Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Siebente Predigt. Petri Berufung zum Apostel.

Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Siebente Predigt. Petri Berufung zum Apostel.

Text: Luc. V, V. 1-11.
Es begab sich aber, da sich das Volk zu ihm drang, zu hören das Wort Gottes, und er stand am See Genezareth. Und sahe zwei Schiffe am See stehen, die Fischer aber waren ausgetreten, und wuschen ihre Netze: trat er in der Schiffe eines, welches Simonis war, und bat ihn, daß er es ein wenig vom Lande führete. Und er setzte sich, und lehrete das Volk aus dem Schiff. Und als er hatte aufgehöret zu reden, sprach er zu Simon: Fahre auf die Höhe, und werfet eure Netze aus, daß ihr einen Zug thut. Und Simon antwortete und sprach zu ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet, und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich das Netz auswerfen. Und da sie das thaten, beschlossen sie eine große Menge Fische, und ihr Netz zerriß. Und sie winkten ihren Gesellen, die im andern Schiff waren, daß sie kämen und hülfen ihnen ziehen. Und sie kamen und fülleten beide Schiffe voll, also, daß sie sanken. Da das Simon Petrus sähe, fiel er Jesu zu den Knieen und sprach: Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch. Denn es war ihn ein Schrecken angekommen, und Alle, die mit ihm waren, über diesen Fischzug, den sie mit einander gethan hatten; desselbigengleichen auch Jacobum und Johannen, die Söhne Zebedäi Simonis Gesellen. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht; denn von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie führeten die Schiffe zu Lande, und verließen Alles, und folgten ihm nach.

Heute finden wir unsern Herrn in Kapernaum, einer Stadt, die am westlichen Ufer des Sees Genezareth gelegen war, nicht weit vom Einflusse des Jordan in den See, und die auf der Handelsstraße zwischen Damascus und dem mittelländischen Meere eine blühende Zwischenstation bildete. Von Nazareth verstoßen, ließ sich Jesus in dieser Stadt nieder, bewohnte daselbst ein eigenes, wenn auch gemiethetes Haus, und machte von hier aus Seine Ausflüge und Wanderungen durch Galiläa. Hier wohnte auch Matthäus, der spätere Apostel, und hatte einen Zoll in Pacht. Petrus und Andreas, welche aus Bethsaida gebürtig waren, wohnten ebenfalls in dieser Stadt, deßgleichen Petri Schwiegermutter, und wahrscheinlich auch die Söhne Zebedäi, Johannes und Jacobus. Die Auszeichnung, welche auf diese Weise Kapernaum widerfuhr, indem Jesus die Stadt zum Mittelpunkt Seiner galiläischen Thätigkeit machte, war Erfüllung der prophetischen Worte: „Das Land Sebulon und Naphthalin, am Wege des Meeres jenseits des Jordans, und das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsterniß saß, hat ein großes Licht gesehen, und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen.“ (Matth. 4,15.16.) Es währte nicht lange, so war die Stadt der Sammelpunkt aller Heilsbegierigen und Hülfsbedürftigen; alle Sabbathe lehrte Jesus in einer Synagoge dieselben und sprach: „Thut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (V. 17.), und von allen Seiten strömte das Volk herbei, das sowohl an Seiner Lehre und Lehrart, als an Seinen Wundern viele Freude hatte, und folgte Ihm in großer Menge nach, und ließ Ihm wenig Ruhe. Eines Tages war Jesus wieder von großen Schaaren Volks umringt, die gekommen waren, um das Wort Gottes aus Seinem Munde zu hören, daß Ihm nichts übrig blieb, um Allen verständlich zu werden, als ein Schiff zu besteigen und von hier aus der Menge das Evangelium zu verkündigen. Bei dieser Gelegenheit verrichtete Er zugleich das Wunder unseres Textes und berief vorzugsweise den Petrus zu Seinem Apostel. Diese ausdrückliche Berufung Petri zum Apostel ist der wichtigste Inhalt unserer Textgeschichte. Zweierlei erfordert dabei unsere Erwägung, 1) die Vorbereitung dazu, 2) die Entscheidung.

1.

Schon früher hatte Jesus mit Petrus eine Bekanntschaft anzuknüpfen gesucht, als dieser noch ein Jünger Johannes des Täufers gewesen und von seinem Bruder Andreas zu Christo hingeführt worden war. Schon damals hatte Jesus sogleich erkannt, was Er von Petrus erwarten konnte, und weissagend gesprochen: „Du bist Simon, Jonas Sohn, von nun an sollst du Kephas heißen.“ Petrus war daher schon zum Glauben gekommen, daß Jesus der verheißene Messias sei; aber er war noch kein Apostel Jesu geworden. Er sowohl, wie die übrigen Jünger, welche Jesus an sich gefesselt hatte, hatten sich nach wie vor noch mit ihrem irdischen Berufe beschäftigt und noch gar nicht daran gedacht, denselben sobald aufzugeben, um sich dem Dienste Christi ausschließlich zu widmen. Jetzt aber trat der Wendepunkt ihres Lebens ein, Jesus berief sie zu Seiner beständigen Begleitung und zur Thätigkeit für Sein göttliches Reich.

Am Gestade des Sees Genezareth standen zwei Schifflein. Eins gehörte dem Petrus und Andreas, das andere dem Johannes und Jacobus. Sie hatten die ganze Nacht gearbeitet, des süßen Schlafs entbehrt, Frost und Nässe ausgestanden, sich den Gefahren des Wassers ausgesetzt und trotz aller Mühe doch nichts gefangen, und saßen jetzt am Ufer und reinigten ihre Netze. War das Zufall gewesen, daß sie nichts gefangen hatten? Gewiß nicht; es gibt keinen Zufall in der Welt. Segen und Unsegen, Gelingen und Mißlingen kommt vom Herrn, und Er hat dabei Seine weisen und gnädigen Absichten. Wenn Gott gibt, will Er uns segnen, und wenn Er versagt, will Er uns nicht minder segnen; nur daß dort der Segen offenbar zu Tage liegt und mehr ein äußerlicher ist, während er sich hier verbirgt und mehr eine innere und geistige Natur annimmt. Das Mißlingen nämlich führt uns recht handgreiflich auf unsere Abhängigkeit von Gott, daß nicht wir es sind, die Etwas leisten können, sondern es der Herr allein ist, und wir nur Werkzeuge und Mittel sind in Seiner Hand, und lehrt uns Demuth. Das Mißlingen treibt uns sodann recht in's Gebet; wir haben's vielleicht eine Zeit lang vergessen, waren selbstzufrieden und stolz geworden, meinten: es müsse so kommen, oder schrieben uns den Erfolg selbst zu; da mahnt Er uns daran, daß wir ohne Ihn doch nichts vermögen. Das Mißlingen übt uns insbesondere in der Selbstverläugnung und im Brechen des eigenen Willens und in Unterwerfung unter Gottes Regierung; ein Mensch, der Alles durchsetzen und erzwingen kann, wird in der Regel übermüthig, verwegen, unleidlich, trotzig, und verlernt es ganz, daß auch Einer über ihm ist, dem er Rechenschaft ablegen muß. Das Mißlingen macht uns sogar mitleidiger und theilnehmender an Anderer Noth und Leiden. Wem Alles nach Wunsch geht und wer keinen Mangel und keine Sorge kennt, kann sich schwer in die Lage derer versetzen, die vom Ungemach und Mißgeschick hart betroffen werden, und wird leicht herzlos und unempfindlich. Ueberhaupt macht das Mißlingen das Herz los von der Welt und ist deßhalb oft ein größerer Segen, als das Gelingen; wir erkennen es in der Regel nur nicht gleich und müssen es erst hernachmals erfahren. Es ist auch eine Trübsal, und eine recht schwere; aber als solche eine neue Geburt, durch welche der alte Mensch stirbt und der neue in's Leben tritt. Das sollte auch Petrus erfahren mit den übrigen Fischern.

Jesus trat nämlich in sein Schiff, und bat ihn freundlich, es eine kleine Strecke vom Lande zu fahren, damit Er desto besser vom Volke gesehen und gehört werden könnte. Petrus that es, obgleich eben mit andern Dingen beschäftigt, mit der größten Bereitwilligkeit, nicht im mindesten ahnend, was diese That für ein Ereigniß bilden sollte in seinem Leben. Gott fängt einmal Seine Sachen sehr leise an und sagt Niemandem vorher, was Er mit ihm im Sinne hat. Jesus setzte sich; am Gestade lagerte sich das Volk, und so groß auch das Gewühl war, überall herrschte Ordnung und Stille. Jesus weihte nun das Schiff zu Seiner Kanzel und lehrte das Volk aus dem Schiff. Was Er lehrte, wird uns nicht angegeben; offenbar war es aber das Wort Gottes von der Menschen Seligkeit und den Bedingungen, dahin zu gelangen. Dies Wort verfehlte seinen Eindruck auf Petrus nicht; es war ihm diesmal naher gebracht, als je, denn aus seinem Schiffe heraus war es ja, wo es diesmal der Herr verkündigte; darum nahm Alles, was Jesus sagte, diesmal eine besondere Beziehung auf sein Herz; es war ihm bei jeder Wahrheit, die er hörte, zu Muthe, als ob er sagen müßte: „Das gilt mir!“ kurz, er fühlte sich ergriffen und angefaßt von dem Worte des Herrn, wie früher nie. Gewiß hatte dazu die Stimmung einen wesentlichen Antheil, in der er diesen Lehrvortrag mit anhörte, und diese Stimmung hatte er dem Mißlingen seiner Arbeit zu verdanken gehabt. Hören ^wir denn nicht auch in den Tagen der Trübsal mit ganz andern Ohren das Wort Gottes, als in den Tagen des Glücks? Findet da der Trost und die Ermahnung desselben nicht einen willigeren und empfänglicheren Boden, als zu andern Zeiten? Wahrlich, das menschliche Herz ist ein so hartes und schweres, daß wenn Gott Seinem Worte nicht mit der Noth zu Hülfe kommt, Er vielleicht keine einzige Seele in der Welt fände, die für Ihn Raum übrig hätte in ihrem Innern. Die Trübsal ist die Pflugschaar, die den Herzensboden lockert, daß er den Samen des göttlichen Worts aufnimmt. Die Trübsal ist der Thau, der am Abend eines schwülen Tages die welkende Blume erquickt. Hat sie ihr Werk verrichtet, dann kann Gottes Wort auch sein Werk verrichten, lebendig und kräftig und schärfer, denn kein zweischneidig Schwerdt. S o hatte es noch nie auf Petrus gewirkt, so groß war ihm der Herr in Seiner Würde und Heiligkeit noch nie nahe getreten, wie an diesem Tage. Petrus war nun ganz für Jesum gewonnen, und Jesus hatte unbedingte Gewalt über ihn.

Doch das war erst der Anfang, dieser Tag sollte ihm noch weit Größeres bescheeren. In seiner liebenden Fürsorge, die die leisesten Bedürfnisse der Seinen kennt und den geheimsten Wünschen zuvorkommt, die den Blöden gern das erste, schwerste Wort erspart, spricht Jesus zu ihm: „Fahre auf die Höhe, und werfet eure Netze aus, daß ihr einen Zug thut!“ Sonderbare Zumuthung! Das war ja gegen alle Fischerregeln, gegen alle menschliche Erfahrung und Klugheit. Hätte Petrus diese allein zu Rache ziehen wollen, er hätte antworten müssen: „Herr, Du bist ein Prophet Gottes und predigst gewaltig; was aber das Fischen betrifft, erlaube, das muß ich als gelernter und geübter Fischer besser wissen; auf der Höhe Hes Meeres gibt's nichts zu fangen, da sind keine Fische, jede Mühe wäre da von Neuem vergeblich.“ Aber nein, so antwortet Petrus dem Herrn nicht. Scheint auch der Erfolg nach menschlicher Berechnung zweifelhaft, das göttliche Ansehen Jesu entscheidet; Jesu Wort, das ihn überwältigt hat, gilt ihm mehr als seine Kunst und Erfahrung. Er antwortet: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf Dein Wort will ich das Netz auswerfen.“

Petrus fuhr nun mit seinem Bruder auf die Höhe des Sees und warf das Netz aus. Und siehe, auf die trübe Nacht folgt ein fröhlicher Morgen, auf den kindlichen Glauben der reichste göttliche Segen. Sie erhielten eine solche Menge von Fischen, daß die Netze ansingen zu reißen, daß sie dem Johannes und Jacobus, die im andern Schiffe waren, winken mußten, ihnen zu Hülfe zu kommen, daß beide Schiffe voll wurden bis zum Versinken, und Petrus es inne ward: „Das ist unmittelbarer, wunderbarer Gottessegen! nicht sein Werk und seine Arbeit, das kommt vom Herrn! Sein ist Beides, Silber und Gold; Sein sind auch die Fische, und Er läßt sie in's Netz gehen, wann und wo und wem Er will. Hundertfältig vergilt Er, was man um Seinetwillen thut oder leidet!“ Hätte Petrus Jesum nicht so bereitwillig in sein Schiff aufgenommen, niemals hätte das Wort Gottes ihn so reich gesegnet, niemals wäre der Fischzug so ergiebig ausgefallen. Wohlan, nimm auch du Ihn auf in dein Herz und in dein Haus; mache es zu einem Schifflein, in welchem Er dir vorpredigt Tag und Nacht, und höre Seiner Rede zu; auch du wirst reichen Gewinn davon haben, Er thut ja so gern über Bitten und Verstehen, Er segnet ja so gern, wer sich nur will von Ihm segnen lassen, Er segnet bisweilen auf eine Weise, die alles Berechnen beschämt und die kleinste Gefälligkeit, die geringste Versäumniß um Seinetwillen überschwänglich belohnt, Er segnet bisweilen wahrhaft wunderbar.

2.

Was hättest du nun aber an Petrus Stelle gethan nach solchem unerwarteten Segen? Ein undankbarer stolzer Mensch hätte sich gefreut und gedacht: Das ist ja heute ein ungewöhnlich glücklicher Zufall, das ist eine wahrhaft gerechte Entschädigung für die viele vorgebliche Mühe der vergangenen Nacht, - und das wäre Alles gewesen. Ach, ein undankbarer Mensch hört mit hörenden Ohren nicht und sieht mit sehenden Augen nicht, ob auch die ganze Natur, der Acker voll goldener Aehren, die Wiese voll Gras und Blumen, der Baum, der sich unter der Last der Früchte beugt, und ob auch die tägliche Erfahrung des Lebens und die Geschichte der Welt und die heilige Schrift auf allen. ihren Blättern ihm zuriefen: „Der Herr ist so gütig gegen dich, laß dich durch Seine Güte zur Buße leiten, und mache dich Seiner Güte durch deine Sünden nicht unwerth!“ - selbst unerwarteter Segen, selbst eine unvergleichlich göttliche Persönlichkeit, wie die Erscheinung Christi, reißt ihn nicht aus seinem Stumpfsinn heraus. Petrus war kein undankbarer Mensch, er ist eine edle Natur, und weil er das ist, erschrickt er über die Fülle der Wohlthat, fühlt seine Unwürdigkeit, fällt Jesu zu den Knieen und spricht: „Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch!“ Freilich, es lag ein Irrthum in seinen Worten; denn der Kranke und der Arzt, der Gefangene und der Erlöser, der Sünder und Christus gehören zueinander; der Eine kann den Andern nicht entbehren; der Sünder bedarf Christi wegen seiner Sünde, und Christus bedarf des Sünders wegen Seiner Gnade, um sie an ihm zu verherrlichen. Nirgends ist Er lieber als beim armen Sünder; und wie sollte der Sünder selig werden, wenn er keinen Heiland hätte? Aber der Gegensatz und Abstand zwischen Christo und Petro war allerdings da und so schroff und grell, wie möglich; Christus war der Allerheiligste und Petrus der unwürdige Sünder; Christus der Herrlichste und Petrus der Allernichtigste, Wurm und Staub. Auch war die dem Petrus widerfahrene Gnade so außerordentlich und über alle Maßen groß und unverdient, daß er ihr gegenüber erst recht seine Unwürdigkeit fühlte. Denn große Gnade beugt viel mehr als das strengste Gesetz und Gericht. Wohl bringt das Gesetz zur Erkenntniß der Sünde; aber die Gnade thut es noch weit mehr. Christus macht demüthiger durch Seine Huld, als Moses mit seinen Flüchen und Donnern. Es ging dem Petrus, wie dem Jacob, als er zurückkehrte aus Mesopotamien und beim Rückblick auf die erhaltenen Wohlthaten ausrief: „Herr, ich bin viel zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an Deinem Knechte gethan hast;“ wie dem David, als er die messianische Verheißung empfangen, und bestürzt fragte: „Herr, wer bin ich? und was ist mein Haus, daß Du mich bis hieher gebracht hast?“ wie der Prophet Ezechiel (16, 63.) spricht: „Daß du dich schämest und vor Schande deinen Mund nicht aufthun dürfest, wenn ich dir Alles vergeben werde, was du gethan hast.“ Je begnadigter, desto beschämter.

Wird Jesus nun seine Bitte erfüllen und ihn verlassen? Nimmermehr! Der Herr sah nicht auf die Worte, sondern auf das Herz des Petrus, und blieb. Petrus wußte nicht, was er sagte, wie dort auf Thabor, und hätte mehr als je die Leere seines Innern und die Lücke in seinem Leben gefühlt, wenn Jesus jetzt von ihm gegangen wäre. Im Gegentheil, Petrus war jetzt geeigneter denn je zum apostolischen Berufe, und die Stunde war gekommen, wo Jesus ihm denselben übertragen konnte. Er sprach daher zu Simon: „Fürchte dich nicht deßhalb, weil du ein schwacher, sündiger Mensch bist; gerade weil du das erkennst, kann meine Kraft in deiner Schwachheit mächtig sein; denn von nun an wirst du Menschen sahen; wie du jetzt auf mein Wort zwei Schiffe voll Fische gefangen hast, so sollst du fortan mit deinen Brüdern auf dem Meere der Welt Menschen zum Himmelreich fangen, und den irdischen Beruf in einen himmlischen, den leiblichen in einen geistlichen verwandeln; ja, der heutige Fischzug soll dir ein Bild, eine Ermunterung und eine Beruhigung sein für die neue Thätigkeit, zu der ich dich hiermit berufe. Und allerdings, er war ein herrliches Bild der späteren apostolischen Thätigkeit Petri; das Meer, auf dem er fischen sollte, war die Welt, die Fische in diesem Meere waren die Menschenseelen, das Netz, mit welchem diese Fische zu fangen waren, war die Predigt des göttlichen Worts; das Schiff, in welches die Fische aus dem Netz“ gebracht wurden, war die Kirche; der Steuermann desselben war Christus, und die Fischer waren die Apostel und alle Verkündiger des Evangeliums. Und es ist dem Petrus und ihnen Allen ergangen wie bei jenem Fischzuge. Sie haben manchmal die ganze Nacht gearbeitet, es sich Jahre lang in treuer Arbeit an den Seelen sauer werden lassen, und nichts gefangen, und immer von Neuem wieder die Netze ausgeworfen!, ohne zu ermüden und zu verzagen, Sie sind bei solchem Werk im Glauben und in der Geduld geübt worden auf alle Weise, und hätten manchmal die Hand zurückgezogen, wenn sie nicht gewußt, daß sie auf den Ruf und Befehl des Herrn standen, wo sie standen, daß zu rechter Zeit Sein Segen kommen und nicht ausbleiben werde, und daß sie auf das Wort und die Verheißung des Herrn sich verlassen konnten immer und ewiglich; und es ist auch für sie nach vielem Beten, Hoffen und Wirken zuletzt doch noch die Stunde gekommen, wo der Herr die Fische in die Netze, die Seelen in das Schiff der Kirche getrieben hat. . Gewiß hat Petrum die Erinnerung an seine Berufung zum Apostelamt bei Gelegenheit dieses Fischzuges später oft gestärkt unter den Mühen seines schweren Berufes. Der ihn hier überschwänglich segnete im Leiblichen, Er hat ihn wieder überschwänglich gesegnet im Geistlichen und es ihm gegeben, am ersten Pfingstfeste einen großen Menschenzug zu thun und dreitausend Seelen an einem Tage zum Herrn zu bekehren. Der ihn hier über alle Sorgen hinweghob und sich als Den bewies, der mächtig genug sei, ihn zu ernähren, Er hat auch später jedem etwa besorgten irdischen Mangel in Seiner Nachfolge abgeholfen und den treuen Arbeitern den Lohn gegeben, der ihnen zukam, so daß sie auf Seine Frage: Habt ihr je Mangel bei mir gehabt? antworten mußten: Herr, nie keinen! Auch die ersten Christen gingen viel mit diesem verheißungsreichen Fischzuge um. In einem malten Kirchenliede heißt es: „Heiland Jesus, Fischer der Menschen, der Erlöseten; aus dem Meere der Sünde entlockest Du die heiligen Fische der Woge des Feindes durch Dein süßes Leben.“ Auf den Siegelringen, Petschaften, Schalen und Bechern hatten sie gern das Bild eines Fisches; wenn sie das ansahen, freuten sie sich und dachten: „Ich bin auch so ein Fisch, mich hat der Herr Jesus auch gefangen.“ Die Anfangsbuchstaben der Worte: „Jesus Christus, Gottes Sohn, der Heiland,“ bildeten in der griechischen Sprache das Wort Fisch. Die Kirche selbst betrachtete man gern als das große Schiff, als die Arche Noah, welche die Gläubigen auf dem stürmischen Weltmeere birgt und rettet in den Hafen des ewigen Friedens.

„Fürchte dich nicht, denn von nun an wirst du Menschen sahen,“ sprach der Herr zu Petrus. Hat Er es auch zu uns gesprochen, Geliebte? Nein und Ja; nein, sofern wir die Worte im engeren, ja, sofern wir sie im allgemeineren Sinne auffassen. Nicht alle Seine Anhänger und Gläubigen hat Er zu Menschenfischern berufen, sondern nur die zwölf Apostel und die siebenzig Jünger; ausdrücklich sagt Paulus: „Er hat Etliche zu Aposteln gesetzt, Etliche zu Propheten, Etliche zu Evangelisten, Etliche zu Hirten und Lehrern;“ und Jacobus: „Unterwinde sich nicht Jedermann, Lehrer zu sein, und wisset, daß ihr desto mehr Urtheil empfahen werdet.“ Es gehört ein äußerer Beruf dazu, um im Dienste des Herrn lehrend und zeugend als Menschenfischer aufzutreten; diesen Beruf haben nur die Prediger in den Gemeinden, die Lehrer in den Schulen, die Eltern in den Familien, die Missionäre unter den Heiden und Juden. Aber zu einer gesegneten Wirksamkeit in solchem Dienste ist auch ein innerer Beruf erforderlich: Jesus berief Petrum erst, nachdem er das Wort Gottes gehört, geglaubt, befolgt hatte, nachdem ein höheres Geistesleben in ihm entzündet worden war. Ach, Viele haben im Laufe der Zeiten sich eigenmächtig zu Führern der Menschen aufgeworfen; sie haben aber auch nichts als Unheil und Verderben angerichtet, sie sind eine Pest der Menschheit gewesen, und von ihnen hat das Wort des Herrn gegolten: „Siehe, ich will an die, so falsche Träume weissagen, spricht der Herr, und predigen dieselben und verführen mein Volk mit ihren Lügen und losen Theidingen, so ich sie doch nicht gesandt und ihnen nichts befohlen habe, und sie auch diesem Volke nichts nütze sind, spricht der Herr“ (Jer. 23,32.); von ihnen hat das Wort gegolten: „Alle, die vor mir gewesen sind, die sind Diebe und Mörder gewesen“, und das andere: „Sie sagen, sie seien Apostel, und sind es nicht, sondern sind als Lügner erfunden.“ (Offbg. 2,2.) Aber auch die wahren Menschenfischer, die es durch, innern und äußern Beruf waren, Jesus hat sie nicht mit einem Mal berufen, sondern allmählig, nach und nach herangezogen und gebildet. Monate lagen zwischen jenem Tage, wo Er zu Petrus sprach: „Du bist Simon, Jonas Sohn, von nun an sollst du Kephas heißen“, und dem Augenblick unseres Textes, und Jahre vergingen wieder, bis der Himmelfahrtsund Pfingsttag anbrach und Jesus Seine Jünger aussandte unter alle Völker. Im engeren Sinne des Worts gilt demnach der Textausspruch nur von Einigen. - Von Allen aber gilt das Wort: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen;“ von Allen gilt die Ermahnung: „Betet untereinander, betet ohne Unterlaß, so ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen zuerst thue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.^ Wandel und Gebet, das ist es, was der Herr von uns Allen fordert, wodurch wir Alle Menschenfischer werden können in Seinem Dienst und Seelen für Sein Reich gewinnen. Möchten wir es nur Alle recht sein und werden, daß die Lüge der Zeit besiegt würde durch unsere Wahrheit, ihr Haß durch unsere Liebe, ihre Treulosigkeit durch unsere Treue, und die Klage zu Schanden werde, die schon vor zweihundert Jahren ein großer Mann in der Kirche erhoben hat: Christus hat viele Diener, aber wenig Nachfolger.

„Fürchte dich nicht, denn von nun an wirst du Menschen sahen,“ sprach der Herr zu Petrus. Einfacher und schmuckloser konnte Er in der That die große Wahrheit nicht ausdrücken. Unstreitig hätte Er die Herrlichkeit des apostolischen Amtes und die Erfolge desselben für Erde und Himmel, für Zeit und Ewigkeit, viel rednerischer, prunkvoller und glänzender darstellen und ausmalen können, die Gabe der Rede stand Ihm ja auch zu Gebote, wie Ihm Alles zu Gebote stand; aber Er liebte es, das Größte so einfach und anspruchlos wie möglich zu sagen, wie Er ja auch das Erhabenste so einfach wie möglich that, ja, das Erhabenste so unscheinbar wie möglich war. Person, Wort, That stimmte bei Ihm immer auf's Vollkommenste überein und bildete allezeit Ein wahrhaft göttliches und einziges Ganze. Auch wenn Er wenig gesagt zu haben schien, hatte Er doch sehr viel gesagt; innere Größe und äußere Demuth ging bei Ihm allezeit Hand in Hand.

In seinem vollen, ganzen Umfange verstanden Petrus und Andreas, Johannes und Jacobus das Textwort des Herrn wohl nicht; der Beruf und die Gnade Gottes ist allemal größer, als unsere Erkenntniß von demselben; wie auch Paulus schreibt, daß die Liebe Christi in ihrer Tiefe und Höhe, Länge und Breite alle Erkenntniß der Menschen unendlich übertreffe. Doch führeten sie die Schiffe zu Lande und verließen Alles und folgten Ihm nach; folgten ohne Zaudern und Bedenken dem an sie ergangenen Rufe, bereit an Christi Seite sich zum höheren Lebenswerke geschickt zu machen. Innerlich waren sie jetzt los von Allem, und stellten nun auch alles Aeußere in des Herrn Hand; gelegentlich wohl noch einige Zeit das alte Geschäft betreibend, die meiste Zeit aber Christi Begleiter auf Seinen Wegen und Zügen, die täglichen Ohrenzeugen Seiner holdseligen Worte, die täglichen Augenzeugen Seiner göttlichen Thaten, bis der Himmelfahrtstag ihre Ausbildung vollendet hatte und sie ausgehen konnten in alle Welt und predigen das Evangelium aller Creatur. Das ist die Schlußforderung, die auch uns Allen gilt: Alles verlassen und Christo nachfolgen. In dieser Schlußforderung liegt das ganze Christenthum. Indem wir nämlich Alles verlassen, was Welt und Sünde heißt, thun wir Buße; indem wir Christo nachfolgen, bezeugen wir unsern Glauben an Ihn: in Buße und Glaube aber besteht das Christenthum. Je mehr wir Alles verlassen, desto bußfertiger sind wir; je mehr wir Christo nachfolgen, desto mehr wächst und begründet sich der Glaube in unserem Herzen. Nicht eifrig und treu genug kann daher lebenslänglich jenes Verlassen und Nachfolgen betrieben werden. Seinen Höhepunkt erreicht es einmal vollends im Tode; da müssen wir Alles verlassen, was wir hienieden unser nannten und was todt ist und dem Tode angehört, da müssen wir Christo nachfolgen in's Gericht, und es kommt dann darauf an, ob wir die Seinen sind, oder nicht, ob Er uns selig machen könne, oder verdammen müsse. Wohlan, laßt uns freiwillig Alles jetzt schon verlassen, ehe uns einmal unfreiwillig Alles verläßt im Tode; laßt uns Christo jetzt schon nachfolgen im Glauben und Lieben, Leben und Leiden, damit wir Ihm dereinst nachfolgen können in den Himmel und in die Seligkeit. Laßt uns täglich beten:

Ach, segne, die Du hier auf Erden
Zu Menschenfischern hast gemacht;
Laß ihren Zug sehr reichlich werden,
Und sei mit ihnen Tag und Nacht,
So zieh'n sie uns zu Dir empor
Und aus dem Sündenschlamm hervor.

Zuletzt führ' auch mein Schiff zu Lande
Und bei des Himmels Ufer an,
Daß ich an diesem sichern Strande
Mit Freuden Anker werfen kann;
Dann lass' ich alles Ungemach
Und folge Dir, mein Jesu, nach.

Amen.

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