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Krummacher, Friedrich Adolph - Der Hauptmann Cornelius - XII.

„So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns; so wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt, und reinigt uns von aller Untugend“1). -

Also Erkenntnis und Bekenntnis unserer Sünde und Sünden - beides unterscheidet der Apostel wie Baum und Früchte - ist die erste, notwendige Bedingung, um Vergebung der Sünden von Gott zu erlangen. Will man ein Unkraut vertilgen, so muss die verborgene Wurzel aus dem dunklen Schoß der Erde an das Licht gezogen werden. „Da ich es wollte verschweigen, singt David2), verschmachteten meine Gebeine; deine Hand lag schwer auf mir, dass mein Saft vertrocknete, wie in des Sommers Dürre. Darum bekannte ich dir meine Sünde, und verhehlte3) meine Missetat nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Missetat bekennen; da vergabst du mir die Missetat meiner Sünde.“ Wie könnte ein Kind, das seine Eltern gekränkt hat, des Drucks, der sein Herz beschwert, anders los werden, als nachdem es den geliebten Eltern seinen Fehltritt bekannt hat? Und nur dann wird der Kranke sich zum Arzte wenden, wenn er sich krank fühlt. Täuscht er sich selbst“ und dünkt sich gesund, obwohl er krank ist; so wird er kein Bedürfnis nach dem Arzt fühlen, die Arznei verschmähen und der Heilung entbehren. Solchen gilt das Wort: „Du sprichst: Ich bin reich, und habe gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, dass du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.“ Es ist ein böser Irrtum, der darauf ausgeht, Gott selbst zum Lügner zu machen.

Mit unserem Cornelius verhielt es sich anders und so, wie es sein sollte. Die Wahrheit war in ihm, und zwar zunächst die Wahrheit, dass er ein sündiger Mensch sei und des inneren Friedens ermangele. Er suchte diesen Frieden von Herzen mit Fasten und Beten, Almosen geben und guten Werken. Die Leute in Cäsarien sagten: Der Hauptmann Cornelius, ist ein guter, ein edler, ein frommer, ein vortrefflicher Mann! Er selbst aber sagte: „Ich bin ein armer, sündiger Mensch! Gott sei mir gnädig!“ Siehe, da sendet ihm der Herr seinen treuen Petrus, und Cornelius empfängt, was er von ganzem Herzen suchte; Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, Gnade und Friede. bei Gott durch Jesum Christum. Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.

Cornelius steht vor uns, als ein Bild der seufzenden, nach der Freiheit der Kinder Gottes sich sehnenden Menschheit; aber auch als Bild derer, welche nach ernstlichem Suchen und Sehnen dieses köstlichste Kleinod erlangt haben.

Apostelgesch. X, 43.
Von diesem zeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

Mit diesen Worten beschließt der Apostel seine Rede und sein Zeugnis von Christo Jesu. Wenig Worte und viel Sinn; das ist apostolisch. So fasst er in diesem einfachen Schluss das Ergebnis von allem, was er bisher von dem Herrn und seiner Erscheinung geredet hatte, Zweck und Ziel seiner Sendung und seiner Predigt, zusammen. Der Ausspruch des Apostels enthält folgende drei Hauptgedanken. Erstlich: Durch Jesum Christum allein kann der sündhafte Mensch Heil, Friede mit Gott und Seligkeit empfangen. Zweitens: Nach solchem Heil und nach einem Heiland hat die Welt von alters her verlangt; die Weissagung hat ihn verheißen und von ihm gezeugt. - Endlich: Nun er erschienen ist, haben alle, die an ihn glauben, durch ihn Vergebung der Sünden und das ewige Leben. Also betrachten wir zunächst das Heil durch Jesum Christum; dann die Verheißung, Erwartung und Erscheinung des Heils; endlich dessen Erlangung durch den Glauben.

1. Vergebung der Sünden.

Nur dieses einzige nennt der Apostel, als ob damit alles Heil, welches wir der Sendung des Sohnes Gottes verdanken, ausgesprochen wäre. Und es verhält sich auch in der Tat also. Freilich ist die Vergebung der Sünden eigentlich nur der Anfang, das Lichtwerden des Gotteswerks der neuen Schöpfung in uns; aber dem göttlichen Anfang folgt gewiss, wenn der Mensch nicht widerstrebt, der Fortgang und die Vollendung. So wie von Seiten des Menschen mit Erkenntnis der Sünde die Wiedergeburt beginnt, so ist die Vergebung der Sünde der Anfang und Grund alles Heils und seligen Lebens. Soll der Kranke genesen, so muss zuerst der Krankheitsstoff, der Grund seines Übels, hinweggeschafft werden. - Als jener gütige Vater im Evangelio seinen verirrten und zerlumpten Sohn in seine väterlichen Arme geschlossen und an sein Herz gedrückt hatte; da folgte alles andere von selbst: die Schuhe an seinen Füßen, das beste Kleid, der Fingerreif an seine Hand, das gemästete Kalb, die Gesänge und der Reigen, kurz das volle Kindesrecht und dessen Besitz und Genuss. Alle früheren Sünden und Vergehungen des Sohnes waren vernichtet vor den Augen des Vaters und zugleich in dem gläubigen und dankbaren Herzen des Sohnes. Als der Herr Jesus zu jenem Gichtbrüchigen gesagt hatte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“, da war dieser ein Sohn des Heilandes, konnte auf eigenen Füßen stehen, sein Bett nehmen und wandeln.

So wir sind gerecht, d. i. der Sünde quitt und los geworden, so haben wir Friede mit Gott, steten Zugang zu seiner Gnade, die Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, und Freude in dem heiligen Geist4). Vergebung der Sünden ist Tilgung aller Sünden: schuld durch die Hand des barmherzigen Gottes, mithin ein neuer Lebensanfang.

2. Was ist Sünde?

Die Sünde, sagt der Apostel Johannes in seiner tiefen Einfalt, ist das Unrecht5); also Abweichung, Verirrung, Entfernung von dem einzig rechten Wege - und somit Unheil, stets wachsendes Unheil, immer größere Entfernung von dem Ziel und Mittelpunkt, und, wenn uns gehemmt, ein stetig tieferes Fallen. Gesetzt, unsere Erde hätte Verstand und Willen, und es gelüstete sie, die von dem Schöpfer ihr angewiesene Bahn um die Sonne zu verlassen, und nach eigenem Dünken in den Himmelsräumen umherzuschweifen; was würde die Folge sein? Unfehlbar würde sie in großes Unheil und in die Gefahr geraten, bald wieder, wie zu Anfang, finster und öde, wüste und leer zu werden; und käme sie nun zum Gefühl ihres heillosen Zustandes, so würde ihre erste Frage sein: Was muss ich tun, um wieder in meine alte Bahn zu gelangen? Wir Erdlinge sind solche Irrsterne, die ihre Bahn verloren haben; „allzumal abgewichen von dem einzigen Urquell alles Lichts und Lebens, entfremdet von dem Wesen, das aus Gott ist; allzumal Sünder, ermangelnd des Ruhms, d. i. der Herrlichkeit, Glorie und Würde Gottes, die wir haben sollten, aber verloren haben.“

Die Sünde ist also „ungöttliches Wesen,“ das Gegenteil vom Göttlichen, wie die Lüge, Finsternis, Tod das Gegenteil sind von Wahrheit, Licht, Leben; und in diesem ihrem Außer-Gott-sein liegt eben das rätsel- und grauenhafte ihrer Schlangennatur. Ebenso ist sie das Gegenteil vom wahrhaft menschlichen Wesen; dem Menschen nicht anerschaffen, welches gotteslästerlich wäre zu denken, sondern als ein unnatürliches und fremdartiges in den Menschen eingedrungen. Der Mensch würde sich selbst ein Widerspruch und unauflösliches Rätsel sein, wenn uns nicht die Offenbarung, welche eben hiermit beginnt, uns hierüber so viel Aufschluss gegeben hätte, als wir bedürfen und zu fassen vermögen. Mit dem Ebenbilde Gottes, welches in Glauben und Liebe freitätig sich in dem Menschen entwickeln sollte, haben wir die Gemeinschaft Gottes, und somit das wahre Wesen unserer Seele, die Seligkeit, das Leben und den Frieden in Gott, verloren, und sind in die Gewalt der Sünde und des Todes verfallen. So ist die Sünde in ihrem Ursprung, Wesen und Folgen, wofür wir alle sie erkennen, uns göttlich, ein Wert der Finsternis, und das einzige wahrhafte Übel und Unheil.

3.

Unsere Rettung kann nur mit der Erkenntnis und dem Gefühl unserer Sündhaftigkeit beginnen; und wie nahe liegt uns diese, wenn wir den entzweiten Zustand sowohl unseres äußern als innern Lebens recht ins Auge fassen. Euer Leben, spricht Jakobus, und überall die heilige Schrift, was ist's? Ein Dampf ist's, der eine kleine Zeit währt, danach verschwindet er. Und doch liegt in dem selbstbewussten Sein und Leben des Menschen der unabweisliche Anspruch eines ewigen Seins, einer endlosen Zukunft. Dagegen ist das Leben selbst nur eine unaufhörlich dahin sterbende, von der Zukunft verschlungene Gegenwart. Gewisser und natürlicher ist dem Menschen nichts, als der Tod; dennoch glaubt er nicht daran, obwohl er es weiß, und fürchtet ihn, als ob er das unnatürlichste sei. Was wir Freuden, Erholungen, Verschönerungen des Lebens, Vergnügen und Zerstreuungen nennen, sind, im rechten Lichte gesehen, Flucht vor dem Tode, Bestrebungen, den ernsten Gedanken an die Flucht des Lebens zu verdrängen. So ist unser Leben ein haltloses Schweben zwischen der Zeit, die uns unter den Händen unaufhaltsam zerrinnt, und der Ewigkeit, die uns von allen Seiten umgibt. Wir haben weder das, eine noch dass andere. Rings um uns her wölbt sich ein endloser Himmel, aber über unseren Häuptern schwebt immerdar die Wolke des Todes und der Verwesung. Das ist die Gestalt unseres Lebens; ein Kämpfen und Schweben zwischen Leben und Tod. Sirach nennt es ein elend jämmerlich Ding, und ein Prophet unter den Heiden, den Traum eines Schatten.

Und die Gestalt des inwendigen Lebens, zeugt sie minder von unserem entzweiten Zustande, von des Menschen Verderben und Elende? Wer musste nicht, auch Widerwillen, Unschuld und Reinheit des Herzens, Heiligkeit und Ruhe der Seele, Licht und Frieden in Gott für die höchsten, begehrungswürdigsten Güter erkennen? Warum denn entfalten sich nicht in unserem Innern ungehemmt und ungehindert diese stillen himmlischen Blüten und Früchte? Warum noch zu der kurzen Lebenszeit des vom Weibe geborenen so viel Unruhe? Weshalb und woher auch innerlich so viele Hindernisse und Hemmungen? Warum gelüstet das Fleisch wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch, und sind, obwohl beide in Eins verbunden, doch entzweit und wider einander, also dass wir das Gute, das wir wollen, nicht tun, sondern das Böse, dass wir nicht wollen? Warum streitet ein Gesetz in meinen Gliedern mit dem Gesetze, das in meinem Geiste ist, und nimmt mich gefangen unter der Sünde Gesetz?

Noch schärfer aber werden wir unseren unseligen Zustand erkennen, je tiefer wir in das einfache geoffenbarte Gottesgesetz von der Liebe hinein schauen, und unser Wesen danach prüfen und richten. - An die Stelle der verlorenen Gottesgemeinschaft ist das Gesetz, d. h. die Offenbarung seines heiligen Willens, getreten; gleichsam als ein anderes göttliches Ebenbild, durch der Engel Geschäfte in Worte gefasst, nachdem es in der Wirklichkeit verschwunden war, und als eine Rechtfertigung Gottes vor dem entarteten Menschen, dass er hierin, wie in einem Spiegel sehe, was er verloren habe und wie er hätte sein und werden können und sollen, wenn er selbst ein Spiegel und Ebenbild Gottes geblieben wäre. Liebe nur fordert das Gesetz dessen, der die Liebe ist! So erscheint die Sünde, als das, was sie ist, ein Widerstreben, eine Empörung, eine Feindschaft wider Gott; und folglich ist der natürliche Zustand des Menschengeschlechts ein tiefversunkener, unseliger, und würde ein ganz trostloser senn, wenn nicht in dem Gesetze selbst, schon in dem des Gewissens, aber noch deutlicher in dem geoffenbarten, sofern es immer noch die Liebe fordert, die Bürgschaft und das Zeugnis läge, dass Er, „der Herr“, der uns zu seinem Bilde erschuf, uns zu seinem Bilde erneuern, und uns von Sünde und Unseligkeit erlösen wolle. Zuvor aber muss der Seufzer in uns laut werden: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes!

4.

Dieser Seufzer liegt, wenn auch tief verschlossen und verborgen, in der Brust der gesamten kranken Menschheit, weshalb auch Paulus sie eine seufzende Kreatur nennt, die sich sehnt nach der Freiheit der Kinder Gottes6). Die Ahnung und das Gefühl eines verlorenen Paradieses und seligen Zustandes, sowie wie das Bewusstsein des sündlichen Elends, hat sich von jeher selbst in allen falschen, von Gott und der Wahrheit noch so weit entfernten Religionen, obwohl unbewusst und dunkel, ausgesprochen. Ja, jeder Religion, mag sie noch so sehr entstellt und selbst zu einer verzweifelnden Teufelsanbetung versunken sein, liegt das dunkle Sündengefühl zum Grunde, und wie ihre Benennung andeutet - ein, wenn auch auf dem Bauch und im Staube kriechendes, Suchen nach einem verlorenen Heil und Frieden. Das zugleich strafende und verheißende, nach dem Sündenfall geredete Gotteswort von dem Schlangen- und Weibessamen ist, mit der Menschengestalt, der gesamten Nachkommenschaft vererbt worden, und wenn auch unverstanden in das Herz der Menschheit gedrungen. Selbst in ihren Göttern und Götzenbildern, Tempeln, Altären und blutigen Opfern spricht sich ein allgemeines Krankheitsgefühl und, in äußern Mitteln Linderung suchendes, Verlangen nach einem Retter und Helfer aus, der von oben komme, der armen Menschheit das verlorne Heil wieder zu geben. Auch die Heiden hatten ihre Propheten - wie auch Paulus sie nennt, die unbewusst und wider Willen, wie Bileam von dem Einen, der da kommen sollte, geweissagt haben. Sa schwer hält es, den Odem Gottes ganz zu vertilgen, und zugleich gründet sich hierauf die Hoffnung einer Bekehrung, selbst von der dicksten Finsternis zum Licht, und von der Gewalt des Satans zu Gott.

Was als ein unverstandenes Seufzen und Sehnen in der übrigen, von Gott entfremdeten Welt verborgen lag, das wurde in dem Volke Gottes - dem eigentlich Adamischen Geschlechte, aus welchem der zweite Adam kommen sollte - ein fröhlicher Laut, für alle, die Ohren hatten, zu hören. Im morgenrotlichen Lichte erschien Er, der eher war, denn Abraham, und der da heißt Wunderbar und Friedefürst, in dem Worte der Weissagung jener viertausendjährigen Vorzeit, und in den Aussprüchen der Seher, „die gesalbt mit dem Geiste des Herrn von der zukünftigen Gnade geweissagt und die beiden in Christo und danach die Herrlichkeit nicht ihnen selbst, sondern uns dargetan haben.“ Wozu bedürfte es, alle jene Gottesstimmen herzuzählen, die da gezeugt haben von dem Tage; den Abraham zu sehen begehrte und sah - von dem Tage, wo die Sünde versiegelt, die Missetat versöhnt, die ewige Gerechtigkeit dargebracht, die Gesichte und Weissagungen zugesiegelt, und das Allerheiligste gesalbt werden sollte7)?! Wozu bedürfte es dieser Zeugnisse? Er, der Herr, unsere Gerechtigkeit und Stärke, von dem alle „Propheten gezeugt haben, dass er kommen sollte, der Retter und Helfer, der an der Brust Gottes geruht und das Angesicht des ewigen Vaters geschaut hat, Er ist gekommen, um die Sünder selig zu machen!

5.

So ist sie geschehen, die verheißene Erscheinung der Liebe und Gnade Gottes in seinem Sohne, dass durch seinen Namen alle, die an ihn, glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen… hiermit hat Petrus das erfreulichste für den sündigen Menschen ausgesprochen. Dieses Werk der Barmherzigkeit Gottes heißt die Erlösung, weil dadurch alle Sündenschuld und Sündenstrafe aufgehoben, und der Mensch von aller knechtischen Furcht vor Gott befreit wird; es heißt Rechtfertigung, weil mit dem Glauben an den Namen Jesu die Gewissheit der Begnadigung verbunden ist; Versöhnung, weil nun die Scheidewand zwischen Gott und dem Menschen aufgehoben, und dem Sünder der Zugang zur Gnade und zur Gemeinschaft mit Gott wieder geöffnet ist, auf dass wir die Kindschaft empfangen, Jesus Christus, der Eine Mittler zwischen Gott und dem Menschen, hat dieses große und gnadenreiche Werk vollbracht; dadurch, dass er, obwohl er in göttlicher Gestalt und Gott gleich war, doch ein Mensch geworden ist, uns gleich in allen Dingen, die Sünde ausgenommen; dadurch, dass er, dem Gesetze untertan und versucht allenthalben, gleich wie wir, den allervollkommensten Gehorsam geleistet, und in seiner Person als der zweite Adam die Menschheit geheiligt hat; endlich dadurch, dass er unsere Schuld getragen, und sich selbst aus freier Liebe für uns am Kreuz Gott geopfert hat. Nur auf diesem göttlichen, von Ewigkeit beschlossenen Wege, nur dadurch, dass der ewige Sohn Gottes in unsere Endlichkeit hinabkam und sich selbst zum Opfer darbrachte, war die Vereinigung der Gnade und Gerechtigkeit Gottes zur Vergebung der Sünde möglich. Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selbst, und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

So ist Jesus der alleinige Grund unseres Heils und unserer Seligkeit. So wie Petrus früherhin in Jerusalem laut verkündigte, dass kein anderer Name den Menschen gegeben sei, darin sie könnten selig werden, so erklärt er auch hier den Namen Jesu für die Ursache und Quelle der Sündenvergebung.

Der besondere Name Jesus bezeichnet, nicht sein Wesen, sondern seine Beziehung auf die sündige Welt, von welcher er also im Geist und in der Wahrheit erkannt und genannt sein will. Darum ward er ihm bei seiner Geburt beigelegt, mit dem Zusatz: denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden. Darum rief der sterbende Stephanus: Herr Jesu, nimm: meinen Geist auf. und in dem Namen Jesu sollen einst alle Kniee sich beugen. Der Name Jesus, umfasst also das ganze Werk und Verdienst des Sohnes Gottes zur Erlösung und Versöhnung der Menschheit, seine Menschwerdung und Leiden und danach die Herrlichkeit, indes der Name Christus ihn als den von Gott verheißenen, und gesendeten Gesalbten bezeichnet, Petrus nennt ihn dem Cornelius nur mit jenem menschlichen Namen, Jesus von Nazareth.

O welch' unaussprechlichen Segen umschließt dieser Name! Aber nur für den, der ihn im Herzen trägt, dem er ein Seelen- und Herzenswort geworden ist, wie dem frommen Kinde der Vater - und Muttername, den es nur Einem und Einer geben kann.

6.

Deshalb setzt auch der Apostel hinzu: Alle, die an ihn glauben - buchstäblich, und lieblicher für den heidnischen Hauptmann und seine Hausgenossen: jeder, der an ihn glaubt - werden Vergebung der Sünden empfangen. Die Vergebung ist da; das Kreuz. mit dem daran gehefteten Schuldbriefe streckt aufgerichtet seine Arme in die weite Welt; der Gnadenstuhl steht jedermann offen, es bedarf nur des Hinzunahens und sehnsüchtig gläubigen Aufschauens zu dem vor aller Welt, wie einstens der ehernen Schlange vor den Augen des kranken Israels erhöhten Menschensohns, um geheilt zu werden. So bald die Gnadentat Gottes zur Vergebung der Sünden in dir selbst geschehen, und das Wort von der Versöhnung dir ein Herzenseigentum, und so gewiss, als deine eigene Sündhaftigkeit geworden ist durch Buße und Glauben, so ist dein Verderben geheilt, dein Elend getilgt, die dunkle Gestalt des Lebens und des Todes erhellt. Du bist wiedergeboren zu einem neuen Leben, eine neue Schöpfung ist in dir vorgegangen. Eine neue Schöpfung, ähnlich jener ersten Umwandlung der wüsten und leeren Erde, als zuerst das Wort und mit ihm das Licht zu ihrer Todesgestalt herniederkam, und nun die Scheidung des Lichts von der Finsternis, des Oben von dem Unten, des Festen von dem Beweglichen vorging, und diesem die Verbindung mit der Sonne und dem Himmel, und in ihr selbst regsames Leben und Weben in der Höhe und Liefe folgte, und zuletzt der Mensch, Gottes Ebenbild, alles beherrschend, dastand.

Ja, nicht minder, als jene Schöpfung, ist das neue Leben, welches damit beginnt, dass ihr glaubt an den, den er gesandt hat Gottes Werk in dir. Es hat damit begonnen, dass sein Wort und sein Licht zu dir, in deine Tiefe und Finsternis hinabgekommen ist, um dir die Öde und Leere deines ungöttlichen Wesens zu offenbaren, und das Verworrene in Seele und Leib, Mark und Gebein von einander zu scheiden, auf: dass du voll seiner Güter werden mögest. Aber du widerstrebst dem Wort und Licht, weil jenes anfangs ein scharfes und schneidendes, und dieses ein brennendes und scheidendes sein muss, um die Neugeburt von oben in dir zu vollenden.

Ja, mein teurer Nikodemus, der du mit der Sehnsucht nach dem Lichte dennoch im Dunkel und Nacht wandelst, erst musst du hinaus in die Wüste zu dem ernsten Bußprediger, damit in seinem Wasser dein alter Mensch ersäuft und zunichte werde. Dann aber komm getrost zu Ihm, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, und er wird dich nicht hin ausstoßen, sondern mit dem heiligen Geiste und seinem läuternden himmlischen Feuer taufen. Und wenn er dann am Ende deiner Erdentage dich fragen wird: Hast du jemals Mangel gehabt? so wirst du freudig und dankbar antworten: Herr, nie keinen!

1)
1. Joh. 1, 8. 9
2)
Ps. 32
3)
verschwieg
4)
Röm. 5,1
5)
1. Joh. 3,4
6)
Röm. 8,22
7)
Dan. 9,27