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Binde, Fritz - Kultur der Herzen

Binde, Fritz - Kultur der Herzen

An demselben Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an den See. Und es versammelte sich eine große Menge bei ihm, so daß er in ein Boot stieg und sich setzte, und alles Volk stand am Ufer. Und er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen und sprach: Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen es auf. Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten es. Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. Wer Ohren hat, der höre! …
So hört nun ihr dies Gleichnis von dem Sämann: – Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät ist; das ist der, bei dem auf den Weg gesät ist. Bei dem aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es gleich mit Freuden aufnimmt; aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so fällt er gleich ab. Bei dem aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht. Bei dem aber auf gutes Land gesät ist, das ist, der das Wort hört und versteht und dann auch Frucht bringt; und der eine trägt hundertfach, der andere sechzigfach, der dritte dreißigfach.
Matth. 13,1-9; 18-23

Frage den zivilisierten Menschen nach dem höchsten Gut der Menschheit von heute, er wird dir antworten: Das höchste Gut der heutigen Menschheit ist die moderne Kultur. Begreifliche Antwort! Soll der Mensch nicht die Frucht der menschlichen Arbeit achten? Ist es nicht das Natürliche, daß der Mensch die Bürgschaft für seine Menschenwürde in seiner Kulturleistung sieht? Steckt doch in der Kulturleistung seine, seines Volkes und der ganzen Kulturmenschheit Fleiß und Tüchtigkeit und zugleich die Gewähr für die eigene, die nationale und die allgemeine Existenz! „Hinter der Kultur zurückbleiben„, sich kulturell unfruchtbar erweisen oder gar ein Feind der Kultur sein, gilt deshalb als Schmach, Narrheit, ja als einzig wirkliche Sünde. Wer den Wert der Kultur fraglich macht, der macht den Weg der Menschheit fraglich, und das erträgt der natürliche Mensch nicht; denn damit ist ihm alles genommen, was er erstrebt und hat. Würden doch unzählige Menschen von heute auf die Frage nach dem Sinn und Werte ihres Daseins keine andere Antwort zu geben wissen, als die: Ich lebe für die Höherentwicklung der menschlichen Kultur! Und wie aufgeklärt und gebildet würden sie sich bei dieser Antwort vorkommen!

Kultur ist gottgewollt: Macht euch die Erde untertan! Aber Kultur ist nicht Selbstzweck, eben weil diese viel mehr ist als ein gesteigerter Naturvorgang. Darum ist beides töricht: die Kultur, Vergötterung als Kulturseligkeit und die Kulturfeindschaft als Kulturflucht. Wir können ohne Kulturbetätigung nicht mehr leben, aber wir können ebensowenig von der bloßen Kulturbetätigung leben. Besonders nicht von der nur technischen-maschinellen, die heute einen so unvergleichlichen Aufschwung genommen hat. Viele haben gemeint, die technisch-maschinelle Beherrschung und Verwertung der Naturkräfte bringe dem Menschen unmittelbar größere Freiheit, stattdessen hat sie manche ganz neue Formen der Knechtschaft gezeitigt. Der Mensch ist einerseits ein Sklave des äußerlichen technischen Betriebs und andererseits ein Sklave seiner durch die vermehrte Warenproduktion gesteigerten äußeren Bedürfnisse geworden. Beide Gefahren und Schäden hat man erkannt, und darum mehrt sich heute der Schrei nach neuer Geisteskultur, die der technischen Entwicklung das Gleichgewicht zu halten habe. Neubelebung der ethischen und ästhetischen Kultur, so lautet der Sehnsuchts- und Hoffnungsschrei. Die erreichte technische Entwicklung soll in den Dienst sozial- und nationalethischer Ideale gestellt werden. Praktische Erziehungsarbeit hat da begeistert eingesetzt. Man erwartet das Höchste, nämlich eine nie dagewesene Verfeinerung und Veredlung des menschlichen Empfindens. Soziale und künstlerische Triebe sollen auf weitem Volks- und engerem Heimatboden ganz neue Entfaltung und Erfüllung finden. Auch der religiöse Trieb soll wieder ganz neu sprießen und grünen. Kurz, eine Geistes- und Herzenskultur soll stramm-methodisch erarbeitet werden, wie sie die Menschheit noch nie gesehen und erlebt habe.

Wer wollte sich über diese schönen Kulturideale nicht freuen? Und wer möchte nicht gerne dem glauben, was da bereits als Erfolg gemeldet wird? Redet man doch schon vom „neuen Menschen“, dessen höhere Menschlichkeit sowohl dem politischen als dem wirtschaftlichen Krieg entwachsen sei und eine staunenswerte Veredlung der menschlichen Seele darstelle. Nun, wir wollen ab- warten, wie sich diese moralischen Kulturerrungenschaften beim nächsten europäischen Krieg bewähren werden. In der gegenwärtigen sozialen Praxis ist die Schärfe des Interessenkampfes durch die Pflege der schönen Kulturideale bisher um nichts gemildert worden. Der Mensch bleibt Mensch mit allen Eigenschaften seiner unveränderlichen menschlichen Natur.

Und doch gibt es eine Kultur des menschlichen Herzens, die nie versagt. Ja, es gibt eine Kultur der Herzen, die so sicher und solid arbeitet, daß sie sich beinahe unabhängig von jeder übrigen kulturellen Zeitströmung vollzieht. Sie gedeiht unter jeder Staats- und Wirtschaftsform, bei jedem Volke, jeder Rasse und in jeder Klasse. Sie ist an keine Zone noch Grenze gebunden. Auch hat sie weder Besitz noch Bildung zur Vorbedingung und umfaßt sowohl die Jugend als das Alter. Sie bewährt sich in Friedens- und Kriegszeiten, in Reichtum und Armut, in guten und in bösen Tagen. Es ist dies die Kultur der Herzen, die Jesus Christus, der unvergleichliche Herzenskündiger und Herzensgewinner, in die Welt gebracht hat.

Er hat keine zweifelhaften menschlichen Kulturideale gepredigt. Es ist merkwürdig, wie wenig er sich um die Kulturformen jener Zeit gekümmert hat. Weder trat er für sie ein noch gegen sie auf. Er brachte Höheres als zeitlich Menschliches. Er brachte Worte und Kräfte des ewigen Lebens. Er eröffnete ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, aber in dieser Welt wirksam werden sollte. Er lehrte keine politischen und sozialen Reformen, sondern verkündigte einfach den Willen seines Vaters im Himmel, der jede Politik und jede Gesellschaft reformiert. Er war das Heil, das aus den Juden und zu den Juden kam, und kam doch für alle Völker. Er wollte nicht irdisch-menschliche Macht für sich oder für eine Menschenklasse oder für sein Volk gewinnen und gebrauchen, sondern stand nur im Dienste seines himmlischen Vaters und damit im Dienste aller Menschen. Er diente nicht einer Spanne Zeitgeschichte, und doch erfüllte sich in ihm seine Zeit und bleibt er der Erfüller aller Zeiten. Er wollte das eine große menschliche Herz für den einen großen Gott gewinnen. Das war es, wozu er in die Welt kam. Und so ist er der einzig wahre und höchste Kulturträger in der Gottes- und Menschheitsgeschichte und in ihm allein die Kultur der Herzen verbürgt.

Was heißt denn Kultur? Ich denke Urbar- und Fruchtbarmachung. Denn wenn ein Stück Land kultiviert wird, so wird es urbar und damit fruchtbar, weil ertragfähig gemacht. Wie sich der Mensch auch betätigen mag, seine Kulturtätigkeit hat immer den Zweck, die menschlichen Kräfte und ihre Stoffe für den Menschen fruchtbar, das heißt ertragfähig zu machen. Darin gipfelt jede zielbewußte menschliche Arbeit. Und was war das Ziel der Arbeit Jesu Christi auf Erden? Nichts Geringeres, als die menschlichen Herzen urbar und fruchtbar zu machen für Gott. Darum lag alle bloß menschliche Kulturarbeit außerhalb seiner Wertung, und doch wurde und wird durch die Kultivierung des menschlichen Herzens für Gott jede wirkliche Kulturarbeit zugleich und allein gesichert. Denn Fruchtbarmachung des menschlichen Herzens für Gott und Fruchtbarmachung der Erde für den Menschen garantieren einander, weil sie sich decken nach dem Willen Gottes. Jede Entfernung von unserem Vater im Himmel ist zugleich Kulturverfehlung auf Erden. Ist das nicht überwältigend groß, daß der Schöpfer um das Herz seines Geschöpfes wirbt? Nicht um eine bebaute Erde, nicht um die Entstehung prächtiger Städte, nicht um das Emporblühen fleißigen Gewerbes, nicht um staatliche, politische, soziale und wirtschaftliche Bildungen und Verbindungen und ihre irdischen Erträge, nicht um wissenschaftliche, technische, künstlerische Leistungen ist es unserem Gott zuerst und zuletzt zu tun, sondern allein um die Gewinnung des menschlichen Herzens. Alle Kultur ist nur Mittel zum einen Ziel. Dient das Mittel dem Ziel, so bleibt es, dient es nicht, so zertrümmert es Gott, wie der Töpfer das Tongefäß zertrümmert. Was liegt ihm an Kulturwerten? Er sucht Herzenswerte! So allein ist es göttlich, mag es dem kleinen Menschen auch noch so ungöttlich erscheinen.

Menschenkind, der lebendige Gott wirbt also um dein Herz! Schaffe du, was du schaffen kannst, erwirb, was du erwerben kannst, leiste, was du zu leisten vermagst, es bleibt dabei: dein Schöpfer, der dir alle die Kräfte zum Schaffen und Erwerben gegeben, die du so nötig brauchst, bedarf deiner Leistungen um ihrer selbst willen nicht, er bedarf nur deines Herzens. Er steht über deinem Können und Nichtkönnen, über deinem Reichsein und Armsein: er will mit allem, was du kannst oder nicht kannst, was du hast oder nicht hast, nur dein Herz gewinnen. Kann er es dir abgewinnen, so stehst auch du dann, wie er steht, über allem und bist ein gottseliger, erlöster Mensch.

Das ist der Sinn der frohen Botschaft, die Gott durch den Mund Jesu verkündigte.

Und so überirdisch wie diese Botschaft ist, so überirdisch ist auch der Mittler, der einige Gottessohn, der sie dir überbringt. Und so überirdisch ist auch das Mittel, mit dem der Herzenskündiger und Herzensgewinner dein Herz kultivieren, das heißt für Gott urbar und fruchtbar machen will.

Das Mittel des Mittlers ist sein Wort.

Höre! Denn Christus spricht gerade hier: Wer Ohren hat, zu hören, der höre! Höre also! Nicht die Ergebnisse menschlicher Gelehrsamkeit, nicht die Worte derer, die sich für weise halten, nicht die Worte der Staatsmänner, nicht die Worte der Dichter, nicht die Worte der Ethiker und Reformer, nicht die Worte der Moraltheologen und Moralphilosophen, nicht die Wortmachereien redseliger Predigtkünstler, nicht Buch- noch Zeitungsworte vermögen das menschliche Herz wahrhaft zu kultivieren, das heißt fruchtbar zu machen für Gott, sondern allein das lebendige Gotteswort, das Gott in seinem Sohne Jesus Christus geredet hat, ist das untrügliche Mittel, unser Herz zu kultivieren.

Die Tatsachen beweisen es. Sie selbst haben das Göttliche vom bloß Menschlichen geschieden. Wieviel Menschenworte sind als Rauch und Schall, als Lug und Trug verweht! Jesu Worte aber haben an Lebenskraft und Lebenssaft nichts verloren. Sie wirken heute auf hörende Ohren so unmittelbar göttlich wie damals, wo sie Gott der Welt zum Heil schenkte. Großer Dichter und Denker Worte mögen das menschliche Herz und Leben menschlich bereichert haben, Jesu Worte haben unausgesetzt Herz und Leben erneuert. Denn er ist nicht nur der unvergleichliche Herzenskenner, er ist auch der einzige Herzenserneuerer. Weil er der Herzenskündiger ist, weiß Er, was im Menschen ist, weiß, daß dem Menschenherzen kein Flicken und Pflastern hilft; soll das Menschenherz kultiviert werden, damit es fruchtbar werde für Gott, so muß es erneuert werden. Herzenskultur bedeutet nach dem Evangelium Herzenserneuerung. Und diese kann wie gesagt niemals durch zeitlich bedingte und irrende Menschenworte, sondern durch das Wort der ewigen, unveränderlichen und unvergänglichen Wahrheit aus dem Munde dessen, der die Wahrheit persönlich ist, zustande kommen.

Jeder Weise mochte sagen: Ich rede Wahrheit, aber keiner konnte sagen: Ich bin die Wahrheit. Jeder Genius mochte sich der geschichtlichen „Unsterblichkeit“ erfreuen; aber wie lächerlich würde sich einer gemacht haben, hätte er gesagt: Himmel und Erde werden vergehen, aber die Worte, die ich rede, bleiben in Ewigkeit. Aber der einzige Herzenserneuerer konnte das sagen, und seine Zeugen sind Millionen von erneuerten Menschenherzen aus zwei Jahrtausenden.

Weil denn nun sein Wort nicht weicht noch wankt, so ist es auch das einzig zuverlässige Mittel zur Erprobung des Menschenherzens. Vor Jesu Christi Worten werden die Menschenherzen offenbar. Da wird ihre Art und ihr Wesen enthüllt. Kein Menschenwort hat solche Schwertschärfe wie das seine, die so schonungslos das Herz durchbohrt, keines solche zerschlagende Hammergewalt, die das adamitische Urgestein des Menschenherzens erreicht; und kein Menschenwort gleicht dem heilenden Balsam seines Wortes. Wie der Boden der Erde seine Fruchtbarkeit daran erweist, daß er dem ausgestreuten Samen zum gebärenden Mutterschoße wird, so wird die Bodenbeschaffenheit des menschlichen Herzens daran offenbar, wie es sich dem Worte Jesu gegenüber verhält. Denn das göttliche Wort ist wie ein Samenkorn, das der himmlische Sämann in die Menschenherzen ausstreut und heute immer reichlicher ausstreuen läßt, um vom Boden des Menschenherzens Frucht zu gewinnen für Gott. Das sind die Kulturversuche der Liebe Gottes, teurer Hörer, am heißbegehrten Menschenherzen, auch an deinem Herzen!

Und mitten aus der Praxis dieser göttlichen Kulturarbeit heraus offenbart uns der unvergleichliche Herzenskündiger, daß es viererlei Herzensäcker bei den Menschen gibt. Es handelt sich um Grade der Fähigkeit und Willigkeit des Menschen, sich im Innersten seines Wesens, nämlich in seinem Herzensgrunde, wie man sagt, durch das Wort Jesu Christi umgestalten und erneuern zu lassen.

Es gibt Menschenherzen, die werden verglichen mit einem Weg, ich denke, einem hartgetretenen Weg, der neben dem Acker her oder durch den Acker hindurchläuft. Der Sämann weiß, daß die Samenkörner, die da hinfallen, für seine Ernte verloren sind. Die Vögel fressen die freiliegenden Körner weg, oder Menschen- und Tierfüße zertreten die Körner. Gibt es denn wirklich solche Menschenherzen, die einem hartgetretenen Wege gleichen? O ja, der unvergleichliche Herzenskündiger irrt sich nicht! Auch ich bin dem Menschen, dessen Herz einem hartgetretenen Weg gleicht, nur allzuoft begegnet. Wie entsteht denn so ein Feldweg? Nun, zuerst laufen wenige Menschenfüße in der einen Richtung, dann mehrere und immer wieder mehrere; die Fußspur wird zum Pfad, der Pfad zum Weg und zuletzt zum hartgetretenen, viel begangenen Weg, auf dem nichts mehr wächst, was geerntet werden könnte. Wie wird denn ein Menschenherz zum hartgetretenen Weg? Nun, wenn es allem offen steht, das drüber laufen will. Jedes Geschehnis findet Eingang und zeichnet seine Spur ein. So verwischt ein Geschehnis die Spur des vorausgegangenen. Ein Ereignis jagt das andere, zertritt den hinterlassenen Eindruck des andern. Allmählich wird solch ein Menschenherz wie ein breiter, hartgetretener, unfruchtbarer Weg. Alles läuft darüber hin, nichts haftet, nichts bringt Frucht. Ach, wie viele Hörer des Wortes Gottes tragen heutzutage dieses Herz im Leibe! Sie bilden jene Menge der gedankenlosen Dutzendmenschen, der laufenden Gaffer und geschwätzigen Herumhocker, die überall und nirgends dabei sind, die immer sehen und hören wollen und nie wirklich sehen und hören, die alle Tage von Neuigkeiten leben, aber an keinem Tage neues Leben empfangen. Sie sind von der Sorte, die auch dabei war, als Paulus in Athen predigte; aber nachher ihren Spott mit ihm hatten. Sie hören auch heute Abend; aber wo waren sie gestern, und wo werden sie morgen Abend sein? Gestern am Stamm- und Skattisch, heute in einem religiösen Vortrag, morgen im faden Kino. Oder die gewohnheitsmäßigen religiösen Hörer. Sie sind ja auch für alles da und für nichts. Wo etwas los ist, wo einer redet, da laufen und sitzen sie. Es ist dieselbe große Menge, die schon Jesus nachlief, die ihn umdrängte und zum König machen wollte, und die ihm entwich, wenn er harte Worte zu ihr reden mußte, und der er entwich, weil er ihr Herz kannte, dieses Herz, das war und ist wie ein hartgetretener Weg, dem er nie und nimmer traute; denn er wußte, was es mit einem solchen Herzen ist.

Lange hörten sie, nie verstanden sie. An den Weg gesät! Keine Frucht! Nicht einmal Grünen und Sprießen! Wie Samenkörner auf die Oberfläche des harten Weges, so fielen und fallen die Gottesworte auf den unerschlossenen und vorläufig unerschließbaren Boden dieser Herzen, bleiben da fremd liegen, bis der übermenschliche Widersacher Gottes, der Arge, in Gestalt wie Vögel heranhuschender Gedanken, Geschehnisse, Eindrücke, Ablenkungen, Zerstreuungen, Begierden herbeikommt und hinwegreißt, was auf solchen Herzensboden gesät ist. Sag, ist das nicht gerade dein Herz? Wie viel Gotteswort hast du doch schon gehört! In Kirchen, Kapellen, Vereins- und Versammlungshäusern, im Elternhaus und in wie vielen anderen Häusern, frommen – denn man kann mit einem Herzen, das ist wie ein hartgetretener Weg, unter Bibelsprüchen wohnen – und unfrommen – denn auch dorthin kann noch ein Himmelskorn fallen – und was hat's genutzt? Nichts! Nur immer härter, verschlossener und unergiebiger wurde dein Herz. In wilder bunter Reihe jagte alles drüber hin: Predigt und Weltgeschwätz, Bibelwort und Zeitungstratsch, Gesangbuchsvers und Bänkellied. Menschenkind, halt ein! Gott wollte zehntausendmal dein verlogenes, verloddertes Herz kultivieren und fruchtbar machen zur ewigen Ernte, und noch nicht ein einziges Mal wolltest du ernstlich die göttliche Kultur deines Herzens? Siehe, der Same des göttlichen Wortes war gut, und er war und ist und bleibt das einzige Mittel, dein Herz zu kultivieren, zu erneuern und fruchtbar zu machen für Gott. Und dieser Same, dieses kostbare Gottesgut, in dem Gottes Geist und Gottes Leben lebt und dir geschenkt werden sollte, verdarb auf dem Boden deines unergiebigen Herzens, das da ist wie ein hartgetretener Weg! Weggerissenes, weggefressenes Gotteswort, Gottesgut! Bedenke, was das heißt! Das einzige Mittel, dein Herz zu erneuern, von Gott deinem Herzen bestimmt und so nahe gebracht, und durch den Argen, der sein Wesen in dir hat, weggefressen und dir in zahlloser Menge und unendlichem Werte geraubt! Ja, stehe still und überschaue die Reihe deiner Jahre, die Bahn deines Weges! O wie viel Gottesgut fiel während deiner Jahre auf die Länge deines Weges und blieb unfruchtbar für Gott und dich! Welch ein Verlust! Der ist so groß, daß ihn kein Mensch berechnen und ermessen kann.

Was fehlte denn deinem Herzen, was mangelte ihm denn? Höre, die Öffnung fehlte ihm, die Öffnung! Die Öffnung für Gott! Die Öffnung für den Mittler zwischen dir und Gott, Jesus Christus. Die Öffnung für das heilende Mittel des Mittlers, die Öffnung für das lebendig machende Gotteswort!

Wird sich dein Herz jetzt erschreckt, bedauernd, reuig öffnen? Wird es sich nun endlich gewinnen lassen von seinem Schöpfer? Wird es sich durchbohren lassen, wie das Herz jener am Tage der Pfingsten, damit das unverderbliche Samenkorn der Wiedergeburt, das einzig kostbare Gotteswort, hineinfallen und dein verloddertes Herz nun endlich kultivieren und erneuern kann? Wer Ohren hat, zu hören, der höre! –

Ein zweites Herzensland zeigt uns der unvergleichliche Herzenskündiger. Das ist kein bloßer, hartgetretener Weg mehr – von einem Wege hofft ja eigentlich niemand zu ernten –, das ist bereits Land, für die Urbarmachung und Fruchtbarmachung bestimmtes Land, Acker- und Saatland. Aber es ist das „Steinige“. Und doch immerhin Land. Für den Landmann schlechter, ja vorerst geradezu unbrauchbarer Boden, dem ein irdischer Sämann kaum das Samenkorn anvertrauen würde. Denn wer möchte ins „Steinige“ säen? Doch besitzt mancher keinen besseren Boden, und auch der allmächtige Gott besitzt an zahllosen Menschenherzen kein besseres Saatland. So geschieht es denn: „Etliches fällt ins Steinige“.

Aber sieh dir nur einmal das steinige Land an. Was dem hartgetretenen Wege mangelt, nämlich die Öffnung, findest du hier überreichlich. Steiniges Land ist heiß; denn es besteht gewöhnlich aus einer nur dünnen Erdschicht, und darunter ist meist Felsengrund. Darum ist es allenthalben rissig, geborsten und offen und eben – steinig. Fliegen da Sämlein oder fallen da Samenkörner in die Ritzen, Risse und Spalten, so haftet es schnell und geht bald auf; aber beim ersten heißen Sonnenbrand verwelkt und verdorrt es: die Erdschicht war zu dünn, der darunter befindliche Felsgrund zu hart, das junge Pflänzlein konnte nicht Wurzel nach unten schlagen; nun mußte es sterben.

Gibt es denn Menschenherzen, die diesem steinigen Lande gleichen? Auch hier irrt sich der unvergleichliche Herzenskündiger nicht. Menschen, die ein Herz haben, das wie das „Steinige“ ist, sind mindestens so häufig auf unserer Erde, wie die, deren Herz dem harten Wege gleicht. Ich begegne ihnen immer wieder und weiß, daß ich auch jetzt zu vielen von ihnen rede. Es ist immer derselbe Schlag. Sie sitzen da und hören leuchtenden Auges und lächelnden Angesichts; manche sogar zu Tränen gerührt. Nicht selten kommen sie nach Schluß des Vortrages und drücken einem die Hand. „Es hat mir sehr, sehr gut gefallen!“ versichern sie bewegten Herzens, „ich werde morgen wiederkommen und auch noch andere mitbringen!“ Und sie kommen wieder, und sie bringen mit. O, du siehst es ihnen an: sie nehmen das Wort auf mit Freuden. Es geschieht etwas in ihnen. Sie bleiben nicht gleichgültig, o nein, ihr Herz ist durchaus offen für das lebendigmachende Wort. Da ist nichts verschlossen, da scheint nichts unergiebig; alles an ihnen ist Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit. Auch ihre Angehörigen merken etwas. Sie wollen sich freuen und sagen: Sieh nur die freudige Bereitwilligkeit, mit der er, sie, jedes Wort aufnimmt! Sieh nur, wie es bereits keimt, sprießt und grünt in seinem, ihrem Herzen!

Und er selbst, der Mensch mit dem Herzen, das ist wie das Steinige, wie freut er sich des jungen, frischen Schusses in seinem Inneren! O, Leben, Leben regt sich innerhalb des Gefüges und Geschiebes seines, ach, doch so steinigen, ja, steinernen Herzens! Ein ganz neues bewegt sich, hebt sich, begehrt Raum und bekommt ihn, drängt nach Gestaltung und Ausdruck und findet beides. Und wie er das nächste Mal im alten Freundeskreis sitzt, geht ihm von dem, was ihm das Herz bewegt, der Mund über. So freudig wie er das Wort aufgenommen, so freudig teilt er jetzt die Überraschung seinen Gefährten mit, nichts anderes erwartend als zustimmende Mitfreude. Aber da kommt er schön an. Verrückt nennen sie ihn. Eselhaft finden sie ihn. Übertölpeln und verdummen habe er sich lassen. Das Opfer einer raffinierten Suggestion sei er geworden. An seinen gesunden Menschenverstand erinnern sie ihn. An seine vernünftige Denkkraft appellieren sie. Ob er denn ein Mucker, ein Pietist werden wolle. Wenn ja, so sei es zwischen ihnen und ihm aus, ein für allemal aus. Das solle er sich doch noch einmal überlegen; denn das könne doch nimmermehr sein ernstlicher Wille sein. Jeder Satz trifft ihn wie ein sengender Feuerstrahl. Er errötet, wankt innerlich, weicht, gibt zu, gibt preis, schämt sich, ärgert sich bereits seines Erlebnisses. Er fühlt, wie das junge Pflänzlein in seinem Herzen, vom sengenden Hitzestrahl getroffen, das grüne Köpfchen senkt, merkt, wie es ermattet hinsinkt, umsinkt; die Blättchen klatschen am Stengel herab; verwelkt, verdorrt liegt es auf dem Boden seines Herzens, das da ist wie ein steinig Land. Und es erholt sich nicht wieder.

Noch einen Tag, noch eine Woche vielleicht nach jener Stunde mörderischer Hitze, und der „Wetterwendische“ greift mit geärgerter Hand nach dem verwelkten Grün auf dem Boden seines Herzens, das ihm einst so viel Freude bereitet hatte, reißt es wie lose sitzendes, gestorbenes Unkraut aus, und wirft es höhnend auf den Kehrichthaufen seines Lebens. – Das ist die alte und auch immer wieder neue Geschichte des Menschen, dessen Herz ist wie das „Steinige“. Menschenkind, ist es deine Geschichte? Oder wird es deine Geschichte werden? Wiederum bitte ich: Stehe still und bedenke! Höre wieder: Verwelktes und verdorrtes Gotteswort! Auf deinem Herzensboden erstorbenes Gottesgut! Das einzige Mittel, dein Herz zu kultivieren, zu erneuern, das heißt fruchtbar zu machen für Gott, und – verwelkt, verdorrt? Und wiederum muß ich ausrufen: Welch ein Verlust! Bitte, wende dich deiner Vergangenheit zu! Was mußt du da sehen? Was hat deine Hand getan? Was dein Mund? Was ist aus dem Pflänzlein geworden, das einst in deinem Herzen keimte? Was aus der Freude, die du einst an deinem Heiland und an seinem Worte hattest? O, du weißt es wohl! Du weißt es wohl! Du weißt es nur zu gut: auf die Miste hast du das verwelkte Pflänzlein geworfen! Und vielleicht hast du noch mit dem Fuß darauf getreten! Siehe, du gehörst zu den Menschen, die eine gewisse religiöse Veranlagung haben. Eine dünne Schicht von Empfänglichkeit für Gottes Wort ist bei dir vorhanden. Es ist die Zone deines Gefühlsund Gemütslebens, die sehr leicht zu bewegen ist. Aber was deinem Herzen fehlt, das ist die Tiefe. Unter der dünnen Schicht deiner gefühlsmäßigen religiösen Empfänglichkeit lagert schwer und unbewegt das mehr als granitne Urgestein deiner echt adamitischen Selbstliebe und Selbstherrlichkeit, in die das Wort Gottes nicht zersprengend hinabzudringen vermochte. So konnte es nicht Wurzel in dich schlagen und lebenskräftig werden. Du dachtest gar nicht daran, dich deinem Lebensherrn Jesus Christus und damit deinem Gott wirklich preiszugeben. Es kam nie zu einer ganzen und tiefen Hingabe deines Wesens und Willens an deinen Erlöser. Nie wurde die unbedingt nötige Tiefe jener Selbstverneinung bei dir gelotet, die dem eigenen Ich aufs grundsätzlichste mißtraut und dem unsichtbaren Gott aufgrund seines Wortes bedingungslos glaubt und vertraut. Und weil diese unbedingt nötige Tiefe in dir fehlte, so konnte der lebendige Christus nicht durch den Glauben mit der Kraft des Heiligen Geistes wurzeln in deinem Herzen. Der erste Hitzestrahl des ungläubigen Spottes und der haßbereiten Verfolgung tötete das wurzellose Pflänzlein in dir.

Aber du brauchst kein Mensch mit dem steinigen Herzensacker zu bleiben. Laß den Hammer des göttlichen Wortes den Felsen deiner selbstsicheren Ichgröße zerschlagen und zerschmeißen! Laß das Dynamit der Liebe Gottes in Christo Jesu die Grundfesten deiner Selbstherrlichkeit sprengen und zerstören! Laß das trügerische und unfruchtbare Bollwerk deines steinigen Herzens in Staub und Trümmer legen! Denn das allein gibt den rechten Dünger für die Kultur deines Herzens, und Gott wird in dein zerschlagenes Herz einziehen und die Wüste zum Fruchtgefilde machen. Wirst du diese Eroberung der Tiefe deines Wesens durch Gott in Christo wollen? Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Ein drittes Herzensland zeigt uns der Herzenskündiger ohnegleichen. Keinem Wege gleicht es, von dem man nicht Frucht erwarten kann. Auch nicht dem Steinigen, in dem nichts wurzeln und reifen kann, gleicht es. Kein nackter, harter Weg, kein offenes, steiniges Land ist es. Nein, es ist bereits bestandener, bewachsener Boden; es ist überwucherter Boden. Es gleicht der stachligen Dornenhecke. Viel Ackerland ist von Dornenhecken umsäumt. Da sieh hinein, wie lose der Boden, wie tief durchwurzelt die Erde, und wie feucht, dumpf und schwül es da drinnen ist. Fällt da ein Samenkorn, fliegt da ein Sämlein hinein, so findet es jede nötige Öffnung und Tiefe. Es kann nach unten wurzeln, um nach oben zu sprießen. Und es wächst. Aber es wächst nicht allein. Es hat Konkurrenz. Die Dornen wachsen auch. Und die Dornen sind älter als das Pflänzlein. Und stärker, viel stärker. Mit ihrem gewundenen, spitzbewaffneten Arm trachten sie dem fremden Grün in ihrer Mitte nach dem Leben. Umfassen es, rauben ihm Licht und Luft und ersticken es. Das ist das Schicksal des Samens in der Dornenhecke. Kann man denn ein Menschenherz mit solch einer stachligen Dornenhecke vergleichen? O, der Herzenskündiger ohnegleichen irrt sich nicht. Das Menschenherz, das der Dornenhecke gleicht, findet man mindestens so häufig wie jene Herzen, die dem Wege und dem Steinigen gleichen. Wie oft stand ich vor seiner stachligen Dichte und Starre! Wie oft schlug mir seine Stickluft ins Gesicht!

Wie sieht denn solch ein armes mörderisches Herz aus? O, es ist wirklich ein unglückliches Herz, dies überwucherte und überwuchernde, dieses erstickte und erstickende, dieses ermordete und ermordende Herz!

Und alle die tragen es im Leibe, die von der Sorge dieser Welt und vom Betrug des Reichtums hingenommen sind. Da sieh, und nun weißt du, wie groß deren Zahl ist. Oder richtiger: du weißt es nicht; denn die Zahl der von der Sorge dieser Welt geplagten und vom Betrug des Reichtums betrogenen Herzen ist unnennbar groß. Unsere Kultur ist eine Kultur der Angst. Ihr Wesen ist Unsicherheit und Hast. Man redet von sich steigernder Wohlfahrt, und wie wenige fühlen sich wahrhaft wohl. Man rühmt die sich steigernde Sicherheit, und wie wenige fühlen sich wirklich sicher. Angst ist das innerste Wesen des Weltmenschen. Angst hockt bang und flüchtend oder frech und mordend in den Höhlen seiner Augen. Angst seufzt oder bellt aus seinem Munde. Angst jagt den lustigen Witz über die Schwelle der Lippe. Angst wohnt hinter der gewappneten Starre des scheinbar so ruhigen Gesichtes. Angst lenkt die raffenden oder bergenden Hände. Angst hetzt oder bannt die Füße. Der ganze Mensch ist Angst. Denn in der Welt hat der Mensch Angst, und niemand entflieht ihrem Bannkreis auf menschlichem Wege, niemand erwehrt sich ihrer Schrecken in eigener Kraft. So wird die Angst zur Mutter der Sorge und die Sorge zur Besitzerin deines Herzens. Sorge dieser Welt, der Pfahlwurzel der Angst im verfluchten Tiefgrund deines natürlichen Wesens entsprossen, das ist der wildverzweigte Dorn, den dein Herz dir trägt, der es überwuchert und zur Dornenhecke macht. O, du weißt es, du weißt es! – Angst, heimlich oder sichtlich quälende Angst ist auch die Gebärerin aller lähmenden oder hetzenden Nervosität. Es ist die Angst deiner Seele, die sich fürchtet, weil sie sich allein weiß, die zittert und bebt, weil sie ihren ewigen Pol verloren hat, nach dem sie vibriert wie die Nadel des Kompasses nach dem magnetischen Pol schwankt. Diese Angst deiner Seele, die sich fürchtet, weil sie noch allein ist, übertragen auf das Gebäude deines von Millionen Sünden durchwurmten Leibes: siehe, das ist die Nervosität! Siehe, nun zittert dieses Leibesgebäude wie ein Baum, der bald fallen soll oder hängt träg wie der Zweig ohne Saft und Frucht. O, Bild von Millionen! Sorge dieser Welt, du krankes Kind der kranken Mutter, nun kannst du dich über den Herzensboden des armen Menschen hinwerfen und kannst stieren und heulen! Sorge dieser Welt, du wüstes Dornengewächs, nun kannst du auf bereitem Boden wühlen, wurzeln und wuchern! O, wie dunkel, dumpf und schwül ist es in dem Herzen, das da ist wie eine Dornenhecke! Wie dunstet die Stickluft, wie ragt der spitze Dorn! Du weißt es, du weißt es!

Und die Plage flüchtet zum Betrug. Die Sorge dieser Welt hetzt hinein in den Betrug des Reichtums. Wenn man das und das hätte, dann hörte die Angst auf. Wenn man das und das besäße, dann hätte man keine Sorgen mehr. O Jammer des Betrugs! Die Augen gieren, der Fuß jagt, die Hand greift und umklammert, der Mund rechnet – und dein Herz zuckt; denn nur eine neue Dornenart ist seinem Boden entsprossen und hat angefangen, alles in dir wild und weh zu umstricken, und der neue Dorn sticht mit tausend Spitzen: Betrug des Reichtums! Wahn des Habens und Besitzens! Wie vieler Hörer Herz ist da gezeichnet! Der Reichtum als Erlöser aus der Angst und Sorge! Der irdische Reichtum: als freimachende Sicherheit! Der irdische Reichtum als höchstes Gut! Der irdische Reichtum als sättigendes Glück! O glitzerndes Blendwerk der Hölle! O armer Narr von Mensch! Denn reich will beinahe jedes werden. Reich an Geld! Reich an Ehre! Reich an Wissen! Reich an Geist! Und doch geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, ehe ein Reicher ins Himmelreich eingeht. Auch dieses Wort Jesu bleibt, wenn Himmel und Erde vergehen. Denn die da reich werden wollen, fallen noch heute wie damals in Versuchungen und Stricke, in Ungerechtigkeit und Sünde, in denen sie unfähig werden, ihr Herz ihrem Schöpfer zu schenken, und verderben; also geht es allen, die reich sind an Geld, aber nicht reich sind in Gott. Und die die Ehre bei Menschen mehr lieben, als die Ehre bei Gott, auch sie verderben. „Denn wie könnt ihr glauben, wenn ihr Ehre voneinander nehmt?“ lautet die göttliche Warnung. Wer also Ehre bei Menschen sucht, auch der erliegt dem Betrug des Reichtums. Höre es, du Geldliebender! Höre es, du Ehrliebender! Und die da reich werden wollen an allerlei menschlichem Wissen und die Furcht Gottes, die aller Weisheit Anfang ist, verachten, auch sie sind betrogen vom Betrug des Reichtums; denn indes sie sich für weise halten, sind sie gerade wie der Geldreiche Narren vor Gott. Höre es, du Aufgeblähter, der du dich reich dünkst in deinem eitlen, vor Gott ganz nichtssagenden Wissen! Und die da geistreich sein wollen im eigenen Geiste, um ihre Rolle zu spielen auf dem Markte, Komödianten, Heuchler, Pharisäer und Laodicäer, auch sie sind Betrogene vom Betrug des Reichtums; denn das Himmelreich gehört den geistlich Armen, den Unmündigen und Einfältigen, aber niemals ihnen. O Unmenge der vom Reichtum Betrogenen, vom in seine Milliarden verstrickten Milliardär bis herab zur ärmsten Kuhmagd im Dorfe, die da reich ist in allen Einbildungen der Selbstverliebtheit!

Sie alle, alle tragen das Herz im Leibe, das der Dornenhecke gleicht. Sie alle, alle erweisen sich als untauglich für die gottgewollte Kultur ihres Herzens. Bestanden, bewachsen und überwuchert ist ihr Herzensboden vom Irdischen und Eitlen und trägt Gott, Menschen und ihnen selbst nichts als Dornen. Ja, auch ihnen selbst!

Denn der spitze Dorn der Angst bleibt ihnen und bohrt sich gegen seinen eigenen Grund. Auch entkommen sie nimmermehr dem stachligen Dornengewirre der Sorgen dieser Welt. Je mehr sie sich mit ihren scheinbar reichen Mitteln herausarbeiten wollen, desto tiefer kommen sie hinein. Verstrickt und in der Verstrickung erstickt, das ist der meisten Ende.

O Menschenkind, gleicht dein Herz der Dornenhecke, dann bist du ein bejammernswertes Geschöpf! Denn du bist unglücklich, was du auch sagen und haben magst. Niemand wird von dem Dornengewächs deines Herzensbodens mehr verwundet als du selbst. Die Angst hetzt, die Sorge quält, der Besitz trügt und versagt. Ach, welch eine Armut, welch ein Elend! Armes angsterfülltes, sorgenbeschwertes, immer wieder betrogenes Herz, kennst du dich? Was hat man dir nicht alles vorgegaukelt! Und was hast du nicht alles schon geglaubt? Geld sollte dir helfen, Menschen sollten dich erretten, wirtschaftliche Reformen würden dich erlösen, wissenschaftliche Ergebnisse dich befreien, soziale Arbeit dich heilen, Künste dich veredeln, ethisch-religiöse Ideale dich erneuern und die ganze reiche Kultur dich kultivieren – und bei alledem bliebst du, betrogenes Herz, doch, was du warst und noch bist: eine Dornenhecke! Sei ehrlich!

Sieh, und nun bist du hier, um diesen Vortrag anzuhören. Denn, wenn du leidlich ehrlich bist, so sehnst du dich aus Verwundung und Armut heraus und begehrst endliche Heilung und wirklichen Besitz. Du hörst Gottes Wort. Ein Gleichnis Jesu redet zu dir. Die Worte gehen dir nach, suchen dich. Sie fallen in dich hinein. Du läßt es geschehen. Ach, du weißt ja, wie nötig du sie hast! Du bist ja kein hartgetretener Weg ohne Öffnung, kein gleichgültiges Herz mehr, sondern bereits ein armes verwundetes Herz. Bist auch nicht das Steinige, ohne Tiefe. O nein, die Angst zerriß längst deinen Boden, die Sorge furchte ihn, der Betrug zerbröckelte ihn. Aber du bist dennoch die Dornenhecke. Nun fallen die Worte in dich hinein.

„Etliches fiel unter die Dornen.“ Höre, bei dir wird jetzt „unter die Dornen gesät“! Die Körner fallen. Öffnung und Tiefe nehmen sie auf. Heilige, himmlische Befruchtung! Der Same ist gut! Der Same ist gut! Und bei dir da tief drinnen ist's schwül und warm, o so dumpf schwül und warm. Feuchte Wärme, sagt man, sei die gewöhnliche Bedingung für gutes Wachstum. Diese Bedingung ist erfüllt. Die aufgenommenen Worte tun dir so wohl. Du hoffst auf ihren Wert. Du erwartest von ihnen irgendeine Lösung und Erlösung. Denn du weißt, sie sind wahr, sie sind mehr als wahr: sie sind Gottes Wort an dich; Gottesgut, das dir zuteil werden soll, das du heimtragen sollst als wirklichen Besitz. Und du tust es. Anders als sonst legst du dich schlafen, reicher, ruhiger. In der Nacht erwachst du. Ein Glanz ist in dir: das Leuchten der Worte vom Abend. Das Gefilde deines Gemütes liegt so hell unter der inneren Sonne. Klarer Himmel. Fruchtbares Gedeihen. Seliger Friede. Es ist dir, als müßtest du gläubig danken und beten. Da, gerade da, steigt eine Wolke auf. Ein verdunkelnder Zweifel. Ein trübendes Bedenken. Etwas vom alten Grauen, vom bangen Sorgen. – Die Naturforscher berichten, daß über Nacht Inseln im Meere auftauchen und ihre Berge übers Wasser recken. Aber ich glaube kein Berg ist plötzlicher da und türmt sich schneller als ein Sorgenberg. Da ragt er mitten in der Nacht unter der wachsenden Zweifelswolke am jäh sich trübenden Himmel deines Gemüts und nimmt dir Aussicht und Atem. Wie, du solltest Gott dein Herz geben? Was würden die Leute dazu sagen? Besonders die, von denen du materiell abhängig bist. Sie würden dich ruinieren, bankrott machen. Wie, du solltest Gott deinen Willen, solltest Jesu dein Leben geben? Die Herrschaft auf seine Schultern legen, nicht mehr selbst regieren und kutschieren? Wie, du solltest nicht mehr so frei mitlaufen können im Wettlauf um die Güter dieser Welt, um das so nötige Geld, um die so wohltuende Ehre? Ei, da müßtest du ja das lassen, gerade das! Und nun läßt der Arge den schwarzen Sorgenberg, der inzwischen seine Schuldigkeit getan hat, verschwinden und zeigt dir irgend etwas Glitzerndes, Flimmerndes, Schimmerndes aus dem Reichtum dieser Welt – du weißt selbst am besten, was – und so jäh, wie vorhin der Sorgenberg wuchs, so jäh gleißt dich nun der Betrug deines Schatzes, deines Abgottes an, den du nicht lassen kannst nein, nein, nein, den du nicht lassen darfst, es wäre ja unverantwortlicher Leichtsinn, nein, Blödsinn, ja, Wahnsinn wäre es! Siehe, und du bist entschlossen, ängstlich, sorgenvoll, aber fest entschlossen: es soll doch lieber alles beim alten bleiben. Wie könntest du auch dein Ein- und Auskommen, dein Geld und Geschäft, deine Schätze und deine Bedürfnisse, deine Pläne und deine Ziele so ohne weiteres in die Hand dieses vielleicht doch zweifelhaften Jesus und fernen ungewissen Gottes legen? – Merkst du, was ich sagen will? Ich will sagen: Deine Dornen, o Herz, werden diese Nacht wachsen und werden dem ebenfalls in dieser Nacht wachsenden Pflänzlein, dessen Same soeben in dich fiel, hart und spitz nach dem Leben trachten, werden mit gewundenem Arm es umschließen, ihm den Atem nehmen und es ersticken. –

Ersticktes, gemordetes Gotteswort! Erwürgter Gotteshauch! Gleichsam dem göttlichen Geiste, der im göttlichen Worte pulsiert, an die Kehle gegriffen und – zugedrückt! – Mir bekannte vor Jahren ein fremdländischer Arbeiter, daß er in seiner Jugend mit rohen Gefährten in seinem Heimatlande einen alten Mann ermorden half. „Wir warfen ihn ins Bett und bedeckten ihn mit Kissen,“ berichtete er. „Der Alte wehrte sich entsetzlich; aber wir preßten ihm die Kissen immer fester aufs Gesicht, bis es stille darunter wurde. Wir hatten ihn erstickt.“ Und hier, ersticktes Jesuswort, ist das wohl geringerer Mord?

Menschenkind, stehe wieder still und sieh rückwärts! Menschenkind mit der Dornenhecke auf dem Herzensboden, wieviel Gotteswort ward erstickt in dir! Erstickt in dir durch die angstgeborene Sorge dieser Welt und durch den schändlichen Betrug des Reichtums, die beide dornig und stachlig dein Herz überwucherten! Wie viele Jesusworte fielen wohl schon in deine Dichte und Starre, und jedesmal mußten sie sterben in deiner mörderischen Schwüle! Sag, graut dir nicht vor der Räuberhöhle und Mördergrube deines Herzens? O, wie kann man nur immer noch glauben an diese weite und breite Menschheit, wenn man bedenkt, wieviel einzig kostbares Gotteswort bereits auf dem Boden ihres trotzigen und verzagten Herzens zugrunde gegangen ist! Wie möchte man weinen und lachen über diese sogenannte Kultur, die das einzige Mittel zur Kultivierung unseres Herzens seit Jahrtausenden und noch tagtäglich sich vom Satan auf hartgetretenem Herzensboden entreißen oder auf der Steinwüste ihrer Oberflächlichkeit verwelken und verdorren oder auf dem Dornengrund ihrer Not und Abgötterei ersticken läßt! Sag, was fehlt dir denn, du dornenüberwuchertes Herz? Öffnung und Tiefe hattest du schließlich; aber siehe, Licht und Luft fehlten deinem Herzensboden! Christus ist das Licht der Welt, und wollte auch dein Licht werden, ach wie oft! Aber das Dickicht deiner elenden Sorgen und das böse Gehege deiner betrogenen, abgöttischen Leidenschaften ließen den hellen göttlichen Strahl nicht zum Grunde deines Wesens dringen. Du liebtest das schwüle Duster deiner Sorgenatmosphäre und das wirre Dornengehege des Reichtums dieser Welt mehr als das freimachende Himmelslicht; denn deine Werke waren noch böse. Und Luft fehlte dir. Der Odem aus der ewigen Stille, der Hauch des Heiligen Geistes, konnte nicht frisch und fruchtbar in deines Herzens Grund wehen; so mußte der göttliche Same, der dir zufiel, in der Stickluft deines adamitischen Welt- und Sündenwesens verderben und sterben. Welch ein Verlust! Soll es so weitergehen? Du hast es nicht mit eines Menschen Wort zu tun, sondern mit dem ewigen Gott und deinem Mittler und Erretter Jesus Christ. Geh, lies dies Gleichnis Jesu mitsamt seiner Erklärung noch einmal, und nimm wahr, wie es in seiner wortkargen Schlichtheit zu drei Vierteln einer Traueranzeige gleicht, die der Urheber, Erretter und Herr des Lebens über den fruchtberaubten Acker dieser Welt, über das verwüstete Saatfeld der Erde hin veröffentlicht. Wie oft schon hast du die wehen Worte dieser Traueranzeige, diesen herben Bericht von der Menschen roher Unkultur, dieses licht- und liebevolle Gleichnis Jesu gehört und gelesen, daß du hättest dein Herz erkennen und fahren lassen können; aber selbst das Wort von deinem Herzen erstarb noch aus dem Boden deines Herzens!

Soll es jetzt wieder so sein?

Wer Ohren hat, zu hören, der höre!

So höre auch noch das letzte! „Etliches fiel auf ein gutes Land und trug Frucht, etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig … Das aber in das gute Land gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort hört und versteht es und dann auch Frucht bringt …“ Ein viertes Herzensland zeigt uns der Herzenskündiger ohnegleichen, und nennt es „gutes Land“. Ich denke, das ist bereits urbar gemachtes, gepflügtes, umgegrabenes und gedüngtes Land. Da ist allenthalben die nötige Öffnung des Bodens; denn die Pflugschar hat gearbeitet oder Grabscheit und Hacke. Auch die Tiefe ist da, der Felsengrund ist zerborsten, die Steine sind zermürbt; die Wetter sind über das Land hingegangen und haben dem scharfen Eisen geholfen. Nun erweist sich das zerbröckelte Gestein als der beste Dünger. Und wo Dornen standen, da sind sie ausgerottet mitsamt der Wurzel, so gut es nur ging; ihre Asche nährt den licht und luftig gewordenen Boden. Dahinein kann nun das gute Saatkorn fallen, und jede Scholle wird zum gebärenden Mutterschoß. Im Dunklen erstirbt das Korn und keimt doch aus seinem zerfallenen Leibe fruchtbar zum Licht empor. Und es verdorrt nicht; denn es hat haltende, saugende Wurzeln nach unten. Und es erstickt nicht, denn es hat Raum, Licht und Luft nach oben. Kultivierter, fruchtbarer Boden, gutes Land! Nicht überall gleich gut, gleich fruchtbar, sogar sehr verschieden im Ertrag, aber doch „gutes Land“.

Gepriesen sei Gott, auch solche Menschenherzen gibt es! Sie sind nicht ohne weiteres so gewesen, o nein! Gott hat sie sich mit unvergleichlicher Geduld und Langmut so zubereitet. Es sind die Herzen, die sich schließlich doch von ihrem Schöpfer überwinden ließen. Das zweischneidige Schwert des Wortes Gottes konnte sie endlich doch treffen und durchbohren. Öffnung war geschaffen. Der Hammer der göttlichen Wahrheit zerschlug den felsenharten Urgrund der alten Ichherrlichkeit. Die Pflugschar der Buße fuhr hinterher. Tiefe war geschafft. Ins zerschlagene Herz hinein fielen die Samenkörner des lebendigmachenden Gotteswortes. Tränen wurden zum Dünger. Der Glaube an die Kraft des sühnenden Blutes von Golgatha reinigte das für seinen Erlöser offene Herz. Das Gnadenlicht des heiligen und gütigen Gottes beleuchtete die bisherige unfruchtbare Wüste und Leere und schenkte zugleich Kraft und Wärme dem keimenden, neuen Leben. Der Hauch des Heiligen Geistes umwehte den von ihm zugetragenen Keim und erfüllte den urbaren Boden bis zum Grunde, daß er anfing zu duften im Süßgeruch der Erkenntnis Christi und Gottes. Licht und Luft waren da. Und die Liebe Gottes konnte nun ausgegossen werden in dieses gottgeweihte Herz, wie der Regen die Saat tränkt am jungen Frühlingstage. Nun beginnt dies also kultivierte Herz seine Frucht, die Frucht des Geistes von oben her, zu bringen in Geduld. Es wird zum ersten Male ergiebig für Gott, seinen Schöpfer, in dessen Hand es übergegangen ist. Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit reifen in dem erneuerten Herzen zur fröhlichen Ernte für den himmlischen Herrn der Ernte, in dem einen Herzen hundertfältig, in dem andern sechzigfältig, in jenem dreißigfältig.

Siehe, das ist die von Gott in Christus bewirkte Kultur der Herzen, und eine andere gibt es nicht. Du mußt sie erleben, oder dein Leben bleibt, trotz aller deiner sogenannten Kulturleistungen unfruchtbar für Gott, und damit unfruchtbar für dich selbst und auch unfruchtbar für die Menschen. Wie wirst du jetzt hinweggehen? Wird göttliche Kulturarbeit an dir geschehen sein? Wird dein Herz Öffnung, Tiefe, Licht und Lust empfangen haben? Wird der Boden deines Herzens „gutes Land“ geworden sein? Wirst du das gehörte Wort heimtragen und bewahren in einem guten und feinen Herzen? Wirst du es weiter bewegen in diesem Herzen?

Oder bleibt es bei der Härte? Bleibt es bei der Oberflächlichkeit? Bleibt es bei den Dornen? O, welche Fragen von welcher Tragweite! Aber was du auch zu tun gedenkst: Gott hat das Seine getan. Er wollte dir durch das Gleichnis aus dem Munde seines Sohnes sein eigenes und dein eigenes Herz offenbaren. Darum gehe jetzt hin. Aber Jesu Gleichnis und Jesu Wahrheit und Jesu Frage werden mit dir gehen. Sie lauten: Vierfach ist das Ackerfeld, Mensch, wie ist dein Herz bestellt?

Wie schön ist nicht ein Herz,
Das, ausgeleert von allem,
Nichts in sich heget mehr
Als Gottes Wohlgefallen.
Das, durch viel Kreuz und Leid
Geschmolzen und gefegt,
Die höchste Majestät
Im stillen Grunde trägt!

Tersteegen

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