Beck, Johann Tobias - Das Wort des Lebens.

Beck, Johann Tobias - Das Wort des Lebens.

Am Sonntag nach dem Christfest.

Joh. 1, 14.
Das Wort ward Fleisch.

Diese wenigen Worte, meine Geliebte, sind die Wurzel des ewigen Evangeliums, zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Heiden und Geschlechtern und Sprachen und Völkern! „Das Wort ward Fleisch“ - ist hier nicht in kürzester Rede eine Majestät der Beredtsamkeit, welche - ohne Uebertreibung gesprochen - einen Lichtstrom vom Himmel zur Erde niedergießt, dessen Breite und Länge, Höhe und Tiefe zu ergründen, selbst Engel beschäftigt (1 Petr. 1, 12.)! Wer mag sie zählen die Bücher-Masse und Wort-Masse, welche die Welt in den Jahrhunderten ihres Bestehens hervorgebracht hat? und bei all' dem haben alle Weisen der Erde weder mit wenigen noch mit vielen Worten je unter die Menschen zu bringen gewußt, was der Galiläer Johannes in dem Einen Spruch redet: das Wort ward Fleisch! Hier liegt der Schlüssel zu dem, von der Welt her in Gott verborgenen Geheimniß, wie nämlich die zu Fleisch gewordene Menschheit göttlicher Natur wieder soll theilhaftig werden, das Himmlische und Irdische wieder soll versöhnt werden (Eph. 3, 9. Kol. 1, 20.). Hier entspringt eine Geschichte, die aus den Geheimnissen der Ewigkeit hervorgeht, und in die Geheimnisse der Ewigkeit wieder hineingeht, in der jenseitigen Zukunft sich vollendet, nachdem sie in der Fülle der Zeiten angefangen und alle noch folgenden Weltalter durchlaufen hat; ist das nicht eine unübersehliche Länge? Und dieselbe Geschichte ist in ihrem Anfang schon so reich, daß Johannes selbst davon sagt (Joh. 21,25.): so Eines nach dem Andern sollte geschrieben werden, würde die Welt die Bücher nicht begreifen, die zu beschreiben wären; siehe da die Breite, in der sie dahinfließt! Und der ganze Verlauf dieser Geschichte durch die Weltzeiten herab bietet solche Tiefen der Weisheit und Erkenntniß dar, daß auch den Fürstenthümern und Herrschaften in den Himmeln die mannigfaltige Weisheit Gottes an ihr kund wird (Eph. 3, 10.) - siehe da ihre für Menschen Augen unergründliche Tiefe! Und welch eine Höhe ersteigt sie, da sie im Throne Gottes selbst ihren Triumph feiert, all' Fürstenthum, Gewalt, Macht und Herrschaft sich unterthänig macht, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen (Eph. 2, 20 f.)! da sie Menschen aus Staub und sündigem Fleische Ihm zu Dank, der Fleisch ward, das neue Lied in den Mund legt: „du hast uns Gott erkauft mit deinem Blut aus allerlei Geschlecht und Zungen und Volk und Heiden, und hast uns unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und wir werden Könige sein auf Erden“ (Offenb. 5, 9 f.)!

Das faßt der Unglaube nicht, und wer nennt einen bleibenden Lebens-Gewinn, den er aus der Verwerfung dieser Geschichte seither gehabt hätte? Aber daß doch wenigstens der Glaube nicht träge sey, da aufzumerken, zu suchen und zu ergreifen, wo verborgen liegen alle Schütze der Weisheit und Erkenntniß, wie alle Fülle der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude im heiligen Geist. Wahrlich, meine Freunde, wir mögen es nicht ausdenken das Große und Herrliche, welches Gott uns bescheeret hat in Christus und seinem Evangelium! Er hat uns geliebet mit einer Liebe, die überschwänglich thut über Alles, was wir bitten oder verstehen - und was gebührt Ihm anders dafür, als daß wir vor Allem Ihn wieder lieben, der uns fort und fort zuerst liebt? Denn Liebe zeugt Liebe, wenn's nicht unnatürlich d. h. verkehrt zugeht. Wie ist es aber der ächten Liebe zu Muth, wie spricht sie? „Ich achte Alles für Schaden gegen die überschwängliche Erkenntniß Christi Jesu, meines HErrn, und nachdem ich ergriffen bin von Ihm, jage ich nach, strenge mich an, eben so auch selbst Ihn zu ergreifen und zu gewinnen“ (Phil. 3, 8 ff.). Das ist die Regel, darein wir kommen sind, wenn die Liebe Gottes in unserem Herzen ist, darin wir auch einstimmig sein und wandeln sollen. Und darauf drängen auch von Anfang an mit Beten und mit Streiten die wahren Diener Christi (Phil. 1, 9. Kol. 2, 1 f.), daß nämlich die Liebe der Gläubigen je mehr und mehr reich werde in allerlei Erkenntniß und Erfahrung; daß die Herzen, die einmal zusammengefaßt sind in der Liebe, auch erweckt werden, allen Reichthum des gewissen Verstandes zu gewinnen, zu erkennen das Geheimniß Gottes, des Vaters und Christi; sie drängen darauf, weil sie glauben und wissen, wie der HErr selbst sagt, daß die Erkenntniß des Vaters und Christi das ewige Leben ist, oder wie Petrus (2 Petr. 1, 3.) bezeuget, daß durch die Erkenntniß dessen, der uns berufen hat, auch seine göttliche Kraft uns sich schenket sammt dem, was zum Leben und göttlichen Wandel dient.

Ja das Geheimniß Jesu Christi, sein Wesen und Evangelium trägt in sich verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntniß - das behauptet nicht ein Weltweiser oder Schulgelehrter, daß man in vorgeblicher Einfalt des Glaubens es dürfte gering achten; ein von Gott eingesetzter Apostel Jesu Christi selbst, Paulus, bezeugt es (Kol. 2, 3.), bezeugt es nicht, als ob nur Gelehrte es sich sollen gesagt sein lassen, sondern der ganzen Gemeinde der Gläubigen legt er es an das Herz, daß sie die in Jesu Christo verborgenen Schätze immer reicher und gewisser sollten verstehen lernen, um nicht durch menschliche Ueberredungskünste und leere Erfindungen in Irrthum verführt zu werden. Denn es geht nicht anders, so wir die Schätze, die in Christo wahrhaft und wirklich sind, nicht immer weiter erkennen und darlegen, so bleibt uns bald nur ein dürftiger, armer Christus übrig, der nicht Leben und volle Genüge kann geben für den mancherlei Hunger und Mangel der Seelen; und diese verirren sich dann zu löcherichten Brunnen, da sie verschmachten müssen, oder wenn sie auch festhalten am Namen und Wort Christi, legen sie ihres Herzens eitles Gedichte hinein und treiben Fürwitz, statt in der eigenen Gottesfülle Jesu Christi und seines Evangeliums die ächte Gnade und Wahrheit zu ergreifen. O darum, meine Lieben, um uns und die uns hören, in der Wahrheit, nicht in der Einbildung bloß selig zu machen, wollen wir, wo Gott so reichlich gibt, auch nicht müde werden, zu suchen und zu nehmen; wollen zwar nicht fürwitzig sein, wo Gott zudeckt, wo Er aber lehrt und sein Geheimniß selbst aufdeckt, wollen wir auch dankbar lernen vom Vater (Joh. 6, 45.), Ohr und Herz öffnen wie Jünger, Erkenntniß und Weisheit annehmen wie Solche, die vollkommen werden sollen und wollen. „Ich bin reich und habe schon satt und bedarf nichts Weiteres, als ich bereits habe“ - das ist kein Glaubenswort, mit dem man dem HErrn und seinem Wort darf den Rücken kehren, wo Er aus dem Geheimniß des Himmelreichs Etwas zu vernehmen gibt; eine solche Selbstgenügsamkeit ist vielmehr ein Zeichen, daß man das mit Feuer durchläuterte Gold der Wahrheit erst noch zu kaufen hat, und die Augen mit Augensalbe zu salben (Offenb. 3, 17 f.), um auch das zu sehen, das kein natürliches Auge sieht, das eben so wenig aus dem eigenen Herzen zur Erkenntniß kommt, das aber Gott bereitet hat und offenbaret denen, die in der Wahrheit Ihn lieben.

So hat Er denn im Evangelium nicht nur die schlichte Erzählung uns gegeben, wie Christus geboren ward im jüdischen Lande; sondern auch, wie der, der im kleinen Bethlehem zur Welt kam, seinen Ausgang hat aus der Ewigkeit Tagen, auch das läßt Er uns wissen, daß wir's möchten erkennen und bedenken, nicht daß es im Buche nur geschrieben stehe. Zum Erkennen und Bedenken gehört nun freilich Mühe und Anstrengung - aber welche preist der HErr selig? die das Wort nur hören und nicht verstehen, daß es am Weg ist hingesäet, oder die nur eine schnelle Freude daran wollen haben, daß es nicht Wurzel schlägt in ihnen? gelten Ihm als gutes Land nicht vielmehr nur Solche, die das Wort aufnehmen und bewahren in seinem guten Herzen, daß sie es verstehen und Frucht bringen (Matth. 13, 19-23. vgl. Mark. 4. und Luk. 8.)?

Nun, Geliebte, wir stehen heute eben vor einer Rede voll Gottestiefe und Weisheit, wenn es heißt: „das Wort ward Fleisch“ - und es gilt hier in allem Ernst: wer es liefet, der merke es, und wer Verstand hat, der überlege. Warum aber redet Johannes so ungewöhnlich und schwer verständlich? warum sagt er nicht einfach: Christus ist Mensch geworden? Die Alles nur einfach, d. h. wie sie es meynen, leicht und bequem zum Hören wollen gesagt haben, mögen hier lernen, wie auch die Schrift tief und schwer redet, nicht um gelehrt zu thun, sondern wenn es tiefe, schwere Sachen gilt. Johannes will uns nicht mir an die irdische Geburtsstätte des HErrn führen, sondern zuerst zu seinem Ausgang aus der Ewigkeit, wie Gott schon gezeugt hatte durch den Propheten Micha (5, 1.): „du Bethlehem Ephrata - aus dir soll mir kommen, der in Israel HErr sey, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“

Der in Bethlehem geboren wurde, war schon, ehe Menschen konnten sagen: siehe da ist Er - ein Kind in der Krippe! ein Mann von Gott! ein Jesus Christus! Und was war Er denn, ehe dieser sein Name genannt wurde? Das Wort war Er! das Wort, spricht Johannes, als sey er ganz gewiß, daß man damit Ihn verstehe. Woher kommt aber dem Apostel dieser Ausdruck, woher uns das Verständniß desselben? Beides aus Einer Quelle, meine Freunde, wenn wir irgend glauben, was Paulus schreibt, daß das Evangelium vom Sohne Gottes, wie die Apostel es predigen, nur eine Offenbarung sey aus der Propheten Schriften (Röm. 16, 25 f. 1, 2. Eph. 3, 5.), und daß, was zuvor geschrieben ist, uns zur Lehre geschrieben sey (Röm. 12, 4.). Nun war durch Moses schon zuvor geschrieben, wie im Anfang, da Gott Himmel und Erde schuf, Gott sprach, sprach: es werde Licht, es werde Himmel, es werde Erde und Meer, und so alle Creaturen erhalten ihr Wesen und Leben durch das Sprechen Gottes: darum auch der Psalmist (33, 6) konnte sagen: „die Himmel sind durch das Wort des HErrn gemacht, und all' ihr Heer durch den Hauch seines Mundes.“ Was denn schon das alte Testament zu verstehen gab, daß Gott ein Wort habe, durch welches Er sprach, im Anfang, da Er schuf - dieß faßt der Apostel Jesu Christi nicht nur deutlich zusammen, wenn er sein Evangelium beginnt: „im Anfang (da Gott schuf) war das Wort,“ er schließt das Geheimniß auch noch tiefer auf, indem er hinzusetzt: „und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“

Ein Wort gilt bei uns freilich als ein gering Ding, und indem wir sprechen, was ist es äußerlich, als ein schnell verhallender Hauch des Mundes? und doch machen wir nicht selbst unter einander uns verantwortlich, oft schwer verantwortlich für das, was wir reden? und geht es im göttlichen Gericht nicht auch nach dem Gesetz: aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden (Matth. 12, 37.)! Woher kommt nun solche Wichtigkeit auch in unsre Worte? weil der Mund redet, weß das Herz voll ist; weil das Wort hervorgeht aus der Fülle des Herzens. So, ein guter Mensch gibt in den Worten das Gute hervor, das in seinem Herzen sich angesammelt hat, die Gedanken der Wahrheit, des Rechts und der Liebe; und der Böse wieder, wenn er redet, nimmt sein Böses aus seinem bösen Schatz des Herzens. Wie denn wir, was uns im Herzen liegt, was wir inwendig sind und haben, hervorgeben in Worten, also daß die Rede als ein Spiegel und Abbild unsers inneren Wesens mag gelten: so gibt auch Gott in seinen Worten hervor, was in Ihm ist; und wo nun nicht nur von einzelnen Worten Gottes die Rede ist, sondern von dem Wort Gottes als dem einen und ganzen, da liegt in solchem auch die ganze Fülle des Herzens Gottes, also daß dieß Eine Wort Spiegel und Abbild ist des vollen göttlichen Wesens. Darum wie Johannes Christum das Wort nennt, so Paulus nennt Ihn das Ebenbild Gottes, den Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens (Kol. 1, 15. Ebr. 1, 3.); mit allen diesen Ausdrücken wird Christus bezeugt als derjenige, in welchem das eigene Wesen Gottes aus seiner innern Verborgenheit sich hervorgebe und abbildlich offenbare.

Ist aber nicht auch wieder ein Unterschied zwischen dem göttlichen Wort und unsern Worten? gewiß ein himmelweiter Unterschied, eben wie zwischen Gott und Mensch! Für's erste ist es uns unmöglich, die ganze Fülle des Herzens in Ein Wort zusammenzufassen; nur in einzelnen Worten machen wir mit Mühe und stückweise deutlich, was unser Herz erfüllt; und dann sind unsre Worte nur Lautzeichen, deuten nur an, was in uns ist, nicht aber haben sie Leben und Kraft in sich selber. Aber warum ist's so bei uns? weil wir nicht Geist sind, sondern Fleisch, d. h. wir haben nicht das Leben und die lebendigmachende Kraft in uns, sondern Tod und Schwäche; was wir Leben und Kraft bei uns nennen, ist ein Dampf oder Dunst, der eine kleine Zeit währet, darnach aber verschwindet er, wie das der Augenschein lehret (Jak. 4, 14.). Darum sind unsre Gedanken eitel und unsre Worte eitel; gedacht und gesprochen ist bei uns noch nicht gethan, noch nicht That und Leben. Keinen Grashalm schaffen wir mit allen unsern Worten, und mit Einem Wort schafft Gott die Himmel und ihr Heer, denn dafür ist Er Gott! Bei Gott geht's göttlich her, wie bei Menschen menschlich; was Er denn will, das macht Er auch, daß es im Wesen ist; so Er spricht, so geschieht es, daß es That ist, und so Er gebietet, steht es da. daß es Leben ist. Schwach und nichtig müssen unsre Worte sein und bleiben, so gewiß wir selber schwach und nichtig sind; Kraft und Leben aber muß jedes Gottes-Wort in sich haben, so wahr Gott selber nicht nur kräftig und lebendig ist, sondern die Kraft ist und das Leben. Darum ist es Ihm nicht zu schwer, vielmehr natürlich, die ganze Fülle seines Herzens in Einem Wort hervorzugeben, und dieses Eine Wort ist dann nicht ein bloßes Lautzeichen von dem, was im Herzen Gottes ist, nicht ein bloßes Zeichenbild von seinem Innern, sondern sein Wesensbild ist es, das wesentliche Wort, das die Fülle Gottes in sich hat als eigenes Leben und eigene Kraft.

So sagt denn auch Johannes von solchem Wort nicht nur: es war bei Gott, Ihm innerlich in seinem Schoß und Herzen, wie auch unsre Worte ans unsrem Innern erst herauskommen; er sagt auch: das Wort war Gott. Wer möchte von einem Menschenwort sagen: es sey Mensch? eben weil unser Wort kein Menschen-Wesen ist, sondern mir ein Menschen-Laut und menschliches Lebens-Zeichen; das Wort aber, das bei Gott ist, heißt selbst Gott, weil Gottes eigen Wesen, die Fülle der Gottheit Ihm inne ist, also daß Ihm gegeben ist, zu haben das Leben in Ihm selber, wie es Gott in sich selber hat (Joh. 5, 26.). Können wir nun aber keinem unsrer Worte es geben, daß es Leben habe in ihm selber, so sind wir doch von der Schöpfung aus durch Gott gesegnet, Lebendige zu zeugen, die unsers eigenen Wesens sind, Mensch wie wir, und solche heißen wir Söhne von uns. Darum derselbe, der als das Wort auch das Wesen und das Leben aus Gott in sich selber hat, er heißt auch Sohn Gottes, und heißt der eingeborne Sohn Gottes, weil er die ganze Fülle der Gottheit in sich hat, wie sie sonst nirgends sich dargegeben hat, und daß wir nicht sollen meynen, dieser einzige Sohn sey von Gott gezeugt, wie ein Menschenkind gezeugt wird. Er ist keine Creatur, sondern der Erstgeborne und der Anfang aller Creatur (Kol. 1, 15. Offenb. 3, 14.), und Niemand ist, der seines Lebens Länge möge ausreden.

Darum war auch das Wort, der eingeborne Sohn Gottes, dieser Abglanz seiner Herrlichkeit und seines Wesens Ebenbild, Er war schon, da alles Andere außer Gott erst wurde; Er war im Anfang schon bei Gott, im Schooße des Vaters, ist nicht im Anfang erst geworden; vielmehr durch Ihn erst ist Alles geworden, was außer Gott genannt mag werden; Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, Sichtbares und Unsichtbares, hat Gott nur durch Ihn gemacht, der das Wort ist, eben weil Gott Alles machte durch sein Sprechen (Joh. 1, 3. Kol. 1, 16.). Und wie Alles durch Christum als das Wort Gottes ist fertig geworden, so hat auch von Anfang und für immer Alles nur in Christus seinen Bestand und sein Leben; Christus ist das Leben der Welt in Kraft der Schöpfung, nicht nur in Kraft der Erlösung; Alles wird getragen, erhalten und regiert von seinem Wort der Kraft (Kol. 1,17. Ebr. 1,3.), eben weil es ursprünglich darin verfasset ist; und nicht ist darum Gott, so zu sagen, des Regiments entsetzt; denn Gott selber ist im Wort und das Wort ist in Gott. Du wesentliches Wort - so begrüßt denn die Kirche mit Recht den Menschgewordnen Christus -

Du wesentliches Wort, vom Anfang her gewesen,
Du Gott von Gott gezeugt, von Ewigkeit erlesen
Zum Heil der ganzen Welt - o mein HErr Jesus Christ,
Willkommen, der Du mir zum Heil geboren bist!

In welche Höhen denn, Geliebte, und in welche Tiefen des Lebens führt der Apostel uns an der Geburtsstätte Jesu Christi mit dem Einen Ausdruck: das Wort ward Fleisch! Wie leuchtet hier die Majestät Gottes hervor, der nicht nur das ganze unübersehliche Leben der Schöpfung in Einem Wort hervorbringt und trägt, sondern auch, eh' noch ein Himmel und eine Erde war, in diesem Einen Wort die ganze Fülle seines eigenen Lebens zusammengefaßt hat zu einem Abglanz seiner Herrlichkeit! und wie armselig denken dagegen Menschen von Gott, die da meinen, Er habe einer Welt bedurft, und könne nimmer ihr entbehren, damit Er nicht in leerer Oede müsse wohnen - Er, der das Leben, wie es von oben bis unten durch die Schöpfung sich ausbreitet, alle Herrlichkeit, Macht und Güte urbildlich in sich selber hat, und auch abbildlich es hat in dem Erstgebornen, welcher, ehe es eine Welt nur gab, alle Fülle und Herrlichkeit des Lebens schon abspiegelt, und durch welchen die Welt selbst erst zum Spiegel göttlicher Herrlichkeit gemacht wird. Und Jesus Christus, den wir unsern eigenthümlichen HErrn und Heiland dürfen nennen - wie leuchtet auch Er in jener Klarheit, die Er nach seinem eigenen Zeugniß (Joh. 17.) bei dem Vater hatte, ehe die Welt war, als das Wort, das im Anfang war und bei Gott war und Gott war! und doch Fleisch geworden! aus der Gottes - Gestalt eingegangen in die Knechts-Gestalt, in die Gestalt des sündlichen Fleisches (Phil. 2, 6 f. Röm. 8, 3.), aus der Fülle der Freuden arm geworden und am Kreuz erwürgt von Sündern für Sünder! Sünder, ist das nicht göttliche Liebe, welche den Sohn euch gibt, daß ihr das Leben mögt wieder haben in Ihm, in welchem es im Anfang schon war und entsprang! ist's nicht göttliche Liebe, die ausgeht vom Vater und gekommen ist in die Welt, um dieser in ihrem Tod das Leben wieder zu schaffen! das Licht in ihrer Finsterniß wieder anzuzünden! in ihrer Lüge und Gottlosigkeit den Vater wieder zu verklären, seine Herrlichkeit wieder abzuspiegeln!

Stolze Sünder, die ihr, statt anzubeten in Liebe und Dank, solche Botschaft noch als Thorheit verwerfet - was verwerfet ihr? daß Gott ein Wort hat, so gut ihr eines habt, aber ein Wort, das göttlicher Art ist, wie das eure menschlicher Art ist! das seines Wesens Spiegel und Abbild ist, in der Kraft und Lebendigkeit seiner göttlichen Natur, so gut eure sündige Natur ihre eigene Schwäche und Nichtigkeit abdrückt in eurem Wort! Sünder, was verwerfet ihr? daß durch sein Wort Gott schafft, und das Geschaffene trägt, weil es als göttliches Wort das Leben in sich selber hat, so gut ihr Nichts schaffet und traget durch euer Wort, weil es kein Leben in sich hat, noch haben kann, weil ihr selber todt seid in euren Sünden.

Unglückliche Sünder, die ihr Nichts habt, das ihr nicht empfangen hättet, und trotz Allem, was ihr habt, doch sterben und vergehen müßt in euren Sünden - warum wollt ihr denn das Leben nicht annehmen von Ihm, der als das Wort des Lebens im Anfang war, und in mitten der Zeit als das Leben ist erschienen, und läßt euch gestern und heute verkündigen das Leben, das ewig ist, daß eure Gemeinschaft sey mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesu Christo (1 Joh. 1, 1-3.)? Warum möget ihr nicht erkennen und glauben die Liebe, die Gott zu euch hat, daß Er im Sohne das Verlorene auch wiederbringe, das Er nur in dem Sohne von Anfang zum Leben gebracht hat? daß die Reinigung von Sünden in die Sünderwelt nur komme durch denselben, der als Abglanz der Herrlichkeit Gottes von Anfang an das Licht der Welt war (Ebr. 1,2 f.)? Und wie, wie mögt ihr bestehen ohne den Sohn, ohne das Wort des Lebens, in dem Alles allein bestehet? ohne welches Nichts geworden ist, das geworden ist, ohne welches auch ihr nicht einmal wäret, was ihr seyd? wie möget ihr kommen zu Gott aus eurem Fleisch heraus ohne Jesus Christus, der, weil Er's im Anfang schon war und im Fleische für fleischliche Menschen auf's Neue es geworden ist, sagen konnte, sagen mußte: „ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“

Höret den Sohn, so wahr ihr zum Vater wollt! suchet Ihn und nehmet Ihn auf, wenn ihr Kinder Gottes werden wollt! ihr seyd's noch nicht, unser Keiner ist es mehr von Haus aus, Jeder muß es erst wieder werden - und woher nehmen wir Macht dazu? Ist Gott nicht Geist? Sind wir nicht Fleisch? Ist Geist und Fleisch nicht wider einander? Wo ist da die Eine Natur, die Kind und Vater mit einander verbindet? und in der Schwäche des Fleisches, wie mögen wir selber göttlicher Natur, des Geistes uns theilhaftig machen? Da liegt unser Jammer: von Gott kommen wir her, zu Gott sollen und müssen wir hin, und mitten inne stehen wir ohne Gott und wider Gott, herausgefallen aus göttlicher Natur, herabgesunken aus Kraft und Leben des Geistes, im Verderben des Fleisches, Sünden-Knechte, Todes-Knechte; aufwärts mag es nimmer gehen und soll's doch gehen, muß es gehen, wenn es nicht immer tiefer abwärts soll gehen, in den Abgrund des Verderbens. Aber Er ist erschienen, meine Brüder, der da im Anfang war, das Leben und das Licht der Menschen, der bei Gott und Gott war, Abglanz göttlicher Herrlichkeit, Abbild göttlichen Wesens, Wort Gottes, Geist seines Mundes; der göttlichen Natur theilhaftig in aller ihrer Fülle und selbst wieder alle Welt erfüllend als das Schöpfungswort, das sie trägt, aller Wege und Gänge in die Welt mächtig als der Anfang aller Creatur, geht Er ein, der Sohn in die Menschennatur, nimmt Fleisch an, wie wir es sind; aber wohnend im Fleische lebt und wandelt Er im Geist, thut des Vaters göttliche Werke und ist unterthan allem Gesetz und Leiden der Sünder, daß göttliche Herrlichkeit und menschliche Tugend in Ihm beisammen wohnen, Geist ohne Maß und Fleisch ohne Sünde sich vereinigen in Ihm zum Bilde eines göttlich verklärten Menschen-Sohnes.

So haben wir denn von Gottes Gnaden den Ein- und Erstgebornen, nicht nur fern von uns, wie Er ist in dem von uns verlorenen Anfang der Schöpfung; wir haben in der Welt Ihn, wie sie wirklich uns umgibt mit Sündendreck und Todesnoth; wir haben das Wort, den Gottessohn in Menschennatur. Wie wir Fleisch und Blut haben, ist Er's gleichermaßen theilhaftig worden, und hat die göttliche Natur, des Geistes Kraft und Leben wiedergebracht in's Fleisch, daß, die Fleisch sind geboren von Fleisch, Geist wieder werden können geboren von Geist, göttlicher Natur theilhaftig. Leben und Licht Gottes hat seine Wohnung wieder in der sündigen Menschheit, da wir den Menschensohn haben mit seiner Gnade und Wahrheit Gottes, den zweiten Adam, welcher der HErr selbst ist vom Himmel (1 Kor. 15, 47.). Es ist eine Offenbarung Gottes vorhanden nicht nur über uns im Himmel, nicht nur hinter uns im Anfang der Schöpfung, sondern bei uns und für uns, eine Offenbarung im Fleische, sich bewährend im Geiste und Geist wieder ausgießend über das unnütze Fleisch.

Gedanke voller Majestät!
Du bist es, der das Herz erhöht.
Gedanke voller Seligkeit!
Du bist es, der das Herz erfreut.
Durch Eines Sünde fiel die Welt -
Ein Mittler ist's, der sie erhält.
O betet, betet an, erkennt
Die Liebe, welche für uns brennt.

Kommet zur Quelle, Geliebte, zum Sohne, der sich nicht schämt, seine Brüder uns zu nennen, und ruft und spricht: wen da dürstet, dürstet nach Leben, Licht, Geist Gottes, der komme zu mir und trinke; wer an mich glaubet so, wie die Schrift sagt, der wird von Leben noch überströmen - denn er soll den Geist aus Gott empfahen (Joh. 7, 37-39.). Hört den Sohn doch, ihr Ungläubigen, ihr Halbgläubigen, ihr Scheingläubigen - warum wollt ihr sterben mit euren Sünden? warum verderben mit einer Welt, die vergeht? Kommet her zur Quelle, da für sündiges Fleisch Geistessegen fließt in himmlischer Kraft, und kaufet umsonst. Warum zählet ihr Geld dar, wo ihr nicht davon leben könnet? eure Arbeit dar, da ihr nicht satt davon werden könnet? Höret den Zeugen des Lebens, das Wort des Lebens, und esset sein Gut, so wird eure Seele leben; suchet den HErrn, weil Er zu finden ist, rufet Ihn an, weil Er nahe ist (Jes. 55, 1-6.). Warum weigert ihr euch, einen Heiland zu haben? euren Erlöser anzubeten in Ihm, der als das Leben im Anfang Alles euch gegeben, was ihr habt, auch womit ihr schon reich und satt euch wähnet, als bedürftet ihr sein nicht! Er war in der Welt, schon eh' Er in Judäa war, als das Wort, das alle Dinge träget, als das Licht, von dem jeglicher Mensch sein inwendiges Licht hat; und die Welt ist durch Ihn gemacht, und die Welt kennt Ihn nicht und will Ihn nicht kennen, ohne den sie gar nicht wäre, Alles nicht hätte, worauf sie wider Ihn pochet. Er kam in die Welt, in dieß sein verwüstetes, entheiligtes Eigenthum, und die Welt ist durch Ihn versühnet, daß neue Gottes-Güte zur Buße und Liebe sie leitet; und die Welt, die seine, nimmt Ihn nicht auf, der ihre Sünde trägt, dem allein sie es zu verdanken hat, daß sie selbst noch nicht ist untergegangen im Gräuel ihrer Sünde. Lasset dieser Welt uns nicht gleichstellen, auf daß wir nicht mit der Welt verdammet werden - „ich bitte nicht für die Welt“, spricht der Sohn in der Entscheidungsstunde zum Vater, „sondern für die, die du mir gegeben hast, und für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden“ (Joh. 17. 20.).

Selig Alle, die ihr so, wie die Schrift sagt, glaubet an Ihn, der nicht nur das Wort des Lebens ist von Anfang, auch in seinem Zeugniß und Evangelium selbst als Wort des Lebens bei uns wohnet. Er ist da und bleibet bei uns bis an der Welt Ende, der Einzige, der Menschen wieder Macht gibt, Gottes Kinder zu werden. Seit Er Einmal im Fleische sein Heiligthum gebaut hat, hat Er nicht sich wieder zurückgezogen: sein eröffneter Lebensquell verschließt sich nicht, sondern gibt Gnade um Gnade, Wahrheit um Wahrheit, gibt sanftmüthig und demüthig, daß kein Sünder sich scheue, aus seiner Fülle zu nehmen. Keiner von Allen, die wahrhaft Ihn aufnehmen, hat jemals zu klagen gehabt, daß seine Seele müsse Mangel leiden, seit sie Ihn habe, den Herrlichen Gottes; vielmehr zu Geist und Leben wird sein Wort in Allen, die ihr Herz Ihm geben zum Gehorsam des Glaubens. Wie Er Kindern die lautere Milch der Wahrheit darreicht, daß sie erneuert werden im Geiste und zunehmen: so den geistig Erwachsenen gibt Er den Wein der vollkommenen Weisheit, daß Beide kosten und sehen, wie freundlich der HErr ist, Kräfte der zukünftigen Welt zu schmecken bekommen. Nein, Geliebte, es mag nicht ausgeredet werden, was Er, der von Anfang ist und heute ist und in Ewigkeit ist das Leben und Licht der Menschen, was Er auch nur an Einer Seele thut, die Ihn liebet und sein Wort hält; welch' ein Strom von Lob und Dank wird es noch werden, wenn seine Erwählten alle aus allen Heiden, Geschlechtern und Sprachen und Völkern in neuen Zungen werden bekennen, was der HErr, ihr Heiland, an ihnen gethan. Groß und wunderbar ist das Geheimnis des HErrn - wer sein achtet, hat lauter Lust daran! Dieß ist das Zeugniß, das durch Himmel und Erde geht, daß Gott uns hat das ewige Leben gegeben, und solches Leben ist in seinem Sohne. Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, mag er Alles haben, er hat das Leben nicht (1 Joh. 5, 11 f.). So glaubet doch dem Sohne, so wahr ihr leben wollt und nicht zu Grunde gehen; liebet Ihn, gehorchet Ihm, bleibet in Ihm und wachset in Ihm, so wird es eures Herzens Freude und Wonne sein, zu stehen vor Ihm und zu sagen! lobe den HErrn meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöset und krönet dich mit Gnade und Barmherzigkeit; der seinen Stuhl hat im Himmel bereitet und sein Reich herrschet über Alles - den müssen noch loben alle Lande, und seinen Feinden wird's fehlen vor seiner großen Macht (Ps. 103, 1. 3 f. 19. 66, 3 f.). Amen.

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