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Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Dreizehnte Predigt.

1 Chr. 29 u. 30, 1-21.

Das Los ist mir gefallen aufs Lieblichste.

Vor nicht langer Zeit fand ein Wanderer in den freundlichen Auen Württembergs mitten im Felde eine hölzerne Bank, auf die von ungeübter Hand mit Kreide folgender Vers geschrieben war:

Ich habe Kreuz und Leiden,
Das schreib ich mit der Kreiden:
Und wer kein Kreuz und Leiden hat,
Der wische meinen Reimen ab!

Der Wanderer hat ihn nicht abgewischt. Du würdest es auch nicht getan haben. Was Mensch heißt, muss Joch und Last tragen. Wer sich sein eigenes Joch auflegt, wird sich dran zu Tode tragen. Ihm geht's, wie den Kindern Israels in Ägypten, die zum Dienst gezwungen wurden mit Unbarmherzigkeit, und denen man ihr Leben sauer machte mit schwerer Arbeit und mit allerlei Frönen. Es kann hier und da ein Mensch so frei und fröhlich durchs Leben gehen, als wenn er aller Last ledig wäre. Aber er trägt dennoch sein Joch, wenn mans gleich nicht sieht. Solchem Menschen geht es wie jenem Hamburger Kaufherrn, von dem mir erzählt wurde. Er spielte mit einem andern und hatte Verlust auf Verlust. Sein Antlitz blieb unverändert. Er setzte sein ganzes Vermögen auf eine Karte. Er verlor. Kein Muskel des Gesichtes zuckte. „Aber, rief sein Geselle von Entsetzen über diese eiserne Ruhe, wie kannst du bei solchem Verluste ruhig bleiben?“ „Da siehe, antwortete jener, indem er verzweiflungsvoll aufsprang, seine Kleider aufriss und ihm die entblößte Brust zeigte, da siehe, wie ruhig ich geblieben bin!“ Die Nägel seiner Hand hatten sich während des Spiels ins Fleisch gegraben!

„Nehmt auf euch mein Joch! ruft der Weltheiland, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!“ Müssen die Kinder der Welt bei ihren scheinbaren Freuden bekennen: Keine Rose blüht ohne Dornen! so rühmen die Knechte Gottes unter ihren Leiden: Die Dornen tragen Rosen! Wir haben dies im Leben Davids schon oft und in mancherlei und lieblicher Weise erkannt. Je mehr sein irdisches Leben zur Neige geht, desto herrlicher offenbart es sich, dass man keinem treueren Herrn dienen kann, als dem lebendigen Gotte. Wir sehen heute David nahe vor seinem Tode, und doch voll tiefen Friedens und heiliger Freude. Das Wort, welches er selbst, wie es scheint in Todesahnung, im 16. Psalm bekennt, sehen wir als Überschrift über die verlesene Geschichte:

Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche.

I. Durch alle Arbeiten und Leiden werden die Knechte des Herrn immer tiefer in die selig machende Erkenntnis geführt, dass der Herr Alles in Allem ist, und sie nichts sind.
II. Diese doppelte Erkenntnis lehrt sie, Alles, was sie sind und haben, dem Herrn mit fröhlichem und freiwilligem Herzen zu opfern.

I.

Ihr kennt das Lied Joachim Neanders, das mit dem einfachen, tiefen Gebete schließt:

Drücke stets in meinen Sinn,
Wer Du bist und wer ich bin.

Auf der lebendigen Erkenntnis Gottes und unserer selbst beruht unser ganzes Heil. Ihr denkt hier von selbst an das Wort Christi: „Das ist das ewige Leben, dass sie dich, dass du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum erkennen!“ (Joh. 17, 3.) und an das andere: „Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; nun ihr aber sprecht: Wir sind sehend! bleibt eure Sünde!“ (Joh. 9, 41.) Das ist der Gewinn aus Davids Leben, dass beides, seine Freuden und seine Leiden, seine Erniedrigung und seine Erhöhung ihm das heilige Liebesherz Gottes, und das eigene, in Sünden empfangene und geborene Menschenherz entschleiert haben. Und eben darin liegt auch der Kern seiner Freude und die Lieblichkeit seines Loses.

Nicht mehr der Jüngling, bräunlich und schön, sondern der Greis, der Außenwelt schon halb abgestorben, steht heute vor uns. Er hat zum letzten Mal sein Volk und dessen Häupter um sich versammelt zu einem großen und glänzenden Volks- und Kirchentage, um seinen Sohn Salomo an seiner statt zum Könige zu machen, und den Bau des heiligen Tempels vorzubereiten. Von der Höhe, auf welcher er steht, blickte er rückwärts auf den Weg, den er gekommen ist, aus die guten und bösen Tage, auf alle seine Verirrungen, seine Sünden, seine Strafen, seine Nöte, seine Nächte voll Tränen, sein Schreien und Heulen. Es gibt kaum ein Leben, das so voller Geheimnisse ist und voller Verwirrungen, wie das Davids, so voll dunkler Täler, wo die Bäche Belials rauschen, aber keines auch, in dem in der menschlichen Finsternis das Licht göttlicher Gnade so wunderbar hell geleuchtet hat, keines, das so viele Denksteine göttlicher Hilfe zählt. -

Von der Vergangenheit schaut er auf die Gegenwart. Ihm zur Seite stand sein Sohn Salomo. Vor ihm aufgehäuft liegen die erbeuteten Kleinodien an Gold, Silber, Erz und Edelstein, deren Wert kaum zu zählen ist, ein lautredendes Zeichen seiner vielen und glorreichen Siege; um ihn herum in weiten Kreisen schart sich das jubelnde Volk, im Herzen bereit, dem Herrn der Heerscharen zu dienen, die Hände gefüllt mit dem Besten, was sie haben, ihren Gott damit zu ehren. Das war ein seliger Augenblick! Es muss David gewesen sein, wie dem Pilger, der in finsterer Nacht beim Schimmer seiner Leuchte den nächsten Gegenstand wohl dunkel schauen, aber nicht seine wahre Gestalt, noch seinen Zusammenhang mit der Umgebung, noch viel weniger diese selbst erkennen konnte. Plötzlich bricht der helle Tag an. Im Glanze der Sonne liegt die Landschaft mit ihren Tälern und Höhen vor dem überraschten Blicke. So lag vor Davids Seele bloß und entdeckt sein wechselvolles, langes und oft so banges Leben. Kein Rätsel ist mehr ungelöst: kein Zweifel, kein bitteres Ach! kein ängstliches Warum? trübt sein Herz, kein Labyrinth verwirrt sein Auge. Überall, selbst in seiner tiefsten Sünde, in seinen dunkelsten Stunden, wo er wie ein Wurm sich vorkam, und kein Mensch, sieht er den offenbaren Finger Gottes, der, was im engen Herzen sich regt, was auf weiter Erde geschieht, zur Verherrlichung seiner Heiligkeit, zum Heile verlorener Adamskinder entwirrt und leitet. Aus den Werken Gottes schaut er ins Wesen Gottes, ins Herz Gottes. Ein Strom von Seligkeit flutet aus diesem gläubigen Anschauen in seinen Geist. „Gelobt, ruft er vor der ganzen Gemeine, gelobt seist du Herr, Gott Israels, unsers Vaters, ewig. Dir gebührt die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Dank. Denn Alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein ist das Reich und du bist erhöht über Alles zum Obersten. Dein ist Reichtum und Ehre von dir, du herrschest über Alles! In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, Jedermann groß und stark zu machen. Nun, unser Gott, wir danken dir und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit!“ So jubelte der Greis, von dem schon eine Zeit lang vorher erzählt wurde: „Da der König David alt war und wohlbetagt, konnte er nicht warm werden, ob man ihn gleich mit Kleidern bedeckte!“ (1 Kg. 1, 1.) Die Wärme seines Leibes war vom Frost des Alters besiegt. Aber die Glut seines Geistes, die flammende Inbrunst seiner Freude über den Namen seines Gottes brannte wie ein Himmelsfeuer! Ist das nicht ein liebliches Los, nach allen Nöten, Schwächen, Gebrechen und Sünden in solcher seligen Freude danken und jauchzen zu können! Da gilt das Wort: „Wohl dem Volk, das jauchzen kann!“ (Ps. 89, 16.)

Es ist mir sehr merkwürdig gewesen, dass unter den vielen Lobpsalmen Davids keiner ist, der, wie dieser letzte, den Lobliedern gleicht, die der h. Johannes in der Offenbarung die himmlischen, seligen Knechte des Herrn singen hörte. „Herr,“ sprachen diese, ihre Kronen vor den Stuhl Gottes werfend, „Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft, denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen!“ (Offb. 4, 11.) Und tausend mal tausend Engel sprachen mit großer Stimme: „Das Lamm das erwürgt ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob! und abermals sangen sie dem, der auf dem Stuhl saß und dem Lamme: „Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Offb. 5, 12, 13.) und wiederum: „Amen! Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Offb. 7, 12.) Die innere Seligkeit Davids muss wohl tief und groß gewesen sein, dass sie die Sprache ihn lehrte, welche die Engel sprechen und die Seligen. Und worin bestand diese Seligkeit? Dass das Hüllen vor seinen Augen weggetan wurde, damit alle Völker verhüllet sind, und er dämmernd das schaute, was die Himmelsbürger in vollster Klarheit schauen, dass der ewig lebendige Gott der Herr der Zeit ist und der Ewigkeit, dass er alle Fäden des verwickelten Menschen- und Völkerlebens in seiner Hand hält, dass trotz Sünde und Satan im Himmel und auf Erden, im Menschenherzen und auf der großen Erde das zu Stand und Wesen kommen muss, was sein Rat beschlossen hat, dass aus allen Schatten, aller Finsternis das vollendete Bild seiner Schöpfung und Erlösung immer glorreicher hervortritt, dass Er Alles ist in Allem, und er erkannt wird, wie er ist! Die Seele ruht in ihm, dem Einen, ganz in ihm, außer dem kein Leben ist, das Auge wird nicht mehr zerstreut durch viele und bunte und zusammenhangslose Bilder, sondern schaut ganz auf ihn und seine Herrlichkeit, und kann sich nicht satt schauen an ihm, in dem das Wesen ist und das Leben. Da weiß dann auch der Mund nicht vielerlei zu sagen und zu singen.. Er strömt das eine Gefühl des Herzens, die selige Erkenntnis Gottes und seiner Wege aus in jene eine Weise, die wir aus Davids und aller Engel und Seligen Munde gehört haben. Und wodurch, frage ich jetzt, war es so tief und so klar in Davids Geist und Sinn gedrückt, wer Gott, der Heilige in Israel, der ewige Erbarmer, der Lebensfürst ist? Jede Erfahrung, groß und klein, lieb und trüb, die er in seinem Dienst und seiner Arbeit gemacht hat, jeder Weg, den er geführt ist, jeder Fehltritt, den er getan, jedes Wort, das ihn wieder zurecht gebracht, jeder Schlag, unter dem er gezittert, jedes Freudenlicht, das ihm geleuchtet hat, Alles, Alles hat dazu dienen müssen, ihm die selige Erkenntnis des allein seligen Gottes zu geben, als dessen, der da Alles ist in Allem. Und soll er derhalben nicht rühmen: „Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche.

Das ist das Los aller Knechte und Mägde des Herrn. Auch Paulus ist durch alle Erfahrungen und Führungen seines Lebens, durch seine Entzückung und durch seinen Pfahl im Fleisch, durch seine Schmerzen und durch seine Siege immer tiefer in die Erkenntnis seines Gottes und seines Heilandes hineingeführt. Er überschaut die ganze Menschengeschichte, den Abfall der Heiden und der Juden, die Erlösung durch den einigen Sohn Gottes, die Wege, auf denen die Einzelnen und die Völker, die Juden und die Heiden zu derselben hingeführt werden sollen', bis er im Geiste das hohe Ziel erreicht schaut, und mit heiliger Wonne ausruft: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte, und unerforschlich seine Wege! Denn von ihm, und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!. Amen.“ (Röm. 11, 33. 36.) Am Abende seines eigenen Lebens ruft er, die Wunderwege, die er geführt ist, anstaunend: „Gott, dem ewigen Könige, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.“ (1 Tim. 1, 17.) Das sind auch Klänge, die dem Himmel angehören. Sie sind erlernt in den Freuden und Segnungen, Nöten und Anfechtungen, Kämpfen und Siegen, Kreuzen und Lasten, welche die Nachfolge und der Dienst des Herrn mit sich bringt. Darum auch Paulus ohne Aufhören sein Amt preist, und der Geist der Freudigkeit aus jedem Worte haucht, das er schreibt und spricht.

Darum lass seine Wege deinen Augen wohlgefallen! Freue dich in ihm alle Wege, denn alle Wege sollen dich in sein Herz hineinführen und in seine Erkenntnis. - Unser Glaube ist noch zu viel ein Katechismusglaube, ich meine ein angelernter, angenommener, nachgesprochener, fremder Glaube. Er muss immer mehr ein erfahrener und durchlebter, ein eigener Glaube werden. Wir müssen mit den Leuten von Samaria sprechen: „Ich glaube hinfort nicht mehr um der Rede und des Zeugnisses eines Menschen willen, sondern ich habe selbst geglaubt und erkannt, dass Christus der Welt Heiland und mein Heiland ist!“ Und woher kommt diese Erfahrung? Allein aus den wunderlichen und doch seligen Führungen Gottes, aus dem, was wir in unserm Pilgerwandel und Amt erleben. Was uns auch begegnet, Alles lehrt uns Gott und seinen Sohn und die Kraft seines Wortes kennen. Unser Glaube wird immer mehr kräftig durch Erkenntnis alles des Guten, das wir in Christo haben. Je mehr wir selbst erleben und erfahren, je mehr wir in solchen bangen Stunden, wie sie über Martha und Maria kamen, durch den Glauben die Herrlichkeit Gottes schauen, je mehr die Blindheit von unsern Augen genommen wird, und Er allein, der dreieinige Gott, vor unserm Geiste steht als der, der Alles in Allem ist, je seliger wird auch unser Herz, je fröhlicher unser Mund. Daher kommt auch die Erscheinung, dass jüngere Christen, indem sie ihren Mangel fühlen, mehr bitten und flehen, dass aber die älteren und erfahreneren, immer ausschließlicher auf den Herrn schauend und seine Werke und Wege immer klarer erkennend, aufgehen in Lob und Dank, und ihre Lieder Lieder im höheren Chore werden, in denen jede Arbeit und Anfechtung, Bekümmernis oder Freude, jeder Kampf und Sieg, jedes Fallen und Aufstehen einen vernehmlichen Ton bildet. Ist das Erbteil solcher Leute nicht auch hier schon schön und selig? Auch sie können und werden bei ihrem Lose beben, straucheln, müde werden. „Aber das Volk, so ihren Gott kennen, werden sich ermannen und es ausrichten!“ (Dan. 11,32.) Aber woher kommts denn, dass das Christentum so Vieler nicht den Geist der Freudigkeit atmet Weil sie ihren Herrn nicht kennen, oder weil sie ihn nur fleischlich kennen, ihres Herzens und Verstandes Meinungen, Ansichten, Wünsche, Hoffnungen in die Offenbarung von Christo einmengen. Solche Jünger des Herrn müssen in ihrer Arbeit erst durch allerlei Erfahrungen des äußeren und inneren Lebens, welche allein die Hochschule des Christentums sind, mit Paulo sprechen lernen: „Ob wir auch Christum gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr also;“ (2 Kor. 5, 16) dann werden auch sie mit dem Apostel in ihrem Dienst und Amte, ob es süß oder sauer ist, in einem rechten Freudenstande erfunden werden.

Mit der Gotteserkenntnis geht die Selbsterkenntnis Hand in Hand. Je mehr ich in meinen Augen bin, desto geringer. ist mir Gott. Je mehr Gott in meinem Glauben erhöht ist, desto niedriger bin ich. Darum ruft David nach jenem Lobgesange, von Gott auf sich blickend: „Denn was bin ich? Was ist mein Volk, dass wir sollten vermögen Kraft, freiwillig zu geben, wie dies geht? Denn wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir, wie unsre Väter alle. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und ist kein Aushalten!“ Dieselben Erfahrungen, durch welche David Gottes wesenhafte Liebe und sein ewiges, allein selbstständiges, allgenugsames, allumfassendes Leben erkannte, brachten ihn zum immer bestimmter sich geltend machenden Gefühle der Ohnmacht und Nichtigkeit seines irdischen Lebens, wie seiner geistlichen Kraft. Ausführlicher noch und einschneidender spricht David über diesen Punkt im 39. Psalm, den er vielleicht auch kurz vor seinem Tode, jedenfalls aber Angesichts drohender Lebensgefahr gebetet hat. „Wenn du Einen züchtigst um der Sünde willen, so wird seine Schöne verzehrt, wie von Motten. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!“ (Ps. 39, 12. 6.)

Der Grundzug im inneren Leben Davids war zwar vom Beginn an eine ungeheuchelte Demut. Dennoch hatte auch er Zeiten, wo er sich vermaß, etwas zu sein und zu können durch sich selbst. Er hatte auch gesprochen, da es ihm wohl ging: „Ich werde nimmermehr darnieder liegen!“ (Ps. 30, 7.) Das ist jetzt vorbei. Die tausend Wechsel seines Lebens, bei denen in bösen, wie guten Tagen seine Seele oftmals in Sünde und Schande fiel, haben ihn endlich gelehrt, was für ein armes, sündhaftes Gemächte er sei. Alles selbsttrügerische Vertrauen auf die Menschennatur und Menschenkraft ist ihm ausgetrieben. Er bildet sich nicht mehr ein, ohne seinen Gott etwas zu vermögen, am allerwenigsten, ihm die Opfer bringen zu können, die ihm gebühren.

Aber, fragt Jemand verwundert, ist denn diese Erkenntnis, dieses Gefühl gänzlicher Ohnmacht ein lieblich Los? Ist das nicht eine peinliche, niederdrückende Last? Ist das nicht der Weg zur Verzweiflung? Es muss, meine Freunde, wohl nicht so sein, denn aus den Worten des sterbenden Greises weht uns ein solcher Geist der Frische und Freudigkeit entgegen, als flöge ein junger Adler über den Staub der Erde zur Sonne empor. Zudem wird uns mit dürren Worten erzählt: „Und David der König freute sich hoch.“ - Auch wenn er im 8. Psalm im Gefühle seines Nichts ausruft: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ ist sein Herz voll Rühmens und sein Mund voll Jauchzens. Was erklärt uns dieses Geheimnis? „Hoffart muss Pein leiden!“ So lange ein Mensch in sich etwas sein und gelten will, schließt er sich selbst von der Quelle des wahrhaftigen Lebens aus, ist darum voll Unruhe, unbefriedigt, und wird von ungesättigtem Verlangen und wachsenden Begierden wie mit Peitschen umhergetrieben. Sobald aber die eitle Selbsttäuschung aufgehört hat, sobald der Mensch erkannt, dass er in sich ohnmächtig, unrein ist, und alles wahrhaftige Leben in Gott beruht, gibt sich das Nichts seinem Alles, der Sünder seinem Heilande, das Kind seinem Vater hin; dann ist der Geist in seinen Ursprung zurückgekehrt, wo er ewige Befriedigung, ewige Ruhe hat. Der Herr spricht dieses Geheimnis in den Worten aus: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ (Matth. 16, 25.)

O, der Alles hätt' verloren,
Auch sich selbst, der allezeit
Nur das Ein' hätt' auserkoren,
So Herz, Geist und Seel erfreut!

O, der Alles hätt' vergessen!
Der nichts wüsst', als Gott allein,
Dessen Güte unermessen
Macht das Herz still, ruhig, rein!

Bis zur Ohnmacht schwach in sich ist Paulus, der stärkste und freudenreichste unter den Knechten des Herrn. Er kennt das selige Geheimnis, dass die Kraft des Herrn nur in den ihrer Schwachheit sich bewussten Seelen ihre Macht entfalten kann. „Darum, sagt er, will ich mich am allerliebsten meiner Schwachheit rühmen, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich gutes Muts in Schwachheiten, in Schmachen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen. Denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark!“ (2 Kor. 12, 9. 10.) Und auch Neander, aus dessen Munde wir zu Anfang der Predigt jene Doppelbitte vernahmen, singt trotz mancherlei schwerer Wege mit innerem Jubel von seinem Herrn: „Der dich erhält, Wie es Dir selber gefällt!“ Meine Mitarbeiter, schaut zurück auf die Zeit, die hinter euch liegt. Was in eurer Arbeit auch über euch gekommen ist, Alles hat dazu dienen müssen, euch eure Stellung Gott gegenüber zu lehren, euch seine überschwängliche Liebe, Erbarmung Heiligkeit und Majestät, und eure Verkehrtheit, Torheit, Kurzsichtigkeit, Ohnmacht, Unruhe, Unfreiheit und die böse Wurzel aller dieser Früchte, eure Sündhaftigkeit, vor Augen zu stellen. Alles hat euch aus euch und eurem Elend heraus zu eurem Vater und Heilande treiben sollen und wirds auch ferner tun. Und wenn das die Geschichte unsers Lebens, die Erfahrung in der Nachfolge und im Dienste des Herrn ist, sollen wir nicht in das Bekenntnis einstimmen: „Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche; mir ist ein schön Erbteil geworden!“ Ja, selig ist das Kindesherz, welches allezeit mit David singt und sagt: „Hochgelobt sei Gott! Ich aber bin elend und arm!“ (Ps. 70, 5. 6.)

II.

David hatte also gelernt, sein nichtiges Leben, sein sündiges Herz dem ewigen und heiligen Gotte hinzugeben. Daraus entsprang das hohe Freudenfest, zu dem er sein Volk und seine Fürsten noch einmal um sich versammelt hatte. Er hatte alle Siegesbeute nicht durch sich, sondern durch den Herrn gewonnen. Er wollte vor der ganzen Gemeine Gold, Silber, Erz und Edelsteine dem zurückgeben, dem Alles gehört. Alles, was er in seinem Leben erarbeitet und erstritten hatte, sollte nicht zu seinem Schmuck, sondern zur Verherrlichung Gottes, zum Bau seines heil. Tempels dienen. Es war, ihm ein Jubeltag ohne Gleichen, ein heiliger Glanz- und Höhepunkt seines Lebens, dass er mit irdischer Beute, mit vergänglichem Golde seinen hochgelobten Herrn ehren durfte vor aller Welt. Ein Fröhlicher macht viele Fröhliche; ein Freiwilliger viele Freiwillige Wie David brachte auch das Volk, was es hatte, zum Tempelbau, zur Verherrlichung Gottes, mit freiem und fröhlichem Willen. Und wie das Feuer mächtiger wird, wenn zwei Flammen zusammenschlagen, so wuchs das Feuer der Freude, als Davids und des Volkes Gaben zu einem großen Dankopfer sich vereinigten. „Von dir ist Alles gekommen, sagt David, und von deiner Hand haben wir dirs gegeben. Herr, unser Gott, aller dieser Hause, den wir geschickt haben, dir ein Haus zu bauen, deinem heiligen Namen, ist von deiner Hand gekommen und ist Alles dein! Ich weiß, mein Gott, dass du das Herz prüfest, und Aufrichtigkeit ist dir angenehm. Darum habe ich dies Alles aus aufrichtigem Herzen freiwillig gegeben, und habe jetzt mit Freuden gesehen dein Volk, das hier vorhanden ist, dass es dir freiwillig gegeben hat!“ Erwärmt euch nicht das Feuer, das in dieser inneren Freude Davids glüht? Merkt ihr nicht, dass alle Dankopfer wahre Freudenopfer sind! Und das Volk? Und das Volk, wird uns erzählt, ward fröhlich, dass sie freiwillig waren, denn sie gaben es von ganzem Herzen dem Herrn freiwillig!“ Und abermals: „Und die ganze Gemeinde lobte den Herrn, den Gott ihrer Väter, und neigten sich und beteten an, und aßen und tranken desselben Tages vor dem Herrn mit großen Freuden.“

Wie sein Gold und seine Edelsteine hat David alle Gaben und Anlagen seines Geistes dem Herrn hingegeben, vornehmlich aber seine Liederkunst und sein Harfenspiel. Das darf ich euch nicht erst sagen: Die Stunden, in denen der König seine Lieder betend und lobend dem Herrn wiedergab, waren ein Hereinragen seliger Ewigkeit in die nichtige, sündliche Zeitlichkeit.

Auch Paulus hat zugleich mit seinem Herzen alle seine Gaben und Kräfte, und was er im Schweiße seines Angesichtes erworben hatte, seinem Herrn zum freiwilligen Dankopfer gebracht. Was er aus den Büchern der Heiden und ihrer Poeten gelernt hatte, er gebrauchte es für seinen Herrn. Die Kunst des Teppichwebens, mühsam angeeignet, musste ihm dazu dienen, dem Laufe des Evangeliums Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Seine Fähigkeit, die Bedürfnisse der verschiedenen Menschennaturen zu durchschauen, wendete er an, Allen Alles zu werden, damit er ja Etliche für Christum gewänne. Sein Leib und Leben, sein Atem, jeder Pulsschlag, jeder Gedanke, jeder Tag, jede Nacht gehörte seinem Herrn. Und alle diese Opfer sie waren ihm Seligkeit, denn es ist ein köstlich und selig Ding, dem Herrn danken, doppelt köstlich aber, wenn warme Gegenliebe durch die Tat, durch ihr Leben Gotte danken darf!

Der Geiz in allen seinen Gestaltungen macht dem armen Menschenherzen viele Plage. Ob ich äußere Güter, oder ob ich Gaben des Geistes für mich behalte und zu meiner Ehre gebrauche, das eine wie das andere macht viele Schmerzen. Das wissen, die eitlen Besitzes oder eitler Ehre geizig sind.

O der alles könnte lassen,
Dass er, frei vom Eitlen all,
Wandern möcht die Friedensstraßen
Durch dies Tränen-Jammertal.

Wer wird denn, was er hat, was ihn blendet, was ihn gefangen hält, seinem Gott lassen können? Wer nach der Erkenntnis Gottes und alles kreatürlichen das Wort des Täufers verstanden hat: „Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel!“ (Joh. 3, 27.) wem die Frage Pauli durchs Gewissen tönt: „Was hast du aber, dass du nicht empfangen hast? So du es, aber empfangen hast, was rühmest du dich denn, als der es nicht empfangen hätte? (1 Kor. 4, 7.) Wer von euch Gott und seinen Heiland erkannt hat, als das einzige Gut, als den, der Alles in Allem erfüllt, und sich selbst als der Sünde und Eitelkeit unterworfen, der weiß auch, dass er nicht der Herr ist, weder seines Lebens, noch seines Leibes, noch seiner Güter, noch seiner Gaben, sondern ein von Gott bestellter Haushalter. Er gibt dann ohne Zwang, freiwillig dem seine Habe zurück, dem sie gehört, und wird des Herrn Verheißung an sich reichlich in Erfüllung gehen sehen: „Geben ist seliger, denn Nehmen.“ Im Psalmbuch heißt es einmal von dem Selbstsüchtigen: „Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird!“ Wir aber wissens, wer's kriegt, was wir haben und erarbeiten und erstreiten. Der Herr ist unser Erbe! Was wir getan haben Einem unter seinen geringsten Brüdern, das haben wir ihm getan. Die Güter und Gaben, die vormals uns verstrickten und bezauberten, sind ein Labsal für den Herrn selbst, eine Krone seiner Ehre, Stein und Kalk zum Bau des heil. Zion, Werkzeug zur Seligkeit unsterblicher Seelen! Das Eitle, Nichtige, Vergängliche, dem Herrn zum Opfer gebracht, hat ewigen Wert. Selbst ein Trunk Wasser, dem Herrn gegeben, reicht in die Ewigkeit hinein, und trägt dort herrliche Früchte!

Von Heldai, Tobia und Jedaja, den Gefangenen in Babel, sollte Sacharja, der Prophet, das freiwillig gebrachte Gold und Silber annehmen, daraus Kronen machen für das Haupt des Hohenpriesters Josua und sie dann in den Tempel des Herrn bringen, zu seinem ewigen Gedächtnis für die Geber. (Sach. 6, 10-14.) Diese sinnbildliche Handlung hat eine immerwährende Bedeutung. Alle Gaben, welche die Knechte des Herrn in der Zeit ihrer unfreiwilligen Gefangenschaft zum lebendigen Dankopfer bringen, werden von Gott zur Sieges- und Ehrenkrone für das Haupt des wahrhaftigen, von Sacharja an jener Stelle verheißenen Hohenpriesters gemacht, und das Gedächtnis dieser Opfer dringt hinein bis in den neuen, ewigen Tempel des himmlischen Jerusalem. Der Geist vom Himmel ruft über die Arbeit der im Herrn lebenden und in ihm sterbenden Knechte:

„Ihre Werke folgen ihnen nach!“

Wie werden wir in der Ewigkeit erstaunen, wenn wir in dem glorreich vollendeten Tempel des Gottesreiches auch die schwachen Gebete unserer Lippen, unsere geringen Entbehrungen und Aufopferungen und die armen Werke unserer Hände als Bausteine glänzen sehen! Dagegen wird das Erstaunen jenes Weibes wie nichts sein, von der unsere Väter gleichnisweise erzählen. Ein mächtiger König baute ein glänzendes Gotteshaus. Er wollte die Ehre allein haben und befahl aufs strengste, dass Niemand zum Baue nur einen Stein hinzutrüge. Eine arme, gottselige Witwe brannte vor Verlangen, ihren Meister durch eine geringe Hilfsleistung beim Baue ihren Dank und ihre Liebe zu bezeugen. Sie gab den Pferden, die einen Wagen mit Steinen zum Bauplatz zogen, eine Hand voll Heu. Als nun der Tempel fertig stand, und der König über die Türe eine Inschrift setzen ließ, die prunkend ihn als den alleinigen Erbauer verkündigte, lag dieselbe am Morgen zertrümmert auf der Erde und an ihrer Stelle stand mit goldener Schrift: „Eine Witwe hat mehr getan, als der König.“ Das wiederholte sich dreimal. Der König ward zornig. Die Witwe erschien, fiel vor ihm nieder und bekannte, was sie getan hatte. Zerknirscht stand der König da, dass des Weibes Werk in Gottes Augen viel tausendmal angenehmer gewesen war und größer, als das seine.

So wirds auch sein am jüngsten Tage. Ihr wisst ja, wie freudevoll beschämt die Seligen zur Rechten des Herrn stehen werden, der die armen Werke, die sie hier taten, in der Ewigkeit noch vor allen Völkern rühmt! Was die Kinder der Welt vollenden zu ihrem Nutzen und Ruhm, und wär's ein zweiter Turm von Babylon, vergeht mit der Zeit. Was wir dem Herrn von dem Seinen wiedergeben, das bleibt ewig. Nun sagt mir, meine Mitknechte, sollen die, welche jede zeitliche und nichtige Arbeit, die sie dem Herrn als ein lebendiges, freiwilliges, fröhliches Dankopfer bringen, also in die Ewigkeit aufgenommen sehen, nicht jubeln und jauchzen: „Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche!“ Glaubt mir, unsere Freude in der Nachfolge und dem Dienste Christi wird immer vollkommener werden, je lauterer wir beten lernen:

Es ist ja dein Geschenk und Gab
Mein Leib und Seel, und was ich hab
In diesem armen Leben.
Damit ich's brauch zum Lobe dein,
Zum Nutz und Dienst des Nächsten mein,
Wollst mir dein Gnade geben!

Um zu fühlen, wie tief und voll Davids Freude war, beachtet auch dies Eine noch. Nicht er, wie er wusste, sollte nach Gottes Willen den Tempel bauen, sondern Salomo; dennoch brachte er alle die unzähligen Schätze herbei, damit sein Sohn das Werk vollenden könnte, ein liebliches Zeugnis seiner neidlosen Freude, und neidlose Freude erst ist wahrhaftige Freude. Doch davon habe ich ja schon früher zu euch gesprochen (s. S. 58 ff.). Wollt ihr diese Seligkeit neidloser Freude in eurer Arbeit schmecken, so lernt mit David, Alles als Gottes und eures Heilandes alleiniges Eigentum betrachten, und es dem schenken, dem es gehört. Wie David für seinen Sohn Salomo und sein Volk flehte, dass der Herr allezeit solchen Sinn, der fröhliche. und freiwillige Dankopfer bringt, bewahren möchte, so beuge auch ich mich vor ihm und rufe:

Drücke stets in meinen Sinn
Wer du bist, und wer ich bin!

Besiege mit deiner allumfassenden Gnade mein stolzes Herz, so will ich nach deinem Siege dir willig opfern im heiligen Schmuck, mit Freuden dir dienen und mit Frohlocken vor dein Angesicht kommen! Hier will ich nicht stille werden, zu preisen dein sanftes Joch, deine leichte Last und mein lieblich Los und schönes Erbteil, das mir gefallen ist in deinem Dienst, bis ich das Erbe antrete, das unvergänglich ist und unbefleckt und unverwelklich, und ich ewig und in vollendeter Freude jauchzen werde: „Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche!“

Siehe, also wird gesegnet der Mann nach dem Herzen des Herrn! Bist Du ein Mann nach seinem Herzen? Amen.

Das Los der Knechte Jesu.

(Psalm 16)

Ich rühm es frei vor Allen:
Mir ist in meinen Schoß
Aus Gottes Hand gefallen
Ein lieblich Gnadenlos.
Ich sing's mit Lobgetön
Das Erbteil, das mir worden,
Ist unbefleckt und schön.

Zwar musst' ich oftmals leiden;
Doch schlug mich Jesu Hand,
Dass sie aus dürren Haiden
Mich führ zum Freudenstand.
Nun lob den Herrn ich laut,
Der meiner Seel geraten,
Zu werden seine Braut.

Ich will vor Augen setzen
Den liebsten Bräutigam,
Und stets mein Herz ergötzen
An ihm, dem Gotteslamm;
Sein gnadenreiches Blut,
Das mich von Sünden wäschet,
Das ist mein Teil und Gut.

Er tut den Weg zum Leben
Im finstern Tal mir kund,
Und wird sein Licht mir geben
In letzter, bängster Stund;
Wird mich mit starker Hand
Wohl aus der Hölle führen
Ins ewge Vaterland.

Dort rühm ich's neu vor Allen:
Mir ist in meinen Schoß
Aus Gottes Hand gefallen
Ein lieblich Gnadenlos.
Ich sing's mit Lobgetön:
Das Erbteil, das mir worden,
Ist unbefleckt und schön.