Baxter, Richard – Selbstverleugnung - Das XI. Capitel.

Baxter, Richard – Selbstverleugnung - Das XI. Capitel.

Der ander Nutze: Wie wir sollen unser Selbst-Verlaeugnung pruefen / und welcher der geringste Gradus der aufrichtigten Selbst-Verlaeugnung sey.

Die Suend und derselben Gefahr / da ich euch anietzo abzumahnen habe / nemlich die Selbheit mit ihren effectis, und die Christliche Gebuehr / welche ich zu erinnern habe / nemlich die Selbst-Verlaeugnung / sind von solcher Wichtigkeit / als ich (ausgenommen eine) keine Suende oder Gebuehr weiß. Daß man die Seele zu GOtt erhebet / ist zwar das groesseste Werck / allein die Toedthung des Fleisches / und Verlaeugnung sein selbst ist gewiß da naechst / weil es ein wesentlich Stueck ist der Veraenderung / die vorgehen muß. Prediger sagen euch von dem Greuel und Gefahr / und uebelen Ausgang der Suenden: Allein / es ist unter allen Suenden kaum eine greulicher / und gefaehrlicher als diese / und dennoch zweiffele ich / daß die meisten dieselbe recht bereuet / oder auch den Greuel derselben erkannt haben. Ist derowegen meine vornehmste Bitte / daß wo ihr gedencket Christen zu seyn / und von Suende / und darauf folgender Verdammnus befreyet werden / huetet euch vor diese Todt-Suende die Selbstheit / und sehet ja zu / daß euer Hertz mit wahrer Selbst-Verlaeugnung gezieret sey / und wenn ihr dieselbe habet / so gebrauchet derselben / und lebet darnach.

Damit ich euch nun hierinnen helffe / wil ich handeln 1. wie ihr eure Selbst-Verlaeugnung pruefen moeget. 2. Wie ihr dieselbe ueben sollet. 3. Will ich einfuehren mehr Gruende / die euch dazu bewegen moegen. Und dann 4. etliche Directiones, wie ihr Selbst-Verlaeugnung moeget zu wege bringen und staercken.

2. Die Selbst-Verlaeugnung kan zwar wol gepruefet werden / bey den zehen Kennzeichen / die wir zuvor aufgesetzet / daraus man gnug ersehen kan / was Selbheit / und was Selbst-Verlaeugnung sey. Allein alles besser zu verstehen / will ich nur mit wenig Worten andeuten / wie die geringste Maß / oder der geringste Gradus der Selbst-Verlaeugnung / mag erkannt werden. Und das ist also: Wo fleischlich Selbst staercker ist / und ins gemein oder habitualiter mehr vermag / denn GOtt oder Christus / oder das ewige Leben / da ist keine wahre Selbst-Verlaeugnung / oder keine seligmachende Gnade: Aber wo GOtt und seine Ehre und willen am meisten vermag / da ist die Selbst-Verlaeugnung auffrichtig. Fraget ihr ferner / wie man diß wissen mag / lerne es kuertzlich also:

1. Was ist es / darum ihr lebet? Welches ist das Gut / da euer Hertz am meisten auffgerichtet ist / es zu erlangen? Welches ist das Ende / daß ihr vornehmlich intendiret / und strebet zu erlangen / und da ihr euer Hertz auff setzet / und euer Hoffnung / es zu erlangen? Ist es GOTT zu gefallen und zu preisen / und ewig sein zu geniessen? Oder ist es eurem fleischlichen Gemuethe zu gefallen und ein ode rander irrdisch Gut zu geniessen? Forsche dem fleißig nach / so magst du sehen / ob GOtt oder Selbst das groeste Theil in dir habe / dann das ist dein Gott / deme zu gefallen du dich am meisten bemuehest / das du am meisten liebest / und da du am meisten vor ausstehen koentest.

2. Wo haltet ihr am meisten von? von den Mitteln eurer Seligkeit und der Ehre GOttes? oder von den Mitteln Selbst und das Fleisch zu versorgen; Haltet ihr mehr von Christo und Heiligkeit / als die da sind der Weg zu GOtt; oder von Reichthum / Ehre und Lust / die dem Fleisch behagen?

3. Wo ihr in Warheit euch selbst verlaeugnet habt / so lasset ihr euch ordentlich und in dne meisten Stuecken durch GOTT / sein Wort und Geist regieren / und nicht durch fleischlich Selbst. Wer ist es / der euer Leben regieret? wessen Wort und Wille vermag am meisten bey euch? wann GOtt ziehet / und Selbst ziehet / wem folget ihr in dem Lauff eures Lebens?

4. wo ihr wahre Selbst-Verlaeugnung in euch habet / so ist der gewoenliche Lauff eures Lebens Selbst mit gutem Success zu wiederstreben: also daß ihr nicht allein willig seyd / daß es euch regieren soll / und daß ihr es liebet als euren Gott / sondern daß ihr dagegen streitet / und tretet es zu Boden als euren Feind; also daß ihr gewapnet gehet gegen Selbst und strebet gegen Selbst in allen Stuecken / darinnen es euch will verwirren; und wie andere meynen / es gehe ihnen alsdenn am besten / wenn Selbst am hoechsten / und ihme am besten behaget wird / also werdet ihr meynen / es stehe mit euch am besten / wenn Selbst am niedrigsten und ueberwunden ist.

5. Wo ihr wahre Selbst-Verlaeugnung in euch habet / so ist nichtes in de Welt euch so lieb / daß ihr nicht nach reiffem Vorbedacht vor GOtt und dessen Ehre koentet fahren lassen. Der etwas in der Welt so sehr liebet / daß ers nicht kan entbehren vor GOttes Ehren / der ist ein selbstisch und ungeheiligter Mensch. Und darum setzet auch GOtt solche Proben auf viele / ihre Auffrichtigkeit zu erforschen / nemlich / ob sie koenten absagen allem / was auch dem Fleisch am allerliebsten war. Abraham wurde versuchet / ob er koente hergeben / ja selbst toedten seinen eigenen Sohn. Und CHristus machet diß eine allgemeine Regul: Ein jeglicher / der nicht absaget allem / das er hat / der kan nicht mein Juenger seyn / Luc. 14/ 33. Zwar dieses ist gewiß / Fleisch und Blut mag viel Widerstrebens machen in einem widergebohrnen Hertzen / und moegen die Gedancken darinnen unter einander streiten / und widersprechen / ehe wir mit Abraham koennen einen einigen Sohn / den wir lieb haben / fahren lassen / oder toedten / oder eher wir koennen allen unsern Guetern und Leben absagen: Allein die Selbst-Verlaeugnung wird dennoch den Sieg behalten auf reiffen Vorbedacht / nachdem wir es allerseits recht bewogen haben / bey den rechten Widergebohrnen und Heiligen / welchen nichts so lieb ist / das sie nicht koennen vor GOtt fahren lassen / und in Hoffnung des ewigen Lebens; und solten wir gleich mit Petro unter der Macht der Versuchung straucheln / so wuerden wir doch mit Petro umkehren / und weinen bitterlich / und uebergeben CHristo das Leben / welches wir in der Versuchung Ihme versagten.

6. Mit einem Wort: Auffrichtige Selbst-Verlaeugnung wird gewircket durch das Erkaentniß und die Liebe GOttes / und erhebet GOtt in der Seelen ueber alles / und unterdruecket Selbst. Die erleuchtete Seele ist so eingenommen mit der Heiligkeit und Guetigkeit GOttes / daß sie ihrer selbst gleichsam vergisset / aus sich selbst ausgehet / daß sie mag Gemeinschafft haben mit GOtt / und dieses machet sie denn geringe in ihren eigenen Augen / daß sie sich selbst hasset in Staub und Aschen. Sie ist verlohren in ihr selbst / und indeme sie GOTT suchet / findet sie sich selbst wieder in GOtt. Es ist nicht eine Stoische Resolution, sondern die Liebe GOttes / und Hoffnung der Herrlichkeit / die sie verursachen die Welt zu verachten / und veraechtlich anzusehen alles / was hienieden ist / so weit als sie nur alleine sind dem Fleische zu gefallen.

Pruefet nun und erforscheet eurer Hertz nach diesen Gruenden / ob ihr diese nothwendige Gnade der Selbst-Verlaeugnung bey euch habet / achtet es nicht vor geringe / und schliesset nicht verwaegen / daß sie in euch sey / ihr habt denn guten Grund. Dann das solt ihr wissen: Selbst ist der allerbetrieglichste Feind / und der listigste Betrieger in der Welt. Es ist oft in euch / wann ihr euch nicht davor huetet / und ueberwindet euch / wann ihr nicht mercket / daß ihr davon geplaget oder bestritten werdet; und unter allen Lastern ist dieses am schweresten beydes auszufinden und auszutilgen / zu entdecken und zu heilen. Darum zuerst / seyd in euch gewiß versichert / daß ihr Selbst-Verlaeugnung bey euch habet / und wenn ihr es befindet / so lebet darnach / und uebet sie. Und davon muß ich nun besondern Unterricht ertheilen.

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