Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - VII. Der Alte ohne Glauben.

Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - VII. Der Alte ohne Glauben.

Verwirf mich nicht im Alter; verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.
(Psalm 71, V. 9)

Das Wort Zweifel stammt wie viele andere Wörter, wie Zwist, Zwiespalt und Entzweiung, von der Wurzel zwei her. Sie alle deuten auf eine wunde Stelle. Es sollte da Etwas ganz und Eins sein, es ist aber entzwei. So sollte der Christ im Glauben mit seinem Gotte Eins sein, sein ganzes Herz sollte gegründet sein in der heiligen Offenbarung Gottes, in unerschütterlicher Gewissheit sollte er stehen auf dem Felsen seines Heils. Aber wie wenige Christen gehen als die lieben Kinder Gottes ohne alle Anfechtung durch die Welt! Auch die meisten Gläubigen haben ihre Periode des Schwankens und Zweifelns gehabt; und Niemand sage: „Mein Herz ruhet so fest in dem Herrn, dass es der Zweifel nun und nimmermehr antasten kann.“ Jede Frucht, die noch auf dem Baume hängt, kann der Wurm anstechen, die fast reifen allerdings seltener als die noch unreifen; jeden Christen, der noch auf der Erde wandelt, kann der Zweifel anfassen. Er stellt uns bald die Wahrheit des göttlichen Wortes in Frage, oder er mäkelt an der Person und an den Taten des Herrn, oder er quält uns mit der Sorge und Frage, ob wir denn auch Teil haben an der durch Christum erworbenen Gerechtigkeit, ob wir sie durch unsere Sünde nicht verscherzt haben, und ob unser Glaube wirklich ein rechter sei. Der Zweifel ist wie ein Teil, der zwischen den Stamm und den Zweig getrieben wird, der beide von einander spalten will. Oder er breitet einen Nebel zwischen uns und unsere Sonne, dass wir sie entweder nicht recht oder gar nicht mehr sehen. Wo der Zweifel im Herzen regiert, wird dem Christen sein ganzes Heil und seine ganze Hoffnung ungewiss. Haben und nicht haben, Friede und Angst ringen täglich im Herzen mit einander; es geht darin auf und nieder wie auf der sturmbewegten See. Das ist aber und bleibt für jeden, der nicht leichtfertig durch das Leben dahinlaufen will, ein elender Zustand! Einer unserer größten deutschen Dichter beginnt sein größtes Gedicht1) mit dem Gedanken:

Verderben wird der Seele kund,
Wohnt Zweifel in des Herzens Grund.
Wenn unstet edlen Manns Gedanken
Bunt zwischen Treu und Untreu wanken,
In Zier und Schmach steht dann sein Preis,
Er ist wie Elstern schwarz und weiß.

Und ein anderer Dichter des Mittelalters, Neymar von Zweter singt2):

Zweifel ist ein arger Zimmrer,
Lebte niemals ja ein schlimmrer;
Hat im Hof viel Steine liegen,
Kommt nie recht zum Bau'n und Fügen;
Immer hat er was vergessen,
Immer noch was nachzumessen;
Rückt beständig an den Säulen,
Hat noch immer was zu feilen.
Immer wanken seine Hände,
Immer schwanken seine Wände,
und zerrissen ist des Hauses Dach,
Dass ich nimmer drunter wohnen mag.

Wird der Zweifel mich nicht lassen,
Werd' ich Gott nicht gläubig fassen,
Wird das Wort aus seinem Mund
Nicht mein Eckstein und mein Grund,
Bau' ich niemals so viel fest
Wie des kleinsten Vogels Nest.

Kann uns nun jeder Mensch, der keinen festen Glaubensgrund hat, nur in tiefster Seele dauern, dann gilt dies besonders von einem zweifelnden Alten. Er weiß gewiss, dass ihm die Welt ihre Türe bald zuschließt; und doch weiß er nicht, ob es einen Himmel gibt oder ob ihm dort die Tür aufgeschlossen wird. Er segelt auf einem Schiffe, ist aber nicht gewiss, ob es einen festen Kiel hat und ihn bis an die andere Küste tragen kann. Von dort drüben scheint ihm Etwas entgegen, was er in der einen Minute für festes Land hält, in der andern schüttelt er den Kopf und meint, es seien doch nur Wolkengebilde, die das Gerede Anderer oder seine eigene Phantasie zu festem Lande gestempelt habe. Da ist denn elend Fahren. - Weh tut es uns, wenn ein Alter kein Brot auf dem Tische hat, wenn zu dem kälteren Blute noch die ungeheizte Stube kommt, wenn er freudenlos und einsam krank liegt. Doch habe ich es schon erfahren, dass man von solchem armen und kranken Alten viel mehr Freude mit nach Hause brachte als von gesunden Jungen. In der kalten Stube und in dem kranken Leibe kann der Herr mit wohnen. Auf dem bleichen Gesichte kann der Morgenglanz der Seligkeit ruhen. Der Alte ist schon durch das neue Eden hindurchgegangen, und ein Hauch von seinem Frieden ist auf seinem Angesichte hangen geblieben. In seiner Einsamkeit kann er singen:

Allein und doch nicht ganz alleine
Bin ich in meiner Einsamkeit;
Denn wenn ich auch verlassen scheine,
Vertreibt mein Jesus mir die Zeit.
Bin ich bei ihm, ist er bei mir,
So kommt's mir gar nicht einsam für.

Wenn aber ein Alter entweder aus der Jugend keinen Glauben mitgebracht hat, oder wenn er ihm unterwegs verloren gegangen ist, dann haben wir in ihm das Bild des größten Elends vor uns. Hungrig und durstig wandert er in einer Wüste, die ihm Nichts bietet als Kameldorn, Ginster und Melde (Hiob 30, 4) und brackiges Salzwasser. Die Zweige vom Baume des Lebens, welche das Wasser süß machen, hat er nicht haben wollen. Hagars Sohn liegt verschmachtend unter dem Dornbusch ; der Engel zeigt ihm die Quelle, er will aber nicht trinken. Und wie viele solche Alte gibt es jetzt! Wie vielen haben in unsern Tagen Bücher, welche alten Unglauben als neue Weisheit preisen, den besten Schatz aus dem Herzen gestohlen! Auf dass ihr solchen Verderbern tapfer widerstehen lernt, schreibe ich euch zwei Stücke aus dem Leben rechtschaffener Kämpfer hierher, zwei Geschichten aus den Tagen, wo der Name Renan in aller Leute Munde war.

I.

Saß ein Alter in dem Abenddunkel
Sinnend in dem herbstlich kalten Zimmer;
's war gerad' in den Martinitagen,
Wo die Blätter von den Bäumen fallen.
Durch die alte Linde vor dem Fenster
Zieht der Sturm mit immer frischem Odem,
Im Getäfel hinter unserm Alten
Pickt der Holzwurm in gemessnen Pausen.
Licht braucht' unser Alter nicht zu machen,
Hatte drinnen nur mit sich zu schaffen;
Feuer braucht er auch nicht anzuzünden,
Denn das Blut jagt wie in Jugendtagen.
Hatte heute Renans Buch gelesen,
War zu Ende mit des Tages Ende,
Doch im Herzen war er nicht zu Ende.
Ei da gab's ein Wogen und ein Brausen!
Neues, Ungehörtes, unerhörtes
Stritt mit seinem alten Eigentume;
Wilde Stürme rissen an dem Stamme,
Welcher aus der Tauf' und Kinderstube
Durch das ganze Leben durchgewachsen;
Der zwar nicht in allen Lebenstagen
Gleicherweis' in frischem Grün und Blüten
Fortgeprangt, an den jedoch bis heute
Keine Hand die Art zu legen wagte.
Heute, heute war zum ersten Male
Unter eines Fremdlings kecken Streichen
Dieser Baum bis in den Stamm erschüttert.
Was es gelte, fühlte unser Alter;
Hin und her rückt er auf seinem Stuhle,
Steht auch auf und wandert durch die Stube,
Faltet still die alten welken Hände,
Schüttelt wieder mit dem grauen Haupte,
Tränen neben die gefurchten Wangen.
Endlich hat er sich hindurchgerungen,
Endlich bricht er los im Siegertone:
„Sturm, du brichst nur alte welke Blätter,
Die doch nieder müssen zu der Erden;
Wurm, du nagst nur alte morsche Bretter,
Die doch einmal Staub und Moder werden;
Durch mein Haus ist heut' ein Sturm gezogen,
Der die schönste Zeder umgebogen;
In mein Haus hat sich ein Wurm gewaget,
Der mir meinen Lebensbaum zernaget;
Hat sich in die Liebe eingebissen,
Die für mich den Himmel einst zerrissen;
Will aus Gottes Sohn, dem Hort der Schwachen,
Einen galiläischen Träumer machen;
Will das Kreuz, den Baum der ew'gen Gnaden,
Einem Toren auf die Schultern laden;
Will aus meines Heilands Kreuz und Leiden
Leichter Hand das goldne für dich schneiden;
Will mein einzig reines Kleid zernagen,
Das ich soll zur ew'gen Hochzeit tragen:
Lässt das Reich des Herrn mit seinen Zweigen
Aus des Wahnes faulem Stamme steigen.
Jetzt erst fühl ich, was ich an ihm habe,
Wenn der Feind mir an der Tür zum Grabe
Will den Heiland aus dem Herzen reißen:
Herr, jetzt lern' ich dich erst Heiland heißen.
Nein - nicht weiter - ich will glauben, beten,
Will dem argen Wurm den Kopf zertreten!
Ob sich der Verstand auch dreh' und winde
Und sich nicht in alle Winkel finde;
Armes Herz - ja Herr, hier steh' ich Armer! -
Brauchest einen Heiland und Erbarmer;
Er muss stammen von des Vaters Throne,
Zu dem Vater komm' ich nur im Sohne;
In den Himmel kann mich nur der heben,
Der für mich den Himmel drangegeben;
Und mein Herze kann mir der nur stillen,
Der für mich sein Herzblut ließ verquillen.
Der Franzos mag seine Bücher schreiben,
Ich will unverrückt bei Christo bleiben.“
Sprach's und schichtet in den weiten Ofen
Fester Hand das Holz zum Abendfeuer,
Unten kleines, oben drauf das große;
Zündet dann den ersten Scheiterhaufen,
Denn er je im Leben brennen sehen,
Ruhig an mit festem Manneswillen.
Mitten drin liegt Renans Leben Jesu.
Als die Flamme Blatt für Blatt verzehrte,
Nahm der Alte von dem Haupt sein Käppchen,
Kniete nieder vor dem offnen Ofen,
Faltete bewegt die dürren Hände,
Betete mit unverhaltnen Tränen:
„Herr, es sinkt das Buch in Staub zusammen,
Lösche du in mir die wilden Flammen,
Die es in mein altes Herz getragen,
Flammen zum Verzweifeln und Verzagen.
Lass mich deine Liebe ganz erkennen,
Lass in mir das Licht des Glaubens brennen.
Fest will ich dich meinen Heiland nennen,
Nichts soll mich von meinem Jesus trennen.
Amen.“

II.

Es lebt in Norddeutschland eine alte Edeldame. Ihren Namen nenne ich nicht, denn es braucht nicht Alles an die große Glocke geschlagen zu werden. Sie ist seit langen Jahren Witwe, ihr Mann starb als Husarenrittmeister. Die beiden Söhne, welche er ihr hinterließ, sind zu wackeren Männern herangewachsen. Der eine ist wieder wie sein Vater Husarenrittmeister, der andere Rat bei einer Regierung. Das väterliche Gut verwaltet die Mutter trotz ihres Alters mit ebenso viel Umsicht als Energie und Freundlichkeit. Sie lebt Sommer und Winter auf dem Rittersitze, an welchem die schönsten Erinnerungen ihres Lebens hangen. Ihr schönstes Fest ist alljährlich das Pfingstfest, denn dann kommen die Söhne wenigstens auf Wochen, und die Schwiegertöchter mit den Enkeln wohl auf Monate zu ihr zum Besuch. Und wenn dann die Schwiegertöchter und Enkel als frische lebendige Maien um die Mutter und Großmutter stehen und spielen und rauschen. dann bleibt es bei ihr Pfingsten, und die Octave des Festes wird aus acht Tagen zu acht Wochen und zieht sich tief in den Sommer hinein. Die alte Frau Rittmeister ist noch eine hohe und feste Gestalt. Man könnte sie beim ersten Anblick wohl für stolz halten; wenn man aber nur etliche Minuten mit ihr im Gespräch gewesen ist oder gesehen hat, wie mütterlich sie mit ihren Leuten und mit den übrigen Dorfbewohnern verkehrt, dann bittet man ihr diesen Verdacht ab. Sie hat eine feine Bildung nach älterem Stil und weiß sich in jedem Kreise fest und gewiss zu bewegen. Sie ist mit den besten Erzeugnissen unserer Literatur wohl bekannt und kann auch ein feines Französisch sprechen. Sie spricht es aber schon lange nicht mehr, weil sie einen Ekel hat an der Sprache des Volkes, das unserem Volke an seinem edelsten Marke so viel Schaden getan hat. Aus ihrem Elternhause hat sie eine schöne Mitgift an christlicher Erkenntnis und Sitte mitbekommen. Doch ist ihr dies Alles erst in der Trübsal während der langen Krankheit ihres Mannes und im Witwenstande, wo sie bald erkannte, dass sie ihre Kinder nur mit Gebet und Vermahnung zum Herrn in Ehren erziehen könnte, zu Wahrheit und Leben geworden. In der Erziehung der Kinder erzog der Herr die Mutter mit. Jetzt im lieben Alter war Gottes Wort ihre Freude und der Born ihrer Stärke. Wenn die Tagesarbeit vollbracht war, saß sie am Abend oft stundenlang vor ihrer großen Bibel. Dann leuchtete ihr Gesicht ab und zu auf wie das der Goldgräber in Kalifornien, wenn sie eine reiche Ader gefunden haben. Ihre Mägde sagten von ihr, sie sei immer gut, aber am freundlichsten, wenn sie Abends über der großen Bibel sitze. Sie hatte auch Nichts dagegen, wenn sie einmal gestört wurde. Hatte doch Nikodemus ihren Herrn auch einmal am Abend gestört, und er war nicht verdrießlich geworden. Sie war eine rechte Mutter ihres Dorfes; und obschon von den alten Vorrechten der Gutsherren längst nicht viel mehr übrig geblieben war, genoss sie doch mehr Ehren als viele Edelfrauen in der Zeit der höchsten Adelsherrlichkeit. Und noch dazu waren das lauter freiwillige Opfer.

Eine Hauptperson in der Verwaltung des Gutes war der Inspector. Ich will ihn Joseph Rotbart nennen. Er war nur wenige Jahre jünger als seine Frau Rittmeister, und ein alter Junggesell. Er stand jedoch noch in frischer Kraft, ging stattlich einher und saß straff zu Pferde, ob er gleich von oben bis unten grau war. Grau war sein Rock, grau waren in der Regel seine Stiefeln, denn er war den ganzen Tag zu Hofe und zu Felde auf den Füßen; grau war auch sein Schnurrbart und sein Haar geworden. Unter dem grauen Dache trug er ein echtes verwittertes Verwaltergesicht; doch war es noch munter und gesund. Er stand in seinem Dienste an die dreißig Jahr, und war so mit dem Gute und der Herrschaft zusammengewachsen, dass er sich auf einen andern Boden gar nicht denken konnte. Ihn entlassen hätte geheißen ihn ins Elend schicken. Doch dachte auch Niemand an seine Entlassung. Seine Ökonomie verstand er gründlich, und das Gut mit allen guten, schlimmen und launenhaften Seiten des Bodens kannte er durch und durch, und wusste es darnach zu behandeln. Eine ökonomische Anstalt wie die zu Eldena oder Poppelsdorf oder Jena oder Halle hatte er nicht besucht, sie waren in seiner Jugend noch nicht vorhanden. Er war aber ein umsichtiger und tätiger Mann, und dadurch war das höhere ökonomische Wissen ersetzt. Obenan aber war er seiner Herrschaft treu, er nahm ihren Vorteil wahr wie seinen eigenen. Er hatte sich in manchen schweren Zeiten bewährt. Daher stand denn auch in den Herzen der drei Berechtigten fest geschrieben: „Joseph Rotbart lebt und stirbt auf unserem Gute; kann er ihm nicht mehr allein vorstehen, so bekommt er Hilfe.“ Er wollte aber fürs Erste von Hilfe noch Nichts wissen.

Seine gnädige Frau hielt er übrigens nächst dem lieben Gotte am Höchsten in Ehren; und vielleicht hätte er sich auch ohne große Skrupel darein gefunden, wenn sie. ihm Dinge befohlen hätte, die wider Gottes Gebot liefen.

Die Kirche besuchte er fleißig, das gehörte in seine Lebensordnung, das war mit hineingewachsen; und dazu musste er hinter seiner Frau Rittmeister auf dem Verwalterstuhle sitzen. Sie ohne ihn in der Kirche wäre ihm vorgekommen wie ein schwankender Stamm ohne Stütze. Neben diesen lichten Fäden in seinem Denken und Wandeln zogen sich eben so herkömmlich manche im Ökonomenleben nur zu häufige graue mit hin. Wenn es seine gnädige Frau nicht hörte, konnte er auf die Leute gründlich losfluchen und wettern. Ein Solo am Sonntag Abend oder im Winter auch in der Woche lief nicht gegen sein Gewissen. Beim Jagen kannte er zuweilen die Grenzen des Gutes nicht genau. Wenn er dem Nachbar einen Hasen weggeputzt hatte, fand er gewöhnlich seine Entschuldigung in dem Satze: „Morgen wäre er doch vielleicht zu uns herübergelaufen, und die Rebhühner sind noch flüchtiger und wandelbarer.“ Oder es hieß bei ihm: „Wer weiß, wie viele von unsern Hasen Andere schon gegessen haben!“ Zur Untreue gegen seine Herrschaft war fast keine Versuchung da. Weib und Kind hatte er nicht. Dass er bis an seinen Tod von seiner Herrschaft behalten und gut versorgt wurde, wusste er; und außerdem hatte er sich in den langen Jahren seines Dienstes einen hübschen redlich erworbenen Notpfennig zurückgelegt. Die Frage um sein Seelenheil war ihm kaum je ernstlich nahe getreten. Kam sie aber einmal leise heran, so fertigte er sie mit der Antwort ab: „Wenn ein so rechtschaffener Mann wie ich nicht in den Himmel kommen sollte, dann wüsste ich nicht, für wen er gebaut wäre.“ Sterben und selig werden war für ihn dasselbe. Von einem Leben in dem Herrn und mit dem Herrn hatte er nie Etwas gewusst.

Auch die Frau Rittmeister hatte sich lange Jahre um das innere Leben und um das Seelenheil ihrer Leute in tieferem Sinne nicht gekümmert. Es kann jemand für sich selbst schon Frieden und Freude in dem Herrn gefunden haben, und doch fehlt es ihm an Trieb und Mut, Andern seinen Schatz mitzuteilen. Die evangelische Kirche hat den Schatz der himmlischen Wahrheit lange besessen, ohne ihr Kleinod durch Missionare zu den Heiden hinaustragen zu lassen. Unsere Frau hielt eine feste Hauszucht. Liederliches Wesen, Unzucht und Sauferei wurden nicht geduldet, und zur Kirche wurden die Leute regelmäßig angehalten. Damit glaubte sie genug getan zu haben. Sie hatte die köstliche Perle für sich behalten. Erst in den späteren Jahren, wo ihr selbst der Herr immer lieber, und sie in ihm immer seliger geworden war, fiel ihr diese Versäumnis schwer aufs Herz. Ohne sich lange mit Fleisch und Blut zu beraten fasste sie einen kurzen Entschluss. Von Martini ab musste die Wirtschafterin mit sämtlichen Mägden an jedem Abend Schlag 9 Uhr in dem großen Wohnzimmer erscheinen. Der Inspector und der Gärtner, die ihr von dem männlichen Personal am Nächsten standen, wurden auch dazu aufgefordert. Ihre Aufforderung war Befehl, Niemand blieb ohne begründete Entschuldigung aus. Da sang man denn zuerst etliche Liederverse, die Herrin leitete den Gesang mit dem Klavier. Dann las sie regelmäßig ein Kapitel aus den Evangelien vor. Doch ließ sie es nicht bei dem bloßen Vorlesen bewenden. Sie hatte eine besondere Gabe, den Leuten den Herrn, von dem sie so viel Barmherzigkeit erfahren, in seiner Liebe recht sichtbar vor die Augen zu malen. Am Schlusse des Kapitels wollte es den Leuten oft vorkommen, als ob sie selbst dabei gewesen wären. Dabei flocht sie manches Wort aus eigener Erfahrung ein. Sie pries den Herrn, der sie in ihrem langen Witwenstande auf Adlersflügeln der Liebe getragen hatte. Aus ihrem eigenen Leben brachte sie die Belege bei, dass er auch heute noch mit derselben Liebe und Macht wie damals über den Seinen walte. Besonders lieb war es ihr, wenn dabei auch den Leuten Herz und Mund aufgingen, wenn sie ihre Liebe zum Herrn aussprachen oder einen Beitrag aus dem eigenen Leben lieferten. Auch das kleinste wenn auch noch so ungeschickte Bekenntnis war ihr ein Lebenszeichen. Und Leben wurde. Zuerst zündete das Feuer bei dem Gärtner, einem stillen sinnigen Menschen, der viel über seinen Blumen geträumt und gedacht hatte. Dann ging auch etlichen von den Frauen das Herz auf.

Joseph Rotbart war lange still gewesen, der himmlische Regen konnte durch den tiefen Schutt seiner uralten Rechtschaffenheit nicht durch. Aber um die liebe Christzeit fing auch diese alte verdorrte Blume an grüne Zweige zu treiben. Zuerst stimmte er seiner Herrin nur bei. Später kamen Bekenntnisse, dass er weder sich noch den Herrn Jesus bisher ordentlich gekannt habe. Die Sünde seines Herzens sei ihm eben so verborgen gewesen wie die Liebe des Herrn. Jetzt erfahre er erst, was ein Christ sei, und wie wohl es einem bei diesem Heilande sei. Und dabei sah das alte Verwaltergesicht so fröhlich aus, wie wenn die liebe Sonne auf einen Herbstacker scheint. Auch in der Kirche hatte er andere Ohren; er hörte ja viel Mehr aus der Predigt heraus als sonst. Die alte Herrin freute sich wie ein Kind und dankte dem Herrn, dass er sich zu ihrer armen Arbeit bekannte. Sie verstand sich mit ihren Leuten noch viel besser, sie alle verknüpfte ein innigeres Band, das ganze Personal bildete sich Schritt für Schritt zu einer kleinen Hausgemeinde. Die Ehrerbietung gegen die Frau, die für den kleinen Kreis eine Mutter im geistlichen Leben geworden war, stand felsenfest. Die Leute fingen auch in ihrem Berufe an vor dem Herrn zu wandeln und in seinem Angesichte ihren Beruf zu treiben. Und dabei ging es so fröhlich her, Eins half dem Andern in dienender Liebe. -

Ungemahnt blieb Joseph Rotbart vom Solo weg, er hatte ein Besseres gefunden. Die Flüche wagten sich nicht mehr heraus; an ihre Stelle trat zu guter Stunde eine Ermahnung an die Knechte und Arbeiter, doch ja das Heil ihrer Seele und ihren Heiland nicht zu vergessen. Auch die Hasen auf den Nachbarfeldern konnten Etwas ahnen von dem Herrn, der über den Inspector Herr geworden war. Er kannte jetzt seine Flurgrenzen besser als sonst. Die alte Dame freute sich doppelt über die Umwandlung im Leben ihres ersten Dieners; einmal um seinetwillen, und sodann auch, weil er den größten Einfluss auf die Leute, namentlich auf die Knechte ausübte, welche sie mit ihrer eigenen Hand nur schwer erreichen konnte. Er war auch darin gar nichts blöde, und sein langer Dienst auf dem Gute und sein Alter kamen ihm dabei trefflich zu Statten.

Die Abendandachten dauerten den Winter hindurch fast ununterbrochen fort. Im Sommer konnte die Frau Rittmeister die Leute nur selten um sich versammeln. Als aber die Herbstarbeit vorüber war, griff sie das Werk mit neuer Freude an. Der zweite Winter war noch lieblicher als der erste; die Leute waren reifer, freier und fröhlicher geworden. Wie wohl fühlten sie sich doch, wenn sie, während draußen der Sturm tobte und die Schneeflocken wirbelten, drinnen sitzen konnten, drinnen in doppeltem Sinne, im saubern Zimmer und im Heiligtume des Herrn.

Der dritte Herbst war gekommen. Dass die Abendandachten nach Martini wieder begannen, verstand sich nun schon von selbst: Der Gärtner freute sich wie ein Kind darauf. Er meinte: „Der Frühling für meine Blumen fängt im März an, der Frühling für mich im November, und der Dezember, der Christmond, ist mein Maienmond.“ Ähnlich war es bei dem ganzen kleinen Kreise, aber anders bei Joseph Rotbart. Er kam zwar regelmäßig wie sonst zu den Versammlungen; aber sein Herz stand anders zu dem, was gelesen und gesprochen wurde. Bald saß er zerstreut da, bald ging ein Zug der Trauer über sein Gesicht; ein Wort des Beifalls oder der Freude an dem Herrn kam nicht mehr über seine Lippen. Wie ein im Winter erstorbener Baum unter den grünenden Frühlingsbäumen steht, saß er im Kreise der Andern. Keinem und am Wenigsten der alten Herrin konnte dies entgehen. Sie ließ etliche Wochen verstreichen ohne sich mit ihm darüber auszusprechen. Endlich trug sie es nicht länger. Eines Abends bat sie ihn, er möchte, wenn die Andern gingen, noch ein Weilchen bleiben, weil sie ihm noch Etwas zu sagen hätte. Als sie allein waren, hub sie an: „Joseph“ so nannte sie ihn, wenn sie mit ihm allein redete, vor den Leuten hieß er der Herr Inspector, „mit Ihnen ist Etwas vorgegangen. Sie stehen zu ihrem Herrn und zu seinem Worte nicht mehr wie im vorigen Winter. Reden Sie offen mit mir, ich habe die ganze Woche über Sie getrauert. Es ist mir fast geworden, wie wenn sich ein lieber Freund von mir hätte losgesagt. Aber was kommt es auf mich an? Ich glaube, Sie haben sich von einem ganz Andern, von dem Herrn verirrt!“ Betroffen stand der Inspector vor der ernsten Herrin. Er sah, wie sie eine Träne im Auge zerdrückte. Stammelnd hub er endlich an: „Gnädige Frau, ich kann gegen Sie nicht lügen. Als ich vor etlichen Wochen Weizen in die Stadt fuhr, wurde mir dort von einem sehr gebildeten Manne ein neues Buch, das Leben Jesu von Renan, vorgelobt. Es kostet nur 10 Silbergroschen, ich kaufte es mir. Ich habe es zweimal von vorn bis hinten durch gelesen. In demselben steht, dass Alles, was uns in den Evangelien von dem Herrn Jesus erzählt wird, nicht wahr sei. Es hat sich das Alles ganz anders zugetragen. Das Buch liest sich zu schön; man sieht wie Alles zugegangen ist. Das Ganze ist so gemütlich und poetisch geschrieben, und die Geschichte wird Einem so verständlich. Aber an die Evangelien kann ich nun nicht mehr glauben, und mit meiner Freude an ihnen ist es aus.“ - „ Bringen Sie mir das Buch, ich will es auch lesen,“ antwortete die alte Dame. Und dann war ihr Gespräch für heute geschlossen. Joseph brachte das Buch. Den nächsten Sonntag gegen Abend ließ sie ihn zu sich rufen. Sie saß auf ihrem gewöhnlichen Stuhle an der einen Seite des Tisches, Joseph musste ihr gegenüber Platz nehmen. Auf dem Tische lag die große Bibel und Renans Leben Jesu. Die alte liebe Frau hatte sich vorgenommen, recht ruhig zu bleiben; sie hatte auch den Herrn um Ruhe und Klarheit gebeten. Aber es arbeitete in ihr wie in dem Herzen einer Mutter, die ihr liebes Kind von einer Schlange umstrickt sieht. Liebe, Trauer und heiliger Zorn mischten sich mit einander. Endlich hub sie an: „Joseph, es ist wahr, in dem Buche ist alles anders dargestellt als in der Bibel. Ich will Ihnen aber zwei Fragen vorlegen. Erstens: Woher weiß denn der Franzose - denn ein Franzose ist der Renan der jetzt noch lebt - das Alles? Weiß er es besser als St. Matthäus und St. Johannes, die mit dem Herrn Jesus gewandelt sind? Antworten Sie mir!“ - „Ich weiß nicht, gnädige Frau“, stammelte Joseph, woher er es hat.„ Und sie: „Dann will ich es Ihnen sagen. Er hat es sich aus den Fingern gesogen. Und von Franzosenfingern habe ich und haben Sie unser Lebtage wenig gehalten. Andern: Sind sie durch dies Buch glücklicher geworden? Hat es Ihnen mehr Frieden gegeben als die Bibel? Haben Sie durch dasselbe getroster in Ihr Grab und in den Himmel schauen lernen?“ „Nein,“ stammelte der Alte, „was ich von Frieden hatte oder anfing zu haben, das hat es mir genommen.“ Und dabei senkte er das Haupt tief nieder. Eine lange Pause im Gespräch trat ein. Die kluge Frau wollte die in ihm angeschlagene Saite erst nach klingen lassen. Endlich schlug sie in ihrer großen Bibel fast hastig das 10. Kapitel des Evangelii St. Lucae auf. Dann hob sie an: „Joseph, ich will ihnen aus der Bibel eine Geschichte vorlesen, die sich diesen Herbst hier zugetragen hat. Sie steht Lucas 10 und beginnt mit dem 20sten Verse: Es war ein Mensch, der ging hinab von Jerusalem gen Jericho. Joseph, der Mensch sind Sie. Wer in Glauben bei dem Herrn ist, der ist in Jerusalem. Wer vom Glauben abfällt, der wandert aus von der heiligen Stadt. Und fiel unter die Räuber. Joseph, als ich, jung war, erzählten sich die Leute gern Geschichten von drei großen Haupträubern. Der eine war ein Franzose und hieß Cartouche, die beiden andern waren Deutsche und hießen Störtebeker (Stürzebecher) und Schinderhans. Das sind arge Gesellen gewesen, sie haben viel unschuldig Blut vergossen und andere Gräuel verübt. In meinem Alter sind wieder drei Räuber berühmt geworden. Der eine ist wieder ein Franzose und heißt Renan. Die andern beiden sind wieder Deutsche, ihre Namen brauchen Sie nicht zu wissen. Sie, Joseph, sind unter die Räuber gefallen. Die zogen ihn aus und schlugen ihn. Jene drei zogen den Reisenden nur ihre Kleider aus und raubten ihnen nur ihre irdischen Schätze; diese drei rauben den armen Pilgersleuten ihr himmlisches Gut, sie ziehen ihnen die Kleider des Heils aus, und nehmen ihnen die eine köstliche Perle, den Herrn Jesus selbst. Jene Räuber schlugen nur Wunden in Fleisch und Leib, diese schlagen sie in Seele und Geist; diese schlagen Wunden, welche ewig bluten können. Jene Räuber hatten doch noch Etwas davon; diese haben nur die elende Freude, dass nun auch Andere wund und nackt und bloß wie sie selbst durch die Wüste dahin laufen müssen. - Und welches ist das Ende? - Sie gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. - Joseph, ein solcher Halbtoter sitzt oder liegt hier vor mir. Das Leben, das der Herr durch sein Wort in Sie gepflanzt, das er Ihnen aus Gnaden geschenkt hatte, ist fast dahin. Die Liebe zu Christo ist das wahre Leben, und dieses Leben ist wenigstens zur Hälfte in Ihnen ertötet. Sie sind ein alter Mann, Sie stehen fast wie ich mit einem Fuße im Grabe. Es hatte angefangen in Ihnen zu grünen, aber ein Nachtfrost hat den schönen Trieb getötet. Ob es in Ihnen noch einmal zu neuem Leben kommt, wer weiß es? Über Nacht kann der Herr Ihre Seele von Ihnen fordern. Wenn Sie dann daliegen in ihrem Blute ohne Heiland, ohne Glauben, ohne Trost und ohne Hoffnung; wenn keine freundliche Sonne, sondern nur der Feuerschein des göttlichen Gerichts vom Himmel herunterleuchtet: werden dann die Räuber wiederkommen, Sie zu verbinden und zu erquicken? Sie können nicht, wenn sie auch wollten; sie selbst sind eben so elend daran wie Sie. Wenn Sie ihnen dann nachschreien und Ihr Elend klagen, antworten sie Ihnen wie die Hohenpriester Israels dem armen Judas: „Was gehet uns das an? Da siehe du zu!“ und gehen davon. Joseph, das ist Ihre Geschichte aus diesem Herbste. Die hat der Herr Jesus dort erzählen wollen. Denn dass er nicht im Volke umhergeht, um Räubergeschichten zu erzählen, dass er vielmehr Seelengeschichten erzählt, das trauen Sie ihm doch noch zu!“

Der Inspector hatte seine alte Herrin mit festem Schritt und hochgehobenem Haupte durch manches Wetter hindurch gehen sehen; aber so mächtig und gewaltig wie heute war sie ihm nie erschienen. Ihm war es, wie wenn Feuer unter seinem Stuhle und in seinem Herzen brennte. Aber es war kein Feuer zum Verkohlen und Verhärten, sondern eine Flamme von jenem Feuer, welches anzuzünden der Herr in die Welt gekommen ist.

Jedes ihrer Worte war ihm Wahrheit, jedes traf ihn wie ein scharfer Schwertstreich. Zu ihr hinübersehen konnte er schon lange nicht mehr, die Tränen rannen über sein altes Angesicht. Jetzt ertrug er es nicht mehr; er sprang auf und wollte zur Tür hinaus. Aber die liebe Alte rief ihm nach: „Joseph, laufen Sie doch nicht fort, warten Sie doch, der barmherzige Samariter kommt ja, er hat Sie schon lange in Ihrem Blute liegen sehen, ihn jammert Ihrer.“ Er blieb stehen, sie aber las - und dabei leuchtete ihr Angesicht wie eines Engels Angesicht - in dem Kapitel weiter bis zu den Worten: „Wenn ich wiederkomme.“ Dann stand sie auf, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand, sah ihm fest in die Augen und sprach: „Es wird Alles noch gut, lieber Alter. Der Herr hat Sie fallen lassen, um Sie desto fester an sich zu binden; er hat Sie noch einmal in die Wüste laufen lassen, um Sie desto heimischer in Kanaan zu machen.“

Und so ist es geschehen. Ich erzähle nicht, wie der Alte umkehrte. Ich weiß auch nicht, was aus diesem Exemplare von Renan geworden ist. Ich weiß aber, dass dieser dritte Winter noch lieblicher und seliger ward als die beiden vorangegangenen, und dass der Herr nun sein Siegel fest auf das Herz des alten Inspektors drücken konnte.

Hier ist es zum Siege gegangen, hier hat der Herr den Fluch in Segen verwandelt. Es kann aber auch anders kommen. Wie sich der Feind mit seiner Frage: „Sollte denn Gott gesagt haben?“ (1 Mos. 3, 1) in die Herzen unserer jungen Stammeltern hineingebohrt, wie er in ihnen damit den Glaubenskern zersplittert und zermalmt hat, so kann es in den Herzen der Alten auch geschehen. Um die Vorgebirge, um die letzten Spitzen, wo sich Land und Meer scheiden, toben die Stürme am Heftigsten. So toben sie auch noch um die letzte Lebensspitze, wo sich Zeit und Ewigkeit von einander scheiden. Auch da hat noch manche Seele Schiffbruch gelitten. Darum, lieber Alter, nimm deiner selbst wahr. Nur wenn du getreu bist bis an den Tod; gibt dir der Herr die Krone des ewigen Lebens. Werde nie sicher, höre nicht auf, deinen Glauben zu nähren und zu üben. Ich habe einen Alten gekannt, der in seinen gesunden Tagen den Herrn bekannte. Als er endlich krank lag und es mit ihm zum Sterben ging, wollten ihn die Seinen mit seinem Glauben stärken und trösten. Er aber antwortete: „Alles Nichts! Alles Nichts!“ In diesem Dunkel erlosch seine Leuchte. Siehe die Vögel des Himmels an. Sie schwingen ihre Flügel, um ihr Futter zu suchen, um ihre Rester zu bauen, um sich auf dem grünen Aste und in dem leichten Luftelement zu freuen, um gesellig beisammen zu sein und um Gefahren zu entrinnen. Zugleich aber ist dies alles Vorübung auf die große Reise, welche der größere Teil von ihnen jeden Herbst über das Meer macht. Zuletzt sammeln sie sich noch auf hohen Bäumen und Kirchdächern, um von dort in Gemeinschaft kleine Probefahrten anzustellen und dann fortzuziehen. Du bist viel mehr denn sie. Alle Schwingungen deiner Glaubensflügel, mögen sie zunächst dem täglichen Brote oder deinem Hausbau oder der Rettung aus irgend welchen Nöthen gelten, müssen Vorübungen auf die letzte große Reise sein. Und wie ein junger Vogel, der die große Reise noch nie gemacht, der das fremde Land noch nie gesehen, sich kühn hinauswagt auf die unübersehbare Flut, so sollst du dich denn zuletzt auch hinauswagen auf die Reise, die jeder nur einmal macht. Übe dich alle Tage, lass die Flügel nicht schlaff darniederliegen; sie verlieren sonst die Schwungkraft. Und helfe dir Gott, dass du zuletzt vom Kirchendache und vom Kreuz auf demselben deinen Flug antretest.

Ein Lied zur Warnung:

Die Silbertanne.

Silbertanne stand so stolz und prächtig
Gestern noch an unsres Parkes Pforte,
Sang im Waldesreigen noch so mächtig
Ihre hohen Lieder ohne Worte.

Heute liegt der stolze Baum gefället
Von dem Sturme auf den grünen Wiesen,
Und sein Zweigwerk rings umher zerschellet,
Die zerschlagnen Glieder um den Riesen.

Sag', wie mocht es einem Sturm gelingen,
Diesen alten lang' erprobten Degen
In dem einen Kampfe zu bezwingen
Und als toten Mann dahinzulegen?

Offen liegt nun die verborgne Blöße
Denke an den langen König Saul
Und an manche schnell gestürzte Größe! -
Schau - die Tanne war im Stamme faul.“

1)
Wolfram von Eschenbach seinen Parzival
2)
Frei übersetzt unter Mitbenutzung einer Überarbeitung von R. Rückert. Der Text steht in Friedr. Heinr. v. d. Hagen Minnesänger, Band II, S. 208
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