Ahlfeld, Johann Friedrich - Der Herr führt es doch herrlich hinaus.

Ahlfeld, Johann Friedrich - Der Herr führt es doch herrlich hinaus.

(Laetare 1848.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Text: Ev. Joh. 6, V. 1-15.
Darnach fuhr Jesus weg über das Meer an der Stadt Tiberias in Galiläa. Und es zog ihm viel Volks nach, darum, dass sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. Jesus aber ging hinaus auf einen Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern. Es war aber nahe die Ostern, der Juden Fest. Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippe: Wo kaufen wir Brot, dass diese essen? (Das sagte er aber ihn zu versuchen; denn Er wusste wohl, was er tun wollte) Philippus antwortete ihm: Zwei hundert Pfennig wert Brots ist nicht genug unter sie, dass ein jeglicher unter ihnen ein wenig nehme. Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder Simonis Petri: Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische, aber was ist das unter so Viele? Jesus aber sprach: Schaffet, dass sich das Volk lagere. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei fünf tausend Mann. Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie den Jüngern, die Jünger aber denen, die sich gelagert hatten, desselbigen gleichen von den Fischen, wie viel er wollte. Da sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, dass Nichts umkomme. Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken von den fünf Gerstenbroten, die überblieben denen, die gespeist worden. Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn haschen, dass sie ihn zum Könige machten, entwich er abermals auf den Berg, er selbst alleine.

Der heutige Sonntag, in dem Herrn geliebte Gemeinde, wird Lätare genannt, d. h. freue dich. Er hat diesen Namen von dem Stücke, das in der alten Kirche vorgelesen wurde. Es steht geschrieben Jes. 66, V. 10. und lautet: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über sie Alle, die ihr sie lieb habt, freuet euch mit ihr Alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn dafür sollt ihr saugen und satt werden von den Brüsten ihres Trostes. Ihr sollt dafür saugen und euch ergötzen von der Fülle ihrer Herrlichkeit. Denn also spricht der Herr: „Siehe, ich breite aus den Frieden bei ihr wie einen Strom, und die Herrlichkeit der Heiden wie einen ergossenen Bach rc.““ Was will, was soll ein solcher Freudenruf mitten in der Fastenzeit? Was will, was soll ein solcher Freudenruf mitten in unserer schweren Zeit? Teure Brüder und Schwestern, wir stehen gerade mitten in der Faste. Nun ist und bleibt Gott ein wunderbarer Gott, wunderbar in seinen Taten und Gerichten, wunderbar in seiner Liebe. In dieser Liebe kann er es nicht lassen, dass er seine Kinder zuweilen mitten in der Trübsal hinausführe auf den Berg des Heils, dass er ihnen von da seinen endlichen Sieg zeige, auf dass er ihnen dadurch einen rechten Mut mache, das Stück Trübsal, das noch übrig ist, getrosten Herzens und festen Schrittes zu durchwandern. Darum stehet mitten in der Fastenzeit dies Evangelium. Es steht da, wie ein Palmenhain in der Wüste. Man kann sich unter ihm lagern, man kann an seinem Schatten, an seiner Frucht sich erquicken. O möchte es auch in der Sorgen- und Trübsalswüste, durch die wir jetzt wandern, so lieblichen Schatten ausgießen, möchte es auch unsern Herzen eine reiche Erquickung geben. - Warum ist aber gerade dies Erquickungsstück gewählt? Einmal, weil das liebe Osterfest darin erwähnt ist: „Es war aber nahe die Ostern, der Juden Fest,“ Und sodann, weil durch die Freude immer noch der Fastenton hindurchschlägt. Als der Herr sein Wunder getan, als er mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen die 5000 Mann gespeist hatte, als noch zwölf Körbe mit Brocken übrig geblieben waren, da wollte man ihn haschen und zum Könige machen. Er entwich abermals auf einen Berg, er selbst allein. Noch erkannte man nicht, wozu ihn sein Vater gesandt hatte. Noch träumte man von irdischem Königtum. Alle seine Niedrigkeit, all sein Zeugen, dass seine Krone die Demut, dass sein Thron das Kreuz sein würde, hatte noch nicht geholfen. An seiner Demut hatten sich die Herzen noch nicht gedemütigt. Das war für ihn Ursache genug zur Trauer. Das berechtigt unser Evangelium genug zu seiner Stellung in der Fastenzeit. - Aber wir sehen von dieser Seite des Evangeliums heute ab und halten uns an die trostreiche Geschichte, die darin erzählt wird. Wir stellen den Hauptgedanken an die Spitze:

Der Herr führt es doch herrlich hinaus.

Wir zerlegen uns dies Wort in zwei Teile:

  1. Wo Menschenrat nicht weiter kann,
  2. Da hebt erst Gottes Rat recht an.

Herr, mein Gott, schreibe uns Allen heute dies Wort recht lebendig in die Herzen. Wem das Herz mit Angst gedrückt und geschlagen ist, dem bezeuge: „Ich habe meinen lieben Sohn aus der Angst und aus dem Gericht genommen, ich will auch dich herausnehmen zu meiner und deiner Zeit.“ Wem da bangt um sein täglich Brot, dem bezeuge: „Was ich in jener Wüste getan habe, das kann ich auch heute noch tun.“ Wen seine Sünden kränken, wen da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, die vor dir gilt, dem bezeuge, dass du uns in Christo gesetzt hast die Versöhnung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden. So ziehe uns Alle in dieser Stunde an dein Herz, dass wir wohl unsere Sünden, aber auch deine Erbarmung offen sehen als unsere einzige Arznei. Amen.

I. Wo Menschenrat nicht weiter kann

Wir sind heute mit dem Herrn droben in Galiläa, an den Ufern des galiläischen Meeres. Das Osterfest ist nahe. Jesus hat sich einen einsamen Berg ausgesucht. Da setzt er sich mit seinen Jüngern. Es ist ihm dieser Berg eine Vorbereitungshöhe auf Golgatha. Aber er blickte auch von ihm hinüber aus die weiten Felder der Gnade, die sich hinter seinem Kreuze ausbreiteten. Wie Moses von dem Berge Nebo aus das Land sah, in dem sein Volk wohnen sollte, so sah Christus von seiner Höhe aus aus die Gnadenauen, die sich hinter seinem Kreuze auftaten. Doch lag dem Moses und ihm der Tod dazwischen. - Die große Menge des Volks zog ihm nach. Wenn sie auch jetzt noch nicht glaubte, so war sie ihm doch ein Prophetenheer, dass einst Millionen und aber Millionen vor ihm ihre Knie beugen und in ihm ihr Heil suchen würden. Was trieb nun diese Haufen zu ihm? Im ersten Grunde war es Neugier, Lust zu schauen. Sie wollten die Zeichen sehen, die er an den Kranken tat. Aber es war noch ein verborgenes Etwas. Es ruhte in ihren Seelen ein unbekanntes Sehnen. Es ruhte in ihren Seelen ein Suchen, dem sie selbst noch keinen Namen geben konnten. Es lag in ihnen eine Unruhe. Sie hatten noch nicht, was sie haben wollten. Vielleicht war er es, der es ihnen geben konnte. Darum kamen sie immer wieder. Sie hatten manche Heilung von ihm gesehen. Sie wussten ja, wie er es machte. Sie hatten manches Strafwort von ihm gehört, und diese laden eben nicht ein. Es war aber Gottes Finger, der sie trieb. Wie die Fische des Meeres und der Ströme zu Zeiten in ihren Tiefen keine Ruhe haben, sondern an die Oberfläche hervor müssen, so hat zu Zeiten der Mensch auch keine Ruhe in seiner alten Alltäglichkeit und Sicherheit, er muss heraus. Er muss an das Licht. Und der Herr duldet es, dass diese Scharen sich um ihn sammeln. Wer leer ausgehet vom Hause, von dem weiß man noch nicht, ob er auch leer wieder zurückkommt. Wie mächtig, wie gewaltig ist dieser wunderbare Zug von Christo! Sie verlassen Weib und Kind, Arbeit und Haus, um mit zu wandern. Sie vergessen dabei, sich mit Vorrat zu versorgen. Sie haben wohl nur einen Tag mitgehen wollen, aber der Zug zu ihm ist so gewaltig, dass sie nicht von ihm können. Die gestern Abend nach Hause gehen wollten, sind heute doch noch da, um sein Angesicht zu sehen, um seine holdselige Rede zu hören, um seine Taten zu sehen. Teure Brüder und Schwestern, Jene zog ein unbekanntes Ahnen zu ihm. Sie wussten noch nicht ganz, was sie in ihm hatten. Und du weißt es, dass du in ihm hast die Versöhnung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden. Du weißt es, dass du in ihm hast den Quell aller Gnade, den Frieden im Herzen, den Frieden im Hause, den Tröster im Kreuze, die offene Tür zum ewigen Leben. Zieht es dich denn auch so? Kannst du ihn nicht lassen? Musst du ihm nach, ob du dabei auch in Hunger und Wüste kommen solltest? Eine Blume, die du an dein Fenster stellest, die kehret bald ihre Blätter und ihre Blüten nach der Sonnenseite hin. Und wenn du sie umkehrest, dass die Blüte in deine Stube schauen soll, so kann sie es doch nicht lassen, die Blätter gehen wieder herum, und in wenigen Tagen schauen die Blüten wieder hin, wo die Sonne steht. Sie tut es so, ob sie auch in ihrem Wachstum darüber zurückbleibt. Und du bist Gottes edelstes, teuerstes Gewächs auf Erden, die Blume seiner Ehre. Dein Heiland ist die Sonne. Kannst du es denn auch nicht lassen, musst du denn auch dein Angesicht immer wieder ihr zukehren? Und ob die Welt mit ihren Lockungen dich herumdrehen wollte, dass du in sie hinein schauen sollst, musst du denn doch wieder herum nach der Sonne der Gerechtigkeit? Wenn es noch nicht so ist, so gehe hinaus und frage die Blumen auf dem Felde und das Gras. Sie werden dich's lehren. Frage diese Haufen aus Israel, sie werden dir's verkündigen. - Wer nun diesem Züge des Herrn nachgehet, der kann dabei auf eine Weile in schwere Trübsal kommen. Jene 5000 waren ihm nachgegangen. Sie waren mit ihm in die Wüste gekommen. Da fasst sie der Herr der Wüste, der Hunger, mit seiner harten Hand an. Aber ehe sie daran dachten, da denkt Jesus daran. Ehe sie anfangen zu klagen, da reget sich sein Erbarmen ihnen entgegen. Ehe sie nach Rat suchen, suchet er Rat. Freue dich, Christ, alle deine Sorgen sind im Himmel besorget, ehe du sorgest. All dein Schmerz ist von deinem Heiland gefühlt, ehe du ihn fühlest. Er will aber durch diese Not seinen Jüngern zeigen, wie es mit Menschenrat Nichts ist, wie der Rat Gottes allein Weg und Sieg weiset.

II. Da hebt erst Gottes Rat recht an.

Mit unserm Verstande, mit unserer Vernunft kommen wir nimmer durch. Alte fromme Leute haben die göttliche Weisheit und unsern Verstand mit Sonne und Mond verglichen. Der Mond scheint auch. Er erleuchtet auch die Wege der Menschen. Man kann unter seinen Strahlen trefflich wandern. Aber er ist nur hell durch die Sonne. Wo diese ihn nicht trifft, ist er dunkel. Gottes Rat und Weisheit ist die Sonne. Wenn diese unsere Vernunft, unsern Verstand erleuchtet, dann können wir demselben trauen. Wo er aber durch dies Gnadenlicht nicht erleuchtet ist, ist er finster. - Es treten hier in der Not zwei Ratgeber auf. Christus fragt zuerst den Philippus: „Wo kaufen wir Brot, dass diese essen?“ Er fraget aber nicht, um von ihm Rat zu haben. „Er wusste wohl, was er tun wollte.“ Er wollte mit dieser Frage seinen Glauben wecken. In unsern Tagen gibt es Leute, die durch das Land ziehen und forschen, wo Quellen in der Tiefe stehen, denen man nachgraben soll, dass sie hervor springen. So zieht Christus umher, und forscht, wo in den Tiefen des Herzens die Glaubensquellen stehen. Er nutzt dann die Notzeiten, Erdreich und Schutt darüber hinwegzuräumen, dass sie zu Tage fließen. Aber bei Philippus war der Glaubensquell noch nicht lebendig genug. Anstatt an diese Hilfe Gottes, anstatt an die unerschöpften Vorräte des Herrn und Heilandes zu denken, denkt er an seinen Säckel. „Für zwei hundert Pfennig wert Brots ist nicht genug unter sie, dass ein jeglicher von ihnen ein wenig nehme.“ Mit 40 Talern (denn ein Denar, was Luther mit Pfennig übersetzt hat, ist nach unserm Gelde etwa 6 Silbergroschen) ist für die Menge nicht zu sorgen. - Und es trag ein anderer Ratsherr heran, Andreas, der Bruder Simons Petri. Dieser hat sich nach Vorräten umgesehen, hat aber Nichts gefunden als 5 Gerstenbrote und zwei Fische, die ein Knabe zur Zehrung mit gebracht hat. Was ist das unter so Viele! - Du Menschenkind, machst du es anders, denn diese? Bist du weiter gekommen denn sie? Wenn dich der Herr hineingeführt hat in die Not, wenn er seine Rute schwingt, damit die Brunnen des Glaubens in dir springen, wohin hast du dich beruhigt? Hast du gerühmt: „Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. Die Scheuern des Herrn Zebaoth werden nicht leer. Seine Hilfe steht mir offen, sein Arm ist nicht verkürzt. Ich verlasse mich auf den, der mit starkem, ausgestrecktem Arm sein altes Volk aus vielen Ängsten gerettet hat?“ Nein, die verschiedensten Gedanken sind durch deinen Kopf gegangen. Du hast deine Mittel, deinen Säckel überschlagen wie Philippus.- Du hast deine Vorräte und deine Habe taxiert wie Andreas. Du hast auf Wege gesonnen, wie du der Trübsal entfliehen mögest, wenn sie hereinbricht. Es sind mehr denn Zehn oder Zwanzig unter uns, die haben an die neue Welt, an Amerika gedacht. Weißt du nicht, dass der Herr dein Schatz, dass der Herr dein Vorrat, dass die Gnade Gottes deine neue Welt ist? Weißt du nicht, dass du Nichts ersorgest? Mit allem Rechnen hat Philippus keinen Pfennig mehr im Säckel, hat der Knabe keinen Bissen Brot mehr in seinem Vorrat gehabt. Es reichte doch nicht. Es war doch Alles, was sie hatten, gegen die Menge der Hungrigen wie ein Schlag ins Wasser. Und deine Gedanken und all dein Rat ist auch weiter Nichts. Darum muss ein Anderer helfen. Hier tritt der Helfer ein. Er übernimmt sein Helferamt so still und unvermerkt. Er übernimmt es dort an den Ufern des galiläischen Meeres. Er übernimmt es auch hier bei uns. Habe nur getrosten Glauben:

Wo Menschenrat nicht weiter kann,
Da geht erst Gottes Rat recht an.

Wenn wir in höchsten Nöthen sind, wenn wir an den letzten Grenzstein unserer Hoffnung gekommen sind, dann stehet an diesem Steine, so wir im Glauben nicht verzagen, eine Doppelinschrift. Auf unserer Seite, auf Seite der menschlichen Mittel, da stehet: Garaus. Auf der andern Seite, auf Gottes Seite, da stehet: Eben Eser, das heißt: Stein der Hilfe. Wehe dem, den seine Trübsal zur Verzweiflung führet. Als der alte Vandalenkönig Gelimer im Jahre 534 nach Christo von Belisar, dem Feldherrn des Kaisers Justinian, geschlagen war und sich in die Gebirge geflüchtet hatte, schickte er einen Boten an den Sieger und ließ diesen bitten um ein Brot, dass er sich noch einmal satt essen könne, um einen Schwamm, dass er sich die Tränen abwischen könne, und um eine Harfe, dass er ein Trauerlied singen könne. Wehe ihm, wenn dies Lied nicht die andere Inschrift des Steines von der Seite Gottes enthielt. Als in Israel eine große Teuerung das Volk drückte, begegnete Elias bei Zarpath in der Nahe von Sidon einer Witwe, die er um einen Trunk Wasser und dann noch um einen Bissen Brot bat. Sie gab ihm zur Antwort: „Ich habe Nichts denn eine Hand voll Mehl im Cad und ein Wenig Öl im Kruge. Siehe ich habe ein Holz oder zwei aufgelesen, und gehe hinein und will mir und meinem Sohne zurichten, dass wir essen und sterben.“ So soll es bei Christen nicht sein. So ist es auch nicht unter den Jüngern des Herrn, obgleich ihr Glaube noch war wie ein Kindlein in der Wiege. So war es auch nicht in den Scharen, die mit Jesu zogen. Sie trauten darauf, dass der, der so große Dinge an ihnen getan hatte, sie auch retten werde vom Hunger. - Und nun sieh die gnädige Hilfe. Er lässt sich das Volk lagern. Die Erde sollte der Tisch werden. Das Gras war ihr Teppich und ihr Tischtuch. Bei 5000 Mann liegen vor ihm. Sie sind geordnet in Reihen. Er nimmt den geringen Vorrat. Ehe er aber anhebt zu teilen, hebet er sich in Glauben und Dankgebet auf zu seinem Vater im Himmel. Dem gehört Alles. Von dem kann er die Fülle nehmen. Der kann segnen und mehren. Dann beginnt er zu teilen. Die hintern Reihen mögen gedacht haben: „Wo bleiben wir?“ Aber unter den Händen des Gottessohns quillt und mehrt sich das Brot. Wie ein Faden, der nicht abreißt, geht es aus seiner Hand. Und es reichet vom Ersten bis zum Letzten. Sie werden Alle satt. Ja es ist, da sie gespeist sind, noch mehr übrig, denn er zuvor in den Händen hatte. Sie sammelten die übrigen Brocken und füllten zwölf Körbe. O dies wunderbare Bild der göttlichen Hilfe! Wir tun hier einen Blick in den Haushalt Gottes. Alles, was er gibt, ist ein Geringes gegen das, was er hat. Die Quelle seines Gebens ist seine Liebe. Und wie er gibt, und wie man dankbar annimmt, so wächst diese Liebe gegen die arme Kreatur. Je mehr er gibt, um so mehr hat er zu geben. Hast du nicht auch schon eine Ahnung, einen fernen Abglanz dieser göttlichen Art in dir gespürt? Je mehr du gibst, um so mehr möchtest du geben und helfen. Nur versiegen bei uns die Quellen, weil uns der Glaube noch nicht hineingehoben hat in den Reichtum Gottes. Gott gibt sich nie aus. Wenn er dankbare, gläubige Nehmer hat, gibt er sich reich. - Das erkennest du aus dieser Speisung der 5000 Mann. Du bist nicht dabei gewesen. Aber wenn du dich hinein senkest in diesen Reichtum der Gnade und Güte Gottes, bist du doch dabei. In Trübsalen, wo Menschenhilfe aus ist, wo der Mensch Gottes Gaben erst als Gottes Gaben erkennt, wo er darum beten, wo er sich so recht von Herzen dafür bedanken lernt, da, gerade da sehen wir solche Gnade. - So nimm dir denn aus diesem Evangelio zuerst das Lehrstück mit: Mit Christo sind wir nirgends in der Wüste. Einsam können wir sein. Von Freunden können wir verlassen werden. Aber mitten in der Einsamkeit singen wir:

„Allein und doch nicht ganz alleine
Bin ich in meiner Einsamkeit;
Denn wenn ich ganz verlassen scheine.
Vertreibt mein Jesus mir die Zeit.
Bin ich bei ihm und er bei mir.
So kommt's mir niemals einsam für.“

Mit Christo bin ich nimmer in der Wüste. Öde und unfruchtbar ist diese. Kein Quell entspringt darin. Mit Christo habe ich überall den Quell des lebendigen Trostes. Der springt so kühl und erquickend, und gerade in der Dürre fließt er am reichlichsten. Mit Christo bin ich nimmer in der Wüste. In der Wüste wächst kein Baum, der Schatten gibt. Christus selber aber ist mir ein lieblicher Baum. Tief gehen seine Wurzeln, reich breitet sich sein Schatten hin über das arme Herz, dass uns am Tage die Sonne nicht steche, noch der Mond bei Nacht. Wenn man durch die Wüste zieht, kommt man wohl auf kleine fruchtbare Strecken, wo keine Wüste mehr ist, wo fruchtbares Grün das Land bekleidet, wo liebliche Bäume stehen, wo frische Quellen rieseln. Man nennt sie Oasen. Solche Stätten in der weiten Wüste der abgefallenen Menschheit sind die gläubigen Seelen. In ihnen wachsen die Gnadenkräuter. Sie prangen nicht wie stolze Weltblumen. Die wertesten sind: das fröhliche Bewusstsein der Erlösung und der Kindschaft Gottes, der feste Glaube dass der Herr endlich Alles herrlich hinaus führe. - Nun mein Christ, ist das Bächlein deines Herzens auch damit besteckt in dieser Zeit? Wohl dir, dann wird es dir nicht fehlen, so wenig wie Jenen, die sich vor Christo gelagert hatten. Auch die Pflanzen der Gnade, der Weinstock des innern Friedens und die Palmen des Sieges werden in dir wachsen. - Soll aber der Herr seine geistliche Speise geben, so kannst du zu ihrem Empfange von jenen fünf Tausenden gar viel lernen. Sie lagern sich. Auch uns bleibt Nichts übrig, als dass wir uns vor ihm beugen und erniedrigen. Ehe die stolzen Nacken nicht gebeugt werden, ehe die hochmütigen Herzen nicht gedemütigt werden, eher ist für uns kein Heil da. Er führet es nur da herrlich hinaus, wo es als sein Werk erkannt wird, wo man die Ehre nicht mehr sich selber geben will. In Ordnung warten sie auf seine Gnade, warten sie auf das tägliche Brot. So hat er auch seine geistlichen Ordnungen gemacht. So hat er auch die Seelenspeise an eine feste Regel geknüpft. Er hat seine Gnadenmittel verordnet. Diese sind: das Wort und die heiligen Sakramente. Wenn du Gottes Wort verachtest, gibt es kein Trostwort für dich. Dann ist in den schweren Zeiten der Himmel ehern und verschlossen. Sein Wort ist der Boden, auf dem du stehest und zu ihm schreiest; seine Verheißungen sind Briefe und Siegel auf die er dich erhören muss. Wenn du seine Sakramente verachtest, gibt es auch keine Erquickung für dich. Wie soll er dem, der seinen geordneten Weg verschmähet, einen besonderen auftun! So dir im Durste eine liebliche Quelle zu deinen Füßen quillt, und du trittst hinein und machest sie trübe, so wirst du umsonst warten, dass eine andere dafür aus dem Berge springen soll. Das Gebet aber ist die Zunge, die Stimme des Glaubens. Es schließt den Himmel auf, es öffnet das Herz unseres Vaters im Himmel. Das versäumet Christus nie. Obwohl Alles, was des Vaters ist, auch sein ist, hebet er über jedem Kranken, hebet er auch über diesen Hungrigen die Hände empor. Dann quillt der Segen hernieder in reicher Fülle. Bete du auch ohne Unterlass. Will dir dies zu schwer vorkommen, weißt du nicht, wie du es anfangen sollst, so lerne es von jener armen Magd, die gefragt wurde, ob sie es tue. Sie antwortete: „Ich denke ja wohl, dass ich es tue. Wenn ich mich früh ankleide, denke ich: „„Herr, ziehe mir doch auch den Rock der Gerechtigkeit, das Kleid des Heils an.“„ Wenn ich mich wasche, bitte ich: „„Wasche mich doch auch rein von allen meinen Sünden.“„ Wenn ich die Stube kehre, denke ich: „„Reinige du mein Herz von aller Unreinigkeit, deren noch genug darinnen ist.“„ Wenn ich Feuer anzünde, bitte ich: „„Zünde du auch das Feuer des Glaubens und der heiligen Liebe in mir an.“„ Treibe es so, und es wird dir nicht fehlen. Die Christum nicht lassen, die lässt er noch viel weniger. Er führet es endlich doch herrlich hinaus.“ Amen.

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