„Zerreißt eure Herzen, und nicht eure Kleider, und bekehrt euch zu dem Herrn, eurem Gott.“ Joel 2, 13.
Erkläre die orientalische Sitte von dem Zerreißen der Kleider. Das Volk war stets bereit genug, die äußeren Zeichen der Trauer anzulegen, wenn, wie jetzt, Heuschrecken kamen, um seine Ernte zu zerstören, oder wenn ihm irgend ein anderes Gericht drohte. Sie fehlten aber darin, vor dem Herrn zu trauern und sich in geistlicher Weise unter seine züchtigende Hand zu beugen. Daher die Sprache des Textes. Lasst uns in unserem Gemüt bewegen:
Der Ausdruck „zerreißt eure Herzen, und nicht eure Kleider“, wirft einen gewissen Makel auf das rein Äußerliche.
Unter den guten Dingen, welche nutzlos werden können, wären zu erwähnen: der regelmäßige Besuch der Gottesdienste; das Familiengebet im eigenen Hause; das Lesen der Heiligen Schrift; die Aufrechterhaltung eines orthodoxen Glaubensbekenntnisses; das private Gebet; die Teilnahme an den Sakramenten.
Alle diese guten Dinge sollten ihren Platz in unserem Leben haben, aber sie beweisen nicht, dass wir Gläubige sind, da ein Sünder sie alle in einem gewissen Sinne üben kann; aber wenn das Herz nicht dabei ist, sind sie ohne Nutzen.
Deshalb bedarf er keiner Ermahnung, seine Kleider zu zerreißen, obgleich dies in gewissen Fällen ein passender und geeigneter Ausdruck tiefer Buße und heiligen Abscheus gegen die Sünde sein mag. Der Mensch ist zu Äußerlichkeiten geneigt:
Viele verkehren oft in den Vorhöfen religiöser Beobachtungen, welche das Heilige der Buße, des Glaubens und der Hingabe scheuen.
Das macht große Anstrengung nötig. Kann ein Mensch sich selbst zerreißen?
Das treibt uns an, auf eine höhere Macht zu schauen. Dieselbe kann nur Jesus ausüben. Indem wir auf Ihn blicken, den wir durchstochen haben, werden unsere Herzen zerrissen.
Wenn dies wirklich geschehen ist, bleiben wir zu seinen Füßen, der allein „heilt, die zerbrochenes Herzens sind, und verbindet ihre Schmerzen.“
Eine alte hebräische Geschichte erzählt, wie ein armer Mensch vom Krankenbett aus mit zitternden Gliedern zum Tempel kam. Er schämte sich, zu kommen, denn er war sehr arm und hatte kein Opfer, das er bringen konnte, aber als er näher kam, hörte er den Chor singen: „Du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte Dir es sonst wohl geben, und Brandopfer gefallen Dir nicht. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst Du, Gott, nicht verachten.“ Es kamen andere Anbeter, drängten sich vor und brachten ihre Opfer; aber er hatte keine. Endlich warf er sich längs vor den Priester hin, welcher sagte: „Was willst du, mein Sohn? Hast du kein Opfer?“ Und erwiderte: „Nein, mein Vater, denn gestern Abend kam eine arme Witwe mit ihren Kindern zu mir, und ich hatte nichts, das ich ihnen bieten konnte, als die zwei Tauben, welche zum Opfer bestimmt waren.“ „So bringe denn,“ sagte der Priester, „ein Epha feines Mehl.“ Nein, mein Vater,“ sagte der alte Mann; „meine Krankheit und Armut hat mir nur ein weniges für meine hungernden Kinder übrig gelassen, ich habe nicht einmal einen Epha Mehl.“ „Warum bist du denn aber zu mir gekommen?“ sagte der Priester. „Weil ich sie eben singen hörte: Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist. Wird Gott mein Opfer nicht annehmen, wenn ich sage: „Herr, sei mir Sünder gnädig?“„ Da richtete der Priester den alten Mann auf, und sagte: „Ja, sei gesegnet, mein Sohn; es ist das Opfer, das besser ist, als tausend Ströme Öls.“ E. Paxton Hood.
Wenn diese Heuchelei, dieses Vertrauen auf äußerliche Beobachtungen Gott unter dem Gesetz, einer Religion, die voll von Schatten und Zeremonien war, so. zuwider war, dann ist es Ihm sicher noch mehr zuwider unter dem Evangelium, das eine Religion von größerer Einfachheit ist und um so mehr Aufrichtigkeit des Herzens erfordert, weil es den äußeren Menschen von vielen formellen Beobachtungen und zeremoniellen Pflichten entlastet. Und wenn wir deshalb unter dem Evangelio meinen, den allmächtigen Gott betrügen zu können, wie Michal den Saul mit einem schön gekleideten Götzen anstatt des echten David betrog, so werden wir eines Tags entdecken, dass wir nicht Gott, sondern uns selbst betrogen haben, und dass unser Teil unter den Heuchlern sein wird. William Chillingworth.
Was Kleider einem Körper sind, das sind die Zeremonien dem Christentum. Die Kleider auf einem lebendigen Körper erhalten die natürliche Wärme; lege sie einem toten Körper an, und sie werden ihm weder Leben noch Wärme geben. Formen helfen, die Andacht zu erhöhen; aber sie können dieselbe in einem toten Herzen nicht erzeugen. Diese Gewänder der Religion an einem gläubigen Menschen sind wie des Herrn Kleider an seinem heiligen Leibe, aber einem ungläubigen Herzen: sind sie wie Christi Kleider an den Leibern der Ihn kreuzigenden Mörder. Ralph Brownrig.