Krummacher, Friedrich Adolph - Der Hauptmann Cornelius - V.

„Der Mensch ist nicht um des Sabbats willen, spricht unser Herr, sondern der Sabbat um des Menschen willen.“ Gleichwie das Evangelium herrlicher und seliger ist, als das Gesetz, also auch der Feiertag des neuen Bundes, als der Sabbat des Alten. Der Sabbat des Gesetzes schloss die Woche und folgte den Arbeitstagen; freilich auch als ein Segensblick von oben auf den sündigen Menschen nach dem in den sechs Wochentagen vergossenen Schweiß seines Angesichts zugleich als tröstende Verheißung, „dass noch eine Ruhe vorhanden sei.“ Unser evangelischer Ruhetag geht den Wochentagen voran, als Tag der Versöhnung und der uns geschenkten Gerechtigkeit und Kindschaft. Er ist der Auferstehungstag unsers Herrn und Heilandes, und die Bürgschaft auch unserer Auferstehung; zugleich Siegel der vollendeten Erlösung. Wir feiern an ihm ein wöchentliches Osterfest, einen himmlischen Familientag. So versammeln wir uns auch in unserm Gotteshause nicht als die Pilger und Fremdlinge sondern als die Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen.1) An diesem Tag werden wir uns vor allen unsers innigen Verbandes, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, und durch welchen allein wir zum Vater kommen, und mit der Gemeine, die droben ist, und untereinander, als die Glieder eines Leibes, deren Namen im Himmel angeschrieben sind, lebendiger bewusst. So preisen wir den Herrn mit Danksagung und Gebet und geistlichen lieblichen Liedern, und er ist in unserer Mitte voll Gnade und Wahrheit, und lässt uns sein Evangelium vernehmen. Ja fürwahr, um des zu seinem Bild erschaffenen Menschen willen hat der Herr den Sabbattag gemacht, und durch sein Evangelium ihn zu einem Sonntag und Sonnentag erhöht, auf dass die Sonne der Gerechtigkeit über alle aufgehe, mit Heil unter ihren Flügeln. Unser Abschnitt gibt, uns, das Bild eines solchen Vereins, und zwar des allerersten in einem heidnischen Haus.

Apostelgesch. X, 23-33.
Des andern Tages zog Petrus aus mit ihnen, und etliche Brüder von Joppen gingen mit ihm. Und des andern Tages kamen sie ein gen Cäsarien. Cornelius aber wartete auf sie, und rief zusammen seine Verwandten und Freunde. Und als Petrus hineinkam, ging ihm Cornelius entgegen, und fiel zu seinen Füßen und betete ihn an. Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Stehe auf, ich bin auch ein Mensch. Und als er sich mit ihm besprochen hatte, ging er hinein, und fand ihrer Viele, die zusammen gekommen waren. Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, wie es ein ungewohntes Ding ist einem jüdischen Mann, sich zu tun oder zu kommen zu einem Fremdling; aber Gott hat mir gezeigt, keinen Menschen gemein oder unrein zu heißen. Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich bin hergefordert. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt lassen fordern? Cornelius sprach: Ich habe vier Tage gefastet bis an diese Stunde, und um die neunte Stunde betete ich in meinem Haus. Und siehe, da trat ein Mann vor mich in einem hellen Kleid. Und sprach: Corneli, dein Gebet ist erhört, und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. So sende nun gen Joppen, und lass herrufen einen, Simon, mit dem Zunamen Petrus, welcher ist zur Herberge in dem Haus des Gerbers Simon, an dem Meer; der wird dir, wenn er kommt, sagen. Da sandte ich von Stund' an zu dir. Und du, hast wohl getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier gegenwärtig vor Gott, zu hören alles, was dir von Gott befohlen ist.

Hier haben wir nun die ersehnte Ankunft des Apostels Petrus in dem Haus des Cornelius zu Cäsarien. Es war der vierte Tag, nachdem Cornelius durch den Engel den Befehl bekommen hatte, gen Joppen zu senden. Die Boten waren in einem Tag bis nach Joppe gekommen. Petrus beherbergte sie und begab sich dann des andern Tages mit den drei Boten und sechs Brüdern von Joppe, Gläubigen aus dem Judentum, auf den Weg. Nicht an demselben Tag, sondern erst am folgenden, den vierten, kamen sie an, und wurden mit großer Freude empfangen. Die Geschichte dieses Empfangs verdient unsere Aufmerksamkeit. Wir erblicken hier in dem Hauptmann und denen, die sich mit ihm in einem Sinn und zu gleichem Zweck versammelt hatten, eine kleine Gemeine, welche Wahrheit und Frieden suchen, und die, obwohl Heiden von Natur und ach, das sind wir alle uns zum Vorbild dienen können.

1.

Die beiden Hauptpersonen unserer Geschichte, der Römische Hauptmann und der Apostel des Herrn, treffen hier zusammen. In dem Ersten sehen wir das Bild der nach der Freiheit der Kinder Gottes sich sehnenden Menschheit, und der heilige Apostel stellt das von Himmel gekommene und Mensch gewordene selbstständige Wort und Leben dar, durch welches wir allein diese Freiheit erlangen können. Wir richten zunächst unsern Blick auf Cornelius, und auf sein Verlangen nach Wahrheit und Frieden.

1) Wir kennen den Hauptmann schon, und wissen, dass es ihm die allerwichtigste Herzensangelegenheit war, zur Erkenntnis und zum Besitz der Wahrheit zu kommen. Er war gottselig und gottesfürchtig; sein Herz und sein Blick war nach oben gerichtet; Gott und die unsichtbare Welt und die Gemeinschaft mit dieser und Friede mit Gott dies war das Trachten und Sehnen seiner Seele, desgleichen seines ganzen Hauses. Innerlich in einem jeden Menschen und in dem tiefen Grund seines Wesens liegt, wenn auch noch so sehr unterdrückt und verhüllt, das Samenkörnlein eines ewigen Wortes. Dies ist es, was den Menschen zum Menschen macht, und dessen auch der verwildertste und versunkenste sich nicht ganz entäußern kann; es ist zugleich das uns vertilgbare Zeugnis, dass Gott der Herr den Menschen zu seinem Bild schuf. Mag auch das innere Licht des Menschen durch sein Fleisch und Blut, und durch die Gewalt des Satans noch so sehr verfinstert sein; selbst diese Verfinsterung deutet auf ein nur verhülltes Licht, und der tiefste Aberglaube, der vor einem Stückchen Holz oder Metall kniet, zeugt von einem verloren gegangenen Glauben, einem unbewussten Sehnen und Suchen nach der Wahrheit. Es gibt keinen Menschen ohne Religion, so wie keinen ohne Gewissen, und kein Mutterherz ohne Liebe zu ihrem Kind. Wie der Herr Jesus die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Stummen redend machte, und selbst tote Leiber in's Leben zurückrief; so kann auch das gebundene und erstorbene ewige Wort im Menschen geweckt und belebt und von den Banden der Finsternis befreiet werden. Aber nur von Oben her, durch den Einfluss des göttlichen Lichts und der Kraft aus der Höhe kann dies geschehen. Das Licht und Wort Gottes kann nur das schlafende oder tote Wort im Menschen wecken. Der Anfang dieses Gotteswerks in dem Menschen ist, dass der Mensch des in dem Grund seines Wesens verborgenen Worts inne wird, und nach Hilfe und Licht von oben verlangt. Dies ist die erste Regung des verborgenen Samenkörnleins.

Aber der Mensch kann es dämpfen, wenn er die Finsternis mehr liebt, als das Licht, und zwar auf Zweierlei Weise, nämlich entweder, indem er sich gänzlich dem göttlichen Licht entzieht, und dem Sichtbaren und der Weltlust sich hingibt; oder indem er auf eigenem selbsterwählten Wege des göttlichen Lichts teilhaftig zu sein oder zu werden wähnt. Jenes erstere war die Weise des Heidentums, welches, der Welt und ihrer Lust sich hingebend, selbst die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes verweltlichte, und so von einer Finsternis zur andern bis zur Vertierung versank. Darum begann Paulus seine Predigt an diese mit Verkündigung des unbekannten lebendigen Gottes. Das andere war die Weise des pharisäischen verknöcherten Judentums, welches, von selbstsüchtigem Wahn verblendet, durch Äußere gesetzliche Werke gleichsam Gott selbst sich dienstbar zu machen und sein Heil zu schaffen glaubt. Daher die eigene Gerechtigkeit der Pharisäer, welche das Licht der Welt und das Evangelium bekämpfte, und die hartnäckiger, als das Heidentum, der Finsternis anhängt.

2) Unserm Cornelius waren die Schuppen des Heidentums, in welchem er geboren und erzogen war, längst von den Augen gefallen, und das Licht von oben hatte Zugang zu dem Grund seines Herzens gefunden. Er erkannte und verehrte den einen lebendigen Gott, und hatte jedes Mittel, welches ihm zunächst seine Bekanntschaft mit den Juden und ihren heiligen Schriften darbot, zur Befestigung und Vermehrung seiner Erkenntnis treulich benutzt. So war er, obwohl äußerlich samt seinem Haus dem Heidentum angehörig, innerlich im Geist und Glauben ein Jude. Aber jemehr er Gott und seine Offenbarungen erkannte, je inniger und lebendiger wurde sein Verlangen nach seiner Gnade und Gemeinschaft. Nicht auf eigenem selbsterwählten Weg suchte er das hin zu gelangen, sondern nach der Ordnung Gottes und seines Gesetzes, und in der Weise Israels, durch Fasten, Gebet und Almosen, also dass er auch bei dem Volk der Juden in gutem Ruf stand. Aber was half ihm dieses, so lange der Ruhm und die Gnade bei Gott ihm fehlte. Durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht vor Ihm; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Je größer die Anstrengung ist, das Gesetz zu erfüllen, um desto lebendiger erkennt der Mensch in dem Lichte des Gesetzes - denn auch das Gesetz ist ein göttlich Licht - wie ferne er noch stehe von dem wahrhaftigen Licht, in welchem kein Schatten, noch Finsternis ist; um desto lebendiger fühlt er das, was ihm mangelt, und dass es unmöglich sei, auf diesem Weg in ein Herzensbündnis mit dem Ewigen zu treten. „Aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben; und dasselbige nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken, dass sich nicht jemand rühme.“2)

Das war es, was auch Cornelius ahnte und empfand, nach dieser Gnade und Gabe Gottes verlangte seine Seele. So stand er und sein Haus da, wie jener Zollner im Tempel von ferne, unter der Last und unter dem Joche des Gesetzes, mühselig und beladen, hungernd und durstend nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und seufzend nach der Freiheit der Kinder Gottes. - Und sein Gebet und Sehnen, auch die Werke seiner Barmherzigkeit gegen die Armen, kamen in das Gedächtnis vor Gott, und ihm ward der Weg aufgetan zu seiner Gnade und Gemeinschaft. Petrus empfing den Befehl, diesen Fremdling in das Himmelreich einzuführen.

3) Cornelius aber wartete auf sie und rief zusammen seine Verwandten und Freunde. Wir sehen hier einen andern Simeon auf den Trost Israels warten; auch den Cornelius erfüllte der heilige Geist mit der Zuversicht, dass seine innigsten Wünsche ihm gewährt werden sollten. Dem Licht des Herrn und dem Aufgang aus der Höhe ging jederzeit ein leises Tagverkünden vorher. Cornelius berief alle seine Verwandten und Freunde, die mit ihm gleicher Hoffnung lebten, in seinem Hause beisammen. Die Freude und Hoffnung ist gesellig und teilt sich gern mit, und dieses um so mehr, je göttlicher sie ist; die evangelische Freude ist eine himmlische Familienfreude, und kann sich nicht - vereinsamen. Aber „Sie gleich gesinnten Freunde sollten nicht bloß an seiner Freude, sondern auch an dem geistlichen Segen in himmlischen Gütern, die er hoffte, Teil nehmen, und ihnen dasselbe Heil, wie ihm, wiederfahren. Wie mögen sie gewartet und sehnsüchtig von der Zinne des Hauses in die Ferne geschaut haben nach der lieblichen Füßen der Boten, die da Friede, die da Gutes verkündigen! Solche Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden.

4). Und siehe, als „Petrus nun hineinkam, ging ihm Cornelius entgegen, und fiel zu seinen Füßen und betete ihn an. Der letztere Ausdruck: „betete ihn an,“ heißt, nach morgenländischer Sprachweise, eigentlich: „neigte sein Angesicht zur Erde, so wie Josephs Brüder es vor Joseph und David vor dem Könige Saul tat.“ Es war die demütigste Begrüßung und tiefste Ehrfurchtsbezeugung, welche die Fürsten des Morgenlandes, selbst von fremden Gesandten, als ein ihnen gebührendes Vorrecht forderten, und die man allerdings auch bei dem Gebet zu Gott beobachtete; aber Anbetung war dieses eben so wenig, als die bei uns gewöhnliche Hauptentblößung oder das Niederknieen die Anbetung selbst ist.

Dass Cornelius, ein Römer, sich zu dieser morgenländischen Sitte aus freien Stücken bequemte, war Ausdruck und Zeichen der innigsten Verehrung des Apostels. Wer möchte den demütigen Mann hierüber richten? Er tat, was ihm sein volles Herz gebot, und dieses war es, was ihn auf das Knie und das Angesicht warf. Er sah in dem Apostel, was er war, einen Gesandten des lebendigen Gottes, und einen Diener und Jünger des Herrn, der ihm Heil und Frieden, Leben und volle Genüge bringen sollte. Wenn also die Seele überströmt wird von Gnade und Segen, was Wunder, dass sie dann den Leib in den Staub wirft, und selbst zwischen dem Gesandten und dem, der ihn sendet, nicht unterscheidet! So müssen wir eingestehen, dass es recht und wohlgetan war, wenn Cornelius dem Apostel zu Füßen fiel und sein Haupt vor ihm neigte.

Aber Petrus erfüllte auch, als ein Diener des Herrn, alle Gerechtigkeit, indem er den Cornelius aufrichtete mit den Worten: Stehe auf, ich bin auch ein Mensch. So taten auch Paulus und Barnabas, als das Volk und die Priester in Lystra ihnen, als Göttern, opfern wollten. Sie zerrissen ihre Kleider und riefen: „Wir sind sterbliche Menschen, wie Ihr, und verkündigen euch das Evangelium.“3) So gebot der Engel des Herrn, vor welchem Johannes auf Patmos sich niederwarf: diese Ehre solle er allein Gott erweisen. „Denn ich bin dein Mitknecht.“ Petrus folgte dem Vorbild seines Herrn auch darin, dass er nicht seine eigene Ehre suchte, sondern die Ehre dessen, der ihn gesandt hatte.

Je näher wir Gott kommen und stehen, und je mehr wir seine Gnade erfahren und empfinden, um desto demütiger werden wir sein. Wie könnte in dem Licht seiner Gnade und seines Angesichts ein Mensch etwas sein und sich dünken wollen? Wo Eigendünkel, Stolz und Hochmut ist - sei es, von welcher Art es wolle: Jugendstolz, Vernunft- und Weisheitsstolz, oder sonst welcherlei Art hoffärtigen Wesens da ist nicht der Herr und sein Geist. Und wo dieser Geist, der allerdemütigste, fehlt, da ist nichts Sein.

5) Nun tritt der Apostel mit dem Hauptmann, nachdem er sich mit ihm besprochen, in den Saal der Versammlung, wo viele zusammengekommen waren, die also eine kleine Gemeine heilsbegieriger Heiden bildeten, zu welcher sich die sechs Begleiter des Apostels aus Joppen, Gläubige aus dem Judentum, gesellten. Lieblicher Verein, wie bisher noch nie einer gewesen war! Kleines Bild des großen heiligen Bundes, der von nun an sich über die ganze Erde verbreiten, und alle Völker, Farben und Zungen in sich aufnehmen, und durch das Band des Glaubens zu einer Behausung Gottes im Geist vereinigen sollte!

Mit ehrerbietigem Schweigen empfangen sie den Apostel, und er nimmt das Wort, ihnen Vertrauen einzuflößen, und spricht: Ihr wisst, wie es ein ungewohntes Ding ist einem jüdischen Mann, sich zu tun oder zu kommen zu einem Fremdling; aber Gott hat mir gezeigt, keinen Menschen gemein oder unrein zu heißen. Darum habe ich mich nicht geweigert, zu kommen, als ich bin hergefordert. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt lassen fordern. Freilich, dass es ein ungewohntes Ding sei einem jüdischen Mann, in Gemeinschaft zu treten mit Heiden, dass wusste Cornelius und seine Freunde. Denn die Satzungen der Schriftgelehrten hatten das göttliche Verbot der Gemeinschaft mit den gottlosen Kanaanitern aufs Höchste übertrieben, also dass es zur Zeit des Herrn für eine Verunreinigung gehalten wurde, auch nur das Haus eines Heiden zu betreten. Dieser feindselige Wahn sollte nun verschwinden vor dem Wort des Friedens. Der Herr Jesus selbst hatte hiermit schon den Anfang gemacht, und, wie Er jedes seiner Worte, das er gesprochen, durch Handlung und Tat bekräftigte, sich Samaritern und Heiden freundlich zugewendet. Petrus beruft sich dabei auf die Offenbarung und den Befehl Gottes, die ihm in dem Gesicht, zu Joppen geworden waren, und Cornelius antwortet in gleicher Weise, und beruft sich auf die Offenbarung, und den Befehl, welche auch ihm in einem Gesicht gegeben waren, dass er Petrus solle rufen lassen. Du hast wohl getan, schließt er, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier gegenwärtig vor Gott, zu hören alles, was dir von Gott befohlen ist.

6) Wie einfach und wahr bezeichnet der Hauptmann Cornelius den Zweck der Versammlung in seinem Haus mit den Worten: Wir stehen vor Gott, um von dir zu hören das Befohlene von Gott. Es ist, wie bei jenem Hauptmann im Evangelio, die Sprache eines Kriegesmanns, der vor seinem Feldherrn steht, um aus dessen Mund die Befehle seines Königs zu vernehmen. Vor Gott; es könnte auch heißen vor dir, als dem Gesandten Gottes, der in seinem Namen kommt; aber ehrerbietiger ist das Wort: vor Gott. Ebenso sagt der Apostel Paulus von sich und seinen Mitaposteln: „als aus Gott vor Gott reden wir in Christo.“4)

Cornelius bezeichnet mit diesen seinen kräftigen Worten das Wesen und den Zweck einer festlichen Versammlung. Wir sind, wenn wir uns zu gemeinsamer Verehrung Gottes im Geist und in der Wahrheit vereinen, gegenwärtig vor Gott, dem himmlischen Vater. Seitdem die Gnade Gottes erschienen ist allen Menschen, und Gott in Christo die Welt versöhnt hat mit ihm selber, hat auch die gemeinsame Anbetung Gottes eine ganz neue Gestalt bekommen. Der prachtvollen Tempel, gleichsam Paläste des Ewigen, bedarf es nicht mehr; sondern nur eines Hauses des Herrn, wo Seine Ehre wohnt, gleichviel, ob klein oder groß; das Dorfkirchlein steht dem umfassendsten Gebäude an Würde nicht nach. Hier ist kein Vorhang, der den Gnadenstuhl verhüllt, kein Heiligtum, das, abgesondert, nur den geweihten Priester den Zugang verstattet; kein Vorhof, wo das Volk draußen und von ferne stehen musste. Nein, der Vorhang ist zerrissen und die hemmenden Schranken hinweggehoben; ein lebendiger Weg in das Heilige, das droben ist, steht allen offen; wir haben einen Hohenpriester, der höher, denn der Himmel ist, Jesus Christus zur Rechten des Vaters, der uns mit seinem Blut erkauft und rein gewaschen hat von unsern Sünden. Wir sind sein Volk und Eigentum, ein hohenpriesterlich königliches Volk, berufen von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Und wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er in ihrer Mitte. So erscheinen wir vor Ihm zu seiner Verehrung nicht als die Gäste und Fremdlinge, sondern als die Mitbürger der Heiligen, die droben sind, als Gottes Hausgenossen, zwar noch auf dem Weg zum Vaterhaus, aber fröhlich in Hoffnung, und unsers himmlischen Erbes sicher und gewiss. „Seht, welch' eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder sollen heißen.“

Wir sind gegenwärtig, spricht Cornelius, zu hören alles, was dir von Gott anvertraut und befohlen ist. Was Cornelius aus dem Mund eines Apostels zu hören begehrte, dies alles haben wir in dem Wort, das uns verkündigt ist, wo uns reichlich dargereicht wird die heimliche verborgene Weisheit, die Gott offenbart hat zu unserer Herrlichkeit. Es ist das Wesen des Wortes Gottes, als eines Lichts, dass es allenthalben hin sich zu verbreiten, zu erleuchten und zu segnen sucht, auf dass es von jedem empfangen, alle durch dasselbe erleuchtet, geheiligt und mit Gott dem himmlischen Vater in Christo; und in ihm unter einander als die Kinder des Lichts zu einer heiligen Gemeinschaft vereinigt werden. Dies ist auch der Zweck der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums; eine Anordnung des Herrn selbst und zu dem Wesen des Evangeliums, wie dessen Name besagt, notwendig gehörig. Dazu dienen unsere Versammlungen in dem Gotteshaus, wo wir sichtbarlich inne werden sollen, dass wir einen Gott haben, den Vater, von welchem alle Dinge sind und wir in ihm, und einen Herrn Jesum Christ, durch welchen alle Dinge sind und wir durch ihn und wo wir als Kinder des einen Vaters, als Glieder eines Leibes, wovon Christus das Haupt ist, und als Genossen eines Himmelreichs uns fühlen und erkennen sollen. Wie viel größere Ursache, als David, der das zukünftige Heil nur von ferne sah, haben wir Christen, unserer schönen Gottesdienste zu rühmen, und einen Tag in dem Haus unsers Gottes höher zu preisen, denn sonst tausend. „So lasst uns denn kommen“ ruft der Evangelist unter den Propheten des Alten Bundes uns zu „und lasst uns gehen auf den Berg des Herrn und zu dem Haus des Gottes Jakob, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Stegen“ als „die wahrhaftigen Anbeter,“ wie der Vater sie haben will.

Die Versammlung in dem Hause des Cornelius stellt uns ein schönes Vorbild solches Vereins, wie er bald überall unter den Heiden entstehen sollte, vor Augen. Inniges sehnsüchtiges Verlangen nach dem Licht, das von oben kommt, demütiges Gefühl eigener Armut vor Gott, heilige Ehrerbietung vor dem Wort des ewigen Lebens, und dem Boten des Herrn, der es verkündigte, kindlicher Glaube, womit sie an den Lippen des Apostels hingen - dies waren die Empfindungen, von welchen Cornelius und die Seinigen durchdrungen waren. Und so wie sie nun in wunderbarer Einfalt das Wort der Wahrheit aus seinem Mund empfingen, wuchs in ihnen der Glaube, und Friede und Freude erfüllte ihre Herzen und Seelen.

So ward hier das Wort des Herrn erfüllt: „Wer meine Rede hört und tut sie, der ist gleich einem klugen Mann, der sein Haus auf einen Felsen baute; und als nun ein Platzregen fiel, und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht; denn es war auf einen Felsen gegründet.“

O lieblicher Anblick des ersten auf Felsen gegründeten Hauses, welches der Herr aus Wahrheit und Friede suchenden Herzen, als lebendigen Steinen sich mitten im Heidentum erbaute! Sa selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.

1)
Eph. 2,19
2)
Eph. 2,8.9.
3)
Apg. 14,15
4)
2. Kor. 2,17