Arnd, Johann - Wie ein Mensch durch's Gebet die Weisheit Gottes suchen soll - Capitel IX.

Arnd, Johann - Wie ein Mensch durch's Gebet die Weisheit Gottes suchen soll - Capitel IX.

Beten wegen eigener Würdigkeit ist ja so große Sünde, als gar nicht beten wegen vorbegangener Sünde.

Luc. 15, 21.: Vater! ich habe gesündiget im Himmel und vor dir, und bin nicht werth, daß ich dein Sohn heiße.

So Einer betet wegen seiner Frömmigkeit oder Heiligkeit, bleibt er nicht in der Mitte und in der Einfalt, wie ein Kind, sondern lenkt sich zur Rechten, läuft vor Christo her, wie ein Dieb und Mörder, stiehlt ihm seine gebührliche Ehre (denn er allein unsere Gerechtigkeit, Würdigkeit und Frömmigkeit sein soll), und schreibt es seinen nichtigen Werken zu, als verdiene es der Mensch, und nicht Christus allein; als erhöre Gott das Gebet wegen menschlicher Werke, und nicht um seines Sohnes willen; da doch geschrieben steht: „Bei dir gilt Nichts, denn Gnad' und Gunst“, Ps. 130, 4. So wenig der Mensch hilft dem Sonnenschein: so wenig helfen unsere Werke der Gnade Gottes. Abraham, Isaac, Jacob, Elias rc. sind alle aus Gnaden selig worden, haben alle sagen müssen: „Gehe nicht in's Gericht mit deinem Knecht“, Ps. 143, 2.

2. Unterläßt aber Jemand das Gebet wegen seiner vorbegangenen Sünde, achtet sich deßwegen unwürdig und unheilig, der fällt aus der Mitte zur linken Hand, in sein Elend und Jammer, nämlich in die Lästerung des Sohnes Gottes; und da er darin verharrt, fällt er in endliche Verzweiflung, gleich als wäre Christi Leiden und Tod nicht genug für die Sünde der ganzen Welt. Darwider soll man sich aufrichten mit diesen Sprüchen: „Ob bei uns ist der Sünden viel, bei Gott ist vielmehr Gnade“ rc. „Wo die Sünde mächtig ist, da ist die Gnade viel mächtiger“, Röm. 5, 20. Unser Elend ruft an Gottes Barmherzigkeit; unsere Schwachheit Gottes Stärke; unsere Unwürdigkeit Gottes herrliche Majestät; unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit. „Es ist ein theures, werthes Wort, daß Jesus Christus kommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, 1 Tim. 1, 15. So wahr als ich lebe, spricht der Herr Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinen Wegen und lebe“, Ezech. 33, 11. „Es ist nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist“, Röm. 8, 1. „Es soll dem Bekehrten nicht schaden, daß er gottlos gewesen“, Ezech. 33, 12. „Darum (um die Vergebung der Sünden) werden dich bitten alle Heiligen, Ps. 32, 6. „Sei nicht allzugerecht und allzuweise, daß du nicht verderbest. Sei nicht allzugottlos und narre nicht, daß du dich nicht sterbest zur Unzeit“, Pred. Sal. 7, 17. 18. „Werden wir unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, daß er uns die Sünde vergibt, und reinigt uns von aller Untugend“, 1 Joh. 1, 9. „Seine Gerechtigkeit siehet vom Himmel“, Ps. 85, 12.

3. Sollte ich nicht eher beten, ich fände mich denn würdig und tüchtig; so müßte ich nimmermehr beten. Sollte mir Gott nicht eher zu Hülfe kommen, oder Etwas geben, ich wäre denn heilig oder gerecht von mir selber; so müßte er mir nimmermehr Etwas geben. Lieber Mensch! was willst du dem geben, der deines Gutes nicht bedarf? Röm. 11, 35. Was willst du mit deinen nichtigen Werken oder Frömmigkeit von Gott erwerben? Röm. 3, 24. Nichts. Es müssen sich trollen (davonmachen) alle Werkheiligen, und vor ihm schweigen alle Creaturen. Deine Würdigkeit hilft nichts; deine Unwürdigkeit schadet nichts; Christus hat sie zugedeckt, und vergeben, Ps. 32, 1. Deßwegen sage bei dir also: Wie ein Tröpflein Wassers vom Meere verschluckt wird: also sind meine Sünden gegen der unbegreiflichen Gnade Jesu Christi.

Gebet wider eigene Vermessenheit und wider Verzweiflung

O gütiger Gott und gnädiger Vater! der du mich unterweisest in deinem Wort, wie ich soll in Christo, deinem Sohn, wandeln, auf daß ich in der Mitte bleibe, und nicht falle zur Rechten noch zur Linken, das ist, daß ich in meinem Sinne nicht zu fromm sei, und mich verderbe; auch nicht zu böse, und in meinen Sünden sterbe: lehre mich mit Ernst bedenken, wie mich meine eigene Würdigkeit nicht fördere, auch meine große Sünde in Christo Jesu nicht hindere; so werde ich fest und beständig bleiben in allen Anfechtungen, und mich nicht lassen einnehmen den schönen Teufel, der im Mittag verderbet, Laßdünkel genannt. Laß mich auch nicht erschrecken vor dem Grauen des Nachts, und vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht; so werde ich in meinen Sünden nicht verzagen, sondern mit fröhlichem Trost im Glauben beharren. Das wollest du, Herr Jesu Christe! in mir anrichten, wirken und vollbringen. Amen.

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