Brenz, Johannes - Erster Epiphanias-Sonntag.

Brenz, Johannes - Erster Epiphanias-Sonntag.

1542.

Luk. 2,41-52.
Und seine Eltern gingen alle Jahre gen Jerusalem auf das Osterfest. Und da er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf gen Jerusalem, nach Gewohnheit des Festes. Und da die Tage vollendet waren, und sie wieder zu Hause gingen, blieb das Kind Jesus zu Jerusalem, und seine Eltern wussten es nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise, und suchten ihn unter den Freunden und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wiederum gen Jerusalem, und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, fanden sie ihn im Tempel sitzen mitten unter den Lehrern, dass er ihnen zuhörte, und sie fragte. Und Alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antwort. Und da sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Was ist es, dass ihr mich gesucht habt? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete. Und er ging mit ihnen hinab, und kam gen Nazareth, und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Wir haben bisher Etliches geredet von der Kindheit Christi: dass er zu Bethlehem geboren, dass er von den Hirten besucht und angebetet, dass er am achten Tage beschnitten, dass er von den Weisen des Morgenlandes aufgesucht und mit Gaben beschenkt worden ist. Nun ist noch seine Flucht nach Ägypten und die Rückkehr aus Ägypten übrig. Denn obgleich von seiner Kindheit bis zum zwölften Jahre seines Alters in Bezug auf ihn Vieles geschehen ist: haben die Evangelisten doch nur das Wichtigere davon aufgezeichnet und eilen zur Beschreibung Dessen, was Christus getan hat, nachdem er von Johannes getauft war und sein Amt der Verkündigung des Evangeliums angetreten hatte. Dazu kommt, dass Lukas Alles, was sich auf die Kindheit und das Knabenalter Christi bezieht, mit den wenigen Worten zusammenfasst: „Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Indem wir daher jetzt alles Andere übergehen, lasst uns von der Jugend Christi reden, was mit ihm geschehen ist, als er zwölf Jahre zählte. „Seine Eltern, heißt es, gingen alle Jahre gen Jerusalem auf das Osterfest.“ Und auch Jesus ging mit ihnen hinauf, da er bereits zwölf Jahre alt war. Obschon nämlich seine Eltern wussten, dass er vom heiligen Geiste empfangen war und nicht wie andere Knaben in Sünden heranwuchs, sondern im heiligen Geiste: gewöhnen sie ihn dennoch daran, die öffentlichen Anordnungen des Gesetzes zu halten.

Bei dieser Veranlassung müssen wir

Einiges von der Erziehung der Kinder

reden. Denn jetzt ist öffentlich Klage über die Unbescheidenheit des Knaben- und Jünglingsalters. Man sagt, dass die Jugend durch keine Bande gehemmt und gefesselt werden könne und die Menschen so entarten, dass, was heute geboren wird, ärger sei, als was gestern geboren ist. Daher müssen wir über die Unterweisung der Kinder reden; und zwar kann das mit wenigen Worten gesagt werden, der Gehorsam indessen ist gar säumig.

Die vornehmste und beste Unterweisung der Kinder ist die Tugend und Frömmigkeit der Eltern und der Erwachsenen. Nichts ist besser als solche Unterweisung. Denn dass zu dieser Zeit die Jugend nicht gebessert und gebändigt werden kann, das kommt daher, dass die Eltern und die Alten sich nicht bessern lassen. Und dass die Jugend immer ärger wird, daran tragen die Eltern und die Alten die Schuld, welche die Jugend durch immer ärgere Beispiele verderben. Im Leben vieler Eltern findest du ja weder bürgerliche Ehrbarkeit, noch christliche Frömmigkeit. Die Eltern reden in ihrem Hause entweder lästernde und schmähende, oder schnöde, schändliche, beschimpfende, verleumderische Worte wider ihren Nächsten und Nachbar. Außerdem handeln sie boshaft, lügnerisch in Geschäften, betrügen einen Jeglichen, berauschen sich, toben und tun alles Böse. Was aber die Religion betrifft, hört man von ihnen zu Hause auch nicht Ein Wort über Gott, über Christum, Gottes Sohn, über die wahre Religion, außer wenn sie fluchen und schelten. Dann nämlich erwähnen sie zuweilen, aber aufs Gottloseste, das Leiden Christi. Dazu reden sie vielmehr übel von der Religion und scheuen sich nicht, in ihrer Familie laut zu sagen: was in der Kirche und in der Predigt geredet wird, seien Narrenteidinge. Sie selbst kümmern sich nicht viel darum, Gottes Wort zu hören, und beabsichtigen auch nicht, dass die Knaben dasselbe hören und lernen. Damit also das Knaben- und Jünglingsalter recht unterwiesen werde, muss der Eltern und Erwachsenen allererste Sorge sein, dass sie selbst immer und überall, besonders in Gegenwart der Knaben und Jünglinge, ein ehrbares Leben führen.

Die Kinder bringen nämlich eitel Sünde mit sich in diese Welt, sind in Sünden empfangen und geboren. Sie tun auch nicht von selber das Gute; denn wie kein Baum als Wildling süße Frucht hervorbringt, wird nicht ein edles Reis auf ihn gepfropft: so handeln auch die Kinder aus eigenem Antriebe nicht recht, wenn sie nicht in neuer Pflanzung gewartet werden. Die Eltern und Alten sind aber von Gott dazu verordnet, dass sie zu Hause Gärtner und Pflanzer seien. seien. Gott zwar gibt das Gedeihen, sie selbst aber pflanzen und begießen. So ist's denn notwendig, dass die Kinder von den Alten zum Guten erzogen werden, was allererst durch das ehrbare Beispiel der Eltern geschehen muss. Denn im Anfang ihres Alters fassen die Kinder jene scharfsinnigen Untersuchungen über die Tugenden und die ernsten Sprüche der Weltweisen noch nicht vollkommen, sondern lassen sich durch Beispiele bestimmen. Und obschon sie in allen Stücken noch unerfahren sind, staunen sie alle Beispiele der Alten an, und Nichts haftet zäher in ihrem Gedächtnisse, als was sie von Älteren mit Staunen gesehen und gehört haben. Wollen diese also die Kinder zu wahrhaftiger Frömmigkeit anleiten, so müssen sie ihnen notwendig vor Allem mit guten Beispielen vorangehen.

Vieles ließe darüber sich sagen, doch es ist geratener, Weniges und zwar Beachtungswertes zu äußern. Daher beachten wir nur das Wort Christi, womit er die Erwachsenen von üblen Ärgernissen für die Jugend zurückschreckt. Als nämlich Christus ein Kind in die Mitte seiner Jünger gestellt hatte und von den Kindern redete, sprach er (Matth. 18, 6): „Wer aber ärgert dieser Geringsten Einen, die an mich glauben, dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.“ Er scheint zwar von seinen Jüngern zu reden; da er jedoch ein Kind als Beispiel anführt, muss Solches auch in Betreff der Kinder verstanden werden. Als ein grausamer Mord erscheint es, so Jemand einen Unschuldigen tötet. Weil aber Christus lehrt, wer ein Kind ärgert, sei der Ertränkung wert, bezeichnet er damit, ein Ärgernis für Kinder sei eine schwerere Sünde als ein Mord. Bei der Sündflut, bei dem Brande Sodoms und bei anderen allgemeinen Unglücksfällen sind auch Kinder zugleich mit den Eltern und den Alten umgekommen, und das scheint ungerecht. Und dennoch ist es aus zwei Gründen nicht ungerecht gewesen, dass diese Kinder mit ihren Eltern umgekommen sind. Erstlich, weil die Kinder in Sünden empfangen und geboren sind und den Tod verdient haben; sodann, weil die Alten jener Zeit in Gottlosigkeit und Frevel versunken waren. Hätte Gott also auch sein Gericht bis zum erwachsenen Alter jener Kinder aufgeschoben, so war ja doch keine Hoffnung der Buße da, sie wären nur um das zwiefache ärger geworden. So ziehen die Alten durch ihre so argen Beispiele die Kinder mit sich ins Verderben. So viel vom Beispiele.

Ferner müssen die Eltern nicht nur selbst der Frömmigkeit pflegen, sondern auch ihre Kinder mit allem Fleiße zur Frömmigkeit durch Worte und Werke anleiten. Es ist nicht genug, wenn Eltern ihren Kindern kein böses Beispiel geben, sondern auch erforderlich, dass sie deren Fehler bessern und sie gewöhnen, Gutes zu tun. Eli war ein ehrbarer Mann, vernachlässigte jedoch seine Kinder und verderbte so sich und sie. Gott gibt den Eltern Kinder, nicht deshalb vornehmlich, dass den jetzigen Bürgern Andere als Bürger in den irdischen Staaten nachfolgen, sondern damit sie Bürger des Himmelreiches werden. So muss denn ein jeglicher Hausvater sich bemühen, Himmelsbürger und keine Teufelsknechte zu er ziehen. Würdest du dich nicht heftig entsetzen, so Jemand sagte, du erzögest dein Kind zum Räuber oder Dieb oder Brandstifter? Viel mehr aber musst du dich hüten, auf dass du nicht dem Teufel einen Knecht erziehest, sondern vielmehr dem Himmelreiche einen Bürger. Das wird aber geschehen, lässt du deine Kinder nicht müßig gehen, sobald sie Etwas lernen können. Denn durch Nichtstun lernt die Jugend Übeltun; vor Allem aber gewöhne sie zum Gebete, zum Katechismus, zu den Predigten, und fordere von ihnen, was sie gelernt haben. Gewöhne sie auch, die Schulen zu besuchen. Nicht Alle zwar können die Wissenschaften betreiben; die Jugend indes ist so befähigt, dass sie, bevor sie ein Handwerk zu lernen taugt, zu erlernen vermag, soviel genügt, die Heilige Schrift zu lesen. Bei den Athenern war durch ein Gesetz bestimmt, kein Sohn schulde seinem Vater den notwendigen Lebensunterhalt, habe er nicht von ihm irgend ein Gewerk überkommen. Was ist also ein Sohn seinem Vater schuldig, der von ihm das Allernötigste, den Unterricht in der Frömmigkeit, nicht erhalten hat, sondern von ihm nur die allerärgsten Übeltaten lernt? Die Feste sind vornehmlich eingesetzt, auf dass Kinder von ihrem Vater die Religion lernen (2. Mose 12,26.27). „Wenn eure Kinder werden zu euch sagen: Was habt ihr da für einen Dienst? sollt ihr sagen: Es ist das Passaopfer des Herrn, der vor den Kindern Israels überging in Ägypten, da er die Ägypter plagte und unsere Häuser errettete.“ Und Gott tut den Eltern wohl, damit sie ihre Kinder in der Frömmigkeit und wahren Religion unterweisen. Siehe das schöne Beispiel Abrahams an (1. Mose 18), wo ihm Gott den künftigen Brand Sodoms offenbart, auf dass er es seinen Söhnen verkündige und sie die wahre Furcht Gottes lehre. Allein das hat sich bei uns also geändert, dass man auf keine bessere Anweisung zum Leben hoffen kann. Die Feste werden mit Gelagen hingebracht. Also wäre schon genug erreicht, wenn die Eltern wenigstens ihre Kinder in die öffentlichen Versammlungen schickten und zu Hause fragten, was sie gelernt haben. Schlägt die gute Erziehung übel an, so rettet ein Vater seine Seele, wie es bei Hesekiel (3,19-21) heißt. So viel in der Kürze von der Unterweisung der Kinder, nämlich: dass die Alten sowohl durch gute Beispiele, als auch durch ihre Werke die Kinder zur Frömmigkeit anleiten, dass diese nicht nur Bürger in irdischen Staaten, sondern Bürger im Himmelreiche werden.

Lasst uns im Evangelio weitergehen. Jesus ist in Jerusalem zurückgeblieben; seine Mutter und Joseph suchen ihn mit dem größten Seelenschmerze, und es ist wahrscheinlich, dass der Maria mancherlei in den Sinn gekommen. Was? Wer sollte diesen Knaben sehr begehren? Welche Sorgen, welche Beschwerden hast du nicht bisher um seinetwillen ertragen? Die Krippe, die Flucht nach Ägypten, die Verbannung und vieles Andere hat mir die größten Mühen und Kümmernisse bereitet. Hier muss man die Mühsal der Menschen anerkennen, ob sie nun Kinder haben oder entbehren. Gott nämlich verteilt seine Gaben, wie es ihm gefällt. Dem Einen gibt er Kinder in seinem Ehestande, dem Anderen versagt er sie und tut Beiden wohl, und dennoch ist kein Teil mit seinem Lose zufrieden. Und darum ist es wahr, was der Prediger (7,30) sagt: „Allein schaue das, ich habe gefunden, dass Gott den Menschen hat aufrichtig gemacht; aber sie suchen viel Künste.“ D. i.: Gott schenkt einem Jeglichen, was ihm gut ist, aber Keiner ist zufrieden mit der göttlichen Gabe. Darum verwickelt sich der Mensch in viele Beschwerden und tut sich selber Schaden. So pflegt es auch zu geschehen von Seiten derer, welche Kinder haben oder sie entbehren. Die der Kinder entbehren, meinen, es sei das höchste Glück, Kinder zu haben; die da haben, glauben, sie würden in dieser Welt glücklicher sein, wenn sie dieselben nicht hätten. Wie vieler Beschwerden, sagen sie, wäre ich ledig, wenn die Kinder mir fehlten! Desgleichen klagen auch diejenigen, denen Kinder mangeln: Wie vieler Beschwerden wäre ich ledig, wenn ich Kinder hätte! Dasselbe vielleicht hat in beiden Beziehungen Maria empfunden. Bald zöge sie es vor, des Sohnes zu entbehren, um nicht so viele Widerwärtigkeiten um seinetwillen ertragen zu müssen; bald würde sie, fehlte ihr derselbe, meinen, ohne ihn nicht leben zu können. Allein, will Jemand Ruhe haben, so muss er solche Fragen und Klagen verwerfen!

Und zwar haben die, welchen Gott keine Kinder gegeben hat, ihren Trost daran, dass der Besitz von Kindern weder um Gerechtigkeit, noch um himmlische Glückseligkeit zu erlangen notwendig ist. Welche aber Kinder haben, die müssen, obwohl sie ihnen Mühe machen, dennoch ernstlich bedenken, dass sie unter ihren Kindern kein köstlicheres Leben führen sollen, als Christi Eltern mit ihrem Kinde. Siehe, wie viel Beschwerden sie auf sich nehmen! Darum sei du geduldig und trage die Mühen unter deinen Kindern. Sodann muss man auch die Namen ansehen und betrachten, mit welchen der Heilige Geist die Menge der Kinder ziert. Er nennt sie nämlich einen Segen. (So 1. Mose 1,28; 12,2; Ps. 127,3.) Wir müssen dem Worte Gottes mehr glauben, als unserem Gefühle. Und gewiss ist, dass die, welche arm sind und Kinder haben, in Wahrheit arm wären, so sie derselben entbehrten; denn sie würden mit viel geringerer Milde bei den Leuten ihre Nahrung erlangen. Deshalb sollen wir eine Menge von Kindern für einen Segen vom himmlischen Vater achten und also tun, dass wir dieses Segens genießen.

Endlich bleibt Christus in Jerusalem und geht da nicht an den Hof des Königs, sondern in den Tempel; er beginnt da keinen Streit mit einem starken Gewappneten, sondern fragt und lehrt. Und damit zeigt er an, sein Reich in dieser Welt bestehe nicht in äußerlicher Pracht, sondern in Lehre. Jetzt nämlich wird das Evangelium gelehrt, auf dass Christi Reich verherrlicht werde mit den Worten. Wer sie aufnimmt, der nehme sie auf; wer sie nicht aufnimmt, der scheint darum nicht unglückseliger, endlich aber wird das Gericht über die Gottlosigkeit offenbar werden. Darum lasst uns Fleiß tun, der Lehre des Evangeliums anzuhangen, auf dass wir dadurch die wahre Glückseligkeit erlangen in Christo Jesu unserem Herrn, der da Gott ist, hochgelobt in Ewigkeit. Amen.

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