Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - IX. Die Ehre des Alters.

Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - IX. Die Ehre des Alters.

Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen, und die Alten ehren. (3 Mose 19, 32.)
Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden werden. (Sprichw. 16, 31).

Die Völker der rohen Kraft, deren Gott in ihrer Faust ist, wissen Nichts von der Ehre des Alters. Nur so lange der Mann arbeiten, das Schwert führen, sich zu Ross und Schiff tummeln kann, hat er seinen Wert, Ist die Zeit vorbei, so achten ihn die Seinen als eine Last. Die Kaffern in Südostafrika tragen ihn dann häufig in das erste beste Gestrüpp, legen noch ein Brot und eine Calabasse mit Wasser neben ihn, und wenn er das verzehrt hat, wird er eine Beute des Hungers oder der wilden Tiere. Nicht viel besser mag sein Los bei manchen germanischen Stämmen im Heidentum gewesen sein. Dunkle Sagen vermelden uns, dass man in Hungersnöten die Alten, die in der Welt wenig mehr schaffen konnten, tötete. Fester steht die Tatsache, dass sich die von der Last der Jahre gedrückten Greise selbst das Schwert in die Brust bohrten oder sich von Felsen in das Meer stürzten. Taten sie es auch in dem Glauben, dass sie damit dem Strohtod, dem Tod auf dem Bett, entrönnen, gingen sie auch damit fröhlich in ihr Walhalla ein, sangen sie auch vorher noch das letzte Siegeslied: so zeugt es doch von der Armut und Öde des Alters unter unsern Vätern. Sie sagten doch mit solchem Tode: „Wir sind in der Welt zu Nichts mehr nütze.“ Auch bei den Römern kommen neben bessern sehr düstere Äußerungen über das Alter vor. Das Alter selbst war ihnen (Cicero de Natura Deorum 3, 17) eine Gattin, eine Tochter des Erebus (ein Teil des Totenreichs) und der Nacht. Sie hatte ihren Platz in der Vorhalle des Tartarus (der Hölle) neben den Krankheiten und Klagen (Virgil Äneide 6, 273). Doch begegnen uns solche Vorstellungen bei den alten Kulturvölkern ausnahmsweise. Griechen und Römer hielten im Allgemeinen das Alter und die Alten in hohen Ehren. Selbst im trojanischen Kriege war Nestor von Pylos, der drei Menschengeschlechter gesehen, ein hochgeehrter. Mann. Bei den Spartanern war es feste Sitte, dass die Jüngern in Volksversammlungen oder im Theater vor den Alten aufstanden und ihnen den Platz einräumten.

Die obersten Behörden Griechenlands und Roms bestanden in der Blütezeit der Staaten aus Alten. Nicht selten redete ein Alter bei Entscheidung der wichtigsten Fragen das letzte Wort, wie der alte blinde und lahme Appius Claudius im Kriege Roms mit dem Könige Pyrrhus von Epirus. Hoch empor heben die römischen Dichter die Ehre des Alters. Ovid singt (Fasti 5, 57):

Hoch in der Achtung standen dereinst ergraute Häupter,
Und im Werte die Furch' auf der greisen Stirn.

und Juvenal:

Größter Frevel war es vorbei und blutig zu sühnen,
Wenn sich der jüngere Mann nicht vor dem Alten erhob.

Auch an der Spitze des jüdischen Volkes stehen die 72 Ältesten. Und welche Ehre den Alten im alten Testamente zugesprochen wird, das brauche ich nicht auszuführen. Wir haben oben schon die dahinlautende Hauptstelle des Gesetzes dem ganzen Abschnitte vorangestellt. Wir erinnern nur noch daran, dass im vierten Gebote die hohen Jahre als eine Belohnung Gottes für die den Eltern bewiesene Liebe und Treue verheißen werden. Sie sind demnach rechte Gnadengeschenke aus Gottes Hand, und also die Alten besonders in Ehren zu halten. Von keiner Berufsstellung und von keinem Lebensalter sind so viel Ehrentitel hergenommen wie vom Alter. Doch die wahre Ehre des Alters geht erst vom Christentum aus. Wie Bethlehem, wie die Stadt, wo Gottes Sohn als Menschenkind geboren wurde, die Ehrenstätte des schwächeren, des weiblichen Geschlechts geworden ist, so auch die Gnaden- und Ehrenstätte für die schwachen Alten. Sie sind die alten Kämpfer unseres Herrn Jesu Christi, wenn sie auch nicht zu Pferde steigen und das Schwert schwingen können. Sie sind die grauen Denksteine der Gnade, auf welche sie eine lange Geschichte geschrieben hat. Sie sind, wenn der Glaube über das graue Antlitz leuchtet, Zeugen von dem Leben aus dem Tod. Sie sind alte gefüllte Schatzkammern der Heilserfahrung. Sie sind in besonderem Sinne Anwohner der Ewigkeit, Nachbarn der in dem Herrn Vollendeten. Sie sind Wandersleute, die ihr Bündlein geschnürt haben, um die große Reise zum Herrn anzutreten. Selbstverständlich muss man ihnen die letzte mühsame Strecke des Weges in jeder Weise zu erleichtern suchen. Darum schreibt denn auch Paulus, der große Ordner christlichen Gemeindelebens: „Einen Alten schilt nicht, sondern ermahne ihn als einen Vater, und die alten Weiber als die Mütter (1 Tim. 5, 1). Die Ältesten, die wohl vorstehen, die halte man zwiefacher Ehre wert (1 Tim. 5, 17).“ Und dieser Ton gegen die lieben Alten geht nun aus unter alle Völker. Freue dich, lieber Alter, dass du in der Gnadenzeit des Herrn geboren und ein Glied seines Reiches bist! - Man lernte, wozu die Alten da sind. Sie sind in den Staaten und in den Familien das gottgeordnete beratende weise Element. Sie sind die Träger gesunder Überlieferung. Sie sind die Betsäulen unter dem schaffenden jüngeren Geschlecht. Sie sind im Haus und im Staat die von Gott bestellten ersten Kammern, die ruhigen festen Inseln im wogenden Meer.

Man hat sie verglichen mit alten Schiffen, die manche Fahrt über das wilde Meer gemacht haben, nun ruhig in den Häfen liegen und wie bei London und Hamburg zu Kapellen für die Seeleute dienen. Solches alte Schiff steht im Geldwert einem neuen, wenn auch unerprobten Segler nicht gleich, aber man schaut es doch mit ganz anderer Achtung an. Sie sind alte Krieger, deren benarbtes Gesicht eine ganz andere Ehrfurcht verdient, als das glatte des jungen Mannes, der sich noch die ersten Sporen verdienen soll. Sie sind Bücher mit zerrissenem Einband, in denen aber viel Treffliches und Bewährtes zu lesen ist. - Alle christlichen Völker sind reich an guten Sprichwörtern, die von der Ehre des Alters handeln. Im deutschen Volke heißt es:

Wer das Alter nicht ehrt,
Ist des Alters nicht wert.

oder:

Die Alten zum Rat,
Die Jungen zur Tat.

oder:

Alte soll man ehren,
Junge soll man lehren,
Weise soll man fragen,
Narren vertragen.

Unter allen Christenvölkern erwuchs in der Sitte ein wahrer Schatz von Formen, mit welchen man den Alten seine Ehrerbietung ausdrückte. Sie redeten überall zuerst, und kein Jüngerer wagte ihnen das Wort abzuschneiden. Ich habe noch altadelige Familien gekannt, wo sich auch die erwachsenen Söhne in Gegenwart des greisen Vaters erst setzten, wenn sie von ihm dazu aufgefordert wurden. Noch heute hat in neu zusammenberufenen Landtagen, so lange kein Präsident gewählt ist, der Älteste als Alterspräsident den Vorsitz. Jüngere Männer begannen in den Innungsversammlungen, nachdem die Alten gesprochen hatten, stets ihre Rede mit dem Respektswort: „Mit Verlaub.“ In der alten friesischen Gesetzgebung war eigens festgestellt, dass, wenn ein Alter im Hause sei, dieser im Winter stets den nächsten Platz am Feuerherde habe. Öfen hatten sie nicht. Noch heute gehört der Platz im Großvaterstuhle neben dem Ofen in gut bäuerlichen Familien dem Großvater oder der Großmutter. - Wer Gottes Trost in sich, fromme Kinder um sich und den warmen Ofen neben sich hat, der kann den Winter wohl aushalten.

Wo man den Alten ihre Ehre versagte, wo man ihnen frech entgegentrat und ihren Rat verschmähte, da zögerten Gottes Gerichte in der Regel nicht, da ging es in Staat und Stadt und Familie schnellen Schrittes rückwärts.

Rehabeams beide Ratscollegien, das der Alten und das der Jungen, stehen wie Warnungstafeln an der Schwelle der Geschichte (1 Kön. 12). Wäre der junge König dem Rate der Alten gefolgt, so hätte er samt seinen Nachkommen weiter regiert über die 12 Stämme Israels, und die getrennten Völker hätten ihre Kraft nicht vergeudet in einem zweihundertjährigen Bruderkrieg. Der Bischof Leontius, der mit seinem Ansehen und weisen Rat Frieden in der Kirche erhalten hatte, sprach mit Hindeutung auf sein weißes Haar: „Wenn der Schnee geschmolzen ist, wird es viel Not geben.“ Und es gab ihn; es hat ihn noch öfter gegeben, wenn die Alten dahin waren oder in den Winkel geschoben wurden. Kinder, welche die grauen Haare ihres Vaters oder ihrer Mutter mit Herzeleid in die Grube bringen, ernten sicher, was sie gesät haben. Sie haben von ihren Kindern nichts Besseres zu erwarten. Liebes Kind, pflege deines Vaters im Alter, und betrübe ihn ja nicht, so lange er lebt. Halte ihm zu Gute, ob er kindisch würde, und verachte ihn ja nicht darum, dass du geschickter bist. Denn der Wohltat, dem Vater erzeiget, wird nimmer mehr vergessen werden, und wird dir Gutes geschehen, ob du auch wohl ein Sünder bist (Sir. 3, 14 etc.).

Vater und Mutter sollen dir nie zu lange leben. Wenn sie auch nicht mehr schaffen können, wenn sie dir auch Nichts mehr zu vermachen haben, wenn sie dir auch mit ihrer Schwachheit, Krankheit und ihrem Eigensinn manche saure Stunde bereiten, sie sind doch ein Segen Gottes. Sie sind immerfort der Altar, auf welchen du den Dank für die dir in den Jahren der Schwachheit geschenkte Liebe und Hilfe niederlegen kannst. Und Danken ist allezeit Freude. Das ist ein armes Kind, welches dem Sarg seines Vaters oder seiner Mutter mit dem Gedanken nachgeht, das es nun einer Bürde entledigt sei, dass auf diesem Wege keine aufrichtige Träne hat.

Wir kommen hier an eine kranke Seite in unserem ganzen sozialen Leben. Ich denke an die alten Arbeiter in den Fabriken und in den großen Werkstätten. Der Mensch wird jetzt häufig nur geschätzt nach seiner Kraft. Wir sind wieder zurückgekommen in die oben berührten Sünden des Heidentums. Wenn die Kraft gebrochen und das Mark ausgesogen ist, dann weisen gottlose Broterren dem Arbeiter die Tür. Junge Kräfte sind ihnen lieber. Sie benutzen die erste beste Gelegenheit, ein Versehen in der Arbeit, eine Stockung im Geschäft oder sonst dergleichen, um sich der Alten mit einem Scheine des Rechtes zu entledigen. Sie werden wenig besser behandelt als alte Pferde und Hunde, die nicht mehr ziehen, laufen, bellen und beißen können. Ein frecher Broterr sprach einmal das Wort aus: „Ich mache es mit meinen Arbeitern wie mit meinem Stiefelknechte; den werfe ich bei Seite, wenn ich die Stiefel ausgezogen habe.“ - Über solche Herrschaften ist Gottes Gerichtsarm eben so gut ausgestreckt wie über Kinder, die ihre alten Eltern missachten. Jesaja klagt über Babel (Kap. 47, 6): „Auch über die Alten machtest du dein Joch allzu schwer.“ Aber hernach kommt ein noch schwereres Joch über Babel. Ich kenne kaum etwas Betrübteres und Ergreifenderes, als wenn ein Alter am Stabe von Tür zu Tür wandert, um sich sein Stückchen Brot zu betteln. Alle Ortsbehörden sollten dahin arbeiten, dass er an der Schwelle des Grabes teils von diesem Mangel, teils von den mit solchen Wegen verbundenen Versuchungen entbunden würde. Steigen wir etwas höher hinauf, blicken wir in den Kreis der Lehrer und Erzieherinnen hinein! Wer seine besten Kräfte an unsere Kinder gewandt, wer ihnen mit Liebe und Treue die ewigen Schätze in das Herz gesenkt oder ihnen auch nur Kenntnisse zu einem tüchtigen Fortkommen im Leben beigebracht hat, der ist es wohl wert, in den schwachen Abendstunden des Lebens ohne Sorge sein Stückchen Brot vom Tische der Familien, welchen er treu gedient, zu empfangen. Er hat an den Kindern einen Teil des elterlichen Amtes verwaltet, er hat auch Anspruch an einen Teil der elterlichen Ehre. Aber wie ergeht es namentlich in der Regel den alten Erzieherinnen? Wenn sie in die vierziger Jahre kommen, entledigt man sich ihrer. Umsonst klopfen sie dann an verschiedene Türen und bewerben sich um neue Stellen. Man sagt ihnen kalt ins Gesicht: „Sie können auf die Kinder nicht mehr recht eingehen, Sie stehen ihnen in den Jahren zu fern. Wir brauchen jüngere Arbeiter.“ Dass diese Alten mehr Erfahrung haben, dass sie, anstatt mit den Kindern zu spielen, mit ihnen und für sie beten und ihnen aus dem reichen Schatz ihrer Erlebnisse erzählen können, wird nicht in Anschlag gebracht. Der Lohn der alten Erzieherinnen ist in der Regel Hunger und Kummer. Alten Lehrern, die mit einem kümmerlichen Teil ihres Gehaltes pensioniert werden, ergeht es oft wenig besser. Mit Freuden denke ich hier an eine Familie, die mir in der Tat ein rechtes Bild in der Ehre und Sorge für eine alte Erzieherin gegeben hat. Letztere hatte die vier Töchter des Hauses heranbilden helfen. Die Töchter waren längst erwachsen und zum Teil verheiratet; aber die liebe Alte gehörte als untrennbares Glied zur Familie, Jahrelange Krankheit hinderte sie an jeder Tätigkeit, sie bedurfte im Gegenteil der sorgsamsten Pflege, und diese ward ihr wie einer zweiten Mutter von allen Gliedern des Hauses zu Teil. Am Sarge der Entschlafenen war es mir zu Mute, als ob der Mutter eine liebe Schwester und den Töchtern eine zweite Mutter gestorben wäre. Die Familie ehrte die Erzieherin und sich selbst. Und so ist es recht.

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