Anselm von Canterbury - Sechzehnte Betrachtung. Oder der fünfzehnten Betrachtung zweiter Teil. Über die Wohltaten Gottes in der Gegenwart.

Anselm von Canterbury - Sechzehnte Betrachtung. Oder der fünfzehnten Betrachtung zweiter Teil. Über die Wohltaten Gottes in der Gegenwart.

Ich halte es für keine kleine Wohltat Gottes, dass Gott das Böse unserer Eltern zum Guten benützte und uns aus ihrem Fleische schuf, und uns den Lebensatem einhauchte, indem er uns von denen sonderte, die entweder als Frühgeburten aus dem Mutterleibe gestoßen wurden, oder im Innern der Mutter erstickten und daher zur Strafe nicht zum Leben empfangen worden zu sein scheinen. Auch das, dass er uns mit vollständigen und gesunden Gliedern schuf, um den Unseren nicht zum Schmerze, bei Anderen nicht ein Gegenstand der Beschimpfung sein zu müssen. Das ist gewiss etwas Großes. Aber wie oder als welch große Güte sollen wir das schätzen, dass er wollte, wir sollten in dieser Zeit und unter Solchen geboren werden, durch die wir zum Glauben an ihn und zu den Sakramenten gelangen? Wie wir sehen, ist das unzähligen Menschen nicht vergönnt, worüber wir uns Glück wünschen, dass es uns verliehen worden, während wir doch gleiche Beschaffenheit mit ihnen haben. Jene sind aus Gerechtigkeit hintangesetzt, wir aus Gnade berufen. Gehen wir weiter und betrachten, wie es sein Geschenk war, dass wir christliche Eltern zu Erziehern hatten. Dass keine Flamme uns verletzte, kein Wasser verschlang, kein Teufel verschluckte, keine wilden Tiere uns zerrissen, kein Sturz uns tötete, dass wir bis zum entsprechenden Alter im Glauben an ihn und im guten Willen auferzogen wurden. Bisher gingen wir, Schwester, das durch, worin wir in ganz gleicher Lage uns befanden, da wir einen Vater hatten, und ein Mutterleib uns umschloss, derselbe Mutterschoß uns gebar.

Nun, Schwester, schau an mir, wie Großes Gott an deiner Seele getan hat. Denn er machte einen Unterschied zwischen mir und dir, wie zwischen Licht und Finsternis, indem er dich sich erhielt, mich mir überließ. Mein Gott, wohin verlor ich mich? wohin floh ich? wohin rannte ich? Verworfen aus deinem Angesichte wie Kain, wohnte ich auf der Erde unstet und flüchtig und jeder, der mich finden mag, wird mich töten. Denn was sollte das armselige Geschöpf anfangen von seinem Schöpfer verlassen? Wohin sollte es gehen, oder wo sich verbergen, das verirrte Schaf ohne Hirten? O Schwester, das schlimmste Tier verschlang deinen Bruder. Siehe also an mir, wie viel er an dir getan hat, da er dich von solch wildem Tiere unverletzt erhalten hat. Wie unglücklich bin ich, dass ich meine Sittsamkeit einbüßte, du so selig, da die göttliche Barmherzigkeit deine Jungfräulichkeit beschützt hat. Wie oft kam deine Keuschheit in Versuchung, wie oft in Angriff und doch ward sie dir erhalten, während ich freiwillig in jeder Schändlichkeit mich erging und mir dadurch den Stoff zum Feuer häufte, in welchem ich brennen, den Stoff des Gestankes, in dem ich getötet werden, den Stoff der Würmer, von denen ich zernagt werden sollte? Gedenke, wenn du magst, jener meiner Abscheulichkeiten, worüber du trauertest, und oft straftest, als Mädchen den Kleinen, als Frau den Mann. Aber die Schrift betrügt nicht, wenn sie sagt: Wen Gott vernachlässigt, den kann Niemand bessern (Sprch. 7,14). wie muss er von dir geliebt werden, der dich zu sich zog, während er mich verwarf; und da wir beide von gleicher Beschaffenheit waren, er doch mich verachtete, dich liebte. Erinnere dich nun, wie gesagt, meines verdorbenen Zustandes, als der Nebel der Luft und üppiger Fleischesbegierlichkeit aufstieg, und es für mich keine Errettung und Erlösung gab (Ps. 7,3). Denn der Sünder Worte überwältigten mich (Ps. 64,4), die in lieblichem Becher der Liebe mir das Gift der Üppigkeit kredenzten. Das Angenehme der Leidenschaft und Unreine der Begierden vereinigten sich und rissen mein noch schwaches Alter über die Abgründe der Laster, und versenkten es in den Strudel der Schandtaten. Es kam über mich dein Zorn, Gott, und du ließt mich gehen. Ich ließ mich umherwerfen und aus- und verschütten durch meine Unreinigkeiten, und du schwiegst. Wohlan, Schwester, gib sorgfältig Acht auf alle jene Schändlichkeiten und Abscheulichkeiten, in die mich meine Willkür stürzte; und wisse, dass du darein gefallen wärst, hätte dich Christi Erbarmung nicht bewahrt. Ich sage das nicht, als hätte sie mir nichts Gutes erwiesen, während mit Ausnahme des bereits Gesagten wir beide Gutes bekamen, er mit wunderbarer Geduld meine Bosheiten ertrug. Wem verdanke ich es, dass mich die Erde nicht verschlang, der Himmel nicht mit seinen Blitzen erschlug, noch Ströme ersäuften? Denn wie sollte das Geschöpf eine so große Beleidigung seines Schöpfers aushalten, wenn seinen Angriff nicht eben der abhielte, der es erschaffen, der nicht will den Tod des Sünders, sondern vielmehr, dass er sich bekehre und lebe? (Ezchl. 33,11.) Überdies, welche große Gnade war es, dass er mir nachging, während ich floh, mir schmeichelte, als ich mich fürchtete, dass er mich in meiner gänzlichen Verzweiflung aufrichtete, dass er mich Undankbaren mit seinen Wohltaten überhäufte, dass er mir Geschmack an innerem Vergnügen beibrachte, und mich, an unreine Ergötzungen gewöhnt, anzog und lockte, dass er die unauflöslichen Fesseln übler Gewohnheit auflöste, mich von der Welt abzog und gütig aufnahm? Von Vielem schweige ich, und dem, was seine große Barmherzigkeit an mir wirkte, damit es nicht den Schein gewinnt, es möchte von seinem Ruhme, der ganz ihm gehört, etwas auf mich übergehen. So steht auch nach menschlicher Schätzung die Gnade des Gebers und das Glück des Empfängers in gegenseitiger Verknüpfung, so dass man nicht bloß Lobpreis sagt, weil der Lobpreis verdient, der der Geber ist, sondern auch jener, der der Empfänger ist. Denn wer hat etwas, das er nicht empfangen haben sollte? Hat er aber unentgeltlich empfangen, warum preist man ihn, als hätte er es verdient? Dir also das Lob, mein Gott, dir der Ruhm, dir der Dank; mir aber Beschämung meines Angesichts (Dan. 9,7), da ich so viel Böses getan, und so viel Gutes bekommen habe. Warum also (sagst du) hast du weniger bekommen als ich? O Schwester, weil der glücklicher ist, dessen von Waren volles und mit Reichtümern beladenes Schiff glückliche Winde unversehrt zum Hafen brachten, als der, der nach einem Schiffbruche nackt dem Tode entrann. Du also jauchzt in dem Reichtum, den dir die Gnade Gottes erhalten hat; ich habe die größte Mühe, das Zerbrochene wieder herzustellen, das Verlorene wieder zu erwerben, das Zerrissene zu flicken. Dennoch aber wünsche ich, du sollst mit mir wetteifern und meinen, ich müsse mich sehr schämen, wenn ich nach so vielen Vergehungen in diesem Leben dir gleich befunden werde, da den Ruhm der Jungfräulichkeit gewisse mit unterlaufende Fehler oft vermindern und die Nacheiferung und die auf die Fehler folgende Tugend die Schmach des alten Wandels tilgen. Nun betrachte aber jene Gaben, in denen du dir allein der Güte Gottes bewusst bist, wie Christus heitern Angesichts dir entgegen kam, als du der Welt entsagtest, mit welchen Wonnen er deinen Hunger tilgte, welche Reichtümer seiner Erbarmungen er sehen ließ, welche Gefühle er dir einhauchte, mit welchem Liebesbecher er dich trunken machte. Denn wenn er den Knecht auf seiner Flucht und bei seiner Empörung bloß durch seine Erbarmung zurückrief und seiner geistigen Tröstungen teilhaftig machte; welche Süßigkeit, sollte ich glauben, habe er der Jungfrau erwiesen? Warst du versucht, so hielt er dich aufrecht; kämpftest du mit Wogen, so stellte er dich auf das Festland. Wie oft, wenn du vor Furcht trocken wurdest, stand dir der milde Tröster bei? Wie oft, wenn du vor Liebe branntest, ergoss er selbst sich in dein Inneres? Wie oft, wenn du Loblieder sangst oder lasest, erleuchtete er deinen Sinn mit Einsicht? Wie oft, wenn du betetest, riss er dich in eine Art von unaussprechlicher Sehnsucht? Wie oft, wenn dein Geist dem Irdischen entrückt war, führte er dich zu himmlischen Wonnen und den Annehmlichkeiten des Paradieses? Das Alles kehre im Geiste hin und her, damit deine ganze Neigung zu ihm sich kehre. Die Welt verliere für dich allen Wert, alle fleischliche Liebe komme dir wie Schmutz vor, mögest du nichts davon wissen, dass du in der Welt bist, weil du auf die, die im Himmel sind und für Gott leben, dein ganzes Absehen übertragen hast. Wo dein Schatz ist, dort soll auch dein Herz sein (Matth. 6,21). Schließe deinen Geist nicht mit Silbergötzen in einen armseligen Geldbeutel ein; denn nie kannst du mit der Geldlast zum Himmel auffliegen. Meine täglich, du werdest sterben, so wirst du an den morgenden Tag nicht denken. Dich schrecke keine Unfruchtbarkeit der Zukunft, keine Furcht vor künftigem Hunger beuge deinen Geist, sondern setze dein ganzes Vertrauen auf den, der die Vögel füttert, die Lilien kleidet. Er selbst sei deine Scheune, er deine Vorratskammer, er dein Geldbeutel, er dein Reichtum, er deine Wonne; er allein sei dir Alles in Allem. So viel inzwischen über die Gegenwart.

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