Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - XI. Der Rückblick auf das Leben.

Ahlfeld, Friedrich - Das Alter des Christen - XI. Der Rückblick auf das Leben.

Ich gedenke an die vorigen Zeiten und rede von allen deinen Taten, und gedenke an die Werke deiner Hände.
(Psalm 143,5)

Dazu ist eben Zeit in der stillen Kammer des Alters, das ist die eine seiner Aufgaben. Gott hat es nicht umsonst so geordnet, dass sich der Alte gern in den durchlebten Jahren ergeht. Das Erste, was ihm bei solchem Wiederleben seines Lebens entgegentritt, ist die unverdiente unaussprechliche Barmherzigkeit des Herrn. Unwillkürlich bricht er in die Worte des alten Moses aus: „Wie hat der Herr die Leute so lieb!“ (5. Mose 33, 3). Und dem Jacob betet er nach: „Ich bin zu geringe aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast“ (1 Mose 32, 10). Der Alte hat ein Recht, sich seines Lebens noch einmal zu freuen. Im Scheine der Abendsonne durchwandert er noch einmal das Tal seiner Jugend, spielt und ringt noch einmal mit den alten Gefährten, feiert seinen Brautstand noch einmal, kämpft die Mühen des Mannesalters noch einmal durch und schmeckt auch den Kelch der mancherlei Trübsal noch einmal nach. Es ist ein Segen darin, wenn er den langen Faden in Ruhe wieder abwickelt. Jetzt verfolgt er die Liebe und Erbarmung Gottes in ihren feinen Wegen. Was er in der Leichtfertigkeit der Jugend, in der Mühe, Sorge und Lust des weitern Lebens nicht beachtet hat, das sieht er jetzt. Er lernt sein Leben verstehen. Er merkt, wie eine liebe, treue Hand über demselben gewaltet, wie sie aus scheinbaren Bruchstücken ein Ganzes gemacht, wie sie selbst seine Sünde und seine Torheit zum Besten gewendet hat. Der bewölkte Tag wird ihm hell am Abend; er ahnet, wie heller ihm drüben in dem ganzen großen Sonnenlichte werden wird. Da werden wir erst mit der ganzen Fülle der Demut, der Liebe und des Dankes in die Worte ausbrechen: „Wie hat der Herr mich so lieb!“ Aber in demselben Grade, in welchem wir die Liebe und Weisheit Gottes erkennen, verstehen wir auch unsere Sünde und Schuld. Wenn die Augen nach außen blöde werden, sehen sie um so heller nach innen. Ach wie Viel haben wir versäumt, was wir im Leben zu Gottes Dienst und Ehre hätten tun können! Vieles hat wie Gottesdienst ausgesehen, aber in Wahrheit haben wir uns selbst gedient. Und gut machen können wir Nichts mehr. Wir können die Steppen des Lebens, welche hinter uns liegen, nicht mehr mit Palmen und Weinstöcken, mit Rosen und Lilien bepflanzen. Nur in unser Kämmerlein können wir gehen, nur auf unsere Knie fallen und bitten können wir: „Herr, vergib mir meine Sünde, meine Selbstsucht, meine Trägheit, meine Weltlust. Erbarme dich meiner aus Gnaden!“ Dabei singen wir mit Trauern:

„Ach das ich dich so spät erkennet,
Du hochgelobte Schönheit, du!
Und dich nicht eher mein genennet,
Du höchstes Gut und wahre Ruh!

Wie arm bin ich gewesen! Wie wenig habe ich dir deine Liebe und Treue gedankt!“ Und schwarz wie die Nacht steht der Undank, dessen wir uns gegen die himmelhohe Liebe Gottes schuldig gemacht, vor der Seele. Da möchte man es denn mit beiden Armen zusammenraffen und die Dankopfer in Haufen auf den Altar des Herrn legen, und die Tränen über seine Kälte mitten drunter, und das alle Tage wieder. - Aber nicht allein über diesen Undank gehen uns in dem stillen Alterskämmerlein die Augen auf; Vieles, worüber wir uns in den Jahren, wo wir mit dem Strome dahinschwammen, gar kein Gewissen machten, wird uns zur Sünde. Für Anderes wuchsen früher die Feigenblätter der Entschuldigung auf allen Hecken; jetzt können wir keine mehr finden. Und noch Anderes, das wir uns früher zum Ruhme angerechnet, wird uns jetzt zu Schmach und Schande. Der falsche Goldglanz wandelt sich im Abend dunkel in Schwarz. Und da heißt es wieder: „Suche die Gnade, dieweil es noch Zeit ist!“

Zu solchem Ernst muss denn auch das Kreuz, welches Gott so gnädig auf das Alter legt, mitwirken. Leibliche Leiden im Alter sind oft wie ein erwachtes Gewissen. Gott schreibt uns in ihnen Denkzettel, welche weit in das Leben zurück deuten. Sie sind nicht allein Kalender für derzeitige Witterung und Jahreszeiten, sondern auch für längst verlebte Jahre. Sie sind häufig die bitteren Früchte von den Sünden der Jugend. Wir müssen ihrer dabei gedenken, wir lernen aber dabei auch recht schreien! „Herr, gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretung; gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit um deiner Güte willen“ (Psalm 25, 7). Ein demütiger Alter kann auch für diese Leiden recht herzlich danken.

Wie uns nun das Alter gegeben ist, unsern Wandel vor Gott immer wieder einer rechten Prüfung zu unterwerfen, so gehen wir auch an den Reihen unserer Lebensgefährten immer wieder vorüber. Und wie viele finden wir da, an denen wir uns versündigt haben! Hier und dort taucht ein Gesicht auf, dessen Blicke wie Dornen im Gewissen stechen. Vielen haben wir ihre Liebe nicht oder mit Undank vergolten. Andere haben wir in Stolz und Übermut gekränkt und mit ihrer Schwachheit loses Spiel getrieben. Andere haben wir an ihrer Habe oder ihrem guten Namen beschädigt, Andern das gegebene Versprechen nicht gehalten und so ihre Hoffnung getäuscht. An Andern hätten wir Barmherzigkeit üben und ihnen aufhelfen können; aber wir waren zu kalt und selbstsüchtig dazu. Andere haben wir, - wer mag es sagen, durch welche Sünden? - vielleicht ins Verderben gezogen und ihnen den ganzen Lebensweg zerrüttet. An Gefallenen sind wir in Pharisäerstolz vorübergegangen; wir boten ihnen zum Aufstehen weder Herz noch Hand. Besonders kommen uns die Sünden, welche wir an den nächsten Freunden begingen, ins Gedächtnis. Wer ist, der seinem Vater und seiner Mutter nicht zu Zeiten das Herz schwer gemacht hätte? Wie viel Tränen haben wohl Mütter über Kinder geweint? Wie manchem armen Weibe hat der Mann durch gottloses Wesen die Hoffnungen und Träume, mit welchen sie in das Leben hineinschauete, zu Nichte gemacht! Ihr Weg war ein Tränental und eine Wüste. Und wo sind sie, die wir mit unsern Sünden betrübt haben? - Größten Teils nicht mehr hier. Es gibt ein zweites Leipzig draußen vor dem Johannistore. Es hat lauter schmale Straßen und einstöckige Häuser. Da schlafen sie, oder vielleicht auch auf einem andern Friedhofe. Da wohnt jeder allein in seinem Häuschen. Die vor 50 oder 40 Jahren in dem Leipziger Adressbuch standen wenn die Stadt damals schon eins hatte! die hat jetzt der Totengräber in dem seinen. Er führt auch Register über Straßen und Hausnummern, damit Jeder die Seinen wohnen weiß und finden kann. Es sind auch ganz neue Quartiere da, die heut oder morgen bezogen werden sollen. Lieber Alter, wenn du da draußen oder auf einem andern Friedhofe gegen Abend langsamen Schrittes durch die engen Gassen wandelst oder in deiner Stube, durch Schwachheit und Krankheit gebunden, im Gedanken durch dieselben hindurch gehst, dann bleib hie und da stehen! Hier schläft Einer, dem du abzubitten hast. Schäme dich nicht, es nach langen Jahren noch zu tun. Sage ihm: „Ich weiß, dass du mir meine Sünde längst vergeben hast; aber ich will dich doch noch um Vergebung bitten.“ Und dabei nenne deine Sünde mit dem ganzen schwarzen Namen, der am Tiefsten ins Gewissen schneidet. Und dann hebe dein Haupt höher empor und rufe deinen Gott an: „Vater, vergib du, denn an deiner Vergebung hängt Heil und Leben.“ Und hier ruht Einer, der deinen Dank zwar nie verlangt hat, dem du ihn aber desto williger hättest bringen sollen. Da bleib wieder stehen, sprich ihm deinen Dank laut aus. Und wenn dann unter dem Andenken an seine Liebe und deinen Undank eine Träne auf sein Grab fällt, ist diese mehr wert als die Hälfte von den Kränzen, die an seinen Leichenwagen gehängt wurden. Es ist Freude bei den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut, und wenn auch 40 oder 50 Jahre zwischen der Sünde und der Buße liegen. Gottes Engel führen in heiliger Liebe eine genaue Rechnung, sie zählen alle Tränen.

Kommen wir von den Toten noch einmal herüber zu den Lebendigen. Wir Alle haben an unsern Kindern und an Andern Viel versäumt. Wir werden in der Regel darüber erst klar oder es fällt uns erst in das Gewissen, wenn wir es nicht mehr einbringen können. Was ist dann zu tun? Der Alte soll sich nicht schämen, auch seinen Kindern zu sagen: „Mein Sohn, meine Tochter, darin und darin habe ich an dir gefehlt.“ Das Kind soll des Vaters Sünde und Versäumnis nicht für Recht halten; es soll in sich selbst nach Kräften den Schaden zu heilen suchen und ihn nicht wieder hinübertragen auf das künftige Geschlecht. Obenan aber soll der Alte bitten, dass der Herr den Kindern seine Schuld nicht zum ewigen Verderben gereichen lasse. Bitte, dass er die Kinder an seiner Hand leiten und Helfer erwecken wolle, welche mit Kraft und Weisheit und Liebe das Verbogene gerade machen können. O ein Alter hat noch Viel zu tun.

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