Inhaltsverzeichnis

Spurgeon, Charles Haddon - Ein Brunnen lebendigen Wassers - Eure Haare auf dem Haupte sind gezählt.

“Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt.“
Matth. 10, 30.

Es ist überaus köstlich zu sehen, wie vertraulich unser Herr Jesus mit seinen Jüngern redete. Er war sehr groß, und doch war er unter ihnen wie ein Dienender; er war sehr weise, aber er war sanft wie eine Wärterin mit ihren Kindern; er war sehr heilig und weit erhaben über ihre sündigen Schwachheiten, aber er ließ sich herab zu Menschen, die niedrig standen; er war ihr Meister und Herr und doch ihr Freund und Diener. Er redete mit ihnen nicht als ein Höherer, der herrscht, sondern als ein Bruder, voll Zärtlichkeit und Mitgefühl. Ihr wisst, wie freundlich er ihnen einst sagte: „Wenn es nicht so wäre, würde ich es euch gesagt haben“; (Joh. 14, 2. n. d. engl. Übs.) und ihnen so bewies, dass er ihnen nichts verborgen, was nützlich für sie war. Er legte ihnen sein innerstes Herz offen dar und sein Geheimnis war mit ihnen. Er liebte sie bis zum Äußersten und ließ den Strom seines Lebens für sie fließen.

Wenn ihr dieses Kapitel zu Hause lest, so werdet ihr sehen, wie weise der Herr Jesus mit ihren Befürchtungen verfährt. Er fürchtet, dass sie sich fürchten würden; er sorgt, damit sie nicht sorgen sollen; deshalb redet er zu ihnen, wie ein sehr zärtlicher Freund zu sehr furchtsamen Personen schwachmütigen Brüdern oder Schwestern reden würde, er spricht in solcher Weise, dass sie, wenn sie nicht getröstet wurden, sicherlich den Trost eigenwillig abgewiesen haben müssen. Er spricht zu ihnen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht mögen töten. Fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in die Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Doch fällt derselben keiner auf die Erde, ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht, ihr seid besser denn viele Sperlinge.“ Brüder, bewundert die Freundlichkeit unseres Herrn Jesu, und ahmt sie nach. Lasst uns versuchen, ebenso freundlich gegen unsere Mitchristen zu sein; lasst uns niemals suchen uns ein Ansehen zu geben, oder unsere Glaubensstärke zur Schau zu stellen, denn das wird die noch zarten Kleinen betrüben, so dass sie sich Vorwürfe machen. Lasst uns an ihre Schwäche denken und an die Hilfe, die wir ihnen erweisen können; an ihre Leiden und den Trost, den wir ihnen zu gewähren vermögen. Jesus war selbst ein Tröster, sonst hätte er nicht von „einem andern Tröster“ sprechen können; und deshalb lasst uns in seine Fußstapfen treten und in unserem Maße Tröster sein.

Dies erinnert mich auch daran, wie sehr einfach die Rede des Heilandes mit seinen Jüngern wurde in Folge dieses Wunsches, ihre Herzen aufzuheitern. Er spricht wirklich, habe ich oft gedacht, gerade in der Art, wie jeder von uns mit seinen Kindern sprechen würde, wenn er sie zu ermutigen wünschte! Es ist nichts in der Sprache des Heilandes, das euch den Gedanken eingibt: „Was für großartige Worte! Was für ein Rhetoriker! Was für ein Redner ist er!“ Wenn ein Mann euch veranlasst, das von ihm zu sagen, so habt ihn im Verdacht, dass er etwas aus der Spur ist. Er vergisst das wahre Ziel eines liebevollen Gemüts und sucht, ein guter Redner zu sein und den Leuten die Vorstellung einzuprägen, dass er etwas sehr Wunderbares sage und es in sehr erhabener Weise sage. Der Heiland weiß nichts von solch schönen Ausdrücken und ist bloß bemüht, seine Meinung so einfach wie nur möglich darzulegen. Er suchte den kürzesten Weg zu den Herzen derer, an die er seine Rede richtete und kümmerte sich nicht darum, ob an der Seite des Pfades Blumen wüchsen oder nicht. Deshalb gleicht keine Beredsamkeit der Beredsamkeit Jesu; es ist eine majestätische Einfachheit in seiner Rede, die ganz und gar ihm eigentümlich ist, und darin liegt eine unübertroffene Erhabenheit. Ich sehe zuweilen bei Zitaten in Büchern die Namen der Verfasser darunter bemerkt. Aber wenn ich je den Namen „Christus“ unter einem Zitat sehe, so betrachte ich das als etwas Überflüssiges, was ausgestrichen werden sollte, denn man braucht nie zu fürchten, dass die Sprache des Sohnes Gottes für die irgendeines der Menschenkinder gehalten werde. Er hat eine Redeweise, die nur ihm angehört. - Dies ist indessen nur etwas Beiläufiges, denn er legt es überhaupt gar nicht auf Redekunst an, sondern zielt nur auf Mitteilung seines Gedanken ab. Deshalb spricht er in alltäglichen Worten wie die unseres Textes: „Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt.“ Eure großen und gelehrten Männer sprechen nicht von den Haaren eures Hauptes; all' ihre Rede ist über Nebelflecken und Sterne, geologische Perioden und organische Überbleibsel, Evolution und Solidarität der Rasse, und ich weiß nicht, was noch mehr. Sie lassen sich nicht zu gewöhnlichen Dingen herab. Sie müssen etwas Großes, Erhabenes, Blendendes, Brillantes, voll von Feuerwerk, sagen. Der Herr ist so weit von all diesem entfernt wie der Himmel von dem prächtigsten Baldachin, der je den Thron eines Sterblichen schmückte. Er redet in häuslicher Sprache, weil er zu Hause ist; er redet die Sprache des Herzens, weil er ganz Herz ist und die Herzen derer zu erreichen wünscht, mit denen er spricht. Ich empfehle euch den Spruch aus diesem Grunde, obgleich aus vielen andern daneben. „Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt.“

Wenn man über diese Worte nachdenkt, so ist wenigstens viererlei darin, und wir können sie in vierfachem Sinne betrachten: der erste ist, Vorherbestimmung. „Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt worden.“ Ihr werdet finden, dass dies eine genauere Wiedergabe des Textes ist, als die uns vorliegende. Das Zeitwort ist nicht in der gegenwärtigen, sondern in der vergangenen Zeit. Auch eure Haare auf dem Haupte sind alle gezählt worden, ehe Welten gemacht worden. Zweitens sehe ich in diesem Spruche Kenntnis. Dies ist sehr klar: Gott kennt die Seinen so, dass auch die Haare ihres Hauptes alle von ihm gezählt sind. Drittens hier ist Wertschätzung. Er legt einen so hohen Wert auf seine Diener, dass von ihnen gesagt wird: „Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt.“ Ihr seid so kostbar, dass das kleinste Stück von euch kostbar ist; der König führt ein Register über jeden eurer Teile. Und zuletzt ist hier ganz augenscheinlich Bewahrung. Der Heiland hatte ihnen gesagt, dass sie sich nicht vor denen fürchten sollten, die den Leib töten können und nicht vermögen, die Seele zu töten. Er spricht davon, dass Gott sie bewahrt. An einem andern Orte sagt er seinen Jüngern: „Und ein Haar von eurem Haupt soll nicht umkommen“, und er meint hier dasselbe; die Seinen sollen vollkommen bewahrt werden. „Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt.“

I.

Kommt also zu dem ersten Gedanken. Hier ist Vorherbestimmung. Die meisten Christen glauben an die Vorsehung Gottes, aber nicht alle sind bereit, die Wahrheit anzunehmen, welche darin einbegriffen liegt. Sie scheinen zu glauben, dass es eine lenkende Vorsehung gebe, aber sie scheinen vergessen zu haben, dass es stets eine solche gegeben hat und dass die Vorsehung doch im Grunde dasselbe, wie Vorhersehen ist. Gott muss vorhergesehen haben, sonst könnte es keine Vorsehung geben, und die Vorsehung Gottes ist nur das Resultat davon, dass er vorhergesehen, dies oder jenes würde für uns nötig sein. Das Vorhersehen muss wesentlich zu jeder wahren und wirklichen Vorsehung gehören.

Wie weit erstreckt sich Gottes Vorhersehen? Es erstreckt sich, glauben wir, über den ganzen Menschen und über alles an ihm. Gott verordnete vor alters, wann wir geboren werden sollten und wo, wer unsere Eltern sein und was unser Los in der Kindheit, was unser Pfad in der Jugend und was unsere Stellung im Mannesalter sein sollte. Vom ersten bis zum letzten ist alles nach dem göttlichen Ratschlusse geschehen, so wie es von dem göttlichen Willen verordnet war. Nicht nur der Mensch, sondern alles, was den Menschen betrifft, ist von dem Herrn vorherbestimmt; auch die Haare eures Hauptes, d. h. alles, was irgendetwas mit euch zu tun hat, was in irgendeine Berührung mit euch kommt, und in irgendeinem Sinne ein Teil eurer selbst ist, steht unter dem göttlichen Vorhersehen und Vorherbestimmen. Alles ist in dem göttlichen Ratschlusse und von der göttlichen Weisheit verordnet; alle Ereignisse eures Lebens - die größeren gewiss, die kleineren mit gleicher Gewissheit. Es ist unmöglich, eine Linie in der Vorsehung zu ziehen und zu sagen, dies ist von ihr angeordnet und jenes nicht. Sie muss alles in ihren Bereich aufnehmen, alles, was geschieht; sie bestimmt nicht nur die Bewegung eines Sternes, sondern das Wehen eines Staubkorns die Landstraße entlang. All dieses ist der Natur der Sache nach klar. Gottes Vorsehung kennt keine Dinge, die so klein sind, dass sie unter ihrer Beachtung stehen und keine, die so groß sind, dass sie über ihre Gewalt hinaus liegen. Nichts ist für Gott zu klein oder zu groß zum Leiten und Lenken.

Alles, was einem Menschen widerfährt, ist auch vom Himmel verordnet; sollten die Haare eures Hauptes in einer einzigen Nacht durch Kummer weiß werden, so würden sie es nicht ohne göttliche Zulassung. Solltet ihr leben, bis jedes Haar einen Teil der Ehrenkrone eures Alters ausmacht, so werdet ihr nicht älter sein als Gott will. Ihr werdet weder vor eurer Zeit sterben, noch über dieselbe hinaus leben. Alles, was euch trifft, sage ich, vom ersten bis zum letzten, alles, was an euch und in euch und um euch ist,

„Alles soll kommen und währen und enden,
Wie es gefällt den göttlichen Händen.“

Auch die Haare eures Hauptes sind alle gezählt.

II.

Und hierauf möchte ich eure Aufmerksamkeit lenken; wer ist es, der sie zählt? Es ist nicht, dass sie alle von einem Schutzengel gezählt sind, dem die Arbeit aufgetragen. Es mag so sein, aber das ist es nicht, was wir heute Abend zu betrachten haben. Dieses Zählen geschieht von unserem Vater, der im Himmel ist. Die Ereignisse, die euer Leben lenken, sind in seiner Hand, die Entscheidung über Tod und Leben steht bei ihm, und dies ist eine sehr erfreuliche Tatsache. Das Schicksal ist hart und grausam, aber die Vorherbestimmung ist väterlich und weise und freundlich. Die Räder der Vorsehung sind immer hoch und schrecklich, aber sie sind voller Augen, und diese Augen sehen mit dem klaren Blick der Weisheit und Gerechtigkeit und Liebe, und sie sehen auf das Beste derer, die Gott lieben und nach seinem Vorsatz berufen sind. Schrecklich in der Tat ist es, an Dinge, die nach einem ewigen Plane festgesetzt sind, zu denken; aber der Schrecken wird hinweggenommen, wenn wir fühlen, dass wir Kinder dieses großen Vaters sind, und dass er nichts will, als das, was dahin wirkt, dass wir zuletzt dem Ebenbilde seines Sohnes gleich werden und die Herrlichkeit seiner Gerechtigkeit und Gnade und Wahrheit an uns darstellen.

Lieber Freund, vielleicht bist du blind! Du wirst süße Zufriedenheit im Dunkel fühlen, wenn du sagen kannst: „Diese Blindheit war von meinem zärtlichen und liebevollen Vater vorherbestimmt; ich weiß, dass sie es war, da auch die Haare auf meinem Haupte alle gezählt sind.“ Oder es mag sein, dass du von Kind auf an einer andern körperlichen Schwäche gelitten, die dir viel Verlust und Schmerz verursacht hat und eben jetzt droht, dich plötzlich in das Grab zu bringen. Wäre dir dies Kreuz von einem Feinde auferlegt worden, so hättest du klagen können, aber es ist dir von ihm verordnet, der nicht unfreundlich oder ungerecht sein kann, deshalb sprich: „Es ist der Herr, er tue, was ihm wohlgefällt.“ Wir sind gelehrt zu beten: „Dein Wille geschehe“. Dürfen wir unsern eigenen Gebeten widersprechen dadurch, dass wir uns gegen diesen Willen auflehnen? Hiob gab Gott die Ehre, und doch sagte er nicht mehr, als er tun musste, indem er sprach: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ Ich bewundere es immer an Hiob, dass er alle seine Trübsale dem Herrn zuschrieb, denn anscheinend waren es die aus dem Reich Arabien, welche seine Rinder und Eselinnen wegnahmen, und die Chaldäer, welche seine Kamele nahmen; es war der Wind von der Wüste, vom Teufel erregt, der seine Kinder wegnahm. Hiob kümmert sich nicht so viel um Araber, Chaldäer und Teufel, dass er sie auch nur ihrer erwähnt; sondern er blickt auf die erste Ursache aller Ereignisse und ruft aus: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ Wenn wir hinter die sichtbaren Dinge gelangen können und nicht nur die Puppen sehen, sondern die Fäden, die sie bewegen, dann nähern wir uns der Weisheit. Böse Wesen handeln nach ihrem eigenen freien Willen und deshalb ruht die Schuld alles sittlichen Übels, das sie tun, ganz und allein auf ihnen; aber der große Gott führt geheimnisvoll, ganz frei von aller Mitschuld an menschlicher Sünde, doch seine eigenen Ratschläge aus, die immer gut und recht sind. Er ist es, der aus dem wirklichen oder scheinbaren Übel immer Gutes hervorbringt, und Besseres und noch Besseres in unendlichem Fortschritt. Wenn wir, sage ich, zu dieser ersten Kraft und wirklichen Quelle der Macht gelangen, dann sind wir da, wo wir Weisheit lernen und Hilfe im Kampf des Lebens finden. Wenn wir sehen, dass alle Dinge von ihm angeordnet sind, der alle Dinge wirket nach dem Rat seines Willens, dann beugen wir unser Haupt und beten an.

Der praktische Schluss hieraus sollte für jeden Christen dieser sein: „Wenn es so ist, dass alle Dinge in meinem Leben von Gott verordnet sind, bis zu den Haaren meines Hauptes sogar, dann will ich Unterwerfung lernen, will mich dem höchsten Willen beugen, der nach Gefallen handeln muss. Ob es mich auch manche Träne und manchen Schmerz kostet, so will ich doch nimmer zufrieden sein, bis ich sprechen kann: „Vater, dein Wille geschehe.“ Die menschliche Natur treibt uns zu bitten, dass der bittere Kelch, wenn möglich, an uns vorübergehen möge; aber die göttliche Natur, die Gott in seine wahren Kinder hineingelegt hat, hilft ihnen, um völlige Unterwerfung zu ringen, bis sie sich selbst zuletzt überwinden, und Gott in dem Tempel ihres Wesens verherrlicht wird. Ich bin gewiss, meine Brüder, unser Glück besteht zum großen Teil in unserer völligen Unterwerfung unter den Herrn, unsern Gott. Wenn wir unser Besitztum unsern Wünschen nicht anpassen können, so lasst uns unsere Wünsche unserem Besitztum anpassen. Das alte Sprichwort heißt uns unser Kleid nach unserem Tuche zuschneiden, und der, dessen Herz sich mit den Kleidern begnügen kann, welche die Vorsehung ihm gewährt, braucht keinen Fürsten in seinem Ornat zu beneiden. Die Freude liegt mehr im Gemüte, als in dem Ort und dem Besitz. Wer genug hat, ob es auch nur ein paar Mark die Woche sind, hat mehr als der Besitzer von Millionen. Wer zufrieden ist, ist der wahrhaft reiche Mann; ein Geldgieriger ist immer arm, wie kann er anders sein -arm in dem schlimmsten Sinne des Wortes? O, es ist etwas Gesegnetes, wenn wir alle Schickungen als von Gott verordnet betrachten können; dann lösen wir unsern eigenen Willen in die Süßigkeit des Willens Gottes auf und unser Schmerz hat ein Ende!

Dieses, meine ich, sollte uns nicht nur Unterwerfung lehren, sondern uns stets einen solchen Grad von Trost in der Zeit des Leidens verleihen, dass wir uns sogar zu einer Art Freude erheben. Ich las heute von dem alten Dodd, einem Mann, den die Puritaner immer anführen einem Mann, der keine Bücher schrieb, aber Dinge gesagt zu haben scheint, durch die andere Leute ihre Bücher anziehend machten. Dieser alte Dodd hatte ein großes Leiden, eine Krankheit, die eine der schmerzvollsten ist, die es gibt; und als ihm gesagt wurde, dass es diese sei, von der er befallen und dass sie unheilbar sei, weinte der alte Mann ein paar Tränen bei dem Gedanken an die große und quälende Pein; aber endlich sagte er: „Dies ist augenscheinlich von Gott und Gott sandte mir nie etwas, das nicht zu meinem Besten war, deshalb lasst uns zusammen niederknien und Gott dafür danken.“ Das war gut von dem alten Mann gesagt und es war wohlgetan von ihm, dass er Gott herzlich dankte. O ja, lasst uns zusammen niederknien und Gott für unser Leiden danken! Ist es Schwindsucht, ein sterbendes Kind, ein Landgut, das nichts einträgt, ein Geschäft, das allmählig schwindet? Lasst uns fest glauben, dass Gott uns nie etwas gesandt hat, ohne dass er etwas Gutes damit beabsichtigte; deshalb lasst uns niederknieen und Gott von ganzem Herzen danken. Wenn euer Kind zu euch käme und sagte: „Vater, ich danke dir für die Rute, ich weiß, sie ist zu meinem Besten gewesen“, so würdet ihr finden, dass es Zeit wäre mit der Züchtigung aufzuhören. Das Kind ist augenscheinlich nicht so dumm und töricht, dass es eines scharfen Aufweckens durch Strafe bedürfte. Es sieht das Böse seines Ungehorsams und die Notwendigkeit der Strafe ein, und nun kann man es ihm überlassen, die Lehren zu befolgen, die es gelernt hat. Wenn ihr und ich beginnen, mit der Trübsal vertraut zu werden und Gott dafür zu danken, so sind wir bald am Ende derselben. Ich selbst glaube, dass den Leiden der Heiligen oft eine bestimmte Zeit gesetzt ist und dass diese Zeit gewöhnlich mit ihrer vollkommenen Ergebung darin zusammenfällt. Wenn sie es zufrieden sind, alle Dinge zu haben, wie Gott will, so wird Gott es zufrieden sein, sie vieles haben zu lassen, wie sie wollen. Wenn zwei Willen zusammen laufen, unser Wille und Gottes Wille, dann werden wir finden, dass ein lieblicher Doppelstrom silbernen Friedens durch unsere noch übrige Lebenszeit fließt. Deshalb lasst uns dahin kommen, zu sagen: Wenn selbst die Haare auf unserem Haupte alle gezählt sind, wenn wirklich alles von dem Höchsten für sein Volk verordnet ist, so wollen wir uns über die göttliche Anordnung freuen, sie nehmen wie sie kommt und seinen Namen loben, ob unser Los hart oder sanft, bitter oder süß ist. Lasst uns fröhlich sprechen: „Wenn der Herr es will, wollen wir es auch; wenn er es beschlossen, so möge es sein, da denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen, die nach dem Vorsatz berufen sind.“

Ich werde nicht in den Sumpf von Schwierigkeiten hineintauchen, den einige von euch sicher in dem Wege liegen sehen; ich werde mit dem raschen Fuß des Glaubens über den Schlamm hinweggehen. Ich werde nicht erörtern, wie Vorherbestimmung sich mit der Verantwortlichkeit und dem freien Willen des Menschen vereinen lässt und dergleichen Ich glaube an die Verantwortlichkeit des Menschen und an den freien Willen des Menschen ebenso sehr, wie ich an die Vorherbestimmung glaube. Ich glaube an die Verantwortlichkeit des Menschen so sehr wie ihr, und an den freien Willen des Menschen so sehr als irgendein lebender Mensch. Wie kann ich beide Lehren glauben? Ich kann sie augenscheinlich beide glauben, denn ich glaube sie. Ich habe gelernt, dass derjenige, dessen Glaubensbekenntnis nach dem Urteil anderer konsequent ist, gewöhnlich ein sehr dürftiges, armseliges Glaubensbekenntnis hat, von dem ein gut Teil mehr Theorie als Offenbarung ist. Wenn ihr eure Theologie zu einem System verarbeitet, so kommt ihr leicht dahin wie ein Baumeister zu handeln, der zwischen die großen Steine selbstgemischten Mörtel legt. Ich bin zufrieden, die unbehauenen Steine aufeinander zu legen und keinen eigenen Kitt dazu zu tun. Ich will nicht die Wahrheit formen, viel weniger etwas zu ihr hinzutun. Wo du mit deinem Messer darüber fährst, so wirst du ihn entweihen. Wer die Wahrheit nimmt, wie er sie in dem von Gott eingegebenen Buche findet, der hat Material genug, und lauter gutes. Ich glaube, dass alle Widersprüche in der Schrift nur scheinbare sind. Ich kann nicht erwarten, die Geheimnisse Gottes zu verstehen und wünsche es auch nicht. Wenn ich Gott verstünde, so könnte er nicht der wahre Gott sein. Eine Lehre, die ich nicht völlig ergreifen kann, ist eine Wahrheit, die mich ergreifen soll. Wenn ich nicht klimmen kann, so kniee ich. Wo ich kein Observatorium bauen kann, da richte ich einen Altar auf. Ein großer Stein, den ich nicht aufzuheben vermag, dient mir als Säule, auf die ich das Öl der Dankbarkeit ausgieße und den Herrn meinen Gott anbete. Wie müßig ist es, zu wähnen, dass wir jemals an Verstand dem unendlichen Gott gleichkommen könnten! Seine Kenntnis ist zu wunderbar für uns; sie ist so hoch, dass wir sie nicht erreichen können. Habt ihr nie von dem neugierigen Knaben gehört, dem verboten war, in seines Vaters Studierzimmer zu gehen? Er untersuchte die Türe, aber sie war verschlossen; von einem ordentlichen und sichern Zugang konnte keine Rede sein. Aber er wollte sich nicht zufrieden geben, bis er seine Neugierde befriedigt hatte, und klomm deshalb zum Fenster hinauf. Zu des Vaters Entsetzen stand sein kleiner Knabe zwei Stockwerke hoch, sah zu ihm hinein und rief mit kindischem Stolze: „Vater, ich kann dich sehen.“ Welche gefahrvolle Stellung für das Kind! Es muss hinuntergebracht werden und lernen, nicht wieder hinauf zu klettern. Sollen wir diese kindische Torheit nachahmen? Brüder, ich will es nicht versuchen. Ich will nicht meine Seele in Gefahr bringen und vielleicht sogar meine Verstandeskräfte, indem ich das Unerkennbare zu erkennen strebe. Armes Kind, das ich bin, ich will lieber Gott lieben und ihn bewundern, als ihn mit kalten, verstandesmäßigen Begriffen beurteilen und träumen, dass ich ihn ganz und gar kenne. Ich bete, dass ich in der Erkenntnis dessen wachsen möge, was der Herr offenbart; und ich bete um Gnade, meine Neugierde innerhalb der Grenzen seiner Offenbarung zu halten; gewiss, diese sind weit genug für die ausgedehntesten Forschungen. Was die vorliegende Schwierigkeit betrifft, so verstehe ich sie nicht, und was würde es mir nützen, wenn ich sie verstünde? Ich weiß, was immer für ein Unrecht ein Mensch tut, das tut er aus seinem eigenen freien Willen, und ich glaube, dass alle Sünde in der Welt durch die freiwillige und tadelnswerte Wahl des Übertreters verursacht wird; aber ich weiß, dass es zu gleicher Zeit einen Bereich des Vorhersehens und Vorherbestimmens gibt, der so umfassend ist, dass alles mit dem göttlichen Vorherwissen und Vorherbestimmen im Einklang steht. Lasst unser Haar wachsen wie es will oder lasst uns so viel Haare ausraufen, wie wir wollen, lasst nichts unserer absoluten Freiheit in dieser Sache Eintrag tun, und doch sind die Haare auf unserem Haupte alle gezählt. So viel vom Vorhersehen. II. Nun, zweitens, hier ist Kenntnis Gottes genaue Kenntnis seines Volkes. „Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt.“ Beachtet, was für eine völlige Kenntnis von allen seinen Kindern Gott hat. Wenn niemand in der Welt wäre als du, und Gott nichts anderes zu tun hätte als an dich zu denken und es außer dir keine Gegenstände seiner Aufmerksamkeit gäbe, und sein ewiger Geist keinen andern Gegenstand der Betrachtung hätte als dich allein, so würde der Herr dann nicht mehr von dir wissen, als er jetzt weiß. Die Allwissenheit Gottes konzentriert sich auf jedes einzelne Wesen und wird doch nicht geteilt durch die Vielfältigkeit ihrer Gegenstände; sie erstreckt sich darum nicht weniger auf jeden Einzelnen, weil so viele da sind. Wie sehr sollte es uns in Staunen setzen, dass der Herr uns in diesem Augenblick so genau kennt, dass er jedes Haar auf unserem Haupte zählt! Die Kenntnis, die der Herr von seinem Volke hat, ist sehr ins Einzelne gehend und schließt auch die winzigen Dinge ein, die Menschen als unbedeutende Kleinigkeiten betrachten. Er weiß, was ihr und ich kaum zu wissen wünschen; er kennt das, was uns gerne unbekannt bleiben kann.

Er kennt uns besser, als unsere Freunde uns kennen. Mancher Mann hat einen Freund, der seine Angelegenheiten sehr genau kennt, aber selbst ein so Vertrauter hat nie die Haare seines Hauptes gezählt. Keines Mannes Weib hat das getan, nicht einmal der Arzt, der die Beschaffenheit und den Zustand jedes Teils unseres Körpers kennen gelernt hat. Gott kennt uns besser, als wir uns selber kennen. Niemand weiß, wie viele Haare er auf seinem Haupte hat; aber auch die Haare unseres Hauptes sind alle von einem gezählt, der uns besser kennt, als wir uns selber kennen. Gott kennt Dinge an uns, die wir selber nicht entdecken könnten. Es gibt Geheimnisse unseres Herzens, die uns selber unbekannt sind, aber für ihn sind sie keine Geheimnisse. Seine durchdringende Kenntnis reicht bis zu den verborgensten Dingen des Lebens und Geistes.

Meint ihr nicht, dass es eine außerordentlich sorgsame Kenntnis andeutet, wenn uns gesagt wird, dass der Herr die Haare auf unserem Haupte zählt? Zeigt das nicht, wie hoch er davon hält? Es gibt einige, die uns sehr lieben und stets für unser Bestes sorgen, aber Gott übertrifft sie alle in einer mehr als mütterlichen Sorgfalt für uns, die auffallend genau selbst an das Geringste denkt. Wir sehen, dass seine Liebe „sonderlicher ist denn Frauenliebe“, weil auch die Haare unseres Hauptes gezählt sind; und das in jeder Periode unseres Lebens. Zeigt dies nicht eine sehr teilnehmende Sorgfalt an? Wenn jemand ein krankes Kind hat und Tag und Nacht darüber wacht, so wird auch das Geringste bemerkt und beachtet. Der Liebling sieht heute etwas blass aus oder hat wenig Appetit; das Symptom wird ängstlich beobachtet. Ihr wisst, wie leicht die Liebe nach dieser Richtung hin in Torheit ausarten kann; aber ohne Torheit ist Gott unendlich sorgfältig und freundlich gegen uns, denn er weiß es, wenn wir ein Haar von unserem Haupte verloren haben. Wir können kein einziges Haar weiß oder schwarz machen, aber er weiß es, wenn sie vor Kummer oder vor Alter weiß werden. Er versteht all unser Kraftlos- und Grau-Werden, die geringsten Einzelheiten, die unseren Leib betreffen sowohl wie die kleinen Umstände, die unsere Seele quälen. Es scheint mir - ich weiß nicht, wie es euch vorkommt - als wenn es eine sehr, sehr, sehr vertraute, zarte und liebreiche Kenntnis unserer Person bedeutet; und die Tatsache, dass der Herr uns so gnädig anblickt, sollte uns mit Freude erfüllen.

Diese sorgfältige, zärtliche Kenntnis Gottes ist beständig. Er kennt die Zahl der Haare auf unserem Haupte heute, morgen und alle Tage; er überwacht ohne Unterlass alle Veränderungen, die auch nur im Geringsten unser Leben betreffen. So genau kennt er uns, dass unser Liegen und unser Aufstehen, unsere Gedanken und unsere Wege, alle beständig vor ihm sind. Und was sollen wir hieraus lernen? Macht dies nicht das Leben zu einer sehr ernsten Sache? Wer will wagen zu tändeln, wenn Gott der Herr so nahe ist? Haltet ihr Bienen? Habt ihr je eine der Abteilungen aus ihrem Stock genommen und in die Höhe gehalten, um zu sehen, was sie an beiden Seiten der Scheibe tun? Oder habt ihr sie durch einen jener interessanten Bienenkörbe beobachtet, die mit einem Glase versehen sind, durch das ihr ganzes Tun zu sehen ist? Die Bienen bemerken kaum, dass ihr sie beobachtet, sicherlich sind sie keine Augendiener, denn sie sind so fleißig, dass sie nicht mehr tun könnten, wenn alle Augen im Weltall auf sie gerichtet wären. Was für Leute sollten wir sein, wenn wir wissen, dass Gott uns beobachtet und jede Bewegung unseres Wesens bemerkt! Wie sorgfältig sollten wir in unserem Fühlen, unserem Denken, unseren Entschlüssen, unseren Wünschen, unserem Tun und unserem Sprechen sein, wenn Gott alles ganz genau bekannt ist, selbst die Zahl der Haare auf unserem Haupte! Wie vollkommen sollten wir stets Gott geweiht sein? Wenn Gott mich so schätzt, mich so kennt, dass er die Haare meines Hauptes zählt, sollte ich nicht mein ganzes Selbst, bis auf die geringste Einzelheit hinab, Gott geben? Sollte ich ihm dann nicht, meinen Kopf nicht nur, sondern auch mein Haar geben, wie jene Bußfertige tat, die ihre geflochtenen Haare auflöste und ein Handtuch daraus machte, um die Füße zu trocknen, die sie mit ihren Tränen gewaschen hatte? Sollten wir nicht Gott die allergeringsten Dinge weihen so gut wie die größten? Steht nicht geschrieben: „Ihr esset nun, oder trinket, oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre?“ „Ihr seid nicht euer selbst, ihr seid teuer erkauft“; und als das Inventar aufgenommen ward, ließ der Herr kein Haar eures Hauptes aus dem Verzeichnis aus. Gewiss hat er das Haar keiner von euch christlichen Frauen gelassen, um eurer Eitelkeit und eurem Stolz zu dienen; jede Flechte desselben ist eures Herrn. Er lässt euch Männern auch nicht einen Teil eures Talents, eures Geistes oder eures Körpers; euer ganzes Selbst ist völlig sein, er macht einen Überschlag davon und erwartet, dass ihr es ihm in eurem Tun und Handeln weihet. Er bemerkt, was ihr mit kleinen Dingen tut; er beachtet sogar jene Geringfügigkeiten, die zu unbedeutend scheinen, um überhaupt unter eine Regel zu kommen. „Wir sind in dem Gesetz Christi“, und dieses Gesetz gilt für den ganzen Menschen.

Sollte nicht unser Glaube, dass der Herr eine solche Kenntnis von uns hat, uns im Gebete helfen? Beten nicht einige Brüder, als wenn sie Gott über sich selber Nachricht gäben? Ich meine, ich habe Bemerkungen im Gebete gehört, die vorauszusehen schienen, dass Gott nicht mit dem kleinen Katechismus bekannt sei; manche sind sogar die Lehren von der Gnade durchgegangen, als wenn der Herr sie nicht wüsste. Ich habe andere beten hören, als wenn Gott nicht die Erfahrung der Christen kennt, als wenn sie ihm ihre Zweifel und Befürchtungen zu erklären hätten. Wenn wir beten, brauchen wir nichts zu erklären, denn der Herr kennt alles an uns, selbst bis zu den Haaren unseres Hauptes. Liebe Freunde, wir brauchen unserem Gott nicht unsere Verlegenheiten und Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. „Euer himmlischer Vater weiß“ lasst dies euren Trost sein. Er weiß, was wir bedürfen, ehe wir ihn bitten; dies ist eine große Hilfe im Gebet. Es mag euer Gebet um ein gut Teil abkürzen, wenn ihr zu Gott geht, euren Wunsch ausdrückt, seine Verheißung geltend macht und eure Seele seinem göttlichen Willen ergebt. Was euer Gebet dadurch an Länge verliert, wird es an Kraft gewinnen. Ihr braucht nicht bange zu sein, als wenn Gott es nicht wüsste, kommt vertrauensvoll zu ihm, der von euch Bescheid weiß, und nicht auf eure fehlerhafte Benachrichtigung, sondern auf seine eigene sichere Kenntnis hin handeln wird.

Diese Überzeugung wird uns zu dem Gefühl helfen, dass der Herr uns aus allen Schwierigkeiten befreien wird, denn er kennt den Weg aus jedem Labyrinth heraus, er weiß die Antwort auf jedes Rätsel. Wenn er die Haare eures Hauptes zählt, so verlasst euch darauf, dass er ein tiefes Verständnis für größere Dinge hat und eine unvergleichliche Steuerkunst, mit welcher er euren Weg durch Wellen und Felsen und Triebsand sanft lenken und euch zu dem ersehnten Hafen bringen wird.

Es ist so viel Trost in dieser Lehre von der unendlichen Kenntnis Gottes, dass ich wünsche, jeder arme Sünder hier möchte daran gedenken, dass Gott alles von ihm weiß und deshalb all seine Sünden und Befürchtungen zu behandeln versteht. Wenn ihr Gnade wollt, kommt sofort zum Herrn; er kennt euren Weg, er kennt eure Lage, er kennt euer zerbrochenes Herz, er kennt eure ermüdenden Kämpfe, er kennt, was ihr nicht auszudrücken vermögt. Das ganze Unrecht, das ihr getan und all das Rechte, was ihr wünscht, weiß er.

III.

Nun drittens und sehr kurz: drückt nicht dieser Text Wertschätzung aus? Es scheint, dass arme Heilige ihrem Herrn ungemein köstlich sind. Die ganze Herde Christi auf Erden bestand aus sehr armen Leuten; wenn sie ein Boot und ein paar Netze besaßen, das war alles. Wenn jemand Christum in seiner kleinen Kirche auf Erden gesehen hätte, würde er gesagt haben: „Es ist keine respektable Person unter ihnen.“ Das ist, wie wir heutzutage reden; als wenn es respektabel wäre, Geld zu haben, als wenn der Respekt nicht dem Charakter gebühre, sondern nur dem Besitze. Dennoch suchte er sich diese zwölf armen Männer aus und hielt so hoch von ihnen, dass er die Haare ihres Hauptes zählte. Dort drüben ist ein armer alter Mann im Gange, und er hat eine grobe Jacke an; seine grobe Jacke macht nichts aus, die Haare seines Hauptes sind alle gezählt. Dort ist eine arme Frau, die eben aus dem Werkhaus gekommen ist, und sie liebt es, das Evangelium zu hören; sie ist eine so sehr arme alte Frau, dass niemand sie in seinen Stuhl hineinnötigen mag. Ich spreche zur Schande solches Stolzes. Sie ist eine von den Heiligen Christi, und diese Heiligkeit ist ein Adelsdiplom. Wenn du ein Landgut verkauftest, würdest du vielleicht die Bäume zählen, aber nicht die Äste und Blätter; doch wenn du einen Juwelenladen verkauftest, so würdest du alle Nadeln zählen und alle Diamantringe, denn jedes Ding dort ist kostbar; nun hält Gott alles an seinem Volke für so kostbar, dass er selbst die Haare ihres Hauptes überzählt. Wie köstlich in den Augen des Herrn sind seine Heiligen! Ich habe versucht, eine Berechnung anzustellen: wenn die Haare ihres Hauptes so viel wert sind, dass Gott sie verzeichnet, was sind denn ihre Häupter wert? Wer wird mir das sagen? Wenn ihre Häupter so viel wert sind, dass der Herr Jesus Christus starb, sie zu erlösen, wer kann sagen, was ihre Seelen wert sind, oder vielmehr, was sie nicht wert sind? Sie sind mehr wert als alle Welten zusammengenommen. Fragt eine Mutter, was ihr Kind wert sei. „Wie viel forderst du für deinen Knaben, Frau?“ Meine Freunde, wenn sie ihn zu dem Preis verkaufte, den sie für eine billige Vergütung halten würde, so könnten wir alle nicht die Summe aufbringen, ob wir auch alles, was wir haben, zusammentäten. Der Herr legt einen solchen Wert auf seine Kinder, dass er lieber seinen Sohn Jesus Christus sterben ließ, als dass er eins von ihnen verlöre; und Jesus selber erwählte es, am Kreuze zu sterben, damit niemand von seinen Kleinen umkommen sollte. O, der Wert und die Kostbarkeit eines Kindes Gottes! Welten könnten nicht als Pfennige dienen, wenn man eine Grundlage für ihre Wertschätzung suchte.

Lasst uns das Volk Gottes sehr hoch schätzen und fühlen, wie der Psalmist es tat, als er sagte: „Gott, du bist mein Gott, ich habe kein Gut außer dir; aber an den Heiligen, so auf Erden sind und den Herrlichen, an denen habe ich alles mein Gefallen.“ (Ps. 16, 2. 3. n. d. engl. Übs.) Ihr gefallt Jesu, wenn ihr einem der Geringsten seiner Kinder Gutes tut. Er sieht es an, als wenn ihr es ihm getan hättet. Wenn sie ihm so teuer sind, so lasst sie euch teuer sein; und da einige von denen, die Christus mit seinem Blut erkauft hat, noch immer verloren sind,

Wenn die Haare ihres Hauptes gezählt sind, was müssen ihre Seelen wert sein? Lasst uns fühlen, dass alles, was wir tun können, eine Seele vom Tode zu retten, nur wohlfeiles Werk ist im Vergleich mit dem unschätzbaren Kleinod, das wir suchen. O kommt, ihr Taucher, stürzt euch in das Meer: die Perlen, die ihr heraufbringt, werden eure äußerste Gefahr und Arbeit wohl belohnen! kommt, ihr Seelenjäger, es gibt keine Jagd wie diese! Jagt nach Seelen, wie der kühne Schweizer die Gämse auf den Bergen jagt, und lasst keine Schwierigkeiten euch zurückschrecken, denn „wer Seelen. gewinnt, der ist weise.' Es gibt keinen gewinnreicheren Kauf, ob ihr auch euer Leben hingebet, um Menschen zu Christus zu bringen. Wie sehr schätzt Gott die Seelen seines Volkes!

IV.

Zuletzt, hier ist Bewahrung. Seht, wie sorgfältig Gott die Seinen bewahren will, wenn er damit beginnt, die Haare ihres Hauptes zu zählen. Ich sage es, denn ich habe die Schrift als Rückhalt für meine Behauptung, dass keins von Gottes Kindern auf die Länge den kleinsten Verlust erleiden soll. „Und ein Haar von eurem Haupte soll nicht umkommen“, sprach Christus zu den Gläubigen. Wenn ich ein Haar von meinem Haupte verlöre, so würde ich es nicht wissen würdet ihr es? Aber Gott weiß, wenn seine Knechte ein Haar von ihrem Haupte verlieren, und er gibt ihnen die Verheißung eines so vollständigen Schutzes, dass kein Haar von ihrem Haupte umkommen soll. Erinnert euch des andern Spruches: „Der Herr bewahrt ihm alle seine Gebeine, dass derer nicht eins zerbrochen wird.“ Nun, ein Christ mag die Knochen seines Körpers brechen, aber in dem wirklichen und geistlichen Sinn ist er frei von solcher Gefahr, Gott will ihn bewahren ja, ihn in alle Ewigkeit bewahren! Es soll nicht eine Klaue dahinten bleiben“, sprach Mose zu Pharao, und es soll kein Gebein, noch ein Stück von dem Gebein der Erlösten in der Herrschaft des Todes und des Grabes gelassen werden. Wenn die Posaune erschallen wird, so soll der ganze erlöste Mensch zum Leben erstehen. Als Petrus aus dem Gefängnis befreit ward, schlug der Engel ihn an die Seite, und die Ketten fielen ab und er ging aus dem Gefängnis heraus, aber nicht, ehe er seine Sandalen angetan. Er ließ nicht einmal ein Paar alte Schuhe für Herodes und seine Kerkermeister da. So wird es am letzten Ende mit den Kindern Gottes sein: von „Betten im Staub und stiller Erd'„ sollen sie sich erheben, wenn des Engels Posaune ertönt, und nichts soll dahinten bleiben; sie sollen keinen wesentlichen Teil im Grabe lassen. Sie sollen auferstehen, und Leib, Seele und Geist wird völlig erlöst vom Herrn sein. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt. Christus weiß, was er gekauft hat, und er will es haben; bis auf das letzte Atom will er alles haben, was er gekauft hat. Wir sollen nicht hinkend, verstümmelt oder einäugig zum Leben eingehen. Er wird die Seinen in ihrer Ganzheit bewahren und sie darstellen „ohne Flecken, Runzel oder des etwas.“ Beachtet, dass wir ganz nahe bei unserem Texte von Verfolgung lesen. Geliebte, wenn Verfolgung kommen sollte, so kann sie euch nicht wirklich schaden. Die drei Männer im feurigen Ofen waren, als sie herauskamen, nicht versengt noch versehrt; man konnte keinen Brand an ihren Mänteln, Schuhen und Hüten riechen. Wenn Gottes Kinder durch das Feuer der Verfolgung gehen, werden sie nichts verlieren; sie sollen ganz ohne Schaden aus dem Feuer kommen, ja, sie sollen die Palme und die Krone des Märtyrers gewinnen, welche sie auf ewig herrlich machen wird, selbst wenn sie in den Flammen sterben. Fürchtet deshalb nichts. Nichts soll euch irgendwie schaden; eure Leiden werden zu eurer Bereicherung dienen. Ob ihr euer Leben auch nicht selbst teuer haltet, soll euer Blut köstlich vor seinen Augen sein.

Aber nicht nur Verfolgung, auch ein Unfall oder plötzliches Unglück mag über euch kommen. Fürchtet euch niemals. Bei einem Unfall ist der Sieg schon halb gewonnen, wenn man Geistesgegenwart zeigt, deshalb lasst das Kind Gottes ruhig und gefasst sein; denn ob es auch leiblich leidet, sein wahres Selbst wird sicher sein. Ob ihr im Tornado, im Schiffbruch, in der Cholera oder im Feuer in äußere Gefahr gebracht werdet, eben wie andere, so ist doch euer wirkliches Leben durch den Gnadenbund vor allem Schaden gesichert. Ruhe deshalb in dem Herrn, denn du wirst sicher sein, ob tausend zu deiner Seite fallen und zehntausend zu deiner Rechten. Wenn du verlierst, wird dein Verlust in einen wirklichen Gewinn verwandelt werden. Krankheit, wenn sie kommt, soll deine Gesundheit bewirken. Gottes Kinder sind oft gereift durch Krankheit. Sie sind wie die Feigen der Sykomore, die nicht süß werden, ehe sie geschlagen sind. Amos war einer, der Maulbeerfeigen schlug, und die Trübsal ist Gottes Amos, der uns durch Schlagen süße macht. Reife kommt durch Trübsal. „Ach!“ sprichst du, ich habe einen. lieben Freund verloren.“ Vertraue auf Gott, und die göttliche Freundschaft wird die Leere in deinem Herzen mehr als füllen. Hast du ein Kind verloren? Der Herr wird dir besser sein als zehn Söhne. Sollte dir Vater und Mutter genommen werden, so sollst du sie beide in Christo finden und keine Waise sein. Die Verheißung steht fest: „Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.“ „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.“ Vertraue also dem Herrn auf alle Gefahr hin, vertraue ihm in den tiefen Wassern sowohl wie am Ufer. Wenn die Wellen toben, vertraue deinem Gott ebenso wohl, als wenn die See wie ein Spiegel ist. Ob das Meer wütete und von seinem Ungestüm die Berge einfielen, vertraue Jehovah ohne einen Schatten von Zweifel, denn „auch die Haare deines Hauptes sind gezählt.“ Weshalb solltest du dich fürchten? Dein Schiff trägt Jesum und sein Glück. Wenn du ertrinkst, kann er nicht schwimmen, er sinkt oder schwimmt. mit dir; denn er hat gesprochen: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ So tröstet euch nun untereinander, und geht ruhig, geduldig, glücklich, fröhlich durch die Welt unter göttlicher Bewahrung, da auch die Haare auf eurem Haupte alle gezählt sind.

Um euch, die ihr nicht in Christo seid, fühle ich große Traurigkeit, weil ihr keinen Teil an der Freude dieser Bewahrung habt. Für die Gerechten streiten die Sterne in ihren Bahnen und die wilden Tiere auf dem Lande halten Frieden mit ihnen. Aber ihr, die Erde ächzt unter dem Gewicht solcher Sünder und die Elemente warten ungeduldig darauf, den Bund Gottes zu rächen, indem sie euch verderben. Alle Dinge dienen dazu, die Gerechtigkeit, die ihr zum Zorn reizt, über euch zu bringen. Flieht! Flieht! Flieht! Ihr habt nur einen Freund übrig; flieht zu ihm. Dieser Freund, der Freund der Sünder“, bittet euch, zu ihm zu kommen. Hört ihn, wie er in freundlichstem Tone ruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.' Kommt zu Jesu; kommt sogleich, um seiner Liebe willen! Amen.