Ahlfeld, Johann Friedrich - Wie soll ein rechtes Gebet beschaffen sein?

Ahlfeld, Johann Friedrich - Wie soll ein rechtes Gebet beschaffen sein?

(Rogate 1848.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Text: Ev. Joh. 16, V. 23-33.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater Etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben. Bisher habt ihr Nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. Solches habe ich zu euch durch Sprichwort geredet. Es kommt aber die Zeit, dass ich nicht mehr durch Sprichwort mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An dem selbigen Tag werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will, denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum dass ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater. Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe nun redest du frei heraus und sagst kein Sprichwort. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt, und bedarfst nicht, dass dich Jemand frage. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist. Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr. Siehe es kommt die Stunde, und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeglicher in das Seine, und mich allein lasst; aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Solches habe ich mit euch geredet, dass ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst: aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

In Christo Jesu geliebte Gemeinde. Beten soll der Christ alle Tage. „Betet stets in allem Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist,“ schreibt Paulus an die Epheser. „Betet ohne Unterlass,“ schreibt derselbe Apostel an die Thessalonicher. Wenn man von dem äußeren Menschen wissen will, wie es um seine Gesundheit steht, dann fühlt man ihm an den Puls. Wie erfährt man es denn von dem inwendigen Menschen? Kann man dem auch an den Puls fühlen? O wohl. Tue es selber, tue es heute. Wie soll ich es aber anfangen? Prüfe dich, wie es um deine Gebetsordnung und Gebetsfreudigkeit steht. Wenn das Gebet ganz und gar schweigt, wenn dieser Puls des inneren Lebens ganz still steht, dann bist du tot vor Gott. Wenn er matt und langsam in toter Alltäglichkeit da hinschleicht, dann schläfst du vor Gott. Du sollst aber nicht tot sein in diesem teuersten Leben, du sollst auch nicht schlafen, am wenigsten in der jetzigen Zeit. Denn siehe, der Herr unser Gott hat seine Rüsttage, ehe er seine großen Gnaden und Gaben gibt, dass wir sie würdiglich empfangen. Er hat auch seine Rasttage, ehe seine großen Züchtigungen hereinbrechen, dass wir gewappnet sind sie zu tragen. -

Christus war auferstanden, er wandelte mit seinen Jüngern, er fuhr endlich auf gen Himmel. Die Jünger warteten des Trösters, des Heiligen Geistes, der da kommen sollte. Das war eine rechte Gebetszeit. Womit konnten sie besser warten, als damit, dass sie ihre Herzen schickten zu Gott; dass sie in fleißigem Rufen die Gefäße auftaten, in die er kommen sollte; dass sie ihre Lampen helle, dass sie die Tore weit machten, damit der König der Ehren einzöge. Darum fällt, ehe der Geist ausgegossen wird, der Sonntag Rogate. d. h. der Betsonntag. -

Uns, geliebte Gemeinde, hat der Herr unser Gott bezeugt in den Schrecken, die durch die Länder gegangen sind, dass er etwas Großes mit uns vor hat. Die erste Zeit, das bängste Schlagen der Herzen ist vorüber. Aber was die Zeit eigentlich bringen wird, das wissen wir noch nicht. Große Torheit wäre es, wenn wir jetzt still, sicher und träge daliegen, und die armen Beeren der Ruhe am Weg pflücken und nicht weiter denken wollten, wo Gott mit uns hinaus will. Siehe, gerade in die Mitte zwischen die ersten Stürme und das, was sie herbeiwehen werden, fällt der Sonntag Rogate d. h. der Betsonntag. Darum hebt eure Häupter auf, darum rüttelt das träge Herz auf, das so gern mit dem ruhigen Augenblick fürlieb nimmt. Betet, dass der Herr sich unseres Landes in Gnaden erbarme; betet, dass der Wunderbar, Rat, Kraft im Rat sitze zu Berlin und Frankfurt; betet, dass der starke Held. Ewigvater. Friedefürst nicht aus unserm Land ziehe; betet, dass er Staat und Kirche baue, dass er die Herzen erneue; betet, dass er wieder in den Häusern wohne wie in den Tagen unsrer Väter. Nie hat eine Zeit gewaltiger zum Gebet gerufen, denn diese Zeit. Daher ist es auch recht an der Zeit zu forschen, wie ein rechtes Gebet beschaffen sein soll.

Wie soll ein rechtes Gebet beschaffen sein?

Es soll geschehn im Namen Jesu Christ,
Im Glauben, dass dein Gott auch dein Erhörer ist.

Herr Jesu, lehre uns in diesen Tagen beten, wie du einst deine Jünger beten gelehrt hast. Ach, wenn wir doch zu dir rufen könnten, dass es den Himmel durchdränge, dass du drein sehen müsstest! Ja, gib den Glauben in unsere Herzen, der dem Himmelreich Gewalt tut; dann wird auch das Gebet nicht fehlen, durch das er diese Gewalt übt. Ja, Herr Jesu, lehre uns beten. Amen.

I. Es soll geschehn im Namen Jesu Christ.

Wenn ihr, in dem Herrn geliebte Freunde, die alten frommen Kirchen- und Hausgebete lest und hört, wie schließen die? Gewöhnlich so: „Das wollest du tun um deines lieben Sohnes willen“ oder: „Erhöre uns um Jesu Christi willen.“ Worauf ruht dieser Schluss? Auf dem Wort, mit dem der Herr unser Evangelium beginnt: „So ihr den Vater Etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben.“ „Nichts kann ich vor Gott ja bringen, Als nur dich mein höchstes Gut,“ heißt es in dem köstlichen Lied: „Eins ist not rc.“ Es will aber unserer hochmütigen Zeit so schwer in den Kopf, dass sie um Jesu Christi willen bitten soll. Ein Jeder will, wenn er überhaupt noch betet, wenn das Gebet noch nicht ganz aus seiner Seele gestorben ist, um seinetwillen bitten. Wer bist du aber, Mensch, dass dich dein Gott erhören soll um deinetwillen? Wenn du anfängst zu ihm zu rufen um deinetwillen, dann sage ihm erst einmal recht, wer du bist: „Lieber Herrgott, ich bin ein Übertreter aller deiner Gebote. Ich habe andere Götter gehabt neben dir, ich habe deinen hochheiligen Namen tausendfach missbraucht, ich habe den Tag deiner Ehre fort und fort verunehrt, ich bin gegen Eltern und Obrigkeiten ungehorsam und widerspenstig gewesen. In meinem Herzen wohnen arge Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse und Lästerung. Ich kann meine Sünden selbst nicht zählen. Da sollst du mir nun um meinetwillen, um dieses Menschen willen, der dies Alles getan hat, gnädig und barmherzig sein!“ O es wäre wie der tiefste Spott auf das Gebet selber, wenn wir also beten wollten. Ja, wenn wir vor dem Gebet uns ansehen mit ehrlichem, offenem Auge, dann können wir nicht um unsertwillen beten. Es wäre sonst, wie wenn man den Grund eines Gebäudes in den Sand oder in den Sumpf setzen wollte.

Und ebenso ist es mit allen Menschen. Da ist kein Heiliger, in dessen Namen wir die Hände aufheben könnten. Denn auch die Engel sind vor ihm nicht rein, und an seinen Boten findet er Flecken. Aber ein Reiner ist da, welcher keine Sünde getan hat, in welchem auch kein Betrug erfunden ist. Sein Name hat den hellen, vollen Klang in Gottes Ohren. Das ist unser Herr und Heiland Jesus Christus. Das ist sein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen hat. Das ist unser Bruder, in dem Gottheit und Menschheit in Einem vereinet, in dem alle vollkommene Fülle erscheint. Das ist unser Heiliger, das ist unser Mittler. Wie man nun bei Herren und Königen steht und sucht, dass ihr Sohn und Erbe unsere Bitte vor den Vater bringe, so sollen wir uns allzumal den zum Mittler suchen bei unserm Gebet, der alle Dinge trägt mit seinem allmächtigen Wort, der der Abglanz des Wesens und der Herrlichkeit des Vaters ist. Er hat nicht Teil gehabt an unserer Sünde. Darum ruht auf ihm ewig die Liebe Gottes, und sie ruht auf denen mit, die sich an ihn gehängt haben in treuem Glauben, die er deckt mit dem Mantel seiner Barmherzigkeit. Als Joseph von seinen 10 Brüdern verkauft, als er durch Gottes wunderbare Führung ein Herr in Ägyptenland geworden war, da kamen eben jene 10 Brüder in der Hungersnot, um Speise zu kaufen. Aber Benjamin, sein rechter Bruder, der unschuldig war an dem Handel, war nicht mit ihnen. Da hat er ihnen noch kein brüderliches Angesicht gezeigt, da hat er sich ihnen noch nicht zu erkennen gegeben. Als aber dieser in ihrer Mitte stand, als Juda zeigte, wie er diesem Bruder mit ganzer Liebe zugetan war und lieber selbst ein Knecht werden, als diesen in der Knechtschaft zurücklassen wollte: da brach dem Joseph sein Herz, da gab er sich seinen Brüdern zu erkennen und fiel ihnen um den Hals und weinte. Und seine Liebe gehörte nicht allein dem Benjamin, sondern auch den Schuldigen mit ihm. Gerade so ergeht es uns. Wenn wir, die wir uns so vielfach an Gott versündigt haben, vor ihn treten wollen, ohne den Einen Unschuldigen und Heiligen in unserer Mitte, dann zeigt er uns auch sein väterliches Angesicht nicht. Wenn wir aber kommen mit ihm vereinigt und in ihm gereinigt, dann bricht ihm sein Herz uns entgegen, dann zeigt er uns seine väterliche Erbarmung. Wie Jesus Christus der Mittelpunkt unseres ganzen Glaubens und unserer Versöhnung ist, so soll er auch der Mittelpunkt unseres Gebets sein. Wenn wir beten in seinem Namen, bringen wir gleich den Versöhner mit vor Gottes Angesicht. Wenn wir beten in unserem Namen, bringen wir bloß den Sünder vor sein Angesicht. -

Wie fange ich es aber an, wenn ich bitte in dem Namen Jesu Christi? Es ist nicht genug, dass du an den Anfang oder an das Ende deines Gebetes seinen Namen setzt. Dein Gott lässt sich durch keinen schönen Titel und durch kein schönes Wappen betrügen. Zuerst musst du fühlen, dass du in ihm gepflanzt und gewurzelt bist. Du bist sein geworden, und darum ist er dein geworden. Du musst aus ihm herausleben können, damit er in dich hineinsegnen könne. Denn nur, wenn du im Glauben mit ihm zusammengewachsen, mit ihm eins geworden bist, wirst du auch in der göttlichen Gnade mit ihm eins sein. -

Nun erforsche dich selbst, ob dein Beten bisher so angetan war, ob du fühltest, dass die Wurzeln deiner Seele beim Gebet in diesen heiligen Grund hinunter gingen. Wenn im Wald ein mächtiger Baum steht, eine Eiche oder Buche, und unten steht noch ein kleiner Sprößling aus derselben Wurzel, und der Frühling kommt, so treibt der Saft in beiden zu gleicher Zeit, und es grünen beide zu gleicher Zeit, denn sie haben eine Wurzel. So sollst du an dem Lebensbaum hangen, und sein Saft wird dich erfüllen und durchdringen. -

Als Israel in der Wüste focht mit Amalek, siegte das Volk, so lange Moses seine Hände emporhielt und betete. Aber seine Hände waren schwer. Darum wälzten Aaron und Hur einen Stein heran, auf den setzte und stützte er sich. All dein Leben ist auch ein Ringen um den Sieg, um die göttliche Gnade. Darum lege du auch den rechten Stein unter und stütze dich in deinem Gebet darauf. Führe es deinem Gott vor: „Du hast um meinetwillen deinen eingeborenen Sohn gegeben. Du hast um meinetwillen das teuerste Gut dahin gegeben. O so gib mir auch das, um das dich meine Seele bittet. Hast du um meinetwillen seiner nicht verschont, wie solltest du mir in ihm nicht Alles schenken.“ -

Im Namen Jesu Christi bitten, heißt um solche Dinge bitten, um die er selbst gebeten haben würde. Wir bedürfen zweierlei Güter, leibliche und geistliche. Wie verschieden aber ist sein Beten in diesen beiden Gebieten! Du stehest ihn am Ölberge, da bittet er um sein Leben. Da bittet er, dass der Leidenskelch vor ihm vorüber gehe. Du entsinnst dich, wie er jedem seiner Gebete da das Wort hinzufügt: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst,“ oder: „Doch nicht mein Wille geschehe, sondern der deine.“ Wiederum hast du vor dir das l7. Kapitel des Ev. Johannis. Da bittet er für seine Jünger. Da bittet er insonderheit um geistliche Güter für sie: „Erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien gleichwie wir. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Heilige sie in deiner Wahrheit, denn dein Wort ist die Wahrheit.“ Da fügt er kein Wort hinzu: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst,“ da fasst er den Himmel an mit fester, starker Hand. Da pocht er nicht leise und zweifelhaft an die Gnadentür, sondern wie einer, der eingelassen werden muss. So hast du eine feste Gebetsregel. Für alle irdischen Gaben: Leben, Gesundheit, Habe, Ehre stelle es in Gottes Rat. Stürme nicht, dränge nicht, dass er's dir geben muss. Und wenn es das Leben deines einzigen Kindes wäre, dränge nicht, dass er's dir geben muss. Du könntest dir das tiefste Herzeleid erbitten. In allen geistlichen Gütern sei nicht blöde und nicht zaghaft. Er selbst hat uns geboten, also zu beten. Er will uns erhören, er will Amen dazu sagen. -

Wer in Christi Namen betet, soll mit der Beharrlichkeit des Herrn beten. Du siehst in jener Kampfesnacht am Ölberg, da geht er einmal besonders von seinen Jüngern und betet, und er geht abermals, und er geht noch einmal. Du Menschenkind, so hat sein eigener einiger Sohn dreimal an seines Vaters Tür gepocht. Und du, und du, wenn er nicht gleich da ist, wenn er nicht gleich aufmacht, wenn er nicht gleich die Ströme der Erhörung herunterwogen lässt, du willst forteilen? Vor Königen und Herrn hast du Geduld. Wenn deine Bittschrift einmal Nichts fruchtet, schickst du die zweite, und der zweiten folgt die dritte, auch wohl die vierte. Und hier an dieser Gnadentür willst du müde werden? Fünfmal hat Abraham für Sodom und Gomorrha gebeten, und du solltest nicht Lust haben fort und fort für dich und die Deinen, für deine Kirche und dein Vaterland zu bitten? Haltet an am Gebet! -

In Christi Namen beten heißt, aus Christo heraus, auf ihn gestützt, um Christi Güter, mit Christi Geduld und Demut bitten. Hast du schon so gebetet? Die Jünger hatten es noch nicht getan: „Bisher habt ihr Nichts gebeten in meinem Namen.“ Der Herr war bei ihnen gewesen. Er hatte für sie gebetet. Es soll der Tag kommen, wo er den Vater nicht mehr für sie bitten will. Das ist der Tag, da der Heilige Geist über sie ausgegossen ist. Du hättest es längst tun sollen. -

II. Im Glauben, dass dein Gott auch dein Erhörer ist.

Ja, im Glauben, dass dein Gott auch dein Erhörer ist. O wo ist dieser Glaube? Er hat sich verborgen wie ein Flüchtling. Die Häuser sind selten geworden, die er erfüllt, und der Herzen wenige, die er erwärmt. Wo ist er denn geblieben? Wer hat ihn denn vertrieben? Der Unglaube und die große Klugheit. Man pflegt in unserer Zeit zu sagen: „Gott hat seine Naturgesetze gegeben, Gott hat Alles nach einer festen Ordnung bestimmt. Wie kann da Etwas geändert werden, wenn ein einzelner Mensch mit seiner Bitte dazwischen kommt? In Gottes Rat kann Nichts geändert werden.“ Man sieht Gottes Regiment und Ordnung an wie eine geschlossene Rechnung, in der kein neuer Posten mehr dazwischen geschoben werden kann. O dieser großen Klugheit, die doch wieder, wie es so oft geht, die armseligste Torheit ist! Gut, an Gottes Rat kann Nichts geändert werden. Er steht von jener Ewigkeit her, wo sein Sohn aus ihm geboren ward, bis in jene Ewigkeit hin, wo der Chor der Seligen das himmlische Halleluja singt. Aber der die Würmlein auf dem Feld und die Fische im Meer gezählt hat, der jedem Läublein am Baum seine Stelle angewiesen hat, aus der es wachsen soll, und jedem Regentropfen seinen Platz, auf den er fallen soll - hat denn der der Menschen Gebete nicht mit in seinen Rat gerechnet? Er lenkt doch der Menschen Herzen wie Wasserbäche, und ehe du einen guten Gedanken dachtest, hat er ihn dir von Ewigkeit her vorgedacht. Er gibt das Wollen und das Vollbringen. So gut wie Regen und Sonnenschein, Morgen und Abend in seinem Rat ihren Platz haben, so gut haben auch deine Gebete den ihren darin. Sie sind nur ein Stein in dem großen Bau seiner Ordnung. Was wäre es aber auch für ein Gott, so er nicht achten sollte auf unsere Gebete! Ist die Welt etwa eine aufgezogene Uhr, um die sich ihr Meister nicht mehr zu bekümmern braucht? Wenn er sich denn um die Welt kümmert, wird er sich auch um unsere Gebete kümmern, denn betende Herzen sind die heiligsten Stätten in der Welt. Er hat uns sein heiliges Ebenbild aufgedrückt, er hat uns in Christo zu seinen Kindern gemacht. Schreien nun auch die Kinder zu ihrem Vater, und er antwortet nicht? -

Wer hat uns beten gelehrt, und wie alt ist das Gebet? Kain und Abel opfern. Ein Opfer ohne Gebet ist ein Feuer ohne Wärme, eine Sonne ohne Schein. Wer hat diesem Geschlecht gleich nach der Schöpfung Gebet und Opfer befohlen? Der, der es erschaffen hat, der Herr selbst. Er gebeut dann auch dem spätem Geschlecht: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“ Von ihm heißt es: „Du bist der Gott, der Gebete erhört, darum kommt alles Fleisch zu dir. Du wohnst unter den Gebeten Israels.“ -

Unser Herr und Heiland hat seine Jünger um sich versammelt. Sie bitten ihn: „Lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.“ Und er lehrt sie das heilige Vaterunser. Sollen wir nun „Vater“ rufen, und er soll sich nicht um das Kind kümmern? Sollen wir beten: „Vater unser, der du bist im Himmel,“ und in seinem Herzen wäre keine Antwort: „Mein Kind dort unten auf der Erde?“ O nein, hier steht es: „Er selbst, der Vater hat euch lieb, darum, dass ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin und gekommen in die Welt. So ihr den Vater Etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei!“ Ihr werdet nehmen, sagt der Herr. Der Christ, der im Glauben betet, der Christ, der um die rechten Güter betet, greift hinein in den ewigen Reichtum Gottes. Er ist des Vaters Kind, er nimmt von seinem Erbe. Er nimmt die Güter und Kräfte des ewigen Lebens schon hier im Voraus. Sein ewiges Leben, sein Himmel, geht hier schon an. Und wenn du klagst, dass du so noch nicht hast nehmen können, so ist es dein Unglaube und deine Schwachheit, die dich gehindert haben. Du hast dein eigenes Kindesrecht noch nicht gefühlt, darum hast du noch nicht zugegriffen. Denen, die geistlich arm sind, gehört das Himmelreich, und die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen.-

Ihr werdet nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. Die Welt hat auch Freude. Aber ist sie vollkommen? Mit Nichten. Wenn wir durch jedes Angesicht, das fröhlich und lustig ist, hinunter in das Herz sehen könnten, so möchten uns jetzt Tausende vorkommen wie übertünchte Gräber: auswendig Lachen und Jubel, aber das Herz weint drinnen. Wie anders segnet Gott seine Auserwählten, die zu ihm schreien Tag und Nacht! Er segnet sie oft mit Erhörung irdischer Bitten. Ach was haben sich nicht gläubige Herzen schon von Gott erbeten! Luther erzählt, sein Weib, den Philipp Melanchthon und den Myconius habe er sich von ihm losgebeten. Mit dem Letzteren hatte es folgende Bewandtnis. Er war Prediger. Im neunundvierzigsten Jahre seines Lebens lag er schwer krank an der Lungensucht. Jedermann verzweifelte an seiner Genesung. Er selbst sah mit Ruhe seiner Auflösung entgegen, äußerte sich aber oft sehnsüchtig: „Ich möchte wohl vor meinem Abscheiden aus der Welt meinen vielgeliebten Martin Luther noch einmal sehen.“ Als er immer schwächer ward und schlaflos die langen Winternächte zubrachte, ließ er sich in einer Nacht Feder und Papier reichen und schrieb mit zitternder Hand seinem Freund ein herzliches Lebewohl. Tief bewegt las Luther den Brief und rief laut aus: „Da sei Gott für!“ Darauf eilte er zu seinem Pult und schrieb: „Nein, Du fleißiger Arbeiter in dem Werk des Herrn darfst noch nicht abgerufen werden. Ich befehle Dir im Namen Gottes zu leben, dieweil Du mir zur Kirchenverbesserung noch sehr nötig bist. Der Herr lasse mich ja nicht hören, so lange ich lebe, dass Ihr gestorben seid, sondern schaffe, dass Ihr mich überlebt. Das bitte ich mit Ernst, wills auch gewährt sein und so haben, und mein Wille solle geschehen. Amen.“ - Ihm geschah, wie er geglaubt hatte. Myconius lag schon sprachlos, als der Brief ankam und ihm vorgelesen wurde. Von Stund an genas er. Er konnte bald darauf Luther in Wittenberg besuchen. Allen, die ihm dazu Glück wünschten, gab er zur Antwort: „Ja ihr Lieben, nebst unserm allbarmherzigen Vater im Himmel verdanke ich Martin Luther, diesem Helden im Beten, der Gott Alles abglauben kann, meines Lebens Fristung. Sein Machtwort hat mich Hinfälligen gleich dem Machtwort Jesu an Lazarus wieder aufgerichtet.“ Er lebte noch sechs Jahre und starb zwei Monate nach Luthers Tod. Da nimmt man, dass die Freude vollkommen sei. Luther hatte in diesem Manne fortan nicht mehr allein seinen Freund. Er hatte in ihm ein Siegel der göttlichen Barmherzigkeit, ein Siegel des Glaubens, eine himmlische Gabe. Und darum ist die Freude vollkommen. -

In einem Dorf Süddeutschlands war Feuer ausgebrochen nicht weit von dem Häuschen, das arme Leute mit ihren zwei Kindern bewohnten. Die Eltern retteten ihre wenigen Habseligkeiten, und die Kinder gingen mit hinweg. Als die Flamme dem Häuschen nahe gekommen, als schon die Nachbarhäuser angezündet waren, kamen sie wieder und schrien: „Lieber Heiland, lass uns unser Häusle! Lieber Heiland, lass uns unser Häusle! Wir kriegen ja keins wieder, und der Winter kommt.“ Als sie so jammerten, ging ein frommer Mann vorbei und hörte ihr Geschrei. Gerührt blieb er stehen, blickte gen Himmel und sprach: „Herr, wenn ich du wäre und den Elementen gebieten könnte, ich ließ den Kindern ihr Häuschen.“ Das Häuschen blieb unversehrt. Es war, als ob ein Wind rings um dasselbe her die Flammen von ihm wegtriebe. Und ihre Freude war vollkommen. Sie hatten nicht allein ihr Häuslein, sie hatten in demselben ein Siegel dessen, der sich in dem Munde der Kinder und Säuglinge eine Macht bereitet hat wider die Feinde, auch wider die fressenden Feuerflammen. -

Nun lieber Christ, wenn denn schon auf solcher armen erbetenen Hütte mit ihrem Strohdach die Gnade Gottes liegt wie heller Sonnenschein, eben weil sie eine erbetene ist: wie nun aus dem Herzen, das um himmlische Güter gebeten hat! Bitte um Glauben und alle Tage wieder und in der Nacht auch. Der Herr wird kommen und wird ihn dir geben. Bitte um Liebe, und alle Tage wieder und in der Nacht auch. Der Herr wird sie geben. Bitte um Demut und alle Tage wieder und die Nacht auch. Der Herr wird sie geben. Bitte um Geduld, bitte um stille Ergebung in seine wunderbare Führung. Und wenn dann diese Güter kommen, wirst du dich freuen. -

Aber vor einem hüte dich: Bilde dir nicht ein, dass du sie dir errungen hast. So wie du dich diesem Wahn hingibst, so bringst du dich um den besten Teil jener Güter. Du streifst damit den himmlischen Tau ab. Du hast nicht mehr heilige Gottesgaben in ihnen. Sie sind nicht mehr was sie dir sein sollen. Deine Freude ist nicht mehr vollkommen. Wer sich rühmt, dass er sich selbst zum Glauben gebracht hat, der hat schon den besten Teil des Glaubens verleugnet. Und wer sich rühmt, dass er sich selbst ein demütiges Herz errungen hat, der hat gar keins, denn er nimmt Gott die Ehre und gibt sie sich selbst. So bete denn fort. Wenn das Fleisch träge ist, so überwinde es durch die Kraft des Heiligen Geistes. Wenn die Zweifel kommen, so bete sie nieder, denn das Gebet ist die beste Waffe gegen sie. Wenn die Spötter gegen dich auftreten, so bitte auch für sie, aber nicht aus geheuchelter und gemachter Liebe, sondern aus lebendiger, brünstiger. So werden sie am ersten stille, lernen sich schämen und endlich selbst beten. Bete für Seel' und Leib, für Kind und Weib, für deinen Stand, für dein Vaterland, für die Kirche des Herrn nah und fern, für die Stände, die dem Vaterlande raten, für die Kämpfer, die es schützen mit ihren Taten, für den König auf dem Thron, - und du Gottes- und Menschensohn, wollest uns erhören, dem Verderben wehren und dein Angesicht zu uns kehren. Amen.

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