Baxter, Richard – Selbstverleugnung - Das XIV. Capitel.

Baxter, Richard – Selbstverleugnung - Das XIV. Capitel.

Eigen-Duenckel muß verlaeugnet werden.

Das naechste Stueck der Selbheit / das getoedtet werden muß / ist in derselben Facultaet der Seelen / und wird genannt Eigen-Duenckel: welches bestehet in zweyen Stuecken: Das erste ist eine Zuneigung zu unserer eigenen Meynung oder Gedancken / so weit als sie sonderlich unser eigen ist; Das ander ist / daß wir hoehere und bessere Gedancken von diesen Meynungen haben / dann sie verdienen. Es seynd die Menschen von Natur geneiget / ihnen Meynungen zu entspinnen aus ihrem eigenen Gehirn / und eine Religion zu haben / die ihr eigen mag genannt werden / welche dann auch ihr eigen ist in zweyerley Respect. 1. Weil sie sie selbst erdacht / und GOtt sie ihnen nicht geoffenbahret hat. 2. Weil sie sich schicket und reimet mit ihren fleischlichen Enden. Die Menschen sind viel fertiger / ihnen selbst einen Glauben zu machen / dann anzunehmen dasjenige / was GOtt ihnen geoffenbahret hat. Sie sind viel fertiger / eine Lehre anzunehmen / die da gehet ihren fleischlichen Nutzen / Ehre oder Lust und Gemach zu befoerdern / dann die da gehet auf Selbst-Verlaeugnung / Selbst-Erniedrigung / daß GOtt moege erhoben werden. Wann sie dann nun vors ander solche Meynungen erfunden und angenommen haben / die eigentlich ihr eigen sind / da haben sie ein weit groesser Belieben an / weil sie ihr eigen sind / und halten sie hoch ihrer selbst halben. O daß ihr nur recht verstehen moechtet / wie gemein und gefaehrlich der Eigen-Duenckel in der Welt ist! Eben auch unter denen / die demuethig scheinen / und selbst gedencken von sich / es sey der Geist Gottes / der ihren Verstand am meisten treibe / da hat doch Selbst seinen Thron auffgerichtet: O wie heimlich und unvermercket wil Selbst einschleichen / und euch einbilden / es sey ein lauter selbst-verlaeugnendes Licht / das euch leitet / und daß es diese oder jene Meynung nicht wil fahren lassen / sey / dieweil die Warheit ihn zwinge / selbige zu vertheidigen / oder es sey die Erleuchtung des heiligen Geistes / da es nichtes ist / als eine Schlange / die Selbst auffgefasset hat / und nicht wil fahren lassen / weil sie sein eigen ist. Nachdem mahl die Papisten zu weit gegangen sind / in dem sie gelehret / wie die Menschen nur solten an der Kirchen und ihren Lehrern hangen / und glauben / was die glauben; so nimmt Eigen-Duenckel Gelegenheit von ihrem Irrthum / und gehet zu weit an die andere Seite / und bildet einem jeden angehenden und noch unverstaendigen Christen ein / er sey so weise / als seine erfahrenste Brueder die Prediger / und einem jeden rohen und ungelehrten Menschen / er sey verstaendiger und weiser / als die im Wort Gottes und der Warheit studieret haben mit Fleiß und Gebet alle ihre Lebetage: und darum verachten und verwerffen sie die Gelehrtigkeit / Weißheit und Fleiß / die sie nicht verstehen oder begreiffen koennen; damit / weil sie sehen / daß sie es nicht in ihnen haben / sie moegen eben so weise geachtet werden / ohne dieselbe / als die solche haben / und also auch bey Ehren bleiben. O was hat diese Suende des Eigen-Duenckels ein Spiel in der Welt gemachet! An vielen Orten bestehet der Vornehmsten Religion darinnen / wer der Weiseste / Gelehrteste und Geschicklichste sey in den Augen der Menschen / und dahin ist ihr beten / conferiren / lehren / gerichtet / daß sie ihren Eigen-Duenckel ueben / und daß ein jeder siehet / daß sie auch was wissen. Dahero kommt es / daß sie so leicht etwas neues annehmen; welches entweder wenig annehmen / oder welches sie selbst erfunden / auf daß / weil sie etwas sonderliches sind / Selbst desto besser moege in acht genommen werden / und sie etwas haben moegen / das ihr eigen mag genannt werden: Dahero kommts auch / daß sie so wenig Argwohn haben auf ihre eigene Meynungen / und lassen nimmer ihren Fleisch unpartheyisch seyn / auf daß sie pruefen moechten ob er aus GOtt sey oder nicht / sondern richten denselben vielmehr dahin / daß sie moegen ihre Meynung vertheidigen / und wiederlegen / was im Gegentheil moechte angefuehret werden: Dahero kommts / daß die Leute so schlechte Gedancken haben von dererjenigen Meynung / die sie uebertreffen in Wissenschafft / und daß die Stimme des Korahs und der andern Auffruehrer Num. 17/ 3. so gemein geworden ist in dem Mund der unwissenden und stoltzen Schein-Christen: Ihr macht es zu viel / (sagen sie zu Lehrern und Predigern) denn die gantze Gemeine ist ueberall heilig / und der HErr ist unter ihnen / warum erhebt ihr euch ueber die Gemeine des HErrn? Die Heiligkeit der gantzen Gemeine / und eines jeglichen Gliedes / und die Gegenwart Gottes selber unte rihnen / ist es / die sie vorwenden gegen Moses und Aaron / daß sie nicht sollten die Hoechsten seyn / als wann unter einem so heiligen Volck / das GOtt der HErr selber lehrete / nicht noethig waere / daß menschen sich solten erheben ueber die Gemein des HErrn. Allein es war Selbst / das gemeynet war / was auch immer vorgewandt wurde. Von diesem Eigen-Duenckel ist es / daß die wichtigsten allgemeinen Lehren / da Selbst nicht ein sonderlich Recht zu hat / so wenig geachtet werden / und daß man da keinen Schmack an hat; da hingegen ein viel geringer Punct / den Selbst erwehlet hat / besser den meisten schmecken / und eiferiger vertheidiget werden soll. Dahero kommts auch / daß die Leute so kuehn und confident sind in ihrer Meynung; daß ob schon das Ding zweiffelhafftig / auch wohl gar in den Augen weiser Leute (die verstaendiger denn sie sind) falsch ist / dennoch aber ein Narr hindurch faehret durstiglich / Prov. 14/ 16. Er kan seinen Eigen-Duenckel und Meynung mit so unverschaemter Stimm / und stoltzen Verachtung / was von der andern Seiten moechte eingebracht werden / vertheidigen / als ob er defendirte / daß die Sonne hell sey / und andere wolten beweisen / sie sey finster; Da doch leider eigen Interesse ist das Leben / die Stuecke und Wuerdigkeit der Sachen / die vertheidiget. Daher kommts auch / daß viele Leute so unfriedlich und unvergnueget sind mit anderer Leute Wort oder Wandel; sie koennen kaum ein Wort hoeren oder lesen / so sind diese streitige Theire alsobald fertig darauf zu fassen / als wann sie nun eine Gelegenheit erlanget / ihre Macht und Tapfferkeit sehen zulassen / und ungerne wolten fahren lassen ein solches Kleinod / und Gelegenheit zu siegen und triumphiren: Und dannenhero fuellet auch das Schimpffen auf die Worte / Person oder Thaten ihres Gegenpartes / den groesten Theil ihrer Schrifften. Daher kommt es / daß sie nicht allein Ketzereyen und Monstra machen von ertraeglichen Irrthuemern / sondern auch von der Warheit selbst / wo diese unausloeschliche Schuld darinn ist / daß sie widerspricht der Weißheit dieser eigen-duenckenden Menschen. Dahero ist es / daß ihre eigene Meynungen fleißiger getrieben / und mit einem doppelten wo nicht zehenfaeltigen Eyfer und Fleiß vertheidiget werden / als die gemeinen Lehren / da alle Gottselige in der Welt so viel Recht an haben / als sie / ob schon die gemein angenommenen Lehren unvergleichlich wichtiger und groesser sind. Daher kommt es / daß die Menschen vester halten dasjenige / welches ihr eigen ist / da sie leichter fahren lassen dasselbe / was GOttes ist / ein jeder muß mit ihnen eines seyn / und seinem eigenen Verstande absagen / und selbigen verlaeugnen / ausgenommen sie selbst; und daß es andern muß ruehmlich seyn / ihre Meynungen zu billigen / ihre Ehre aber / daß sie keinem weichen / sondern alle muessen zu ihnen und ihrer Meynung sich bequemen. Alles dieses ist die Frucht vom Selbst / wann es herrschet in dem Verstand der Menschen / die vielleicht gedencken moegen / es sey CHristus oder der Heil. Geist / den sie in ihren Hertzen erheben.

Doch aber muß dieses nicht mißverstanden werden; Ich sage oder meyne nicht / daß einer solte etwas / das er gewiß versichert ist wahr zu seyn / fahren lassen / aus Furcht des Eigen-Duenckels; auch nicht / daß er muß alsobald seinen Verstand oder Vernunfft gefangen nehmen / wann ihme nur ein Gelehrter / oder Staercker oder grosse Menge widerspricht. Vielweniger muß ich laeugnen die Gnade GOttes / die mich selig / weise gemacht hat durch seine Erleuchtung / der ich zuvor thoericht / ungehorsam und in Irrthum betrogen war in den Tagen meiner Unwissenheit. Die Wel tmuß uns die Freyheit geben / daß wir ueber unsere eigene Thorheit triumphiren mit Paulo Tit. 3/ 3.4.5. und mit demselben Paulo sagen / daß wir nicht besser als unsinnig waren / da wir Feinde des Evangelii waren / Actor. 26/ 11. und mit jenem Manne / Joh. 9. v. 25. Eines weiß ich / daß ich blind war / und bin nun sehend worden. Es ist kein Eigen-Duenckel in einem Menschen / der da gebracht ist von dem verblendeten und tollen Stande der Suenden zu dem Lichte der Geheiligten / daß er weiß / er sey nun weiser denn zuvor / und daß er zuvor ausser seinem Verstande / aber nunmehr zu demselben wiederkommen sey; So ist es auch kein Eigen-Duenckel in dem schlechtesten und einfaeltigsten Christen / wenn er solte gedencken / daß ein Gottloser viel thoerichter sey denn er: Oder in einem Prediger oder andern Mann / den Gott mit mehr als gemeiner Wissenschafft begabet / daß er vest stehet bey der Warheit / deren er versichert ist / und daß er siehet / und mit Maß widerspricht dem Irrthum der andern / und daß er weiß / daß er in den Stuecken weiser ist denn sie. GOtt erfordert nicht / daß wir alsobald eines jeden Meynung annehmen / und auf und nieder von einer Seiten zur andern wallen / und es mit jeglicher Parthey halten / da wir beykommen / aus Furcht / daß wir uns moechten weiser denn sie achten. David wuste / daß er weiser denn seine Feinde / und gelehrter denn seine Lehrer war / Psal. 119/ 98. 99. Und wahre Glaubige scheuen sich nicht zu sagen: Wir wissen / daß wir von GOTT sind / und die gantze Welt im Argen lieget / 1. Johan. 5/ 19. und ca. 3/ 19. und cap. 2/ 3. Paulus wolte darum nicht nachlassen Petrum zu straffen / damit er nicht angesehen wuerde als Eigenduenckelisch / Gal. 1. Bey vielen ist der Eigen-Duenckel so ueberaus starck / daß sie meynen / ein jeder sey eigen-duenckelisch / der nicht ihren Duenckel und Meynung alsobald billige und annehme.

Allein / wenn Selbst die Leute unterweiset / erwehlet ihren Text / und gibt ihnen an die Hand / was sie thun oder reden sollen / und nichts schmaecket ihnen / es sey denn / daß Selbst insgemein oder insonderheit sein Interesse darinnen habe: Wenn die Leute schlechter dinge weise sind in ihren Augen / und vomparative, weiser denn die / die viel mehr wissen als sie: Wenn es ihnen Grundes genug ist / diese oder jene Meynung anzunehmen / zu behalten und zu verfechten / wenn nur Selbst etwas dabey zu erwarten: Wenn sie gedenckenn / sie wissen das / das sie doch in der Warheit nicht wissen / und halten das wenige / so sie wissen / hoeher / dann ein hundertmal groessere Wissenschafft / die sie nicht haben / da ist Zweiffels frey ein grosser Eigen-Duenckel / und die es nicht an ihnen sehen wollen / wenn es in einem geringeren Maß bey ihm ist / soltens ja / meyne ich / mercken koennen / wenn sie es so grob / als dieses ist / bey sich befinden: Der nicht glauben wil / daß einer truncken ist / wenn er ihn hoeret reusptern und stammern / wird gewiß nicht daran zweiffeln / wenn er ihn sihet auf der Gassen sich im Koth weltzen.

Demnach sehe ein jeder ja zu / daß Selbst in dem Verstande getoedtet und niedergerissen werde. Der Verstand ist GOttes Thron / der Sitz der Warheit / der Tempel des Geistes / und soll Selbst alldar herrschen? Der Verstand regieret die Seele / und alles euer Thun / und wo Selbst da herrschet / was einen Regenten werden ihr haben? Und wie wil euer Hertz und Leben beschaffen seyn? Wo euer Auge finster ist / euer Licht finster / wie groß wil alsdenn euer Finsterniß seyn? Ist es aber selbstisch / so ist es gewiß so weit finster. O glaubet dem Heil. Geist / Prov. 26/ 12. Wenn du einen sihest / der sich weise duencket / dad ist an einem Narrenmehr Hoffnung / als an ihme. Denn / ein Narr / der nur unwissend ist aus Mangel der Unterrichtung / hat nicht ein solche Praejudicium gegen die Warheit / als ein Eigen-Duenckeler hat / so ist es auch nicht so schwer / ihn zu ueberwesen / daß er unwissend ist; oder ihn willig machen zu lernen: Der da weiß / daß er blind ist / laesset sich gerne leiten. Ferner / so haben die Eigen-Duenckler viel abzulegen / eher sie geschickt seyn die Warheit anzunehmen / daß sie dadurch zur Seligkeit befoerdert werden; O wie viel tausend sind verdorben durch Eigen-Duenckel; dieser ist es / der sie verhindert / einige Wissenschafft zu fassen / oder einiger Gnaden faehig zu werden / und verstoeret also in ihnen allen wahren Fried und Trost: Dieser vertheidiget und heget alle Suenden. Ob wir schon den Leuten zeigen koennen das ausdrueckliche Wort GOttes / dieses oder jenes Christliches Werck zu thun / oder die Suende zu lassen / und ueberweisen sie mit den klaresten Gruenden / dennoch so schliesset der Eigen-Duenckel die Thuer gegen allen diesen. Ja / so wunderbarlich hat diese Suende die Oberhand / daß die unwissende und unverstaendigsten Leute / die schier gantz nichts wissen / dennoch in ihrem Eigen-Duenckel so stoltz sind / als waeren sie die allerweisesten: Diejenigen / die nicht begehren zu lernen / und koennen keine Rechenschafft geben von ihrer Wissenschafft / nura us dem Catechismo / und dem Fundament der Christlichen Religion / koennen nicht beten / oder kaum ein verstaendlich Wort reden in Dingen die ihre Seligkeit angehen / sondern entschuldigen sich / sie seyen einfaeltig / haben nicht studiret / etc. Eben dieselben widerstreben doch hoffaertiger Weise ihren Lehrern / und waeren sie auch die Verstaendigsten im gantzen Lande: Reden wir nur gegen ihren falschen Duenckel / in etwan einer Lehre oder ihrem Leben / ob sie auch bey solchem Leben koennen Glieder der Kirchen seyn / und also sich der Gnaden derselbigen zu erfreuen haben / da sind sie so kuehn und unsinnig gegen ihre Prediger / als ob wir eben so unwissen waeren / wie sie sind / und sie die weisesten Leute von der Welt waeren / daß also Hoffart und Eigen-Duenckel die Leute gleich wie rasend machet. Wir koennen niemand demuetigen / seiner Suende halber / es sey denn / er erkenne die Suende und die Gefahr derselben: Eigen-Duenckel aber wil es ihn nicht erkennen lassen / oder zugeben / daß sie zu uns kommen / daß sie moechten unterwiesen werden / sondern sie sind weise genug zuvor; Sagen wir ihnen von Suende oder Gefahr derselben / so sind sie weiser / denn daß sie dem Worte GOttes oder uns Glauben zustellen: Sie sagens uns in die Augen / sie glauben nimmer / daß dieses oder das wahr sey / ob wir es ihnen schon in der Schrifft zeigen / O wie Herrlich ist ds Licht / das rund um euch her scheinet / und euch weise machen wolte / wenn Eigen-Duenckel es nicht hinderte / durch Einbildung / ihr seyd schon weise gnug / 1 Cor. 3/ 18. Diejenigen / die sich so selbst betruegen / daß sie sich duencken weise seyn / die muessen Narren werden in ihren Augen / wollen sie anders die wahre Weißheit erlangen; Und muessen bekennen / wie Paulus selber that / daß sie naerrisch und betrogen waren / unweise und irrige / da sie den Luesten dieneten / und wandelten in mancherley Wolluesten / Tit. 3/ 3. Diese Hoffart und Eigen-Duenckel ist gleich wie der Hefen im Bier / welcher das Ansehen hat / als fuelle er das Faß voll / und treibet es alles ueber / dieses ist die Wissenschafft / die aufblaeset / 1 Cor. 13. gleichwie ein Topf scheinet voll zu seyn / wenn er siedet / der zuvor halb ledig war / ist aber und bleibet ledig / siedet ueber / und wird lediger / denn zuvor. Also gehet es mit den Eigen-Duenckelern / die eine Wissenschafft haben / so obhin ist / da sie doch im Grunde ledig sind / und durch Hitze der Hoffart siedet ihnen auch noch das wenige / so sie haben / aus / mit ihrem Schaden. Die Demuethigen sind es / denen GOtt seine Geheimnuessen offenbaret / und die Hungerigen / die Er mit Guetern fuellet / und die Reichen / die Er leer laesset. Er wil keine Juenger haben / die nicht zu seiner Schule kommen / wie kleine Kinder / daß man mit ihnen umgehen / und sie unterweisen kan / die sich nicht selbst zu alt / zu weise / oder zu gut achten. Wer da wil die Geheimnissen des Evangelii seliglich sehen und erlernen / der muß zu CHristo kriechen auf seinen Knien / und ruffen: HERR sey mir Suender gnaedig. Er wil nicht euer Hertz und Gemuethe erheben gen Himmel / es sey denn / daß ihr euch zuvor unwuerdig achtet / eure Augen gen Himmel auffzuheben / weil ihr gegen dem Himmel gesuendiget: Und waere einer schon erhoben gen Himmel / und sich daselbst durch Eigen-Duenckel und Hoffart erheben wolte / er wuerde bald bekommen einen Pfahl ins Fleisch / diesen gefaehrlichen und gifftigen Wind / der ihn aufblaeset / auszulassen. Es habe einer gleich die Wissenschafft der herrlichsten und geistlichsten Sachen / so lange er hoffaertig und eigenduenckelisch ist / so kan es seinem Hertzen nicht schmecken / noch auf dasselbige einige Wirckungen haben. Demuth erhaelt und naehret / Hoffart aber verdirbet alle Gnaden; der Geist Gottes wil nicht wohnen bey de Stoltzen; entweder er wil euch aus euch selber treiben / oder ihr treibet ihn von euch: Einige scheinbare Heiligkeit und Trost haben die Eigen-Duenckeler / welcher nur sind die betruegliche Schmeicheleyen des Selbstes / und die fernere Lockung / die Satan seinen Dienern thut. (Satan troestet eine Zeitlang eben so wol die Seinen / als der H. Geist die waren Heiligen / und seine Juenger haben ebemaeßige ihre Freude.) Allein / die demuethige Seel ist es / die da gegruendeten Trost hat. Aus dem Staube der Demuth koennen wir am klaresten in die Herrlichkeit sehen / und sie folgendes auch am lieblichsten schmecken. Wie hoch auch der Regen herab kommet / so sind es doch die tieffesten Thaeler / die am meisten davon bekommen / und die es auch am laengsten behalten; Der Glaube selber kan nichts beschaffen bey den Hoffaertigen und Eigen-Duencklern: Das Evangelium ist ihnen entweder eine Thorheit / oder Ergernues: Allein die Demuethigen stimmen ueberein mit desselben Geheimnuessen: Demuth heget in uns die Furcht Gottes / und machet uns sagen: Wie solte ich so ein groß Ubel thun? Oder solches nothwendiges Werck unterlassen: Eigen-Duenckel aber und Hoffart ist blind und kuehn / verwirret den Verstand des Menschen / daß er nicht kan unterscheiden / unter ehilig und gemein / oder unrein: Es machet sie so unehrerbietig kuehn mit heiligen Sachen / welches ins gemein sich endet in gottlose Verachtung / so daß ein solcher zuletzt kan verachten die Ordnung Gottes / da er doch sein geistlich Leben von erhalten solte. Busse und Hoffart sind toedtliche Feinde: Bußfertig und hoffaertig zu seyn / ist zugleich heiß und kalt / lebendig und todt zu seyn. Der Zoellner / der den Kopff haengen ließ / fand den Weg / GOtt zu schauen besser / denn der auffgeblasene Phariseer; die tieffeste selbstverlauegnende Demuth ist der naechste Weg zum Himmel / und die hoechste selbst-erhebende Hoffart ist der naechste Weg zu Hoellen: Ich wil lieber mit Maria sitzen zu des HERRN JEsu Fuessen / und selbige mit Thraenen waschen / dann mit der Mutter der Kinder Zebedei begehren zu seiner Rechten und Lincken zu sitzen in seinem Reich. Maria wurd nach der Art bedancket vor ihre Demuth / diesen aber wurde ihre Bitte schier abgeschlagen / weil so wenig Selbst-Verlaeugnung dabey war. Es pflegete der HErr niemand zu dancken vor seinen Dienst / und dennoch that er das / welches dem Dancken am naechsten war gegen dieses demuethige selbst-verlaeugnende Weiblein. Er pflegete seinen Juengern keine himmlische Bitte abzuschlagen / und dennoch war es schier ein Abschlag / den er Johanni und Jacobo gab / weil Selbst ihme diese Bitte vorbrachte. Er / der uns gelehret hat / daß wir uns nicht sollen um die Oberstelle draengen / damit wir nicht mit Schanden hoereten: sitze hernieder; saget uns dabey / was wir von ihme zu gewarten haben: Und er / der uns befiehlet / daß wir solten unten an sitzen / daß wir hoeren moegen: Freund ruecke hinauf; wil uns damit andeuten / wie er es selbst mit den Demuethigen mache. Ich wil lieber im Staube und Koth hoeren sein: Komme herauf / als in der hoechsten Selbst-Erhoehung: setze dich hinunter in den Staub. O ihr stoltzen Eigen-Duenckeler / wuestet ihr nur / wie es einer demuethigen Seelen so wol thut / wenn sie fuehlet / daß CHristus sie erhebe aus dem Staube / ihr wuerdet euch bald erniedrigen / daß ihr seine Sueßigkeit bey der Erhebung fuehlen moechtet. O wie eine herrliche Suessigkeit ist es / wenn einer sich befindet in den Armen Christi! Unser allgemeines Mitleiden / das uns verursachet auffzuhelffen einen der vor uns niederfaelleet / ist ein Fuencklein des Mitleidens in Christo. Niemand hat zu schaffen mit deme / der vor ihme hergehet / allein wenn einer vor uns in Ohnmacht faellet / da ist ein jeder fertig ihme auffzuhelffen. O glueckseliger Fall / der uns machet die Armen Christi fuehlen. Ob schon der Fall in Suenden nicht zu loben / der es veranlaesset / so ist doch der Fall der Demuth ein herrlicher Fall / der uns zu den Armen Christi bereitet. Er / der in seiner Todes-Angst und Kampff einen Engel hatte / der ihm dienete und staeckete / wil gewiß eine demuethige selbstverlaeugnende Seele nicht ohne den Engel / oder eine solche Krafft und Trost lassen / als sich zu ihrer gegenwaertigen Noth schicket. CHristus selbst wil sich nicht denen Hoffaertigen und Eigen-Duencklern mittheilen: Er ist Weißheit / aber nicht denenjenigen / die schon weise genug sind in ihren Augen: Er ist Gerechtigkeit / aber nicht denen / die sich selbst rechtfertigen: Er ist Heiligung / aber nicht denen / die sich nimmer unrein befunden oder achten: Er ist Erloesung / aber nicht denen / die sich nicht selbsten vor verdammet achten. Er hat die weissen Kleider / und den Schatz der Gnaden und der Herrlichkeit / aber allein vor diejenigen / die in Bußfertigkeit empfinden / daß sie arm / elend / blind und bloß sind. Meine lieben Freunde / ob ich zwar nicht gesinnet bin / den wolgegruendeten Friede und Trost eurer Seelen zu verunruhigen / dennoch wolte ich euch rathen / ihr moeget so gute Gedancken vor euch selber haben / als ihr wollet / forschet fleißig nach / damit es nur nicht herkomme von Eigen-Duenckel; Und ihr moeget so viel Friede und Freude haben / als ihr wollet / sehet genau zu / ob es von GOtt oder eurem Eigen-Duenckel komme: Und wo ihr nicht dazu gelanget durch Selbstes Widerwillen / kan es gar leicht seyn / daß es von Selbst herkomme; Wo ihr euren Friede und Trost von Christo nicht gewonnen habet durch Selbst-Verlaeugnung / und als einen Raub des bestrittenen und ueberwundenen Fleisches / so habet ihr es nicht (ordentlicher Weise) von GOtt. Kommet ihr zu eurem Fried und Trost durch Demuth / Selbst-Verlaeugnung / Gedult / und Toedtung des Fleisches / und daß ihr werdet wie die kleinen Kinder / und aller Knechte / und daß ihr gelernet von CHristo / demuethig und sanfftmuethig zu seyn? Wo nicht / huetet euch / daß ihr nicht heget und pfleget / eine Selbstische Frucht / und ein Reiser aus der Hoellen / an statt der Frucht des Geistes / der Friede und Freude in den H. Geist. Findet ihr nicht grosse Ursachen bey euch / euch zu bekuemmern und traurig zu machen / so seyd ihr all zu gerecht vor CHristo; Wo ihr nicht seufftzet unter euren Unglauben und Unwissenheit so seyd ihr zu weise / CHristi Juenger zu seyn: Wo ihr nicht trauret unter dem Gestanck und Schmertzen der Suende / so seyd ihr zu gesund / CHristi Patienten zu seyn. Wo ihr fertiger seyd / euch selbst zu rechtfertigen / und zu entschuldigen / denn zu verdammen / und hoeret euch lieber loben und preisen / denn straffen / ermahnen / und unterrichten / und wollet gerne wie Diotrephes / allenthalben oben schwimmen / so seyd ihr zu hoch / daß Chrisuts Kund- und Gemeinschafft mit euch machen solte / und all zu voll vom Selbst / daß ihr Raum und Platz haben soltet vor seine Liebe / Geist / und himmlischen Trost. Da er uns das Gleichnues gab von der geilenden Witwen / wolte er / daß wir daraus lernen solten / daß blosse Nothwendigkeit nicht gnug sey / uns Trost- und Gnadenfaehig zu machen / (denn sonsten wuerden die aergesten die Gnaden-faehigsten seyn/) sondern / daß es muesse seyn eine Nothwendigkeit / die wir so fuehlen / daß sie uns demuethiget / und treibet uns unauffhoerlich / GOtt um seine Gnade anzuruffen. Der verlohrne Sohn war elend / als er auch nicht einmahl die Traeber haben konte / allein sein Vater umfing ihn nicht / biß er zu sich selbst kam / und verlaeugnete sich selbst / und kehrte sich zu seinem Vater. Dazu aber wollen sich die Eigen-Duenckler nicht bereden lassen. Die erste Person / die Christum anruehrete nach seiner Aufferstehung / war nicht ein Koenig / Fuerst oder Graff / ja nicht einmal ein Mann / sondern ein Weib / die eine grosse Suenderin gewesen war. Da sie seine Fuesse umfassete / hatte die Liebe einen niedrigen und demuethigen Anfang / aber sie stieg hoch / und hatte ein herrlich Ende. CHristus hat uns gesaget / wo viel vergeben wuerde / da wuerde auch viel Liebe seyn / denn daselbsten ist am meisten von den Fruechten der Liebe GOttes / und am wenigsten von Selbst / sehr viel aber Selbst zu demuethigen und zu beschaemen. Es ist nicht mueglich / daß die Liebe zu CHristo solte wohnen oder wuercken / als nur allein in den Demuethigen die in ihren Hertzen fuehlen / daß sie unwuerdig sind der Liebe / aber wuerdig des ewigen Zorns. Die Stoltzen und Eigen-Duenckler koennen ihn nicht liegen / denn sie achten nicht groß / ob Christus sie liebe. Aber die arme Seele / die verlohren war / wil denselben hertzlich lieben / der sie suchete und fand; und der todt war / wil lieben / wenn er sich lebendig befindet; und der von GOtt und seinem eigenen Gewissen verdammet war / wil gewiß den HErrn lieben / der ihn loß gekauffet hat. Darnach als die Leute von sich selbst halten / darnach ist auch dieser Unterscheid. Der selbst-hassende / selbst-richtende / selbst-verlaeugnende Suender wird entzuendet in Liebe gegen GOtt in Christo / weil er solch ein unwuerdiger / Suenden-voller Wurm soll geliebet werden. Was / HErr? sagt er / ist das Blut Christi / die Vergebung der Suenden / der Geist der Gnaden / das Recht der Kindschafft / und die ewige Herrlichkeit / vor solch einen unwuerdigen Tropffen als ich bin / der dich so lange gereitzet / und so offt verachtet / und so gelebet / wie ich gethan habe / und der ich bin ein untuechtiger / nichtswuerdiger Wurm? O was ein Wunder der Barmhertzigkeit ist dieses! Allein die volle Seele achtet nicht des Honigseims. Der Eigen-Duenckeler / ungedemuethigter Suender / sihet auf CHristum so obenhin und unachtsamlich / als ein gesunder Mann auf einen Artzt / oder ein unschuldiger Mann / wenn ihme Perdon angeboten wird.

Das gute aber / das noch bey den Eigen-Duenckelern ist / das kommt selten andern zu gute / viel weniger ihnen selbst: wie solche Leute sich nur selbst suchen / und ihnen selbst dienen / also gesegnet auch insgemein Gott ihre Arbeit nicht; sondern / wie sie verkehret sind / so verkehren sie auch gar leicht andere / und pflantzen fort ihren Eigen-Duenckel. Zwey Wort eines demuethigen selbst-verlaeugnenden Mannes / schaffen offt mehr Nutzen / als eine gantze Predigt / eines solchen selbst-suchenden.

Ich ermahne euch derohalben im Namen Gottes / daß ihr euch huetet vor dieses Stueck der Selbheit / und toedtet es; Es wil anders GOtt aus euren Hertzen / und alles was gut ist / ausschliessen. Wenn die Hoffart und Eigen-Duenckel euch plaget / so werdet ihr vielmehr die Predigt hoeren / daß ihr was habet zu richten / denn erbauet zu werden; Und wo etwas in Gottes Wort gegen eure naerrische Weißheit ist / so werdet ihr es nur geringe achten / oder einen Schertz davon machen; Da auch die Warheit Gottes das Hertz eurer Selbheit treffen moechte / werdet ihr nur dagegen erbittern / und solche Warheit in euren Hertzen hassen / auch vielleicht wol / wie des Teuffels ungescheute Diener / dieselbe oeffentlich verlaestern / und wie die Juden gegen Stephano es machten / Act. 7. Die Zaehne zusammen beissen gegen dem Prediger / oder wie sie es machten mit Paulo / Act. 22/ 22. Sie hoereten ihme zu biß auf diß Wort / (eben biß auf das Wort / das gegen sie selbst gienge) und da huben sie ihre Stimme auf / und sprachen: Hinweg mit solchem von der Erden / denn es ist nicht billich / daß er leben soll. Eben solchen Lohn haben wir auch von vielen unserer Zuhoerer / wenn Selbst sie gebracht hat biß auf den letzten Tritt zur Hoellen. O meine Lieben / haltet euren Verstand verdaechtig / und gedencket nicht hoeher von demselben / denn ihr erreichen koennet / oder eure Erfahrung / Huelffs-Mittel / Zeit und Gelegenheit / die ihr gehabt habet zur Wissenschafft oder euer Fleiß alle diese Stuecke anzuwenden / sich erstrecken. Denn diese sind Gottes ordentliche Weise / durch welche er die Wissenschafft in uns wuercket: Besihe hievon und betrachte fleißig 1 Tim. 3/ 6. Hebr. 5/ 12. 14. Setzet nicht halsstarrig euren Eigen-Duenckel gegen die / die laenger und fleißiger mit solchen Sachen umgegangen / denn ihr / viel weniger gegen eure Prediger / viel weniger gegen eine Menge eurer Lehrer / oder gegen die Kirche Gottes / zum allerwenigsten aber gegen GOTT selbst / der zu euch redet durch die Heil. Schrifft. Lasset euch warnen mit den vielen Ketzereyen / und Schwermereyen / die aus Eigen-Duenckel ihren Ursprung genommen haben.

Hier moechte einer sagen: Wenn ihr euch selber moeget weiser halten / denn mich oder meines gleichen / und das ohne Eigen-Duenckel / warum mag ich mich nicht so wol weiser halten / als euch oder eures gleichen ohne Eigen-Duenckel? Antwort: Ich mag mir selbst nicht weiser duencken in denen zuvor erwehnten Stuecken; Ich mag mich nicht selbst zu seyn duencken / das ich nicht bin / noch auch mich nicht selbst zu seyn duencken / das ich nicht bin / noch auch mich selbst ueberheben / ueber die / die weiser sind / denn ich / noch ueber meine Obern / oder die Kirche GOttes.

Aber / moechte einer weiter einwerffen / das ist nur euer Einbildung / daß ihr klug und weise gnug seyd ein Lehrer zu seyn / oder weiser / denn andere / und warum mag ich mir solches nicht so wol einbilden als ihr? Antwort: Es muß niemand aus seinem eigenen Duenckel ein Prediger werden / sondern muß von verstaendigen Leuten / Krafft ihres Amtes / beruffen werden / die von seiner Geschicklichkeit urtheilen muessen / und solche Meynunge von ihme haben / die gegruendet ist. Daß wir verstehen und erkennen die Gnade / so wir empfangen haben / ist unser Schuldigkeit / und machet uns geschickt zur Danckbarkeit: allein der falsche Duenckel / daß wir meynen zu haben / das wir nicht haben / ist ein gefaehrlicher Betrug / denn / wer da gedencket / daß er etwas sey / wenn er nichts ist / der betrueget sich selbst / Gal. 7/ 3. Wenn ein Blinder solte also schliessen / gegen einen der da sihet / und sagen: Ihr sprechet / ihr koennet so weit sehen / und warum mag ich auch nicht so sagen / woltet ihr nicht antworten: Ich weiß / daß es wahr ist / was ich sage / allein / das koennet ihr nicht thun / und wenn er doch fortfuehre und sagte: Ihr haltet mich vor blind / und ich halte euch vor blind / und warum mag man mir nicht so wol glauben als euch? Koente diese Rede beweisen und darthun / daß er sein Gesicht haette? oder solte es mir einen Zweiffel machen / ob ich meines haette? und solte ein ander daran zweiffeln / laß diejenigen richten / die Augen haben / aber nicht den Blinden. Aber ich bekenne / es hat die geistliche Blindheit diesen grossen Nachtheil gegen der leiblichen / daß / da ich einen leiblichen Blinden / leichtlich ueberweisen kan / daß er blind ist / und ihn daher willig machen / daß er sich helffen oder leiten laesset; so ist es doch in der geistlichen Blindheit so beschaffen / daß je blinder einer ist / je fester stehet er darauf / er sehe / und saget im Spott / wie forten die Phariseer zu CHristo / Joh. 9/ 40. Sind wir auch blind? Denn die Hoffart wil ihnen nicht ihre Unwissenheit erkennen lassen / dasselbe Licht / das die Unwissenheit curiret / muß sie auch entdecken; Vornemlich / wenn die Leute blind geboren sind / und nie gesehen haben die selige Erleuchtung der Heiligen / so koennen sie nicht glauben / daß noch ein ander Licht sey / denn sie gesehen haben.

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