(1) Wohl denen, die ohne Wandel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln. (2) Wohl denen, die seine Zeugnisse halten, die ihn von ganzem Herzen suchen. (3) Denn welche auf seinen Wegen wandeln, die tun kein Übels. (4) Du hast geboten, fleißig zu halten deine Befehle. (5) O dass mein Leben deine Rechte mit ganzem Ernst hielte! (6) Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zu Schanden. (7) Ich danke dir von rechtem Herzen, dass du mich lehrest die Rechte deiner Gerechtigkeit. (8) Deine Rechte will ich halten; verlass mich nimmermehr.
Dieser 119. Psalm, von dem wir soeben einen kleinen Anfang gelesen, heißt seit alter Zeit das goldene ABC Davids. Es ist nämlich im Hebräischen dieser Psalm in der Art nach dem Alphabet gedichtet, dass von den 176 Versen desselben allemal acht zusammengehören, welche jedes Mal mit demselben Buchstaben anfangen, die ersten acht mit dem hebräischen A, die zweiten acht mit dem hebräischen B und so fort allemal acht Verse für jeden der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Etwas entfernt Ähnliches haben wir in unserem Gesangbuch an dem Lied: Befiehl du deine Wege! - wo jeder Vers mit einem Wort aus dem Spruch: Befiehl du deine Wege! beginnt, so dass die zwölf Verse zusammen mit ihren Anfangsworten diesen Spruch wieder geben.
Aber nun, wird vielleicht eins sagen: ein Psalm von 176 Versen das ist doch zu viel! Wovon können alle diese Verse handeln? Gibt's denn einen Gegenstand, der so reichhaltig wäre, so mannigfaltig, so vielseitig, dass man 176 Verse darüber machen kann, ohne dass der Dichter müde wird oder wenigstens der Zuhörer? Oder ist denn dieser Psalm ein buntes Allerlei, wo alles Mögliche aneinandergereiht ist ohne Zusammenhang?
Der Psalm hat nur einen Gegenstand, von dem er handelt; aber dieser Gegenstand ist so groß, so tief, so reich, so schön, dass man zu seinem Lob wohl alle Buchstaben des ABC achtmal verbrauchen kann; dieser Gegenstand ist Gottes Wort, dessen Vortrefflichkeit und Wohltätigkeit unser Psalm besingt. Ein persischer Dichter hat, ich weiß nicht wieviel hundert Sinngedichte und Reimsprüche auf eine einzige Blume, auf die Rose gemacht und in jedem sagt er wieder etwas Neues, Treffendes zu ihrem Lob. Das Wort Gottes ist ja aber doch noch mehr als eine hundertblättrige Rose oder Centifolie - es leuchtet noch lieblicher, es duftet noch süßer, es blüht noch länger. Das Wort Gottes ist mehr als ein funkelnder Brillant, der in allen Farben blitzt, je nachdem man ihn dreht und wendet. Wieviel Seiten kehrt es uns zu, bald in Ernst, bald in Freundlichkeit, bald lehrt es, bald erzählt es, bald mahnt es, bald warnt es, bald straft es, bald tröstet es, bald verheißt es, bald droht es, bald spricht's einfältig, dass ein Kind es versteht, bald spricht's in Rätseln, dass auch die Weisesten es nicht zu ergründen vermögen!
So betrachtet denn auch unser Psalm das Wort Gottes nach seiner vielseitigen Bedeutung und seinem Gebrauch und knüpft daran bald Lehre und Betrachtung, bald Gebot und Vermahnung, bald Klage und Bußbekenntnis, bald Gebet und Gelübde- und weiß bis zum Ende uns immer wieder etwas Neues und Erbauliches zu sagen, wenngleich kein bestimmter Plan und Gedankengang durchs Ganze hindurchläuft. So darf uns also nicht bange sein, als müssten wir ermüden an diesem Psalm, sondern wir wollen munter hineintreten wie in einen bunten Blumengarten und nur dabei die Bitte zum Herrn richten, die auch in diesem Psalme selber uns begegnet: „Öffne uns die Augen, dass wir sehen die Wunder in deinem Gesetz!“ Also:
Ein Lob des göttlichen Wortes
ist's, das wir vernehmen. Und zwar schon in den acht ersten Versen des Psalms (im A des hebräischen Alphabets) können wir allerlei Gutes und Schönes lernen von der Vortrefflichkeit des göttlichen Worts und von seinem rechten Gebrauch. Es ist hauptsächlich eine vierfache Bedeutung und ein vierfacher Segen des göttlichen Worts, den wir in diesen Versen angezeigt finden; eine vierfache Antwort auf die Frage: Was haben wir an Gottes Wort? Wir haben dran:
Das finden wir ausgesprochen besonders V. 1 und 3.
V. 1: „Wohl denen, die ohne Wandel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln.“ V. 3: „Denn welche auf seinen Wegen wandeln, die tun kein Übels.“ Willst du eine feste Richtschnur für deinen Wandel in dieser wandelbaren Welt, eine feste Richtschnur, nach der du dich richten kannst, wenn alles sonst in dir und um dich wankt und wechselt, so halte dich an Gottes Wort. Wie unbeständig ist der Menschen Sinn! Deine eigenen Gedanken und Ansichten verändern sich von Jahr zu Jahr; deine eigenen Wünsche und Neigungen wechseln von Tag zu Tag; und wenn du nur nach deinem eigenen Sinne dich richtest, so bist du ein Spielball deiner Leidenschaften. In der Welt um dich her wechselt auch alles: wie wetterwendisch ist die Welt in ihrem Urteil; wie wandelbar ist die Mode; wie veränderlich ist der Zeitgeist: wie oft muss der die Farbe wechseln und den Sinn ändern, der sich richtet nach der Meinung der Leute; er ist wie ein Rohr, das vom Winde hin und her geweht wird. Darum wohl denen, die ohne Wandel leben, die unwandelbar nach dem Gesetz des Herrn sich richten. Gottes Wort wechselt die Farbe nicht. Es sagt dir heute noch das nämliche wie in deinen Kinderjahren. Es macht dir im Unglück dasselbe Gesicht wie im Glück. Er redet mit dem Höchsten dieselbe Sprache wie mit dem Geringsten. Es spricht heute noch gerade so wie vor zweitausend und dreitausend Jahren zur Zeit Davids oder Mosis und steht fest wie ein Fels im Strome menschlicher Meinungen und Leidenschaften. - Wer nach seines eigenen Herzens Gelüsten oder nach dem Willen und Gutdünken der Welt sein Leben einrichtet, der geht tausendmal irr und fällt in Sünde und Schande. Wie oft betrügt uns unser Herz und reißt uns hin, etwas zu tun, was nicht recht ist und was wir nachher bitter bereuen! Wie oft verführt uns die Welt und lässt uns, wenn wir ihrem Beispiel und Rat gefolgt, stehen in Schaden und Schande, und wenn wir unsere Not ihr klagen, dann heißt's wie dort bei dem reuigen Judas: Was geht das uns an, da siehe du zu! Aber Gottes Wort gefolgt zu haben, das hat noch keiner bereut im Leben und im Sterben. Keiner noch von Josefs Zeiten bis auf diesen Tag Hat jemals sich zu beklagen gehabt: Es ist mein Schaden und mein Unglück gewesen, dass ich mich gehalten habe nach Gottes Wort. Wohl aber Tausende haben schon geklagt mit bitteren blutigen Tränen: Ich war ein Tor, dass ich mich nicht gehalten nach Gottes Wort; ich könnte glücklich sein hier, ich könnte selig werden dort, ich hätte mein reines Gewissen noch, ich hätte meinen gesunden Leib noch, ich hätte meinen guten Namen noch, ich hätte mein Erbe im Himmel noch, wenn ich mich gehalten hätte nach Gottes Wort, das ich wusste von Kindauf: „Denn welche auf seinen Wegen wandeln, die tun kein Übles.“ Darum sei sein Wort die unwandelbare Richtschnur unseres Wandels und unsere tägliche Bitte in dieser versuchungsvollen Welt:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ,
weil es nun Abend worden ist,
Dein göttlich Wort, das helle Licht
lass ja bei uns auslöschen nicht.
Und warum ist es so ein helles Licht, das Wort Gottes? Weil es ein Abglanz ist des ewigen Lichts. Warum haben wir eine untrügliche Richtschnur unseres Wandels am Worte des Herrn? Weil wir dran haben:
„Wohl denen, die seine Zeugnisse halten,“ heißt's V. 2, „die ihn von ganzem Herzen suchen.“ Zeugnisse Gottes heißen noch häufig in diesem Psalm und im Alten Testament überhaupt die Worte des Herrn, die heiligen Schriften. Und das sind sie auch. Sie sind Ausstrahlungen des ewigen Lichtes; sie sind Offenbarungen des verborgenen Gottes, der in einem Lichte wohnt, da niemand zukommen kann; sie sind ein Brief, den der himmlische Vater aus dem Vaterhaus herniedergesendet hat seinen Kindern in der Fremde. Was wüssten wir in dieser untern finstern Welt viel von dem Vater des Lichts, von dem Erhabenen, der in der Höhe und im Heiligtum wohnt, welchen kein Mensch gesehen hat noch jemals sehen wird, wenn er nicht in seinem Wort uns Urkunde gegeben hätte von seinem Dasein und seinem Willen, ein Zeugnis gegeben hätte, dass er ist und was er ist und was er will und was er tut. Gottlob, dass wir diese Zeugnisse haben; nun wissen wir von ihm, nun können wir selige Blicke tun in seine Ratschlüsse und Gedanken, in seine Werke und Wege, von der Schöpfung bis zur Vollendung seines Reiches; nun sehen wir hinein in sein innerstes Vaterherz und wissen von Geheimnissen, in welche selbst Engel gelüstet zu schauen.
Wohl denen, die seine Zeugnisse halten (in Ehren halten) und die ihn von ganzem Herzen suchen. Wenn mir nun bange wird in dieser Welt, wie einem Kind in der Fremde, dann darf ich nur Gottes Wort zur Hand nehmen und ich bekomme wieder Zeugnis: Es ist ein Gott, ein allmächtiger, allgegenwärtiger, heiliger und barmherziger Gott! Wenn ich verzagt bin in allerlei Nöten und Trübsalen, dann gibt Gottes Wort mir Zeugnis: Der Herr kennt die Seinen. Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, ich bin dein Gott. Wenn meine eigene Sünde mich drückt und mein schwaches Herz verzagen will, dann bekomm ich in meiner Bibel das Zeugnis: Du bist Gottes Kind; dann les ich im Brief des himmlischen Vaters wieder so trostvolle Stellen wie die: Ich habe dich je und je geliebt; und: Gott will, dass allen Menschen geholfen werde; und: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab. Ja, wie man in finsterer Nacht gern ausblickt zum sternhellen Himmel und diese Sterne geben uns Zeugnis: Da droben wacht ein himmlischer Vater, da droben ist eine höhere Welt, eine Welt des Lichts und des Lebens, so gibt Gottes Wort uns Zeugnis von einem Reich des Lichts über uns und von dem Vater des Lichts und von seinem Sohne Jesu Christo, der da ist das Licht der Welt, und vom Erbteil der Heiligen im Licht, dazu auch wir berufen sind. Darum wollen wir uns recht gläubig halten an diese Zeugnisse von oben; wollen recht fleißig aufblicken zu diesen Sternen der göttlichen Offenbarungen und Verheißungen; wollen recht herzlich bitten in dieser dunkeln Welt:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ,
weil es nun Abend worden ist,
Dein göttlich Wort, das helle Licht
lass ja bei uns auslöschen nicht.
Aber wir haben noch mehr an Gottes Wort. Nicht nur Offenbarungen und Zeugnisse, sondern auch:
V. 4: „Du hast geboten, fleißig zu halten deine Befehle.“ V. 6: „Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zu Schanden.“ Nicht nur Klugheitsregeln für unser Leben, nicht nur Belehrung für unsern Verstand, nicht nur Trost für unser Herz empfangen wir in Gottes Wort, sondern auch heilige Gebote des allmächtigen und alleingewaltigen Gottes. Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen; denn ich bin der Herr, dein Gott!
So sprach einst am Sinai der Heilige in Israel, und auch zum Volke des neuen Bundes spricht der Herr: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen; und: Tue das, so wirst du selig; und: Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget. Das wollen wir uns immer aufs Neue wieder sagen: Es ist nicht genug, dass ich Gottes Wort höre mit meinen Ohren, oder lese mit meinen Augen; nicht genug, dass ich's verstehe mit meinem Verstande; nicht genug, dass ich's behalte in meinem Gedächtnis; nicht genug, dass ich's empfinde in meinem Herzen; nicht genug, dass ich's nachspreche mit meinem Munde: ich muss es auch halten mit meinem Wandel; muss danach tun, damit man an meinen Früchten mich erkenne als einen guten Baum. Denn dazu hat der Herr sein Gebot gegeben schon im alten Bunde, dazu hat unser. Herr und Heiland sein neues Testament eingesetzt und uns erlöst vom Fluch des Gesetzes und uns sein Vorbild gelassen und uns seinen Geist gegeben, damit er ihm reinigte ein Volk zum Eigentum, das da fleißig wäre zu guten Werken. Und auch dazu, zum Fleiß in guten Werken wollen wir ihn bitten um seines Wortes Licht, um seines Geistes Kraft und sprechen:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ,
weil es nun Abend worden ist,
Dein göttlich Wort, das helle Licht
lass ja bei uns auslöschen nicht.
Umso mehr denn nach diesem Wort werden wir einst gerichtet werden. Das ist der vierte Gedanke, den wir in unsern Versen finden. Wir haben in Gottes Wort auch:
V. 5: „ dass mein Leben deine Rechte mit ganzem Ernste hielte!“ V. 7: „Ich danke dir von ganzem Herzen, dass du mich lehrest die Rechte deiner Gerechtigkeit. V. 8: „Deine Rechte will ich halten, verlass mich nimmermehr.“ Gottes Rechte sind in diesem Buch da enthalten. Die Rechte, auf die er hält, die er durchführt, auf die seine ganze Reichs- und Hausordnung gegründet ist, nach denen er die Welt einst und mich und dich und uns alle richten wird. Das Wort, welches ich geredet habe, das wird euch richten am jüngsten Tage, spricht unser Herr und Meister. Unser Glück oder Unglück schon hienieden, unser ewiges Heil oder Unheil ist zum Voraus niedergelegt in diesem Gesetzbuch, das die ewigen Rechte Gottes enthält, nach denen er die Welt regiert und die Welt einst richten wird. Wenn wir das bedenken, Geliebte, sollte uns dann nicht allen der Wunsch recht nahe liegen, V. 5, und der Dank recht von Herzen kommen, V. 7, und der Vorsatz sich dran knüpfen und die Bitte, V. 8?
Ja, Herr, wir danken dir für die teure Gabe deines Worts, welches uns kann unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum und wir bitten dich: Vergib uns so viel Kaltsinn, Undank, Unglauben und Ungehorsam, womit wir dieses kostbaren Kleinods uns so oft unwert gemacht haben; wir bitten dich, schreibe dein Wort uns je mehr und mehr in unser Herz und hilf uns, ihm nachzuleben. Dann wird es uns ein Licht sein auf allen unsern Wegen, ein Licht, das uns leuchtet durch die Finsternis dieser Welt ins himmlische Vaterland. Und darum schließen wir, o Herr, wie wir begonnen:
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ,
weil es nun Abend worden ist,
Dein göttlich Wort, das helle Licht
lass ja bei uns auslöschen nicht.
Amen.
(9) Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinen Worten. (10) Ich suche dich von ganzem Herzen; lass mich nicht fehlen deiner Gebote. (11) Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, auf dass ich nicht wider dich sündige. (12) Gelobt seist du, Herr! Lehre mich deine Rechte. (13) Ich will mit meinen Lippen erzählen alle Rechte deines Mundes. (14) Ich freue mich des Weges deiner Zeugnisse, als über allerlei Reichtum. (15) Ich rede, was du befohlen hast, und schaue auf deine Wege. (16) Ich habe Lust zu deinen Rechten, und vergesse deiner Worte nicht.
Es ist ein bekannter Ausspruch des guten Königs Heinrich IV. von Frankreich, er wolle nicht ruhen, bis es so weit gekommen sei in seinem Lande, dass auch der ärmste Bauer am Sonntag sein Stück Fleisch im Topfe habe. Gar oft schon hat man diesen Ausspruch angewendet auf die Bibelsache und gesagt: Die Bibelfreunde und Bibelgesellschaften dürften auch nicht ruhen, bis sie es so weit gebracht haben, dass auch der ärmste Mann seine Bibel im Haus habe.
Bei uns zu Land wird es nahezu so weit gekommen sein durch fast fünfzigjährige Bemühungen unserer Bibelgesellschaften, dass man auch im ärmsten Haus die Bibel hat oder wenigstens haben kann. Aber warum ist denn doch trotz unserer vielen und schönen und wohlfeilen Bibeln so wenig Erkenntnis und so wenig Kraft und so wenig Segen des göttlichen Worts unter unserem Volk? Weil es nicht genug ist, dass man die Bibel hat, sondern weil weiter dazu gehört, dass man die Bibel auch braucht; weil die Bibel nicht bloß ins Haus gehört und in den Kasten, sondern auch in die Hand und in den Kopf und ins Herz und auf alle unsere Wege. Wir wollen deswegen dankbar erwägen, was unsere vorhin verlesenen acht Verse uns lehren über:
Den rechten Gebrauch des göttlichen Worts,
wie es uns insbesondere werden soll:
1) Eine sichere Leuchte unserer Füße;
2) Ein kostbarer Schatz unseres Herzens;
3) Ein freudiges Bekenntnis unserer Lippen.
Dass das Wort Gottes eine sichere Leuchte unserer Füße sein will und sein soll, das sagt uns gar schön:
V. 9: „Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinen Worten.“ Es ist ja vor allem die Jugend, die eine Leuchte nötig hat für ihre Füße auf dem schlüpfrigen Pfade durch diese versuchungsvolle Welt, die einen Wegweiser braucht bei so viel Verlockung von außen und von innen. Denn das Sprichwort sagt nicht mit Unrecht: Jugend hat nicht Tugend, und Gottes Wort selber bezeugt es: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Darum selig der Jüngling, dem wie dem jungen Tobias ein treuer Vater oder eine fromme Mutter auf seine Wanderschaft den goldenen Denkspruch mitgeben: Dein Leben lang habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte dich, dass du in keine Sünde willigest, noch tuest wider Gottes Gebot. Selig der Jüngling, der wie der junge Josef mitten unter den Verlockungen der Welt an Gott gedenkt und an seine heiligen Gebote und mit frommer Scheu spricht: Wie sollte ich ein solch großes Übel tun und wider Gott sündigen? wieviel besser wäre es um unsere Jugend bestellt, wieviel unsträflicher würden unsere Söhne und Töchter ihre Wege gehen, wenn sie sich hielten an Gottes Wort und nach Gottes Wort, wenn nicht so viele nach den Schuljahren mit ihren andern Schulbüchern auch die Bibel beiseite würfen und nach der Konfirmation der Kirche und dem Altar für immer den Rücken wendeten! Wenn jeder Handwerksbursch auf seine Wanderschaft, jeder Student auf die Hochschule, jeder Soldat zum Regiment, jede Magd in ihren Dienst auch ihre Bibel in der Tasche und Gottes Wort im Herzen mitnähmen, das wäre ein gutes Wanderbuch, das würde ihnen den rechten Weg zeigen, würde sie vor vielen Sünden bewahren, aus manchen Nöten erretten und wohlbehalten an Leib und Seele wieder heimbringen! In der mörderischen Schlacht bei Waterloo wurde ein junger englischer Offizier von einer Flintenkugel mitten auf die Brust getroffen und sank bewusstlos zu Boden. Man trug ihn für tot weg. Aber in wenigen Minuten schlug er die Augen wieder auf und fühlte sich heil und unversehrt. Die Kugel, die ihn gerade ins Herz hätte treffen müssen, war stecken geblieben in einem Neuen Testamentlein, das er in der Brusttasche seines Rockes trug. Das leibliche Wort Gottes hatte ihm das leibliche Leben gerettet. Und was das Wort Gottes hier durch eine merkwürdige Fügung leiblich getan, das könnte es an tausenden geistlich ausrichten, nämlich ihr Herz bewahren vor dem Argen und als ein undurchdringlicher Schild zu Schanden machen die feurigen Pfeile des Bösewichts. Aber ach! wie manches junge Blut geht hinaus in die Welt und ihre Gefahren und Versuchungen ohne den Führer des göttlichen Worts! Wenn man nachsuchte in den Wanderränzlein unserer Handwerksburschen: wie manchmal würde man drin wohl schlechte Schriften finden, Schand- und Schmutzblätter, ausgestreut von losen Verführern, aber wie selten ein Neues Testament oder ein Gebetbüchlein! Wenn man nachsähe in den Kammern unserer Dienstmägde: ein Spiegelein, das leibliche Antlitz zu beschauen, hängt wohl überall an der Wand; aber den hellen Spiegel des göttlichen Worts, davor sein geistlich Antlitz manchmal zu prüfen, da am Sonntag wenigstens hineinzuschauen in einer freien halben Stunde - ach den findet man nicht überall. Und unsere studierende Jugend, wie hochmütig blickt sie in ihrem Leichtsinn oder in ihrem Wissensstolz meist herab auf das einfältige Bibelbuch, das heute noch den Griechen, d. h. den Weisen und Gebildeten eine Torheit ist. Und unsere Mädchen und Jungfrauen, wie oft verderben sie sich mit dem süßen Futter der Romane, die man täglich auf ihren Tischen findet, den geistigen Magen und verlieren darüber den Geschmack an der gesunden Speise des göttlichen Worts, an der Arbeit, am Ernste des Lebens! Darum ist so viel kränkliches und schwächliches Wesen auf der einen und so viel Ausgelassenheit und Zuchtlosigkeit auf der andern Seite bei unserer Jugend, weil ihr ekelt vor der gesunden Nahrung des göttlichen Worts, wie den Israeliten in der Wüste vor dem Manna! Darum ist es so eine heilige Pflicht aller Eltern: Pflanzet euern Kindern frühe schon Ehrfurcht vor Gottes Wort, Geschmack an Gottes Wort, Liebe zu Gottes Wort ins Herz, nicht nur durch Ermahnung, sondern vornehmlich durch euer eigenes Beispiel, durch gemeinsames Gebet und häusliche Erbauung, wie durch fleißigen Kirchenbesuch.
Überhaupt geht dieser Spruch uns alle an: „Wie kann ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinen Worten.“ Ist auch wahrscheinlich kein einziger Jüngling jetzt hier unter uns: es gilt auch den Jungfrauen und Frauen, es gilt auch dem Mann und dem Greise: Willst du deinen Weg unsträflich gehen in dieser Welt und ein unbeflecktes Gewissen in dir tragen, halte dich an Gottes Wort und lass es deines Fußes Leuchte sein auf allen deinen Wegen. Wohl dem, der schon in der Jugend dieser Leuchte gefolgt ist; er wird ohne Reue mit Freuden zurückdenken an den Frühling seines Lebens und wird auch in späteren Jahren, beim Ernste des Lebens, in den Tagen, die uns nicht gefallen, dieses Wort Gottes immer lieber gewinnen, immer besser verstehen, immer seliger erproben als den besten Freund und Wegweiser durch diese Welt. Wohl dem, der, wenn er's auch früher versäumt, wenigstens später noch einsieht: Ja, Gottes Wort ist das rechte Licht auf allen unsern Wegen; und lässt sich von ihm noch weisen auf den Pfad des Friedens, solang er auf dem Wege ist.
Was wir wollen, was wir handeln nach Beruf, nach Stand und Pflicht,
Wo wir leben, wo wir wandeln, leitet uns dies Lebenslicht;
Dieses lässt treue Seelen nie den rechten Weg verfehlen,
Gott, wer deinem Unterricht redlich folgt, der gleitet nicht!
Soll's aber diesen Dienst uns tun, so müssen wir Gottes Wort auch recht wohl zu Herzen nehmen. Darum preist es uns der Psalmist weiter:
Als einen kostbaren Schatz unseres Herzens. Darauf deuten die folgenden Verse, namentlich:
V. 10: „Ich suche dich von ganzem Herzen; lass mich nicht fehlen deiner Gebote.“ V. 11: „Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, auf dass ich nicht wider dich sündige.“ V. 14: „Ich freue mich des Weges deiner Rechte als über allerlei Reichtum.“ V. 16: Ich habe Lust zu deinen Rechten und vergesse deiner Worte nicht.“ Von Herzen Gottes Wort suchen, zu Herzen Gottes Wort nehmen, im Herzen Gottes Wort behalten als einen teuren, unverlierbaren Schatz; das ist's, worauf alle diese Sprüche hinauslaufen. Gottes Wort gehört ins Herz; erst wenn es da hineingegangen ist, so ist es unser geworden, so haben wir etwas dran.
Was hilft es, wenn es bloß den Weg in die Ohren findet, zum einen Ohr hinein und zum andern hinaus, wie bei so manchem vergesslichen Hörer! Was hilft's, wenn wir's bloß mit den Augen lesen, nur damit wieder ein Kapitel absolviert ist, nur damit wieder ein Blatt umgewendet werden kann, wie bei so manchem gedankenlosen Leser! Was hilft's auch, wenn wir's im Kopfe haben und im Gedächtnis behalten, wie ein Schulkind sein Sprüchlein lernt und versteht nicht, was es hersagt! Was hilft es selbst, wenn wir's mit dem Verstande verstehen, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten! Was hilft es, wenn wir's täglich im Munde führen, wie die Maulchristen und frommen Schwätzer und es kommt nicht von Herzen und geht nicht zu Herzen, unser Herz wird nicht dadurch getroffen, erleuchtet, bekehrt, geheiligt, getröstet und beseligt!
Darum, „ich suche dich von ganzem Herzen,“ muss es bei uns heißen, so oft wir Gottes Wort hören oder lesen. Ein sehnendes, suchendes, lernbegieriges, heilsbegieriges Herz müssen wir Gott entgegenbringen, wenn er mit uns redet; ein Herz, das wohl weiß: wahres Licht und volle Wahrheit sind ich nicht in mir selbst und nicht um mich her, und das sich darum dürstend auftut gegen Gott, wie eine Blume ihren Kelch auftut, um die milden Sonnenstrahlen oder den süßen Tau drin aufzufangen, wie's in jenem Liede heißt:
Herr, komm in mich wohnen,
Lass mein Herz auf Erden
Dir ein Heiligtum noch werden!
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten
Und der Sonne stille halten,
Möcht ich so still und froh deine Strahlen fassen
Und dich wirken lassen!
Gewiss, liebe Seele, wenn du so von Herzen deinen Gott und sein Heil suchst in der Schrift und bittest, wie unser Psalmist, V. 10: „Ich suche dich von ganzem Herzen; lass mich nicht fehlen deiner Gebote.“ V. 12: „Gelobt seist du, Herr, lehre mich deine Rechte;“ dann wird auch in deinem Herzen der Herr Wohnung machen durch sein Wort, dass du auch seine Himmelskraft im Herzen empfindest und rühmen kannst mit dem Psalmisten, V. 14: „Ich freue mich des Weges deiner Zeugnisse als über allerlei Reichtum.“ Denn Gottes Wort ist in Wahrheit ein reicher Schatz von Perlen und Kleinodien; in jedem Kapitel finden sich Perlen himmlischer Weisheit und Goldkörner göttlicher Wahrheit. Oder wer unter uns würde zum Beispiel den Spruch: „Also hat Gott die Welt geliebt“ mit allem dem Heil, das er in sich schließt, hergeben um viel Geld? Welcher Gläubige wird nicht von Herzen bezeugen, der Sah: „Es ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort, dass Christus Jesus kommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen,“ ist mir mehr wert als tausend Gulden? Mit Recht hat man daher gesagt: Die Bibel macht den ärmsten Mann reich. Wer sonst in keinem Testament bedacht ist, der steht hier in zwei Testamenten, im alten und im neuen, wo ihm die größten Reichtümer vermacht sind von dem ewigreichen Gott im Himmel. Darum ein Herz, das sich einen Vorrat gesammelt hat aus Gottes Wort, einen Vorrat göttlicher Lichtgedanken und Heilswahrheiten, das ist wie eine gefüllte Schatzkammer, die nie leer wird, denn das ist gerade das köstliche an diesen Schätzen: sie nehmen nicht ab, sondern mehren sich durch den Gebrauch; Gottes Wort ist eine Schatzkammer, in der der Ärmste seinen Reichtum, der Unglücklichste seinen Trost, der Kranke seine Arznei, der Ratlose seinen Rat findet Tag für Tag. Das, meine Lieben, sind die Schätze, die weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben und stehlen, die Schätze, die uns nichts rauben kann, weder Glut noch Flut, weder Spott noch Hass der Menschen, wenn wir sie nur festhalten im Glauben.
V. 11: „Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, auf dass ich nicht wider dich sündige.“ V. 16: „Ich habe Lust zu deinen Rechten und vergesse deiner Worte nicht.“ So heißt's bei jedem, dem das Wort Gottes einmal recht zu Herzen gegangen ist. Er behält es im Herzen und bewegt es im Herzen; er kann's nicht wieder vergessen und nicht wieder davon loskommen, selbst wenn er wollte; denn es lässt einen Widerhaken in der Seele zurück; zu rechter Zeit fällt's ihm wieder ein, in der Versuchungsstunde zur Warnung, in der Trübsalszeit zum Troste; es wird eine Macht in seinem Leben, ein Feuer in seinen Gebeinen, ein Same des ewigen Lebens in seinem Herzen. O, meine Lieben, wie reich, wie glücklich, wie weise, wie selig könnten wir alle sein, wenn wir Gottes Wort so recht im Herzen hätten als den kostbarsten Schatz!
Gott der Wahrheit und der Liebe, dir sei Lob und Ruhm gebracht, Dass man uns dein Wort beschriebe, das die Seelen selig macht; Lehre selbst mich herzlich danken, schließ in meines Herzens Schranken Diesen deinen teuren Schatz als in einen Sammelplatz!
Und dann erst, lieber Christ, darf und wird Gottes Wort auch werden:
Ein freudiges Bekenntnis deiner Lippen, dass du mit dem Psalmisten sagen kannst:
V. 13: „Ich will mit meinen Lippen erzählen alle Rechte deines Mundes.“ V. 15: „Ich rede, was du befohlen hast, und schaue auf deine Wege.“ Dann erst, sag ich; denn wolltest du Gottes Wort im Munde führen und hättest's nicht auch im Herzen, so gälte dir das strafende Wort des Herrn: Dieses Volk naht sich zu mir mit seinem Munde, aber in seinem Herzen ist es ferne von mir; und wolltest du's im Munde führen und tätest nicht auch danach in deinem Wandel, so träfe dich das andere Wort: Es werden nicht alle, die zu mir sagen Herr Herr, in das Himmelreich kommen. Aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Und wer die Wahrheit und Süßigkeit des göttlichen Worts an sich selber erfahren hat, dem wird Gottes Wort je mehr und mehr auch ein freudiges Bekenntnis seiner Lippen werden. O wie schön ist es da, auch von Gottes Wort zu reden, nicht nur mit sich selber, indem man sich selber oft tröstet und vermahnt durch einen kräftigen Spruch, durch ein liebliches Lied; auch nicht nur mit Gott davon zu reden, indem man für seine Wohltaten ihm dankt in Psalmen und Lobgesängen, seine Verheißungen ihm vorhält in brünstigem Gebet und Flehen; sondern auch davon zu reden mit Menschen, indem man Gottes Wort einschärft seinen Kindern, indem man von Gottes Wort redet zu seinen Freunden, indem man dem Herrn die Ehre gibt in öffentlicher Gemeinde, indem man den Namen des Herrn mutig bekennt auch vor der ungläubigen Welt. Dazu braucht man kein Prophet und kein Apostel, kein Psalmist und kein Schriftgelehrter, kein Prediger und kein Lehrer zu sein; dazu gibt der Herr jedem unter uns Gelegenheit in seinem bescheidenen Kreis. Wenn nur zuerst unser Herz voll ist von Gott und seinem Wort, dann wird auch unser Mund fröhlich sich auftun zu seinem Bekenntnis, bis wir einst droben seinen Namen preisen dürfen mit himmlischen Psalmen im höheren Chor. Nun denn,
Herr! dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir,
Denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für.
Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn?
Mir ist's nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun. Amen.
(17) Tue wohl deinem Knechte, dass ich lebe und dein Wort halte. (18) Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz. (19) Ich bin ein Gast auf Erden; verbirg deine Gebote nicht vor mir. (20) Meine Seele ist zermalmt vor Verlangen nach deinen Rechten allezeit. (21) Du schiltst die Stolzen; verflucht sind, die deiner Gebote fehlen. (22) Wende von mir Schmach und Verachtung, denn ich halte deine Zeugnisse. (23) Es sitzen auch die Fürsten, und reden wider mich; aber dein Knecht redet von deinen Rechten. (24) Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen, die sind meine Ratsleute.
„Bei dir ist die lebendige Quelle und in deinem Licht sehen wir das Licht.“ Dieses tiefsinnige Wort des 36. Psalms findet seine Anwendung auch auf die Bibel und das Bibellesen. Wohl heißt die Bibel, das geschriebene Wort Gottes, mit Recht eine lautere Quelle der Wahrheit und des Lebens; aber damit wir einen Genuss davon haben, eine Erquickung daraus schöpfen, so muss Gott selber, der lebendige Gott uns diesen Quell gleichsam erst ausschließen durch seinen Heiligen Geist, sonst bleibt uns die Bibel mit all ihrem Segen ein verschlossener Brunnen, neben dem man doch verschmachtet, wie die Hagar dort in der Wüste verschmachtet wäre hart neben der Quelle, wäre nicht der Engel gekommen und hätte ihr die Ohren geöffnet, dass sie das Brünnlein rauschen hörte, und die Augen aufgetan, dass sie es rieseln sah. Wohl ist das Wort Gottes ein Licht auf allen unsern Wegen; aber damit wir dieses Licht erkennen und verstehen, muss Gott selber, der alles Lichtes Urquell ist, uns sein Licht schenken, uns durch seinen Heiligen Geist erleuchten, dass wir sein Wort verstehen, sonst bleibt uns eben die Bibel doch ein verschlossenes Buch; wir lesen ihre Sprüche, aber wir haben nichts davon; wir hören ihre Ratschläge, aber wir wissen nichts damit anzufangen. Deswegen hat auch schon mancher, dem man das Wort Gottes anpries als eine Quelle des Lichtes, des Trostes und des Segens, es getäuscht wieder weggelegt, wenn er darin geblättert oder ein paar Kapitel gelesen, und hat unmutig gesprochen: Ich finde nichts von allen den Wundern, die ihr mir rühmt; ich finde nichts drin von besonderem Licht, von außerordentlicher Kraft, von überirdischem Trost. Warum nicht? Weil er sich nicht vorher demütig und heilsbegierig gewendet hat an den lebendigen Quell, an das Licht von oben, an seinen Herrn und Gott, dass der ihm sein Wort aufschließe, dass der ihm das eigene Herz aufschließe, dass der zum Hören oder Lesen des göttlichen Worts seinen Segen gebe durch seinen Heiligen Geist. Denn es bleibt dabei: Nur er ist der lebendige Quell, nur in seinem Lichte sehen wir das Licht.
Also wie zu allem Guten, so auch zum Lesen und Hören, zum Verstehen und Begreifen, zum Halten und Behalten des göttlichen Worts gehört der Segen von oben. Darum lautet in unserer Kinderlehre auf die Frage: Was wird erfordert, die Schrift erbaulich zu lesen und zu verstehen? die erste Antwort: Andächtiges Gebet! Darum vernehmen wir auch in unserem 119. Psalm, diesem allumfassenden Bibelpsalm, wiederholt und immer wieder die Bitte, dass Gott selber den Psalmisten unterweisen wolle in seinem Wort. „Ein Gebet um den Segen Gottes zum Gebrauche seines Worts“ ist insbesondere das eben verlesene Stück, und wir wollen dieses Gebet gerne auch auf uns anwenden, Vers für Vers und Wort für Wort.
V. 17: „Tue wohl deinem Knechte, dass ich lebe und dein Wort halte.“ Da bittet der Psalmist um den Segen Gottes zur Befolgung des göttlichen Worts, zum Wandeln in Gottes Geboten. Wie not uns der tut, das wissen wir ja wohl alle aus Erfahrung. Denn es ist etwas anderes: Gottes Wort annehmen. und danach tun. Es ist zweierlei: gute Vorsätze fassen und sie auch ausführen. Wie oft in einer Andachtsstunde, wenn uns Gottes Wort das Herz traf, sei's mit seiner Süße und Milde wie ein Sonnenstrahl, der das Eis aufweicht, sei's mit seinem Ernst und seiner Strenge wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt, wie oft ist da unser ganzes Herz ergriffen gewesen und dahingenommen von der Kraft des göttlichen Worts! Klar wie die Sonne stand in uns die Überzeugung: Ja so ist's, wie es hier steht, sein Wort ist die Wahrheit. Fest wie ein Fels stand in uns der Entschluss: Ja, es muss mit mir anders werden; ich will jenes Gebot oder diese Mahnung hinfort nie mehr aus dem Herzen lassen; ich will dieser Tugend und jenem Lob hinfort mit ganzem Ernste nachjagen. Ich will das Wort des Herrn hinfort halten treulich und unverbrüchlich. Und sag, liebe Seele, wie ist's gegangen? ist's dabei geblieben? Ist nicht hernach bald dein felsenfester Vorsatz doch wieder wankend worden und zu Fall gekommen? deine sonnenklare Überzeugung doch wieder umdüstert und getrübt worden durch die Wolken des Zweifels, durch die Nebel des Unglaubens? Siehe, darum tut es so not um die göttliche Gnade und den göttlichen Segen zu bitten zum Halten seines Worts und einzustimmen in das Gebet unseres Psalmisten: „Tue wohl deinem Knechte, dass ich lebe und dein Wort halte.“ Aber nicht nur zum Halten, auch schon zum Verstehen des göttlichen Worts brauchen wir den Segen von oben. Darum bitten wir weiter:
V. 18: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder in deinem Gesetz.“ Ich habt wohl auch als Kinder die Fabel gelesen von der Henne, die auf dem Mist nach Futter scharrte und unversehens eine Perle fand. Unmutig warf sie das harte ungenießbare Kügelein bei Seite und sprach: Was soll mir das? wär's ein Haferkörnlein gewesen oder ein Brotbrösamlein, da hätte man doch etwas dran gehabt; aber mit diesem Ding da ist nichts anzufangen. Und uns selbst, meine Lieben, könnte etwas Ähnliches begegnen. Wir könnten an einem ungereinigten Goldklumpen vorübergehen oder auf einen ungeschliffenen Edelstein treten, ohne zu ahnen, was da für ein Schatz liegt: nur der Kenner vermag das edle Metall oder das kostbare Juwel zu erkennen unter den Schlacken und der erdigen Kruste. In Gottes Wort sind auch Schätze von Gold und Diamanten. Aber es gehören Augen dazu, sie zu erkennen; es gehört ein geöffneter Sinn dazu, sie zu fassen. Darum nicht nur unsern Kindern in der Kinderlehre, sondern uns allen ziemt die Bitte: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder in deinem Gesetz.“ Öffne mir vor allem die Augen über mich selbst, über meine eigene Schwachheit, Blindheit, Sündhaftigkeit, Erlösungsbedürftigkeit, dass ich nicht so selbstgefällig, so eingebildet dahingehe in der Torheit meines Herzens und blindlings dem Abgrund entgegenwandle. Gib mir ein bußfertiges, heilbegieriges und lernbegieriges Herz, das von Herzen begehre nach Trost und Licht von oben, und auch spreche wie das Herz des Psalmisten:
V. 20: „Meine Seele ist zermalmt vor Verlangen nach deinen Rechten allezeit;“ und wie wir singen in einem Liede: Lass dich finden, lass dich finden, denn mein Herz verlangt nach dir. Dann aber öffne mir auch die Augen über dich, über deine unendliche Erbarmung, über das selige Heil, das du mir und aller Welt vor Augen gelegt hast, über die Wunder deiner Liebe, die du in Jesu Christo der Welt aufgeschlossen hast. Lass mich erkennen, mit Glaubensaugen erkennen die so seligen Wunder deiner Gnade, alle die in deinem Wort verkündigt werden: Das Wunder von Bethlehem:
Den aller Weltkreis nie beschloss,
der liegt in Marien Schoß,
Er ist ein Kindlein worden klein,
der alle Dinge trägt allein.
Lass mich erkennen das Wunder von Golgatha, wenn es nun in der bevorstehenden Passionswoche bald wieder heißt:
Ruhe hier mein Geist ein wenig,
schau dies Wunder, ach wie groß!
Sieh dein Herr, der höchste König,
hängt am Kreuze bleich und bloß,
Den sein Lieben hat getrieben
hierher aus des Vaters Schoß.
Lass mich erkennen das Wunder des Osterfestes: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Lass mich erkennen das Wunder der Himmelfahrt:
Mein Teil ist nicht in dieser Welt, ich bin ein Gast auf Erden,
Und soll, wenn diese Hülle fällt, ein Himmelsbürger werden.
Lass mich erkennen die Wunder in deinem Gesetz und in deinem Evangelium, die Wunder der Wahrheit und Weisheit, die Schätze von Trost und Gnade, die hier in diesem Buch, auch nur auf einem Blatt, in einem Kapitel, in einem Vers, ja oft in einem einzigen Wort, wie in dem Vaternamen Gottes, wie in dem Jesusnamen unseres Heilands enthalten sind. Gewiss, Geliebte, es ist keines unter uns allen so bibelkundig und schriftbewandert, dass ihm nicht noch manches Wunder aufgehen könnte in der Heiligen Schrift, noch mancher bisher verborgene Schatz aufgedeckt werden könnte in Gottes Wort. Es ist aber auch keines unter uns so einfältig und schwach begabt, dass ihm nicht der Herr auch noch könnte und wollte die Augen auftun, dass es sehe die Wunder in seinem Gesetz, wenn es nur herzlich bittet und mit rechter Andacht und Lernbegierde ans Wort Gottes geht. Dazu sollen ja insbesondere diese unsere Bet- und Bibelstunden dienen und dazu wolle der Herr sie an uns allen je mehr und mehr segnen, dass bei dieser langsamen Betrachtung und Erklärung des göttlichen Worts uns die Augen aufgetan werden, zu erkennen die Wunder in Gottes Gesetz.
Ein solches Himmelslicht und einen solchen Gottesschatz können wir ja wohl brauchen in dieser vergänglichen Welt, wie der Psalmist bekennt:
V. 19: „Ich bin ein Gast auf Erden, verbirg deine Gebote nicht vor mir.“ Das heißt: Ich bin ja doch nur ein Wandersmann in dieser Welt, muss mir wie ein Wandersmann allerlei Widriges gefallen lassen, da kann ich einen himmlischen Trost und Schatz wohl brauchen. Ein Wandersmann muss oft auf rauen Wegen gehen, in Sturm und Unwetter wandeln - darum verbirg deine Gebote nicht vor mir, die seien mein Stab auf rauen Wegen, mein Schutz und Schirm in Unwetter. Ein Wandersmann geht oft einsam und allein seine Straße ohne Freund und Begleiter, darum verbirg deine Gebote nicht vor mir, dass sie mein Trost, mein Gespräch, mein Geleite seien auf meinen Pilgerwegen da sind ich liebe Gesellschaft, alle Männer Gottes von Abraham bis Paulus, ja Jesum selbst wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Ein Wandersmann weiß oft nicht wo aus noch wo ein im fremden Land, darum verbirg deine Gebote nicht vor mir, dass sie mir den rechten Weg zeigen und mich behüten vor Abwegen und Irrwegen. Ein Wandersmann muss oft mit schlechter Herberg vorlieb nehmen und sein Haupt auf einem harten Kissen niederlegen, darum verbirg deine Gebote nicht vor mir, dass sie mich trösten und erquicken in dieser bösen Zeit und rauen Welt. Ein Wandersmann muss weiter wallen, auch wenn's ihm wohlgefällt unterwegs, und muss alles verlassen und darf sich nicht fest ansiedeln in der Fremde; darum verbirg deine Gebote nicht vor mir, damit ich etwas habe, was mir bleibt, wenn Himmel und Erde vergehen und was ich hinübernehmen kann in die Ewigkeit. Denn alles Fleisch ist wie Gras, aber Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. So bittet der Psalmist, so wollen auch wir bitten, dass der Herr mit dem Segen seines Worts uns begleite auf unserer Pilgerschaft, dann werden wir fröhlich sein und getrost auf dem Weg und einst zum seligen Ziele gelangen. Die aber diesen Segen verachten, von denen heißt's:
V. 21: „Du schiltst die Stolzen; verflucht sind, die deiner Gebote fehlen.“ Davor behüt uns, lieber Herr und Gott, V. 22: „Wende von mir Schmach und Verachtung, denn ich halte deine Zeugnisse.“ Und nichts soll uns abbringen von diesem Weg, V. 23: „Es sitzen auch die Fürsten und reden wider mich; aber dein Knecht redet von deinen Rechten.“ Wer von denen sich raten lässt, der ist wohlberaten, V. 24: „Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen, die sind meine Ratsleute.“ Der König Alfons der Weise von Kastilien pflegte zu sagen, seine besten Räte seien Stumme; er meinte gute Bücher. Sollte das nicht auch gelten vom allerbesten Buch, vom Buch der Bücher? Ja, die Zeugnisse Gottes sind die besten Ratsleute wie für einen König auf dem Thron, so für jedermann, für Arm und Reich, für Hoch und Nieder, für Alt und Jung, im Glück und Unglück, fürs Zeitliche und Ewige. Du magst das Wort des Herrn fragen um was du willst, so wird es dich niemals ratlos lassen. Nur kommt's alsdann aufs Folgen an: Sein Rat ist gut, man folg ihm dann. Darum kommen wir zum Schluss wieder auf die Bitte zurück, womit wir angefangen, auf die Bitte um den Segen Gottes zum Gebrauche seines Worts.
Treuster Meister! deine Worte sind die rechte Himmelspforte;
Deine Lehren sind der Pfad, der uns führt zur Gottesstadt.
O wie selig, wer dich hört, wer von dir will sein gelehrt,
Wer zu jeder Zeit und Stund schaut auf deinen treuen Mund!
Sprich doch ein in meiner Seele, gib ihr Weisung und Befehle;
Lehr sie halten bis in Tod deiner Liebe sanft Gebot.
Amen.
(25) Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort. (26) Ich erzähle meine Wege, und du erhörest mich; lehre mich deine Rechte. (27) Unterweise mich den Weg deiner Befehle, so will ich reden von deinen Wundern. (28) Ich gräme mich, dass mir das Herz verschmachtet; stärke mich nach deinem Wort. (29) Wende von mir den falschen Weg, und gönne mir dein Gesetz. (30) Ich habe den Weg der Wahrheit erwählt, deine Rechte habe ich vor mich gestellt. (31) Ich hange an deinen Zeugnissen; Herr, lass mich nicht zu Schanden werden. (32) Wenn du mein Herz tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebote. (33) Zeige mir, Herr, den Weg deiner Rechte, dass ich sie bewahre bis ans Ende. (34) Unterweise mich, dass ich bewahre dein Gesetz, und halte es von ganzem Herzen. (35) Führe mich auf dem Steige deiner Gebote, denn ich habe Lust dazu. (36) Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen, und nicht zum Geiz. (37) Wende meine Augen ab, dass sie nicht sehen nach unnützer Lehre, sondern erquicke mich auf dem Weg. (38) Lass deinen Knecht dein Gebot fest für dein Wort halten, dass ich dich fürchte. (39) Wende von mir die Schmach, die ich scheue, denn deine Rechte sind lieblich. (40) Siehe, ich begehre deiner Befehle, erquicke mich mit deiner Gerechtigkeit. (41) Herr, lass mir deine Gnade widerfahren, deine Hilfe nach deinem Wort, (42) Dass ich antworten möge meinem Lästerer, denn ich verlasse mich auf dein Wort. (43) Und nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit, denn ich hoffe auf deine Rechte. (44) Ich will dein Gesetz halten allewege, immer und ewig. (45) Und ich wandle fröhlich, denn ich suche deine Befehle. (46) Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen, und schäme mich nicht. (47) Und habe Lust an deinen Geboten, und sind mir lieb, (48) Und hebe meine Hände auf zu deinen Geboten, die mir lieb sind, und rede von deinen Rechten.
Die Adlerfeder, womit neulich in Paris von den Gesandten der großen Mächte der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, der dem zweijährigen blutigen Krieg zwischen dem Osten und Westen Europas ein Ende machte, hat sich die Kaiserin der Franzosen zum Andenken ausgebeten, und sie wird mit Gold und Edelsteinen geschmückt unter Glas und Rahmen aufbewahrt. Aber was würde ein Christ wohl geben um die Feder oder den Griffel, womit ein David seine Psalmen, ein Jesaja seine Weissagungen, ein Paulus seine Briefe, ein Johannes seine Offenbarung geschrieben hat? Mit diesen Federn oder Griffeln ist auch ein Friedensvertrag geschrieben und unterzeichnet worden, und zwar der allergrößte, der Vertrag, der der Welt den rechten Frieden gibt, den ewigen Frieden, den Frieden Gottes. Nicht nur aus den Schwingen eines Adlers, möchte man dichterisch sagen, sondern aus den Flügeln eines Engels müssten die Federn genommen sein, mit denen das Größte, das Heiligste, das Seligste geschrieben ist, was der ganzen Welt zum Trost und Heil gereicht für Zeit und Ewigkeit.
Die Griffel freilich, womit die Propheten, und die Federn, womit die Apostel geschrieben, haben wir nicht; aber wir haben, was mehr wert ist: was sie geschrieben, das unverwüstliche, lebendige Wort Gottes, das Wort, das unsere Seelen selig machen kann. Dies Wort selber ist eine echtere, kostbarere, nützlichere Reliquie als die schönste Adlerfeder, mit Gold und Edelsteinen geschmückt. Denn selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Und dies Wort ist ein Kleinod nicht nur für Große und Reiche, für Kaiser und Kaiserinnen, sondern für jedermann und allezeit.
Von den Wunderkräften des göttlichen Worts handelt auch unser heutiger Psalmabschnitt in drei Teilen. Es ist:
1) Unser Tröster in Trübsal;
2) unser Hüter in Versuchung;
3) unser Anwalt gegen den Widersacher.
Das sind die drei Hauptgedanken, die wir aus unserem Abschnitt herausnehmen.
Das bekennt unser Psalmist besonders im ersten Teil unseres heutigen Abschnitts, V. 25-32, namentlich wenn er ausruft:
V. 25: „Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort.“ V. 28: „Ich gräme mich, dass mir das Herz verschmachtet; stärke mich nach deinem Wort.“ V. 32: „Wenn du mein Herz tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebote.“
„Meine Seele liegt im Staube, erquicke mich nach deinem Wort.“ Wer unter uns hat das nicht auch schon erfleht; wer unter uns hat das nicht auch schon erfahren! Wenn deine Seele im Staube lag, wenn du niedergedrückt von deiner Kreuzeslast zu Boden sankst, als könntest du nimmermehr aufstehen, oder wenn du gebeugt von deiner Sündenlast dich niederwarfst in den Staub der Selbsterniedrigung und wagtest das Haupt nicht mehr emporzuheben gen Himmel, das Auge nicht mehr aufzuschlagen zu deinem Gott: wer hat deine schmachtende Seele erquickt und deinem zagenden Herzen wieder freundlich zugesprochen? War's nicht Gottes Wort, das dich aufrichtete unter deiner Kreuzeslast mit seinen kräftigen Trostsprüchen: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen; welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; befiehl dem Herrn deine Wege und hoff auf ihn, er wird's wohl machen; dieser Zeit Leiden sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns soll offenbar werden? Hat da nicht manchmal ein Kapitel, das du gelesen, eine Predigt, die du gehört, ein Lied, das du gesungen oder gebetet, deine Seele wieder himmlisch erquickt, dass du aufstandest aus dem Staube und auffuhrst mit Flügeln wie die Adler? War's nicht Gottes Wort, das dich aufrichtete unter deiner Sündenlast mit seinem Zuspruch: Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe! Selig sind die Geistlich armen, denn das Himmelreich ist ihr! Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn dahingab! Barmherzig und gnädig ist der Herr und von großer Gnade und Treue und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde! Christus ist um unserer Sünden willen gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen auferwecket, und dergleichen mehr?
Hat da nicht ein Psalm wie der 51ste, oder ein Evangelium wie das vom verlorenen Sohn und vom guten Hirten, oder ein Lied wie das: Jesus nimmt die Sünder an - dich wieder mächtig erquickt, dass du aufstandest aus dem Staube und mit Freudentränen riefst: Gottlob, auch mich nimmt Jesus an!
Und wenn es auch bei dir hieß: „Ich gräme mich, dass mir das Herz verschmachtet“; wenn du über irgend einen Unfall, der geschehen, oder über irgend eine Sorge, die da drohte, dich so abhärmtest und abgrämtest, dass dir Leib und Seele fast verschmachtete, dass dir kein Essen mehr schmeckte und keine Arbeit mehr recht von der Hand gehen wollte, dass dir die Sonne nicht mehr leuchtete bei Tag und dich kein Schlaf mehr erquickte bei Nacht hat dich nicht auch da schon der treue Gott gestärkt nach seinem Wort und durch sein Wort? Wenn dir dann so ein Kraft- und Trostspruch unter die Augen kam und im Herzen klang, wie bei Jesaja 41: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit;“ oder wie beim Psalmisten, Psalm 42: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir; harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“ oder wenn du dir die großen Kreuzträger und Leidenshelden der Heiligen Schrift vor Augen stelltest: einen Abraham, was der für Glaubensproben durchmachte; einen Moses, was dem für eine Amtslast auf den Schultern lag; einen David, was der für ein Joch zu tragen hatte in der Jugend: einen Hiob, was über den für Trübsalsschläge ergangen sind; einen Paulus, was der für Anfechtung erduldete um Christi willen; und deinen Heiland selber, was der für ein Kreuz getragen und wie er's getragen hat, sag, liebe Seele, hat das dich nicht gestärkt? hast du da dich nicht deines Kleinmuts geschämt? hat's da nicht auch bei dir geheißen: Dieweil wir denn einen solchen Haufen Zeugen um uns haben, so lasst uns laufen durch Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist, und aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens? Da darf man's dann auch wieder erfahren, was geschrieben steht:
V. 32: „Wenn du mein Herz tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebote.“ Getröstet durch das Wort Gottes, gestärkt durch den Zuspruch des Herrn lauft man fröhlicher wieder den Weg seiner Gebote und spricht im Gehorsam des Glaubens: Leg auf, Herr, ich will tragen; gebietet, ich will gehorchen; geh voran, ich will folgen; rede, ich will hören; schlage zu, ich will dulden. Ich hab ja dein Wort, das leitet mich mit seinen Geboten, das tröstet mich mit seinen Verheißungen, das stärkt mich mit seinen Himmelskräften! Der Herr lasse uns alle diese Himmelskräfte des göttlichen Worts je mehr und mehr an uns selbst spüren und erweise es an uns als einen Tröster in aller Trübsal, damit wir aus Erfahrung sprechen können:
Längst hätt ich vergehen müssen, hätte nicht durch seine Kraft Mir in meinen Kümmernissen dein Wort neuen Trost verschafft. Aber nicht nur unser Tröster in Trübsal ist dies Wort Gottes, sondern auch:
Dieser Gedanke klingt besonders durch den zweiten Teil unseres Abschnitts, V. 33-40. Schon V. 29 bittet der Psalmist: „Wende von mir den falschen Weg und gönne mir dein Gesetz.“ Und daran schließt sich V. 33 die Bitte: „Zeige mir, Herr, den Weg deiner Rechte, dass ich sie bewahre bis ans Ende.“ V. 35: „Führe mich auf dem Steige deiner Gebote, denn ich habe Lust dazu.“
„Wende von mir den falschen Weg!“ Haben nicht auch wir so alle Tage zu bitten und bitten wir das nicht alle Tage, wenn wir im Vaterunser sprechen: Führe uns nicht in Versuchung? Wieviel falsche Wege tun sich in dieser Welt vor uns auf zur Rechten und Linken, Irrwege und Abwege, die in Sünd und Schande führen! Wie soll ein Christ den rechten Weg finden und auf dem rechten Weg bleiben bei so viel Versuchung und bösem Exempel und falschen Grundsätzen und streitenden Meinungen und verkehrten Ansichten und ungerechten Zumutungen und schmeichelnden Verlockungen und drohenden Anfechtungen von allen Seiten? Da gibt's nur einen sichern Hüter und zuverlässigen Leiter: Gottes Wort. Das weist den rechten Weg, das hat noch keinen irregeführt, aber Tausende vor dem Argen bewahrt und auf rechtem Wege geleitet. Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht von Brot allein; es steht geschrieben: Du sollt Gott, deinen Herrn, nicht versuchen; es steht geschrieben: Du sollt Gott allein anbeten! So hat der Herr selbst dem Versucher geantwortet und seine listigen und groben Anläufe zurückgewiesen und zurückgeschlagen mit Gottes Wort als einem guten, geraden, scharfen, zweischneidigen Schwert. O wenn auch wir dieses Schwert immer an der Seite trügen und zur rechten Stunde in die Hand nähmen, das Schwert des göttlichen Worts, dann würden auch wir in der Stunde der Versuchung alles wohl ausrichten und das Feld behalten. Wenn uns die heiligen Gebote Gottes immer vor der Seele stünden und im rechten Augenblick das rechte Wort aus der Schrift uns immer einfiele, wie könnte da oft ein einziger Bibelspruch, ein einziger Liedervers, ein Konfirmationsdenkspruch uns warnen und vor großer Sünde bewahren und alle Stricke des Versuchers wie Spinngewebe durchhauen. Darum wollen auch wir recht fleißig mit dem Psalmisten beten: V. 29: „Wende von mir den falschen Weg und gönne mir dein Gesetz. V. 35: „Führe mich auf dem Steige deiner Gebote, denn ich habe Lust dazu.“
Weil aber der Versucher nicht nur von außen kommt, sondern auch da drinnen im eigenen Herzen wohnt, darum sehen wir auch mit ihm hinzu, V. 36: „Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zum Geiz,“ und V. 37: „Wende meine Augen ab, dass sie nicht sehen nach unnützer Lehre (eigentlich nach Eitelkeiten), sondern erquicke mich auf deinem Wege!“ Was kann allen törichten Gedanken und eitlen Lüsten unseres Herzens kräftiger, gründlicher wehren als das heilige Wort Gottes, welches ist ein Richter unserer Gedanken und der Gesinnungen unseres Herzens, ja unerbittlicher und unbestechlicher als irgendein menschlicher Freund und Gewissensrat uns die Wahrheit sagt! Was kann uns den Geiz, die Habsucht und Weltliebe gründlicher entleiden, als das erhabene Wort Gottes, das uns in so manchem ernsten Spruch, durch so manches warnende Exempel zeigt, wie unsicher und vergänglich die Güter dieser Welt sind, und das so ganz andere, soviel edlere und höhere Schätze uns vor Augen stellt, geistliche Schätze, unvergängliche Güter, die mehr wert sind als Gold und Perlen! Was könnte unsere Augen besser abwenden von den Eitelkeiten und Nichtigkeiten, nach denen auch des Christen Blick manchmal neidisch oder lüstern schielen, von Augenlust, Fleischeslust und hoffärtigem Wesen, als das Wort Gottes, das uns das Schönste, das Größte, das Heiligste vor Augen stellt, vor dem alles andere erbleichen muss: Die Krippe zu Bethlehem und das Kreuz auf Golgatha; den Strahlenthron Jehovahs, vor dem die Seraphim anbetend sich verhüllen, und die leuchtenden Zinnen des himmlischen Jerusalems mit seinen goldenen Gassen. Darum, Geliebte, lasst auch uns bitten: „Neige mein Herz, Herr, zu deinen Zeugnissen.“ Als ein Hüter in Versuchungen von außen und von innen, als ein warnender Engel, der unser Aug und Herz von den Irrlichtern der Welt immer wieder emporweist zu den Sternen des Himmels, soll das Wort Gottes uns begleiten auf dem schlüpfrigen Pfade des Lebens und uns mahnend immer wieder zurufen:
Erheb, o Seele, deinen Sinn,
was hängst du an der Erden?
Hinauf, hinauf, zum Himmel hin,
denn du musst himmlisch werden!
Dann, Geliebte, können wir auch unserem Feinde getrost Rede und Antwort stehen. Dann ist Gottes Wort auch:
Davon redet der Psalmist besonders im dritten Teil unseres Abschnitts, V. 41-48. So gleich:
V. 41. 42: „Herr, lass mir deine Gnade widerfahren, deine Hilfe nach deinem Wort. Dass ich antworten möge meinem Lästerer, denn ich verlasse mich auf dein Wort.“ Ja, wer an Gottes Wort sich hält und nach Gottes Wort sich hält, der kann auch antworten seinem Lästerer. Wenn die Spötter mich verspotten wegen meines Glaubens: Hier ist mein Gewährsmann, Gottes Wort:
Gott ist kein Mensch, er kann nicht lügen,
Sein Wort der Wahrheit kann nicht trügen,
Gott ist getreu!
Wenn die Lästerer mich anfechten wegen meines Wandels: Hier ist meine Instruktion: Gottes Wort; der Herr hat mich's geheißen. Wenn der Verkläger meiner Seele mir Angst machen will ob meiner Schwachheit und Sünde: Hier ist meine Rechtfertigung: Gottes Wort und Evangelium. Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Christus ist hier, wer will verdammen? Darum:
V. 43: „Herr, nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit, denn ich hoffe auf deine Rechte.“ Mit deinem Wort in der Hand, mit deinem Wort im Herzen, mit deinem Wort im Munde kann ich getrost der Welt Rede stehen, ja kann ich ein mutiges Zeugnis ablegen auch vor den Gewaltigen der Erde, V. 46: „Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen und schäme mich nicht.“ Wem fallen da nicht erhabene Beispiele ein aus der heiligen Geschichte: Moses vor Pharao, Nathan vor David, Elias vor Ahab, der Täufer vor Herodes, Jesus vor Pilatus, Petrus vor dem hohen Rat, Paulus vor Agrippa, Luther vor dem Reichstag zu Worms, bei denen allen es auch geheißen hat: „Ich rede von deinen Zeugnissen und schäme mich nicht.“ Warum haben sie sich nicht geschämt? Warum haben sie sich nicht gefürchtet, diese zum Teil ungelehrten, schwachen Männer? Wer stand ihnen zur Seite als Anwalt vor der Könige Thronen? War's nicht der Heilige Geist? Wer sprach für sie und durch sie und aus ihnen? War's nicht Gottes Wort, das Wort des Herrn aller Herren und Königs aller Könige? Und für dieses Wort sollten wir nicht auch einstehen, für dieses Wort sollten wir nicht auch zeugen, wo es sein muss; ist's auch nicht vor den Herrschern, so doch vor den Kindern dieser Welt und den Knechten dieser Welt?
Es gilt ein frei Geständnis in dieser bösen Zeit,
Ein offenes Bekenntnis trotz allem Widerstreit,
Trotz aller Feinde Toben, trotz allem Heidentum,
Zu preisen und zu loben das Evangelium.
O Heiliger Geist bereite ein Pfingstfest nah und fern,
Mit deiner Kraft begleite das Zeugnis von dem Herrn;
Eröffne du die Herzen der Welt und uns den Mund,
Dass wir in Freud und Schmerzen das Heil ihr machen kund!
Amen.
(49) Gedenke deinem Knechte an dein Wort, auf welches du mich lässt hoffen. (50) Das ist mein Trost in meinem Elend, denn dein Wort erquickt mich. (51) Die Stolzen haben ihren Spott an mir; dennoch weiche ich nicht von deinem Gesetz. (52) Herr, wenn ich gedenke, wie du von der Welt her gerichtet hast, so werde ich getröstet. (53) Ich bin entbrannt über die Gottlosen, die dein Gesetz verlassen. (54) Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt. (55) Herr, ich gedenke des Nachts an deinen Namen, und halte dein Gesetz. (56) Das ist mein Schatz, dass ich deine Befehle halte. (57) Ich habe gesagt, Herr, das soll mein Erbe sein, dass ich deine Wege halte. (58) Ich flehe vor deinem Angesicht von ganzem Herzen; sei mir gnädig nach deinem Wort. (59) Ich betrachte meine Wege, und kehre meine Füße zu deinen Zeugnissen. (60) Ich eile und säume mich nicht, zu halten deine Gebote. (61) Der Gottlosen Rotte beraubet mich, aber ich vergesse deines Gesetzes nicht. (62) Zur Mitternacht stehe ich auf, dir zu danken für die Rechte deiner Gerechtigkeit. (63) Ich halte mich zu denen, die dich fürchten, und deine Befehle halten. (64) Herr, die Erde ist voll deiner Güte; lehre mich deine Rechte.
Ihr kennt wohl alle, meine Lieben, die liebliche Sage, wie Paul Gerhards goldenes Lied: Befiehl du deine Wege! soll entstanden sein. Um seines strenglutherischen Glaubens willen in Berlin von Haus und Amt vertrieben, wird erzählt, und des preußischen Landes verwiesen, sei der fromme Mann mit Weib und Kind in die Welt hinausgereist, seinem Vaterland Sachsen zu, aber ohne zu wissen, wo er künftig sein Haupt hinlegen sollte. Seine Frau war sehr kleinmütig und zaghaft, er aber voll heitern Gottvertrauens. Mittags nun, als sie in einer Herberge eingekehrt und die Frau auch wieder ihr Brot mit Tränen gegessen, da habe sich Gerhard nach Tisch in den Wirtsgarten zurückgezogen, der hinter dem Hause lag, und dort unter einen Apfelbaum gesetzt. Und nach einer oder zwei Stunden sei er wieder zu seiner Frau gekommen mit einem Blatt Papier in der Hand und habe ihr das Lied vorgelesen, das er inzwischen sich und ihr zum Troste gedichtet, das schöne Lied: Befiehl du deine Wege! Und am selbigen Abend noch seien in dieselbige Herberg zwei fremde Herrn gekommen, Abgesandte des Herzogs von Merseburg, die nach dem abgesetzten Prediger Gerhard fragten und ihm ein Schreiben ihres Herzogs überbrachten, darin ihm ein Jahrgeld ausgesetzt und eine neue Anstellung angeboten wurde. Da habe Gerhard mit freudestrahlenden Augen zu seiner Frau gesagt: Hab ich nicht recht gehabt!
Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt,
Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt,
Mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit,
So wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.
Die Erzählung ist so lieblich, dass man wünschen möchte, es wäre nicht bloß eine erdichtete Sage, sondern eine wirkliche Geschichte. Dem sei aber wie ihm wolle; unter andern Umständen wenigstens hat sich dasselbe schon hundert- und tausendmal begeben. Wie dem Gerhard dort jener Kernspruch: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen! zum lieblichen Trostlied ward auf betrübtem Wege und sein bester Zehrpfennig war in großer Bedrängnis, also ist auch überall und allezeit das Wort Gottes das beste Wanderlied und der beste Zehrpfennig für den Pilger der Erde. Diese Gedanken klingen auch durch unsern verlesenen Psalmabschnitt hindurch, zumal wenn es heißt in V. 54: „Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt,“ und in V. 56 und 57: „Das ist mein Schatz, dass ich deine Befehle halte. Ich habe gesagt, Herr, das soll mein Erbe sein, dass ich deine Wege halte.“ Wir wollen daran die kurze Betrachtung knüpfen:
Wie Gottes Wort für den Erdenpilger sei
1) das beste Wanderlied,
2) der beste Zehrpfennig.
1) Das beste Wanderlied.
Das entnehmen wir besonders der ersten Hälfte unseres Psalmabschnitts, welcher den schönen Spruch enthält: „Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt;“ ein Kraft- und Trostlied auf rauen Wegen, ein Schutz- und Trutzlied wider alle Feinde, ein Abend- und Morgenlied in der Herberge.
Dahin dürfen wir wohl die Worte deuten:
V. 49. 50: „Gedenke deinem Knechte an dein Wort, auf welches du mich lässt hoffen. Das ist mein Trost in meinem Elend, denn dein Wort erquickt mich.“ Jedem Erdenpilger kommen auch heute noch so gut wie einst einem Abraham und Jakob, einem David und Hiob auf seiner Wanderschaft raue Wege vor und trübe Strecken, wo der Weg durch finstre Trübsalstäler geht oder über steile Sorgenberge führt, wo die Sonne der Anfechtung sticht oder die Wetterwolken der Gefahr sich über unserem Haupte zusammenziehen, wo man auf staubiger Heerstraße der Alltäglichkeit verdrossen einherzieht oder sich einsam fühlt wie im finsteren Wald, wo ein unheimliches Grauen den Wanderer beschleicht, - da stimmt dann ein Wandersmann gerne ein munteres Reiselied an, sei's dass er's laut erschallen lässt über Berg und Tal oder dass er's leise vor sich hinsummt, es vertreibt ihm die ängstlichen Gedanken, er macht sich selbst damit Mut und verkürzt sich den Weg und erheitert das Herz. Und nicht viel anders macht's auch der Pilger Gottes auf rauen Wegen. Er weiß auch solche Wanderlieder, die den rauen Weg verkürzen, den trüben Mut erheitern; diese Wanderlieder das sind die Trostworte und Kraftsprüche der Heiligen Schrift. Diese Wanderlieder, sie handeln bald von der schönen Heimat, der wir entgegenziehen: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir; bald von der treuen Hand, die uns schützt und leitet: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? bald von dem großen Vorgänger und Reisegenossen, der uns vorangezogen: Jesu geh voran auf der Lebensbahn; bald von den Lieblichkeiten und Erquickungen, die uns unterwegs umgeben: Wie groß ist des Allmächtigen Güte; bald von den Gefahren, die man mit Gottes Hilfe schon überstanden: Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich und bei solchem Zuspruch aus Gottes Wort, da darf man's dann erfahren, was der Psalmist rühmt: „Das ist mein Trost in meinem Elend, dein Wort erquickt mich.“ Gewiss, das haben wir alle schon manchmal selig erfahren auf unserer Pilgrimschaft durch dieses Leben und so soll's auch künftig heißen:
Niemals wird mein Herz verzagen, niemals über Mangel klagen,
Hab ich dich nur, o mein Hort, meinen Jesum und sein Wort!
Und so wird mir denn Gottes Wort auch ein Schutz- und Trutzlied wider alle Feinde. Darauf deuten die folgenden Verse:
V. 51-53: Die Stolzen haben ihren Spott an mir, dennoch weiche ich nicht von deinem Gesetz. Herr, wenn ich gedenke, wie du von der Welt her gerichtet hast, so werde ich getröstet. Ich bin entbrannt über die Gottlosen, die dein Gesetz verlassen.“ Der Pilger Gottes ist auch zugleich ein Streiter Gottes. Nicht nur raue Wege kommen vor während der irdischen Wallfahrt, wo man ein Trostlied brauchen kann, sondern auch Feinde und Widersacher, wo ein Schutz- und Trutzlied, ein Kriegs- und Siegeslied am Platz ist. Da sind Stolze, die in ihrem Übermut unser spotten; da sind Ungläubige, die unsern Glauben verlachen; da sind Verführer, die uns vom rechten Pfad verlocken; da sind Verleumder, die unsern guten Namen verlästern; da bewährt sich auch am Friedfertigsten oft das Wort Hiobs: Ein Mensch muss immerdar im Streit leben auf Erden. Aber auch bei solchem Kampf und Streit erprobt sich das Wort Gottes in seiner Kraft und Stärke als ein rechtes Schutz- und Trutzlied wider alle Feinde. Und wie einst unsere frommen Vorvoreltern mit frommen Schlachtgesängen ins Feld zogen; wie die altdeutschen Heere vor der Schlacht anstimmten den uralten Gesang: Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen; wie der fromme Held Gustav Adolf mit seinem Heere vor der Schlacht bei Lützen das Lied anstimmte: Verzage nicht, o Häuflein klein! wie der Glaubensheld Luther gegen eine Welt von Feinden mutig erklingen ließ sein kräftiges Streiterlied: Ein feste Burg ist unser Gott! - so kannst auch du, mein Christ, dich waffnen wider alle Feinde und dich stärken für jeden Streit mit Gottes Wort. Das sagt dir, für wen du streitest und wer für dich streitet: der allmächtige Gott selber. Das zeigt dir den großen Herzog und Vorkämpfer, unter dessen Fahne du dienst, und ermuntert dich: Mir nach, spricht
Christus, unser Held! Das erzählt dir von den herrlichen Siegen, die Gottes Volk und Gottes Reich schon erkämpft hat von den Tagen Mosis bis auf Luthers Zeit und unsere Tage, dass du auch sagen kannst mit dem Psalmisten: „Herr, wenn ich gedenke, wie du von der Welt her gerichtet hast, so werde ich getröstet.“ Das weist dich hin auf die himmlische Siegespalme und Lebenskrone, die dem treuen Streiter droben aufbehalten ist, und ruft dir mahnend und verheißend zu: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ja, Gottes Wort soll unser Schutz- und Trutzlied sein in jedem Streit, dann wird's auch bei uns heißen: Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten.
Aber nicht nur im Kampf und Streit, auch in ruhigen Tagen soll uns Gottes Wort begleiten auf allen unsern Wegen; nicht nur draußen im Getümmel der Welt, auch daheim in häuslicher Stille soll es uns umklingen. Es soll auch unser Abend- und Morgenlied sein in der Herberg unserer Pilgrimschaft, wie wir lesen:
V. 54. 55: „Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt. Herr, ich gedenke des Nachts an deinen Namen und halte dein Gesetz.“ In den meisten Gasthöfen in England und auch in manchen deutschen jetzt findet der Reisende in der Gaststube neben seinem Bett eine Bibel liegen. Und wenn auch unter hundert Gästen nur einer einmal sie aufschlägt und andächtig seinen Abend- und Morgensegen daraus liest, so liegt diese Bibel nicht vergebens da. - Aber nicht nur die Herberge, drin der Reisende übernachtet, meint der Psalmist mit dem Hause seiner Wallfahrt. Ist denn nicht auch das Haus, drin du wohnst und das du dein nennst, am Ende nur eine Reiseherberge, darin du vorübergehend weilst, daraus du wieder wegziehen musst früher oder später? Und wenn schon einem Wirtshaus die Bibel wohl ansteht, damit der Reisende aus der Zerstreuung der Reise seine Seele sammle in Gott - wieviel mehr gehört die Bibel ins Wohnhaus, in den Familienkreis, damit sie da alles heilige, alles weihe, den Freudentag wie die Trauerstunde, die Arbeit des Tages wie die Ruhe der Nacht! O wie lieblich, wenn durch das häusliche Leben mit seiner Unruh das Wort Gottes hindurchklingt und den Grundton angibt fürs ganze Haus! Wie lieblich löst sich da so mancher Missklang des Tages, so manche Verstimmung der Herzen wieder auf in einem gemeinsamen Morgen- und Abendsegen! Wie mancher gute Rat und weise Wink und milde Trost ist auch fürs gewöhnliche Leben im Worte Gottes zu holen; daher das Sprüchlein recht spricht: Wie man im Haus liest die Bibel, so steht auf dem Haus der Giebel. Das heißt: Wo Gottes Wort in Ehren steht, da steht auch das Haus in Ehren.
Ja, Herr, deine Rechte sollen mein Lied sein in dem Hause meiner Wallfahrt, mein Trostlied auf rauen Wegen, mein Kriegslied gegen jeden Feind, mein Morgen- und Abendlied in meiner irdischen Herberge:
Niemals soll mein Herz verzagen, niemals über Mangel klagen,
Hab ich dich nur, o mein Hort, meinen Jesum und sein Wort!
2) Aber wie das beste Wanderlied, so auch der beste Zehrpfennig ist Gottes Wort für den Pilgrim Gottes. Darüber noch weniges! Daran mahnen uns namentlich die zwei folgenden Verse:
V. 56. 57: „Das ist mein Schatz, dass ich deine Befehle halte. Ich habe gesagt, Herr, das soll mein Erbe sein, dass ich deine Wege halte.“ Ja, Gottes Wort ist ein Schatz, der aushilft durchs ganze Leben; ja, Gottes Wort ist ein Erbe, bei dem auch der Ärmste sein Auskommen findet. Als der alte Tobias seinen Sohn auf die Reise schickte, da konnte er ihm kein großes Reisegeld mitgeben, sondern er sprach: Sorge nur nichts, mein Sohn, wir sind wohl arm, aber wir werden viel Gutes haben, so wir Gott werden fürchten,
die Sünde meiden und Gutes tun. Und der Jüngling kehrte glücklich wieder heim. Und als Josef von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, da bekam er auch keinen Zehrpfennig mit als Gottes Wort und Gebot in seinem Herzen, und doch ward er damit ein reicher und geehrter Mann. Und wenn heute ein Vater seinen Sohn auf die Wanderschaft schickt: einen besseren Schatz kann er ihm nicht mitgeben als Gottes Wort im Herzen. Und wenn heute ein Vater oder eine Mutter die Augen schließt: ein köstlicheres Erbe kannst du deinen Kindern nicht hinterlassen als Gottes Wort, ihrem Herzen von früh auf eingeprägt durch treue Vermahnung, christliche Exempel und fromme Fürbitte.
Was hilft den Kindern großes Geld,
Wenn nicht ihr Herz ist gut bestellt?
Wer sie zu Gott recht führen lässt,
Der tut für sie das Allerbest!
Ja, Gottes Wort, das Testament des ewigreichen und allbarmherzigen Gottes, in das wir allesamt eingesetzt sind kraft seines allmächtigen Liebeswillens, das ist unser bester Reisepfennig in dieser Welt. Wer das hat und hält, der hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihm genommen werden. Der kann mit unserem Psalmisten sprechen:
V. 61: Der Gottlosen Rotte beraubet mich, aber ich vergesse deines Gesetzes nicht.“ Irdische Schätze können uns geraubt werden durch Feuersglut und Wassersflut, durch Diebe und Betrüger, durch Krieg und Misswachs, durch Bosheit oder Unglücksfälle; aber Gottes Wort und was wir in und an und durch Gottes Wort haben, Licht und Kraft, Trost und Frieden, das kann uns niemand rauben. Ich trage alle meine Habe bei mir, so sprach jener griechische Weise, als er ruhig aus seinem brennenden Hause trat und schlug an sein Herz. Und der Christ schlägt auch an sein Herz und spricht:
Warum soll ich mich denn grämen? Hab ich doch Jesum noch,
Wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben, den mir schon Gottes Sohn
Beigelegt im Glauben?
So soll's denn auch bei uns heißen:
V. 63: „Ich halte mich zu denen, die dich fürchten und deine Befehle halten.“ So wollen auch wir schließen mit dem Bekenntnis und der Bitte:
V. 64: „Herr, die Erde ist voll deiner Güte, lehre mich deine Rechte.“ Viel liebliche Gaben deiner Güte hast du über diese Erde ausgestreut, aber die edelste deiner Gaben ist doch dein Wort, das vom Himmel kommt und zum Himmel führt. Viel Gnade und Segen hast du ausgegossen über unser aller Leben, aber der höchste Segen unseres Lebens ist doch dein Wort, das uns in diesem irdischen Leben bereiten und heiligen soll zu einem ewigen Leben.
O so lehre uns je mehr und mehr deine Rechte; lehre uns dein heiliges, seligmachendes Wort je mehr und mehr schätzen, verstehen und halten, damit es auch an uns sich erweisen könne als eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben.
Ach bleib mit deinen Worten
bei uns, Erlöser wert,
Auf dass uns hier und dorten
sei Güt und Heil beschert!
Amen.
(65) Du tust Gutes deinem Knechte, Herr, nach deinem Wort. (66) Lehre mich heilsame Sitten und Erkenntnis, denn ich glaube deinen Geboten. (67) Ehe ich gedemütigt ward, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort. (68) Du bist gütig und freundlich; lehre mich deine Rechte. (69) Die Stolzen erdichten Lügen über mich; ich aber halte von ganzem Herzen deine Befehle. (70) Ihr Herz ist dick wie Schmeer; ich aber habe Lust an deinem Gesetz. (71) Es ist mir lieb, dass du mich gedemütigt hast, dass ich deine Rechte lerne. (72) Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber, denn viel tausend Stücke Gold und Silber. (73) Deine Hand hat mich gemacht und bereitet; unterweise mich, dass ich deine Gebote lerne. (74) Die dich fürchten, sehen mich, und freuen sich, denn ich hoffe auf dein Wort. (75) Herr, ich weiß, dass deine Gerichte recht sind, und hast mich treulich gedemütigt. (76) Deine Gnade müsse mein Trost sein, wie du deinem Knechte zugesagt hast. (77) Lass mir deine Barmherzigkeit widerfahren, dass ich lebe, denn ich habe Lust zu deinem Gesetz. (78) Ach, dass die Stolzen müssten zu Schanden werden, die mich mit Lügen niederdrücken; ich aber rede von deinem Befehl. (79) Ach, dass sich müssten zu mir halten, die dich fürchten und deine Zeugnisse kennen. (80) Mein Herz bleibe rechtschaffen in deinen Rechten, dass ich nicht zu Schanden werde.
Als vor dreihundert Jahren der tapfere König Franz I von Frankreich nach seiner Befreiung aus der Gefangenschaft in Spanien zum ersten Mal wieder in eine Kirche kam und man eben den 67. Vers unseres Psalms am Altare verlas, den wir vorhin auch vernommen: „Ehe ich gedemütigt ward, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort,“ da konnte er sich nicht enthalten, laut auszurufen: Wie wahr ist das! So kann sich auch an einem gekrönten Haupte der Spruch erfüllen: Anfechtung allein lehrt aufs Wort merken. Und als ungefähr um dieselbe Zeit unser württembergischer Herzog Ulrich aus der Verbannung wieder siegreich in sein Land einzog, da brachte er unter seinem Harnisch ein demütiges Herz mit heim statt eines hochfahrenden und stolzen, das er zuvor gehabt, und da brachte er in der einen Hand zwar das Schwert, in der andern aber die deutsche Bibel, das lautere Evangelium, das er in der Fremde hatte kennen und schätzen gelernt; da brachte er in seinem Munde den frommen Wahlspruch, der fortan seine Losung blieb bis auf sein Sterbebett: „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.“ Auch an ihm hatte sich's bewährt: „Die Anfechtung lehrt aufs Wort merken.“
Was diese zwei Fürsten erfahren und bekannt haben und was vor ihnen und nach ihnen tausende im Palast und in der Hütte erfahren und bekannt haben, dasselbe vernehmen wir hier auch aus des königlichen Psalmisten Mund; denn wollen wir die Hauptgedanken herausheben aus unserem heutigen Psalmstück, so ist es ungefähr der: Kreuz und Wort Gottes - diese beiden gehören zusammen, keines kann ohne das andere recht verstanden werden; Gottes Wort nicht ohne das Kreuz und das Kreuz nicht ohne Gottes Wort. Wir wollen darüber in diesem Andachtsstündlein etwas weiter nachdenken:
Wie beides zusammengehöre: Kreuz und Gottes Wort.
Also 1) Gottes Wort kann nicht verstanden werden ohne das Kreuz, oder: Die Anfechtung allein lehrt aufs Wort merken. Das bekennt mit klaren Worten der Psalmist, wenn er bezeugt:
V. 67: „Ehe ich gedemütigt ward, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort.“ V. 71: V. 71: „Es ist mir lieb, dass du mich gedemütigt hast, dass ich deine Rechte lerne.“ Wo kämen Davids Psalmen her, wenn er nicht auch versucht wär? heißt's in einem unserer Lieder. Aber sie wären nicht nur nicht gedichtet worden diese herrlichen Psalmen ohne Kreuz und Anfechtung, sondern sie können auch nicht recht verstanden werden, man sei denn durch ähnliche Trübsalsfluten und Leidensgluten gegangen wie der Psalmist. Und so ist's mit dem Wort Gottes überhaupt: Anfechtung allein lehrt aufs Wort merken.
Denn fürs erste: Sie führt uns in die Stille, auf die Lehren des göttlichen Wortes zu merken. Im Gedräng des Lebens, im Geräusch der Welt, im Gewühl der Zerstreuungen - da wissen wir wohl, wie es geht; man hat wenig Zeit oder meint wenig Zeit zu haben für Gottes Wort. Und wenn man's auch hört und liest, wenn man seinen Morgen- und Abendsegen daheim, seine Predigt und Bibelstunde in der Kirche nicht versäumt -es dringt nicht gerade so tief, es ist gar bald wieder übertäubt vom Geräusch des Lebens, weggeschwemmt von den Fluten des Tages, was man da gehört und gelesen. Aber wenn nun die Anfechtung kommt, wenn uns der Herr besonders nimmt von dem Volk, wie er dort jenem Taubstummen im Evangelium getan; wenn er uns auf ein Krankenlager legt, wo die Nächte so lang sind und die Tage so still vorüberschleichen und man Stunden lang nichts hört, als das Picken der Uhr an der Wand, die an einemfort im Takte spricht: Denk, o Mensch, an deinen Tod, säume nicht, denn eins ist not! wenn uns Gott in Trauer versetzt, dass uns die Gesellschaft der Leute lästig ist, dass wir an den Vergnügungen der Welt nicht teilnehmen können und mögen, o dann wird das Ohr viel feiner für Gottes Wort; dann kann der Herr mit uns reden und wir haben Zeit, ihn zu hören, und können ihm viel weniger ausweichen als sonst; dann fallen einem oft längst vergessene Lieder und Sprüche wieder ein; dann liest man irgend ein Kapitel oder ein Lied oder eine Predigt mit ganz andern Augen, mit viel geschärfteren Sinnen, als sonst in lustigen Stunden, und manches Wort fällt einem auf, auf das man sonst nicht geachtet hätte, und irgend ein Spruch kann einen tagelang beschäftigen, über den man sonst leicht hinweggeschlüpft ist.
Die Anfechtung lehrt aufs Wort merken. Sie führt uns in die Stille, die Lehren des göttlichen Worts zu vernehmen.
Und sie macht uns demütig, uns der Zucht des göttlichen Worts zu unterwerfen. „Ehe ich gedemütigt ward,“ sagt der Psalmist, „irrte ich.“ In guten Tagen, da ist das Menschenherz meist viel zu stolz, um sich unter die Zucht des göttlichen Worts zu beugen, und der Menschenverstand viel zu hochmütig, um die Weisungen der Schrift anzunehmen. Da dünkt man sich gescheit genug, um selber zu wissen, was zum Frieden dient; stark genug, um selber fortzukommen in der Welt; gut genug, um vor Gott und Welt zu bestehen. Da heißt's, wie David selber einmal gesteht im 30. Psalm: „Ich aber sprach, da mir's wohlging: Ich werde nimmermehr darniederliegen.“ Und so geht man dann seinen eigenen Weg, im Irrtum, im Leichtsinn dahin. Aber wie ganz anders, wenn nun die Trübsal hereinbricht, wenn nun Gottes Hand schwer auf uns liegt, wenn irgendein Unglück uns das zertrümmert, worein wir unsern Stolz gesetzt: Hab und Gut, Schönheit und Gesundheit, Ehre und guten Namen, Hoffnungen und Pläne. Da sieht man erst ein, wie garnichts alle Menschen sind, die doch so sicher leben. Da lernt man sich beugen unter die Zuchtrute des göttlichen Worts. Da geht man prüfend in sein eigen Herz und Leben und fragt: Herr, was hast du wider mich? womit hab ich deinen Zorn und Ungnade verschuldet? Da lernt man sich selber erst kennen, die eigene Torheit, Schwachheit und Sünde, und erkennt und bekennt es: „Ehe ich gedemütigt ward, irrte ich.“ Da lernt man Gottes Wort erst verstehen und was es sagt von der Gerechtigkeit Gottes, von der Sündhaftigkeit des Menschen, von der Vergänglichkeit alles Irdischen und von dem Ernste der Ewigkeit. Im Feuer der Trübsal da wird das harte, spröde Menschenherz weich, dass der Hammer des göttlichen Worts nicht vergeblich darüber kommt, sondern es schmieden kann und formen und bilden zu einem Gefäß der göttlichen Gnade. Die Anfechtung lehrt uns aufs Wort merken; sie macht uns demütig, uns der Zucht des göttlichen Worts zu unterwerfen.
Und sie macht uns begierig, die Tröstungen des göttlichen Worts zu suchen. Wie sehnsüchtig hören wir den Psalmisten flehen:
V. 76: „Deine Gnade müsse mein Trost sein, wie du deinem Knechte zugesagt hast.“ Und V. 77: „Lass mir deine Barmherzigkeit widerfahren, dass ich lebe, denn ich habe Lust zu deinem Gesetz.“ Und wie brünstig ruft anderswo Assaph:
„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, nach dir! Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott!“ Solchen Durst erwecket die Anfechtung. Wenn die Freudenbrunnen und Trostquellen irdischen Glücks vertrocknet sind, wenn das Herz in der Trübsalshitze matt geworden ist wie ein dürres Land, dann sehnt man sich nach einem besseren Trost, dann dürstet man nach dem Brünnlein Gottes, wo das Lebenswasser quillt, das den Durst auf ewig stillt! Ja, wie mancher Mund, der sonst wenig gefragt hat nach Gott und göttlichen Dingen, hat in der Trübsal gelernt, nach himmlischem Trost zu fragen, nach der Kirche, nach dem Wort Gottes, nach dem heiligen Abendmahl, nach dem Gebet, nach dem Beichtvater, nach dem Heiland, nach dem Himmel zu fragen, und schämt sich nicht mehr zu seufzen und zu rufen: Ach, Herr Jesu, du Sohn Gottes, erbarme dich mein!
Die Anfechtung lehrt aufs Wort merken, denn sie macht uns begierig, die Tröstungen des göttlichen Worts zu suchen. Und sie macht uns dankbar, den Segen des göttlichen Worts zu schätzen.
V. 72: „Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber, denn viel tausend Stück Gold und Silber.“ So hören wir freudig unsern Psalmisten bekennen im 72. Vers. Und er hat Recht. Ist ja ein einziger Spruch aus Gottes Wort nicht mit Gold zu bezahlen. Ein Bibelhausierer kam einst zu einem alten Mann und fragt ihn, ob er nicht auch eine Bibel kaufe? Nein, sagt der, das Geld ist rar bei mir, ich brauch's zu nötigeren Dingen. Nun, sagt der andere und schlägt so eine neue Bibel auf, in dem Buch da kommen aber doch auch Dinge, die schon ihr Stücklein Geld wert sind. Zum Beispiel da hab ich gerade aufgeschlagen den Spruch, Joh. 3: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Dieser Spruch, der fällt dem alten Mann aufs vertrocknete Herz wie Tau auf ein dürres Gras, er klingt ihm in den Ohren wie dem müden Wandersmann Glockenlaut aus der Heimat. Ja, sagt er, den Spruch kauf ich, um diesen einen Spruch kauf ich euch eine Bibel ab und da habt ihr euern Taler.
Sagt, meine Lieben, habt ihr nicht auch solche Kapitel in eurer Bibel, die euch lieber sind als eine ganze Schatzkammer voll Gold; habt ihr nicht auch solche Sprüche, die euch kostbarer sind als Gold, Edelstein und Perlen?
Und wo lernt man diese Schätze finden und heben und schätzen? Ist's nicht in der Trübsal erst? Ist's nicht die Anfechtung erst, die es uns dankbar schätzen lehrt, was wir haben an Gottes Wort und an den seligen Wahrheiten, die uns da verkündet werden: von der Liebe Gottes, die nicht will, dass eine Seele verloren gehe, sondern dass alle das ewige Leben haben; von der Gnade des Heilands, der auch durch Kreuz und Leiden uns nur zu sich ziehen und selig machen will; von der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, welcher der rechte Tröster ist in aller Trübsal; vom Segen des Kreuzes, das nichts ist als eine Vorschule des Himmelreichs; von der Herrlichkeit der zukünftigen Welt, deren nicht wert sind alle Leiden dieser Zeit? Gewiss auch unter uns hat das manche Seele schon erfahren zu ihrem zeitlichen und ewigen Heil. Und jede neue Anfechtung, die über uns kommt, jede fernere Trübsal, womit uns Gott heimsucht, - o möchte sie dazu dienen, uns das Wort Gottes aufzuschließen, uns tiefer zu gründen auf den Grund unseres Glaubens, damit es auch an uns sich erprobe, was unser Luther singt:
Das Silber, durchs Feuer siebenmal bewährt, wird lauter funden;
Am Gotteswort man warten soll desgleichen alle Stunden;
Es will durchs Kreuz bewährt sein,
Da wird sein Kraft erkannt und Schein
Und leucht't stark in die Lande.
Also, meine Lieben, Gottes Wort kann nicht verstanden werden ohne das Kreuz. Aber ebenso auch umgekehrt:
2) Das Kreuz kann nicht verstanden werden ohne Gottes Wort. Die Anfechtung allein lehrt aufs Wort merken. Aber Gottes Wort allein lehrt auch die Anfechtung ertragen. Es lehrt uns fürs erste demütige Beugung unter Gottes Wort:
V. 75: „Herr, ich weiß, dass deine Gerichte recht sind und hast mich treulich gedemütigt.“ Ja, dass Gottes Gerichte gerecht sind, dass er uns auch demütigt und züchtigt aus lauter Gnade und Treue, das wissen wir aus Gottes Wort, das zeigen uns alle seine Führungen mit seinen Gläubigen von Abraham bis auf Paulus. Und darum lernen wir aus seinem Wort uns demütig beugen unter seine gewaltige Hand, auch wenn sie schwer auf uns liegt, und auch auf dunkeln Wegen im Glauben sprechen: Was Gott tut, das ist wohlgetan. Und so lehrt uns Gottes Wort auch in der Anfechtung feststehen und nicht wanken, weil es unsere sichere Richtschnur ist, so dass es auch bei uns heißt:
V. 80: „Mein Herz bleibe rechtschaffen in deinen Rechten, dass ich nicht zu Schanden werde.“ - Dann können wir dastehen in der Trübsal als ein leuchtendes Vorbild für alle Guten, durch unsern Gehorsam und unsere Geduld, durch unsern Glauben und unsere Hoffnung, wie der Psalmist sich wünscht:
V. 74: „Die dich fürchten, sehen mich und freuen sich, denn ich hoffe auf dein Wort. Und V. 79: „Ach, dass sich müssten zu mir halten, die dich fürchten und deine Zeugnisse kennen.“ Dann wird der Friede Gottes unser Herz erfüllen und himmlischer Trost uns zufließen aus Gottes Wort, wie es im 76. Vers heißt: „Deine Gnade müsse mein Trost sein, wie du deinem Knechte zugesagt hast.“ So sei denn Gottes Wort unseres Herzens Trost in guten und in bösen Tagen, dann können auch wir das Kreuz ertragen, dann können auch wir es rühmen:
Ist das Kreuz am allergrößten, zagt das Herz in Angst und Not,
So kann dieses Wort noch trösten; es wirkt Leben selbst im Tod,
Stillet die Gewissensbisse, lindert alle Kümmernisse
Und befreit vom bangen Schmerz ein von Seufzen mattes Herz.
Amen.
(81) Meine Seele verlangt nach deinem Heil, ich hoffe auf dein Wort. (82) Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort, und sagen: Wann tröstest du mich? (83) Denn ich bin wie eine Haut im Rauch; deiner Rechte vergesse ich nicht. (84) Wie lange soll dein Knecht warten? Wann willst du Gericht halten über meine Verfolger? (85) Die Stolzen graben mir Gruben, die nicht sind nach deinem Gesetz. (86) Deine Gebote sind eitel Wahrheit. Sie verfolgen mich mit Lügen; hilf mir. (87) Sie haben mich schier umgebracht auf Erden; ich aber verlasse deine Befehle nicht. (88) Erquicke mich durch deine Gnade, dass ich halte die Zeugnisse deines Mundes. (89) Herr, dein Wort bleibt ewig, soweit der Himmel ist; (90) Deine Wahrheit währt für und für. Du hast die Erde zugerichtet, und sie bleibt stehen. (91) Es bleibt täglich nach deinem Wort, denn es muss dir alles dienen. (92) Wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend. (93) Ich will deine Befehle nimmermehr vergessen, denn du erquickest mich damit. (94) Ich bin dein, hilf mir, denn ich suche deine Befehle. (95) Die Gottlosen warten auf mich, dass sie mich umbringen; ich aber merke auf deine Zeugnisse. (96) Ich habe alles Dinges ein Ende gesehen; aber dein Gebot währt.
„Ich habe alles Dinges ein Ende gesehen; aber dein Gebot währt.“ So hören wir hier den Psalmisten bezeugen schon Jahrhunderte zuvor, ehe der große Menschensohn in seiner Bergpredigt verkündigte: „Ich sage euch, wahrlich bis das Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis dass es alles geschehe.“ Und heute noch, Jahrhunderte und Jahrtausende danach kann man abermals sagen: „Ich habe alles Dinges ein Ende gesehen; aber dein Gebot währt.“ Wie vieler Dinge Ende hat man gesehen, seit der Psalmist diese Worte niederschrieb: wieviel Geschlechter der Menschen sind vorübergegangen; wieviel mächtige Reiche sind in den Staub gesunken; wieviel menschliche Bücher sind geschrieben worden und wieder verschollen; wie hat die ganze Welt ihre Gestalt verändert, aber „dein Gebot, Herr, währt“. Von diesem Psalm da ist noch kein Vers verloren gegangen, vom ganzen Wort Gottes ist noch kein Buchstabe in Abgang dekretiert, und was unser alter Herzog Ulrich als seinen Wahlspruch noch auf dem Sterbebette bekannte, das soll auch unser Wahlspruch sein: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.
Freilich, meine Lieben, wie die Gestirne des Himmels nicht immer gleich hell funkeln, sondern manchmal von Wolken verfinstert werden, so verliert auch Gottes Wort für uns manchmal seinen hellen Schein, als wäre es gar erloschen und versunken. Und es sind das recht trübe Zeiten, sei es, dass in der ganzen Kirche das Wort Gottes unter dem Scheffel steht und nicht mehr leuchten kann denen, die im Hause sind, oder dass einer einzelnen Seele die hellen Sterne der göttlichen Verheißungen unterzugehen scheinen hinter dem Nachtgewölke des Zweifels und der Anfechtung. Aber gottlob nicht auf immer. Gottes Wort bleibt dennoch in Ewigkeit. Ich habe alles Dinges ein Ende gesehen; aber dein Gebot währt.“ Dabei bleibt es doch zuletzt. Auch unser heutiges Psalmstück läuft darauf hinaus:
Gottes Wort kann zwar auf Zeiten verdunkelt werden; aber doch bleibt es in Ewigkeit.
Das ist der Hauptgedanke, den wir aus unserem heutigen Abschnitt ziehen wollen.
Wie Gottes Wort auch dem Frommen auf Zeiten verdunkelt werden kann, das deutet besonders die erste Hälfte unseres Psalmstücks an, V. 81-88. Verdunkelt vor allem durch innere Anfechtung. Aus solcher inneren Anfechtung heraus seufzt und schreit unser Psalmist:
V. 81: „Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort.“ V. 82: „Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort und sagen: Wann tröstest du mich?“ V. 83: „Denn ich bin wie eine Haut im Rauch; deiner Rechte vergesse ich nicht.“ „Ich hoffe auf dein Wort; meine Augen sehnen sich nach deinem Wort.“ Wie kann denn der Psalmist so sagen und doch hat er ganz gewiss Gottes Wort gehabt, im Haus, in der Hand, im Mund und im Herzen. Es gibt freilich auch finstere Zeiten, wo Gottes Wort gleichsam verschollen und verloren ist mitten in seiner Gemeinde. So war's beim alten Bundesvolk in den finsteren Zeiten, ehe das Gesetzbuch aufgefunden wurde unter König Josia. So war's in der Christenheit in den finstern Jahrhunderten des Mittelalters, als das Licht des göttlichen Worts unter dem Scheffel stand, und der junge Luther die erste Bibel, die er sah in der Klosterbibliothek zu Erfurt, mit Ketten fand an den Kasten gebunden. So war's auch in der evangelischen Kirche in den traurigen Zeiten des Unglaubens, als die hochmütige Menschenvernunft das einfältige Gotteswort, die sogenannte Aufklärung den alten Glauben der Väter fast ganz verdrängt hatte in der Kirche.
Ebenso gibt es freilich auch redliche Herzen, die sich nach Gottes Wort sehnen, nach einer deutschen Bibel, nach einer evangelischen Predigt, nach einem christlichen Gotteshaus, nach einem schönen Choral, wie wir's alle Tage haben können, schmerzlich sehnen, und würden viel Geld drum geben und können's doch nicht haben, sei es weil sie aufs Krankenlager gebannt oder weil sie draußen in der Fremde sind, in der Heidenwelt oder in der Finsternis römischen Aberglaubens. Aber, meine Lieben, auch mit der Bibel in der Hand, auch mit dem Kirchturm hart vor dem Fenster kann man oft seufzen: „Meine Seele verlangt nach deinem Heil, meine Augen sehnen sich nach deinem Wort.“ Das ist in Zeiten innerer Dürre, geistlicher Anfechtung, in Stunden der Glaubensschwachheit, der Herzensmattigkeit, der Gottverlassenheit, wo kein Gebet gelingen, kein Trost anschlagen will, wo das Licht des Evangeliums gleichsam seinen Schein, das Salz des göttlichen Worts gleichsam seine Kraft für uns verloren hat, und wir auch sagen möchten: ich bin wie ein dürrer Scherben, oder wie es hier im Text heißt, wie eine Haut im Rauch, so trocken, starr und tot.
Wohl uns, wenn wir dann nur hinzusetzen mit dem Psalmisten: „Deiner Rechte vergesse ich nicht.“ Ja, liebe Seele, nur dann nicht verzagt, nur dann nicht verzweifelt, nur dann nicht das liebe Gotteswort unter den Tisch geworfen und nicht das liebe Gebet an den Nagel gehängt, sondern fortgekämpft, fortgerungen, fortgebetet - was gilt's, die böse Zeit wird auch wieder vorübergehen, der Herr wird auch wieder einen Sonnenblick der Erleuchtung geben in die dunkle Seele, einen Spätregen seines Geistes geben aufs dürre Land, ein kühles Windlein seiner Gnade schicken ins schwüle Herz, dass du wieder froh wirst in deinem Gott, dass dir das Licht des Glaubens wieder hell aufgeht und du fröhlich rühmen kannst: Ja, Herr, es ist doch wahr: dein Wort bleibt in Ewigkeit.
Manchmal aber sind's auch äußere Feinde, die uns das Wort Gottes wollen rauben und seinen hellen Schein verdunkeln. Dahin deuten die folgenden Verse:
V. 84: „Wie lange soll dein Knecht warten? Wann willst du Gericht halten über meine Verfolger?“ Da steht's doch in diesem deinem Wort: Du bist nicht ein Gott, dem gottloses Wesen gefällt; wer böse ist, bleibt nicht vor dir - und doch seh ich diesen und jenen sein böses Wesen treiben ungestraft von Jahr zu Jahr. Da les ich's doch in meiner Bibel: Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen, und doch wart ich vergeblich auf deine Hilfe von Tag zu Tag.
V. 85: „Die Stolzen graben mir Gruben, die nicht sind nach deinem Gesetz.“ Kannst du das sehen, du Allgerechter? Stimmt das mit deinem Wort, da es heißt: Wer eine Grube macht, der wird darein fallen? (Spr. 26, 27.)
V. 86: „Deine Gebote sind eitel Wahrheit; sie verfolgen mich mit Lügen; hilf mir.“ Warum darf denn die Lüge aufkommen gegen die Wahrheit und ihre Bekenner? Warum gilt Menschenwort mehr in der Welt als dein ewiges, lebendiges, kräftiges Gotteswort?
V. 87: „Sie haben mich schier umgebracht auf Erden. Ich aber verlasse deine Befehle nicht.“ Recht so, Kind Gottes, lass dich nicht abbringen von Gottes Wort und Gottes Weg weder durch List noch durch Gewalt. Lass dir dieses himmlische Licht nicht verdunkeln, nicht verlästern, nicht entleiden durch den Spott der Spötter, durch den Hochmut der Ungläubigen, durch das Glück der Gottlosen. Rufe den Herrn an:
V. 88: „Erquicke mich durch deine Gnade, dass ich halte die Zeugnisse deines Mundes,“ - und so gewiss die Sonne wieder aufgeht, wenn die Stunden der Nacht vorüber sind, so gewiss wird auch Gottes Wort Recht behalten und siegreich wieder hervortreten aus seiner Verfinsterung. So war's dort einst am Ostermorgen. Drei Tage lang hat die Bosheit triumphiert; drei Tage lang schien's, Gottes Wort habe Unrecht, es sei nichts mit den göttlichen Verheißungen, nichts mit dem Trost Israels und siehe, am dritten Morgen hat Gott doch Recht behalten und im Strahle der Ostersonne glänzte hell die alte Wahrheit: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.
Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn,
So wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurückegehn;
Was er ihm vorgenommen und was er haben will,
Das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel.
Gottes Wort bleibt in Ewigkeit! Das ist der Trost- und Kraftgedanke, der nun mächtig hindurchklingt durch die zweite Hälfte unseres heutigen Psalmstücks, V. 89-96.
V. 89: „Herr, dein Wort bleibt ewig, soweit der Himmel ist.“ Ja, wie dieses blaue Firmament da droben unverwüstlich und unerschütterlich sich über unserem Haupte wölbt mit seiner Sonne, die siegreich immer wieder hervorgeht aus dem Schoß der Nacht, und mit seinen Sternen, die ruhig ihre Bahnen wandeln und immer wieder erscheinen an ihrem alten Ort, so hoch, so hell, so fest, so unerschütterlich steht auch der Himmel des göttlichen Worts mit der Sonne der ewigen Wahrheit, mit den Sternen der göttlichen Verheißung. Und kein Steinwurf loser Buben reicht hinauf bis zu dieser Sonne, sie zu zertrümmern, und kein Nachtgewölk der Lüge kann diese Sterne auslöschen, die immer wieder hervorleuchten im alten Glanz und heute noch so lieblich leuchten wie vor tausend Jahren.
V. 90: „Deine Wahrheit währt für und für. Du hast die Erde zugerichtet und sie bleibt stehen.“ Vorhin hat er den Himmel zum Gleichnis genommen für die Unverwüstlichkeit des göttlichen Worts; nun nimmt er die Erde zum Zeugnis. Wie die Erde unerschütterlich steht und nimmer aus ihrer Are weicht, so felsenfest und unergründlich und unerschütterlich steht auch Gottes Wort und umsonst rüttelt der Unglaube daran: Das Wort sie sollen lassen stahn und kein Dank dazu haben. Ja, nach diesem Wort muss der ganze Weltlauf sich richten:
V. 91: „Es bleibt täglich nach deinem Wort, denn es muss dir alles dienen.“ Gottes Wort, das ist die Achse, um die die ganze Welt sich dreht; das Leitseil, das den ganzen Weltlauf lenkt; die höchste Macht, der alles dienen muss im Himmel und auf Erden, sei's wissentlich oder unbewusst, freiwillig oder gezwungen. O wohl dir, lieber Mensch, wenn Gottes Wort auch deines Lebens Richtschnur bleibt; wohl dir, wenn's auch in deinem Leben heißt: Es bleibt täglich nach deinem Wort, dir Herr muss alles dienen, mein Geist und mein Leib, meine Hand und mein Mund, mein Gut und mein Blut, mein Kind und mein Gesinde, ich und mein Haus, wir allesamt wollen dir dienen und uns richten nach deinem Wort. Dann bleibt Gottes Wort auch deines Hauses Sonne, wie es das Licht ist der ganzen Welt; dann bleibt es auch deines Herzens Trost, wie es der Trost ist der ganzen Menschheit; dann kannst auch du sprechen mit dem Psalmisten:
V. 92: „Wo dein Gesetz (dein Wort) nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.“ O köstliches Bekenntnis! Von wieviel tausend Lippen ist dieses Bekenntnis schon wiederholt worden! Wieviel tausend gläubige Seelen haben das schon nachgesprochen auf Krankenbetten, in Trauerhäusern, in Sorgen und Nöten aller Art: „Wo dein Wort nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.“ Gewiss auch wir alle haben das schon erfahren; gewiss auch wir alle haben schon Stunden gehabt, wo kein Menschentrost uns trösten, keine Menschenmacht uns retten, kein Menschenwitz uns raten, kein Menschenwort uns helfen konnte, aber siehe da, Gottes Wort hat uns aus der Verzweiflung gerissen; ein Spruch, ein Vers, ein Kapitel, eine Predigt aus diesem köstlichen Buche da war der Lichtstrahl, der uns den Weg wies in der finstern Nacht, war wie das Rettungsseil, dem Ertrinkenden zugeworfen in die wilden Wasserfluten! so wollen wir's denn auch bekennen diesem Gotteswort zum Ruhm, so wollen wir denn auch dabei bleiben uns selber zum Heil:
V. 93: „Ich will deine Befehle nimmermehr vergessen, denn du erquickest mich damit.“ V. 94: „Ich bin dein, hilf mir, denn ich suche deine Befehle.“ Und V. 95: „Wenn auch die Gottlosen auf mich warten, dass sie mich umbringen: Ich merke auf deine Zeugnisse.“ Die sind mein Wegweiser, mein Panier, mein Kompass, mein Polarstern. Denn so lautet für heut unser majestätischer Schluss:
V. 96: „Ich habe alles Dinges ein Ende gesehen, aber dein Gebot währt.“ Nun denn:
Herr! dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir,
Denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für.
Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn?
Mir ist nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun.
Amen.
(97) Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich rede ich davon. (98) Du machst mich mit deinem Gebot weiser, denn meine Feinde sind, denn es ist ewig mein Schatz. (99) Ich bin gelehrter, denn alle meine Lehrer, denn deine Zeugnisse sind meine Rede. (100) Ich bin klüger, denn die Alten, denn ich halte deine Befehle. (101) Ich wehre meinem Fuß alle böse Wege, dass ich dein Wort halte. (102) Ich weiche nicht von deinen Rechten, denn du lehrst mich. (103) Dein Wort ist meinem Munde süßer, denn Honig. (104) Dein Wort macht mich klug, darum hasse ich alle falsche Wege. (105) Dein Wort ist meines Fußes Leuchte, und ein Licht auf meinem Wege. (106) Ich schwöre, und will es halten, dass ich die Rechte deiner Gerechtigkeit halten will. (107) Ich bin sehr gedemütigt; Herr, erquicke mich nach deinem Wort. (108) Lass dir gefallen, Herr, das willige Opfer meines Mundes, und lehre mich deine Rechte. (109) Ich trage meine Seele immer in meinen Händen, und ich vergesse deines Gesetzes nicht. (110) Die Gottlosen legen mir Stricke; ich aber irre nicht von deinem Befehl. (111) Deine Zeugnisse sind mein ewiges Erbe, denn sie sind meines Herzens Wonne. (112) Ich neige mein Herz zu tun nach deinen Rechten immer und ewig.
„Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Das ist eine feine Klugheit; wer danach tut, des Lob bleibt ewig.“ So haben wir im 111. Psalm früher gelesen und darauf läuft auch unser heutiger Psalmabschnitt hinaus. Dreierlei Kräfte insbesondere hat das Wort Gottes: es erleuchtet, es heiligt, es beseligt; oder: es macht weise, es macht fromm, es macht glücklich; oder: es führt ein Lehramt, ein Zuchtamt und ein Trostamt. Alle diese drei Kräfte darf ein Liebhaber des göttlichen Worts an sich erfahren. Das eine Mal, wenn wir aus einer Predigt heimgehen oder uns sonst mit Gottes Wort unterhalten haben, ist es mehr unser Verstand, der dabei bereichert worden ist; unser Nachdenken ist geweckt worden über Gott und göttliche Dinge. Es ist uns ein neues Licht aufgegangen über diese oder jene Heilswahrheit. Irgendein Spruch ist uns klarer, irgendein Rätsel im Weltlauf ist uns gelöst worden, und wir blicken mit hellerem Auge in die Welt. Da hat Gottes Wort sein Lehramt an uns geübt.
Ein andermal ist es mehr unser Wille, der durch Gottes Wort angeregt, gezüchtigt und geläutert wird. Unsere Sünden werden uns aufgedeckt, heilige Vorbilder werden uns vor Augen gestellt, fromme Entschlüsse werden in uns geweckt, die Tränen der Buße treten uns ins Auge, das Feuer eines neuen Gehorsams glüht in unserem Herzen, und wir gehen heim mit dem Vorsatz: Es sei in mir kein Tropfen Blut, der nicht, Herr, deinen Willen tut. Da hat Gottes Wort sein Zuchtamt an uns geübt.
Wieder ein andermal ist es unser Herz besonders, unser mühseliges und beladenes Herz, das sich erleichtert und erquickt fühlt durch die Tröstungen und Verheißungen des göttlichen Worts. Kommt her zu mir, alle Mühseligen und Beladenen, ich will euch erquicken! Dieses Wort des Herrn fühlen wir an uns erfüllt, unsere Sorgen schwinden, unser Kreuz wird uns erträglicher, Gottes Gnadengegenwart wird uns fühlbarer, der Himmel kommt uns näher, die Erde selbst erscheint uns freundlicher und wir sprechen: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Da hat Gottes Wort sein Trostamt an uns geübt.
Jede dieser drei Wirkungen ist eine göttliche Wirkung; jede dieser drei Erfahrungen ist eine selige Erfahrung; jede hat ihren Wert und ihre Zeit und ihren Ort. Besonders wichtig aber ist doch, dass Gottes Wort unsern Verstand erleuchtet. Unser Wille kann nicht recht geläutert und gebessert, unser Herz kann nicht gründlich erquickt und getröstet werden, wenn unser Geist nicht erleuchtet ist, wenn es uns fehlt an der rechten christlichen Weisheit und Erkenntnis. Davon ist denn also besonders in unserem heutigen Psalmstück die Rede, von diesem ersten Amt des göttlichen Worts an uns, von seinem Lehramt.
Gottes Wort macht die Albernen weise.
Das ist das Hauptthema des Psalmisten in diesen 16 Versen, die wir nun nacheinander durchgehen wollen. Will man das erfahren, so muss man freilich Gottes Wort kennen und danach tun.
V. 97: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb!“ ruft der Psalmist im Eingang aus und beschämt damit so manchen Christen. Wie vielen Tausenden ist das Gesetz Gottes verhasst! abermals wie vielen Tausenden ist es gleichgültig! und wie wenige sind's, die so von Herzen ausrufen können: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb!“ Dein Wort ist mir ein Schatz, ein Kleinod, ein Freund, den ich nicht hergeben möchte um viel Schätze Silbers und Goldes! Willst du ein Kennzeichen, ob du's lieb hast? - Kannst du auch sagen: „Täglich rede ich davon?“ Redest du auch täglich davon? Ist kein Tag, wo du nicht Gottes Wort mit dir reden lässt und wo du nicht mit Gott und von Gott reden würdest? Oder lässt du's nur so von Zeit zu Zeit einmal an dich kommen, am Sonntag etwa in der Predigt? Sieh, das ist noch nicht der rechte Umgang mit Gottes Wort. Täglich muss es deine Speise sein, und wäre es nur eine Tageslosung, ein einzelner Denkspruch, ein einzelner Bibel- oder Liedervers, den du dir zum Geleitsengel nimmst für jeden einzelnen Tag, -nur keinen Tag vorübergehen lassen ganz ohne Gottes Wort! So wird man dann auch weise durch Gottes Wort und kann mit dem Psalmisten rühmen:
V. 98: „Du machst mich mit deinem Gebot weiser, denn meine Feinde sind, denn ewig ist es mein Schatz.“ Wie klug und gescheit dünken sich oft die Feinde des Evangeliums, die Verächter des göttlichen Worts! Was bilden sie sich ein auf ihren Witz, auf ihre Bildung und Aufklärung! Wie verächtlich blicken sie herab auf uns, die wir noch an Gottes Wort glauben! Und doch du machst mich mit deinem Gebot weiser, denn meine Feinde sind! Doch wer ist am Ende weiser, gescheiter, klüger: wir oder sie? „Denn es ist ewig mein Schatz,“ siehe darin liegt die Antwort. Jener Spötterwitz, jene ungläubige Aufklärung - o die hält nicht lange Stand; da hat man nicht viel davon, wenn Trübsal kommt, wenn's zum Sterben geht, wenn das Gewissen erwacht; da zeigt sich's dann erst, wie unvernünftig, wie blind, wie töricht so ein Verächter dahingelebt in seines Herzens Verfinsterung. Der Gläubige aber spricht: Dein Wort, Herr, ist ewig mein Schatz; wenn kein Mensch mehr mir raten, mir helfen, mich trösten kann, dann bleibt mir dies dein Wort mit seinen Kraftgedanken und Heilswahrheiten. Ja, dein Wort macht die Albernen weise und die Toren klug.
V. 99: „Ich bin gelehrter als alle meine Lehrer, denn deine Zeugnisse sind meine Rede.“ „Ich bin gelehrter als alle meine Lehrer.“ Klingt das nicht allzu stolz und eingebildet? Soll damit etwa dem geistlichen Hochmut Vorschub getan werden, wo man das von Gott eingesetzte Lehramt verachtet und großtut mit seinem inneren Licht, mit seiner besonderen Erleuchtung? Oder soll damit das Wort geredet werden jener Verachtung aller Wissenschaft, wobei man meint, alle Bücher außer der Bibel gehören eigentlich ins Feuer, und wenn man nur fromm sei, so brauche man weiter nichts zu lernen und zu leisten, nichts zu wissen und zu können von dieser Welt und für diese Welt? Gewiss nicht, meine Lieben. Nein, Gottes Wort macht nicht aufgeblasen, sondern demütig, nicht töricht, sondern weise. Nein, Kunst und Wissenschaft in allen Ehren und allen Respekt auch vor der Mahnung des Apostels: „Liebe Brüder, unterwinde sich nicht jedermann Lehrer zu sein.“ Aber dabei bleibt's doch und das allein will der Psalmist sagen: Alle Weltweisheit der Menschen macht uns noch nicht weise zur Seligkeit. Und es kann einer sehr gelehrt sein in irdischen Dingen und in Sachen des Glaubens doch noch ein Kind. Und wiederum es kann einer mäßig begabt sein mit natürlichen Geistesgaben und wenig bewandert in der Weisheit dieser Welt; wenn er nur von Gott gelehrt ist, wenn er nur aus Gottes Wort gelernt hat das Eine, was not ist, wenn er nur die Wahrheit erkannt hat, an der unser Heil hängt für Zeit und Ewigkeit, dann ist er im Grund weiser als mancher vielgepriesene Weltweise und gelehrter als mancher scharfsinnige Professor. Dann gilt auch ihm, was der Herr gebetet: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbaret.
V. 100: „Ich bin klüger denn die Alten, denn ich halte deine Befehle.“ Auch dies Wort wollen wir nicht falsch verstehen. Sollte wohl hier dem Fürwitz der Jugend das Wort geredet sein, wo Buben klüger sein wollen als erfahrene Leute? wo junge Leute, die kaum die Kinderschuhe zertreten und den Schulsack hinter sich geworfen haben, sich nichts mehr sagen lassen wollen von Eltern, Lehrern, Predigtamt und Obrigkeit? Nimmermehr! Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und die Alten ehren! Dies Gebot bleibt stehen im Neuen Testament so gut wie im alten, bei Christen so gut wie bei Juden und Heiden. Nur das will der Psalmist sagen: Bloße graue Haare machen die Weisheit noch nicht. Es kann einer viel in der Welt gesehen und erfahren und erlebt haben und ist doch noch sehr unerfahren im inneren Leben, hat doch die Hauptsache noch nicht erlebt, nämlich die Wiedergeburt aus Gottes Geist und Gottes Wort. Das hat jener alte Mann eingesehen, der auf die Frage: wie alt er sei? die Antwort gab: sechs Jahre, und dem verwunderten Frager die Erläuterung gab: Siebzig Jahre bin ich dahingegangen in der Finsternis meines Herzens und war tot in Sünden. Seit sechs Jahren erst ist mir ein Licht aufgegangen aus Gottes Wort und ich habe aufs Neue angefangen zu lernen und zu leben und das erst kann ich ein Leben nennen, daher erst kann ich meinen Geburtstag datieren. Wenn man so rechnet, meine Lieben, wie alt sind denn wir? Wie viele unter uns haben ihren rechten Geburtstag schon gefeiert? Wie viele unter uns haben die rechte Erfahrung schon gemacht? Wie viele unter uns sind weise zur Seligkeit? Wie viele unter uns halten die Befehle des Herrn mit ganzem Ernst? Und wie viele können weitersprechen mit dem Psalmisten:
V. 101. 102: „Ich wehre meinem Fuß alle böse Wege, dass ich dein Wort halte. Ich weiche nicht von deinen Rechten, denn du lehrst mich.“ Seht, meine Lieben, das gehört nun insbesondere zur rechten göttlichen Weisheit und davon redet nun der Sänger besonders in den folgenden Versen: dass man sie auch ausübt im Leben als die rechte Lebensweisheit; dass man auch tut nach dem, was man weiß; dass es nicht beim bloßen toten Wissen, bei einer unfruchtbaren Erkenntnis bleibt, sondern dass diese Erkenntnis nun auch die heilige Richtschnur wird unseres Wandels. Darum rühmt sich der Psalmist nicht nur des göttlichen Worts, dass es ihn weiser mache als seine Feinde, gelehrter als seine Lehrer, klüger als die Alten, sondern er bekennt auch V. 101. 102, dass er sich danach halte und seinem Fuß wehre alle bösen Wege, die abweichen von Gottes Wort und Gebot. Darum rühmt er nicht bloß:
V. 103: „Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig;“ ich lese es gern, ich höre es gern, ich rede gerne davon, ich freue mich seiner süßen Verheißungen, - sondern er setzt auch hinzu:
V. 104: „Dein Wort macht mich klug, darum hasse ich alle falschen Wege,“ und lasse mich nicht verführen und verlocken weder zur Rechten noch zur Linken. Ja:
V. 105: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinen Wegen.“ Eine Leuchte für unsere Füße, ein Licht auf unsern Wegen das können wir ja wohl brauchen im Dunkel dieses Lebens. Wo so manche Nacht der Trübsal unsern Pfad umschattet; wo so mancher Abgrund des Verderbens droht zur Rechten und zur Linken; wo so manches Irrlicht falscher Grundsätze uns in den Sumpf zu locken droht, - o was ist es doch da um eine sichere Leuchte für unsere Füße, dass sie an keinen Stein sich stoßen; was ist es da um ein zuverlässiges Licht auf unsern Wegen, dass wir nicht abweichen vom rechten Pfad. Und diese Leuchte und dieses Licht, das uns sicher heimzündet durch die Nacht der Welt ins ewige Vaterhaus, siehe das ist das Wort Gottes. Leitet mich dies Lebenslicht, o so fehl und fall ich nicht. Selig der Erdenpilgrim, der an dieses Licht sich hält. Selig, wer auch aus vollem Herzen spricht:
V. 106: „Ich schwöre und will es halten, dass ich die Rechte deiner Gerechtigkeit halten will.“ Das hat Israel einst geschworen am Sinai in Mosis Hand. Das hat's abermals geschworen am Jordan auf Josuas Ruf: Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen. Das haben auch wir schon geschworen ach, wie oft! am Konfirmationsaltar, am Beicht- und Abendmahlstisch, in einer Stunde frommer Erhebung, da wir mit Petrus sprachen: Herr, wohin sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens! oder in einer Stunde tiefer Erniedrigung, da wir mit David seufzten: An dir, Herr, habe ich gesündigt und übel vor dir getan! Ach, wenn wir bedenken, wie oft wir das geschworen und wie oft wir es wieder vergessen haben, dann heißt's heut auch bei uns:
V. 107: „Ich bin sehr gedemütigt; Herr, erquicke mich nach deinem Wort.“ Und V. 108: „Lass dir gefallen, Herr, das willige Opfer meines Mundes und lehre mich deine Rechte.“ Ja, dass meine Seele endlich mit ganzem Ernste deine Gebote hielte, dass auch wir in Wahrheit sprechen könnten:
V. 109: „Ich trage meine Seele immer in meinen Händen und ich vergesse deines Gesetzes nicht.“ Ich bin auf alles gefasst, auch auf den Ruf aus dieser Welt; aber in meiner Hand halt ich die brennende Lampe, genährt mit dem Öl des göttlichen Worts, damit meine Seele erfunden werde unter den klugen Jungfrauen. Und dann mögen mir die Gottlosen Stricke legen, V. 110: ich irre nicht. Und mag Trübsal kommen, V. 111: deine Zeugnisse sind mein Erbe und meine Wonne. Und so bleibt es meines Herzens Schluss:
V. 112: „Ich neige mein Herz zu tun nach deinen Rechten immer und ewig.“ Sagt, Geliebte, hieße das nicht klug sein und weise zur Seligkeit?
O Geist der Weisheit präge mir diese Weisheit ein
Und richte meine Wege nach Gottes Wort allein,
So geh ich nicht verloren, so sterb ich nicht wie Toren,
So werd ich selig sein!
Amen.
(113) Ich hasse die Flattergeister, und liebe dein Gesetz. (114) Du bist mein Schirm und Schild, ich hoffe auf dein Wort. (115) Weicht von mir, ihr Boshaftigen; ich will halten die Gebote meines Gottes. (116) Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zu Schanden werden über meiner Hoffnung. (117) Stärke mich, dass ich genese, so will ich stets meine Lust haben an deinen Rechten. (118) Du zertrittst alle, die deiner Rechte fehlen; denn ihre Trügerei ist eitel Lügen. (119) Du wirfst alle Gottlosen auf Erden weg wie Schlacken, darum liebe ich deine Zeugnisse. (120) Ich fürchte mich vor dir, dass mir die Haut schaudert, und entsetze mich vor deinen Rechten. (121) Ich halte über dem Recht und Gerechtigkeit; übergib mich nicht denen, die mir wollen Gewalt tun. (122) Vertritt du deinen Knecht, und tröste ihn, dass mir die Stolzen nicht Gewalt tun. (123) Meine Augen sehnen sich nach deinem Heil, und nach dem Wort deiner Gerechtigkeit. (124) Handle mit deinem Knecht nach deiner Gnade, und lehre mich deine Rechte. (125) Ich bin dein Knecht; unterweise mich, dass ich erkenne deine Zeugnisse. (126) Es ist Zeit, dass der Herr dazu tue; sie haben dein Gesetz zerrissen. (127) Darum liebe ich dein Gebot über Gold und über feines Gold. (128) Darum halte ich stracks alle deine Befehle; ich hasse allen falschen Weg.
Was Simeon dort im Tempel sagt vom neugeborenen Jesusknaben: Dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen für viele in Israel; das heißt den einen ein Stein des Anstoßes, darüber sie fallen und zerschellen, den andern ein Fels des Heils, daran sie sich aufrichten und erretten; und was der Apostel Paulus an die Korinther schreibt vom Evangelium Jesu Christi, dass es den einen sei ein Geruch des Lebens zum Leben, das heißt süß und lieblich, kräftig und stärkend wie Paradiesesluft, den andern aber ein Geruch des Todes zum Tode, das heißt widrig und verhasst wie Pest und Verwesung, - das gilt vom Wort Gottes überhaupt. Es hat zwei Seiten, je nachdem man sich zu ihm stellt, zwei Gesichter, je nachdem man es ansieht, zweierlei Stimmen, je nachdem sie in ein Ohr fallen. Bald spricht es markdurchdringend wie Donnerschlag und Posaunenschall; bald herzerquickend wie Harfenlaut und Flötenton. Bald zeigt es uns einen eifrigen Gott, dessen Antlitz ein verzehrendes Feuer ist; bald einen milden Vater, der freundlich und leutselig seine Hände nach uns ausstreckt den ganzen Tag. Bald dringt es ein ins Herz wie ein zweischneidig Schwert, das durchdringet, bis dass es scheide Seele und Geist, Mark und Bein; bald dringt es ins Herz wie ein milder Balsam, wie ein süßer Tau mit lauter Trost und Frieden.
Ist das ein Widerspruch? Ist es darum ein zweizüngiges oder ein parteiisches Wort? Keineswegs, der Widerspruch liegt im Menschen, nicht in Gott, in unserem Herzen, nicht in der Bibel. Dem Sünder zeigt Gott seinen Ernst, dem Frommen zeigt er seine Gnade; dem Bösen ist sein Wort furchtbar wie Donnerton, dem Gerechten tönt es lieblich wie Glockenlaut. Und uns selber, je nachdem wir mit Gott im Frieden stehen oder von ihm gewichen sind, je nachdem das Bewusstsein unserer Sünden in uns vorherrscht oder das Gefühl unseres Gnadenstandes zeigt das Wort Gottes das eine Mal seinen furchtbaren Ernst, das andere Mal sein freundliches Angesicht.
Auch in unserem heutigen Psalmstück treten diese beiden Seiten des göttlichen Worts nebeneinander hervor. Denselben Psalmisten hören wir das eine Mal bezeugen: „Ich fürchte mich vor dir, dass mir die Haut schaudert“; und das andere Mal ausrufen: „Meine Augen sehnen sich nach deinem Heil und nach dem Wort deiner Gerechtigkeit. Darum liebe ich dein Gebot über Gold und über feines Gold.“
Gottes Wort auch dem Frommen oft ein Schrecken und doch immer wieder sein süßester Trost und teuerster Schatz.
Das ist der Gedanke, den wir aus unserem heutigen Abschnitt uns besonders wollen zu Herzen nehmen.
Gottes Wort auch dem Frommen oft ein Schrecken; auf diesen Gedanken läuft namentlich die erste Hälfte unseres heutigen Psalmstücks hinaus, V. 113-120. Da sehen wir den Psalmisten zuerst noch ganz gut Freund mit Gottes Wort:
V. 113: „Ich hasse die Flattergeister und liebe dein Gesetz.“ V. 114: „Du bist mein Schirm und Schild, ich hoffe auf dein Wort.“ Wer sind diese Flattergeister? Die Ausleger haben sich allerlei darunter gedacht: bald Irrlehrer und Sektierer, die eigensinnig mit ihren eigenen Gedanken wollen glänzen, statt sich einfältig und demütig zu halten an Gottes Wort; bald Ungläubige und Freigeister, die stolz vom Worte Gottes sich lossagen und wie Kometen ihre eigene verderbliche Bahn gehen, statt als friedliche Planeten zu wandeln um die Sonne der göttlichen Wahrheit; bald unbeständige und unbefestigte Seelen, die sich wiegen und wägen lassen von allerlei Wind der Lehre gleich einem Rohr, das vom Winde hin und her geweht wird, statt festzustehen auf dem Felsengrund der göttlichen Wahrheit. Wie dem auch sei; wer Gottes Wort kennt und liebt, der wird sich allerdings je mehr und mehr abwenden von den Irrlichtern menschlicher Meinungen, von den wechselnden Strömungen des Zeitgeistes - und wird sich an seine Bibel halten und an die ewigen Grundgedanken, an die unerschütterlichen Heilswahrheiten, die nun seit Jahrtausenden noch nicht verrückt worden sind, und wenn andere wie Wetterfahnen sich drehen nach dem der Zeitgeist daher oder dorther weht, dann wird er auf seine Bibel schlagen und sprechen: Dieser Grund besteht, wenn die Welt vergeht, fällt er doch nicht ein. - „Du, Herr, bist mein Schirm und Schild, ich hoffe auf dein Wort.“
Und wie man gewappnet ist mit Gottes Wort gegen die Torheit der Flattergeister, so ist man damit auch geschützt gegen die Bosheit der Gottlosen und gegen die Verführung der argen Welt. Da heißt's dann:
V. 115: „Weicht von mir, ihr Boshaftigen; ich will halten die Gebote meines Gottes.“ Und weil der Fromme wohl weiß, wie leicht der eigne Geist abirrt vom Wege der Wahrheit und wie leicht das eigne Herz verlockt wird vom Pfade des Herrn, darum bittet er von Herzen: Herr, gründe mich immer tiefer in deinem Wort; oder wie es heißt:
V. 116: „Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zu Schanden werden über meiner Hoffnung;“ und V. 117: „Stärke mich, dass ich genese, so will ich stets meine Lust haben an deinen Rechten.“ Da steht also der Fromme noch ganz auf friedlichem Fuß mit dem Worte Gottes. Aber doch kehrt dieses Wort nun auch seinen Ernst und seine Strenge hervor. Freilich zuerst nur gegen die Feinde und Verächter:
V. 118: „Du zertrittst alle, die deiner Rechte fehlen, denn ihre Trügerei ist eitel Lügen.“ Recht furchtbar schildert da der Psalmist mit einem einzigen Wort die vernichtende Majestät des heiligen Gottes, wenn er sagt: er zertrete seine Verächter. Wie man einen Wurm im Gehen zertritt, so wandelt Gott mit schwerem Gerichtsschritt hin über die Frevler, die sich auflehnen wider sein Gesetz, und all ihr Stolz ist nichts anderes als das Krümmen des Wurms im Staube unter des Wanderers Fuß. Denkt an einen Pharao, Absalom, Ahab, Herodes; da seht ihr, wie der Herr zertreten kann, wo man sich auflehnt gegen seine Majestät. „Denn ihre Trügerei ist eitel Lügen,“ das heißt: das Lügenwerk ihrer falschen Weisheit, womit sie Gottes Wort wollen auslöschen, zerfällt in Nichts, wie das Irrlicht verlöscht, wenn die Sonne aufgeht, wie die Seifenblase zerplatzt, wenn sie am Steine anstößt. So ist die falschberühmte Kunst ungöttlicher Weisheit schon oftmals zerplatzt an Gottes Wort, wie Pharaos Zauberer zu Schanden wurden vor Moses und die Baalspriester vor Daniel und die Pharisäer vor Jesu und das Papsttum vor Luther und die gottesleugnerische Weltweisheit unserer Tage vor dem ewigen Evangelium. Noch mehr:
V. 119: „Du wirfst alle Gottlosen weg wie Schlacken, darum liebe ich deine Zeugnisse.“ Wie die Schlacken des edlen Erzes verzehrt werden und ausgeworfen im Feuer des Goldschmids, so werden im Feuer der göttlichen Gerichte die Gottlosen ausgeschieden vom edlen Metall, daraus Gott seine Gefäße der Ehre formt, ihres falschen Schimmers entkleidet und weggeworfen in den Staub. Wie viele solche Empörer wider Gott, die einst prächtig glänzten in der Welt und als vollwichtiges Gold galten in der Waagschale der Menschen, liegen nun von Gottes Wort gerichtet als schwarze, tote Schlacken am Boden und ihre Namen haben ihren Klang verloren.
Aber wie? wenn für die Gottlosen allerdings das Wort Gottes ein zehrendes Feuer ist und ein zweischneidiges Schwert - ist's dann auch so bei denen, die seine Zeugnisse lieben?
V. 120: „Ich fürchte mich vor dir, dass mir die Haut schaudert, und entsetze mich vor deinen Rechten.“ Kann denn auch dem Frommen Gottes Wort zum Schrecken werden, dass ihm die Haut schaudert und das Herz erzittert? Jawohl. Schon die Gerichte, die Gottes Wort an den Gottlosen übt, sie müssen uns durch Mark und Bein gehen. Wenn wir lesen in Gottes Wort von den Strafgerichten des Allgerechten über die Kinder der Bosheit, von den Wassern der Sündflut, von den Flammen Sodoms, vom Untergang Pharaos, vom Ende Sauls, vom Tode eines Judas und Ananias, von der Zerstörung Jerusalems, von den Schalen des Zorns, die noch sollen ausgegossen werden über die Welt, sagt, meine Lieben, schaudert uns da nicht oft die Haut? müssen wir da nicht mit Schrecken oft erkennen: Schrecklich ist's, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen?
Und wenn wir dann denken an unsere eigene Schwachheit und Sündhaftigkeit; wenn wir dann erkennen, dass die Wurzel wenigstens zu allem Bösen auch in unserem Herzen sitzt; wenn wir unser eigenes Leben prüfen im Licht vor Gottes Angesicht und wir hören die Strenge des göttlichen Gesetzes, lesen Aussprüche wie die: Verflucht ist, wer nicht hält alle diese Gebote; oder: So jemand das ganze Gesetz hält und sündigt in einem, der ist des ganzen schuldig, muss uns da nicht auch die Haut schaudern wie David, da er spricht: So du willst Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen? wie den Aposteln, da sie fragten: Ja, wer kann denn selig werden? wie jenem frommen Mann, der bekannte: Ihm schaudere das Herz, so oft er an einem Gefängnis oder Schafott vorübergehe, weil er wohl wisse, ohne die Bewahrung der göttlichen Gnade könnte auch er vermöge der Schwachheit menschlicher Natur über ein kleines das Gefängnis verdienen oder gar das Leben verwirken. Was kann da gegenüber der Majestät des göttlichen Gesetzes der Beste anderes tun als an seine Brust schlagen und seufzen: Herr, geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, vor dir ist kein Lebendiger gerecht? Aber dennoch ist dieses selbe Wort Gottes auch wieder:
Des Frommen süßester Trost und köstlichster Schatz. Dennoch will er lieber von Gottes Wort sich strafen lassen, als mit der gottlosen Welt jubilieren; dennoch spricht er mit David: Lass mich lieber in Gottes, denn in der Menschen Hände fallen; und mit unserem Psalmisten:
V. 121: „Ich halte über dem Recht und Gerechtigkeit; übergib mich nicht denen, die mir wollen Gewalt tun.“ Dennoch wendet er sich an den starken eifrigen Gott auch wieder mit der gläubigen Bitte:
V. 122: „Vertritt du deinen Knecht und tröste ihn, dass mir die Stolzen nicht Gewalt tun.“ Dennoch spricht er voll herzlicher Sehnsucht nach dem Worte Gottes:
V. 123: „Meine Augen sehnen sich nach deinem Heil und nach dem Wort deiner Gerechtigkeit;“ und V. 124: „Handle mit deinem Knecht nach deiner Gnade und lehre mich deine Rechte.“ Wie reimt sich das zusammen? In jedem dieser drei Verse kommt ein Wörtlein vor, das gibt uns den Aufschluss. „Tröste“, heißt's V. 122; „nach deinem Heil“, heißt's V. 123; „nach deiner Gnade“, V. 124. Das Wort Gottes hat auch eine tröstende Kraft; es bietet uns das Heil an, es verkündet uns Gnade. Und darum zieht's eine fromme Seele immer wieder aufs Neue an mit unwiderstehlicher Gewalt. Und wenn schon der Sänger des alten Bundes etwas verschmeckt hat von diesen Trost- und Heil- und Gnadenkräften des göttlichen Worts, wie ganz anders können wir davon reden, denen der Gott alles Trostes sein ganzes Herz aufgeschlossen hat in seinem Sohne Jesu Christo, und die wir volles Heil und überschwängliche Gnade schöpfen dürfen in dem süßen Evangelium, das eine Kraft Gottes ist, selig zu machen alle, die daran glauben. Da wollen wir nur in diese Schätze des Trostes und des Heiles und der Gnade uns immer mehr vertiefen und den Herrn bitten, dass er uns immer völliger darein einführe:
V. 125: „Ich bin dein Knecht; unterweise mich, dass ich erkenne deine Zeugnisse;“ wollen ihn bitten, dass er sein köstliches Wort immer mehr zu Ehren bringe gegen die Verächter und Widersacher:
V. 126: „Es ist Zeit, dass der Herr dazu tue, sie haben dein Gesetz zerrissen.“ Ja wahrlich, es ist Zeit, dass der Herr auftrete und ein Ende mache dem Übermut der Ungläubigen und Gottlosen, die so gerne sein Gesetz zerreißen und sein Wort mit Füßen treten möchten, Uns aber soll's dennoch bleiben das teuerste Kleinod und der edelste Schatz, V. 127, die Richtschnur all unseres Tuns und Lassens, V. 128. Nun, Herr, lass dein Wort seine Gotteskräfte immer mächtiger entfalten in uns und andern; es soll uns verwunden, aber auch heilen; strafen, aber auch trösten; beugen, aber auch aufrichten.
Wort des Lebens, du erleuchtest, doch erwärmst du auch zugleich;
Eine Hölle offenbarst du, aber auch ein Himmelreich.
Furchtbar schreckest du den Sünder aus der dumpfen, trägen Ruh,
Doch mit Liebe deckst du wieder jedes Büßers Fehler zu.
Einen Richter lehrst du fürchten, der mit rechter Waage wägt,
Doch auch einen Vater lieben, der mit Langmut alle trägt;
Einen Gott, der den geliebten, ein'gen Sohn zum Opfer gibt,
Der an ihm die Sünde richtet und in ihm die Sünder liebt.
Amen.
(129) Deine Zeugnisse sind wunderbar, darum hält sie meine Seele. (130) Wenn dein Wort offenbar wird, so erfreut es, und macht klug die Einfältigen. (131) Ich tue meinen Mund auf, und begehre deine Gebote, denn mich verlangt danach. (132) Wende dich zu mir, und sei mir gnädig, wie du pflegst zu tun denen, die deinen Namen lieben. (133) Lass meinen Gang gewiss sein in deinem Wort, und lass kein Unrecht über mich herrschen. (134) Erlöse mich von der Menschen Frevel, so will ich halten deine Befehle. (135) Lass dein Antlitz leuchten über deinen Knecht, und lehre mich deine Rechte. (136) Meine Augen fließen mit Wasser, dass man dein Gesetz nicht hält. (137) Herr, du bist gerecht, und dein Wort ist recht. (138) Du hast die Zeugnisse deiner Gerechtigkeit und die Wahrheit hart geboten. (139) Ich habe mich schier zu Tode geeifert, dass meine Widersacher deiner Worte vergessen. (140) Dein Wort ist wohl geläutert, und dein Knecht hat es lieb. (141) Ich bin gering und verachtet, ich vergesse aber nicht deines Befehls. (142) Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit, und dein Gesetz ist Wahrheit. (143) Angst und Not haben mich getroffen; ich habe aber Lust an deinen Geboten. (144) Die Gerechtigkeit deiner Zeugnisse ist ewig; unterweise mich, so lebe ich.
Als das Weib dort im Gleichnis ihren Groschen gefunden, da rief sie die Nachbarinnen und Freundinnen herbei und sprach: Freut euch mit mir, denn ich habe meinen Groschen gefunden. Als der Hirte sein verlaufenes Schaf gefunden, da verkündigte er's seinen Freunden und Nachbarn; sie sollten sich mit ihm freuen. So geht's auch einer Seele, die das gefunden und erkannt, was köstlicher ist als Gold und Silber, als Edelstein und Perlen: Gottes Wort. Man möchte es auch andern gönnen. Man möchte es auch von andern gekannt, gelesen, geliebt, geehrt, befolgt sehen. Man möchte das aus Ehrfurcht vor Gottes Wort und man möchte es aus Liebe zu dem Nächsten.
Wenn man das nun aber nicht so findet; wenn wir Gottes Wort, das uns selber das Höchste ist, von andern missachtet, ja misshandelt sehen, so tut das einer frommen Seele bitter weh, so schneidet das einem redlichen Christen tief durchs Herz.
Solche Erfahrungen hat auch unser Psalmist gemacht, solchen Schmerz hat auch er empfunden, wenn er in unserem Psalmstück ausruft: „Meine Augen fließen mit Wasser, dass man dein Gesetz nicht hält“ (V. 136); und abermals: „Ich habe mich schier zu Tode geeifert, dass meine Widersacher deiner Worte vergessen.“ - Wir wollen dabei diesmal stehen bleiben und von unserem Psalmisten lernen:
Was ziemt dem Knechte Gottes, wenn er seines Herrn Wort verachtet sieht in der Welt? Hauptsächlich viererlei nach unserem Text:
1) Fromme Betrübnis;
2) Heiliger Eifer;
3) Standhaftes Bekenntnis;
4) Herzliche Fürbitte.
spricht der Psalmist aus V. 136: „Meine Augen fließen mit Wasser, dass man dein Gesetz nicht hält.“ Ja, so geht's einem treuen Knecht Gottes, wenn er sieht, wie die Welt Gottes Wort und eben damit ihr eigenes Heil mit Füßen tritt. So weinte Mose, der Knecht Gottes, vor der Tür der Stiftshütte, als er sehen musste, wie sein halsstarriges und ungehorsames Volk allem Flehen und Drohen zum Trotz sich immer wieder gemein machte mit heidnischen Gräueln. So ging's dem Jeremias, dieser klagenden Gluckhenne, als er rief: Ach, dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupt und meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen möchte die Erschlagenen in meinem Volk. So schreibt Paulus an seine Philipper: Viele wandeln, von welchen ich euch oft gesagt habe; nun aber sage ich auch mit Weinen, die Feinde des Kreuzes Christi. Und so hat ja er selbst, der treueste Menschenfreund, unser Herr Jesus Christus geweint, als er dort vom Ölberg herniederblickte auf sein verblendetes Jerusalem: Ach, dass du bedächtest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient; nun aber ist es vor deinen Augen verborgen!
Sagt, meine Lieben, geht's nicht auch uns oft so, dass uns ein schwerer Seufzer die Brust beklemmt, dass uns eine bittere Träne ins Auge tritt, wenn wir sehen müssen, wie Gottes Wort verachtet, wie Gottes Gebot übertreten, wie Gottes Gnade mit Füßen getreten wird von Tausenden? Nicht nur einem Prediger auf der Kanzel können oft solche Tränen ins Auge steigen, wenn er sehen muss, wie so wenige bedenken mögen, was zu ihrem Frieden dient; nicht nur ein Lehrer unter seinen Schülern muss oft sein Amt mit Seufzen tun, wenn er sieht, wie seine Mühe und Arbeit verloren ist an so manchem harten Kopf und harten Herzen. Nicht nur ein Vater oder eine Mutter müssen oft bitterlich weinen, wenn sie einen ungehorsamen Sohn oder eine leichtsinnige Tochter allen Bitten und Ermahnungen zum Trotz hingehen sehen auf dem Wege des Verderbens. Nein, jedem Menschenfreund, der's mit seinen Mitmenschen treulich meint, jedem Freund Gottes, dem Gottes Wort und Gottes Reich am Herzen liegt, muss das Herz bluten und das Auge nass werden, wenn er sieht, dass man des Herrn Gesetz nicht hält und von seinem Evangelium nichts will. Es muss ihm weh tun für seinen Gott, dass man ihm's also macht in der Welt; es muss ihm weh tun für seine Brüder, dass sie so töricht ihr eigenes Heil mit Füßen treten. Wen das nicht anrührt, wer da gleichgültig zusehen kann und sprechen: Was geht mich's an, ich kann ja nichts dafür; ich vermag's nicht zu ändern; soll ich meines Bruders Hüter sein? wenn nur ich selig werde, dann sollen sie in Gottes oder in Teufels Namen hinfahren, wo sie wollen, wer so denkt, in dem ist weder die rechte Liebe Gottes, noch die rechte Liebe des Nächsten.
Einen rechten Liebhaber des göttlichen Worts, sagt der alte Psalmausleger Frisch, kann man daran erkennen, wenn er die Verachtung und Übertretung desselben auch mit Schmerzen empfindet; denn das ist der Liebe Art, sie lässt dem Geliebten nicht gern Leids geschehen. Hast du eine wahre Liebe zu Gott und seinem Wort, so muss dich in der Welt nichts so hoch betrüben, als dessen Verachtung. Musst du etwa hören und sehen, wie schnöd und verächtlich die Kinder dieser Welt mit solchem edlen Schatz umgehen, so soll dein erster Gedanke sein: Soll denn die Ehre meines Gottes also von den Menschen gekränkt werden? Soll sich der arme Mensch denn selbst an seiner Seele solchen unwiederbringlichen Schaden zufügen? Wie jammert mich meines Gottes; wie dauern mich die armen Seelen! - So mag es den frommen Jüngerinnen und treuen Jüngern Jesu zu Mut gewesen sein, als sie sein heiliges Antlitz zerschlagen, verspeien und mit Dornen krönen sahen. So klagt der fromme Dichter im Lied:
Oft möcht ich bitter weinen, dass du gestorben bist,
Und mancher von den Deinen dich lebenslang vergisst;
Von Liebe nur durchdrungen, hast du soviel getan,
Und doch bist du verklungen und keiner denkt daran!
Aber freilich mit den Tränen allein ist es nicht getan. Zur frommen Betrübnis muss bei solchem Gräuel auch kommen:
Unser Psalmist sagt V. 139: „Ich habe mich schier zu Tode geeifert, dass meine Widersacher deiner Worte vergessen.“ Als Mose dort so mitleidig über sein verblendetes Volk weinte, da nahm Pinehas, der Sohn Eleasars, in heiligem Eifer einen Spieß und durchstach einen der schamlosen Frevler mitten in seiner Sündenlust. Derselbe Paulus, der mit Weinen schreibt von den Feinden des Kreuzes Christi, hat auch geeifert für die Ehre der Gemeinde und den Ehebrecher ausgeschlossen aus der Kirche zu Korinth, bis er Buße tat. Und unser mitleidiger Hohepriester selbst, der barmherzige Sünderfreund Jesus Christus, hat in derselben Stadt, über welche er vom Ölberg aus weinte, am selben Tag, in derselben Stunde vielleicht noch, nachher eine Geißel von Stricken geflochten und die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel getrieben, weil er eiferte für seines Vaters Ehre.
So muss es jedem gehen, dem etwas liegt an Gottes Ehre und an der Menschen Heil. Mit bloßem Seufzen über die arge Welt, mit bloßen Tränen im stillen Kämmerlein ist es noch nicht getan. Wie unser vaterländischer Dichter Uhland sagt:
Will einer merken lassen, dass er mit Gott es hält,
So muss er keck erfassen die arge, böse Welt;
das heißt, so muss er auch auftreten gegen das Böse mit Wort und Tat, muss etwas wagen und riskieren für Gott und sein Wort, ist's nicht der Tod wie bei den edlen Propheten und Aposteln, so doch wenigstens ein wenig Schmach, ein wenig Lästerung, ein wenig zeitlicher Nachteil.
Hast du demnach, spricht wieder unser alter Frisch, den Herrn, deinen Gott, von Herzen lieb, so wird dir's unerträglich sein, wenn du musst sehen und hören, wie von so vielen Gottes Wort verfälscht und die heilsame Lehre verworfen wird, oder wie von den Allermeisten durch mutwillige, grobe Sünden, Schande und Laster dem Wort und Willen Gottes zuwider gelebt wird, - du wirst nicht zusehen können als ein stummer Hund, sondern in einem heiligen Eifer dagegen entbrennen, solch falsches, gottloses Wesen und Leben strafen und verdammen und mit Jesaia, dem Propheten, wünschen: Ach, dass ich möchte mit den Hecken und Dornen kriegen, so wollt ich unter sie reißen und sie auf einen Haufen anstecken. (17, 4.) Es ist unmöglich, dass der Mensch, welcher mit Gott eins ist, Jesum im Herzen trägt und mit dem Heiligen Geist gesalbt ist, nicht sollt wider das Böse eisern, sollt er doch lieber eines schmählichen Todes sterben, denn die Gotteslästerung und Bosheit der Menschen mit Geduld sehen und hören. Du insonderheit, der du darum in geistlich, weltlich oder häuslichem Stande bist andern vorgesetzt worden, eiferst du nicht, so wird Gott wider dich eifern.
Meine Lieben, haben wir da alle immer unsere Pflicht getan? Haben wir da schon bis aufs Blut widerstanden? Haben wir da nicht manchmal aus Gleichgültigkeit und Trägheit oder aus Menschenfurcht und Menschengefälligkeit die Augen zugedrückt, wo wir sie hätten auftun sollen, geschwiegen, wo wir hätten reden sollen, nachgegeben, wo wir hätten fest bleiben sollen?
Seht, es handelt sich ja dabei nicht um einen fleischlichen, lieblosen Eifer, der eigenes Feuer auf Gottes Altar bringt und menschliches Interesse, Leidenschaft, Zorn, Privatrache mit dem Namen des Eifers für des Herrn Haus beschönigen will; nicht um einen voreiligen Eifer, der andern ins Amt greift und sich anmaßt, was nicht seines Berufes ist; nicht um einen unklugen Eifer, der mit ungeschicktem Dreinfahren das Übel ärger macht, statt es zu bessern. Nein, es handelt sich nur um den heiligen Ernst, um den frommen Mut, der, wo es nottut, auch ein kräftiges Wort spricht und einen männlichen Schritt tut für Gott und wider das Böse. Dazu braucht man nicht einen Prophetenstab in der Hand zu haben wie Moses und Elias, nicht einen Hirtenstab zu führen wie der Geistliche im Predigtamt, nicht einen Stecken zu haben wie der Schullehrer, nicht mit Amtsstab und Zepter belehnt zu sein wie Fürst und Obrigkeit, oder das Schwert an der Seite zu tragen wie der Krieger; nein, dazu braucht's nur ein Herz, in welchem die Flamme der Liebe Gottes brennt, ein rechtes Christenherz, dann wird jeder Gelegenheit finden auch da und dort für Gottes Ehre zu eifern, unter Hausgenossen und Nachbarn, Freunden und Feinden. Das wolle der Herr uns geben, den Alten und den Jungen, den Weltlichen und den Geistlichen, den Frauen wie den Männern:
Gib Elias heil‘ge Strenge, wenn den Götzen dieser Zeit
Die betörte blinde Menge Tempel und Altäre weiht;
Lass uns nie vor ihnen beugen Haupt und Knie, auch nicht zum Schein,
Sondern fest als deine Zeugen dastehn, wenn auch ganz allein!
Das führt uns von selbst auf:
von unserer Seite. Feststehen bei Gott und seinem Wort, wenn wir auch ganz allein stehen; ruhig und' unerschütterlich bleiben bei unserem Glauben und fortwandeln auf dem schmalen Pfad, wenn auch Tausende links abgehen auf dem breiten Weg, und so durch unsern Wandel täglich zeugen für unsern Gott und Heiland, das ist die Hauptsache, das wirkt oft mehr als alles Eifern mit Worten. In solchem Sinne spricht unser Psalmist seine Bekenntnisse aus, auch in diesem Abschnitt wie im ganzen Psalm, von der Vortrefflichkeit des göttlichen Worts: V. 129. 130. 137. 140-143. In diesem Sinn bittet er den Herrn, er wolle ihn immer fester gründen in der Erkenntnis seines Worts und im Wandel nach seinem Wort, V. 132. 133. 134. 135. 144. In diesem Sinn wollen auch wir uns ruhig zum Herrn bekennen mitten unter einem ungläubigen und gottlosen Geschlecht und den Herrn bitten, dass er uns immer fester in der Wahrheit gründe: Also ist auch mein Verlangen, Liebster Jesu, nur nach dir;
Lass mich treulich an dir hangen,
Schenke dich zu eigen mir!
Ob viele zum größesten Haufen auch fallen,
So will ich dir dennoch in Liebe nachwallen,
Denn dein Wort, o Jesu, ist Leben und Geist,
Was ist wohl, das man nicht in Jesu geneußt?
Und damit kommen wir von selbst aufs letzte Mittel:
Wem klagt unser Psalmist all sein Leid? Wem legt er allen den Gräuel der argen Welt vor Augen, unter dem sein Herze seufzt? Er klagt es Gott, er fasst es ins Gebet. Wir selbst können beim besten Willen nicht allem Ärgernis steuern. Und wenn unsere Augen Tränenquellen würden, sie könnten alle die Gräuel nicht wegschwemmen, deren die Welt voll ist; und wenn unser Feuereifer in vollen Flammen ausschlüge, er könnte nicht alles gottlose Wesen verzehren; und wenn unser Wandel lichtrein wäre wie der heiligen Engel Wandel, wir könnten doch nicht alle Widersacher zur Erkenntnis der Wahrheit bringen. Aber im Himmel ist noch einer, ein Allmächtiger, der seinem Wort verheißen hat, es soll tun, was er gebiete, und soll ihm gelingen, wozu er es sende; ein Gerechter, der sein und seines Worts nicht spotten lässt; ein Ewigtreuer, der seinem Reich die Verheißung gegeben, auch die Pforten der Hölle sollen es nicht überwältigen; ein Allbarmherziger, der nicht will den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe, dem wollen wir's klagen; den wollen wir bitten für sein Wort, dass er ihm helfe, für seine Getreuen, dass er sie nicht lasse zu Schanden werden; für unsere Feinde, dass er ihnen vergebe; für seine Widersacher, dass er sie bekehre. Ihn wollen wir anrufen täglich von Grund unseres Herzens: Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe!
Du wirst dein herrlich Werk vollenden,
Der du der Welten Heil und Richter bist;
Du wirst der Menschheit Jammer wenden,
So dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist.
Drum hört der Glaub nie auf zu dir zu flehn;
Du tust doch über Bitten und Verstehn!
Amen.
(145) Ich rufe von ganzem Herzen, erhöre mich, Herr, dass ich deine Rechte halte. (146) Ich rufe zu dir, hilf mir, dass ich deine Zeugnisse halte. (147) Ich komme frühe, und schreie, auf dein Wort hoffe ich. (148) Ich wache frühe auf, dass ich rede von deinem Wort. (149) Höre meine Stimme nach deiner Gnade; Herr, erquicke mich nach deinen Rechten. (150) Meine boshaftigen Verfolger wollen mir zu, und sind ferne von deinem Gesetz. (151) Herr, du bist nahe, und deine Gebote sind eitel Wahrheit. (152) Zuvor weiß ich aber, dass du deine Zeugnisse ewig gegründet hast. (153) Siehe mein Elend, und errette mich; hilf mir aus, denn ich vergesse deines Gesetzes nicht. (154) Führe meine Sache, und erlöse mich; erquicke mich durch dein Wort. (155) Das Heil ist ferne von den Gottlosen; denn sie achten deine Rechte nicht. (156) Herr, deine Barmherzigkeit ist groß; erquicke mich nach deinen Rechten. (157) Meiner Verfolger und Widersacher ist viel; ich weiche aber nicht von deinen Zeugnissen. (158) Ich sehe die Verächter, und tut mir wehe, dass sie dein Wort nicht halten. (159) Siehe, ich liebe deine Befehle; Herr, erquicke mich nach deiner Gnade. (160) Dein Wort ist nichts denn Wahrheit; alle Rechte deiner Gerechtigkeit währen ewig.
„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir; meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott!“ So singen die Kinder Korah im 42. Psalm. Auch in unserem Psalmstück spricht sich eine solche herzliche und schmerzliche Sehnsucht aus nach Gott und nach den Tröstungen seines Worts: „Herr, erquicke mich nach deinen Rechten, erquicke mich durch dein Wort!“ Dieser Seufzer kehrt dreimal wieder in den sechzehn verlesenen Versen.
Unser ganzer großer 119. Psalm, dessen Ende wir uns nun nähern, hat zwar vom ersten bis zum letzten Vers nur einen Gegenstand, nur ein Thema: Gottes Wort. Aber wie oft in einem Musikstück derselbe Satz, dieselbe Melodie in den verschiedensten Variationen behandelt wird und immer auf andere Weise wiederkehrt, bald einfach und klar, bald kunstreich verschlungen und versetzt, bald in hellem heiterem Ton, bald in klagender Weise; oder wie ein vielseitig geschliffener Diamant in den verschiedensten Farben spielt und blitzt, je nachdem man ihn dreht und wendet, so wird auch der fromme Sänger in unserem Psalm nicht müde, das Kleinod des göttlichen Worts nach den verschiedensten Seiten zu betrachten und seine Vortrefflichkeit in immer neuen Herzensergießungen zu preisen. Da vernehmen wir das eine Mal Dank für die Segnungen des göttlichen Worts, das andere Mal Bitte um die Tröstungen des göttlichen Worts. Das eine Mal freut er sich über diese köstlichste aller Gaben, das andere Mal klagt er über seine Spötter und Verächter. Das eine Mal hören wir ein freudiges Bekenntnis der göttlichen Wahrheit, das andere Mal fromme Gelübde, nach Gottes Rechten zu handeln und zu wandeln. Das eine Mal bewegt sich der Psalm in ruhigem Lehrton, das andere Mal erhebt er sich wie hier gegen das Ende zu brünstigem Herzensgebet.
Geht es ja auch uns selber so mit Gottes Wort: bald wird's uns zum Dank, bald zur Bitte, bald zum Schmerz, bald zur Freude, bald zur Lehre, bald zur Vermahnung, bald zur Buße, bald zum Gelübde. So wollen wir denn auch einstimmen in die
Herzliche Bitte um die Segnungen und Tröstungen des göttlichen Worts,
welche wir im heutigen Psalmabschnitt vernehmen. Diese herzliche Bitte gibt sich uns kund:
V. 145. 146: „Ich rufe von ganzem Herzen; erhöre mich, Herr, dass ich deine Rechte halte. Ich rufe zu dir; hilf mir, dass ich deine Zeugnisse halte.“ Das ist fürwahr eine herzliche Bitte um die Segnungen des göttlichen Worts. Ums göttliche Wort selber brauchen wir gottlob für uns nicht mehr erst zu bitten. Das haben wir reichlich in Kirche und Haus, in Predigt und Bibelstunde, hier wie daheim im Kämmerlein, wo ja ganz gewiss keinem von uns allen die Bibel fehlt auf dem Bücherbrett oder im Kasten. Aber man kann Gottes Wort haben und doch die Segnungen und Tröstungen desselben entbehren. Wenn man's in der Kirche hat aber aber nicht hört; wenn man's im Hause hat nicht liest; oder wenn man's gedankenlos liest und hört dann kann's auch seinen Segen nicht entfalten, dann ist's ein totes Kapital, im Schweißtuch vergraben, dann ist's ein Licht, unter den Scheffel gestellt. Ja selbst dann, meine Lieben, wenn wir's aufmerksam hören, andächtig lesen, auch dann noch gilt's, um seine Segnungen zu bitten den Vater des Lichts, von dem alle gute und alle vollkommene Gabe kommt. Auch dann noch gilt's einzustimmen in die Worte des Psalmisten: „Ich rufe von ganzem Herzen; erhöre mich, Herr, dass ich deine Rechte halte. Ich rufe zu dir; hilf mir, dass ich deine Zeugnisse halte.“ Selig sind, sagt der Herr, die Gottes Wort hören und bewahren. Seid Täter des Worts, mahnt Jakobus, und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget. Erst der hat den Segen des göttlichen Worts, der auch danach tut, der auch Gottes Rechte hält. Aber können wir das aus eigener Kraft? Wenn draußen auf dem Feld nichts Gutes wächst, keine Frucht gerät, kein Wein gedeiht ohne Gottes Segen, wenn da schon zu unserm Pflanzen und Begießen der Herr allein das Gedeihen geben muss sollte das, was noch köstlicher ist als Brot und Wein, sollten die Früchte des Geistes, die Früchte der Gerechtigkeit in unserem Herzen wachsen ohne den Segen von oben, ohne den Sonnenschein der göttlichen Gnade, ohne die Regengüsse des Heiligen Geistes? Darum gilt's zu beten: Herr, hilf mir, dass ich deine Rechte halte; pflanze du in mir beides, das Wollen und das Vollbringen. Und so oft du, liebe Seele, daheim von deiner Bibel aufstehst, oder hier weggehst von Anhörung des göttlichen Worts, so mach das Buch nicht zu und geh nicht heim ohne die herzliche Bitte zu Gott: Herr, gib du nun den Segen zu deinem Wort, gib du nun zum Wollen das Vollbringen, hilf du nun mir, dass ich deine Zeugnisse halte, festhalte in lebendigem Glauben und frommem Gehorsam. Deines Wortes stille Kraft, sie die neue Menschen schafft, bilde Herz und Sitte. - Wie ernst es dem Psalmisten ist mit solcher Bitte, das vernehmen wir aus den zwei folgenden Versen:
V. 147. 148: „Ich komme frühe und schreie; auf dein Wort hoffe ich. Ich wache frühe auf, dass ich rede von deinem Wort.“ Zweimal heißt's: „Ich komme frühe; ich mache mich frühe auf.“ An eine doppelte Frühe können wir dabei denken. „Frühe“, das heißt fürs erste: früh am Tage. Früh am Tage ein Abschnitt aus Gottes Wort gelesen, ein herzliches Gebet zum Himmel emporgeschickt, o das ist ein Segen für den ganzen Tag. Da ist die Welt noch still, da ist das Herz noch frisch, da ist das Auge noch hell, da macht Gottes Wort einen viel tieferen Eindruck als später im Geräusch des Tagewerks, da kann man einen Segen und eine Weihe mitbekommen für den ganzen Tag, da heißt's im schönsten Sinn: Morgenstund hat Gold im Mund. Das hat der selige Stadtpfarrer Dann noch in seinen letzten Leidenstagen einmal gar schön erfahren und gerühmt gegen seinen Freund und Amtsbruder Hofacker. Neulich, erzählte er dem, als ich von Schmerzen geplagt mich in früher Dämmerung vom Bett erhob und seufzend ans Fenster trat, da stand hell und klar am dämmernden Himmel der Morgenstern, und indem ich zu ihm aufblickte, stand mir unaussprechlich groß und süß Jesus vor Augen als der helle Morgenstern unseres Heils, und großer Friede kam in mein Herz und eine himmlische Kraft ergoss sich mir durch Leib und Seele. - So soll's denn auch bei uns heißen: „Ich komme früh und schreie; ich wache früh auf, dass ich rede von deinem Wort;“ in der reinen Morgenluft werden auch unsere Gebete leichter gen Himmel steigen; im stillen Strahl des Morgensterns oder im purpurnen Feuer des Morgenrots wird auch uns die Güte Gottes heiter anleuchten, die alle Morgen über uns neu ist, dass wir einen hellen Schein davon im Herzen mitbekommen für den ganzen Tag.
Aber auch noch an eine andere Frühe wollen wir hier gedenken als an die Tagesfrühe: „Ich komme früh und schreie; ich wache früh auf, dass ich rede von deinem Wort.“ Das soll uns auch mahnen an die Lebensfrühe, soll uns mahnen: frühe sä deinen Samen, frühe suche deinen Gott, frühe kehre dich zum Herrn, eile und säume nicht, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils. Auch vom ganzen Menschenleben gilt's: Morgenstund hat Gold im Mund. Selig, wer frühe schon aufwacht vom Sündenschlaf, so lange das Herz noch jung und die Kraft noch frisch ist: Lieblicheres gibt's nichts, als eine Seele, die in dem Schmuck der Jugend schon ihrem Gott und Heiland sich weiht, geschmückt mit dem Morgentau der göttlichen Gnade wie eine junge Rose, überdeckt wie ein blühender Baum mit den Frühlingsblüten heiliger Entschlüsse. Und selig, wer in späten Jahren ohne Vorwurf und Gewissensbisse zurückblicken darf auf die Jahre seiner Jugend, weil er frühe schon gewandelt im Lichte der göttlichen Gnade und Wahrheit, nach dem Vorbild des jungen Josef, des Knaben Samuel, des Jünglings David, des Sohnes Timotheus und nach dem Vorbild dessen vor allem, der als zwölfjähriger Knabe schon am liebsten war in dem, das des Vaters ist.
Wer aber später erst den Herrn gefunden, wer zu seufzen hat über verlorene Jahre: „Es ist mir leid und bin betrübt, dass ich dich erst so spät geliebt“ - o der kaufe umso eifriger aus den Rest seiner Gnadenzeit und halte nunmehr auch Stunden zu Rat und spreche von nun an doch: „Ich komme frühe und schreie; ich wache früh auf, dass ich rede von deinem Wort.“ Was unsern Psalmisten drängt, um so inbrünstiger zu flehen um die Segnungen und Tröstungen des göttlichen Worts, das hören wir in den folgenden zwei Versen:
V. 149. 150: „Höre meine Stimme nach deiner Gnade; Herr, erquicke mich nach deinen Rechten. Meine boshaftigen Verfolger wollen mir zu und sind ferne von deinem Gesetz.“ Wenn wir die blinde Welt dahingehen sehen fern von Gottes Gesetz auf ihren dunklen Sündenwegen; oder wenn wir gar gekränkt werden von ihrer Rohheit, verfolgt werden von ihrer Bosheit, dann ist es ein süßer Trost für eine gläubige Seele, sich ans göttliche Vaterherz zu flüchten mit der Bitte: Höre meine Stimme nach deiner Gnade; dann sind es himmlische Erquickungen, die man schöpfen darf aus Gottes Wort, wo man sich der argen Welt entrückt und in eine bessere Welt versetzt fühlt, ins Reich Gottes, das da ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Das, Geliebte, soll auch unsere Zuflucht bleiben, wenn uns bange wird in dieser Fremdlingschaft und die arge Welt uns zusetzt mit ihrer Bosheit, dann sei auch unser Trost, was der Psalmist ausspricht:
V. 151. 152: „Herr, du bist nahe und deine Gebote sind eitel Wahrheit. Zuvor weiß ich aber, dass du deine Zeugnisse ewig gegründet hast.“ Ja, wenn die Welt uns hart auf den Leib rückt mit ihrem Hass: Einer ist auch noch da zu unserem Schutz: „Du, Herr, bist nahe und deine Gebote sind Wahrheit.“ Und wenn eine Zeitlang Lüge und Bosheit die Oberhand gewinnt: Einer behält doch am Ende Recht; das ist der Herr und sein Wort und wer an sein Wort sich hält: „Ich weiß, dass du deine Zeugnisse ewig gegründet hast.“
Dieser Grund besteht; wenn die Welt vergeht,
Fällt er doch nicht ein;
Darauf will ich bauen, so soll mein Vertrauen
Evangelisch sein.
Auch will ich nun würdiglich in der Kraft, die mir gegeben,
Evangelisch leben.
Freilich solcher Glaube an Gottes Wort ist nicht immer gleich stark voll Zuversicht und Freudigkeit, sondern oft auch wieder klein und schwach, da viel Zweifel, Furcht und Kleinmütigkeit mitunterlauft, wenn die äußere Widerwärtigkeit oder die innere Anfechtung das Herz niederdrückt; darum hebt der Psalmist abermals an zu klagen und zu flehen:
V. 153: „Siehe mein Elend und errette mich; hilf mir aus, denn ich vergesse deines Gesetzes nicht;“ und V. 154: „Führe meine Sache und erlöse mich; erquicke mich durch dein Wort.“ Aber aufs Neue tröstet er auch sich selbst der göttlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Der Gerechtigkeit Gottes:
V. 155: „Das Heil ist ferne von den Gottlosen; denn sie achten deine Rechte nicht.“ Das gerechte Gericht Gottes kann nicht ausbleiben über den Verächtern seines Worts, und was Petrus dort Apostelgesch. 8 zum Zauberer Simon sagt, das ist auch ihnen gesagt, bis dass sie Buße tun: Du sollst nicht Teil noch Anfall haben an dem Wort des Lebens. Seine Knechte aber dürfen sich getrösten der ewigen Barmherzigkeit ihres Gottes:
V. 156: „Herr, deine Barmherzigkeit ist groß; erquicke mich nach deinen Rechten.“ Darum wohl allen, die auf ihn trauen. Sind auch der Verächter und Verfolger viel: es tut dem Frommen weh, aber er bleibt darum fest, V. 157 und 158. Und mit immer neuer Liebe hält er sich an den Herrn und sein Wort, mit neuer Inbrunst täglich fleht er um die Segnungen des göttlichen Worts, wie unser Psalmist es tut V. 159. 160, und wie es in einem Liede heißt:
Ob viele zum größesten Haufen auch fallen,
So will ich dir dennoch in Liebe nachwallen,
Denn dein Wort, o Jesu, ist Leben und Geist;
Was ist wohl, das man nicht in Jesu geneußt?
Nun, Herr, erquicke uns durch dein Wort, lass die Segnungen deines Evangeliums immer reichlicher schmecken unter den Anfechtungen und Versuchungen dieses Lebens.
Hilf, dass wir leben in dem Wort, und darauf fahren ferner fort
Von hinnen aus dem Jammertal zu dir in deinen Freudensaal.
Amen.
(161) Die Fürsten verfolgen mich ohne Ursache, und mein Herz fürchtet sich vor deinen Worten. (162) Ich freue mich über deinem Wort, wie einer, der eine große Beute kriegt. (163) Lügen bin ich gram, und habe Gräuel daran, aber dein Gesetz habe ich lieb. (164) Ich lobe dich des Tages siebenmal um der Rechte willen deiner Gerechtigkeit. (165) Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben, und werden nicht straucheln. (166) Herr, ich warte auf dein Heil, und tue nach deinen Geboten. (167) Meine Seele hält deine Zeugnisse, und liebt sie sehr. (168) Ich halte deine Befehle und deine Zeugnisse, denn alle meine Wege sind vor dir. (169) Herr, lass meine Klage vor dich kommen; unterweise mich nach deinem Wort. (170) Lass mein Flehen vor dich kommen; errette mich nach deinem Wort. (171) Meine Lippen sollen loben, wenn du mich deine Rechte lehrst. (172) Meine Zunge soll ihr Gespräch haben von deinem Wort, denn alle deine Gebote sind recht. (173) Lass mir deine Hand beistehen, denn ich habe erwählt deine Befehle. (174) Herr, mich verlangt nach deinem Heil, und habe Lust an deinem Gesetz. (175) Lass meine Seele leben, dass sie dich lobe, und deine Rechte mir helfen. (176) Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf, suche deinen Knecht; denn ich vergesse deiner Gebote nicht.
Ein schönes Schlusswort dieses schönen Psalms: „Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf, suche deinen Knecht; denn ich vergesse deiner Gebote nicht.“ Viel Schönes hat der Psalmist in diesem langen Lehrpsalm, diesem goldenen ABC, zum Lobe des göttlichen Worts gesagt. Er hat es ein Licht genannt auf allen seinen Wegen; er hat es über Gold und Silber gesetzt; er hat es mit Perlen und Edelsteinen verglichen; er hat es als seinen Schatz und sein Erbe, seinen Trost und seine Freude, seinen Führer und Regierer gepriesen. Aber alles, was er hat am Worte Gottes, alles was auch wir am Worte Gottes haben, kann man zusammenfassen in dem Schlussbekenntnis:
Ohne dieses Wort bin ich ein verirrtes und verlorenes Schaf, in diesem Wort aber sind ich meinen guten Hirten.
Was ein guter Hirte seinem Schafe bietet, das bietet uns der Herr in seinem Wort:
1) Schutz gegen den Wolf;
2) Leitung auf rechtem Weg;
3) Weide für Geist und Herz, und zuletzt
4) Selige Ruhe in den ewigen Hürden.
Lasst uns das an der Hand unseres Psalmisten etwas näher betrachten:
„Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf, suche deinen Knecht.“ Diese Klage des Psalmisten deutet wohl zunächst auf äußere Bedrängnis. Und was das für Bedrängnis war, in der er zum Herrn rief wie ein verirrtes Schaf nach seinem Hirten, wie ein verlaufenes Lämmlein nach seiner Mutter, das zeigt uns der erste Vers unseres heutigen Abschnitts, V. 161: „Die Fürsten verfolgen mich ohne Ursache,“ und so mancher andere Ausspruch, den wir in früheren Abschnitten vernommen haben. Unter mächtige und boshafte Feinde sieht er sich hineingestellt wie ein Schaf mitten unter die Wölfe, und da ist Gottes Wort sein einziger Trost und Halt. Davor fürchtet er sich und nicht vor Menschen, so mächtig sie auch seien, wie er bezeugt: „Die Fürsten verfolgen mich ohne Ursache; aber mein Herz fürchtet sich vor deinen Worten.“ Daran hält er sich standhaft trotz aller Verfolgungen, wie er sagt, V. 163: „Lügen bin ich gram und habe Gräuel daran, aber dein Gesetz habe ich lieb.“ Damit tröstet er sich in aller Trübsal, V. 165: „Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben, und werden nicht straucheln.“
„Siehe, ich sende euch wie die Schafe mitten unter die Wölfe!“ Dies Wort des Herrn ist ja gesprochen an alle seine Jünger, und wenn es auch in unsern friedlichen Zeiten und bei unserer niedrigen Stellung nicht gerade heißt: Fürsten verfolgen mich, wie bei den großen Propheten, Aposteln und Märtyrern, bei einem David, Elias, Johannes dem Täufer, Petrus, Paulus, Martin Luther und andern auserwählten Rüstzeugen, so ist doch wohl kein echter Jünger Christi, gegen den die Welt nicht auch manchmal ihre Wolfsnatur herauskehrt, ihre Zähne ihm ein wenig weist, dem es nicht auch manchmal zu Mut ist in gottloser Umgebung wie unserem Psalmisten, dass er sagen und klagen möchte: „Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf.“ Wohl dir, wenn du dann auch hinzusetzen kannst mit dem Psalmisten: „Aber mein Herz fürchtet sich vor deinen Worten.“ Gottesfurcht, meine Lieben, vertreibt Menschenfurcht. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, aber die Seele nicht mögen töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hölle. Diese Mahnung des Herrn kann man unserem schwachen, verzagten Herzen nicht oft genug zurufen. Wie, törichtes Kind, vor Menschen fürchtest du dich, schämst du dich, lässt dich einschüchtern und wohl gar zur Verleugnung bringen, vor Menschen, die dir doch kein Haar krümmen dürfen ohne Gottes Willen, vor Menschen, die doch mit all ihrer Bosheit dir höchstens äußeren Schaden zufügen können; dein Inneres aber, dein Herz, dein Gewissen, deinen Seelenfrieden, deinen Glauben, deinen Heiland, deinen Himmel mit keinem Finger antasten dürfen; vor Menschen, die selbst über ein Kleines ein Raub des Todes sind und vom Zorn Gottes verzehrt werden wie Stoppeln vom Feuer? Nein, fürchte du nur Gott und sein heiliges Wort. Halte du's mit dem Psalmisten: „Lügen bin ich gram, aber Gottes Gesetz habe ich lieb“ - dann wirst du auch mitten unter den Wölfen es erfahren dürfen: „Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben, und werden nicht straucheln;“ dann wird Gottesfurcht die Menschenfurcht aus deinem Herzen austreiben; dann kannst du mit Petrus vor dem hohen Rate sprechen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen; und mit Paulus zu den Korinthern sagen: Mir ist's ein Geringes, dass ich von euch oder einem menschlichen Tage gerichtet werde, und mit Luther vor dem Reichstag: Hier steh ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir; und kannst es machen wie unser seliger Landschaftskonsulent Joh. Jak. Moser, von dem das Lied ist: Großer Hirte deiner Herde, und den Herzog Karl fünf Jahre lang auf Hohentwiel unschuldig gefangen setzte, so dass es auch bei ihm hieß: „Die Fürsten verfolgen mich ohne Ursache“; der sprach, als er im Vorzimmer des hocherzürnten Herzogs stand, in dem Augenblick, eh er hineingerufen wurde: Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, stets sich lassen schauen. Ja, Geliebte, ohne das Wort Gottes sind wir in der argen Welt wie verlorene Schafe mitten unter den Wölfen; aber mit Gottes Wort sind wir unverloren, denn wir wissen: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Wir wissen, wir stehen unter der Hut des guten Hirten, der da spricht: Ich kenne meine Schafe und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen.
„Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf, suche deinen Knecht.“ Dieser Seufzer des Psalmisten deutet aber nicht nur auf die Angst vor dem äußeren Feind, sondern auch vor dem Feind in der eigenen Brust, vor der Schwachheit des eigenen Herzens. Wohl bezeugt der fromme Sänger:
V. 167: „Meine Seele hält deine Zeugnisse und liebt sie sehr.“ Und V. 168: „Ich halte deine Befehle und deine Zeugnisse, denn alle meine Wege sind vor dir.“ Aber er setzt doch sogleich recht demütig hinzu:
V. 169: „Herr, lass meine Klage vor dich kommen; unterweise mich nach deinem Wort.“ V. 171: „Meine Lippen sollen loben, wenn du mich deine Rechte lehrst.“ V. 173: „Lass mir deine Hand beistehen, denn ich habe erwählt deine Befehle.“ Lauter demütige Bitten um göttliche Belehrung, um himmlischen Beistand. Denn spricht ein Herz, das sich selber kennt und seine Schwachheit ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf, suche deinen Knecht, wie ein guter Hirte das verlorene Schäflein sucht in der Wüste. Meine Lieben, ist das nicht auch unser aller Bekenntnis und Erfahrung? Sind wir nicht allesamt von Natur verirrte und verlorene Schafe? Gilt nicht auch von den Besten unter uns, was Petrus schreibt: Ihr waret weiland wie die irrenden Schafe, nun aber seid ihr bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen? Ich weiß nicht, ob vielleicht eines unter uns ist, das recht weit, selbst vor den Augen der Menschen, sich verirrt und verloren hatte von seinem Gott in die dürren Steppen des Unglaubens oder in die schmutzigen Sümpfe des Lasters oder auf die fette Giftblumenweide der Weltlust oder an die schroffen Abgründe der Verzweiflung; so ein verirrtes und verlorenes Schaf, wie der verlorene Sohn, wie die große Sünderin im Evangelium, das der treue Hirte gesucht hat und gelockt durch sein seligmachendes Wort und gefunden und herumgeholt und auf seine Achsel genommen und heimgetragen mit Freuden, so dass es nun unter Tränen lobsingt:
Du Herr bist mir nachgelaufen, mich zu reißen aus der Glut;
Denn da mit der Sünder Haufen ich nur suchte irdisch Gut,
Hießest du auf das mich achten, wonach man zuerst soll trachten,
Tausend, tausendmal sei dir,
Großer König, guter Hirte, treuer Heiland, Dank dafür!
Aber auch wer nicht so weit sich verirrt hatte, sagt: wir alle, was sind wir von Natur? was wären wir ohne unsern guten Hirten und sein gnadenreiches Evangelium? Verirrte und verlorene Schafe, von denen schon Jesaja sagt: Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn; und der gute Hirte ließ sein Leben für die Schafe, sammelte uns in seine Arme und führte uns auf rechter Straße. Und heute noch, was sind wir ohne Gottes Wort, wenn wir den Trieben unseres eigenen Herzens folgen, wenn wir unsere Gedanken, unsere Neigungen, unsere Leidenschaften walten lassen auch nur einen Tag lang, wenn wir unsern guten Hirten aus dem Auge und Gottes Wort aus dem Herzen und den Pfad seiner Gebote unter den Füßen verlieren auch nur einen Augenblick? Verirrte Schafe sind wir und verlorene Leute, die bald mit Schrecken sehen, ich bin nicht auf dem rechten Weg, und nichts Besseres tun können, als einstimmen in das demütige Bekenntnis und die flehentliche Bitte: „Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf, suche deinen Knecht! Und wie sucht er uns? Wo vernehmen wir seine mahnende und warnende, seine suchende und lockende, seine lehrende und leitende, seine strafende und zurechtweisende Stimme? Ist's nicht hier in seinem Wort, wo uns der rechte Weg immer wieder gezeigt wird, wo uns der gute Hirte immer wieder begegnet? Ja, ohne Gottes Wort sind wir wie irrende und verlorene Schafe bei der Schwachheit unseres eigenen Herzens; aber mit diesem Wort sind wir unverloren; in diesem Wort finden wir Leitung auf rechtem Weg.
Dieses Wort lässt treue Seelen nie den rechten Weg verfehlen;
Wer nur seinem Unterricht redlich folgt, der gleitet nicht;
Und der darbt auch nicht, der hat gute Weide für Geist und Herz.
„Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf; Herr, suche deinen Knecht!“ So seufzt das Menschenherz oft unter den bitteren Leiden wie unter den eitlen Freuden dieser Welt. Es sucht nach einer besseren Weide, nach kräftigerer Nahrung, nach süßerer Erquickung, nach einem Frieden, den die Welt mit all ihrer Lust nicht geben und mit all ihrem Leid nicht nehmen kann. Und wo ist dieser Friede zu suchen? Wo ist diese Nahrung zu finden? Unser Psalmist gibt die Antwort:
V. 162: „Ich freue mich über deinem Wort wie einer, der große Beute kriegt;“ wie ein Armer, der plötzlich einen köstlich funkelnden Schatz entdeckt; wie ein Durstiger, dem plötzlich ein frischer Quell entgegensprudelt. Und weiter:
V. 164: „Ich lobe dich des Tages siebenmal um der Rechte willen deiner Gerechtigkeit.“ Das heißt: Ich komme immer wieder darauf zurück, kann gar nicht fertig damit werden. Und gar schön:
V. 165: „Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben, und werden nicht straucheln.“ Hat er nicht recht, meine Lieben? Hast du ihn nicht auch schon geschmeckt, liebe Seele, diesen großen Frieden, der aus Gottes Wort in die Seele sich ergießt? Musst du's nicht auch bezeugen mit Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen von dir, du hast Worte des ewigen Lebens? Hier ist Himmelsbrot und Lebenswasser, hier ist Nahrung für den Geist, Stärkung fürs Herz, Trost fürs Gewissen, wie sonst nirgends in der Welt. Und von allen Büchern der Menschen kehrt man doch immer wieder mit neuer Ehrfurcht zurück zu diesem Buch der Bücher. Und unter allen Lagen des Lebens findet man doch hier den besten Rat und Trost. Und unter allen Genüssen der Welt hungert das Herz am Ende doch immer wieder nach dieser einfachen gesunden Kost, wie man von den Leckerbissen der köstlichsten Tafel zuletzt immer wieder zurückkehrt zum lieben Brot. Und unter allen Leiden dieser Zeit, wenn kein Menschenwort uns trösten kann, ist hier in diesem Buch noch Trost und Erquickung zu finden. Und darum bin ich ohne Gottes Wort ein verirrtes und verlorenes, ein verhungerndes und verschmachtendes Schaf; in Gottes Wort aber habe ich gute Weide und spreche:
Volle Gnüge, Fried und Freude
Jetzo meine Seel ergötzt,
Weil auf eine frische Weide
Mein Hirt Jesus mich gesetzt;
Nichts Süßeres kann mich im Herzen erlaben,
Als wenn ich, mein Jesu, dich immer soll haben;
Nichts, nichts ist, das also mich innig erquickt,
Als wenn ich dich, Jesu, im Glauben erblickt!
Und was wird es sein, wenn ich ihn erst schauen darf! Selige Ruhe in den ewigen Hürden, das ist das Letzte und Süßeste und Höchste, was der gute Hirt uns bietet in seinem Wort. „Herr, ich warte auf dein Heil,“ ruft der Psalmist sehnsuchtsvoll aus V. 166. Und wiederholt V. 174: „Herr, mich verlangt nach deinem Heil.“ Sollen wir dabei nur an ein zeitlich Heil und irdisch Glück denken? Nein, wenn schon im alten Bunde der sterbende Jakob spricht: „Herr, ich warte auf dein Heil“, und also auch hinter dem Tode noch ein Heil Gottes erwartet, wieviel sehnsuchtsvoller noch und wieviel hoffnungsvoller auch dürfen wir Kinder des neuen Bundes warten auf das Heil des Herrn, auf jenes ewige Erbe, das uns behalten ist im Himmel, auf jene immergrünen Auen, wo einst der Erzhirte seine Schafe weiden und leiten wird zu den lebendigen Wasserbrunnen. Das ist das Höchste und Beste am Wort Gottes, dass es uns hinausweist über diese Erde in eine himmlische Heimat. Das ist das letzte und seligste Hirtenamt des guten Hirten, dass er seine Schafe auf die Achsel nimmt und heimträgt in die himmlische Heimat mit Freuden und zu Freuden, zu ewigen Freuden. Also wenn ich am Rande des Grabes, an der Pforte der Ewigkeit stehe zagend wie ein verirrtes und verlorenes Schaf, auch dann weiß ich, wird mein guter Hirte mich nicht verlassen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab tröstet mich. Nun, du teures Gotteswort, so sei und bleibe denn du unser Licht im Leben, unser Trost im Leiden, unsere Hoffnung im Sterben, unser Heil in der Ewigkeit. Und du, guter Hirte, such uns fernerhin und lass uns dich suchen; lass uns nicht und hilf, dass wir dich nicht lassen.
Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden! Du bist mein, ich bin dein,
Niemand kann uns scheiden:
Ich bin dein, weil du dein Leben und dein Blut mir zu gut
In den Tod gegeben;
Du bist mein, weil ich dich fasse, und dich nicht, o mein Licht,
Aus dem Herzen lasse.
Lass mich, lass mich hingelangen, da du mich und ich dich
Ewig werd umfangen.
Amen.