir aber auch von dem armen Lazarus reden. Dieser wird uns vorgestellt als arm, voller Schwären und unansehnlich oder ruhmlos. Das sind die äußersten Missgeschicke in dieser Welt, und doch steht dabei: dass er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen ward, und dass er so großer Seligkeit genießt, dass der Reiche wenigstens ein Tröpflein Wassers von ihm begehrt. Was hat also Lazarus getan, dass er so große Seligkeit erlangt hat? Hat er sie erlangt wegen seiner Armut und wegen seiner Schwäre? Ist die Armut ein so großes Gut, dass sie den Menschen selig macht? Wie oben vom Reichtum, so ist nun von der Armut zu sagen. Die Leute pflegen nämlich falsch von der Armut zu denken. Die Einen denken, Armut sei eine so große Heiligkeit, dass sie das himmlische Erbteil verdienen. Deswegen haben die Heuchler unter ihre Gelübde auch die Armut aufgenommen und dazu jenes Wort Christi verdreht: „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr“ (Matth. 5,3). Das heißt zu hoch von der Armut halten, und diese Meinung ist gottlos, weil unsere alleinige Heiligkeit Jesus Christus ist, welcher darum spricht: den Armen und Bekümmerten gehöre das Himmelreich, weil die Bekümmerten aus dem Evangelio Trost holen können, welches das Himmelreich genannt wird. Andere meinen, die Armut sei ein so großes Elend, dass, wer in dieser Welt damit beladen sei, auch in der zukünftigen Welt müsse verloren gehen. Das heißt von der Armut geringer denken, als es sich gebührt; denn die Armut ist von Gott. Sir. 11,14: „Es kommt Alles von Gott, Glück und Unglück, Leben und Tod, Armut und Reichtum.“ Spr. 17,5: „Wer des Dürftigen spottet, der höhnt desselben Schöpfer.“ So ist nun die Armut kein Verderben, sondern ist von Gott bestimmt, damit du Alles, was du in derselben tust, es sei gut oder böse, wieder empfängst. Was sollen wir nun von Lazarus sagen? Hat er die Seligkeit nicht um seiner Armut willen erlangt, was hat er getan? Das bezeichnet Christus selber, wenn er sagt, Lazarus sei von den Engeln in Abrahams Schoß getragen worden. Mit diesen Worten nämlich bezeichnet er, dass Lazarus fromm war in seiner Armut, kein Verächter der Religion war wie der Reiche, sondern dem Worte Gottes von dem Samen Abrahams (1. Mose 22,18) geglaubt hat. Das war die Gerechtigkeit und Heiligkeit des Lazarus. Ferner hatte er Liebe zum Nächsten, und, wenn der Reiche ihn verabsäumte, so verfluchte Lazarus ihn nicht.

So lasst uns denn aus diesem Gleichnisse lernen: erstlich die Verachtung des Wortes Gottes im Glück aus unserem Herzen zu weisen, weil zukünftig ist das Gericht Gottes. Zweitens lasst uns lernen, im Unglück festzustehen im Glauben und in der Gottseligkeit, weil zukünftig ist die Befreiung Gottes durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen.

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