Aurelius Augustinus - Scheidung von Licht und Finsternis

Aurelius Augustinus - Scheidung von Licht und Finsternis

Unter den Wesen, die irgendwie Dasein haben und nicht das sind, was Gott ist, von dem sie erschaffen wurden, stehen die lebendigen über den leblosen; so wie wiederum jene, die mit Zeugungskraft oder auch nur mit einem Trieb der Begierde begabt sind, denjenigen vorgezogen werden, die diese Kraft nicht haben. Unter den lebendigen Geschöpfen aber sind jene, die da fühlen, besser als die fühllosen, besser zum Beispiel Tiere als Pflanzen; und unter denen, welche fühlen, sind die vernünftigen den unvernünftigen vorzuziehen, wie Menschen den Tieren; unter den vernünftigen endlich haben die unsterblichen den Vorzug über die sterblichen, wie die Engel über die Menschen; und diese Rangstufung ist auf die Ordnung der Natur gegründet.

Es gibt aber noch eine andere Weise, die Dinge zu schätzen, nämlich je nach dem Nutzen, den sie jedem Einzelnen gewähren, so daß wir manche fühllose Wesen den fühlenden vorziehen, und zwar so sehr, daß wir, wenn es von uns abhinge, diese letztem gänzlich aus der Natur vertilgen möchten, weil wir entweder nicht wissen, welchen Rang sie in derselben haben, oder aber, wenn wir dies auch wüßten, sie dennoch unserm Nutzen nachsetzen würden. Denn wer möchte in seinem Hause nicht lieber Brot als Mäuse, nicht lieber Gold als Flöhe haben? Und dies ist auch kein Wunder, da selbst nach der Meinung der Menschen, deren Würde doch in so hohem Ansehen steht, meist ein Pferd teurer als ein Sklave und ein Edelstein teurer als eine Magd bezahlt wird.

So ist also das freie Urteil der Vernunft von dem Urteil der Not oder der Lust gar sehr verschieden, da die Vernunft die Dinge nach dem Werte ihrer Natur erwägt, die Not hingegen bedenkt, was und weswegen sie es verlange. Die Vernunft also sucht, was dem Lichte der Natur als wahr erscheint, die Lust hingegen, was den Sinnen des Leibes auf ergötzende Weise schmeichelt. Doch so viele Gewalt hat in den vernünftigen Naturen das Gewicht ihres Willens und ihrer Liebe, daß, ob auch ihrer Natur nach die Engel den Menschen, dennoch dem Gesetze der Gerechtigkeit nach die guten Menschen den bösen Engeln vorgezogen werden.

Also von der Natur des Teufels, nicht von seiner Bosheit müssen wir das Wort verstehen: „Das ist der Anfang des Werkes Gottes“, da offenbar eine Natur nicht fehlerhaft werden kann, wenn sie nicht früher ohne Fehler war. Das Verderben aber geht so sehr wider die Natur, daß es ihr nur schaden kann.

Es käme also nicht einem Verderben gleich, sich von Gott zu trennen, wenn es nicht in der Ordnung dieser, also dem Verderben sich aussetzenden Natur läge, mit Gott verbunden zu sein. Deshalb auch ist der böse Wille ein mächtiges Zeugnis für die Güte der Natur. Wie nun Gott der in sich gute Schöpfer guter Naturen ist, so weiß er es als gerechter Ordner der schlechten Willen wohl zu fügen, daß auch die bösen Willen und ihr Mißbrauch der guten Naturen in seiner Hand dem Zweck des Guten dienen. Er macht auch, daß der Teufel, gut als Werk des Schöpfers, durch seinen eigenen Willen böse, hinunter versetzt in seine Unterwelt, das Gespött der Engel ist, will sagen, daß seine Angriffe zum Frommen sind der Heiligen, indes er doch so sehnlich wünscht, sie eben durch diese Angriffe zu verderben. Und weil nun Gott, da er ihn erschuf, seine künftige Bosheit wahrlich kannte und im Voraus wußte, was Gutes er mit dieser Bosheit schaffen werde, darum sagt der Psalm: „Dieser Drache, den du zum Gespött gebildet hast.“ Was sagen will: daß Gott als Bildner des Teufels schon, den er als Guter freilich gut gebildet, kraft seines Vorherwissens mit sich einig war, wie er ihn gebrauchen werde, wenn er zum Bösen geworden.

Denn Gott hätte wahrlich nicht nur keinen Engel, sondern auch keinen Menschen erschaffen, von dem er vorausgesehen hatte, daß er böse werden würde, wenn er nicht zugleich auch vorausgesehen hätte, wie er sie zum Nutzen der Guten verwenden und also die geordnete Reihe aller Jahrhunderte wie einen hochherrlichen Gesang gleichsam durch Antithesen schmücken würde. Denn die Sätze, welche Antithesen genannt werden, sind überaus zierlich zum Schmuck der Rede; und man könnte sie lateinisch ,,opposita“ (Gegensätze) oder besser ,,contraposita“ (Gegenüberstellungen) nennen. Doch ist dieser Ausdruck bei uns nicht gebräuchlich, wiewohl die lateinische Rede und wohl auch die Sprachen aller Völker dieses Schmuckes sich bedienen. Der Apostel Paulus selbst erklärt jene schöne Stelle in seinem zweiten Sendschreiben an die Korinther auf sehr anmutige Weise durch derlei Gegensätze, wo er spricht: „Durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken; durch Ehre und Unehre; durch Schmach und durch guten Ruf; als Verführer und als solche, die Wahrheit sprechen; als Unbekannte, und wir sind bekannt; als Sterbende, und sieh da, wir leben; als Gezüchtigte, und wir wurden nicht ertötet; als Traurige, die sich aber immer erfreuen; als Dürftige, die wir aber viele bereichern; als solche, die nichts haben und alles besitzen.“ Wie also durch Entgegenstellung solcher Gegensätze die Schönheit einer Rede erhöht wird: also wird auf gleiche Weise, nicht durch Beredsamkeit in Worten, sondern in Werken, mittels Entgegenstellung widerstreitender Dinge die Schönheit der Welt erhöht. Ausdrücklich steht dies auch im Buche Ecclesiasticus auf folgende Weise: „Gegen das Böse steht das Gute und gegen den Tod das Leben: also gegen den Frommen der Sünder. Und so betrachte alle Werke des Allerhöchsten; und finden wirst du, daß paarweise immer eines dem andern entgegensteht.“

Wiewohl also die Dunkelheit der göttlichen Schrift auch dazu nützt, daß sie mehrere Aussprüche der Wahrheit gebiert und an das Licht der Erkenntnis fördert, da der eine sie so, der andere so versteht (also jedoch, daß was in irgendeiner dunkeln Stelle erkannt wird, durch das Zeugnis offenbarer Tatsachen oder durch andere deutlichere Stellen außer allen Zweifel gestellt wird, wenn sie entweder, vielfach abgehandelt, endlich zu dem Sinne dessen führen, der die Schrift verfaßte; oder auch wenn bei Gelegenheit solcher Abhandlungen dunkler Stellen andere Wahrheiten zum Vorschein kommen): so scheint es mir dennoch, es sei, wo von den Werken Gottes die Rede ist, der Ausspruch nicht von der Wahrheit entfernt, wenn wir unter jenem Lichte, das zuerst erschaffen ward, die Schöpfung der Engel verstehen und annehmen, daß die heiligen Engel von den unreinen Geistern gesondert wurden, wo gesprochen wird: „Und Gott sonderte das Licht von den Finsternissen, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternisse nannte er Nacht!“ Denn er allein vermochte es, hierzu sondern, der auch, bevor sie noch fielen, jene erkannte, die da fallen und, des Lichtes der Wahrheit beraubt, in finsterer Hoffart verbleiben würden. Denn er auch befahl, daß dieser uns sehr bekannte zeitliche Tag von der unsern Sinnen nicht minder bekannten Nacht und Finsternis durch Lichter des Himmels gesondert würde, und sprach: „Es werden Lichter am Firmament des Himmels, daß sie leuchten auf Erden und den Tag sondern von der Nacht.“ Und kurz darauf: „Und Gott schuf zwei große Leuchten; eine größere Leuchte, dem Tage vorzustehen, und eine kleinere Leuchte, der Nacht vorzustehen, und Sterne; und Gott stellte sie in das Firmament des Himmels, daß sie leuchteten auf Erden und dem Tage vorständen und der Nacht und das Licht sonderten von der Finsternis.“ Jenes Licht aber, worin die heilige Gesellschaft der Engel durch die Erleuchtung der geistig-innerlichen Wahrheit strahlt, vermochte von den ihnen entgegengesetzten Finsternissen, das heißt von den höchst abscheulichen Gemütern der vom Lichte der Gerechtigkeit abgewendeten bösen Engel nur der zu sondern, der über das künftige Übel nicht der Natur, sondern des Willens nimmermehr in Unwissen sein konnte.

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