Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - XIV. Der Alte auf der Grenzscheide zweier Welten.

Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - XIV. Der Alte auf der Grenzscheide zweier Welten.

Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie alle meine Väter.
(Psalm 39, 13).
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
(Hebr. 13, 14).

Der spanische Dichter Calderon hat ein großes Drama geschrieben, welches den Titel das Welttheater führt. Die Bühne stellt darin das Leben dar. Sie hat zwei Türen, die eine zur Linken, die andere zur Rechten. Zu der einen kommen die Menschen herein, zur andern gehen sie hinaus. An der einen steht die Wiege, an der andern der Sarg. Bewusst und unbewusst, im Wachen und im Schlafen, in Schmerz und Freude rücken wir der Tür zur Rechten immer näher. Du, lieber Alter, bist ihr schon recht nahe gekommen. Und durch dieselbe hinaus musst du, auf der Bühne kannst du nicht bleiben.

Wie stehst du nun zu den beiden Seiten der Bühne und zu ihren Türen? Du fühlst, dass es nach der Linken hin immer ärmer, öder und kälter wird. Die Nebel steigen auf, der Rauch beißt in die Augen, die Nacht hebt an die Morgenseite einzuhüllen, und immer einsamer wird es um dich herum. Willst du dennoch hierbleiben? Hast du nur Augen für die Tür zur Linken, und wendest du sie von der zur Rechten mit Gewalt ab? Heißt es bei dir, wie bei so vielen Tausenden: „Nur leben! Auch dies verarmte Leben ist mir noch ein Lenz! Ich mag es nicht vertauschen mit dem Ungewissen oder dem Grauen, das vor der andern Tür meiner wartet!“ Wenn es so bei dir heißt, dann ist dein Alter fürwahr ein jämmerliches, dann ist auch das Leben des Lebens nicht wert. Solch elendes Alter wiegt alle Freude und Lust der jüngeren Jahre zehnfältig auf, alles Licht des Tages wird in den öden und unheimlichen Abend verschlungen. Wenn das Jenseits Nichts hat, was des Sterbens wert ist, dann hat auch das Diesseits Nichts, was des Lebens wert ist. Wehe dir, wenn dein Alter nur Abenddämmerung ist, wenn du nur weißt von einem verlöschenden Tage und einer untergehenden Welt. Das rechte Alter muss Abend- und Morgendämmerung zugleich sein. Wir wollen ein anderes Bild aufrollen. Zu den großen Seehelden der Königin Elisabeth von England, welche einesteils dies Land gegen die Übermacht der Spanier verteidigten, und andernteils seine Herrschaft in der neuen Welt zu gründen anfingen, gehört der bekannte Franz Drake. Auf seinen Seefahrten kam er einst nach der Landenge von Darien in Mittelamerika. Er trat dort in gutes Vernehmen mit einem Indianerstamme, der den höchsten Rücken dieses schmalen Landstreifens inne hatte. Auf diesem Bergrücken stand ein mächtiger, hoher Baum, und auf diesem Baume hatten die Indianer eine Art von Balkon angebracht. Dort hinauf führten sie den Briten. Und dieser war hier auf dem Punkt, wo er hinter sich das atlantische Meer, und vor sich den weiten noch undurchforschten westlichen Ocean sehen konnte. Letzteren sah er hier zum ersten Male. Da beugte er seine Knie und betete, Gott wolle doch Gnade geben, dass Englands Flagge dort drüben auch einmal wehe, wie sie bereits auf dem atlantischen Ozean wehte. Gott hat dies Gebet erhört. Tausend und aber tausend englische wie andere Schiffe sind um das gefährliche Cap Horn herum gefahren, um jenes weite Meer zu erforschen und die Güter seiner Inseln dem Heimatland zuzuführen oder um dort draußen neue Kolonien zu gründen. Wie jener englische Seefahrer sollst du, lieber Alter, auch auf den Scheidebergen auf der Höhe stehen. Du kennst einen Berg - er heißt Golgatha - du kennst einen Baum - er heißt das Kreuz - du kennst einen Mann - er heißt Jesus Christus - der hat dir mit seiner Liebe und seinem Blute da droben einen festen Altan gebaut, von welchem aus du klar und getrost in das Meer der ewigen Gnade und Herrlichkeit schauen kannst. Er wehrt es dir nicht, gern und fleißig nach deiner Kindheit und nach der Eingangstür, an welcher die Wiege stand, zurückzusehen. Er hat dich ja selbst in dieser Wiege zum Leben gesegnet. Er ist von der Jugend bis zum Alter als dein wahrhaftiges Leben mit dir gegangen. Aber denke auch daran, dass er für dich gestorben und auferstanden ist, um dir das Leben aus dem Tod zu schenken und zu versiegeln. Blicke fröhlich hinaus auf das weite kristallene Meer, spanne die Segel der Sehnsucht dahin und fürchte dich vor dem Tode nicht. Schiffen die Seefahrer um das kalte und stürmische Cap Horn, um von jenseits Gold und Färbehölzer und Robben und Guano zu holen, oder um sich auf einem andern Stückchen Erde, das auch wieder seinen Jammer hat, anzubauen, dann sollst du wohl noch getroster um das letzte Vorgebirge des armen Pilgerlandes fahren, mag der Sturm um dasselbe toben, so arg er will. Hinter demselben sind Güter zu finden, gegen welche alle Erdengüter nicht in die Waagschale fallen, und ein Land, in welchem alles Weh der Welt und Sünde ein Ende hat.

Alle rechten Christen haben im ganzen Leben und besonders im Alter eine Sehnsucht, ein Heimweh nach dem Land der Vollendung. Wenn wir uns hier ganz wohl und heimisch fühlen, steht es nicht richtig um uns. Dem Volk Israel verging in dem babylonischen Gefängnis Gesang und Spiel, seine Sehnsucht stand nach Kanaan und Zion (Psalm 137). Es war ihm schwer, ein Fremdling unter Mesech zu sein, und zu wohnen in Kedars Hütten (Psalm 120, 5). Sein Lied steigt auf im höheren Chor, wenn es der Erlösung aus der Gefangenschaft und der Heimkehr nach Jerusalem gedenkt. „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“ (Psalm 126). Und was fanden sie bei ihrer Rückkehr nach Kanaan? Einen verbrannten Tempel, verwüstete Städte, verwilderte Äcker und Weinberge und ringsum Feinde, welche ihnen ein neues Gedeihen und Emporkommen erschwerten. Aber es war das ihnen von Gott geschenkte Land, und dahin zog es sie. Noch ganz anders muss es uns in das himmlische Kanaan ziehen. Jeder rechte Christ, namentlich jeder Alte, muss aus Herzen mit Paulus sagen können: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre (Phil. 1,23). Wir sind aber getrost allezeit und haben viel mehr Lust außer dem Leibe zu wallen und daheim zu sein bei dem Herrn“ (2 Kor. 5, 6). Jedem rechten Christen muss Meyfarts Lied:

„Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
Wollt' Gott, ich wär' in dir! etc.“

als sein eigenes im Herzen stehen. Und Simeons Schwanengesang: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ (Lucas 2, 29 u. 30), muss ihm lieber sein als jedes Abendlied. Es ist ja das Abendlied, in welches der ewige Morgen hineinklingt. - Doch sorge alles Ernstes dafür, dass dein Heimweh ein reines werde und bleibe. Manche Alte haben wirklich Lust zu sterben und in den Himmel einzugehen. Aber welches sind die Gründe? Es geht ihnen hier so schlecht. Sie sind krank, arm und einsam, oder sie haben zu leiden unter der Undankbarkeit und Härte jüngerer Leute. Sie sind fremd in dem nachgewachsenen Geschlechte, der ganze Ton des jüngeren Lebens gefällt ihnen nicht. Da möchten sie fort aus der Welt. Da ist aber keine Sehnsucht nach dem Herrn, sondern Flucht aus der Welt. Da zieht dich nicht die Lieblichkeit deines Erlösers, sondern die Härte und Kälte der Welt stößt dich fort. Meinst du, du werdest dadurch in den Himmel kommen, dass du der Welt überdrüssig bist und dich von ihr fortgestoßen fühlst? Davon steht kein Wort in den Seligpreisungen des Herrn. Oder meinst du, dass Simeons Heimweh ein solches gewesen sei? Ich stelle mir vor, der alte liebe Mann ist für sein Alter noch gesund und frisch gewesen, er hat auch sein gutes Auskommen gehabt, es hat ihm hier in der Welt Nichts gefehlt. Aber die Erde hatte für ihn ihre Bestimmung erreicht. Sie ist für uns dazu da, dass wir auf ihr geboren werden, Christum finden, ihm, so lange es Gott gefällt, hier dienen, und dann mit ihm zum ganzen Leben in ihm in die ewige Heimat gehen. Simeon hatte seinen Schatz, seinen Schlüssel zum Himmel gefunden, und nun wollte er hineingehen. Diese Sehnsucht soll sich gleich bleiben, ob es dir gut oder schlecht ergebe. Sie soll in allen Fällen ein stilles demütiges Warten sein. Auch in den schwersten Tagen soll es heißen: „So lange der Herr will. Ich bin gewiss, dass dieser Zeit Leiden nicht wert sind der Herrlichkeit, die dort an mir soll geoffenbart werden. Auch dies Leiden muss dazu dienen, mich zur Teilnahme an jener Herrlichkeit reif zu machen.“ Gerade das stille ergebene Warten unter Kreuz und Leiden ist oft das beste Tun des Alten. Der Herbstwind wühlt in den Blättern des Baumes; er sucht, ob sich unter ihrem Schmucke Früchte finden, welche hangen bleiben, wenn die Blätter dahinfliegen. Eine Hauptfrucht ist die Geduld; sie hilft, dass auch die andern den Sturm überdauern.

Ein Paar Bauersleute waren in Segen und Ehren alt geworden. Sie standen in kindlichem Glauben, dienten dem Herrn nach ihrer Kraft und Erkenntnis treulich, sprachen oft vom Ende und freuten sich von Herzen auf die ewige Rube. Da legte Gott die alte Mutter, die fast nie krank gewesen war, auf ein langes und schmerzliches Siechbette. Anfangs trug sie ihr Leiden mit schöner Geduld. Als aber Wochen und Monate darüber hingingen, und sich ihr Zustand weder zum Tode noch zur Genesung neigte, riss der Faden. Sie kam ins Murren. Sie konnte sagen: „Lange halte ich diesen Zustand nicht mehr aus. Ich wollte, Gott richtete mich nun wieder auf, oder er machte ein Ende mit mir! Das geht über Menschenkräfte!“ Da setzte sich ihr alter Mann neben sie an's Bett, fasste ihre Hand und sagte: „Mutter, weißt Du, dass in der Abenddämmerung viel gestohlen wird?“ – Und sie: „Das weiß ich schon, aber was willst Du denn damit sagen?“ Der Alte antwortete: „Ich meine nicht die Abenddämmerung draußen, ich meine die im Leben. Da kann der Feind noch Seelen stehlen, von denen man glaubte, dass sie für die ganze Ewigkeit geborgen wären!“ Dabei seufzte er tief auf. Die alte Mutter verstand, an welche Seele er dachte. Sie drückte ihm die Hand, nickte ihm dankend zu, und die Tränen liefen dabei über die Wangen. - Sie hat nie wieder gemurrt, aber desto brünstiger in den heißen Stunden gebetet, und der Mann mit ihr.

Und wie das äußere Leiden kann dich auch die innere Trägheit weltflüchtig machen. Du fühlst deine Sünde und Schwachheit. Du weißt aus Erfahrung, dass das Leben ein stetes Fallen und mühsames Aufstehen, eine dauernde Krüppelei ist. Alle Tage haben wir zu kämpfen; und wenn wir das Schwert am Besten zu schwingen meinen, fallen wir oft am Tiefsten. Da wollen wir denn dem Herrn aus der Schule laufen, da sprechen wir: „Ich wollte, ich wäre weg aus dem Sünden- und Jammertale! ich wäre da, wo ich nicht mehr sündigen kann und wo mein armes Herz endlich dem täglichen Sturm enthoben ist!“ Der Wunsch ist dir nicht zu verargen, aber in der vordersten Reihe darf er nimmer stehen. Bitte lieber, dass Christus in dem Schwachen mächtiger werde, und du immer kindlicher und selbstloser an seiner Hand geben lernest. Bedenke dabei, dass das Gefühl unserer Sünde und Schwachheit uns noch nicht selig macht, und dass Niemand, der vor sich selbst fliehet, damit schon in den Himmel kommt. Es muss erst noch ein Anderer dazwischen stehen. Unlust an dir selber macht dich noch nicht zu einem Kinde und Erben Gottes. Ein Mensch, der sich sein Lebtage lang um seinen Heiland und um sein Heil nicht gekümmert, der sich bis in sein Alter in allen Sünden gewälzt hat, kann endlich auch einen Ekel an sich und seinem Leben bekommen. Allerlei Schmach und Not, die er über sich gebracht hat, helfen den Stachel noch schärfen. Er möchte heraus aus dem Schmutz und Gedränge. Da kommt ihm denn auch wohl das reine Haus und Reich dort drüben in den Sinn. Er möchte heute noch vor sich selbst in den Himmel fliehen. Er kommt aber nicht hinein ohne den, der da sagt: „Niemand kommt zum Vater, denn Durch mich“ (Joh. 14,6). Erst muss er zu ihm kommen, dann kommt er in den Himmel. Er ist der Himmel im Himmel und die Himmelstür. Ohne Glauben ist es unmöglich Gott zu gefallen (Hebr. 11,6).

Zum Dritten überkommt Viele nach dem Tode ihrer Lieben eine kranke Himmelssehnsucht. Ich habe sie oft bei Witwen, und bei Eltern, die ihre Kinder verloren hatten, gefunden. Sie hatten vorher von einem Heimweh nach dem Himmel Nichts gewusst. Der Herr Jesus mit aller seiner Liebe und Lieblichkeit und Herrlichkeit hatte diese Sehnsucht in ihnen nicht zu erwecken vermocht. Jetzt wollten sie sterben, um bei dem Mann oder bei den Kindern zu sein. O wenn sie doch bedechten, dass es ohne Christus keinen Himmel gibt.

Und wär der Himmel ohne dich,
So möchte keine Lust für mich
In tausend Himmeln werden.

Wenn dein Mann oder Weib, deine Eltern oder Kinder selig sind, so sind sie es nur in und bei Christo. Und wenn du selig werden und zu den Deinen kommen willst, so kannst du nicht um Christum herumgehen. Er hat den Schlüssel des Himmelreichs weder deinem Manne, noch deinen Eltern, noch deinen Kindern anvertraut, er hat ihn selbst in der Hand. - Ein Gewinn ist es für dich, wenn beim Sterben und am Grabe der Deinen in dir eine herzliche Liebe zu deinem Heiland erwacht, der dem Tod die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen aus dem Grab wiedergebracht hat. Da helfen die Deinen dich zu dem Herrn bringen, und der Herr bringt dich wieder zu den Deinen. Wenn du aber ohne ihn zu ihnen kommen willst, betrügst du dich selbst. Du hast dir einen Himmel gemalt, der in der letzten Stunde dahin fliegt wie die bunten Wolken vor dem Sturme.

Alles wahre Heimweh zieht zu Christo, bei ihm ist unser wahres Heim. Die Liebe zu uns hat ihn in unser Elend herabgezogen, die Liebe zu ihm muss uns ihm nachziehen in seine Herrlichkeit. Er ist der Bräutigam, deine Seele ist die Braut. Am Tage des seligen Heimganges wird sie ganz mit ihm vertraut. In der Stunde der Auswanderung aus der Welt kommt der Herr seinen Gläubigen entgegen, er hilft im letzten Kampf, unter seiner Liebe schmelzen die letzten Schlacken von ihren Herzen, er denkt sich ihnen ganz, sie nehmen ihn ganz. Mit dem reinen Auge der reinen Seele sehen sie ihn nun, wie er ist. In ihm sind sie selig. Ihre in dem Herrn Vollendeten finden sie als ewige Blüten an diesem Lebensbaum. Sie leben und blühen nur, weil er lebt; ihr Leben ist aus seinem Leben und aus seiner Art. Suche also zuerst ihn, in ihm findest du sie. Er hat dich mehr geliebt als Vater und Mutter, Sohn und Tochter, Bruder und Schwester. Wer diese mehr liebt denn ihn, ist seiner nicht wert und kommt auch nicht zu ihm. Darum, lieber Alter,

Lass uns ziehn dem wahrhaftigen Lichte nach,
Das Himmel und Erde erleuchtet,
Dem Herrn, der uns, als das Herz ihm brach,
Mit dem Tau des Lebens befeuchtet.
Sind wir hingelangt in sein heiliges Zelt,
Dann stehen die Lieben, die hier in der Welt
Ihm gelebt und gedienet von ferne,
Um die Sonne als ewige Sterne.

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