Arndt, Friedrich - 64. Andachten zum Jakobusbrief

Arndt, Friedrich - 64. Andachten zum Jakobusbrief

Jakobus 1

Zwei Apostel heißen Jakobus; man nennt zum Unterschiede den einen Jacobus den älteren, den andern Jacobus den Jüngern. Jener ist der Bruder des Evangelisten Johannes, und der erste Märtyrer unter den Aposteln; er wurde schon im Jahre 44 n. Chr. enthauptet. (Ap. Gesch. 12,2.). Dieser ist ein Sohn des Alphäus, hieß auch der Gerechte, und starb erst im Jahre 69 den Märtyrertod in Jerusalem, wo er so lange als eine Säule der Kirche Christi stand. (Gal. 2,9.). Er ist der Verfasser dieses Briefes und hat ihn an die hart verfolgten und gedrückten, sehr armen Christen aus den Juden in Palästina gerichtet, zu ihrem Trost und zur Stärkung in der Heiligung. Bei Jacobus, dessen Lehrweise sich an das Evangelium Matthäi anschließt, ist Alles auf die That, auf das werkthätige Christenthum gerichtet. Im Gegensatz gegen den todten und stolzen Verstandesglauben fordert er von Anfang bis zu Ende Haltung des Gesetzes als Lebensbeweis des christlichen Glaubens. Wer lebendigen Glauben hat, bewährt ihn daher unter den Leiden des Lebens und erträgt sie geduldig und standhaft, im Gebet zum Herrn, ohne zurückzuweichen vor feindlichen Angriffen, und erkennt gerade in seinen niedrigen Umständen etwas Erhebendes und dem Himmelreich näher Bringenderes als in allen Gütern der Erde, ja, ist fröhlich und getrost in der Hoffnung der Lebenskrone. Wer lebendigen Glauben hat, hört das Wort Gottes gern als den Samen seiner Wiedergeburt und nimmt es auf mit aller Stille und Sanftmuth, und läßt es beim bloßen Hören nicht bewenden, sondern macht das Hören fruchtbar durch die That. Ach, was hilft’s, wenn der Mund ganze Predigten wieder hersagen kann, und das Leben widerspricht? Wird das nicht ein größeres Urtheil häufen auf den Tag des Gerichts, des Herrn Wille gewußt und doch nicht gethan zu haben? Wer Gottes Wort hört und thut, der allein ist selig in seiner That, selig im Hören und selig im Thun, und hat in solcher Seligkeit schon ein Unterpfand und eine Bürgschaft der künftigen Seligkeit im Himmel. Es steht fest, daß der Mensch durch den Glauben an den Herrn Jesum allein selig wird; aber nicht minder fest, daß dieser Glaube Wesen, That und Wahrheit sein muß. Amen.

Jakobus 2

Auf den ersten Blick scheint ein Widerspruch zu sein zwischen Jacobus hier und Paulus im Briefe an die Römer, insbesondere 3,28, wo Paulus sagt: „So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werk, allein durch den Glauben.“ Allein Paulus hatte ganz anderen Gegner zu widerlegen als Jacobus. Jener hatte es mit solchen zu thun, die dem Christenthum dem Namen nach zwar anhingen, aber sonst in dem Wahne eines falschen Judenthums befangen waren, als könnten die äußerlichen Werke des Gesetzes, das halten des todten Buchstabens gerecht machen; daher nennt er sie auch Gesetzes Werke; Jacobus dagegen hatte es mit solchen zu thun, die vom Glauben reden, sich des Glaubens rühmen, und zeigen keinen Gehorsam. Paulus stellt dem ächten Glauben Werke des Gesetzes und Verdienstes entgegen und verwirft deren Verdienstlichkeit; Jacobus stellt dem todten Glauben die ächten Gottes- und Liebeswerke entgegen, bei denen man nichts Eigenes, Verdienstliches oder Ruhm sucht, sondern allein Gottes Ehre und des Nächsten Heil, und behauptet deren Nothwendigkeit zum Erweis des Glaubens, aber nun und nimmer deren Verdienstlichkeit zur Erlangung der Gerechtigkeit. Paulus bekämpft die Werkgenossen, Jacobus die Heuchler. Beide widerstreiten sich also so wenig, daß sie vielmehr einander bestätigen und dieselbe Sache von zwei verschiedenen Seiten beleuchten. Beide lehren, daß der lebendige Glaube sein Leben beweisen müsse durch Werke, die in Gott gethan sind und ein Glaube ohne diese Werke ein Mund- und Heuchelglaube sei, daß aber die Werke wohl rechtfertigen vor Menschen, aber niemals vor Gott, vielmehr da immer ungenügend und unverdienstlich sind. Gib mir denn, o Herr, den rechten Glauben und erhalte, belebe, mehre ihn immer mehr in mir, damit ich so viel Gutes thue, als ich kann, mir aber auf keines derselben etwas einbilde, sondern immer demüthiger werde und nur aus Gnaden die Seligkeit erwarte. Amen.

Jakobus 3

O Herr, der Du uns zur Buße einladest und langmüthig unsere Bekehrung erwartest, gib mir einen Reichthum an Langmuth und Sanftmuth. Es kocht in meinem Herzen des Zornes Gluth, so oft ich von meinem Nächsten einen geringen Schaden erleide. Ich bitte Dich daher demüthig, daß Du durch Deinen Geist diese Leidenschaft tödtest. Wie harte Worte, härtere Schläge und die härtesten Strafen hat Dein geliebter Sohn um meinetwillen ertragen, und schalt nicht wieder, da er gescholten ward, sondern stellte Alles dem heim, der da recht richtet! Welcher Stolz ist dies daher, welcher Trotz, daß ich, Staub und Asche, nicht einmal ein etwas hartes Wort ertragen und mit sanftmüthigem Herzen besiegen kann “Lernet, lernet von mir, denn Ich bin sanftmüthig,„ rufst Du aus, bester Christus; ich flehe Dich an, nimm mich in jene Uebungsschule des Geistes auf, daß ich wahre Sanftmuth in ihr lerne! Mit wie schweren und mannichfaltigen Sünden beleidige ich Dich, den gütigsten Vater, deren tägliche Vergebung ich bedarf! Warum wollte ich also, der ich ein Mensch bin, gegen den Menschen Zorn halten, und wagte von Dir, dem Herrn Himmels und der Erde, Vergebung zu fordern? Wenn ich dem Nächsten nicht seine Fehler vergebe, so werde ich auch nicht die Vergebung meiner Sünden hoffen können. Darum, Herr, voll Erbarmung und Langmuth, gib mir den Geist der Geduld und Sanftmuth, daß ich wegen der Beleidigungen des Nächsten nicht sogleich in Zorn gerathe, sondern denselben als einen Feind der Seele fliehe, oder wenigstens, wenn ich unvorsichtiger Weise hineingerathen bin, ihn eiligst dämpfe! Der Sonne Glanz soll über meinem Zorn nicht untergehen, daß er nicht als Zeuge meiner Wuth entweiche. Im Zorn soll mich der Schlaf nicht überfallen, daß er mich nicht im Zorn dem Tode übergebe. Wenn ich mich an einem Feinde zu rächen wünsche, warum wende ich mich nicht gegen meinen Zorn, der sicher der größte und schädlichste Feind ist, da er die Seele tödtet, und mich dem ewigen Tode aussetzt? Gib auch meinem Munde eine Wache und bei meinen Verrichtungen Klugheit, daß ich nicht durch Wort und That den Nächsten beleidige! Gib, guter Jesu, daß ich in die Fußtapfen Deiner Sanftmuth trete, und mit aufrichtigem Herzen den Nächsten liebe. Amen.

Jakobus 4

Ach mein Herr Jesu Christe, Du demüthiges, einfältiges und niedriges Herz, Du begehrest keine Ehre, Du fliehest alle Hoheit, Dein ganzes Leben ist nichts als Verachtung, Armuth und Schmerzen; dagegen ich, ach welch ein aufgeblasener Wurm bin ich. Stolze Augen, hoffärtige Gebärden, prächtige Worte, das ist meine Begierde und Lust. Verachtung kann ich nicht leiden, ich halte dieselbe für eine große Schmach, da ich doch nichts anders werth bin. ich halte mich viel zu köstlich, viel zu herrlich, Schmach und Verachtung zu leiden. Ach, vergib mir diese meine Thorheit, und nimm die Strafe von mir. Tilge aus allen Ehrgeiz in mir, daß ich nicht gleich werde dem Satan, der immer hoch sein, auf Gottes Stuhl sitzen und angebetet sein will. Dies sein Bild hat er mir auch eingehauchet. Ach, mein Gott, lehre mich doch mein Ende erkennen! Ist doch der Mensch ein Nichts, so lange er noch lebet. Ist doch Alles Dein, und nicht mein, was ich habe. Bin ich reich, wie blad kannst Du mich arm machen? Bin ich weise und verständig, wie bald kannst Du mich zu einem Thoren machen und das vernünftige Herz wegnehmen? Bin ich in großen Würden, wie blad kannst Du Verachtung auf mich schütten? Stehe ich jetzt, ach wie blad kann ich fallen? Bin ich stark, wie bald kann ich krank werden und sterben? Bin ich glücklich, wie bald kann sich das Glück wenden? Es ist nichts Beständiges, das ich habe; ich habe nichts, darauf ich mich ungezweifelt verlassen könnte, denn Dich allein. Mein Herr und Gott, gib mir, daß ich mein Herz von mir selbst und zu allem Zeitlichen abwende, zu Dir allein. Ach, ich habe mich mir selbst zum Abgott gemacht; ich schmeichle mir, ich liebkose, ich ehre immer mich selbst. Mein Gott, erlöse mich davon; gib, daß ich mich selbst hasse, verläugne, absage allem dem, das ich habe, sonst kann ich Dein Jünger nicht sein. Hilf, daß ich folge in Deinen demüthigen Fußtapfen, auf daß ich in Dir Ruhe finde für meine Seele. O du schmaler Weg des Kreuzes und der Niedrigkeit, wie bist du so wenigen bekannt, da doch unser Herr Christus diesen Weg gegangen ist in seine Herrlichkeit! O Gott, behüte mich, und leite mich auf ewigem Wege. Amen.

Jakobus 5

Beherzigenswerte Worte für hartherzige Reiche und für unterdrückte Arme! Insbesondere ermahnt der Apostel, geduldig auf das Kommen des Richters zu warten, der jedem geben wird nach seinen Werken, und nicht über ihre Drüber und Dränger zu seufzen, vielmehr ihrer Vorbilder, z.B. der Propheten und Hiobs zu gedenken, dessen Noth der göttliche Erbarmer so herrlich endete. Solche Erfahrungen haben ja eine ganz vorzügliche Kraft. Wie viel Trost, Stärkung und Rath würden wir in allen Fällen des Lebens entbehren, wenn die Exempel und Erfahrungen der Heiligen nicht in der Bibel aufbehalten wären! Daß wir nur mehr im Leben auf sie achteten und nicht immer es darauf anlegten, erst durch eigene Erfahrungen klug zu werden! – Darauf ermahnt Jacobus den unrecht Leidenden, ja nicht aus Ungeduld zu schwören und sich selbst zu helfen, sondern Hülfe durch Gebet bei Gott zu suchen; eben so den Kranken, der die Oelung, d.h. das Salben mit Oel als ein natürliches, damals gebräuchliches Heilmittel zu seiner Genesung unter Fürbitte gläubiger Gemeindevorsteher gebrauchte; und den geistlich Kranken, der seine begangenen Fehltritte dem andern bekannte, um ihn zu bewegen daß er mit ihm Gott um Vergebung dieser Vergehungen anriefe; denn rechtes Gebet wirkt in allen Fällen viel, wie die Gebete des Elias zeigen, viel mehr, als die Klugheit dieser Welt sich einbildet, mehr als der Verstand der Verständigen ermißt. Darum nur kühn gebetet! Sei es auch, daß es unmöglich dünke, der Himmel werde auf unser armes Gebet sich schließen und wieder öffnen, unser armes Gebet werde Einfluß haben auf die Lenkung der Dinge, auf den Gang der Ereignisse: o nicht zu berechnen ist der Zusammenhang, in welchem die Geister der Menschen unter einander und des Menschen Geist mit dem Geiste Gottes steht, der alle Dinge erforscht. Beten wir im Namen Jesu, so nehmen wir durch unser Gebet Theil an der Regierung der Welt, die Er in seinen Händen hat. Der Herr, der Gott des Elias, lebt noch, und es kommt nur darauf an, daß unser Glaube so fest und stark, so lebendig und herzlich sei, wie der seinige: so werden auch wir die Herrlichkeit Gottes sehen und erfahren in tausendfältiger, täglicher Erhörung. Amen.

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autoren/a/arndt_f/andachten/arndt-jakobus.txt · Zuletzt geändert: von aj