Blumhardt, Christoph - Andachten zum Buch des Propheten Jeremia

Blumhardt, Christoph - Andachten zum Buch des Propheten Jeremia

Jeremia 1,9

“Und der HErr reckte Seine Hand aus und rührete meinen Mund und sprach zu mir: Siehe, Ich lege meine Worte in deinen Mund.“

Der Spruch ist aus dem Kapitel genommen, da Jeremia berufen wurde zu einem Propheten Gottes, und zwar zu einem Propheten, der nichts als Jammer und Leid über Jerusalem anzukündigen Beruf bekam. Jeremia hat's da schwer gehabt. Er sah nach außen die schönste Blüte der Stadt und des Volkes, und sah im Geiste vor Augen, wie alles, alles zerstört, und was für ein Blutbad angerichtet werden würde; und immer wieder muß er auftreten und es sagen, wie es gehen werde, wodurch er sich auch fort und fort bei allen verfeindete. Ein solcher Prophetenberuf hat sein Schweres und Peinliches. Doch wurde derselbe dem Jeremia damit erleichtert, daß er auch Blicke in eine spätere Gnadenzeit bekam, und vieles von der Zukunft des Heilandes reden durfte. Es sollte nur das jetzige Geschlecht zertrümmert, das eigentliche Volk Gottes nicht vernichtet werden.

Bei seiner Berufung, heißt es, reckte der HErr Seine Hand aus und rührete seinen Mund an. Wie das geschah, ist nicht gesagt, wie überhaupt die Art und Weise, wie die Propheten berufen wurden, nicht nach allen Seiten uns klar vor Augen gestellt wird, - wir verständen's auch gar nicht. Doch müssen wir, auch wenn geradezu Gott selbst genannt wird, der einem Propheten sich nahete, stets einen Engel als den Stellvertreter Gottes uns darunter denken, wie auch bei Jesaja (6,6.7) ein Seraph es war, der Ähnliches tat. Aber wenn nun der Engel des Jeremia Mund rührete, so kam etwas von Gott in des Propheten Wesen hinein, etwas vom heiligen Geist, dazu Weisheit, Kraft, Mut, Verständnis, Klarheit. auch Fähigkeit, leicht die Stimme des HErrn zu vernehmen und in Worte zu fassen. Deswegen heißt es: „Siehe, Ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Es wird auch dem Jeremia ein für allemal etwas gegeben; und im Verlauf verstand dann er leicht, was der HErr im einzelnen Fall ihm und dem Volke durch ihn sagen wollte.

Eine große Gnade ist damit der Menschheit zugekommen, daß sich also Gott offenbarete. Auf diesem Wege bekamen wir das ganze Alte Testament, und sind alle Offenbarungen uns zugekommen; und wenn wir diese Kundgebungen Gottes bei Seite legen, so fehlt uns der rechte Halt, sofern wir uns auf eigene Füße stellen, dabei aber nichts wissen, Leute sind, die nichts verstehen, wenn wir auch meinen, wir wüßten alles, wie' s damals bei denen war, die den Jeremia verschmähten. Je mehr wir in dem Wort Gottes suchen, desto mehr Geist und Klarheit kommt auch über uns. Dazu kann und will der HErr im neuen Bunde, da wir „alle sollen von Gott gelehret sein“, auch unsern Mund rühren, wenn wir in Seinem Dienste zu reden und zu zeugen haben; denn es „soll uns zur Stunde gegeben werden, was wir reden sollen.“ „Denn ihr seid es nicht,“ sagt der HErr, „die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet“ (Matth. 10,19.20). Wären wir nur williger und geschickter, unser Eigenes fahren, und Gott allein im uns reden zu lassen!

Mel. Alle Menschen müssen.

Dein Geist, Deinem Volk gegeben,
Wehte die Propheten an;
Endlich hat der Sohn das Leben
Selbst auf Erden kund getan.
Du send‘st Deiner Boten Scharen,
Deinen Rat zu offenbaren,
Und an deines Sohnes Heil
Nehmen auch die Heiden Teil.

Jeremia 10,16

“Der Jakobs Schatz ist, der ist‘s, der Alles geschaffen hat, und Israel ist Sein Erbteil. Er heißt HErr Zebaoth.“

Hier heißt der HErr Zebaoth Jakobs Schatz. Jakob und Israel ist einerlei, und bezeichnet hier nicht den Einzelnen, der so heißt, sondern das von diesem abstammende Volk, von uns gewöhnlich Gottes Volk genannt. Dieses Israels Schatz nun ist der HErr Zebaoth, eben der, der alles geschaffen hat, und der auch wieder Israel Sein Erbteil nennt. Der HErr galt dem Volk mehr, als alle Schätze der Erde. Er hatte sich dem Volke bezeigt und kundgetan; und mit Ihm und dem, was es von Ihm empfieng, hatte es Alles, was es nur wünschen konnte.

So sollte auch unser Schatz der HErr im Himmel unser Heiland, sein, und alles Andere uns nur als Flitterwerk gelten. Was wir außer Ihm wert schätzen, als wäre es Etwas, ein wirkliches Etwas, gereicht uns zum Schaden. Denn alles und alles, was diese vergängliche Welt uns giebt, hört einmal ganz auf, bis aufs letzte Stäublein hinaus, hört wenigstens für uns ganz auf, ist also auch nicht der geringste Teil von einem wirklichen Besitztum, das wir hätten. Das sollte der Mensch bedenken, der oft bis in sein spätestes Alter von allerlei träumt, daran er in dieser Welt sich weiden will, sei's Ehre, oder Geld, oder Genuß. Heute nimmt ihn Gott hinweg, und alles ist für ihn Null und Nichts geworden. Da ist der übel daran, der dann darben muß und nichts Anderes hat. Ist aber vorher der HErr sein Schatz geworden, dann tritt er erst in den Besitz dieses seines Schatzes ein, und er ist ein reicher Mann.

Ein Großes ist es auch, daß dieser HErr Zebaoth, d. h. der HErr der Heerschaaren, uns hinwiederum Sein Erbteil nennt, wie wenn Ihm ein Schatz zufiele dadurch, daß Er uns hat. So hoch stellt Er uns. Wir gelten ihm auch als ein Schatz, und deßwegen heißt es: „Israel ist Sein Erbteil.“ Dieß kommt davon her, daß der HErr mit dem, was Er tat und thut, die ganze Welt wieder zu Seinem Eigenthum macht, die Ihm durch List des Teufels abwendig geworden war. So ist Israel gleichsam die Hoffnung unsres Gottes, indem durch dies Israel, da der Anfang gemacht ist, nicht nur die ganze irdische Welt, sondern auch aller Himmel Himmel im Verlauf wieder gewonnen werden sollen, unter Sein Gebot und Regiment, vermittelst des JEsus, der in diesem Israel aufkommen sollte. Darum schätzt Gott jedes Israelskind hoch, und nennt es Sein Gut, Seinen Schatz, Sein Erbteil. Das sind große Gedanken, welche ganz zu fassen nicht leicht für uns ist, in welchen aber unaussprechliches liegt. Der HErr helfe uns, die wir uns so gerne um Eitles wegwerfen, daß wir uns selber auch schätzen, und nach Gottes Sinn taxiren lernen, wenn wir doch Ihm so viel wert sind.

Mel. Ich ruf' zu Dir.

Ach, Jesu, wenn Du mir entweichst,
Was hilft mir's, seyn geboren?
Wenn Du mir Deine Lieb' entzeuchst,
Ist all mein Gut verloren.
So gieb, daß ich dich ohne Rast
Wohl such' und bestermaßen
Möge fassen,
Und, wenn ich Dich gefaßt,
In Ewigkeit nicht lassen.

Jeremia 20,9

“Ich dachte: Wohlan, ich will Seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer in meinen Gebeinen verschlossen, daß ich es nicht mehr leiden konnte, und wäre schier vergangen.“

Da redet der Prophet Jeremia, der einen sehr schweren Stand hatte. In allem, was er in jener Zeit vor dem Untergang Jerusalems dem Volke predigte, fand er starken Widerspruch. Niemand wollte ihn hören; und dazu wurden ihm alle feind, besonders die Obersten des Landes, so daß er mehr als einmal in Todesgefahr kam und förmliche Prozesse ihm gemacht wurden. Darüber kam er oft in eine tranige Stimmung; und es wollte ihm entleiden, so daß er es lieber lassen, nicht mehr, wie er hier sagt, unter einem Volke, das doch nicht hören mochte, Gottes gedenken, und nicht mehr als in Gottes Namen auftreten wollte. Es war ihm, als müßte er, wie es im schwäbischen Sprichwort heißt, den Karren stehen lassen, weil derselbe doch nicht weiter kam. Aber so oft er sich so gestimmt fühlte, brannte es wie Feuer in seinem Herzen. Ein geheimes Etwas verbot es ihm, sich zurückzuziehen; und er wurde mit innerer Gewalt immer wieder zu seinem Berufe hergetrieben, so daß er es nicht aushielt, still zu bleiben und schier darob vergangen wäre. Erst wenn er sich wieder herauswagte in den Tumult und unter die ergrimmten Gesichter, und mit Eifer seines Berufes wartete, wurde es ihm wohl und leicht.

Jeremias hatte, wie wir sehen, ein zartes, wahrhaft gottesfürchtiges Gemüt, das es ihm nicht zuließ, zurückzutreten, oder auch nur halb und schläfrig seine Sache zu betreiben. Da unterschied er sich von vielen unserer Zeit. Denn auch uns kann es je und je ankommen, daß wir denken: „Wozu das Predigen? die Leute werden doch nicht anders!“ Da möchten wir auch alles lieber lassen. Aber ganz zurücktreten, geht denn doch nicht an, weil man amtlich angestellt ist. Statt dessen kommt man in ein schlaffes und lässiges Wesen hinein, treibt's, nur daß es getrieben ist, und giebt sich nicht mit ganzer Seele hin. Manche haben wohl einst frisch angefangen, mit Energie und Kraft unter den Leuten aufzutreten; weil sie aber auf harte Herzen stießen, haben sie nachgelassen, und sind sie stiller geworden, fast maßleidig, wie man sagt. So wurden sie gar gewöhnliche, armselige Leute, wie es eben Mietlinge und Tagelöhner sind. Hätten wir alle Jeremiasherzen, feine, gehorsame, gottesfürchtige Herzen, so hätten wir bei einschleichender Trägheit und Schlaffheit auch keine Ruhe; sondern es brennete in unsern Herzen wie Feuer, so lange, bis wir's wieder wagten und mit Ernst wagten.

Zusatz: Der Herr wird aber, wenn Seine Gnadenzeit kommt, schon wieder die erweisen, die's auf Leben und Tod wagen, da es dann nicht wie zu Jeremias Zeiten gehen und alles wie umsonst sein soll, sondern da noch viele Herzen gewonnen werden, dem Gerichte zu entgehen. Doch hat's zu allen Zeiten, auch jetzt, welche gegeben, die munter und unverzagt in der Furcht des Herrn daran gegangen sind und ausgeharrt haben. Solche dürfen's erfahren, daß ihre Arbeit nicht vergeblich ist, und ihnen viel Frucht nachfolgt. Möchte nur der Herr bald jene verheißene Propheten und Schriftgelehrte senden, von denen er sagt, daß sie kommen würden. Die müssen das Erstorbene wieder zum Leben bringen, das Verschüttete wieder herausgraben, das Erlahmte wieder kräftig machen, sei's auch, daß sie darüber schwere Verfolgungen, ja gar den Tod erleiden. Denn der Eifer seiner Kinder muß es doch am Ende machen, daß Seine Sache zum Schluß kommt.

Mel. Herr Jesu Christ, dich zu uns.

Die Sach‘ und Ehr, Herr Jesu Christ,
Nicht unser, sondern Dein ja ist;
Darum so steh' Du denen bei,
Die sich auf Dich verlassen frei.

Dein Wort ist unsers Herzens Trutz
Und Deiner Kirche wahrer Schutz;
Dabei erhalt' uns, lieber Herr,
Daß wir nichts Anders suchen mehr.

Jeremia 33, 12.

“An diesem Ort, der so wüste ist, daß weder Leute noch Vieh darinnen sind, und in allen seinen Städten werden dennoch wiederum Hirtenhäuser sein, die da Herden weiden.“

Jeremias blickt auf die Zeit, da Jerusalem und das ganze Land würde eine Wüste geworden sein. Es war nahe daran, weil die Gerichte Gottes schnell folgten, der vielen Sünden wegen, die unter dem Volke Gottes so einheimisch geworden waren, daß der liebe Gott vorerst Seine Zwecke nicht mehr mit dem Volke erreichen konnte. Es war alles so durchfressen und verderbt, und die Bestimmung Israels, wenigstens für die Zukunft ein Salz für alle Völker zu werden, so vergessen, daß nichts übrig blieb, als die grause Zerstörung. Diese kam denn über alles, doch nur, damit desto gewisser ein Keim bliebe, aus welchem noch herauswachsen könnte, was kommen sollte, nemlich ein Heiland für alle Welt. Wenn daher bald alles wüste lag, hatte dennoch Gott Seinen ursprünglichen Plan, durch Abrahams Samen alle Völker zu segnen, nicht aufgegeben; und darum wurde das schon vor der Zerstörung dem Volke gesagt. Es mußte also in der Folge das Wüste wieder gebaut, es mußte wieder ein blühender Staat werden, wie nun der auch ausfiele, nur daß der erste Plan Gottes könnte ausgeführt werden.

Vollkommen ist nun freilich der neue Judenstaat nicht geworden; aber doch sind gute Elemente darin geblieben. Die Abgötterei hatte wenigstens aufgehört; und der Mangel neuer Propheten machte, daß ihrer Manche desto andachtsvoller die Schriften der alten Propheten beherzigten. Nach langem Harren ist endlich Christus, der Heiland, geboren. Israel hatte nun seine Bestimmung erfüllt, und konnte aufhören, ein besonderer Staat zu sein, ist aber durch den Heiland mit seiner ganzen Geschichte bis auf den heutigen Tag ein Segen für alle Völker.

Mel. Zeuch mich, zeuch.

Dennoch wird das Wort des Treuen
Herrlich in Erfüllung geh'n.
Jauchzend werden dann sich freuen,
Die jetzt still mit Tränen sä'n,
Wann der Segensstrom des HErrn
Alles füllet nah' und fern.

Jeremia 39, 18.

“Du sollst dein Leben wie eine Beute davon bringen, darum, daß du Mir vertrauet hast, spricht der HErr.“

Obige Worte werden zu Ebedmelech, dem Mohren, gesprochen. Dieser Mohr hatte den Jeremia, den man aus Haß in eine Brunnengrube geworfen, da er leicht hätte umkommen können, mit besonderer Liebe und Anstrengung wieder herausgezogen. Niemand hatte sich des Propheten erbarmt; nur der Mohr, ein Kämmerer, half ihm. Weil er aber das tat aus großem Mitleiden mit Jeremia, den er als einen Knecht Gottes liebte und ehrte, so läßt ihm der HErr sogen, er werde bei der Zerstörung Jerusalems, die bald darauf erfolgte, fein Leben wie eine Beute davon bringen.

So gewinnen's die Mohren vor den Weißen. Viele Schwarze und Braune werden einmal ihr Leben herausgerettet haben, während Andere unseres Geschlechts, die ihrer Farbe, ihrer Bildung, ihrer gesellschaftlichen Stellung sich rühmten, nebenhin stehen müssen, oder gar verloren gehen. Wie stolz waren doch damals die Juden in der Stadt, die Fürsten und die Edlen, und alle, die sich zu Abrahams Samen rechneten, daß sie meinten, eher werde der Himmel einfallen, als daß sie würden in der Heiden Hände übergeben werden und umkommen! Sie sind aber alle mit geringen Ausnahmen entweder niedergemacht worden, wie bei Weitem der größte Teil, oder in die Gefangenschaft fortgeführt, weil sie unter andern Sünden auch die Propheten nichts geachtet hatten. Unter dem entsetzlichen Würgen jedoch trägt der Mohr, der am königlichen Hofe war, also der Gefahr besonders ausgesetzt, sein Leben wie eine Beute, d. h. wie aus dem Tode herausgebeutet, davon, weil er dem HErrn vertrauet hatte.

Des Mohren Gottvertrauen aber, - merken wir's uns, - hat er nicht bloß im Munde geführt, sondern mit der Tat bewiesen, mit einem Wagnis. Denn der Mohr setzte sich mit seinem Vorhaben, den Propheten zu retten, dem Haß aller Fürsten ans, die eben den Jeremia hatten in die Grube werfen lassen, und hätte können ohne Weiteres von diesen getötet werden. Er hatte also, indem er den Propheten rettete, sein Leben dran gewagt, so aber aus der Todesgefahr sein Leben erbeutet. Wer dem HErrn vertraut mit Verleugnung und Aufopferung, mit eigenem Wagnis, der ist's, der unter allen Umständen vom HErrn angesehen wird; und handelt sich's bei ihm um Leben oder Tod, so ist ihm das Leben gewiß, auch wenn er's zeitlich verliert. „Denn wer sein Leben verliert, um meinetwillen,“ sagt der HErr, „der wird es gewinnen.“ Freundlich ist der HErr dem, der auf Ihn trauet, wie es hier der HErr selbst sagt, indem es heißt: „Darum, daß du Mir vertrauet hast.“ Denken wir auch an den Gerichtsspruch am jüngsten Tage: „Was ihr Einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr Mir getan.“

Mel. Nun ruhen alle Wälder.

Der HErr kennt die Gerechten;
Er ist mit Seinen Knechten.
Die in Versuchung sind.
Er weiß es, was sie beten,
Und weiß sie zu erretten.
Wo Niemand eine Ausflucht find't.

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