Gerhardt, Johann - Tägliche Übung der Gottseligkeit - Dritte Abtheilung. - Das dritte Capitel. Gebet um Erhaltung und Mehrung der Hoffnung.

Allmächtiger, ewiger und barmherziger Gott, ich bitte dich um der allerheiligsten Wunden deines Sohnes willen, erhalte in mir die Stütze der lebendig machenden Hoffnung!: Es schwankt bisweilen mein Herz wie ein Schiff mitten im Meere; verleihe mir den sichern und festen Anker einer unbeweglichen Hoffnung.

Bändige die Fluthen der Versuchung und des Zweifels, der du ein Gott der Hoffnung und alles Trostes bist. So gewiß und unbeweglich die Wahrheit deiner Verheißungen ist, so gewiß wird in mir die Festigkeit einer heiligen Hoffnung seyn können. Auf deine Verheißungen stütze ich mich; du wirst mich nicht ohne Hülfe lassen. Deiner Güte traue ich; du wirst mich nicht ohne Trost lassen. Ich weiß, an wen ich glaube, und bin sicher, weil du mächtig bist, meine Beilage zu bewahren auf jenen Tag; ich bin auf's Gewisseste überzeugt, daß du, der du in mir das Werk angefangen hast, dasselbe auch vollführen wirst bis auf den Tag Jesu Christi. Drei Dinge sind es, die mich aufrichten, wenn ich darniederliege, mich stützen, wenn ich strauchle, mich zurechtleiten, wenn ich zweifle; nämlich die Liebe, die mich zum Kinde machte, die Wahrheit der Verheißung, die Macht, die in der Bezahlung meiner Schuld liegt. Das ist das dreifache Seil, das du aus dem himmlischen Vaterland in diesen Kerker herablässest, damit du mich aufrichtest und im Anblick deiner Herrlichkeit anziehest; diese Hoffnung ist der Anker meines Heils, dies ist der Weg, der zum Paradiese führt. Die Betrachtung deines Gebotes macht, daß ich hoffe; die Betrachtung deiner Verheißung macht, daß mein Herz beruhigt wird, wenn ich hoffe; die Betrachtung deiner Güte verhindert, daß ich an deiner Erbarmung verzweifle; die Betrachtung meiner eigenen Gebrechlichkeit macht, daß ich nicht auf mich und meine Kräfte und Verdienste meine Hoffnung sehe. So viel weniger meine Hoffnung an dem eiteln und vergänglichen Sande der gegenwärtigen Güter und der menschlichen Hülfe haftet, um so viel fester und sicherer wird sie auf den unbeweglichen und unerschütterlichen Felsen deiner Verheißungen und der himmlischen Güter gebaut. Dir allein gehöre mein Herz an, daß ich mich ganz von der Welt abziehe und von ganzem Herzen dir anhange! Zu dir fliehe ich, als zum Gnadenstuhl und zur Lade der Barmherzigkeit, zur Lade des Bundes und zur Zufluchtsstätte der Freiheit, zum Fels der Stärke und zum Hafen des Heils. In mir ist nichts als Sünde, Tod und Verdammniß; in dir nichts als Gerechtigkeit, Leben, Heil und Trost. Daher verzweifle ich an mir, aber ich hoffe auf dich; in mir werde ich zerschlagen, in dir werde ich aufgerichtet. Es mögen sich wohl die Trübsale vermehren, wenn nur deine belebenden Tröstungen dabei sind, und meine Hoffnung aufrecht halten. Die Trübsale bringen Geduld, die Geduld Erfahrung, die Erfahrung Hoffnung, die Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. Auf dich, Herr, habe ich gehofft, ich werde nicht zu Schanden werden ewiglich! Amen.