Besser, Wilhelm Friedrich - Die Briefe St. Johannis in Bibelstunden für die Gemeinde ausgelegt - 7. Die Botschaft von der Bruderliebe.

Besser, Wilhelm Friedrich - Die Briefe St. Johannis in Bibelstunden für die Gemeinde ausgelegt - 7. Die Botschaft von der Bruderliebe.

Cap. 3, 11 - 24.

Oeffne uns die Augen, o HErr, daß wir schauen die Wunder an Deinem königlichen Gesetze. Amen.

Wie der heilige Johannes im 2. Cap, nach der Ermahnung: „Wer da sagt, daß er in Gott bleibe, der muß auch wandeln, gleichwie Christus wandelte,“ alsbald das alte und ewig neue Gebot der Bruderliebe, in welcher der Christen Lichtwandel nach dem Vorbilde Christi gar beschlossen ist, seinen Kindlein ins Gedächtniß ruft: ebenso beschreibt er jetzt näher das Rechtthun der Christen nach dem Vorbilde Christi, des Gerechten, indem er die Bruderliebe, die Paulus das Band der Vollkommenheit nennt (Col. 3, 14.), als den Inbegriff alles christlichen Rechtthuns darstellt. Im Reiche unsers Königs hat man das Recht lieb (Ps. 99, 4), und das höchste Recht ist die Liebe, im Reiche des Königs der Liebe. Die bisher von dem Apostel vollzogene scharfe Scheidung zwischen Licht und Finsternis zieht sich auch durch diesen Abschnitt hin. Die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels werden daran offenbar, daß in jenen die Liebe, in diesen der Haß regiert; jene lieben, diese hassen was aus Gott geboren ist. Es gibt kein Mittelding zwischen Liebe und Haß; wo im Grunde des Herzens die Liebe nicht ist, welche auch das Leben für die Brüder lassen kann, da wirkt der Haß, welcher auch das Leben den Brüdern nehmen kann. Vor Gott, der alle Dinge erkennt, werden nur diejenigen als Gotteskinder erfunden und haben Kindestrost und Freudigkeit, welche in das Liebesleben Gottes versetzt sind im Glauben an den Namen Seines Sohnes Jesu Christi. Zu dieser Wurzel des Lebensbaumes, welcher die Frucht der Liebe tragt, nämlich zu dem Glauben an den Namen des Sohnes Gottes, führt uns Johannes am Schluß dieses Abschnitts wieder hin, und endigt mit dem evangelischen Grundtone: „Der bleibt in Ihm, und Er in ihm.“

V. 11.
Denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang, daß wir uns untereinander lieben sollen. Das Liebesgebot nennt Johannes eine Botschaft, weil es dem Dankverlangen der begnadigten Gotteskinder zur fröhlichen Befriedigung entgegenkommt. Wo je die evangelische Botschaft von der Liebe Gottes in Christo erscholl, da hieß es allezeit auch: Lasset uns einander lieben! Die Liebe zur Wahrheit mag nicht wohnen, wo die Liebe zu den Wahrheitsgenossen erkaltet. Das heilige Abendmahl, worin wir Leib und Blut des Lebendigen genießen, zum Gedächtniß Seines Todes für uns, rief von Anfang den Christen auch das Gebot des HErrn Jesu ins Gedächtniß, daß die Seinen untereinander sich lieben sollen, wie Er sie geliebt hat (Ev. 13, 34; 15, 17.), und die Liebesmahle der apostolischen Gemeinden verkörperten das, was wir in dem Dankgebet aussprechen: „Du wollest uns solches gedeihen lassen zum festen Glauben an Dich und zu brünstiger Liebe unter uns Allen.“ Die Gäste an Gottes Gnadentafel, die Seiner Liebe froh werden, erkennt man an der Liebe untereinander als Christi rechte Jünger. Der Glaube an Gottes Liebe in Christo zu uns, die wir sollen. Seine Kinder heißen, ging von Anfang Hand in Hand mit der Liebe der Kinder untereinander. Zu dem ersten Anfange der göttlichen Liebesoffenbarung steigt Johannes hinauf und zeigt, daß gleich damals der Teufel, der von Anfang sündigt, das dem Menschen eingeprägte Bild Gottes angetastet und feine Kinder von Liebe entleert, mit Haß erfüllt habe. „Weil des Teufels Haß an Gott nicht hinanreicht, so trachtet er dem Bilde Gottes, dem Menschen, zu schaden und ihn zu verderben.“ Basilius.

V. 12.
Nicht wie Kain - vom Argen war er, und erwürgte seinen Bruder; und warum erwürgte er ihn? Weil seine Werke böse waren, seines Bruders aber gerecht. Als Mörder vom Anfang (Ev. 8, 44) tritt der Teufel in Kain auf, und zwar als Mörder des Bildes Gottes, denn Kains mörderischer Haß galt der Gerechtigkeit eines Bruders. Die von Abel und Kain dargebrachten Opfer waren der Ausdruck je ihrer Werke. Abel opferte, und zwar im Glauben (Hebr. 11, 4); in seiner Opfergabe brachte er Gott dem HErrn sich selber dar, ein Herz und ganzes Leben, und nicht ohne Blutvergießen geschah ein Opfer. Kain opferte auch; aber fein Opfer war kein Selbstopfer, sondern eine Abfindung „Sein Herz behielt er für sich und für die Sünde, aber er glaubte den HErrn brauchen zu können für einen Acker, bau und hielt es für gefährlich, es mit Ihm zu verderben; im Interesse eines Eigennutzes überwand der Vater alles seelenlosen Gottesdienstes seinen Eigennutz so weit, daß er Ihm eine kleine Abfindung von den Früchten des Feldes darbot.“ Der Gnadenblick, den Gott auf des frommen Abel Opfer fallen ließ, war dem vom Argen inspirierten Kam etwas Unerträgliches, er ergrimmte sehr und sah mit Haßgeberden auf seinen Bruder, aus welchem ihm das Bild Gottes anleuchtete (1 Mos. 4, 6.). So begab er sich zu einer „Waffe“ des Mörders von Anfang, während Eva ihn Kain (Waffe) genannt hatte in der Hoffnung, einen Kämpfer gegen den Schlangensamen in ihm erlangt zu haben. Die Sünde lagerte vor Kains Thür wie ein reißender Löwe (1 Mos. 4, 7.), und er ließ ihr ihren Willen; dies Eingehen in den Willen des Mörders ist es, was die Worte besagen: vom Argen war er. Wie aber Kam zu Abel stand, so stehen allezeit die Kinder des Teufels zu den Kindern Gottes (Jud. l 1.). Als ein Vorbild führt Johannes die Geschichte des ersten Bruderpaares an, und wiederanknüpfend an V. 1. fährt er fort:

V. 13.
Verwundert euch nicht, meine Brüder, wenn euch die Welt haßt! Durch die tröstliche Anrede: Brüder schließt er sich und seine lieben Kindlein in die heilige Brüderschaft ein, deren erstes Glied Abel war. (Matth. 23, 35.), und über welche dieselbigen Leiden ergehen in dieser Welt (1 Petr. 4, 12; 5, 9; 1 Thess. 2, 14.). Alle müssen Verfolgung leiden, die gottselig leben wollen in Christo Jesu (2 Tim. 3, 12.). Geschieden von denen, welchen das große Abendmahl der Liebe Gottes widerwärtig ist, müssen die Abendmahlsgäste von den Abendmahlsverächtern gehaßt werden. Es kann nicht anders seyn; aber wehe der Welt, auf deren Haß Christen gefaßt senn müssen! Der HErr hat die Ursache des Welthasses, den die Seinen leiden müssen, in den Worten angegeben: „So euch die Welt haßt, so bedenket, daß sie Mich vor euch gehaßt hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb; dieweil ihr aber nicht von der Welt seyd, sondern Ich habe euch von der Welt erwählt, darum haßt euch die Welt“ (Ev. 15, 18. 19). So ist's denn der Kinder Gottes Wahrzeichen, von der gottentfremdeten und gottfeindlichen Welt gehaßt zu werden; 1) das drückt ihrer Seligkeit einen Stempel auf (Matth. 5,10.). Will es uns doch verwundern, daß die Brüderschaft Johannis gehaßt wird von der Welt, dann laßt uns in unsern Busen greifen und befühlen, was wir selbst von Welt und Fleisch an uns haben. Die Welt in uns trachtet dem Bruder Johannis, dem Christkinde in uns nach dem Leben: wie sollte die Welt um uns her anders thun? Ein Christ, der seinen Adam kennt, verwundert sich nicht über den Haß der Welt. Er läßt sich aber auch nicht verzagt darob machen. Denn wie der Geist in ihm siegt über das Fleisch, so entschädigt ihn die Bruderliebe, beide im Geben und im Nehmen, reichlich gegen den Haß der Welt. Mag die Welt die Christen hassen und bis zum Tode verfolgen, sie wissen, daß ihr Leben nicht zu tödten ist:

V. 14.
Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder; wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode. Nach dem Vorgange des Heilandes in den eben angeführten Worten (Ev. 15, 19.) erinnert Johannes - indem er mit einem standhaften „wir“ der Welt entgegentritt - seine Brüder daran, daß sie weiland auch zur Welt gehörten und im Tode gefangen waren, und daß es die freie Gnade sey, welche sie aus der Obrigkeit der Finsterniß und des Todes erlöst und in das Reich des Lichts und des Lebens versetzt habe (vergl. Tit. 3, 3 f.). Aus dem Tode in das Leben hinübergekommen (hindurchgedrungen, Ev. 5, 24) sind die Kinder Gottes, und das wissen sie, weil sie die Brüder lieben. Als sie noch im Tode waren, vermochten sie das nicht, denn dies ist der alten Natur an sich selbst unmöglich, als welche sonst Niemand denn sich selbst und um sich selbst willen liebt.„ L. Die Liebesfreudigkeit, welche du in dir findest, ist ein gewisses Zeichen des Lebens aus Gott, denn Gott ist die Liebe (Cap. 4, 7.). von Gott quillt alles Lieben uns zu. Wo Haß ist, da ist Tod; wo Liebe ist, da ist Leben, ja die Liebe ist selbst das Leben. Von Gott werden Gottes Kinder gelehrt, sich untereinander zu lieben (1 Thess. 4, 9.), nicht durch hintennach kommende Ermahnungen, sondern durch den Samen ihrer neuen Geburt selbst. Wie leibliche Geschwister zu einander einen Liebeszug verspüren, der mit der Geburt ihnen einpflanzt ist: so bringt die Geburt ins göttliche Leben jenen heiligen - brünstigen (1 Petr. 1, 22.) und herzlichen (Röm. 12, 10.) - Zug göttlicher Geschwisterliebe mit sich (Cap. 5, 1.), welchen Niemand kennt, denn der ihn empfängt. Wir lieben die Brüder! Nicht ohne Wehmuth können wir lesen, wie Johannes seine und der Seinigen Heils-Gewißheit so ganz getrost ausspricht, mit freudiger Berufung auf das gegenwärtige Leben in der Liebe, dessen himmlisches Geheimniß die wahrhaftige Brüdergemeinde in seliger Erfahrung erkannte. Schon aber war die letzte Stunde (Cap. 2, 18.), und in der letzten Stunde erkaltet die Liebe in Vielen (Matth. 24,12.). Nichts ist ja dem Teufel und der Welt ärgerlicher an den Christen, als die Bruderliebe; kein Feuer befremdlicher und widerwärtiger als das, davon man singt: „Die Mutter, die droben ist, hält uns zusammen und schickt uns herunter die himmlischen Flammen.“ Diese Flammen auszulöschen war der Widerchristen Lust. Unermüdlich ist darum der heil. Johannes in der Ermahnung an die Gemeinden, daß sie ihre Liebes- und Lebenskrone festhalten und der Verführung zum - in den Schein des Lebens verkleideten - Tode widerstehen möchten.

Ach was würde er schreiben an die heutige Christenheit, selbst an Viele, welche doch selig werden wollen? Würde er nicht schreiben: „Ihr wisset nicht, daß ihr aus dem Tode ins Leben gekommen seyd, denn eure Freude ist nicht völlig im Lieben der Brüder.“ Lasset uns den HErrn bitten, daß unser Glaube an Seine Liebe (V. 16.) erstarke und die Züge Seines Bildes im Evangelio in unverwischter Klarheit uns vor Augen treten, dann werden wir dieselben mit Freuden wieder erkennen in allen Seinen Gläubigen, und es wird uns eine Wonne seyn. Ihn verklären zu helfen in den Seelen verlorener Sünder, für die Er Sein Leben gelassen hat, in den Getauften auf Seinen Namen, die wir heimlieben dürfen ins Vaterhaus, zum Liebesmahle der Brüder am Tische Gottes. Wir lieben die Brüder! Darin liegt beschlossen das Freudengeheimniß der Gemeinschaft der Heiligen, die da versammelt sind und die da sammeln zu Jesu Christo, beide die Communions- und die Missions - Freudigkeit der Kirche, ihr Abendmahlsschmuck und ihr Predigttrieb, die bewegende Kraft ihrer Schul- und Armenpflege und aller ihrer Werke. Zur Liebe erwacht, sind wir erweckt und wandeln als am Tage; wer nicht liebt, schläft in seiner Nacht. Wir lieben die Brüder! Mache der HErr, dies Bekenntniß neu im Munde Seiner Bekenner, so wird des heil. Johannes Wunsch, daß unsre Freude völlig sey, erfüllt werden und wir werden es versiegeln, daß wir vom Tode zum Leben hindurchgedrungen sind. „Niemand frage einen Menschen danach. Jeder kehre ein in sein eigen Herz. Findet er da die Bruderliebe, so sey er gewiß, daß er vom Tode zum Leben übergegangen ist. Schon ist er zur Rechten gestellt; er sehe nicht darauf, daß die Herrlichkeit noch verborgen ist; wenn der HErr kommt, dann wird er mit Ihm in Herrlichkeit erscheinen. Er lebt, aber noch als im Winter. Die Wurzel lebt, aber die Neste sehen dürr aus; inwendig ist das Mark, welches lebt, inwendig sind schon verborgen die Blatter und die Früchte, aber sie warten auf den Sommer.“ Augustin. Ja, „in jener Welt wird es noch besser hergehen: da wird vor dem Vater die Brüderschaft stehen in heiligem Feuer, in seligster Brunst, die ziehet zusammen des Königes Gunst.“ Dagegen, wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode, mag er noch so sublime Begriffe vom Leben haben. Unser natürliches Wesen ist das Gegentheil von Liebe, nämlich Selbstsucht, und darum ist unsers Bleibens im Gegentheil des Lebens, im Tode, wo wir nicht Leben und Liebe aus Gott empfangen. Was sich nicht regt und bewegt, das ist todt; wessen Herz keine Lebensbewegung der Liebe empfindet, wenn Christus in einem Seiner Glieder, Seiner Elenden, die Er Brüder zu heißen Sich nicht schämt (Matth. 25, 40.), ihm nahe kommt, der ist noch im Tode, noch geschieden von dem göttlichen Leben, und bleibt im Tode, in Zeit und Ewigkeit, denn Leben und Lieben sind eins hier und dort. Jedoch ohne Bewegung kann der Mensch auch im Tode nicht seyn; anstatt aus dem Himmel empfängt er aus der Hölle das Feuer seiner Bewegung. Im Nichtlieben keimt schon das Hassen, und im Hassen das Morden. Sagst du: „Der Mensch ist mir gleichgültig,“ so fehlt dir nicht nur die Liebe, sondern verächtlicher Haß wohnt statt der Liebe in deinem Herzen.

V. 15.
Ein Jeglicher, der seinen Bruder haßt, ist ein Todtschläger; und ihr wisset, daß kein Todtschläger hat ewiges Leben in ihm bleibend. Der Apostel erinnert an das Wort des HErrn Matth. 5, 22. Nicht in der heidnischen Welt allein, welche mit Feuer und Schwert die Christen verfolgte, hatten diese die Mörder, die Nachfolger Kains, zu suchen; auch unter denen, die sich Brüder nennen ließen, waren viele von der Welt (Cap. 4,5.) und haßten die Kinder Gottes (vergl. die Klage des Apostels im dritten Briefe). Das waren Mörder, wiewohl nicht mit der Keule, doch mit dem Herzen Kains. „Wo Todtschlag verboten ist, da ist auch alle Ursache verboten, daher Todtschlag entspringen mag.“ L. Das Urtheil, welches 1 Mos. 9, 6. über die mörderischen Verächter des Bildes Gottes ausgesprochen wird, das gilt Allen, welche des Mordes Ursache und Kraft in sich hegen und das in den Christen mit neuer Klarheit strahlende Bild Gottes hassen; die sind ausgerottet aus dem Volke der in Gott Lebendigen (draußen sind die Mörder, Offenb. 22, 15.), und haben sie von ewigem Leben je etwas geschmeckt, so bleibt doch nichts davon in ihnen, der Mordgeist vertreibt mit der Liebe auch das Leben aus ihrem verfinsterten Gemüthe. Johannes hat jene „zweimal erstorbenen Baume“ (Jud. 12) im Auge, welche wieder verdorren, nachdem sie schon ansingen in Liebesund Lebenskraft zu grünen; Schalksknechte, welche die ihnen widerfahrene Erhörung der Bitte: „Vergib uns unsre Schuld“ zu Nichte machen, weil sie nicht vergeben ihren Schuldigern (Matth. 18, 23 ff.). O wie viel mehr Todtschläger sieht Gott unter uns, als die Blindheit unsers Gutdünkels! Dein Bruder soll dir leben in deinem Herzen; wenn du ihn nun aus dem Herzen stößt, daß er dir wie todt ist, hast du ihn nicht todtgeschlagen mit deinem Haß? Meine Brüder, lasset euch Niemand verführen. Ihr wisset, so gewiß ihr liebet und lebet, daß kein Todtschläger ewiges Leben in sich bleibend hat; wie sollte es ewiges Leben seyn, was jene Schönschwätzer zu haben sich rühmen? Bleibet in der Liebe, so wird das ewige Leben bleiben in euch! - Könnte aber Jemand im Zweifel seyn, ob er wirklich die Brüder liebe? Oder solltest du Liebe dir einbilden, und hättest doch keine? Siehe, was Liebe ist, das hat der Sohn Gottes ans Licht gebracht; in Ihm ist das Leben erschienen und die Liebe:

V. 16.
Daran haben wir erkannt die Liebe, daß Er Sein Leben für uns gelassen hat; und auch wir sollen das Leben für die Brüder lassen. „Das ist Mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebet, gleichwie Ich euch geliebt habe. Größere Liebe hat Niemand, denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde“ (Ev. 15, 12. 13.). Dies Wort des Heilandes hat Johannes im. Herzen. War er doch selbst Jesu befreundet worden durch diese Wunderliebe, welche in Feinde die Freundschaft hineinliebt: nun wußte er auf ewig, was Liebe sey, und dem Liebesbilde seines erhöhten Freundes ähnlich zu werden, das war seines Lebens einiges Gesuch, darin ist er auch geblieben bis ans Ende. Sein Leben hat Er für uns gelassen. Niemand nahm es von Ihm, sondern Er ließ es von Sich selber, und ließ es als guter Hirte für die Schafe (Ev. 10, 17. 18.), zur Erlösung der Sünder (Matth. 20, 28; Gal. 2, 20; Ephes. 5, 2.). Zur Versöhnung, wie Er, dürfen und können wir unser Leben nicht hingeben; aber denselbigen Sinn sind wir den Brüdern schuldig, in welchem Er für uns zum Opfer Sich begeben hat (Phil. 2, 5.). „Die Liebe Christi dringt uns also“ (2 Cor. 5, 14), das ist die bewegende Kraft der Bruderliebe. Nicht das ist Liebe, daß einer Gefallen hat am andern und Genuß findet im Erfreuen des Bruders; sondern die Enteignung an den Nächsten, die Entäußerung und Hingabe meiner selbst ihm zum Besten, das ist Liebe, und dieses Wesen der Liebe haben wir erkannt, nachdem es unbekannt geworden war in der von Gott abgefallenen Welt, da wir Ihn, unsern HErrn Jesum, gesehen und erkannt haben und noch alle Tage sehen und erkennen im Evangelio. Wo nun die Botschaft von Ihm schallt, da schallt die Botschaft von der Bruderliebe mit, und gleichwie an Ihm, so wird an Seinen Jüngern erkannt, was Liebe ist. „Die Bruderliebe, wo sie ernstlich ist, schont sich nicht, noch etwas das an ihr wäre; denn ihre Verbindlichkeit geht nicht auf geringe Dinge, sondern an das Leben selbst, solches auf allerlei Art für die Brüder zu lassen, und also auch auf Alles was uns so lieb als das Leben selbst ist, also daß uns Gott Nichts so eigen gegeben hat, daß wir's nicht auch für die Brüder zu lassen hätten.“ Spener. Johannes war auf der Insel Patmos um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses Jesu willen (Offenb. 1,9): da war er bereit sein Leben zu lassen im Dienste Jesu an den Seelen der Brüder. Paulus achtete ein Leben nicht theuer für sich selber, auf daß er Lauf und Amt mit Freuden vollende (Apostelg. 20, 24), und er bezeugt den Philippern, daß er um ihretwillen mit Freuden als Trankopfer ausgegossen werden wolle (Phil. 2, 17; vergl. 2 Tim. 4, 6). Priscilla und Aquila gaben ihre Hälse dar für das Leben. Pauli (Röm. 16, 4), setzten willig ihr Leben ein, um das Leben des Heidenapostels zu erhalten. So lassen wir das Leben für die Brüder, wenn wir es anlegen und aufwenden ihnen zu gut, und auch willig sind, „über dem Beruf zu sterben, Seelen für das Lamm zu werben.“ So ließ Luther das Leben für die Brüder, als er im Jahr 1527 bei den Pestkranken in Wittenberg ausharrte - „soll ich hie sterben meinem Nächsten zu Dienst, so bin ich in der Hand Gottes, Er hat mich hie angebunden, Sein Wille geschehe.“ Wie auch der alte Geschichtsschreiber Eusebius erzählt, daß eine Pest zu Alexandria den Unterschied zwischen den Christen und den Heiden hell an den Tag gebracht habe. So ließ Hans Egede sein Leben, als er für die armen Grönländer eine bequeme Pfarre mit Hunger und Frost, mit unsäglichen Mühen und Leiden vertauschte, und siehe, die grabhügelige Küste Afrikas mit der „Saat der Mohren“ redet laut von der Liebe, welche stärker ist als der Tod. Jedoch nicht allein im Erdulden von Verfolgung, Pestilenz, Hunger und Mühsal tragen wir die Liebesschuld ab, zu welcher die Liebe Christi uns verpflichtet. Sollen wir überhaupt um Seinetwillen unser Leben darangeben, um es zu erhalten zum ewigen Leben (Ev. 12, 25), so wird das der Bruderliebe rechte Art seyn, daß wir nicht mehr unser eignes Leben, sondern die Sache und Ehre Jesu, dem wir dienen an den Brüdern, zum Zwecke unters Thun haben. Wer sich selbst verleugnet, der Sünde der Selbstsucht abstirbt (Matth. 16, 24) und sieht nicht auf das Seine, sondern auf das, so des Andern ist (Phil. 2,4), der ist beständig im Lassen des Lebens für die Brüder begriffen. „Es ist um die brüderliche Liebe eine unbeschreibliche Sache, sofern man ihren innern Grund betrachtet; und danach schätzt sie auch der Heiland, wenn schon das Werk der Liebe nicht groß noch sonderbar ist (Hebr. 6,10.), gleichwie im Gegentheil Haß für Todtschlag geachtet wird.“ Steinhofer. Genug thut sich die Bruderliebe nimmer. Einem alten Bischofe von Jerusalem dankte Jemand für empfangene Wohlthat und rühmte seine große Liebe. “ Was beschämst du mich also? sagte der Bischof, „ich habe noch lange nicht mein Leben für dich gelassen, wie mein HErr Jesus Christus mir geboten hat.“

V. 17.
Wenn aber Jemand dieser Welt Güter hat, und sieht seinen Bruder darben, und schließt sein Herz vor ihm zu: wie bleibt die Liebe Gottes bei ihm? Das Leben für die Brüder zu lassen sind wir schuldig: und wir sollten geizen mit dem irdischen Gut? Die Aufeinanderfolge dieser beiden Verse hat etwas tief Beschämendes. Johannes begegnet hiemit denen, welche auf der Zunge (V. 18.) opferwillige Liebe haben und mit Leichtigkeit zu dem Gesange sich begeistern: „Nehmen sie uns den Leib u. s. w. Gott fordert von ihnen viel Geringeres, nur einen Theil ihres Ueberflusses; aber sie verweigern Ihm das. So Manche mögen zur Zeit Johannis theoretisch zum Lassen des Lebens für die Brüder bereit gewesen seyn; aber in der Praxis waren sie kaltsinnig und fühllos, schlossen vor den darbenden Brüdern, die damals ihrer Güter beraubt hin und her in den Gemeinden Zuflucht suchten, die Thür ihres Hauses und ihres Herzens zu. Du siehst deinen Bruder darben: er bettelt nicht, denn deß schämt er sich als ein Christ, aber sein Anblick klopft ohne Worte an dein Herz. Sein Herz - eigentlich seine Eingeweide - zuschließen vor dem Bruder: ein malerischer Ausdruck der Unbarmherzigkeit. „Der Anblick der Elenden klopft unversehens an der Hinblickenden Herzen und öffnet sie wohl auch; dann schließt der Mensch mit Willen sein Herz entweder zu, oder noch weiter auf.“ Bengel. Angespielt ist auf 5 Mos. 15, 7: „Wenn deiner Brüder irgend einer arm ist, so sollst du dein Herz nicht verhärten, noch deine Hand zuhalten gegen deinen armen Bruder;“ vergl. auch Jes. 58, 10: „Laß den Hungrigen finden dein Herz“. Wie bleibt die Liebe Gottes bei ihm? Mit dem armen Bruder wird zugleich die Liebe Gottes aus dem Herzen ausgeschlossen. Die Liebe zu Gott und zu den Brüdern faßt Johannes stets in unauflöslicher Einheit (besonders Cap. 4, 7 ff.), und unsre Liebe, womit wir Gott und die Brüder lieben, lehrt er als die mitfolgende Wirkung der Liebe erkennen, womit wir von Gott geliebt werden. Die Liebe Gottes, sowohl die, welche wir nehmen, als die, welche wir geben, bleibt nicht in uns, wenn für den Bruder kein Platz in uns ist.2) Wie sollte der von Gottes barmherziger Liebe leben, in dem keine barmherzige Liebe lebt? - Kinder Gottes achten es für Seligkeit, wenn sie mal wieder einen Theil ihrer Liebesschuld abtragen können, und von den Gütern dieser Welt, die sie haben, meinen sie nicht, daß sie dieselben für sich, als Eigennutzbeute, besitzen (Apostelg. 4, 32.), sondern damit ihr Ueberfluß den Mangel des Bruders erstatte (2 Cor. 8, 14.). Gott hat uns freigebig bedacht mit den Gütern der zukünftigen Welt, und wir sollten mit den Gütern dieser Welt geizen? Setzt dir der Geizteufel zu, so laß dein Leben im Blick auf Den, der für dich arm ward, und tränke den alten mammonssüchtigen Adam aufgeschlossenen Herzens, so oft du eines darbenden Bruders ansichtig wirst. Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat (Jak. 2, 13.). Dies Gericht haben wir vor Augen in dieser Zeit: die himmlische Communion der ersten Liebe hat die Christenheit verlassen, darum wird sie durch den Communismus aus der Hölle gestraft, denn es ist Gottes unverbrüchliche Ordnung, daß Er durch Bann eintreibt, was als freiwilliges Opfer Ihm verweigert wird. Möchte doch von den Christen dieser Zeit wieder gültig werden, was der heidnische Geschichtsschreiber Tacitus von den Christen sagt: „Bei ihnen ist der Glaube ebenso unbeugsam, als die Barmherzigkeit willfährig.“ - Unser Textspruch stand nebst 2 Cor. 9, 7. an der Büchse, in welcher Franke die ersten Gaben zu seinem Waisenhause sammelte. -

V. 18.
Meine Kindlein, lasset uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in That und Wahrheit. Vergl. Jak. 2, 16. Wie schön ist es, daß wir uns untereinander: „Liebe Brüder!“ nennen; aber wie häßlich, wenn zu solcher Rede nur die Zunge fertig ist! Nicht mit Zungenworten, nein, mit Herzensworten lasset uns einander lieben. Das Liebeswort, welches aus dem Herzen kommt, ist selbst ein thatkräftiges Ding, die Hand gehorcht ihm behende und freut sich beweisen zu können, daß das Herz in Wahrheit liebt. Wenn Johannes dem Cajus schreibt: „Mein Lieber, ich wünsche, daß es dir in allen Stücken wohlgehe,“ so sind diese Worte keine leeren Zungenworte, sondern eben ein Ausfluß der wahrhaftigen Liebe, die er zu ihm trug (3 Br. 1.2.). Ja, in die zärtliche Anrede: „Meine Kindlein,“ „meine-Geliebten,“ „meine Brüder,“ legt Johannes sein liebeerfülltes Herz so gern hinein, und es thut ihm innig wohl zu wissen, daß seine Liebe zu den Brüdern keine lustige Phantasie und kein Zungenerzeugniß, sondern wahrhaftige und wirkliche Liebe sey, in welcher er sein Leben für sie zu einem völligen Opfer begab. Es wäre heilsam, wenn hinter jedem Liebesausdrucke, dessen Zunge und Feder mit Fertigkeit sich zu bedienen pflegen, als Ausrufungszeichen 1 Joh. 3, 18. stünde. - Wahrheit verlangt die Seele vor Gott. Aus dem Tode ins Leben: dieses seligen Umschwungs gewiß zu seyn, ist des Christen ernstes Anliegen, und dabei kann ihn kein Schein von Liebe und Leben zufrieden stellen, er trägt es auf lautere Wahrheit an, auf Wahrheit, welche die Probe der Augen Gottes besteht.

V. 19. 20.
Und daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind; und vor Ihm können wir unsre Herzen stillen, daß, so uns unser Herz verdammt - daß Gott größer ist, denn unser Herz, und erkennt alle Dinge. In Cap. 2, 3. hieß es: „Daran erkennen wir, daß wir Ihn erkannt haben, so wir Seine Gebote halten.“ So auch hier. In That und Wahrheit lieben, das heißt ja Gottes Gebote halten (V. 22.), denn die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung, und daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, weil allein die Wahrheit, Christus der in uns lebt, wahre Liebe schafft. Lieben in Wahrheit ist das Zeugniß der Geburt aus der Wahrheit, gleichwie das Thun der Gerechtigkeit das Zeugniß der Geburt aus Gott ist (Cap. 2,29). Das ist etwas Köstliches, wenn die Liebe, die nicht unser sondern Gottes Werk in uns ist, unserm Herzen Zeugniß gibt, daß wir aus dem Tode ins Leben gekommen und wahrhaftig Gottes Kinder sind. Johannes, der Jünger der Liebe, kannte aus Erfahrung den tröstlichen Zuspruch, womit Gottes überschwängliche Liebe allen Herzen nahe ist, die aus der Wahrheit sind, deren innerster Lebensgrund Jesus heißt und deren Pulsschlag lautet: „Wir lieben die Brüder.“ Noch ist nicht erschienen, was wir seyn werden; noch sind wir Sünder, und „würde man ja irgendwo der eignen Gnadenarbeit froh, so kommt die Sünderschaam herbei, die zeigt einem so mancherlei, daß man froh ist, wenn man sich selbst vergißt und denkt an nichts, als daß ein Heiland ist.“ Selbst ein Johannes kennt das Verdammnißurtheil, welches das eigne Herz über uns ausspricht, so oft wir nach neuem Straucheln und neuer Verfehlung unser Gewissen fragen: Wie stehe ich vor Gott zu den Brüdern? Da erlischt unsere Freudigkeit; wir fühlen das Naheseyn Jesu nicht; ja, unser voriges Halleluja: „Wir wissen, daß wir aus dem Tode ins Leben gekommen sind!“ erscheint uns als grundlose Anmaßung, und das Erkenntniß unsers Gewissens wider uns will die selige Erkenntniß uns benehmen, daß wir aus der Wahrheit sind. Blöde und empfindliche Seelen gerathen in solchen Stunden leicht in Zweifel an ihrem ganzen Gnadenstande, und der Arge, welcher die verdammende Sprache des Sünderherzens meisterhaft spricht, möchte dich überreden: „Gib Gott den Abschied! Siehst du nicht, daß du doch nicht vorwärts kommt in der Heiligung? Zum wievielten Male verklagt dich denn heute dein Herz über dieselbe Sünde? Plage dich nicht vergeblich mit deiner Frömmigkeit, am Ende gehst du doch verloren!“ Was willst du antworten? Nun, dem Teufel gar nichts, als dies: „Wirfst du mir die Sünde für? Wo hat Gott befohlen, daß mein Urtheil über mir ich bei dir soll holen?“ Aber vor Gott stillen wir unsere Herzen und sprechen: „Ach HErr, das ist unser Trost allein, daß Du größer bist als unser Herz und erkennst alle Dinge!“ Der Text hebt diesen Trost mit sonderlichem Nachdruck hervor: Vor Ihm werden wir unsere Herzen stillen (überreden), daß so uns unser Herz verdammt3) - ja, daß Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge. Unser Herz erkennt. Einiges, und erkennt wider uns; Gott erkennt. Alles, und erkennt nicht wider uns, sondern für uns, weil vor Seinen Augen der Same der Wahrheit, aus dem wir geboren sind (V. 9), sich nicht verbirgt. „Unser Gewissen ist kleinlich, sagt Bengel, und weiß nur Einiges von uns, nicht ohne Zittern, auch ist bei ihm keine Verzeihung; Gott dagegen ist groß, Er weiß Alles um uns, das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, und hat das Recht und den Willen zu verzeihen.“ Und Luther: „Macht uns gleich unser Gewissen kleinmüthig und stellt uns Gott als zornig vor, so ist doch Gott größer, denn unser Herz. Das Gewissen ist ein einziger Tropfen, der versöhnte Gott aber ist ein Meer voller Trostes.“ Petrus hatte dort am See Tiberias auf die dritte Frage des HErrn nach einer Liebe betrübten Herzens geantwortet: „HErr, Du weißt alle Dinge; Du weißt, daß ich Dich lieb habe“ (Ev. 21, 17). Diese herzstillende Rede seines geliebten Mitjüngers war tief in Johannis mitbekümmerte Seele gefallen, und scheint hier durch seine Worte hindurch. Wie Petrus von seinem Herzen, das ihm seine schmähliche Verleugnung vorrückte, an den HErrn appellierte, der größer als das kleinmüthige, verzagte Sünderherz ist und alle Dinge, auch den glimmenden Liebesfunken, erkennt: so wenden sich Kinder Gottes, denen das klägerische Gewissen die Kindschaft aburtheilt, an das Vaterherz Gottes, von dem sie erkannt werden bis auf den Herzensgrund (Ps. 44, 22), auch wo sie selber vor Betrübniß sich nicht mehr kennen - und zu den Brüdern sagen: „Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin.“ „Kennst du dich nicht?“ (Hohelied 1, 8) - bist du nicht dennoch, so schwarz du auch aussiehst in deinen Augen, schön vor den Augen deines himmlischen Bräutigams, der deine Liebe zu Ihm erkennt in deiner Klage, daß du die Liebe verlassen habest? Nur dein Gebrechen siehst du an, und deine Augen sind gehalten, daß sie nicht erkennen, was du hast; aber Gottes Augen überschauen unverdunkelten Blickes. Alles, was in dir ist. „Besinne dich ein wenig, stehe stille mit deinen Gedanken, und sage mir: Hast du denn etwas anders lieber als den Heiland? Willst du es mit der Welt halten? Ist dir noch irgend eine Sündenlust lieb und anständig? Sind dir die Kinder Gottes zuwider, magst du nichts mehr mit ihnen zu thun haben? - Ei, das sey ferne! (heißt es wohl alsdann) lieber wollte ich mein Leben lassen. Nun, so erkenne hieraus, daß noch etwas anders in dir ist, als was du jetzt fühlt und bei dem scharfen Richter deiner selbst in Rechnung nimmt. Du erkennt nicht Alles, kannst auch nicht. Alles auf einmal überdenken, was zu deinen jetzigen Umständen gehört. Gott aber erkennt. Alles und vergißt über den einen Umstand nicht des andern.“ Steinhofer. So wird das Herz gestillt und man kommt an das Licht, in welchem der offene Zugang gefunden wird zu dem Blute Jesu Christi, des Sohnes Gottes, das uns rein macht von allen Sünden (Cap. 1, 7). -

Wir haben vorhin Hans Egede, den Vater der Grönländischen Mission, als einen Zeugen der Liebe, welche das Leben für die Brüder läßt, aufgerufen. Am Abend seiner Liebesarbeit sollte er den Trost unters Textes schmecken. Er kam in eine finstere Stunde, ein Herz verdammte ihn, der Feind verklagte sein Leben; da ließ Gott, größer als Seines treuen Knechtes geängstetes Herz, die Taufkinder desselben vor ihn hintreten: mit dem Blicke auf diese Lieblinge seiner Seele kehrte Licht und Ruhe ihm wieder. - Luther nennt den Spruch: daß, so uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz, und erkennt alle Dinge, eine wichtige und überaus süße Verheißung. Wir wollen uns denselben nicht entsüßen lassen durch eine Auslegung, welche - dem Texte wie er dasteht zuwider - den Apostel sagen läßt: an Verdammen übertreffe Gott noch weit unter verdammendes Herz. Dagegen lautet die apostolische Rede so: „So wir unsere Sünden bekennen, so ist. Er treu und gerecht, daß Er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend“ (Cap. 1, 9). Diese Größe der Treue und Gerechtigkeit Gottes, des Vaters unters HErrn Jesu Christi, übertrifft weit unsere engherzigen Gedanken, und Johannes sagt mit dem: „Gott ist größer als unser Herz“ ganz dasselbe, was Paulus „den Frieden Gottes, höher denn alle Vernunft“ nennt (Phil. 4, 7). Stillen wir nun unsere Herzen, indem wir unsere Zuflucht zu unserm Gotte nehmen, bei dem viel Vergebung ist, so wird alles hinweggethan, worüber unser Herz uns anklagt, und völlige Freude, des Christenstandes Signatur (Cap. 1, 4), ist wieder unser Theil. Johannes selbst ist dieser Freude voll, und indem er dieselbige Freude in das Herz einer Brüder hineinspricht, fährt er fort:

V. 21.
Geliebte, so uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Freudigkeit zu Gott. Es liegt viel daran, das Verhältniß dieses Verses zu dem vorigen recht zu erkennen. Nicht einen Gegensatz, sondern eine Folge spricht der Apostel aus. Er kennt keinen Christen, der niemals erführe, daß sein Herz ihn verdammt; aber gestillt wird die Selbstanklage des Herzens, und auf das angstvolle Verdammen folgt das freudvolle Nicht-Verdammen. Denn wer will verdammen, wo Gott freispricht? Unser verdammendes Herz wird zum Schweigen gebracht durch Gott, der größer als unser Herz ist, und spricht mit Hiob: „Ich erkenne, daß Du Alles vermagst, und kein Gedanke ist Dir verborgen“ (Hiob 42, 2). Es verdammt uns nicht mehr, weil es weiß: der HErr hat uns Alles vergeben (Ez. 16, 63), Er hat Nichts mehr wider uns, Nichts versperrt uns den Zugang zum Vater (Röm. 5, 2; Ephes. 2, 18; 3, 12). So haben wir Freudigkeit zu Gott. Wir sind aus dem Tode ins Leben gekommen, das wissen wir; Gott weiß es noch besser als wir selbst, und Seine allerfreundlichste Liebe läßt uns inne werden, daß wir aus der Wahrheit sind, indem sie uns zuspricht: „Sehet, ihr liebet die Brüder!“ Die Wirkungen Seines Geistes in Seinen Kindern erkennt Gott mit herablassendem Wohlgefallen und läßt sie selbst so viel davon erkennen, als ihnen gut ist. „Es ist ein großer Trost in dieser göttlichen Leutseligkeit, daß Gott, vor dessen Majestät wir uns sonst stets entsetzen müßten, nicht nur leiden mag, sondern selbst uns Mittel dazu zeigt, daß wir Freudigkeit zu Ihm haben mögen.“ Ebener. So ist denn die Bruderliebe ein Stück unsrer schon gegenwärtigen Seligkeit. Nicht, als öffnete sie uns den Zugang zu Gott, was allein das Blut Jesu Christi thut; aber sie überzeugt uns, daß wir stehen im Glauben und in Christo einen offenen Zugang zum Vater haben. Daraus folgt:

V. 22.
Und was wir bitten, empfangen wir von Ihm, denn wir halten Seine Gebote und thun. was vor Ihm gefällig ist. Die Freudigkeit zu Gott spricht sich in zuversichtlicher, vertraulicher Kindesbitte aus. In den Abschiedsreden des Heilandes hörten die Jünger dreimal, im Anfang, in der Mitte und am Ende, die Verheißung, auf welche Johannes hier zurückweist (Ev. 14, 13. 14; 15, 7. u. 16, 23. 24.). Dort heißt es: „Ihr werdet bitten und werdet empfangen;“ hier: „Wir bitten und empfangen.“ Der Tag war nun da, wovon der HErr gesagt hatte: „An demselbigen Tage werdet ihr bitten in Meinem Namen“ (Ev. 16, 26), der neutestamentliche Gnadentag, an welchem das wahrhaftige Licht scheint (Cap. 2, 8.). Johannes stellt, es als seine Jünger-Erfahrung hin: Was wir bitten, empfangen wir von Ihm. Er hatte Alles empfangen, um was er je gebeten. „Die Liebe selbst seufzt in uns,“ sagt August in, „die Liebe selbst bittet, und vor ihr kann die Ohren nicht verschließen, der sie gegeben hat.“ Thomas Aquinas bekennt mit Bezug auf diesen Spruch, er habe zeitlebens Nichts von Gott gebeten, was er nicht empfangen hätte. Es wird ja Wahrheit bleiben, daß Gott thut, was die Gottesfürchtigen begehren (Ps. 154, 19; vergl. Ev. 9, 31.), wie hier gleich dabeisteht: denn wir halten Seine Gebote und thun, was vor Ihm gefällig ist. Im A. T. durfte auf die Sündopfer kein Oel und kein Weihrauch - Abbilder des Geistes und des Gebets - gethan werden (3 Mos. 5, 11.); ehe der heilige Geist, der Geist des Gebets (Röm. 8, 15.). mit Freudigkeit in unserm Herzen sich hervorthun kann, muß die Sünde durch das Blut der Versöhnung getilgt seyn. Wenn uns unser Herz nicht verdammt, dann schallt das Abba aus freudigem Geiste. „Wir lieben die Brüder“ und: „wir halten Seine Gebote,“ das ist eins, und Kinder Gottes, die sich untereinander lieb haben, sind deß herzlich froh, daß sie wissen, was ihrem lieben Vater gefällig ist, und was sie thun, das thun sie Ihm zu Gefallen Mm. 12, 2; Col. 1, 10.). Dem HErrn Jesu wandeln sie nach, welcher allezeit that, was dem Vater gefiel, und wußte, daß der Vater Ihn allezeit erhörte (Ev. 8, 29; 11, 42). Weil sie thun. was Gott gefällt, so bitten sie auch, was Ihm gefällt (Cap. 5, 14.). Es ist nicht möglich, daß Jemand erhörlich bitten sollte, wenn Brüder wider ihn seufzen (Jak. 4. 3.); aber recht freudig bitten wir, wenn mitbetende Bruder unser Anliegen zu Gott hinauftragen helfen. Zu dem Speisopfer der Bruderliebe gehört der Weihrauch des Gebets. - Alles, was wir bitten, empfangen wir! Hinter jeder Bitte eines Kindes Gottes hört ja der Vater das ausgesprochene oder unausgesprochene Bittwort: „Dein Wille geschehe!“ Ja, alle Kindesbitten gehen zusammen in diese Eine, daß Gottes guter und gnädiger Wille an uns geschehe. So viel noch unkindliches, fleischliches Wesen an uns ist und unser Bitten Gott mißfällig macht, so viel wird an Erhörung uns mangeln; was wir aber bitten aus dem Geiste der Kindschaft, mit dem Grundverlangen: „HErr, nur selig mache mich!“ das empfangen wir wahrhaftig und gewiß4). - Indem Johannes kühnlich sagt: „Wir halten Seine Gebote und thun, was vor Ihm gefällig ist,“ lobt seine Seele den HErrn und es heißt wohl von neuem in ihm: „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt!“ Denn alle Seine Gebote hat Gott in Ein Gebot gefaßt und zwar in ein solches, welches darreicht, was es befiehlt:

V. 23.
Und das ist. Sein Gebot, daß wir glauben an den Namen. Seines Sohnes Jesu Christi, und lieben uns unter einander, wie Er uns ein Gebot gegeben hat. Alles, was Gott gefällig ist, liegt in diesem Einen beschlossen, daß wir glauben an den Namen. Seines Sohnes, welchen Namen Johannes frohlockend ausspricht: Jesus Christus, Gottes und Marien Sohn, das ewige und fleischgewordene Wort, unser Heiland und unser HErr (Cap. 2, 12). Das ist das Geheimniß des göttlichen Willens und Wohlgefallens, im Evangelio offenbart (Ephes. 1, 9). Als die Juden den HErrn nach Werken fragten, die sie thun sollten, antwortete Er: „Das ist das Werk Gottes, daß ihr glaubet an Den, den Er gesandt hat“ (Ev. 6. 29). Dies einige Werk fordert Gott und bringt selber es zu Stande in Allen, die dem Gnadenblicke. Seines Sohnes stille halten (Ev. 6,40). Wer sich im Glauben Jesu Christo hingibt, der erweist Gott die rechte Ehre (Ev. 15, 8) und stimmt mit. Seinem allerliebsten Willen und Wohlgefallen zusammen. O welch ein leichter, seliger Weg ist der Weg der Gebote Gottes! „Sehet zu, daß ihr euch Deß nicht weigert, der da redet. Denn so jene nicht entflohen sind, die sich weigerten, da Er auf Erden (auf dem Sinai) redete: wieviel weniger wir, so wir uns Deß weigern, der vom Himmel herab redet“ (Hebr. 12, 25), nämlich im seligen Evangelio, als der Predigt des vom Himmel, vom Throne des erhöhten Heilandes hergesandten heiligen Geistes (1 Petr. 1, 12): Weil Gott Seinen eingebornen Sohn gegeben hat, daß wir im Glauben an Ihn leben sollen, so ist das alttestamentliche Gebot: „Du sollst Gott deinen HErrn lieben von ganzem Herzen“ in die neutestamentliche Botschaft verklärt worden: „Lasset uns Ihn lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt,!“ und dem andern Gebote, welches dem ersten gleich ist: „und deinen Nächsten als dich selbst“ begegnet das Bekenntniß: „Wir lieben die Brüder!“ Vergl. Cap, 4, 9 ff. Alles, was Johannes von der Herrlichkeit der Bruderliebe geschrieben hat, soll als Frucht des Glaubens (1 Tim. 1, 5; Gal. 5, 6.) erkannt werden, darum stellt er das evangelische Gebot des Glaubens an Jesum Christum voran, und läßt dann das andere, dem ersten gleiche, daraus folgen: und lieben uns untereinander, wie Er uns ein Gebot gegeben hat. Hat uns Gott also geliebt, daß Er den Glauben an den Namen Seines Sohnes als Inbegriff Seines väterlichen Willens uns vorhält, wie sollten wir nicht an dem Munde des Sohnes hangen und thun, was Er uns gebietet? Das aber ist Sein Gebot, daß wir uns so untereinander lieben, wie Er uns geliebt hat (Ev. 15, 12.). Das Glaubens-Gebot des Vaters und das Liebes-Gebot des Sohnes verhalten sich zueinander wie Lebensursach und Lebenszeichen. Glaube und Liebe bilden das Lebens-Paar, welches Alles einschließt, was die Apostel den Gemeinden Christi anwünschen (Ephes. 6, 23; 1 Cor. 16, 13. 14; 2 Cor. 13, 5. 11; Col. 1, 4; 1 Thess. 1, 3.). „Eins zieht das andre nach sich. Der Vater richtet auf und gebeut nach Seinem höchsten, anbetungswürdigen Willen den Glauben an Seinen Sohn; der Sohn führt die Liebe ein im Hause des Vaters, unter seinen Gnadengenossen und Kindern. So glaubt und liebt man um Gottes und Christi Willen und ist seiner Seligkeit gewiß und froh in der Gemeinschaft aller Gleichgesinnten, d. i. Aller, die Glauben und Liebe haben in Einem Sinn und Geist. Und das sind allemal die zwei Sachen, worüber die Apostel die Gnade und den Frieden aussprechen von Gott dem Vater und dem HErrn Jesu Christo.“ Steinhofer.

V. 24.
Und wer Seine Gebote hält, der bleibt in Ihm, und Er in ihm; und daran erkennen wir, daß Er in uns bleibt: an dem Geist, den Er uns gegeben hat. Die Bruderliebe hat der Apostel von V. 11. an als das Lebenszeichen dargestellt, woran die Kinder Gottes offenbar sind, vor Andern und vor sich selbst; nun kehrt er zu Cap. 2, 28. zurück und macht den Beschluß, indem er - wieder mit Hinweisung auf Worte des HErrn (Ev. 14, 20 ff.; 15, 4. 10.) - das Bleiben der Glaubenden und Liebhabenden in Gott und Sein Bleiben in ihnen als das Wesen des Lebens nennt, in welches die Kinder Gottes gekommen sind. „Kindlein, bleibet in Ihm!“ - diese Hauptermahnung hat er in Cap. 3. durchgeführt. Nun setzt er hinzu: „Er bleibt auch in euch!“ Wie der kostbare Edelstein in Gold gefaßt wird (nach Luther's Gleichniß), so läßt Sich Christus in das gläubige Gemüth fassen und wohnt durch den Glauben in unsern Herzen (Ephes. 3. 17.). Johannes versenkt sich stets von neuem in das Geheimniß der wundervollen Communion: „Wir bleiben in Ihm und Er in uns,“ und ladet uns damit dringend zu den Abschiedsreden des HErrn ein, die er in seinem Evangelium überliefert hat. Laßt uns ihm folgen. Vergl. die zu Ev. 14, 20. angeführte Auslegung Luther's. - Er hätte nun auch so fortfahren können: Und daran erkennen wir, daß Er in uns bleibt, weil wir glauben an Seinen Namen und lieben uns untereinander, wie Er uns geboten hat. Doch beides, Glaube und Liebe, faßt er jetzt in Eins zusammen und nennt hier zum ersten Male ausdrücklich den Geist, den Urheber des Glaubens und der Liebe, den Schöpfer und Erhalter unsrer Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne. Jene Worte des Heilandes vom Bleiben der Seinen in Ihm und von Seinem Bleiben in ihnen, welche Johannes im Herzen bewegt, schließen sich zusammen in der Verheißung des Trösters, des heiligen Geistes, und daß diese Verheißung herrlich erfüllt sey an der Gemeinde Jesu Christi, das preisen die Worte: Und daran erkennen wir, daß Er in uns bleibt, an dem Geist, den Er uns gegeben hat. In Cap. 2, 20. 27. hat der Apostel schon von der Salbung geredet, welche die Gläubigen in alle Wahrheit leitet und unverrückt darinnen behält; den Namen des Geistes hat er bis hierher erspart. So innig und so wahrhaftig ist das Bleiben Jesu Christi in den Seinen, daß der heilige Geist als der Geist Seines Lebens auch ihres Lebens Geist wird, wie der heil. Paulus Röm. 8. davon redet, und 1 Cor. 6, 17. die geheimnißvolle Lebens - Einigung Christi und der Christen so ausdrückt: „Wer dem HErrn anhängt, ist Ein Geist mit Ihm“ (vergl. auch 1 Cor. 3, 16; 2 Cor. 3, 18.). Der uns gegebene Geist ist das Erkennungszeichen des Bleibens Christi in uns, denn es ist kein müßiger, sondern ein geschäftiger Geist, und all Seine Geschäfte in uns gehen in Summa dahin, daß wir glauben an den Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, und lieben uns untereinander, wie Er uns geboten hat. „Euer Glaube wächst sehr, und die Liebe eines Jeglichen unter euch Allen nimmt zu gegeneinander“ (2 Thess. 1, 3.): an diesen Geistesgeschäften erkannten die Thessalonicher, daß Christus in ihnen blieb, und die stetige Erneuerung des neuen Menschen nach dem Ebenbilde Jesu Christi, wozu die Colosser ermahnt werden, worin anders besteht sie als im beständigen Eingehen in den Frieden Gottes durch den Glauben und im beständigen Anziehen des heiligen Schmuckes der von Gott Geliebten, dessen goldener Reisen die Bruderliebe ist (Col. 3, 10 ff.)? „Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen!“ Wenn wir das thun, dann wird auch der Geist Christi reichlich in uns seyn, denn Er bleibt durch dieselbigen Mittel in uns, durch welche Er im Anfange uns gegeben ward; ohne das Wort fließt uns kein Geist und kein Leben zu aus der Fülle Jesu Christi, ohne das Wort können wir nicht gesund im Glauben, lauter in der Liebe, völlig in der Freude bleiben. Johannes schickt sich in diesem Verse schon zu der Ermahnung an: „Prüfet die Geister!“ Der Geist, den Christus gibt, kommt durch die apostolische Predigt und versiegelt dieselbige in den Herzen (Cap. 4, 5; 5, 6.); die Geister ohne und wider apostolisches Wort sind Lügengeister. Lasset uns beten.

HErr Jesu, Dein Lebens- und Liebesgeist durchdringe uns. Deine Glieder, daß Nichts in uns übrig sey, was nicht geheiligt wäre zu einem Gesäße Deiner Gnade. Wir haben Dich angezogen in unsrer Taufe und haben entsagt dem Teufel und allen seinen Werken und allem seinen Wesen: so schenke uns doch Treue, daß wir in Dir bleiben, und Du in uns, und daß wir in Deiner Kraft uns reinigen von allen Sünden gegen die Liebe, die Du uns geboten hast. Ach lieber Heiland, erneure uns zum Leben in der ersten Liebe, laß in uns die Liebe nicht erkalten in dieser letzten Stunde! Präge in unsre Herzen Deine Liebe ein, womit Du uns aus dem Tode ins Leben geliebt hast, und weil wir ewiges Leben haben in Dir, so mache uns bereit, die Brüder zu lieben mit der Liebe, die stärker ist als der Tod. Du bist ja heute noch derselbe Jesus, wie in den Tagen, da Dein Johannes und die Genossen seiner Trübsale ihre Leiber zum Opfer begaben in der Liebe zu Dir und den Brüdern: so laß aus uns fließen dieselbe Kraft der Liebe durch Deinen Geist! Gib uns Augen, in jedem Bruder, den wir darben sehen. Dich zu erkennen, und ausgeschlossene Herzen mit aufgethanen Händen, damit die Güter dieser Welt uns nicht von Dir abziehen, sondern geheiligt werden zum Dienste der Gemeinschaft der Heiligen. Einst willst Du sagen zu den Gesegneten Deines Vaters: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt Mich gespeist“ - laß uns von dieser Deiner Stimme schon jetzt etwas vernehmen, wenn unser Herz uns verdammt und wir uns nicht erkennen, daß wir ewiges Leben bei uns bleibend haben. HErr Gott, der Du größer bist als unser Herz und erkennst alle Dinge, Du weißt es, daß wir Dich lieb haben, damit stillen wir unsre Herzen und warten, bis Du mit großem Frieden zu neuer Freudigkeit unser geängstetes Herz erfüllst. Das thust Du wahrlich, o Gott von großer Güte und Barmherzigkeit! Du sammelst unsern Sinn und ziehst uns ab von allem eignen Wesen, hin zu Deinem Sohne, den Du uns vorgestellt hast zum Gnadenstuhl durch den Glauben in Seinem Blut - o welch eine Liebe hast Du, allerliebster Vater, uns erzeigt, daß Du Deinen Willen in das Gebot des Glaubens an den Namen Deines Sohnes ganz ausgeschüttet hast! Nun können wir thun, was vor Dir gefällig ist; nun ist Dir auch angenehm, was Deine Kinder bitten. Abba, lieber Vater, wir bitten Dich, stärk uns den Glauben und gib uns brünstige Liebe untereinander im heiligen Geiste, daß wir mit völliger Freude gewiß seyen unters Bleibens in Dir und Deines Bleibens in uns durch Jesum Christum, Deinen lieben Sohn, unsern HErrn. Amen.

Erweitre Dich, mach Alles voll,
Sey meine Rose, riech mir wohl,
Bring Herz und Herz zusammen;
Entzünde mich durch Dich und laß
Mein Herz ohn. End und alle Maß
In Deiner Liebe flammen.
Wer dieses hat, wie wohl ist dem!
In Dir beruhn ist angenehm,
Ach Niemand kann's gnug sagen.
Wer Dich recht liebt, ergibt sich frei
In Deiner Lieb und süßen Treu
Auch wohl den Tod zu tragen.

1)
Wie unverwunderlich den ersten Christen der Haß der Welt war (ach! jetzt wäre es umgekehrt zu verwundern, wenn die Welt die verweltlichten Namenchristen haßte), das ersieht man z.B. aus dem schon zweimal erwähnten wunderschönen Briefe - wahrscheinlich Justin's des Märtyrers - an Diognet, worin es heißt: „Um es in wenigen Worten zu sagen: was die Seele im Leibe ist, das sind die Christen in der Welt. Die Seele wohnt im Leibe, sie ist aber nicht vom Leibe; so wohnen die Christen auch in der Welt, sind aber nicht von der Welt. Die unsichtbare Seele ist gleichsam auf die Wacht gestellt im sichtbaren Leibes dasselbe ist das Kennzeichen der Christen, so lange sie in der Welt wallen: ihre Gottesfurcht (gleichsam ihre Seelenwacht) bleibt unsichtbar. Das Fleisch haßt die Seele und streitet wider sie, obgleich keineswegs von derselben verunglimpft, sondern lediglich weil den Lüsten des Fleisches von ihr widersprochen wird; so haßt die Welt die Christen, obgleich diese keineswegs jene verunglimpfen, sondern nur den Lüsten der Welt sich widersetzen. Die Seele hält das Fleisch und die Glieder in Ehren, obgleich diese sie hassen; auch die Christen lieben ihre Feinde. Die Seele ist im Leibe eingeschlossen, dennoch ist sie es, welche den Leib zusammenhält und bewahrt; auch die Christen sind in der Welt eingeschlossen gleichsam als Wächter derselben, dennoch sind sie es, welche die Welt bewahren. Die unsterbliche Seele wohnt in der sterblichen Hütte; auch die Christen haben ihre Hütten im Vergänglichen und erwarten das Unvergängliche im Himmel.“
2)
Die Alten haben den Abschnitt V. 13 - 18. als Epistel mit dem Evangelium vom großen Abendmahle (Luc. 14.) zu einem Paare verbunden. Die Liebe Gottes, welche in Barmherzigkeit ihr Herz weit aufschließt gegen die Elenden, leuchtet aus diesem Evangelium hell hervor.
3)
Griechisch: kataginoskein, wider einen Angeklagten erkennen. „Also dem fröhlichen, aber immerhin schwankenden ginoskein (erkennen) der Gläubigen, V. 19., kann sich ein ängstigendes kataginoskein von Seiten des eignen Herzens entgegenstellen; aber niedergeschlagen wird dies kataginoskein wiederum durch ein göttliches ginoskein, welches Alles umfaßt, welches tiefer und richtiger ist, als das kataginoskein des eignen verzagten Gewissens, so gewiß Gott überhaupt größer ist als unser Herz.“ Düsterdieck.
4)
„Zwar irrt das Gebet eines Christen bisweilen; es will im Allgemeinen, was zu Gottes Ehre und des Menschen zeitlichem und ewigem Heile dient, aber es bittet im Besonderen dies und jenes, was vor Gottes Augen nicht dazu dienen kann. Da hilft Gott, als ein gnädiger Erhörer, dem Irrthum ab und gibt nicht allein, was wir gebeten haben, sondern mehr als das, indem Er den irrigen Wortlaut unsrer Gebete nach dem richtigen Sinne unsrer Gebete auslegt und zurechtlegt. Ein großer Trost für den betenden Christen, daß er nie eine Fehlbitte thun kann, auch wenn er einmal nach einem Dornstrauch statt nach einem Weinstock greifen sollte.“ Münkel, in seinen Epistelpredigten, auf deren gesunde und kernige Schriftauslegung der HErr ferner reichen Segen legen wolle.
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