Inhaltsverzeichnis

Pischon, Friedrich August - Zeugnisse der Jünger Jesu von ihrem Herrn - Die Verständigung des Herrn mit seinem Jünger. Philippus.

Über Joh. 14, 8. 9.

Gebet.

Der du Haupt und Heil bist deiner Kirche auf Erden, o Herr und Heiland der Welt, lehre uns, dich immer inniger erkennen und erfassen als den, welcher die Wahrheit ist und das Leben, dass auch wir zu denen können gerechnet werden, die durch die Gemeinschaft mit dir erlangen der Seelen Seligkeit, welche ist das ewige Leben. Amen.

Text. Ev. Joh. 14, 8. 9.

Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater, so genügt es uns! - Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei Euch, und du kennst mich nicht? Philippe, wer mich sieht, der sieht den Vater; wie sprichst du denn: zeige uns den Vater!

Wir wollen, meine Geliebten, in diesen Betrachtungen unter den Bewegungen unsrer Zeit in der Kirche des Herrn, zurückgehen auf die Zeit des Wandelns Jesu Christi auf Erden, und aus den Zeugnissen seiner Jünger und seines eignen Mundes lernen, wie Christi Jünger selbst ihr Verhältnis zu ihrem Herrn betrachten, wie wir ihn demnach anzusehen haben, und wie der Herr selbst sich den Seinen dargestellt hat. So haben wir in zwei Betrachtungen an den Zeugnissen Nathanaels und Petrus das Wesen des Jüngers Christi und den Herrn selbst in seinem höheren Wesen erkannt. Dasselbe soll uns heute klar werden in der Betrachtung des Gesprächs des Herrn mit seinem Jünger Philippus, von welchem uns die heilige Geschichte sonst nur wenig aufbehalten hat.

Wir erkennen aber Philippus in unsrem Text als einen solchen, welcher nach einer höheren Beruhigung seines Gemütes sucht, als welche ihm bis dahin geworden ist; und sehen, wie der Herr darüber ihn zurechtweist, belehrt und beruhigt. So lasst uns an des Textes Worten betrachten: Die Verständigung des Herrn mit seinem Jünger Philippus und zuerst unsre Andacht wenden:

I. Auf die Sehnsucht des Jüngers, dann aber
II. betrachten, wie der Herr ihn beruhigt.

I.

Die Sehnsucht des Jüngers spricht sich aber in den Worten aus: Zeige uns den Vater, so genügt es uns! - Woher diese Sehnsucht kommt, meine Geliebten, das ist uns bald klar. Sie liegt in den innersten Tiefen unsrer Seele. Sobald der Mensch hinübergetragen über den ersten Morgen seines Lebens, über die Träume der Kindheit, auch zum geistigen Leben erwacht, ist ihm immer, als ob er getrennt sei von einer himmlischen Heimat, als ob er losgerissen sei von einem treuen Vater und er sucht ihn über der sichtbaren Welt. Es zieht ihn ein innerer heiliger Zug sehnsuchtsvoll zu dem hinauf, welchen er hier sichtbar nicht schaut. Und wenn er noch geschirmt und geschützt von lieben, teilnehmenden Menschen auf Erden wandelt, wenn ihm das Leben leicht gemacht wird, und so viele reine, schöne, menschliche Freuden ihn umgeben, dann schlummert wohl noch eine Zeitlang diese Sehnsucht; aber wenn die schweren dunkeln Stunden des Lebens kommen, wie sie Philippo kamen, dann erwacht sie recht lebendig. Denn als Philippus die Worte in unsrem Text redete, da hatte ja der Herr kurz vorher gesprochen: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten!1) und so zurückgelassen in der Einsamkeit der Welt, unter allen Verfolgungen und allem Elend, wie musste nicht Philippus bitten: zeige uns den Vater! Aber am meisten fühlt sich doch der Mensch zu dieser Sehnsucht gezogen, wenn er sich erblickt in seiner Sündenarmut. -

Gemeinschaft mit Gott fühlt in sich das reine Herz, und darum hat der Herr gesagt: Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! Wenn wir aber fühlen, wir beflecken so oft diese Reinheit, und das befleckte Herz scheidet sich von seinem himmlischen Vater; wenn wir es in Bangigkeit erkennen, der Alliebende hat sein Angesicht von uns gewendet und von dem Sündigen seine Vaterhand abgezogen, und haben denn auch die, welche uns lange gehalten und ermahnt und geleitet und getröstet und mit und für uns gebetet hatten, uns verlassen, wie müssen wir nicht seufzen: Zeige uns den Vater! Das fühlte ja auch Philippus. Warum hatte er denn einst sich so innig gefreut, als er zu seinem Nathanael kam und zu ihm sprach: Wir haben den Messias gefunden? warum folgte er Christo liebend nach? als weil er in ihm und durch ihn die Gemeinschaft suchte mit dem Vater, und Johannes von Jesu gesprochen: Das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünden trägt! und dieser, welcher auch seine Sünden trug, dieser, in welchem er allein Leben und volle Genüge finden konnte, dieser wollte ihn jetzt verlassen. Da spricht er sehnsuchtsvoll: Zeige uns den Vater, so genügt es uns!

Wie aber konnte Philippus meinen, dass diese Sehnsucht erfüllt und so seinem Gemüt die Genüge gegeben werden könne, wonach er sich sehnte?

Wenn wir den Vater sehen, und das kann doch nur heißen, mit ihm ganz und gar vereinigt werden, ihn erkennen in seiner vollkommenen Gnade und Erbarmung, erkennen als den, welcher allen Frieden über uns ausgießt: dann freilich genügt es uns, und in seine wahre Gemeinschaft aufgenommen, kann uns nichts mehr fehlen. Auch das hatte Philippus erst recht ahnen lernen in der Gemeinschaft mit seinem Herrn. Denn wenn wir das Wort der Wahrheit, welches von Christo kommt, recht zu Herzen nehmen, dann bleibt die Sehnsucht zum Vater nicht ein dunkles unbestimmtes Ahnen; sondern es tritt klar in unsrer Seele heraus, dass nichts Andres unsre Lasten von uns nehmen, unsre Schmerzen stillen kann, als die Vereinigung mit dem Vater. Wir sehen es dann klar ein, wie nichtig und vergeblich all unsre irdischen Wünsche sind, und wie, wenn auch alle Bilder menschlicher Hoffnungen, welche einst vor unserm Blick gestanden, uns nicht als Schatten entschwunden, sondern in Wirklichkeit und Wahrheit uns erfüllt worden wären, doch dadurch die innere Leere unserer Brust nicht ausgefüllt worden wäre. Wir sehen es aber deutlich ein, dass, wenn nur diese eine Sehnsucht zum Vater erfüllt wird, wir dann auch getrost auf jeden Verlust, auf jede gescheiterte Hoffnung hinsehen können, ohne zu zagen; weil Friede im Innern ist, und darum können wir mit Philippo sagen: Zeige uns den Vater, so genügt es uns!

Aber das Unrechte in dieser Sehnsucht des Jüngers ist das, dass er in demselben Irrtum einhergeht, welcher auch fortwährend in der Kirche des Herrn so viel Verderben angerichtet und so viele Seelen von der rechten Erkenntnis ihres Heils und ihrer Seligkeit abgezogen hat. Und dieser verderbliche Irrtum ist das, dass er, hinweg sich wendend von der Erscheinung seines Herrn, von seinem Wesen und seinen Worten und Werken, äußerlich und leiblich, wir wissen nicht, in welcher irdischen Gestalt, den Vater schauen, und erst in solchem leiblichen Schauen überirdischer Herrlichkeit seinen Frieden finden will. Seht, meine Geliebte, das ist derselbe Irrtum, welcher immer noch durch die Welt geht, dass man Frieden und Seligkeit nur an das Äußere, Sichtbare, in die Sinne Fallende knüpfen will. Darum suchen so Viele Trost in totem Beginnen, in äußeren Wallfahrten, Büßungen und Gebeten, oder wenigstens, wenn sie solchen Irrtum abgelegt haben, in toten Werken, welche nicht gewirkt sind durch den Glauben. Sinnlich, körperlich wollen sie Gott auffassen und wo er sich ihnen nicht zeigt in Erfüllung ihrer äußerlichen oft so verkehrten Wünsche, wo sie nicht Zeichen und Wunder sehen und kein sichtbares Erscheinen seiner Gnade ihnen entgegenkommt: da glauben sie nicht.

So haben wir des Jüngers Sehnsucht in ihrer erfreulichen und ihrer fehlerhaften Gestalt betrachtet.

II.

Der Heiland aber, welcher gekommen war, auch das zerknickte Rohr nicht zu zerbrechen und den glimmenden Tocht nicht auszulöschen, versagt dem Irrenden, der zu ihm fleht, seine Hilfe nicht; und so lasst uns fragen: wie der Herr seine Irrtümer berichtigt, ihn beruhigt und zum Frieden führt?

Sehen wir zuerst auf des Jüngers Irrtum, so hält ihm der Herr den Schmerz entgegen, welchen ihm dieser Irrtum bereitet. So lange, spricht der Herr, bin ich bei Euch und du kennst mich nicht? - Allerdings, meine Geliebten, müssen wir bekennen, es ist auch für uns ein betrübendes Gefühl, wenn wir uns sagen: Philippus ist doch so lange mit seinem Herrn gewandelt, ist von ihm immer vom Äußerlichen auf das Innerliche gewiesen worden, hat die Worte des ewigen Lebens von seinen Lippen vernommen und in ihm erkannt des lebendigen Gottes Sohn; wie kann er noch sagen: zeige uns den Vater! wie kann er den Herrn zu dem schmerzlichen Ausruf bewegen: So lange bin ich bei Euch, und du kennst mich nicht?

Es sind aber viele Jahrhunderte seit jenem Tage vergangen, und in allen Zeiten derselben hat der Herr in seiner Herrlichkeit und seiner göttlichen Liebe sich den Menschen erwiesen; in allen hat sein göttliches Wort sich gezeigt als das Wort des Lebens und niemals hat ein Mensch geredet gleich wie er. Von ihm ist der wahre Frieden, die rechte Seligkeit der Seelen ausgegangen; denn er hat die Herzen gereinigt, getröstet und erfüllt mit seinem heiligen Geiste; durch ihn ist seine Kirche gegründet und erhalten, durch alle die tausend Stürme, welche sie umweht haben, hindurchgegangen bis auf diesen Tag; und, teure Christengemeinde, indem er so lange bei uns ist, - kennen ihn denn alle? Und sie sündigen viel schwerer, als Philippus, der doch bei seinem Herrn blieb, und durch ihn sich strafen, durch ihn sich trösten und beruhigen ließ. Wie gehen so viele ihren eignen Weg, fern vom Herrn; fühlen nicht die rechte lebendige Sehnsucht, zum Vater zu kommen, und wollen ihn nicht finden und schauen in dem Sohne; verlangen andre irdische Erscheinungen, worin sie ihre Seligkeit suchen. Doch nicht Andre allein, auch wir sind Philippus ähnlich, auch wir leben ja oft genug ohne rechte Beruhigung, ohne rechten Frieden in unsrer Brust und suchen das Heil in fernen verborgenen Gütern, während es uns doch allein in unendlicher Fülle eröffnet ist in Jesu Christi Gemeinschaft. Muss da der Herr nicht auch zu uns sagen: So lange bin ich bei Euch und Ihr kennt mich nicht?

O, lasst uns ihm nicht länger solchen Schmerz bereiten, lasst uns ihn, der so lange bei uns gewesen ist, der uns so oft gelehrt, getröstet, beseligt hat, erkennen in seiner ganzen Göttlichkeit und Heiligkeit, dass in ihm uns die Sehnsucht gestillt werde den Vater zu schauen, in welchem uns genügen kann.

Denn der Herr spricht zu Philippo: Wer mich sieht, der sieht den Vater! wie sprichst du denn: Zeige uns den Vater? Meine teuren Christen, welch ein Zeugnis ist das, was der Herr in diesen Worten von sich ablegt! Nie hat ein andrer Mensch also von sich geredet. Ja denkt Euch einen der höchsten und herrlichsten aller Menschenkinder, schmückt ihn aus mit aller Erkenntnis, Weisheit und Frömmigkeit, lasst ihn als einen Mann der ausgezeichnetsten Lehrgabe, der begeistertsten Beredsamkeit vor Euch dastehen, und fraget Euch, wie Ihr es ertragen würdet, wenn er zu Euch spräche: „Wer mich sieht, der sieht den Vater; glaubt, dass ich im Vater und der Vater in mir ist?“ Wie müsstet Ihr Euch schmerzlich von ihm hinwegwenden, wie würde all seine Weisheit Euch Torheit, all seine Frömmigkeit Euch als Wahn und Selbstsucht erscheinen, all Euer Vertrauen auf ihn gebrochen und dahin sein. - Nur Einer, der sanftmütig war und von ganzem Herzen demütig, nur dieser Eine konnte also sprechen, konnte die, welche dies Wort von seinen Lippen hörten, durch dies Wort erfüllen mit Trost und Frieden, und den Jünger beruhigen, welcher sprach: Zeige uns den Vater! - Ja, meine Geliebten, auch wir können den Vater nicht anders schauen, nicht anders all seine unendliche Herrlichkeit, all seine Liebe erkennen, als in dem Sohne, der der Abglanz ist seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens. - Wohin wir gehen, was wir suchen mögen, es wird sich doch in den Zeiten der Prüfung als ein falscher Trost bewähren. Gottes Gemeinschaft ist nur durch Jesum Christum zu finden und er gibt sie den sehnsuchtsvollen Herzen; den Herzen, die sich ihm in heiliger Liebe anschließen und von ihm gereinigt, durch ihn getröstet werden.

Und der Jünger in unserm Text? Er schweigt, getroffen durch das Wort der Wahrheit, er erkennt seinen Irrtum und hat nach nichts andrem mehr verlangt, als Christum immer tiefer aufzufassen in seinem Gemüte. So hat er der Welt vergessen, und nicht mehr getrachtet irgendwie äußerlich Gott zu schauen. Aber den Trost des Herrn im Herzen, gewiss seiner eignen Nähe, ist er in alles Elend der Welt hineingegangen, ihn zu verkünden und hat bei ihm gefunden alle Genüge seiner Seele, wie wenig die Welt ihm auch dargereicht von ihren Gütern. Und obgleich auch an ihm wahr geworden ist seines Herrn Wort: Sie werden Euch in den Bann tun, und wer Euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran;2) so hat er unerschütterlich treu geglaubt an seinen Heiland, und in ihm alles Heil und alle Genüge gefunden; bis auch ihm erschienen ist, was er sein sollte und er seinen Herrn drüben geschaut hat, wie er ist.

Was aber, teure Mitchristen, was sollen wir aus diesen Worten des Herrn nun hinwegnehmen für unser Leben? Die bewegte Zeit, in der wir wandeln, mahnt uns täglich, uns feste Stützen zu suchen, woran wir uns halten sollen, um nicht fortgerissen zu werden als die Willenlosen und Schwankenden in den Strudel der Zeiten.

Wo aber unter allen Spaltungen nur frommer Sinn, wahres Verlangen nach höherem Trost in der Seele bleibt, da sucht sie Vereinigung mit Gott; da ruft sie: Zeige uns den Vater! - O, lasst auch uns nie meinen, ihn in unsrer eignen Vernunft, ihn durch die Lehren der Weisen dieser Welt oder in den flüchtigen Gütern des Lebens zu finden. Lasst nicht weichen aus unsrem Gemüt das teure Wort des Herrn: Wer mich sieht, der sieht den Vater! In dem Herrn lasst den Vater uns suchen, lasst mit ihm uns immer inniger vereinigen, lasst uns werden lebendige Reben, an diesem himmlischen Weinstock: dann schauen wir in ihm den Vater, dann ist alle Sehnsucht gestillt, dann finden wir alles Heil, alle Genüge, die die Welt nicht geben kann, in ihm, der allein beruhigend und beseligend für all seine Gläubigen sagen konnte: wer mich sieht, der sieht den Vater! Amen.

1)
Joh. 14, 2.
2)
Joh. 16, 2.