Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Achte Predigt. Berufung des Matthäus.

Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Achte Predigt. Berufung des Matthäus.

Text: Matth. IX. V. 9-13.
Und da Jesus von dannen ging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus, und sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgete ihm. Und es begab sich, da er zu Tische saß im Hause: siehe da kamen viel Zöllner und Sünder, und saßen zu Tische mit Jesu und seinen Jüngern. Da das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isset euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Da das Jesus hörete, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Gehet aber hin, und lernet, was das sei: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit, und nicht am Opfer. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen, und nicht die Frommen.

Eine köstliche Geschichte! Die Geschichte von der Berufung des Matthäus zum Jünger und Apostel des Herrn! Was können wir mehr sein, als Jünger und Jüngerinnen Jesu Christi? Das ist das höchste Ziel, nach dem hienieden zu ringen ist. Wir erreichen es aber am besten, wenn wir in die Fußtapfen der Urjünger und Jüngerinnen der Apostel und Evangelisten eintreten. Laßt uns also sehen, wie Jesus den Matthäus aus einem Zöllner zum Apostel macht, und l) die Geschichte und 2) die Begründung dieser Berufung in's Auge fassen.

I.

Es war im Spätherbst des ersten Lehrjahres, als Jesus zu Kapernaum im Angesicht vielen Volks, auch der Pharisäer und Schriftgelehrten, die aus allen Märkten von Galiläa und Judäa und von Jerusalem gekommen waren (Luc. 5,17.), einem Gichtbrüchigen die Sünden vergeben und dann ihn geheilt hatte. Und sie entsetzten sich Alle und preiseten Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat, und wurden voll Furcht und sprachen: Wir haben heute seltsame Dinge gesehen. (V. 26.) Nun ging Jesus aus der Stadt Kapernaum heraus und wandelte an dem nahebei liegenden See Genezareth. Da steht Er einen Zöllner am Zoll sitzen, vermuthlich zur Erhebung des Wasserzolls von den Schiffen, die über den See fuhren. Marcus und Lucas nennen den Zöllner Levi nach seinem früheren Namen, Matthäus nennt ihn, oder vielmehr sich selbst, nach dem neuen Namen, den er in der Gemeinschaft Jesu geführt, Matthäus. Keine Menschenklasse war den Juden verhaßter, als die Klasse dieser Zöllner. Sie machten ihnen bei jedem Schritt im bürgerlichen Gewerbe ihre Abhängigkeit von den Römern fühlbar; eine Abhängigkeit, die den Juden, welche sich noch immer für das auserwählte Volk Gottes hielten und eben darum keiner fremden Regierung Gehorsam und Abgaben schuldig zu sein glaubten, äußerst drückend und zuwider war. Die Oberzöllner waren meistentheils Römer, also Heiden; aber auch die Unterzöllner, an welche Jene für einzelne Gegenden und Städte gegen eine bestimmte, ihnen jährlich zu entrichtende Summe Geldes die Erhebung der Steuern verpachtet hatten, wenn sie auch an sich Israeliten waren, standen doch mit den Heiden, mit ihren heidnischen Vorgesetzten sowohl als mit fremden heidnischen Handelsleuten, in fortwährender Verbindung, und waren auch darum den Juden ein Gegenstand des Hasses und Abscheues. Endlich aber forderten sie die oft willkürlich erhöheten Steuern gar rücksichtslos ein, und ließen sich dabei viele Ungerechtigkeiten, Erpressungen und Plackereien zu Schulden kommen. Daher hatten bei den Juden die Worte:, Zöllner und öffentlicher Sünder dieselbe Bedeutung, der Stand derselben galt in ihren Augen als ein ehrloser, sie vermieden den Umgang mit ihnen wie die Pest, sie sahen jede Familie als beschimpft an, wenn ein Glied derselben ein Zöllner war, sie legten sogar das von den Zöllnern erhaltene Geld an einen besondern Ort, getrennt vom übrigen Gelde. - Wie aber keine Regel ohne Ausnahme ist und es in jedem Stande brave, rechtschaffene Menschen gibt, so gab es auch unter diesen Unterpächtern mehrere, die sich von den Fehlern ihrer Standesgenossen fern hielten, und gerecht, uneigennützig und gottesfürchtig lebten. Von solchem Charakter war entschieden der Zöllner, welcher bei Kapernaum den Zoll einforderte, unser lieber Matthäus. Auch hatte er bereits mancherlei göttliche Anregungen erhalten. Er wohnte ja zu Kapernaum, an einem Orte, wo Jesus so viele Wunderwerke verrichtet hatte und bei dem fortwährenden Durchzuge der Reisenden und der Pilger-Caravanen das Gerücht von Seinen anderwärts vollbrachten Krankenheilungen und Reden allgemein verbreitet war, alle Herzen beschäftigt und begeistert hatte. Hier hatte Jesus den Knecht des römischen Hauptmanns durch ein Wort Seines Mundes wieder hergestellt, hier hatte Er das Fieber bei der Schwiegermutter Petri gehoben; hier hatte Er den tobenden Sturm auf dem See Genezareth sofort beschwichtigt und die brausenden Meereswogen geglättet und geebnet; hier hatte Er zuletzt den Gichtbrüchigen befreit von seinem schmerzenreichen und langwierigen Leiden. So war Matthäus nicht nur zu einiger Kenntniß und Erkenntniß von Jesu, sondern auch zu einigem Glauben an Ihn gelangt, ja, er war sogar schon (Matth. 4,18. s. Marc. 3,13-19.) von Jesu mit den übrigen Jüngern zum Apostel gewählt worden, gerade wie Petrus vor seinem entscheidenden Fischzuge. Allein er war darauf mit Bewilligung des Herrn wieder an seine Zollbude zurückgekehrt, indem er der Natur der Sache nach nicht so schnell sein Zollamt verlassen konnte, wie Johannes und Petrus ihre Fischernetze, und erst noch mancherlei Auseinandersetzungen mit seinem Oberpächter vorzunehmen und mit vielen Andern Abrechnung zu halten hatte. Auch hatte er in dieser Zwischenzeit, wo er, getrennt von den übrigen Jüngern, seine weltlichen Geschäfte ordnete, Zeit genug gehabt, zu überlegen, ob der erste Ruf und die erste Nachfolge Christi nur flüchtige Aufwallung seines Gefühls und seiner Phantasie oder tieferes heiliges Herzensbedürfniß gewesen war, ob er seine Hand an den Pflug gelegt, um wieder zurückzusehen, oder weil das Eine, das Noth thut, das beste Theil, das nicht von uns genommen werden soll und dessen Wahl uns nie gereuen kann, seine ganze Seele erfüllt und überwältigt hatte. Jetzt war er mit dem Allen fertig, seine Berufung gereute ihn nicht, und es bedurfte nur eines Winkes vom Herrn, und er war gerüstet zum Aufbruch und zur Nachfolge. Und sehet, wie immer, zur rechten Stunde kam dieser Wink. Der Herr, von dem Niemand erwartete, daß Er die verachteten Zollleute auch nur eines Blicks werth halten würde, trat eines Tages an die Zollbank, an welcher Matthäus saß, und sprach zu ihm: „Folge mir nach!“ Und Matthäus besprach sich nicht lange mit Fleisch und Blut, sondern verließ Alles, nahm mit Freuden Abschied von dem Treiben der Welt und einem Berufe, der versuchungsreich, wie kaum ein anderer, für seine Seele war, stand auf und folgte Jesu nach.

Liebliche Geschichte! Möchte sie sich oft in der Welt und Christenheit wiederholen! An Zöllnern und Sündern fehlt es ja unter uns nicht; es sind ihrer nur zu viele da. Wenn wir z. B. unsern Beruf nicht aus Gehorsam gegen Gott und aus Liebe zu unseren Nebenmenschen gewissenhaft abwarten, sondern allein unsern Gewinn, unsere Eitelkeit, unsern Ehrgeiz dabei im Auge haben: sind wir dann nicht Zöllner? Wenn wir den Mammon zu unserm Götzen machen, und nach dem Gelde den Werth der Personen, der Arbeit, der Zeit, der Gegenstände um uns her beurtheilen, für das Geld nur Sinn und Verlangen haben: sind wir dann nicht Zöllner? Wenn wir im täglichen Verkehr uns Ungerechtigkeiten, Bedrückungen, Verkürzungen, List und Betrug aller Art erlauben, dem armen Arbeiter den Lohn abpressen, das gegebene Wort brechen, Treue und Redlichkeit verletzen, und hart und unbarmherzig mit denen umgehen, die in ihrem Erwerbe von und abhängig sind: sind wir nicht Zöllner? Wenn wir vor lauter irdischem Thun und Treiben des Gebetes, des göttlichen Worts, der Kirche, des Todes und der Ewigkeit vergessen; wenn wir irgend einer Sünde wissentlich und geflissentlich nachhängen, wenn wir irgend einem bestimmten Gebote Gottes gegenüber geradezu sprechen: Ich will nicht, ich will nicht! wenn wir noch entfremdet sind von dem Leben, das aus Gott ist: was sind wir anders, als Zöllner? Ach, und es hält sehr schwer für den natürlichen Menschen, seine Zollbank zu verlassen und aufzustehen und Christo nachzufolgen; es hält sehr schwer, sich für den Sünder, der man ist, anzusehen und die Nothwendigkeit der Buße und des Glaubens zuzugeben. Es ist leicht, sich für körperlich krank zu erkennen, weil die Krankheit sich durch ihre Schmerzen fühlbar geltend macht; es ist aber schwer, sein Sündenelend zu erkennen, weil die Sünde in ihrer Schlauheit den Menschen in Schlaf und Sicherheit einwiegt, und er jene Sicherheit für Herzensruhe, jenen geistigen Schlaf für göttlichen Frieden hält und in dem Wahne forttaumelt, es fehle ihm nichts, er sei auf dem allerbesten Wege. Der Sünder fürchtet sich in dem Zustande ordentlich vor Christo, als dem Feinde aller wahren Freude und Lust. Er läßt sich durch die Macht seiner Neigungen und Leidenschaften von jedem ernstlichen Entschlüsse abhalten. Er findet bald die Hindernisse zu groß, bald die Lockungen zu klein, als daß er sich entscheiden sollte für den Herrn und Sein Reich. Er meint, das Sichtbare sei auch das Sichere, das Unsichtbare aber das Unsichere, und da sei es gerathener, das Sichere dem Unsicheren vorzuziehen. O wenn wir nur einmal mit rechtem Ernst es über uns gewönnen, der rufenden Stimme Christi Gehör zu geben und alle unsere Zweifel und Bedenken, wie Matthäus, zu überwinden: uns wäre für immer gründlich geholfen. Der Matthäus berufen, Er hat auch uns, o wie oft schon! berufen. Der Matthäus angenommen, Er würde auch uns annehmen. Er ist der Freund der Zöllner und der Sünder. Wen hätte Er je verstoßen, der sich bußfertig und gläubig an Ihn gewandt? Sprich also nicht: „Ich bin zu sündhaft, ich bin verloren“; du hast einen Arzt, der mächtiger ist, als deine Krankheit, der dich heilen kann und heilen will und schon Tausende geheilt hat. Hat Er dir das Dasein gegeben, als du noch nicht warest, so ist's Ihm ein Leichtes, dich zu ändern und zu bessern, nachdem du das Dasein empfangen und nur es verkehrt angewandt hast. Sprich nicht: „Ach, ich bin ein Zöllner!“ - aus Zöllnern kann Er Evangelisten machen. Sprich nicht: „Ich bin ein Lästerer!“ - die Lästerer beruft Er zu Aposteln. Sprich nicht: „Ich bin ein Räuber!“- den Räubern, wenn sie sich bekehren, schenkt Er das Paradies. Sprich nicht: „Ich bin ein Zauberer!“ - '^ auch Zauberer lehrt Er den Herrn anbeten. Es gibt keine Sünde, wie groß und alt sie auch sei, die nicht durch Christum weggenommen werden könnte. Gerade darum hat Christus zu Seinen Jüngern auch Solche gewählt, welche den Gipfel der Sündigkeit erreicht hatten, damit Niemand eine Entschuldigung habe, wenn er sich nicht bekehrt. Wer nur ein Zünder ist in seinem Wesen, Und will aus eigenen Kräften nicht genesen, Und liegt zu Jesu Füßen wie erstorben, Von denen ist kein Einziger noch verdorben. Und war er wie ein Panther, wird zum Lamme, Und war' er kalt wie Eis, er wird zur Flamme, Und wär' er todt wie Stein, er wird zum Leben, Und ihm wird Kraft und Heil und Seligkeit gegeben.

II.

Einige Tage nach seiner Berufung stellt Matthäus ein großes Gastmahl in seinem Hause an, theils wohl, um Abschied von seinen alten Bekannten zu nehmen, theils um auch ihnen Gelegenheit zu geben, Jesum kennen und lieben zu lernen. Er beschloß mit diesem Mahl sein Zöllnerleben und begann seine Jüngerlaufbahn. Viele seiner bisherigen Genossen, Zöllner und Sünder, Menschen von schlechtem Rufe, meist Uebertreter des sechsten und siebenten Gebotes, fanden sich ein, und nie ist wohl bei einem Gastmahl eine solche Gesellschaft der verschiedenartigsten Menschen zusammengekommen. Auf der einen Seite Jesus und Seine Apostel, auf der andern jene verrufenen Zöllner und Sünder: das Heiligste und das Sündigste, Licht und Finsterniß, Himmel und Hölle dicht nebeneinander. Das hören die Pharisäer, und es ist ihnen gerade recht, daß Jesus sich also benahm und ihnen einen Grund an die Hand gab, Ihn beim Volke verhaßt zu machen. Es ist sehr wohl möglich, daß sie dieselben waren, welche unmittelbar vor unserem Texte beim Gichtbrüchigen so feindselig gegen Jesum sich benommen hatten. Dort hatten sie Anstoß genommen an Seinem Ausspruch: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“ und Ihn für einen Gotteslästerer verschrieen; hier nehmen sie wieder Anstoß an Seiner Sünderliebe und äußern sich mißbilligend darüber. Dort war ihnen Seine hohe Würde und Wundermacht ein Dorn im Auge, hier mißfällt ihnen Seine tiefe Erniedrigung und Herablassung. Nichts ist ihnen recht an Jesu. Er mag es anfangen, wie Er's will, immer hat Er es bei ihnen verspielt. Ihm selbst Vorwürfe darüber zu machen, getrauen sie sich nicht, sie wenden sich daher an Seine Jünger und sprechen: „Warum isset euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Wie kann ein solcher Mann, wie Er, sich so gemein machen und wegwerfen?“ Und allerdings, auf den ersten Blick scheint ein Widerspruch zu sein zwischen Jesu Heiligkeit und Jesu Sünderliebe. Die heilige Schrift stellt Ihn überall dar als den allein Gerechten, der von keiner Sünde wußte, der nie eine Sünde gethan hat und ist kein Betrug in Seinem Munde erfunden worden; als Den, dem es gebührte, alle Gerechtigkeit zu erfüllen; als den Hohenpriester, der da war heilig, unschuldig, unbefleckt, und von den Sündern abgesondert und höher, denn der Himmel ist, und der da liebet Gerechtigkeit und hasset gottloses Wesen. Und nun finden wir Ihn in einem vertraulichen Umgange mit Menschen, derer sich alle ehrbaren Leute schämen, und man pflegt doch sonst Jeden an seinem Umgang zu erkennen und kann von den Freunden auf den eigenen Charakter zurückschließen. Ja, sehen wir auf Jesu Regiment in der Kirche, so erblicken wir dasselbe Verhältniß durch achtzehn Jahrhunderte. Es sind nicht allein oft sehr arge Sünder gewesen, die sich Seiner Gnade erfreuten; es ist nicht allein ein tobender Verfolger, der Sein thätigster Apostel; es ist nicht allein ein sehr schwacher Konstantin, der Sein erster Bekenner auf dem Thron, ein sehr verirrter Augustinus, der Sein feurigster Verkündiger geworden ist; sondern auch Seine übrigen Nachfolger und Jünger sind daran kenntlich, daß sie sich vor allen andern Menschen demüthigen wegen ihrer Sünden, daß sie mehr als alle Anderen vom Verderben des menschlichen Herzens reden, und sich die größten und vornehmsten unter den Sündern nennen. Jesus löset aber diesen Widerspruch herrlich durch ein Sprüchwort, ein Schriftwort und ein Jesuwort.

Ein Sprüchwort zuerst: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“ In der That, die Sünde ist eine Krankheit, und zwar die Krankheit aller Krankheiten. Sie hindert den Gebrauch des Geistes und macht ihn blind gegen das Licht der göttlichen Wahrheit und taub gegen die Stimme des göttlichen Worts; und ist Blindheit und Taubheit nicht eine schreckliche Krankheit? Sie erregt in der Seele das glühende Fieber der Leidenschaften; und verzehrt das anhaltende Fieber nicht alle Kraft und alles Mark des Lebens? Sie ergreift und lähmt nicht bloß einen einzelnen Theil der Seele, sondern die ganze Seele nach allen ihren Vermögen, Verstand, Herz und Willen, Urtheils- und Gedächtnißkraft, wie ein Gift, das seine zerstörenden Wirkungen durch alle Adern und Säfte des Körpers verbreitet. Sie steckt an, wie die Pest, die durch die Luft oder die Berührung fortgetragen wird, Geschlecht auf Geschlecht, Jahrhundert auf Jahrhundert. Sie trennt das kranke Glied von seinem Zusammenhange mit dem Leibe, trennt den Geist von seinem Zusammenhang mit Christo; das vereinzelte, gelöste Glied will dann Mittelpunkt und Alles sein. Sie schmerzt endlich und thut wehe, wie jede Krankheit, und bereitet nichts als Leiden und Qualen am Leibe und an der Seele. Ach, der Sünder ist kein glücklicher Mensch! Im Rausch der Sünde bildet er es sich wohl ein, es zu sein; aber in der Wirklichkeit ist er es nicht. So lange er bewußtlos forttaumelt, hält er Krankheit für Gesundheit, Elend für Glück; sowie er zum Selbstbewußtsein erwacht, fühlt er um so mächtiger die Oede und Verlassenheit seines Innern. Es geht mit der Sünde, wie die Schrift sagt (Jes. 57,24), wie mit einem ungestümen Meere, das nicht stille sein kann und beinahe mit jeder Welle Koth und Schlamm auswirft. - Die Kranken aber, sagt das Sprüchwort, bedürfen des Arztes, die Sünder bedürfen des Heilandes. Je kränker und sündiger sie sind, desto mehr bedürfen sie der Pflege und Heilung. Es passen daher Christus, der Arzt der Menschheit, und diese Kranken recht eigentlich zueinander. Beide bedingen einander, sind einander unentbehrlich. Die Sünder, sobald sie erst ihr Elend fühlen, können es ohne Christum nicht aushalten; und Christus, der Heiland, kann es ohne die Sünder auch nicht aushalten; zu den Schwächsten, Elendesten, Verkommensten, Verwundetsten, Verzweifeltsten, fühlt Er sich am meisten hingezogen, wie eine liebende Mutter zu dem am meisten leidenden Kinde. Nur die Starken, die sich für gesund und stark halten und in ihrer Selbsttäuschung kein Bewußtsein ihrer Gefahr haben, verlangen nach keinem Arzte; sie sind sich selbst genug. Kein größeres Hinderniß kann es daher geben für das Christenthum, als der pharisäische Herzensstolz, und leichter ist es, grobe Sünder zu bekehren, als hochmüthige und eingebildete Gerechte. Ja, alle anderen Laster sind eigentlich mehr menschlichen, - der Stolz aber ist recht eigentlich satanischen Ursprungs; alle anderen Laster, weil sie mit Schimpf und Entehrung verbunden sind, haben den Vortheil für sich, daß sie den Sünder beschämen, demüthigen und zur Buße vorbereiten, - der Stolz aber, wie er die widerwärtigste und zurückstoßendste Sünde ist, hält den Menschen von der Besserung durchaus zurück; Erinnerungen und Bestrafungen erbittern ihn nur noch mehr. Dagegen kann es kein größeres Beförderungsmittel der Buße und Besserung als die Demuth geben, die ihre Schwäche und Hülfsbedürftigkeit fühlt, die gering von sich hält und fleißig betet: Immer kleiner, immer reiner laß mich werden hier auf Erden. Werdet denn immer demüthiger, betet alle Tage: „Herr, mache mich demüthig!“ und ihr werdet euch nicht nur nicht stoßen an Jesu Sünderliebe, sondern sie erst recht von Herzensgrunde begehren und preisen.

An das Sprüchwort reiht Jesus für die auf das Alte Testament so stark pochenden Pharisäer ein Schriftwort aus demselben Alten Testament: „Gehet aber hin, und lernet, was das sei: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit, und nicht am Opfer“(Hoseas 6,6.), d.h. Gott verlangt an sich Beides, das Opfer und das Erbarmen, und wo das rechte Opfer ist, wird das Erbarmen auch nie fehlen. Mit größerer Bestimmtheit aber verlangt Er das Erbarmen der frommen Menschenliebe, als das Opfer des frommen Gottesdienstes. Wenn daher die Pharisäer nur kirchlich fromm sein wollten ohne die Bruderliebe, wenn sie nur das Opfer darbieten wollten, ohne das Erbarmen, oder gar in fanatischem Eifer mit der Unbarmherzigkeit verknüpft: dann verwirft Gott entschieden das erbarmungslose Opferwesen und erwählt sich lieber das nicht vom Opferwesen getragene freie, nackte Erbarmen. Somit erklärt Christus den Pharisäern in's Angesicht, daß sie es viel mehr an dem Wesentlichen fehlen ließen durch ihre Härte gegen die Zöllner, als die Zöllner, die da empfänglich wären für die Wahrheit und Buße thäten. Unter allen Werken der Barmherzigkeit sei aber das alleredelste, wenn man den Sünder bekehren und selig machen könne; dieses Werk wolle Gott; und darum handle Er, Christus, ganz im göttlichen Sinne, indem Er sich nicht von den Zöllnern zurückziehe, sondern sie aufsuche, sie zu bekehren und zu bessern sich bemühe; Er gehe ja nicht mit den Sündern als Sünder um, sondern als der liebreiche Arzt und Helfer derselben. Sein Verfahren widerspreche also Seiner Heiligkeit nicht, stehe vielmehr im vollen Einklang mit derselben; Seine Erniedrigung sei ja der Zöllner Erhöhung, und darum auch Seine Erhöhung; Seine Sünderliebe bezwecke ihre Heiligung und, darum auch Seine Verherrlichung; Heiligkeit und Sünderliebe. seien bei Ihm Eins.

Endlich schließt Jesus das Ganze mit einem Seiner häufigsten Lieblingsworte: „Ich bin gekommen, die Sünder, die sich für Sünder erkennen, zur Buße zu rufen, zur Sinnesänderung aufzufordern, und nicht die Frommen, die sich gut genug vorkommen, sich in ihren Gedanken über Andere erheben und von keiner Sünderliebe wissen wollen, Seine Liebe umfasse Alle, die derselben nur irgend empfänglich seien. Ihr wißt, auch zu Nicodemus sprach der Herr: „Des Menschen Sühn ist nicht gekommen, daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt durch Ihn selig werde.“ Ihr wisset, zu Zachäus sprach Er ebenfalls: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn des Menschen Sohn ist kommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Auf gleiche Weise schloß Er (Matth. 18, 11.) Seine Rede an die Jünger, als sie die Mütter abhalten wollten, ihre Kindlein zu Jesu zu bringen. Welch ein Trost aber liegt in diesem Seinen Lieblingswort, wenn wir es uns aneignen und sprechen dürfen: „Jesus nimmt die Sünder an; mich auch hat Er angenommen, mir den Himmel aufgethan, daß ich selig zu Ihm kommen und auf den Trost sterben kann: Jesus nimmt die Sünder an!“ Und welch ein Vorbild, das auch uns ermuntert, nur dann den Umgang mit den Gottlosen zu meiden, wenn sie uns nachtheilig werden können und wir uns zu schwach fühlen, ihnen Widerstand zu leisten; dann aber sie nicht aufzugeben, noch müde zu werden und den Muth sinken zu lassen, wenn die Liebe Christi uns dringt, an ihrer Rettung zu arbeiten! Und welch eine Mahnung an uns zur Selbstprüfung: wie es denn mit unserm Umgang in der Welt stehe? ob wir auch bei demselben von Christi Gnadenabsicht geleitet werden oder nicht? ob wir es uns auch angelegen sein lassen, in unseren Gesellschaften und Gastmählern nicht zu prunken mit unserm Christenthum, und unsere Frömmigkeit zur Schau zu tragen, oder mit der Thür in's Haus hinein zu fallen, um Andere absichtlich zu bekehren, wohl aber, wenn ungesucht sich die Gelegenheit darbietet, Zeugniß von Christo abzulegen, sie auch zu benutzen und dem Herrn Seelen zu gewinnen! Ach, ich fürchte, es geschieht in der Beziehung zu wenig unter uns, und könnte wohl viel mehr geschehen!

Auf diese Weise hatte Jesus den scheinbaren Widerspruch zwischen Seiner Heiligkeit und Sünderliebe durch Sein dreifaches Wort gelöst; am herrlichsten aber lösete Er ihn durch die That. Matthäus verließ wirklich Alles und folgte Ihm nach, und bezeugte nicht nur durch sein Gastmahl sein brennendes Verlangen, die Genossen seines früheren sündlichen Lebens auch zu Genossen seines neuen Glücks in Christo zu machen, sondern zeichnete sich auch in dem Kreise der Jünger so aus, daß ihn Jesus nicht nur zum Apostel, sondern auch zum Evangelisten machte; eine Ehre, die unter den Aposteln weder dem Petrus, noch Paulus, noch Andreas, sondern allein dem Matthäus und Johannes widerfahren ist. In seinem Evangelio machte er es sich zur Hauptaufgabe, den Juden zu beweisen, daß Jesus der verheißene Messias sei, und in den kleinsten, wie in den größten Zügen des Lebens Jesu die Erfüllung der vorbildlichen und prophetischen alttestamentlichen Worte nachzuweisen. Wie viele Juden sind im Laufe der Jahrhunderte durch das Lesen des Evangeliums Matthäi bekehrt worden! Wie viele Millionen preisen noch jetzt vor Gottes Thron den Segen, welchen sie seinen Darstellungen zu verdanken gehabt! Lange Jahre hindurch wirkte Matthäus zum Segen der Kirche, sowohl in Kleinasien, als in Aethiopien, und besiegelte endlich sein lebenslängliches Bekenntniß durch seinen freudigen Märtyrertod. An ihm sehet ihr, was aus einem Menschen werden kann, der sich Christo ganz ergibt, auf Gnade und Ungnade, auf Leben und Tod. Und wer weiß, was aus euch noch werden könnte zum Ruhm der göttlichen Gnade und zum Heil eurer Brüder, wenn ihr in seine Fußtapfen trätet. Aber wenn auch gerade nichts Großes aus euch würde, wenn ihr den Herrn nur in dem kleinen Wirkungskreise, in den euch Gott gestellt, bekennen könntet, wenn ihr nur einer Seele hülfet vom Irrthum ihres Weges, wenn ihr sogar zu denen nur gehörtet, die der Herr hienieden die Letzten nennt: ihr wißt, wer einer Seele vom Tode hat geholfen, das wird bedecken die Menge seiner Sünden, und die Letzten sollen dereinst die Ersten sein. Wohlan, werdet Jünger Jesu, ganz und gar, heute noch und für immer! Folget Ihm nach, damit ihr einst zu Seiner Rechten stehet und Seine Herrlichkeit sehet. Amen.

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