Beck, Johann Tobias - 12. Gebet am Grabe eines in Untersuchungshaft gestorbenen Beamten,

Beck, Johann Tobias - 12. Gebet am Grabe eines in Untersuchungshaft gestorbenen Beamten,

des Vaters von Nr. 11. und Ehegatten von Nr. 8.

Mergentheim, den 6. Dezember 1834.

HErr, dem wir leben und sterben, dem Jeder steht und fällt und vor dessen Richterstuhl wir Alle müssen offenbar werden - Du hast Geduld mit allen Menschenkindern, und willst nicht, daß Einer verloren gehe, sondern daß Jeder sich bekehre und lebe. Du hast Mittel und Wege aller Art, um anzuklopfen an unsere Gewissen, um uns zu richten, ehe Du verderben mußt! Etlicher Menschen Sünden lässest Du offenbar werden, daß man sie zum voraus richten kann; etlicher werden hernach offenbar (1 Tim. 3,24.); die Einen lässest Du in Menschen-Hände fallen, die Andern behältst Du deiner eigenen Hand vor - wie Du es aber schickest und wendest: Dein Thun bleibet gerecht, und Dein Wille ist, uns Menschen zum Guten zu verhelfen, zur Ergreifung des ewigen Lebens. Alles hat bei Dir seine wohlgemessene Zeit - des Menschen Herz schlägt seinen Weg an, aber Du allein gibst sein Fortgehen oder Aufhören; Du schweigst eine Zeit lang, aber zu seiner Zeit befiehlst Du und es geschieht; Du hast langes Zusehen und gießest Barmherzigkeit aus über den Menschen; dann aber züchtigest Du auch; aber auch die Züchtigung von Dir geschieht mit Maßen.

Ja, HErr, in allen Deinen Gerichten, selbst wenn Du strafest, bist Du die Liebe: auch in der Noth, auch in Krankheit, auch im Gefängniß bist Du bei uns und bietest Deine Hand uns an, daß Du uns herausreißest aus der Irre, uns heimbringest zum Hirten und Bischof unsrer Seele. Das präge uns ein, Du aller Menschen Gott auch an diesem Grabe - nicht zu Richtern hast Du uns bestellt, daß wir Einer den Andern messen und wägen, und uns selbst wollen schön machen an fremden Flecken und Sünden; es ist genug, daß Jeder von uns seine eigene Last hat, die er zu Gericht muß tragen hier oder dort; es ist genug, daß Jeder von uns gelocket und gereizet wird von einer bösen Lust, die er selbst erst kreuzigen muß, wenn er nicht dort von ihr ewig will gekreuziget sein! Präg' es uns ein auch an diesem Grabe, daß Jeder zu sehen hat auf sich selber, und Keiner sich rühme seines Verstandes und seiner Klugheit, seines Glückes und seiner Unbescholtenheit - sondern wer sich rühmen will, der rühme, daß er den Gott wisse und kenne, der Schulden vergibt, vor Versuchungen bewahrt, vom Nebel erlöst, diejenigen nämlich, welche seinen Namen heiligen, sein Reich an sich bringen und seinen Willen thun.

Ja, HErr, nicht unsre eigenen Namen sollen hier vor diesem Grabe einen Glanz bekommen - denn unser Aller Name ist: Sünder! sondern Dein Name heilige sich an und und verkläre sich in uns, daß wir uns merken Deinen Ernst an denen, die da abweichen, Deine Güte an denen, die an Deiner Güte bleiben. Wir wissen Alle nicht, verborgener Gott, wann wir enden, die wir hier stehen, noch wie wir enden - aber das wissen wir, daß es ein Ende mit uns nimmt, und daß wir nur das ärndten, was wir gesäet haben. Die Freuden Deiner Liebe können dem nur zu Theil werden, welcher dich liebt; nur der Gerechte kann den Lohn des Gerechten empfahen - wer böse bleibt, der kann vor Dir nicht bleiben, so wahr Du der gute Gott bleibst, der Du bist.

Lege Du selbst uns die Frage an's Herz: wie werde ich erscheinen in Deinem Licht? Aufrichtigkeit ist vor Dir angenehm - Verhehlen, Beschönigen, Entschuldigen und Leugnen reinigt vor Dir nicht, der Du die Winkel des Herzens und Lebens durchforschest: nur unser Herz verdirbt ohne Aufrichtigkeit; unser ganzer Mensch wird finster, wenn das innere Auge ein Schalk ist; Du kannst nicht mehr treu und gerecht sein gegen uns, daß Du die Sünden uns vergebest, wenn das Herz nicht aufrichtig ist, sie zu bekennen.

Ich muß es einmal doch erfahren,
was ich hier war und hier gethan -
ach laß mich's nicht bis dahin sparen,
wo Reue Nichts mehr helfen kann!

Gott, wie werd' ich einmal erscheinen in Deinem Licht? gereinigt inwendig und auswendig durch die Einwohnung Deines heiligen Geistes, oder noch erfüllt vom Geiste dieser Welt, der sein Böses verstellt in's Gute, und mit seinen Werken im Lichte Gottes zerfließt wie ein Nebel in der Sonne! Wie wirst Du mir erscheinen, mein HErr und mein Gott? als ein verzehrendes Feuer oder als beseligende Liebe? mit dem Rufe: komm her zu mir - oder: geh weg von mir? -

Wenn wir uns hier richten, hier von Deinem Wort das Herz uns aufdecken und das Gewissen uns strafen und Gesinnung und Leben auf die richtige Bahn bringen lassen: dann gehst Du nicht in's Gericht mit uns an Deinem Vergeltungstage, König unsrer Seelen. Lehr' uns das bedenken, und nimm von uns unsern Leichtsinn, der sich keine Sorge machen mag um das, was noch nicht ist und doch so gewiß ist, immer so nahe ist Jedem unter uns, daß, wenn Du winkst, wir in Zeit einer Minute können in Deinem Gerichte stehen. Erwecke uns zum Ernst des wahren Christenthums! daß wir unsre Herzen täglich erforschen und sehen, ob wir auf dem ewigen Weg sind; daß wir jeden Tag, den Du uns noch beilegst, als verlängerte Frist ansehen, uns tüchtig zu machen zum Eingang in Dein Reich, und aus Deinem Worte uns Lust und Kraft nehmen zum Gebet, das vor Sünden bewahrt und Sünden bedeckt; daß wir Dir immer uns näher fühlen, ächte Christusfreunde und Menschenfreunde werden, immer duldsamer gegen Schwache, stark gegen Boshafte, versöhnlich gegen Beleidiger, immer redlicher, demüthiger, freimüthiger, mit Einem Worte dem Bilde Jesu Christi ähnlicher.

Und weil denn noch Manche unbekehrt leben in offenbaren oder heimlichen Sünden, schon stehen in Deinem Gerichte, o Gott, oder ihm erst entgegengehen, frei noch dahin wandeln oder gefangen sitzen, gesund sich noch fühlen oder schon den Wurm des Todes an sich nagen fühlen - HErr, erwecke sie Alle, zu Dir ihre Zuflucht zu nehmen, vor Deiner starken Hand sich zu demüthigen, damit Du sie könnest begnadigen.

Bleib' uns Allen das Licht auf unsern Wegen, dann fallen wir nicht, ohne wieder aufzustehen und immer fester und vorsichtiger zu gehen - auch unser Mitbruder, dessen Leib wir hier der Erde übergeben, möge Dein Erbarmen noch gesucht und erfahren haben, daß er durch wahrhafte Buße der wahren Ruhe und Freiheit sich erfreue. Amen.

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autoren/b/beck_jt/beck_begraebnispredigt_beamter.txt · Zuletzt geändert: von aj