Blumhardt, Christoph - Andachten zum Evangelium nach Marcus

Blumhardt, Christoph - Andachten zum Evangelium nach Marcus

Markus 8,35

“Wer sein Leben will behalten, der wird es verlieren; und wer sein Leben verlieret um Meinet- und des Evangelii willen, der wird es behalten.“

Bei obigem Spruch müssen wir nicht immer nur an das letzte Sterben denken, und an das gewaltsame Sterben durch Verfolgers Hand; sondern es giebt ein tägliches Sterben, ein tägliches Verleugnen und Abtöten von allerlei Dingen in uns und an uns, die wider den HErrn sind. Haben wir Jesum kennen gelernt, wie Er für uns geblutet hat und gestorben ist, so sollen wir um Seinetwillen alles meiden und abtun, was Ihm den Tod gebracht hat. Ist uns die Gnade des seligmachenden Evangeliums zu Teil geworden, so sollten wir um dieses Evangeliums willen alles hingeben und verleugnen können. Wie schnöde wäre es doch, zu hören, wie sanftmütig und demütig, wie mitleidsvoll und barmherzig Er gewesen ist, und doch nicht um Seinetwillen, dem wir angehören sollen, Ihm ähnlich zu werden trachten? Welch ein Widerspruch wäre es, eine Gnade, die uns Christus nur mit Ausopferung Seines Leibes und Lebens erwerben konnte, in Anspruch nehmen, und doch, als ob es etwas Wertvolleres geben könnte, als was Er hingab, auch nur etwas nicht opfern zu wollen? Sicher gilt es auch hier, daß uns, was wir über Gebühr festhalten, in einen Verlust bringt, und was wir aufopfern und in den Tod geben, nichts als Gewinn eintragen kann. Beides aber, der Verlust und der Gewinn, kann groß seyn, und selbst das ewige Leben uns gefährden oder sichern. Darum, je bereiter wir sind, das eigene Wesen zu ertöten, desto gewisser ist das Leben, wie wir hier schon innerlich fühlen können. Möchten wir klug und vorsichtig werden!

Zusatz: Kommt aber die Zeit, wie sie ja wohl kommen kann, daß man auch sein Leben um JEsu willen auf’s Spiel setzen muß, so wird’s wohl noch größeren Kampf kosten, und bei vielen vieles Besinnen; und doch ist’s dann das Allerwichtigste, sich lieber mit Jesu kreuzigen, als mit Barnabas lossprechen zu lassen. Denn wer da sein Leben schont, und den HErrn verleugnet, also Ihn dran giebt, der hat viel, ja alles verloren.

Wer aber sich selbst verleugnen und dran geben kann, also JEsum behält, der wird an der Krone sich erfreuen und erquicken, die die Überwinder bekommen sollen.

Mel. Mir nach, spricht Christus.

Wer hier sein Heil zu finden meint,
Wirds ohne Mich verlieren;
Wer hier es zu verlieren scheint,
Den werd’ Ich dazu führen.
Wer nicht Mir nachfolgt in Geduld,
Ist Mein nicht wert und Meiner Huld.

Markus 8,38

“Wer sich Mein und Meiner Worte schämet, deß wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wenn Er kommen wird in der Herrlichkeit Seines Vaters mit den heiligen Engeln.“

Sein und Seiner Worte sich schämen, das ist eine schlimme Sache. Sich verschlüpfen, wenn man die Jünger JEsu zählt, damit man nicht mitgezählt werde, - ja, das ist schlimm. Wir müssen uns darein schicken, für das auch angesehen zu werden, was wir sind. Die Heimlichkeit taugt nicht in’s Himmelreich. Es kann wohl verhältnißmäßige Vorsicht angewendet werden nach dem Wort des HErrn: „Seid klug, wie die Schlangen,“ die aus Klugheit, wenn Jemand unversehens kommt, im Gras sich verstecken, ferner: „Hütet euch vor den Menschen.“ Aber es giebt eine Grenze der Vorsicht und der Bewahrung seiner selbst, über welche hinaus man nicht gehen darf. Namentlich wenn man dich geflissentlich sucht, oder wenn ein Bekenntnis deiner Stellung zum HErrn von Freunden oder Feinden erwartet werden kann, darfst du nicht weiter dich verstecken, wenn du nicht willst vom HErrn als ein Verleugner angesehen sein, oder als Einer, der überhaupt vom Heiland nichts will. Auch sollte es mit dir so weit kommen, daß du endlich weißt, auch von selbst vorzutreten, dich als einen Bekenner JEsu zu zeigen. Zuletzt muß es frei offen heraus, oder deine Sache ist nicht viel. Bleibst du immer, dich deines Heilands schämend, im Versteck, so verbirgt Sich der HErr einmal auch vor dir, daß Er, wenn du frägst. „HErr, wo bist Du?“ Sich nicht vor dir sehen läßt. Dann geht große Not an, wenn Er zurückweicht, und sagt: „Ich kenne den nicht; denn er hat ja auch Mich nicht gekannt!“ Dann magst du zusehen, wie es weiter gehe an Seinem Tag; denn für viele geht so der einzige Rettungsweg verloren. Darum wollen wir munter und frei Seinen Namen bekennen, uns darstellen als Anhänger des HErrn JEsu, und nicht nur mit Worten Solches bezeigen, sondern vornehmlich damit, daß man in allem Seine Art an uns sieht. Die macht uns nicht so viele Feinde, als man oft meint; sie macht uns auch Freunde, wo wir’s nicht vermutheten. Bloße Worte, ohne die Art JEsu, die erzeugen am Meisten Feindschaft. Wenn aber die Geduld, die Freundlichkeit, die Sanftmuth, die Demuth, die Barmherzigkeit JEsu mit dabei ist, so geht’s immer noch erträglich, und kommt man nur vor eigentlichen Satansmenschen in’s Gedränge. Ja, wir wollen als Seine Jünger ausharren in Leid und Freud’, mögen wir beisammen sein, oder überall hin zerstreut. Wollen wir vereinigt mit einander Ihm dienen und zu Ihm beten, daß wir einmal auch mit einander können Freude haben, wenn Seine Liebe an Seinem Tage, da Er, wie unser Spruch sagt, „kommen wird in der Herrlichkeit Seines Vaters mit den heiligen Engeln,“ von allen Himmelsgegenden her die Verstreuten Schäflein sammelt.

Mel. Ich habe nun den Grund.

Bei diesem Grunde will ich bleiben,
So lange mich die Erde trägt;
Das will ich denken, tun und treiben,
So lange sich ein Glied bewegt.
So sing’ ich ewig hoch erfreut:
O Abgrund der Barmherzigkeit.

Markus 16,9.

“Jesus, da Er auferstanden war, erschien Er am Ersten der Maria Magdalena.“

Daß die Gerechten werden dem Namen des HErrn danken, zuletzt mit vollkommenster Befriedigung ihrer Herzen, das hat uns JEsus, der Auferstandene, verbürgt, der, wie Er kaum erwacht ist, als tröstender Heiland für die Weinenden da ist. Maria weint, und alsbald ruft ihr der HErr beim Namen, und sie ist getröstet. Wie wohl mag’s ihr geworden sein, plötzlich den, um den sie, weil sie Ihn gekreuzigt hatten, eben weinte, auferstanden, in vollster himmlischer Lebenskraft vor sich zu sehen, und zwar als den, der, was Er ist, ihr, wie allen Menschenkindern, die nach Ihm verlangen, sein will! Einen Tröster haben denn auch wir am auferstandenen Heiland, der ja fortan bei uns sein will alle Tage bis an der Welt Ende. Sichtbar erscheint Er uns wohl nicht, wie der Maria; aber Sein Nahesein können wir empfinden. Oft kann’s uns, wenn wir lange in tiefer Kummernacht geseufzt haben, begegnen, daß wir uns mit Einem Male, wenn wir eindringlich von Ihm reden hören, oder im Gebet vor Ihm liegen, wie von einer himmlischen Luft umflossen fühlen, als stünde Er vor uns, Er, der tot war und nun lebet in Ewigkeit. Wie groß aber wird der Augenblick sein, da Er in voller Herrlichkeit, und dann vor allem Fleisch, nicht aus dem Grab heraus, sondern vom Himmel her sichtbar erscheinen wird! Wohl dem, der da nicht unter denen ist, die Ihn gestochen haben Off. 1, 7, sondern unter denen, die mit Geduld und Glauben als Gerechte auf Ihn geharret haben!

Mel. Allein Gott in der Höh’.

Sei hochgelobt in dieser Zeit
Von allen Gotteskindern,
Und ewig in der Herrlichkeit
Von allen Überwindern,
Die überwunden durch Dein Blut
HErr JEsu, gib uns Kraft und
Daß wir auch überwinden!

Markus 16,15.

“Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“

Alle Welt - so fahren wir zum Vorigen fort - soll stille sein vor dem HErrn, um zu hören, um das Evangelium zu vernehmen. Unter dem Saus und Braus dieser Welt, unter dem Stürmen und Toben und Schreien und Jammern und Wehklagen, wie man’s allerwärts hört, hat man kein Ohr für das Evangelium. Denn alles Tröstliche geht da nebenhinab. Und doch soll’s alle Welt vernehmen, denn es ist ein Heiland da für alle Kreatur! Der HErr, der in Seinem heiligen Tempel ist, der hat es im Sinne, aller Welt Gutes zu tun. Seine Liebe will überallhin wirken, möchte auch nicht eines verlorengehen sehen! Da muss vor allem Stille herrschen, die denn auch der HErr nach innen und außen zu machen weiß, damit`s dem Wort gelingen möge. Die Predigt selbst aber sollen wir, die wir das Wort haben, ausrichten.

„Geht ihr hin, prediget ihr, eure Sache ist’s“, will der Heiland sagen. Wir - wenigstens manche Christen - sind oft so, dass wir denken: „Wie doch? Das ist nicht unsre Sache! Das soll der liebe Gott selber tun! Er soll’s machen, dass die Leute das Evangelium hören!“ Jedenfalls scheinen viele, weil sie gar nicht mithelfen wollen, vorauszusetzen, dass sich alles von selber machen müsse, ohne dass man soviele Forderungen an die Christen stellen müsse. Da tun sie, wie wenn der liebe Gott überallhin Engel schicken sollte, die’s den Leuten sagen sollen, ohne dass unsereines sich auch dafür hingegeben hätte, von Mitgefühl durchdrungen.

Nun wissen wir zwar wohl aus der Schrift, dass Gott Engel schickt. Er tut das aber nur, um die Leute anzutreiben; wie Er den Engel zu Kornelius sandte, der an Petrus gewiesen wird; und ihn zu Paulus sandte, dass er den Mazedoniern helfen soll! Aber predigen, das Evangelium verkündigen, das sollen solche Engel niemals. Sondern das bleibt uns und denen überlassen, die berufen werden, sei’s von Gott oder nach menschlicher Ordnung. Und wir setzen uns einer Verantwortung aus, wenn wir saumselig sind!

Nach der Erfahrung bleibt auch das gewiss: Tun wir’s nicht, so geschieht’s nicht! Gehen wir nicht, so vernehmen sie’s nicht! Predigen wir ihnen nicht, so bleiben sie ferne vom Reiche Gottes! Das zeigt die Geschichte bis auf den heutigen Tag. Wo niemand hinkommt, da ist Finsternis! Und wo niemand predigt, da ist Unwissenheit! Versäumen wir’s also hartnäckig, so ist der Schaden unermesslich groß, obgleich Gott immerhin im stillen viel tut; namentlich weiß Er Kleines und Weniges, oft nur Stückchen Papier, darauf etwas zu lesen ist, wunderbar zu segnen. Legen wir die Hände in den Schoß, so schläft alles ein und geht’s nicht weiter! Darum sagt auch Paulus (Röm. 10, 14): „Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?“ Hätte die Christenheit allezeit nur auch so viel getan, als jetzt seit 60 Jahren geschehen ist, da man bereits fast in der ganzen Welt herumgekommen ist: wie gar anders stünde es in der Welt! Am fühlbarsten ist unsre Nachlässigkeit den Heiden selbst oder den Bekehrten aus denselben, deren einer einmal nach Europa geschrieben hat, am Jüngsten Tage werde Gott den stummen Götzen - deren allein die Hindus 330 Millionen haben - eine Sprache geben, um die Christenheit anzuklagen, dass sie den Heiden das Evangelium, das ihnen doch auch gehören würde, so lange vorenthalten hätten.

Nun, wir beten immer wieder: „Lieber Gott, mach Du’s!“. Und der liebe Gott sagt zu uns: „Ihr Leutlein, machet ihr’s!“ Er wird unsre Bitte erhören - wir aber wollen uns auch von Ihm sagen lassen! Wir müssen besser dran, so wie wir’s nun eben können. Und da gebe uns der Heiland Verstand und Willen dazu, dass wir nichts versäumen! Und er gebe uns ein Herz, das fühlt: so werden wir das, was uns obliegt, schon zustande zu bringen wissen!

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