HErr, segne Dein Wort an unseren Seelen!
Amen.
Der zweite Brief des heiligen Apostels an seinen Schüler Timotheus ist augenscheinlich im Angesichte des nahen Todes geschrieben. Seine Hoffnung, frei zu werden und nach Ephesus zurückzukehren, ist vereitelt. Er ist vielmehr in Banden gelegt und hat keine Hoffnung des Lebens mehr. Er hat das erste Verhör bestanden und sich überzeugt, dass es mit seiner Sache schlimm stehe (4, 16). Außerdem klagt der heilige Apostel über die Treulosigkeit einzelner Freunde.
Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, dass dieser Brief von Rom geschrieben nach Kapitel 1, 16. Es fragt sich nur, ob der Brief aus der ersten oder der von einigen angenommenen zweiten Gefangenschaft des Apostels geschrieben ist, weil die in den übrigen aus der Gefangenschaft geschriebenen Briefen angegebenen Begleiter sich nicht beim Apostel befinden. Augenscheinlich aber ist eben dieser Brief aus der letzten Zeit der Gefangenschaft geschrieben und es ist daher sehr wohl zu erklären, dass die Umgebung des Apostels in den Jahren seiner Gefangenschaft eine andere geworden war. Ebenso ist Timotheus nach den Briefen an die Philipper, Kolosser und Philemon bei Paulus in der Gefangenschaft gewesen, während er jetzt wieder Bischof von Ephesus ist. Sollte es aber nicht natürlich sein, dass Timotheus den Paulus während seiner Gefangenschaft aufgesucht hat und zwar gerade am Anfange der Gefangenschaft, und dass derselbe, als die Gefangenschaft sich in die Länge zog, wieder auf seinen Posten zurückkehrte? Deshalb sehen wir keinen Grund, eine zweite Gefangenschaft des Apostels anzunehmen, um die Abfassung dieses Briefes damit zu vereinen; vielmehr erklären alle Lebensverhältnisse des Apostels in der Gefangenschaft zu Rom sehr wohl die Ausführungen, welche er uns in diesem Briefe gibt.
Auch in diesem Briefe will der Apostel den Timotheus ermutigen zur Treue auf seinem Posten, anderseits wünscht er ihn vor seinem Ende zu sehen, und bittet ihn, schleunigst nach Rom zu kommen, damit er von ihm Abschied nehmen könne. Er beginnt seinen Brief mit Berufung auf seine Autorität. Er ist durch den Willen GOttes zum Apostel berufen, GOtt hat ihm aufgegeben, das Evangelium als Verheißung des Lebens in Christo JEsu zu verkündigen. Er hat also nichts nach eigenem Wohlgefallen getan, sondern er hat Alles auf höheren Befehl getan. Man sieht aus diesen Worten, welche Beruhigung es dem Apostel am Ende seines Lebens gewährt, dass er so klar GOttes Willen in seiner Lebensführung erkannt hat, und dass er so bestimmt weiß, dass er nur nach GOttes Willen gehandelt hat. GOttes Wille aber war, verkündigen zu lassen, dass in Christo JEsu allein uns das Leben gegeben ist. Der sterbenden Menschheit lässt GOtt sagen: „Du kannst leben, wenn du JEsus Christus hast!“ Alles Leben außer Ihm ist sterben, aber wer mit Ihm in inniger Gemeinschaft bleibt, der hat wahres Leben, das niemals sterben kann.
Es ist nun eigentümlich, dass der Apostel im Angesichte des Sterbens diesen Zweck des Evangeliums betont, aber beweist er damit nicht, wie er an sich selbst die heilige Kraft des Evangeliums erfahren und wie er, der Sterbende, jetzt bezeugen kann: Das Leben in Christo ist wahres Leben, das nicht erlischt, wenn auch das irdische Leben zu Ende geht! Wir aber hören aus seinem Munde, was GOttes Wille ist. GOttes Wille ist, wir sollen leben! Daher tun wir wohl daran, wenn wir uns in GOttes Willen ergeben, denn dadurch allein erretten wir das Leben.
Wie aber GOtt Seinen Apostel bestellt hat, um der Welt die Verheißung des Lebens, zu bringen, so hat Er auch jetzt Seine Diener bestellt, um das Leben zu wirken in den Sterbenden. Die Gottesdienste, die die Gemeinde feiert, die Predigt, welche der Gemeinde gehalten wird, die Gnadenmittel, welche der Gemeinde gespendet werden, die Zucht, die an der Gemeinde geübt wird, Alles hat nur den einen Zweck, in der Gemeinde das Leben zu wecken und zu fördern.
Ja, GOtt will, dass Allen geholfen werde. Er hat auch Alles getan, damit Allen geholfen werden kann. Wenn es Menschen gibt, denen nicht geholfen wird, so liegt das nicht am Willen GOttes, sondern an ihrem eigenen Willen, sie wollen sich nicht helfen lassen.
Der heilige Apostel wünscht nun seinem teuren Kinde, Timotheus, wiederum das Beste, was er ihm geben kann. Er, der arme Apostel, der sein Leben nicht gegen seine Feinde schützen kann, ist doch so reich, dass er seinem geliebten Timotheus große Schätze in die Hand geben kann. Gnade, Barmherzigkeit, Friede, das sind die köstlichsten Güter, welche nur ein Mensch empfangen kann, und diese Güter darf der arme Apostel austeilen, um seinen Timotheus reich zu machen. So beweist er in der Tat, dass er das Leben in sich hat, durch welches er Andere lebendig machen kann, denn das Leben in GOtt kann kein Feuer zerstören, und kein Schwert vernichten, wie der Reichtum in GOtt durch keine Macht genommen werden kann.
Paulus erinnert sich nun Alles dessen, was er von seinem Sohne Timotheus weiß, und dies, was er von ihm weiß, stimmt seine Seele zu heißem Dank gegen den Allmächtigen GOtt! Er bezeugt aber auch jetzt im Angesicht des nahen Todes, dass er seinem GOtte gedient im reinen Gewissen, und dass also, wenn er jetzt den Tod für seine Arbeit erleiden muss, er diesen Tod nicht erleidet um seiner Untreue willen, sondern um seiner Treue willen. Das ist ein Zeugnis, welches der heilige Apostel hier in seinem Testament vor seinem Sohne Timotheus ablegt, damit derselbe allezeit seines geistlichen Vaters mit der Zuversicht gedenken kann, dass derselbe mit reinem Gewissen gelebt und mit reinem Gewissen gestorben. Was aber soll es heißen, wenn er betont, er diene GOtt von den Voreltern her mit reinem Gewissen? Er will darin Zeugnis ablegen von dem Glaubensleben, das stets in seiner Familie geherrscht. Es freut ihn, bezeugen zu können, dass seine Voreltern stets fromme Leute gewesen und dass also die lautere Frömmigkeit derselben lediglich auf ihn gekommen sei. Wer weiß nicht, welch' ein Segen es ist, fromme Eltern zu haben, und Paulus legt hier Zeugnis für diesen Segen ab, ja, er will damit noch bezeugen, dass GOtt ihn durch diesen ererbten Segen vorbereitet habe für seinen Dienst. Möchten doch alle Kinder also wohl bedenken, was GOtt ihnen in frommen Eltern gibt, und möchten wir Alle unser Leben so betrachten, wie es hier der heilige Apostel tut, damit wir unsere Harfe stets zum Danke gegen den lebendigen GOtt stimmen können. Wer danken will, wird genug Ursache zum Danken finden. Hört, wie der heilige Apostel selbst dafür GOtt dankt, dass er des Timotheus in seinen Gebeten gedenken kann, dass er also Jemand hat, dessen er sich also erinnern darf. Da sehen wir, wie dankbar die Eltern sein sollten, wenn sie durch GOttes Gnade fromme Kinder haben. Paulus aber hat diese Gebete Tag und Nacht gesprochen, hat also mit denselben unablässig vor seinem Gott gelegen. Das war seine Beschäftigung in der Gefangenschaft.
So sollte das Leid jeden Christen in die engste Gemeinschaft mit seinem GOtte treiben, denn, wenn das Leiden zum Beten treibt, so macht es schon dadurch einen Menschen reich, denn Beten heißt GOttes Gaben vom Himmel holen. Aber der Apostel zeigt auch, wie bei allem Reichtum, im göttlichen Leben sein Herz echt menschlich geblieben ist und, wie weit er entfernt ist von allem falschen Absterben der menschlichen Gefühle, die GOtt uns in das Herz gelegt hat. Gibt es doch Christen, welche meinen, zum echten Christentum gehöre notwendig das Zerschneiden aller Bande, welche GOtt selbst gebunden hat. Das echte Christentum ist vielmehr auch das echte Menschentum. So erinnert sich Paulus der Tränen, die Timotheus geweint, als er Abschied von ihm nahm. Vielleicht war das gerade der Fall, als Timotheus ihn in Rom besucht hatte und wieder auf seinen Posten in Ephesus zurückgekehrt war. Aber er freut sich auch des lauteren Glaubens des Timotheus, eines Glaubens, der keine Farbe hat, d. h. keine Nebenabsichten, sondern der allein dem HErrn JEsu traute, um Seines heiligen Wortes willen. Der Glaube darf keine Farbe haben, wenn er GOtt gefallen soll. Er muss, wie das Glas sein, welches uns nicht hindert vom Zimmer aus den Himmel und die ganze GOttes Natur zu betrachten. Meist aber hat der Glaube die hässliche gelbe Farbe der Selbstsucht, und wenn man durch sie die Welt betrachtet, dann erscheint Alles von der Selbstsucht gefärbt. Frage dich daher, ob dein Glaube denn recht farblos ist und sorge dafür, dass jede Spur von Farbe hinweg getan wird.
Aber auch hier freut sich der Apostel, dass dieser Glaube des Timotheus ein Erbstück ist, weil er vorher in seiner frommen Mutter und Großmutter gewohnt hat. Da sieht man, wie sich der Glaube vererben kann, und wie Eltern ihren Kindern, wenn sie selbst im rechten Glauben leben, das Beste vererben, was ein Mensch dem andern vermachen kann. Muss nicht das Zeugnis des Apostels alle Eltern umso mehr ermuntern, lauter vor dem HErrn JEsu zu leben, damit der HErr auch ihnen zu gläubigen Kindern verhilft? Lauterkeit erzeugt Lauterkeit.
Der Apostel nimmt nun Veranlassung, bei Erwähnung dieses Glaubens, ihn an die besondere Gnadengabe zu erinnern, die ihm bei seiner Ordination zu Teil geworden ist, und da hören wir 1. wie der heilige Apostel ausdrücklich bezeugt, dass durch das Handauflegen Gnadengaben ausgeteilt werden, zum andern, dass es der Diener GOttes Pflicht ist, diese Gnadengaben anzufahen, d. h. lebendig zu machen, damit dieselben ihnen neues Leben bieten. Gnadengaben sollen benutzt werden, wenn sie nicht verloren gehen, oder doch abgeschwächt werden, so wie Fähigkeiten einst durch Übung zu Fertigkeiten werden, so werden auch die Gnadengaben durch das Wirken damit zu Gnaden. Wie wir die Gaben GOttes erwecken, zeigen uns die Lebensaufgaben, die GOtt uns stellt, damit wir fleißigen Gebrauch von ihnen in allen Lebenstagen machen, d. h. dieselben lebendig erhalten.
Darum, lieber Leser, lass auch dir die Ermahnung gelten, erwecke die Gabe, die in dir ist. Dazu gehört allerdings Mut, denn die Verzagtheit ist allein Schuld daran, dass wir unsere Gnadengaben nicht gebrauchen. Der GEist aber, den GOtt uns gegeben hat, ist kein GEist der Furcht, sondern ein GEist der Kraft und daher soll ein Christ sich durch den heiligen Eist zu Taten treiben lassen, sonst widersetzt er sich dem heiligen GEiste und verhindert denselben in ihm und durch ihn zu wirken. Denn der Spaten, der nicht gebraucht wird, wird rostig und läuft an, selbst unbenutztes Silber. So auch die GEistesgaben, die nicht zu Taten benutzt werden, kommen um in Verzagtheit. O, hört es, GOtt hat uns nicht gegeben den GEist der Furcht, sondern der Kraft, daher kann Niemand sagen, er könne keine Taten tun, er sei zu schwach dazu, denn GOtt macht ihn kräftig, wenn er nur kräftig sein will. Ja, wir haben den GEist der Kraft, wir können etwas ausrichten, und durch unsere Verzagtheit schänden wir den GEist der in uns ist. Nur ans Werk, an Kraft wird es nicht fehlen! Aber diese Kraft soll nicht im Schelten und Toben bestehen, sondern in der Liebe und der Zucht, denn der GEist des HErrn erweist sich auch in der Kraft als ein GEist der Liebe, der sich selbst in Zucht nimmt. Kraft ohne Selbstzucht ist Wildheit.
Darum soll Timotheus Taten tun, denen man es anspürt, dass der Heilige GEist sie wirkt. Der aber wirkt nur Taten hei‘lger Liebe. Darum bedenke wohl: Schelten und Poltern gegen die Feinde des Evangeliums ist noch keineswegs ein Zeichen, dass der Heilige GEist in dir lebt, denn sein Kennzeichen ist Liebe und Zucht. Keineswegs aber äußert sich die Kraft des Heiligen GEistes lediglich im Kämpfen und Streiten, sondern ebenso sehr im Dulden und Tragen, und dazu ermahnt der heilige Apostel den Timotheus. Auch für ihn mochten aus der Gefangenschaft des Apostels schwere Tage entspringen. Gewiss wurde ihm vorgehalten, dass GOtt Seinen Apostel ja nicht schirme und schütze und ihn also nicht beglaubige, aber dadurch soll er sich nicht abhalten lassen, von dem HErrn zu zeugen oder sich gar solches Zeugnisses schämen, sondern er soll mit dem Apostel für das Evangelium leiden. Leiden ist auch ein Zeugen. Gebe GOtt, dass wir das Alle wohl bedenken. GOtt bekennt sich oft gerade dadurch zu Seinem Werk, dass Er Seinen Dienern und Seinen Gläubigen Kraft gibt, für das Evangelium zu leiden. Wir erfahren oft später erst, wie gerade das Leiden das Evangelium gefördert hat. Darum nicht nur treu im Kämpfen und Zeugen, sondern auch treu im Dulden und Leiden, und GOttes Kraft wird uns auch hierzu tüchtig machen.
Er ermuntert den Timotheus durch den Blick auf den Reichtum der göttlichen Gnade, sich selbst zu ermuntern für solches Leiden. GOtt hat uns selig gemacht, das steht als Tatsache fest. Diese Tatsache soll ihm zeigen, dass GOtt Alles macht, und er also nur nötig hat, sich der göttlichen Gnade zu überlassen. Die Gnade hat ihn berufen mit einem heiligen Ruf, so dass also wir nichts dazu beitragen, dass wir berufen sind. Nicht unsere Vorzüge, sondern die freie Gnade GOttes hat uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war. Es war GOttes heiliger Vorsatz, Sünder selig zu machen, und dieser Vorsatz, den Seine Gnade fasste, hat auch Seine Gnade ausgeführt. Dieser Vorsatz ist zur Offenbarung und Wirklichkeit gekommen, als der HErr JEsus erschienen ist. Da hat GOtt gezeigt, was Er aus Gnaden für Sünder tut, denn JEsus Christus hat dem furchtbarsten Feinde der Menschheit, dem Tode die Macht genommen und hat an das Licht gebracht, was wahres Leben ist und was nicht vergeht, so dass wir nun also in Christo wahres Leben und unvergängliches Wesen haben, wie solches das Evangelium offenbart. Das hat die Gnade getan und dazu hat kein Mensch beigetragen, denn solche Herrlichkeit hätte sich auch kein Mensch ausdenken können, nur GOtt konnte sie von Ewigkeit her ersinnen. Dem GOtte aber, der solche Gnade von Ewigkeit her gezeigt und offenbart hat, rückhaltlos sich zu ergeben, ist heilige Pflicht. Für Ihn kämpfen wir, für Ihn leiden wir! Wir wissen, dass wir nichts tun können für unsere Errettung, sondern dass Seine Gnade Alles tun muss. Darum wohl uns, wenn wir Seiner Gnade glauben!
Ja, Er hat dem Tode die Macht genommen! Der sterbende Paulus bezeugt es, denn er fühlt nichts mehr vom Stachel des Todes. Darum herzu zum Lebensbrunnen, der du dich vor dem Tode fürchtest, hier quillt unvergängliches Leben, hier quillt wahre Furchtlosigkeit, hier quillt ein Wesen, das nicht vergeht. GOtt bietet dir Unsterblichkeit, nimm sie von Seiner Gnade! Aber wisse, Seine Gnade ist in Christo JEsu! Außer Ihm nur Tod, wer Ihn verwirft, der hat kein Leben, der ist im Sterben, und das Evangelium von dieser Gnade, die lebendig macht, soll der Apostel den Heiden bringen und um des willen, weil er solchen Befehl GOttes ausführt, leidet er Bande und geht er in den Tod.
Der heilige Apostel bezeugt auch, was ihm Freudigkeit gibt, so zu leiden, ob er wohl gerne errettet wäre, aus den Händen seiner Feinde. Er kennt den, an den Er glaubt und weiß, dass der es wert ist, dass man Ihm ganzes und volles Vertrauen schenkt. Die Erfahrung seines Lebens hat ihm bewiesen, dass er seinem HErrn vertrauen kann. Sein Glaube an den HErrn JEsum ist kein Meinen, kein bloßes Fürwahrhalten, sondern es ist ein felsenfestes Wissen, das selbst der Märtyrertod nicht erschüttern kann.
Wohl Allen, die es dem heiligen Apostel nachsprechen können: „Ich weiß, an wen ich glaube!“
Der Apostel aber bezeugt ausdrücklich, dass er auch die Sicherheit hat, dass seine Zukunft in den Händen des besten HErrn liegt. Denn der wird ihm seine Beilage bewahren. Es ist viel darüber gestritten, was diese Beilage zu bedeuten habe, aber es kann doch keinem Zweifel unterliegen, dass damit die Seligkeit gemeint ist, die der HErr JEsus dem Paulus für seinen treuen Glauben bereit gestellt hat und die Herrlichkeit, welche Er ihm geben will für seinen treuen Dienst. Beides hat Paulus in die Hände seines HErrn niedergelegt. Er zeugt und leidet für Ihn. Der HErr aber bewahrt ihm dafür diesen Schatz und diese Schätze, damit Paulus sie gewiss in der Ewigkeit besitzt. Wenn Paulus diesen seinen Schatz sicher bewahrt weiß, dann kann er desto freudiger kämpfen und leiden. Ist das Kleinod in Sicherheit, dann hat Alles keine Gefahr!
Lieber Christ, sorge du auch dafür, dass deine Beilage gut verwahrt ist. Ist deine Zukunft gesichert, hast du dieselbe in JEsu Hand gelegt, dann kannst du die Gegenwart getrost durchleben. Wohl dem, der seiner Seligkeit gewiss ist! Ja das erste, wonach ein Christ trachten muss, ist die Gewissheit der ewigen Seligkeit. Diese Gewissheit kann er nur besitzen, wenn er die Beilage bewahrt, die ihm auf Erden anvertraut ist, und das ist die reine Lehre, die sich im Glauben und in der Liebe bewähret. Darum ermahnt der heilige Apostel auch den Timotheus, festzuhalten an dem Vorbild der heiligen Lehre, wie er solche vom heiligen Apostel erhalten. Wer von der gesunden Lehre weicht, der weicht vom Leben, aber wir können mit eigener Kraft diese nicht bewahren. Dazu muss uns der Heilige GEist verhelfen, aber der wird auch dazu helfen, wenn wir uns Seiner Hülfe bedienen wollen. Ja, der Heilige GEist wird dir helfen, wenn du dir helfen lassen willst.
Jetzt hat der Apostel Timotheus noch die betrübte Mitteilung zu machen, dass ihn in Asien Alle verlassen haben, und er nennt unter den Abtrünnigen zwei, die ihm früher besonders lieb und teuer gewesen sind. Da Ephesus selbst in Asien lag, so wusste Timotheus natürlich von der Sache. Jedenfalls handelte es sich hier nur um die römische Provinz Asien. Es scheinen aus dieser Provinz Leute nach Rom gekommen zu sein, um für den Apostel zu zeugen. Sie haben ihn aber dann feige in Stich gelassen, als sie gesehen, dass sie vielleicht selbst in Gefahr gerieten, wenn sie sich seiner annahmen. Wir dürfen das wohl daraus schließen, weil Paulus in Anschluss an diese Treulosen von der Treue des Onesiphori uns mitteilt, dass die Treue desselben eben darin bestanden, dass er ihn in Rom aufgesucht, nach vieler Mühe gefunden und dort erquickt habe.
Onesiphorus scheint inzwischen gestorben zu sein, aber der heilige Apostel wünscht ihm, dass die Barmherzigkeit, die er ihm bewiesen, seinem Hause zu Teil werden möge, und dass er selbst für diese Barmherzigkeit Barmherzigkeit erlangen möge am Tage des Gerichts. Der HErr will ja nicht einen Becher Wassers unbelohnt lassen, mit welchem einer Seiner Gläubigen erquickt wird. So lasst denn auch uns Barmherzigkeit erweisen, damit wir Barmherzigkeit erlangen.
O, HErr, hilf durch Deine große Gnade, dass auch wir finden, was wir suchen, damit auch unsere Seligkeit gut verwahrt werde auf den Tag, wo uns Gnade not sein wird! Amen.
Ach, HErr JEsu, der Du willst, dass die Deinen sich nicht fürchten vor dem Teufel und seinem ganzen Heer, sei stark in uns Schwachen und hilf uns, unsere Gebrechen tragen. Mache uns mutig in dem Kampf, der uns verordnet ist, zu blicken auf die Krone, die Du den Deinen verheißen hast! Ja, HErr JEsu, Du Allmächtiger HEiland, mache Du uns geschickt zum Reiche GOttes und lehre uns nicht verzagen, sondern wagen! Amen.
„Sei stark, mein Sohn“, wir merken, wie es dem Apostel daran liegt, den Timotheus als einen Helden im Glauben zu sehen, denn er weiß, dass nur der starke Glaube Freude schafft. Aber stark wird man nur durch die Gnade, nicht aber aus eigener Kraft, und wenn man das weiß, dann weiß man auch, dass man sich das zu erbitten hat, was einen stark und mutig macht. Aber weiter soll derselbe, stark gewordene Timotheus nun auch dafür sorgen, dass Andere durch ihn stark werden. Das kann er aber nur dann tun, wenn er die Lehre, die ihm vertraut ist, Anderen übergibt, damit sie dieselbe weiter verkündigen. Daher empfiehlt er ihm treue Zeugen, die Lehrtüchtigkeit haben, zu beauftragen, Andere zu lehren. Es ist also nicht genug, dass Jemand nur treu ist, sondern er muss auch für den Beruf, Andere zu lehren, besonders begabt sein. Denn durch diese Gaben zeigt GOtt ja an, dass Er ihn als Sein Werkzeug haben will, und anderseits ist es nicht genug, dass Jemand tüchtig ist, sondern er muss auch treu sein, d. h. zuverlässig in seinem Beruf, denn sonst kann die Tüchtigkeit auch einen Menschen in den Dienst des Teufels stellen. Das aber, was Timotheus diesen Zeugen befehlen soll, hat er selbst in Gegenwart vieler Zeugen vom Apostel gehört, nämlich bei seiner Ordination. Da hat ihm der Apostel den ganzen Inhalt des Glaubens vorgehalten, und auf diesen hin hat er den Timotheus ordiniert. Die Zeugen also wissen es, welche Verpflichtung der Timotheus hat in seinem Amt. Aber kein treuer Arbeiter kann ohne Leiden bleiben. Wer dem HErrn dienen will, muss sich auch auf die Leiden gefasst machen, denn die Treue gegen den HErrn erfordert es, dass man nicht nur von Ihm lehrt, sondern auch für Ihn eintritt und leidet.
An drei Bildern sucht nun der Apostel dem Timotheus die Treue im Leiden klarzumachen. Erstens an dem Bilde eines Soldaten, der unter der Fahne steht und der um seiner Pflicht zu genügen, sich ganz dem Kriegsdienste hingibt und alle Sorgen des Berufs, die er sonst hatte, fahren lässt.
Zweitens unter dem Bilde eines Ringkämpfers, wie ein solcher bei den damals gebräuchlichen Spielen um die Ehre in der Rennbahn kämpfte. Derselbe musste nicht nur mit aller Kraft kämpfen, sondern er musste auch genau die Kampfesregeln beobachten, sonst war seine Kampfesmühe umsonst. So soll auch der Christ sich nicht damit begnügen, dass er sagt: „Ich kämpfe treu!“ sondern er soll so kämpfen, dass er die Kämpfe ausführt, die ihm der HErr zuteilt. Es gibt auch ein Kämpfen und Streiten wider des HErrn Willen, und solche Kämpfe bringen die Krone nicht. Wir müssen uns vielmehr in Acht nehmen, dass wir die Kampfesregeln, wie sie das Wort GOttes aufstellt, genau beobachten, sonst wird uns der Sieg nicht zu Teil. Ein Kämpfer in der Rennbahn durfte sich seine Gegner nicht wählen, sondern die Gegner wurden ihm zugeteilt durch das Los. Er durfte auch nicht kämpfen wie er wollte, er durfte nicht darauf losschlagen, wie er es für am zweckmäßigsten hielt, sondern er musste gewisse Schläge vermeiden. So wähle du, Christ, dir nicht die Gegner, an denen du dein Mütchen kühlen kannst, sondern lass dir die Gegner zuweisen, die du besiegen sollst. Werde auch kein Klopffechter nach eigener Methode, sondern lass den GEist des HErrn deine Zunge führen.
Das dritte Bild ist das eines Ackermannes, der nur dann den Lohn seiner Arbeit davon trägt, wenn er auf dem Acker ordentlich arbeitet. So soll auch dem Diener GOttes, der in der Gemeinde fleißig ackert, der Lohn nicht vorenthalten werden, und er soll die Gnaden, die er der Gemeinde verkündet, zuerst genießen. So sagt also das erste Bild: Wer dem HErrn dienen will, der diene Ihm ganz, ohne alle irdischen Nebenabsichten, das zweite Bild: Wer dem HErrn dienen will, der diene Ihm so, wie Er es haben will und das dritte Bild: Wer dem HErrn dienen will, der diene Ihm mit allem Fleiß, so wird ihm sein Lohn nicht fehlen.
Wie nun Timotheus die Nutzanwendung in jedem einzelnen Fall machen soll, das wird ihm der HErr in jedem einzelnen Fall sagen, denn das weiß ein Diener GOttes, dass er sich auch auf den HErrn in jedem einzelnen Fall verlassen kann. Wer sich dem HErrn ergibt, der darf auch gewiss sein, dass der HErr ihn unterweist.
Nun sucht der heilige Apostel den Timotheus noch durch einen besonderen Grund zu bewegen, seine Ermahnungen recht zu Herzen zu nehmen. Er sagt: „Halte im Gedächtnis JEsum Christum, der auferstanden ist von den Toten“, denn wer an den HErrn JEsum denkt, der erinnert sich auch, was vorhergegangen ist, ehe Er auferstanden ist von den Toten, nämlich, dass Er hat leiden und sterben müssen, bevor Er zur Herrlichkeit erhöht ward. Wenn also auch Timotheus durch Schmach, Hohn und Kampf hindurch gehen muss, so folgt er nicht nur darin seinem HEilande nach, sondern er hat das gleiche Los zu erwarten, wie sein HEiland, dass auch er nach hartem Kampf die Krone trägt. Aber dieser JEsus ist der Messias aus dem Stamme Davids, d. h. der von den Propheten vorher verheißene Messias. Hat aber der HErr dem David erfüllt, was Er ihm verheißen hat, so wird Er auch dem Timotheus nicht versagen, was Er ihm verspricht. So hat also ein treuer Christ seinen HEiland vor Augen in Allem, was er tut und der Blick auf Ihn ermuntert ihn zum treuen Festhalten und zum treuen Kämpfen, wie zum freudigen Glauben an GOttes Wort. Ja, lieber Christ, halte im Gedächtnis deinen HEiland, dann wird aus deinem Gedächtnisse vieles schwinden, was dich im Kampfe sonst beschwert. Darum sei treu gegen den HErrn, so ist dein HErr treu gegen dich.
Der zweite Grund, den der Apostel anführt, ist sein eigen Leiden, denn dadurch beweist ja der Apostel die Wahrheit dessen, was er verkündigt hat. Er konnte jede Stunde frei werden, wenn er verleugnen wollte, was er predigte, denn sein Leiden bewies, wie völlig er überzeugt war von der Wahrheit dessen, was er verkündigte. Insofern gereichte sein Leiden den Gläubigen zur Kräftigung in ihrem Glauben, und sie selber werden umso mehr angefeuert, die Seligkeit und ewige Herrlichkeit zu erlangen, die ihnen in Christo JEsu dargeboten wird. Wenn also dem Apostel das Leiden zur Verherrlichung des HErrn dient, so soll auch Timotheus bedenken, wie er durch sein Leiden die Predigt des Evangelii unterstützen kann, und endlich mag er bedenken, dass man wohl den Prediger binden kann, aber nimmermehr das GOttes Wort, denn das ist auch noch in den Banden frei, wie solches Timotheus ja an dem Apostel selber sieht, denn ob er gleich im Gefängnis dem Tode entgegen sieht, kann er doch noch Andere durch das Evangelium stärken. O, merkt euch das: GOttes Wort könnt ihr nicht binden. Wenn das möglich wäre, wäre es längst gebunden. Das ist frei und bleibt frei, wie es die ganze Kirchengeschichte bewiesen. Man hat die Prediger des Evangeliums zu allen Zeiten gequält, verfolgt, ja getötet; aber alle Verfolgung war für GOttes Wort nur der Wind, der die Flamme desto heller anfacht. So soll denn endlich Timotheus bedenken, dass wahr das Wort ist: Sterben wir mit Ihm, so werden wir mit Ihm leben! Dulden wir, so werden wir mit Ihm herrschen!
Ja, lieber Christ, mit dem HEiland hinab, das heißt, auch mit dem HEiland hinauf. Aber anderseits steht auch fest, dass der HErr treu im Strafen ist. Wer sich des HEilandes schämt und Ihn verleugnet, dessen wird Er Sich am jüngsten Tage schämen und ihn dann vor allen Engeln verleugnen, und was die Folge davon ist, das ist auch dem Timotheus nicht unbekannt. Wiederum, wenn wir im Unglauben gegen Ihn beharren, so wird Er treu in der Erfüllung des Wortes sein, mit dem Er uns gedroht hat, und wenn wir Seine strafende Hand fühlen, dann werden wir bekennen müssen: „Ja, der HErr ist treu!“
Nun, lieber Leser, so blicke hin auf JEsus! Soll Er für dich dort zeugen, zeuge du hier für Ihn, willst du dort mit Ihm leben, so lebe hier mit Ihm, denn wie du hier lebst, so wirst du dort leben!
So ermahnt denn nun Paulus den Timotheus, das große Ziel stets vor Augen zu haben und zu bedenken, dass es sich auch für ihn um die ewige Seligkeit handelt. Er soll sich nicht von den Irrlehrern verführen lassen, in seinem Amte Wortgezänk zu treiben, denn die Irrlehrer liebten es, ihre große Kunst zu offenbaren in Silbenstecherei und zu zeigen, wie trefflich sie disputieren konnten. Nicht um die Wahrheit war es ihnen zu tun, sondern um ihre große Kunst zu zeigen, und ihrer Eitelkeit zu frönen. Timotheus aber soll bedenken, dass solches Geschwätz zur Seligkeit nicht hilft, denn der HErr will einen bewährten Arbeiter, dem es darum zu tun ist, Seelen zu retten und nicht sich selbst zu verherrlichen. Das Wortgezänk verdirbt nur die Zuhörer, aber die rechte Austeilung des Wortes der Wahrheit, so dass jedem gesagt wird, was ihm zur Seligkeit nötig ist, errettet Seelen. Wie oft haben wir nicht auch den Eindruck, wenn um GOttes Wort gestritten wird, dass es sich nur darum handelt, selber Recht zu haben, statt das Recht des Wortes GOttes ins Licht zu stellen.
O, wie viele arme Seelen sind nicht auch jetzt durch die Disputiersucht eitler Christen verkehrt worden. Nehmen wir daher Alle die Ermahnung zu Herzen, dass wir uns befleißigen, GOtt einen rechtschaffenen Arbeiter zu zeigen, der da nicht mit dem Worte GOttes prunkt, sondern mit dem Worte GOttes fischt. Wie ein richtiger Haushalter Jedem die Speise gibt, die ihm besonders nötig ist, so teilt der Prediger die Speise des Wortes GOttes nach dem Bedürfnis der Zuhörer aus. Er gibt dem Bußfertigen andere Speise als dem Verstockten, er gibt dem Trostbedürftigen andere Speise, als dem Sicheren, wie der HErr JEsus den Pharisäern andere Worte gibt, als dem armen Gichtbrüchigen. So lasst uns Arbeiter sein, die dem HErrn treu dienen und nicht eitle Gecken, die selbst das Wort GOttes zum Prunken benutzen. Solche Gecken sind die Irrlehrer, die leeres, heilloses Geschwätz treiben. Denen soll Timotheus aus dem Wege gehen, weil sie - so heißt es genau aus dem Urtext übersetzt - „immer weiter in Gottlosigkeit fortschreiten“, denn wer das Wort GOttes missbraucht zur Verherrlichung seiner eigenen Eitelkeit, der wird auch in seinem Leben immer gottloser, denn die Irrlehre ist wie der Krebs, der ungemein schnell das Fleisch zerstört, welches er befällt.
O, hört es, die Irrlehre ist ein Krebs und daher, wie ihr euch vor dem Krebskranken in Acht nehmt, so hütet euch auch vor der Irrlehre, denn Irrlehre führt zum Irrleben, und Irrleben zum geistigen und ewigen Tod.
Paulus führt nun namentlich zwei berüchtigte Irrlehrer an: Hymenäus und Philetus, die die Auferstehung leugneten und sagten, dass die Auferstehung schon geschehen sei, wohl insofern, als die Christen vom Tode des Heidentums zum Leben des Christentums auferstanden seien. Sie leugneten also die leibliche Auferstehung und suchten dieselbe geistlich zu deuten, so wie in unsern Tagen die Irrlehrer die Auferstehung wegzudeuten suchen, weil sie wissen, dass mit der Auferstehung die Kirche steht und fällt. Was also wir, von der Irrlehre, die die Auferstehung leugnet, zu halten haben, das sagt der Apostel hier mit klaren Worten, sie ist ein Krebs, der das gesunde Leben zerstört. Wir können das ja so recht in unsern Tagen bestätigen, denn wir sehen, wie die Leugner der Auferstehung Christi alle Heilstaten leugnen, auf denen doch unser Glaube ruht. Aber dieser Irrlehre gegenüber tröstet der Apostel den Timotheus mit dem Hinweis darauf, dass die Irrlehrer die Kirche Christi nicht erschüttern können. Die Kirche Christi ist das Haus GOttes und das ruht auf dem festen Grunde des Wortes GOttes.
Wie nun der Grundstein eines Hauses Inschriften zu tragen pflegte, so hat auch der Grundstein des Wortes GOttes zwei Inschriften, die eine hat den Trost der Gläubigen, dass der HErr die Seinen kennt.“ Der HErr weiß die Rechtgläubigen von den Ungläubigen zu unterscheiden. Denkt nur an die Geschichte der Sündflut, oder die Errettung Lots. Ja, es kennt der HErr die Seinen! das ist ein herrlicher Trost für alle Gotteskinder. Wie sollten wir verzagen in der ungläubigen Welt, wenn das Auge der Liebe auf uns gerichtet ist. Aber der HErr verlangt auch von den Seinen, dass sie heilig leben, wie Er heilig ist. Weil sie den Namen ihres HErrn führen, deshalb muss auch ihr Leben von Seinem Lichte erhellet sein, damit sie auch von der Welt als die Seinen erkannt werden können, ja, Gotteskinder sind Lichtgestalten.
Aber in einem Hause gibt es viele Gefäße, die unter sich sehr verschieden sind und die doch Alle ihren Zweck erfüllen. So gibt es auch unter den Lehrern Christen von verschiedener Bedeutung, je nach den Gnadengaben, die sie von GOtt empfangen. Wie aber unter den Gefäßen auch solche sind, die nur zu schmutzigen Dingen benutzt werden, so gibt es auch unter den Lehrern Irrlehrer, an denen sich der Abschaum der Kirche anhängt. Aber insofern haben diese ja auch einen Nutzen für die Kirche, dass sie den Unrat abtun wie die Fliegen, die da wegfressen, was die Luft verpestet, und der Gott der Irrlehrer heißt nicht umsonst Beelzebub, d. h. Fliegengott. Da hört ihr also, womit der Apostel die Irrlehrer vergleicht, und wollt ihr also nicht zu dem Unrat gehören, der hinweg getan werden muss, dann seid Leute, die sich vor den Irrlehrern in Acht nehmen, dagegen bereit sind zu jedem guten Werk, durch welches sie den Hausherrn verherrlichen.
Während die Irrlehrer mit der Irrlehre die fleischlichen Lüste decken und diese als natürliche Dinge geschont wissen wollen, so ermahnt der Apostel den Timotheus vor Allem, diesen Lüsten den Abschied zu geben und allen christlichen Tugenden nachzutrachten. Dann wird er auch Frieden mit allen aufrichtigen Christen haben und ihm werden die Fragen, über welche die Irrlehrer so gerne streiten, zuwider sein, weil sie nicht zur Seligkeit beitragen, sondern nur Streit verursachen. Ein Knecht des HErrn ist nicht zänkisch, sondern wie sein HErr, freundlich gegen Jedermann, weil sein Herz voll von der Liebe ist, die das Wesen seines HEilandes ist. O, möchten wir Alle von dieser Freundlichkeit und Duldsamkeit reichen Vorrat haben, denn beide gewinnen die Seelen und bilden für die Lehre die echte Verpackung, die dem Abnehmer vortrefflich gefällt. Der Christ ist nicht nur ein Kaufmann der gute Perlen sucht; er weiß auch gute Perlen so zu fassen, dass sie als solche erkannt werden. Die Wahrheit in Liebe sagen, das ist christliche Kunst. Ein tüchtiger Kaufmann weiß ja, wie viel auf die äußere Ausstattung der Waren ankommt und das weiß auch ein treuer Lehrer. Darum gibt er die Lehre mit Freundlichkeit und Geduld. Wenn er die Irrlehre hasst und meidet, so sucht er doch die Verführten zu gewinnen und zur Buße zu bewegen. Er sucht sie dem Satan zu entreißen, indem er hilft, dass sie wieder nüchtern werden von dem Rausch der Irrlehre, mit dem der Satan sie trunken gemacht hat, so dass sie trunkenen Mutes ihm nachtaumeln. Ja, der Rausch der Irrlehre ist der Strick, an dem Satan die Seelen hinter sich herführt, und es gehört viel Geduld und Freundlichkeit dazu, diesen Strick zu lösen, weil der Sinnenkitzel, den die Irrlehre bringt, dem Fleisch so wohl gefällt.
Aber denkt an den, der die Freundlichkeit selber ist und der mit großer Geduld und Freundlichkeit den Strick gelöst, der auch uns gefangen hielt, und der auch uns hinter dem Teufel herzog. Seht an die armen Gefangenen, sie müssen frei werden, macht es mit ihnen, wie der Arzt es macht, der einen Wahnsinnigen heilt, und der sich durch sein Schimpfen und Toben nicht abhalten lässt, ihm heilende Medizin zu geben, weil er Mitleid hat mit seinem elenden Zustande. Darum gilt es, mehr Mitleid mit den Elenden, mit den Verführten, mit den Berauschten! Aber darum auch mit ihnen mehr Geduld, damit der HErr mit uns Geduld habe!
Ja, HErr, habe Du Geduld mit uns, aber schaffe auch in uns Geduld, damit wir nicht müde werden, dem Satan Seelen zu entreißen. HErr, heilige uns zu einem Gefäße, das du gebrauchen kannst, und gib, dass wir Dir nützlich sind in Deinem Dienste. HErr erbarme Dich unser! Amen!
Ach, HErr JEsu, Du hast uns voraus gesagt, dass wir schweren Zeiten entgegen gehen, und dass die letzte Zeit eine betrübte Zeit werden würde. Nun sieh', der Abfall wird rings umher groß, die Liebe erkaltet in Vielen und der Feinde, die gegen Deine heilige Kirche anstürmen, werden immer mehr, aber wir haben die Verheißung, dass Du die Deinen nicht verlassen wirst, sondern dass Du ihnen beistehen und sie hindurch führen wirst, auf dass sie Dir dahin folgen, wo Du bist. HErr, stärke uns in dieser betrübten Zeit, gib uns Beständigkeit um Deines Namens willen! Amen!
Der Apostel sieht von seinem dunklen Gefängnis hinaus in eine dunkle Zukunft. Er sieht gräuliche Zeiten sich nahen, oder wie es wörtlich heißt, „schwer zu ertragende Zeiten“ und er weiß, wenn solche Zeiten kommen, dann wird auch das Ende der Welt kommen. Die Zeit, welche er hier also beschreibt, ist die letzte Zeit“, d. h. die Endzeit der Welt, und in dieser letzten Zeit werden solche Leute aufstehen, die selbstsüchtig, geizig, prahlerisch sind usw. Es will der heilige Apostel nun nicht sagen, dass solche Leute zu anderen Zeiten nicht auftreten, sondern er will sagen, dass in der letzten Zeit diese Leute überwiegen. Das ist also das Kennzeichen der letzten Zeit, dass Männer auftreten, die sich Christen nennen und doch alle heidnischen Untugenden an sich tragen. Da müssen wir ja sagen, dass wir jetzt in einer solchen Zeit leben, und dass es also uns nicht Wunder nehmen darf, wenn wir gerade jetzt Leute in Hülle und Fülle haben, die dem Christentum durch ihren Lebenswandel Schande machen, die da einen Schein von Gottseligkeit haben, aber die Kraft der Gottseligkeit verleugnen.
Nun, ihr wisst, wie das wiederum ein Zeichen der heutigen Mode-Christen ist, die zur Kirche gehen, auch zum Sakrament sich halten, die aber keine Worte der Gottseligkeit hervorbringen können, weil sie keine Kraft der Gottseligkeit besitzen. Ja, das ist das Wesen des Schein-Christentums und des landesüblichen Christentums, das da Laub hat, aber keine Früchte. Da siehst du nun aus unserm Texte, worauf es ankommt, nicht auf das Laub, sondern auf die Früchte, denn der Glaube ist eine Gotteskraft, die sich offenbaren muss und wenn man also von einer Kraft nichts merkt, so ist auch kein Glaube da. Wo der Glaube nicht ist, da ist das ganze Christentum Heuchelei, und da wird die äußere Gottseligkeit zum Deckmantel eines lasterhaften Lebens. Die Leute nun, die die Kraft der Gottseligkeit nicht haben, gehören zu denen, die für ihre Irrlehre Genossen suchen und sich besonders an die Weiber wenden, die mit Sünden beladen sind. Diese Weiber, die mit Sünden beladen sind, hören gerne auf die Irrlehre, um damit ihr Gewissen zur Ruhe zu bringen, andererseits aber auch, um ihren Lüsten ungestraft zu frönen. Diese, sagt der Apostel, „lernen alle Zeit“, oder geben wenigstens vor, zu lernen, aber in Wahrheit suchen sie, unter dem Vorwande, tiefer in das Christentum einzudringen, nur ihre Sinneslüste zu befriedigen.
So sehen wir, wie das Christentum benutzt wird, um den Dienst des Fleisches zu verdecken. Sehen wir nicht auch in unsern Tagen solche Erscheinungen, so dass wir erkennen, die Welt ist noch immer nicht anders geworden als zu der Apostel Zeit, und wenn wir sehen, wie heutzutage von den Irrlehrern die Weiblein gefangen geführt werden und wie sich die Irrlehre den Schein gibt, als ringe sie nach immer tieferer Erkenntnis, während sie die Anfangsgründe des Glaubens verneint, so müssen wir zeugen: „Es ist noch jetzt so, wie es der heilige Apostel geschildert hat.“ Aber der heilige Apostel zeigt auch, dass solche Irrlehre, die dem Christentum widersteht, auf teuflischen Ursprung zurückzuführen ist, denn diese Irrlehrer treten in die Fußstapfen jener Zauberer, welche am Hofe des Königs von Egypten dem Mose widerstanden und die mit teuflischen Mitteln die göttliche Gnadenwirkung seines Wortes zu verhindern suchten. Nach jüdischer Überlieferung hießen die Häupter dieser Zauberer Janes und Jambres. Paulus sagt nun von diesen Irrlehrern, sie seien Menschen, die verwerflich seien im Glauben und deren Sinne zerrüttet seien. Dadurch, dass ihre Sinne zerrüttet sind durch ihr unsittliches Leben und ihr lügnerisches Treiben, ist ihr Glaube auch verwerflich geworden, d. h. besteht derselbe nicht vor GOtt und beweist sich als Aberglaube. Aber der heilige Apostel tröstet sich und den Timotheus damit, dass diese Leute es nicht aus die Länge also treiben werden, sondern, dass sie jedenfalls, ebenso wie die ägyptischen Zauberer, ihr Ende mit Schrecken finden, so dass Jeder erkennen wird, wer sie sind. So rühmen sich auch die Irrlehrer in unsern Tagen, dass sie die Kirche Christi stürzen wollen. Sie reißen auch das Volk an sich, und es sieht oft aus, als ob die Tage der Kirche gezählt seien; aber wir sind getrost, der HErr sitzt im Regimente und der wirds ein Ende machen, so dass Jeder ihre Torheit erkennt.
Dem unsinnigen Gebaren der Irrlehrer gegenüber betont der heilige Apostel die Treue des Timotheus; denn sowohl in der Lehre, wie im Leben ist er sein treuer Nachfolger. Er ist dem Paulus nachgefolgt in seiner Lehre, seinem Wandel, seinen Grundsätzen, seinem Glauben, der Langmut und der Liebe zu den Sündern, in der Standhaftigkeit, in den Verfolgungen und in allen Leiden, die über den Apostel in Folge der Ausübung seines heiligen Amtes gekommen sind. Da hebt er aus der langen Reihe der Verfolgungen gerade die heraus, welche über ihn in der Heimat des Timotheus gekommen sind, weil dieser davon Zeuge gewesen war. Aber er bezeugt auch, dass der HErr ihn aus allen diesen Verfolgungen erlöst habe. Das soll Timotheus auch fernerhin sich sagen, dass Alle, die gottselig leben wollen, verfolgt werden. Das ist ein Grundsatz, der steht im Reiche GOttes fest und dem kann sich Niemand entziehen. Wir dürfen jetzt auch nicht glauben, fröhliche Tage zu haben, wenn wir als Christen leben, denn wie die Diebe den Mondschein hassen, so hasst die Welt das Licht gottseligen Wandels. Darüber müssen wir uns klar werden: solange wir ein heimliches Christentum führen, das heißt ein unwahres, so hat die Welt nichts an uns auszusetzen. Sobald wir aber anfangen, unser Christentum im Leben zu beweisen und zu bewähren, so kennt die Wut der Welt keine Grenzen. Sie will uns hindern, den Himmel zu erlangen, während sie die Hölle als ihr Ziel weiß.
Die bösen Menschen aber, sagt der heilige Apostel, treiben ihr Gaukelspiel immer ärger. Sie verführen Andere und bringen sich dadurch immer weiter vom rechten Wege ab, denn wie der Lügner zuletzt selbst an seine Lüge glaubt, so wird der Irrlehrer immer mehr vom Strick der Irrlehre gezogen, so dass er zuletzt selbst an seine Irrlehre glaubt. Dem gegenüber ermahnt der heilige Apostel den Timotheus zu bleiben bei dem, was er gelernt hat und zwar deshalb, weil er davon überzeugt ist. So heißt es im Urtext „was dir vertraut ist“ denn nicht unter allen Umständen sollen wir bei dem bleiben, was wir in unserer Jugend gelernt haben, sondern nur dann, wenn wir die volle Überzeugung haben, dass das auch Wahrheit ist. Sonst könnte ja z. B. ein Katholik niemals Protestant werden. Deshalb hat der Apostel den Grundsatz eingeschränkt, wenn er sagt: „Du weißt von wem du es gelernt und kennst von Kind auf die Heilige Schrift.“ Also zunächst ruht sein Glaube auf Autorität des Apostels, dann aber darauf, dass Paulus weiß, dass Timotheus stets im Stande ist, seinen Glauben nach der Heiligen Schrift zu prüfen, und darauf kommt es an, dass das, was wir gelernt haben und für wahr halten, mit der Heiligen Schrift in Übereinstimmung sich befinden muss. Sonst geht es uns wie dem Kapitän, der wohl fährt, sich aber nicht nach Compas und Karte richtet. Ein Christ muss täglich diese Prüfung vornehmen und dabei muss er sich überzeugen, ob sein Glaube auch rechten Cours hält, denn die Heilige Schrift ist uns gegeben, um uns für die ewige Seligkeit zu unterweisen. Sie ist, wie der heilige Apostel sagt, von GOtt eingegeben, denn der Heilige GEist hat den Heiligen Schriftstellern eingehaucht, was sie schreiben sollten. Deshalb ist die Schrift für die Gläubigen sowohl das Brot, von dem sie leben, als die Weisheit, nach welcher sie leben. Aber allerdings kann die Heilige Schrift nur durch den Glauben an Christum ihre Kraft entfalten. Ohne den Glauben an Christum ist sie dunkel und kraftlos. Der Glaube an Christum ist das Licht, das ihre Dunkelheit erhellt, aber auch der Schlüssel, der ihre Schatzkammer öffnet. Deshalb ist die Heilige Schrift, im Glauben gelesen, nützlich, um daraus die Lehren des Glaubens zu ziehen, aber sie ist auch nützlich zur Strafe, um uns zu zeigen, was Sünde ist, und uns in unserm Gewissen zu überführen: Das ist Unrecht! Ferner zur Züchtigung, um uns in die rechte Zucht zu nehmen und den gefallenen Sündern den Weg zur Gnade zu zeigen, und endlich uns zu erziehen zur Gerechtigkeit, denn dazu sind wir ja auf Erden, dass wir erzogen werden für das Leben, das GOtt gefällt. Da soll die Heilige Schrift hilfreiche Hand leisten. Sie soll uns zeigen, wie GOtt uns haben will und ist also unsere Erzieherin. Solch eine vielseitige Aufgabe hat die Heilige Schrift, weil sie göttlichen Charakters ist.
Da kommt es nun darauf an, dass wir die Heilige Schrift so auf uns einwirken lassen, dass sie uns verklären kann. Geschieht das, so werden wir auch den vollen Segen derselben empfangen und uns überzeugen, dass dieselbe immer mehr uns vollendet zu dem, was GOtt von uns erwartet, denn GOtt ist nicht damit zufrieden, dass wir soeben hin Christen sind, sondern Er will, dass ein Gottesmensch vollkommen sei zu jedem guten Werke geschickt, und so heißt also des Christen Losung nicht nur: Bleibe bei dem, was du gelernt hast und dir vertraut ist, sondern sie heißt weiter: Immer völliger! Auch beruhigt sich kein Christ damit, dass er GOttes Wort weiß, sondern er soll aus GOttes Wort Kraft nehmen, um GOttes Werk zu vollbringen. So kann also kein Christ ohne gute Werke existieren.
Möchten wir denn Alle so die Heilige Schrift gebrauchen, dass sie unser Lehrmeister wie unser Zuchtmeister sei und zwar nicht nur Stücke der Heiligen Schrift, sondern, wie der heilige Apostel ausdrücklich betont, die ganze Heilige Schrift. Ohne die Heilige Schrift können wir nichts treiben, ohne die Heilige Schrift nichts lernen, ohne die Heilige Schrift nichts vermögen, darum soll es für uns heißen: Alles durch die Heilige Schrift!
Hilf Du, himmlischer Vater, dass wir Dein Wort immer besser erkennen, immer lieber gewinnen und immer heiliger dadurch leben, auf dass wir die Heiligkeit erlangen, die vor Dir gilt! Amen!
Lieber HErr JEsus, Du Lebensfürst, der Du den Tod besiegt und das Leben an das Licht gebracht, gib uns das Leben, welches kein Tod töten kann und lass uns wandeln in stetem Aufblick auf Deine Gnade, damit wir uns trösten: der HErr ist treu! Amen!
Der heilige Apostel eilt zum Schluss, und in der Überzeugung, dass es vielleicht die letzte Ermahnung ist, welche Timotheus von ihm bekommt, fasst er Alles zusammen, was er ihm gesagt hat und in einer feierlichen Weise bittet er ihn, seines Amtes zu warten. „Ich beschwöre dich“ so heißt es im Urtext „vor GOtt und JEsus Christ“, denn das, was er ihm zu sagen hat, ist so wichtig, dass er es ihm nicht genug einschärfen kann, denn davon hängt der Zustand der Kirche ab, dass die Prediger ihres Amtes treu warten. Wie der Pastor seine Gemeinde stets an das Gericht erinnern soll, so soll er selbst auch stets des Gerichtes eingedenk sein. Wäre jeder Pastor von dem Gedanken ergriffen, dass der Nichter sein Zuhörer ist, er würde gewiss in dem heiligen Ernste zeugen, der die Seelen der Zuhörer auch mit Ernst erfüllt, und zwar soll er predigen Seine Erscheinung und Sein Reich, denn die Erlösten sehen der Erscheinung entgegen, als der Vollendung ihres Lebens. Sie werden getröstet und ermuntert durch die Predigt, die Ungläubigen aber werden durch den Gedanken, dass Er wieder kommt, erschreckt, dass sie sich vielleicht bekehren und noch selig werden. Daher soll er ihnen predigen von Seinem Reich, weil durch dieses die Seelen für die Seligkeit bereitet werden, denn Sein Reich ist Seine Kirche. Wo von dem HErrn JEsu gepredigt wird, da soll auch von Seiner Kirche gepredigt werden, denn ohne die Kirche kann man nicht zum HErrn JEsu kommen. Das fehlt oft heutzutage in der Predigt, dass die Leute wohl vom HErrn hören, aber nicht von Seiner Braut.
Timotheus soll nun das Evangelium vor allen Dingen predigen, denn die Predigt ist die Quelle der Erbauung. Er soll es daher tun zur gelegenen und ungelegenen Zeit, d. h. er soll es tun, wenn es ihm auch nicht bequem ist und wenn sein Fleisch gerne schwiege, denn ein Pastor ist nicht für seine Bequemlichkeit, sondern für die Kirche da. Er soll andererseits auch nicht auf die Bequemlichkeit der Zuhörer sehen, ob die es gerne hören, denn er predigt ja nicht Menschen, sondern GOtt zu gefallen. Da soll er sich sagen, dass er das Wort zum Zeugnis zu reden hat, auch wenn es den Leuten nicht gefällt, soll auch nicht predigen, so wie es ihnen gefällt, sondern er soll durch die Predigt ihnen ihre Sünden nachweisen, soll ihnen den Zorn GOttes offenbar machen und ihnen zureden, noch zur rechten Zeit Buße zu tun. Er soll dies aber nicht mit Schelten und Poltern tun, so dass sein fleischlicher Eifer erkannt werde, sondern mit Sanftmut, und so dass die Leute dadurch bekehrt werden. Cs soll auch in seiner Ermahnung und Zurechtweisung immer das Herz erkannt werden, mit dem er lehrt. Ein Diener GOttes soll nie, auch im Strafen die Liebe verleugnen.
Es wird andrerseits eine Zeit kommen, in welcher die Zuhörer die Stimme des Evangeliums nicht hören mögen, in welcher sie die gesunde Lehre nicht ertragen, in der sie lieber Fabeln, als Wahrheit hören. Lautet das nicht, als wäre es für unsere Zeit geschrieben? Was fragt man heutzutage nach rechter Lehre und evangelischer Predigt? Man geht ja in das GOtteshaus, nur um einen Ohrenschmaus zu haben, und sich interessant predigen zu lassen. Darum wählt man so gerne freisinnige Pastoren, weil die predigen, was die Ohren so gerne hören mögen, dass nämlich der Fleischesdienst nicht verboten sei, und dass die Befriedigung der Lust natürlich sei. Das Alles hat ja der Apostel voraus gesagt. Er hat auch gesagt, woher das kommt, nämlich daher, dass die Leute die Wahrheit nicht mögen. Wenn dies daher jetzt eintritt, so musst du darin lediglich eine Bestätigung der Heiligen Schrift finden und dir sagen: „So steht's geschrieben und so ist es auch gekommen“. Deshalb schärft der Apostel dem Timotheus ein, er soll sich nicht durch den Rausch betören lassen, in welchem jetzt so viele Leute sind, sondern soll in aller Nüchternheit sein Werk treiben, sein Amt treu führen und ruhig tragen, was ihm an Leiden dafür wird. Die Erfüllung des evangelischen Amtes bringt nun einmal Leiden mit sich, das muss ein Diener GOttes wissen. Daher soll er von vorneherein so nüchtern sein, dass er diese Leiden auf sich nimmt. Wer leidensscheu ist, der darf kein Pastor werden, weil er sonst in Gefahr steht, dem Rausche der Irrlehre zu verfallen.
Wenn aber alle Untreue schwer bestraft wird, so wird ein untreuer Pastor zehnmal schwerer bestraft, und daher ist es auch ein Kapital-Verbrechen, einen Pastor zur Untreue zu verführen. Wenn der HErr das geistliche Amt mit Leiden umgeben hat, so hat Er gewollt, dass die Rosen durch Dornen geschützt seien, und wenn du daher einen Diener GOttes in seinem Amte leiden siehst, so sieh das Leiden als ein Siegel seiner Treue an. Der Apostel selbst bezeugt ja, dass er in solchen Leiden steht, und dass er dem Tode in das Gesicht sieht, aber das macht ihn so wenig bange, dass er seinen Tod mit einem Trankopfer vergleicht, wie die Heiden ein solches ihrem Götzenopfer hinzufügten, so wird auch sein Blut vergossen, hinzu zu dem Blute, das zu Golgatha vergossen ward. Das macht ihm das Sterben so leicht, weil er mit dem HErrn zusammen den Märtyrertod leidet. Wie freudig geht er diesem Ende entgegen, weil er das schöne Zeugnis hat, dass er einen guten Kampf gekämpft, denn es war der Kampf um die Krone, ein Kampf, dem der Sieg nicht fehlt. Er hat den Wettlauf um die Krone beendet, denn er hat nach seiner Bekehrung stets die Seligkeit fest in das Auge gefasst, denn er hat Glauben gehalten und darauf weiß er, kommt Alles an. Die Versuchung war oft groß, schien es doch, als ob der HErr Seinen Diener fallen ließ. Er aber hat den Glauben nicht fallen lassen und darum weiß er, dass für ihn schon die Krone der Gerechtigkeit bereit liegt, wie für den Sieger in den Kampfspielen der Kranz, der seinen Sieg bezeichnete. Die Krone der Gerechtigkeit ist die Rechtfertigung durch den Glauben, denn wer gerechtfertigt ist, ist selig, und von seiner Seligkeit ist er so fest überzeugt, denn er weiß, dass der HErr der gerechte Richter ist, der nicht richtet, wie die ungerechten irdischen Richter. Aus dieser Gewissheit kommt seine Freudigkeit, aber er weiß auch, dass diese Freudigkeit Alle erlangen können, die die Erscheinung des HErrn JEsu lieb haben, denn das können nur die, die im lebendigen Glauben stehen und die mit dem lebendigen Heiland persönlich verkehren, denn wenn der Glaube nicht zur Liebe führt, so ist er tot in ihm selbst. Die Liebe aber begnügt sich nicht mit Gedanken, die will etwas Persönliches haben und daher drängt der wahre Glaube, der sich in Liebe offenbart, auf den Herzensverkehr mit dem HErrn JEsu, und dieser Glaube sehnt sich auch immerdar nach der Wiederkunft des HErrn, damit er JEsum sehen kann von Angesicht zu Angesicht.
O, lieber Leser, wie könnte man doch an den HErrn JEsum glauben und kein Verlangen nach Ihm haben. Hast du daher kein Verlangen nach Seiner Gnaden-Gegenwart, so sage dir, dass du auch nicht den rechten Glauben hast. Dann hast du auch nicht die Gewissheit, dass du ewig selig wirst, sondern du gehörst zu denen, die da meinen, seiner Seligkeit könne man nicht gewiss werden. Denke aber einmal darüber nach, wie entsetzlich es wäre, wenn du dahin gehen müsstest, ohne die volle Gewissheit, dass du ewig selig würdest. Der Glaube hängt nicht davon ab, welche Gefühle du hast, sondern allein von deiner Stellung zum HErrn, aber der Glaube bringt dir das Gefühl und das Bewusstsein: du kannst nicht verloren gehen. O, meine Lieben, ist nicht allein um dieses Bewusstseins willen es der Mühe wert, den rechten Glauben zu haben? Und wohl dir, wenn du einst am Ende deines Lebens in solchem Siegesbewusstsein ausrufen kannst: Ich habe nicht umsonst gelebt!
Der Apostel kehrt nun noch einmal in die Gegenwart zurück, um seine letzten Wünsche auszusprechen. Er wünscht, seinen treuesten Sohn um sich zu haben, besonders da ein Schüler von ihm, Demas, von dem wir sonst nichts weiter wissen, von ihm abgefallen und nach Thessalonich gezogen ist. Was wir von ihm wissen, hat seinen Namen auf ewig in Schande gebracht. Nach der Überlieferung soll er in Thessalonich Götzenpriester geworden sein. Andere sind von ihm gezogen in Folge ihres Berufes. Lucas, der Verfasser der Apostelgeschichte, ist bei Paulus und hat dort sicherlich seine Apostelgeschichte verfasst, weshalb derselbe auch vom Tode des Apostels nichts mehr berichtet. Marcus soll mit ihm nach Rom kommen, um ihm dort zu dienen. Tychicus ist nach Ephesus gesandt, wie dies uns Kol. 4, 7 und Eph. 6, 21 erzählt wird. Vielleicht sollte er dort den Timotheus vertreten, damit derselbe nach Rom kommen konnte. Dass hier von einer neuen Sendung des Tychicus die Rede ist, will mir nicht einleuchten. Für den Timotheus hat er dann noch einige Bestellungen, z. B. dass er ihm seinen Mantel und seine Pergamentrollen mitbringen sollte. Dieser Auftrag beweist allein schon, dass Paulus der wirkliche Verfasser dieses Briefes ist, denn wie sollte ein etwaiger Fälscher in einen Brief solche Notizen hinein bringen! Sehr verdacht hat man dem Apostel, dass er dem Schmied Alexander, der ihm viel Böses getan, wieder Böses wünscht. Aber dass der Apostel entfernt von niedriger Rachsucht war, beweist Vers 16, wo er denen, die ihn feige vor Gericht im Stiche gelassen, ausdrücklich wünscht, dass der HErr es ihnen nicht zurechne. Alexander der Schmied aber hat dem Evangelio widerstanden und da war Paulus verpflichtet, dem Manne, der dem Evangelio Hindernisse bereitete, den Untergang zu wünschen. Denn die Verbreitung des Evangeliums ist eine solche Sache, dass davor alles Persönliche zurücktreten muss. Dass die Feinde des Evangeliums niedergeworfen werden, darum muss auch ein Christ bitten.
Wenn Paulus klagt, es habe ihm Niemand zur Seite gestanden bei seinem ersten Verhöre, so denken wir daran, dass es in Rom Sitte war, dass der Angeklagte durch seine Freunde begleitet wurde und dass diese für ihn redeten und zeugten. Dies haben besonders die Freunde in Rom unterlassen, wahrscheinlich um nicht in Gefahr zu kommen, auch angeklagt zu werden. Aber der Apostel fühlt sich vor Gericht doch nicht verlassen. Er hat gefühlt, dass der HErr ihm zur Seite stand und ihn kräftig machte, von Ihm zu zeugen, so dass er nun vor dem Kaiser zu Rom das Evangelium verkündigen konnte und dadurch seine Missionstätigkeit bis zur höchsten Spitze führte, so dass nun wieder von Rom aus die Verkündigung dessen, was die Römer gehört, zu allen Heiden dringen konnte. Rom war seine Kanzel geworden, mitten in der Heidenwelt, und der HErr hatte dem Tode, der schon den Nachen nach ihm aufsperrte, das Maul zugehalten, so dass Paulus errettet wurde aus der augenscheinlichen Todesgefahr und von dem HErrn hatte zeugen können. Darum ist er auch getrost, der HErr wird ihn auch ferner bewahren, bis Er ihn in Sein Reich aufnimmt, und weil er das fest weiß, so muss ihm auch der Tod die Errettung bringen. Ein Christ kann wohl getötet, aber nie besiegt werden. Er kann geplündert, aber nicht der höchsten Güter beraubt werden, und im Bewusstsein dieser Herrlichkeit singt der Apostel auch im Angesichte des Todes dem HErrn sein Loblied. Wohl uns, wenn wir so dem HErrn die Ehre geben können für Alles, was uns trifft, das heißt: Glauben halten bis ans Ende!
Nun folgen noch einige Grüße und persönliche Nachrichten, unter denen die Notiz: „Trophimum ließ ich krank zu Miletus“ uns auffallen mag, hatte doch Paulus die Gabe, Kranke gesund zu machen, aber der Apostel bedient sich auch dieser Gabe nur auf Antrieb des HErrn und zur Bestätigung der Predigt, aber nicht zu seiner eigenen Verherrlichung, oder um das Geheimnis des Kreuzes zu zerstören. Möchten wir auch so Gebrauch von den Gnadengaben GOttes machen, so werden wir auch mehr erlangen. Auch diese Bemerkung ist ein neuer Beweis von der Echtheit dieses Briefes, denn ein Fälscher hätte das gewiss nicht in den Brief geschrieben, weil wir ja über die Krankheit des Trophimus überhaupt nichts wissen und viele Ausleger sogar, weil sie diese Notiz nicht mit der Apostelgeschichte vereinigen konnten, eine zweite Gefangenschaft des Apostels annehmen.
Ob Paulus noch den Timotheus hat zu sprechen bekommen, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass nach der Überlieferung Paulus unter dem Kaiser Nero den Märtyrertod erlitten hat und zwar durch Enthauptung. Wer mehr über ihn wissen will, der muss warten, bis er es aus seinem Munde im Himmel hören kann. Dich aber, HErr JEsu, bitten wir, Du wollest uns auch die Gnade verleihen, Glauben zu halten bis ans Ende! Amen.