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Christlieb, Theodor - Das Evangelium von Mara: Ich bin der Herr, dein Arzt.

(2. Mose 15, 22-26.)

„Mose ließ die Kinder Israel ziehen vom Schilfmeere hinaus zu der Wüste Sur. Und sie wanderten drei Tage in der Wüste, da sie kein Wasser fanden. Da kamen sie gen Mara; aber sie konnten das Wasser zu Mara nicht trinken, denn es war sehr bitter. Daher hieß man den Ort Mara. Da murrte das Volk wider Mosen und sprach: Was sollen wir trinken? Er schrie zu dem Herrn; und der Herr wies ihm einen Baum, den that er ins Wasser, da ward es süß. Daselbst stellete er ihnen ein Gesetz und ein Recht, und versuchte sie, und sprach: Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes, gehorchen, und thun, was recht ist vor ihm, und zu Ohren fassen seine Gebote, und halten alle seine Gesetze; so will ich der Krankheiten keine auf dich legen, die ich auf Ägypten gelegt habe; denn Ich bin der Herr, dein Arzt.“

Da haben wir ein Evangelium im Alten Bunde schon vor dem Sinai, und so freundlich tröstend und aufrichtend wie nur irgend eines der ganzen heiligen Schrift! Wie wahr konnte der Herr später seinem Volke zurufen: „Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb, Ich ließ sie in Seilen der Liebe gehen“ (Hosea 11, 1. 4), wenn er gleich beim Eingang in die Wüste mit so erbarmender Liebe ihm entgegenkommt durch die Versicherung: „Ich bin dein Arzt!“ Da ging es ja von einer Hülfe Gottes zur andern. Eben erst war der Lobgesang über die wunderbare Hülfe Gottes am rothen Meer verhallt, da, beim ersten Schritt in die Wüste, als sie auch schon die Bitterkeit des Wüstenlebens zu schmecken bekamen, heilt Gott die bittern Wasser von Mara. Dann geht's nach Elim und Sin, da kommen Wachteln und fängt der Mannaregen an.

Der Herr hat unsichtbar seine Liebesseile durch die Wüste gespannt, und an ihnen gängelt Er sein Volk mit der Wolken- und Feuersäule, und sucht es zu heilen von seinem jugendlichen Trotz und Starrsinn. Und damit sie doch ja das recht deutlich merkten, daß alle Güte und Züchtigung immer nur abziele auf innere Heilung, gibt der Herr ihnen gleich nach der ersten Wanderung in der Wüste für die ganze saure Wüstenreise diesen Trost als Gesetz und Recht, wenn sie Seiner Stimme gehorchen: „Ich bin der Herr, dein Arzt!“ Gleich als wollte Er sagen: Kind, das Gehen wird dir oft beschwerlich werden, aber ich bin dein Arzt. Du wirst oft kein Brod finden, aber Ich bin dein Arzt; wirst oft nur Steine und Felsen und heißen Sand sehen statt Quellen, aber ich bin dein Arzt. Da wird's Feinde genug zu bekämpfen geben, Zweifel und Anfechtungen von innen und feindliche Heere von außen, die dir in den Weg treten, - aber Ich bin dein Arzt.

In der That, Geliebte, kein Land war so geeignet, ein jugendlich halsstarriges Volk zum Gehorsam und Vertrauen zu erziehen, als die Wüste, wo es so ganz geworfen war auf Gottes Erbarmen und alle Morgen so unmittelbar leben mußte vom Thau seiner Güte.

Ists anders bei unserer Pilgerfahrt? Gehts nicht auch da von einer Hülfe Gottes zur andern? Sind nicht auch da die Liebesseile heimlich schon ausgespannt, an denen wir vorwärts geleitet werden sollen? Naht uns der Herr nicht gleich nach dem Eintritt in's Leben in der Taufe mit Seiner Gnade und spricht: „Ich bin der Herr, dein Arzt?“ Und will Er nicht mit aller Güte und Zucht, die Er uns fühlen läßt, uns eben heilen von allen Unarten unsers Herzens? - O daß wir diesen Trost nicht vergäßen, so oft wir nach Mara kommen, und die Wasser, die wir kosten müssen, bitter schmecken: - Er ist unser Arzt!

Zeigt sich denn aber diese Wahrheit auch immer mehr darin, daß wir wirklich heil werden? Laufen wir in aller Noth gleich zu diesem heilenden Herrn? Macht Seine Gnade und Zucht uns immer gesunder? - O schaut hin über das jetzige Israel der Wüste, die heutige Christenheit, wie krank, wie krank ist sie noch! Wie viele haben sich Brunnen genug in der Wüste gegraben, und müssen doch immer fragen, wie dort Israel: was sollen wir trinken? Sie schlürfen einen Becher der Luft um den andern, merken nicht, wie ungesund dies Wasser, werden immer durstiger, kränker und halten sich dazu noch für gesund! Oft möchte man rufen im Blick auf Welt und Zeit, Christen und Heiden, Staat und Kirche, Haus und Familie, im Blick auf sich selbst und Andere: „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt!“ Jes. 1, 5.

Höret denn, ihr Kranke, ihr vermeintlich Gesunde, ihr Wüstenpilger, sei es, daß ihr erst drei Tage (wie damals Israel) oder schon vierzig Jahre die Wüste - und, wo ihr auch seid, etwas von der Bitterkeit der Fremde geschmeckt habt, höret das Evangelium von Mara: „Ich bin der Herr, dein Arzt!“ Jedes Wort davon ist voll Gnade, Kraft und Trost, daß er selbst unser Arzt sein will, daß Er es heute noch ist, daß er unser, dein und mein besonderer Arzt ist, und daß er in Wahrheit Arzt und allen unsern Schäden gewachsen ist.

So wollen wir uns denn ergötzen und stärken an dem Evangelium von Mara: Ich bin der Herr, dein Arzt!

Wir blicken 1. auf die Ausschließlichkeit dieses „Ich“;
2. auf die ewige Fortdauer dieses „bin“;
3. auf die tröstliche Allgemeinheit und Besonderheit dieses „dein“;
4. auf die fest verbürgte, Vertrauen fordernde Wahrheit dieses „Arzt“.

Himmlischer Vater, wir danken dir für dieses liebe Wort! Predige es auch uns heute, wie einst in Mara, und laß dein Evangelium als Lebensodem durch alle kranken Herzen und Häuser dringen! Herr, es gibt auch unter uns Vieles und Schweres zu heilen, also daß du Ehre bei uns einlegen könntest. Du weißt es und kennst unsere Gebrechen besser als wir selbst. O hilf uns Allen zur Erkenntnis, daß wir einen Arzt brauchen, laß uns Heilung suchen und finden bei Dir und Deinem Sohne, auf daß wir rühmen können: „durch seine Wunden sind wir geheilet.“ Amen.

1. Ich

„Ich bin der Herr, Dein Arzt!“ Wenn wir den Nachdruck auf Ich legen, - wie ja der Herr um Seiner Unvergleichlichkeit willen dies Wort oft besonders betonen mußte, - so zeigt sich uns sofort die Ausschließlichkeit dieses Ich. Israel hatte wohl Hülfe gesucht oder erwartet von Mose. Sein Wunder, nach einer dreitägigen Wanderung in der Wüste, unter brennender Sonne, auf glühendem Boden, wenn die Menschen seufzten, die Thiere lechzten. Nun kamen sie nach Mara; da ist Wasser. Alles stürzt hin, - O bittere Täuschung! „aber sie konnten das Wasser zu Mara nicht trinken, denn es war sehr bitter.“ Da murrt das Volk wider Mose: was sollen wir trinken? Da war kein Rath, keine Hülfe, bis der Herr auf Mose Gebet das bittere Wasser süß machte durch einen Baum.

Der Herr war der Arzt, der Herr allein! „Ich bin der Herr, dein Arzt.“ Ich - also hilft alles Andere nicht! Das ist die erste Wahrheit im Evangelium zu Mara; Er ist dein Arzt, Er allein und ausschließlich. Und gleich dies erste Stück ist nicht so leicht zu lernen. Wie viel versucht der Mensch, der Christ sogar, ehe er die Ausschließlichkeit dieses Ich erkennt!

Kein Mensch ist ohne Arzt. Irgendwo sucht jeder Heilung und Trost, sei es bei sich selbst, oder bei Andern. Und o, zu was für traurigen Ärzten läuft oft der Mensch mit seinem inneren Elend! Ach seht doch, wie wenig heute die Welt noch gelernt hat, Hülfe zu suchen beim lebendigen Gott! Wenn die Leute nach Mara kommen, in irgend eine Noth und Bitterkeit, was thun sie? Da knieen die Heiden vor ihren Götzen, und die sollen helfen! laufen zu ihren Priestern, Zauberern und Gauklern, und die sollen helfen! baden in heiligen Strömen u. dergl., oder quälen und peinigen sich selbst, und das soll helfen von Sünde und Verdammnis!

Und die Christen? Sie suchen Hülfe für die Wunden ihres Herzens in der Welt, laufen in Gesellschaft, rufen Freunde, greifen nach Büchern, nach einem Zeitungs- oder Witzblatt, setzen sich an ein musikalisches Instrument, - das soll zerstreuen, helfen, heilen! Als wäre nie dort verkündet worden: „Ich bin der Herr, dein Arzt.“ Menschen sollen helfen, die doch selbst an gleichen innern Schäden leiden und sich selbst nicht helfen können! - Oder versucht der Mensch, sein eigener Arzt zu sein und sich selbst zu helfen, wie bald sinkt er immer tiefer!

Warum? Ale anderen Ärzte und Hülfsmittel sind unserm innersten Schaden nicht gewachsen, von dem in Wahrheit gilt: „Dein Schaden ist verzweifelt böse, deine Wunden sind unheilbar“ (Jer. 30,12.). Bis dahin, wo der Durst der Seele am Heißesten brennt, in's Gewissen, fließt kein Tröpflein wahrer Kühlung durch all das, was Welt und Zeit und eigene Kraft bietet. Daher wird dieser Durst schließlich durch nichts gestillt, sondern stets brennender, daß man klagen muß: „Was sollen wir trinken?“

Es geht immer auf's Neue wie in Mara: Da war Wasser, aber es konnte den Durst nicht löschen! Da lief man zu einem Menschen, aber Er allein konnte nicht helfen. Da wollen sich die Leute selbst helfen durch Murren, - und es geht nicht. Welthülfe, Menschenhülfe, Selbsthülfe, - Alles reicht nicht hin! Immer wird da die Klage neu: „wir hofften, wir sollten heil werden; aber siehe, so ist mehr Schadens da“ (Jer. 14,19.).

Was gibt aber Gott ein Recht, sich so ausschließlich als Arzt hinzustellen? - Schon sein Name: „Der Herr.“ Er sagt: „Ich bin der Herr (Jehova), dein Arzt“, also nicht bloß der Allmächtige, dem kein Ding unmöglich, der Allwissende, der allem Schaden auf die Wurzel sieht, sondern auch der Treue und Wahrhaftige, der sich dir besonders offenbaren, dich zu seinem Volke heiligen will, und darum eben im Begriff ist, mit dir einen Bund zu schließen.

Er hat ein Recht, sich allein als Arzt hinzustellen auch durch seine Thaten: Israel hatte Er mit mächtigem Arm eben aus Pharao's Hand erlöst; durch die Heilung des Wassers hatte er sich auf's Neue als Herrn der Natur erwiesen, der in besonderer Noth mit besonderer Hülfe erscheinen kann. - Und wer hatte sich denn von Anfang an des gefallenen Menschengeschlechts angenommen? Wer den großen Plan der Erlösung von der schlimmsten Noth durch Erwählung eines bestimmten Geschlechtes und Volkes zu verwirklichen begonnen? War Er es nicht allein?

Aber wie viel mehr Recht hat jetzt Gott der Herr zu solchem Zeugnis von sich! Als die bittern Gewässer der Sünde über die ganze Erde rieselten, sie in eine Wüste verwandelnd, und ein Geschlecht um das andere sich den Tod daraus trank, da ersah sich Gott wieder ein Holz, das that Er in's Wasser, daß das Fluchgewässer der Sünde und des göttlichen Zorns sich in's süße Lebenswasser göttlicher Gnade verwandelte. Das war das Kreuz Christi, des einzigen grünen Holzes am dürren Baum der Menschheit. Das hat er gethan und nur Er, der heilige, dreieinige Gott. Jetzt heißt es: „wen da dürstet, der komme zu Mir und trinke“, - und diese Quelle hat Gott eröffnet in Christo, seinem Sohne. Jetzt strömen die Lebenswasser in Wort und Schrift und mit steter Beweisung des Geistes und der Kraft weithin über die Erde, und diese Quelle hat Gott eröffnet durch Jesum Christum. Wo heutzutage eine Seele wahrhaft getränkt wird, daß sie ewiglich nicht mehr dürstet, d. h. wahrhaft geheilt, da ist Gott der Herr der Arzt gewesen durch Jesum Christum, durch sein Wort und seinen Geist.

Er sendet ja freilich durch menschliche Werkzeuge, wie hier durch Mose, das Heilmittel; aber das eigentlich Heilende, die Heilkraft, ist immer Er, sein Wort, sein Geist, seine Gnade, sein Friede. Jetzt kann Gott unter Hinweis auf all das noch ganz anders, d. h. mit noch unendlich größerem Recht als dort in der Wüste zu Mara, vor die Menschen treten und sagen: „Ich, Ich allein bin euer Arzt“, und die Jahrtausende der Heilsgeschichte sagen Ja und Amen dazu!

Haben wir das gelernt und uns gemerkt? - Ärzte haben's nicht gern, wenn man neben ihnen noch heimlich Andere zu Rathe zieht. Der göttliche Arzt hat's auch nicht gerne. - Und doch so viel Hinken auf beiden Seiten? So viel irdische Stützen neben Gott, die den Gebrauch der Einen wahren Stütze wo nicht ganz verhindern, doch sehr erschweren? - Dann wundere dich nicht, wenn noch so viel Krankheit überall, auch in dir! - mein deutsches Volk, du suchst Heil bei so Vielen, die Gott nicht als Ärzte für deine tiefsten Schäden gesandt, daß ich's hineinrufen könnte in alle deine Gauen: Einer ist dein Arzt! Der steht hoch über allem Parteigezänke, und spricht heute noch auch im Blick auf deine Wunden alle: „Ich bin dein Arzt“! Erkenne Ihn endlich als ausschließlichen Helfer und Heiland, flieh mit all deinem Leid und all deinem Groll in seine Wunden, in seinen Frieden, - und Mir ist geholfen!

2. Bin

Aber der Wahrheits- und Trostquellen im Evangelium von Mara sind noch viele andere. Wir haben schon eine neue angedeutet: Die ewige Fortdauer dieser göttlichen Hülfe. „Ich bin“, sagt der Herr, „dein Arzt“, bin es allezeit und bleibe es für immer. - Der menschliche Arzt kommt eine Zeitlang, und dann macht Tod oder Genesung seinen Besuchen ein Ende. Die Krankheit des Menschengeschlechts währt seit Jahrtausenden, und wird währen bis zur Neuschaffung aller Dinge; sie erfordert darum eine ewig dauernde Hülfe. Alles wechselt, nur die Sünde hat ein gar zähes Leben, und erbt sich fort von Geschlecht zu Geschlecht. Daher ist auch dieses - „bin“ noch nicht vergangen. Zeitlos über aller Zeit, über allem Wechsel thront der, der es aussprach, vor dem es keine Vergangenheit und Zukunft gibt, der Alles in ewiger Gegenwart anschaut, der Herr, der da war, und der da ist, und der da kommt, der darum auch immer noch sagen kann: „Ich bin der Herr, dein Arzt“. Wie Er es von Anfang an war, so ist und bleibt Er es.

Er ist es auch bei Israel geblieben. Warum anders sagt Er nicht: Siehe, ich war dein Arzt, ich war es soeben? Warum „bin“?

Weil Er andeuten will, daß Er gesonnen ist, es zu bleiben. Und das bekräftigt unser Text noch ganz besonders: Daselbst stellete er ihnen ein Gesetz und ein Recht, und versuchte sie und sprach: „Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes, gehorchen, und thun was recht ist vor ihm, so will sich der Krankheiten keine auf dich legen, die Ich auf Ägypten gelegt habe, denn ich bin der Herr, dein Arzt.“ - Also das sollte ein Gesetz und ein Recht für immer bleiben, einerseits die Führung zu bittern Wasser, das die Natur nicht trinken mag; andererseits aber auch die Versüßung und Gesundmachung dieses Wassers, die Erlösung. Das soll Gesetz sein für das Israel aller Zeiten, für die der Stimme Gottes gehorchenden Gotteskinder aller Zeiten, daß sie in aller Noth stets auf die göttliche Hülfe sollen rechnen können!

Wie oft hat sich dies Gesetz als fest und gültig bewiesen im Leben Israels! Mara war erst der Anfang der Wüste, nicht das Ende. Und wie ist Gott der Arzt Israels geblieben auf dem ganzen Zuge. Das Angesicht Gottes begleitete sie ja in einer Wolken- und Feuersäule als ein sichtbares Pfand seiner Gnadengegenwart! Wie tröstlich in aller Noth zu sehen: Dort vorne, am langen, langen Zuge ist das Pfand unsrer Hülfe, der Engel des Herrn!

Hohe Herrschaften nehmen auf Reisen ihren Leibarzt mit. Israel hatte seinen Leibs und Seelenarzt bei sich. Es ward geführt und begleitet von dem, der ihm gesagt hatte: Ich bin und bleibe der Herr, dein Arzt! Und wo es zu Ihm schrie auch in seiner ganzen spätern Geschichte, wo es - auch nach langer Untreue sich in schwerer Noth und Drangsal wieder zu Ihm kehrte, und dem Herrn seinem Gott wieder gehorsam wurde, da ward es immer wieder auf's Neue wahr: Ich bin dein Arzt.„ Auch nach den schwersten Versündigungen durfte es immer wieder kommen und seine Augen bußfertig aufheben zu den Bergen, von denen ihm Hülfe kam.

Ist's anders geworden? Dieses Haus, diese Stunde, dieses Wort Gottes, das, Gott sei Dank! uns heute noch leuchtet als Wolken- und Feuersäule beim Zug durch die Wüste des Lebens, das gibt Beweis und Zeugnis von der ewigen, gnädigen Fortdauer dieses „bin“. Die Kraft jenes Kreuzes auf Golgatha wirkt fort und wird fortwirken, bis sie einst in den Lebensbäumen des Paradieses sich offenbaren wird in ihrer ganzen Fülle und Herrlichkeit. Wo wäre denn Einer je abgewiesen und nicht geheilt worden, der sich im Lauf der Seiten demüthig an diesen Herrn um Hülfe wandte? Wer will die Herzen zählen, die er gestillt, die Thränen, die Er getrocknet, die Gewissen, die Er entlastet und aufgerichtet, die Fälle von Seelen-Hunger und Herzens-Durst, die Er befriedigt hat?

Ach ja, es gilt noch, es ist noch so. Das Evangelium von Mara klingt fort, klar verdeutlicht, gnädig erweitert, mächtig verstärkt, gewaltig vertieft, bleibend verwirklicht durch das Evangelium von Golgatha. Darum, liebe Seele, er ist, ist immer noch trotz aller deiner Untreue dein Arzt und Heiland. Er bleibt es so lange über der Welt, als Er noch predigen läßt in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden unter allen Völkern (Luk. 24, 47). Seine Kraft hat noch nicht aufgehört, Sein Arm ist noch nicht kürzer geworden zu helfen, nein, sein Reich wächst, und mit ihm die Mittel der Hülfe.

Und merke wohl, ob du es anerkennst oder nicht, Er hat uns sichtbar auch dein Leben Schritt für Schritt mit seiner Hülfe begleitet, wie dort Israel; Er ist auch dir immer nahe gewesen, auch du hattest die Hülfe immer dir zur Seite. Und du darfst auch heute noch kommen. Ja, du Gekommener, du darfst immer wieder kommen. So lauf doch nach jeder Sünde, jedem Fehltritt gleich wieder zu Ihm und sprich: Da, heil mich wieder, denn Du bist noch mein Arzt und Du allein! O versäume deine Gnadenzeit nicht. Sie währt wohl oft lang, aber sie hat für jeden eine Grenze. Du könntest einst an verschlossener Thüre umsonst um Hülfe pochen. Nur bei denen, die Seiner Stimme gehorchen, währt sie in Ewigkeit; da erweist sie sich auch in der letzten Noth, im Tod, und fest sich fort in der himmlischen Gottesstadt, wo der große Helfer und Arzt Jesus seine Schafe leitet zu den lebendigen Wasserbrunnen, wo die Blätter vom Holz des Lebens dienen sollen zur Gesundheit der Nationen (Offb. 7, 17; 22, 2).

3. Dein

Oder hält dich der Zweifel ab, ob dieser Arzt auch deiner Krankheit gewachsen? Seele, so öffne ich dir eine neue Trostquelle im Evangelium von Mara. Die fließen ja schon reichlich in dem Wörtlein: Ich und bin, aber noch reichlicher in dem folgenden „Dein“, „Ich bin der Herr dein Arzt!“ Dies Wörtlein ist eben so tröstlich in seiner Allgemeinheit als in seiner Besonderheit.

In seiner Allgemeinheit. Denn wem gilt es? Doch gewiß allgemein dem ganzen Israel alten und neuen Testaments, also Allen, die der Stimme des Herrn ihres Gottes gehorchen wollen.

Da frage ich denn: An was leidest du, woran Israel nicht auch gelitten hätte? an Wankelmuth? Wer ist wankelmüthiger gewesen als Israel? An Leichtsinn und Weltlust und Fleischesdienst? Wer hat schnöder um das goldene Kalb getanzt, sich gieriger auf das Fleisch der Wachteln gestürzt, wer ist in alter und neuer Zeit tiefer in die Bande des Geizes und Mammonsdienstes verstrickt gewesen, als Israel? Oder an Hochmuth und Selbstgerechtigkeit?

Wo hat diese bittere Wurzel häßlichere Blüthen und Früchte getrieben als im Schoße Israels? - Sieh die Pharisäer von einst und die satten, bildungsstolzen, kulturseligen Juden von heute! - Ober an Undankbarkeit und Unglauben? Wer ist schneller vom Herrn abgefallen, wer hat sich trauriger verblendet und verstockt, als das Licht der Welt ihm mit sanftem, mildem Glanze leibhaftig in die Augen leuchtete, wo ist der frevelnde Undank der Menschen gegen Gott schauerlicher zu Tage getreten als in Israel, da es das Lamm Gottes nach Golgatha führte? Und zu diesem Volk, dessen Herzenstücke der Allwissende wohl kannte, zu diesem ward gesagt: Ich bin dein Arzt!

Siehst du wohl, wie viel Heilsmacht, wie viel Treue und Gnade, wie viel Langmuth und Weisheit der Herr aus dem Schoß seiner erbarmenden Liebe nehmen mußte, um so allgemein zu diesem Volk für alle Zukunft sagen zu können: Ich bin dein Arzt, und wie viel Liebe und Treue, wie viel Gnade und Erbarmen, Macht und Weisheit auch für dich in diesem Wörtlein beschlossen liegt? Heiße deine Krankheit, wie sie wolle, seiest du noch so tief verstrickt in eigene und fremde Sünden, in Haus- und Familiensünden, in Handwerks- und Geschäftssünden, in Volks- und Nationalsünden, heute läßt dir der Herr sagen: „Ich bin dein Arzt,“ darum so sei du mein Patient, übergib dich mir in Pflege! Du an Weltlust und Mammonsdienst schwer Erkrankter, du an die Fleischeslust wie mit ehernen Ketten Gebundener, und du am Schwersten zu Heilender, Selbstgerechter, Hoffärtiger, auf äußere Ehrbarkeit und christlich, kirchliche Sitte, auf eigene Leistungen in Wissenschaft und Kunst oder in Werken der Nächstenliebe Pochender, und auch du nach kurzem Anlauf allemal Stehenbleibender, Rückfälliger, Treuloser, ob der Herr auch bei dir sagen muß: „dein Schaden ist verzweifelt böse,“ „von der Fußsohle an bis auf's Haupt ist nichts Gesundes an dir,“ (Jer. 30,12; Jes. 1,6) dennoch gilt auch dir, „Ich bin dein Arzt“, Ich will und kann dich heilen! Sieh gerade solchen Sündern, wie du einer bist, ist der Herr auf Erden so viel nachgelaufen, um ihnen Hülfe zu bringen!

O selige Weite, süße Allgemeinheit dieses „Dein,“ - wer zu Ihm kommt, den will er nicht hinausstoßen!

Aber ebenso tröstlich ist auch die Besonderheit, die darin liegt.

Nicht jeder Arzt ist für jede Krankheit. Oft muß ein Kranker hören von einem menschlichen Arzt: „Ich bin bei diesem Falle nicht dein Arzt, geh' zu dem und dem, der versteht sich besser auf deinen besondern Fall, der hat deine Krankheit zu seinem besondern Studium gemacht.“ Und wenn dann dieser Andere sagen kann: Ja, ich bin Dein Arzt, ich verstehe mich auf deine Krankheit ganz besonders, - wie tröstlich!

Auch dieser Trost liegt im Evangelium von Mara. „Ich bin dein Arzt.“ Das will jedem Kranken ganz besonders sagen: dein, gerade dein Arzt ist der Herr! Und wenn Er sonst Niemand heilen könnte, auf deine Krankheit versteht er sich vollkommen.

So ähnlich die Sünde, so einheitlich ihre tiefste Wurzel, so äußert sie sich doch in jedem Menschen wieder auf ganz besondere und eigenthümliche Weise. Daher hat der Sünder ein gewisses Recht, zu fragen: Kann denn der Herr auch gerade mir helfen? Wenn Er andern geholfen hat, folgt denn daraus, daß Er auch mir helfen könne? - Darauf antwortet das „dein“: Ja, ich bin dein Arzt; komm nur zu Mir; dich habe ich wie ein treu besorgter Hausarzt beobachtet von Jugend auf; Ich kenne wie seiner deine besondere Art und Unart; du pochst an die rechte Thüre: Ich werde dich nicht fortschicken, es nicht machen wie manchmal Miethlinge unter den Ärzten, die, wenn's zum Tode geht, den Patienten fortsenden und einem Andern übergeben; denn die Behandlung deiner Krankheit, das ist eben mein Fach, und an dir kann und will ich auf's Neue meinen Namen „Heiland“ verdienen!

Gewiß, der Herr war der rechte Arzt gerade für die Krankheit Israels. Diese Weisheit, diese Langmuth und Freundlichkeit, diese Schärfe und Zucht, diese Treue und Barmherzigkeit Gottes, wie sie die ganze Geschichte Israels zeigt, die beweisen klar, daß Er sich auf Israels Krankheit vollkommen verstand.

Und so bei Allen. Er weiß jeden auf seine besondere, gerade ihm zuträgliche Weise zu behandeln, bald mit sanfteren, bald mit schärferen Mitteln, je nach Umständen. Hier sucht Er ein Herz zu schmelzen durch unverdiente Güte und Liebe, dort ein schlummerndes Gewissen zu wecken durch erschütternde Mahnung, hier den Trotz eines Herzens zu brechen durch schwere Heimsuchung und dort, gleich dem barmherzigen Samariter, ein lindernd Oel zu gießen in die Wunden eines zerschlagenen Gemüthes. Wie die Krankheit nach Wurzel und Umfang, so erkennt er auch die Zeichen der innern Krisis, der Buße und Bekehrung, und jeden Fortschritt in der Genesung auf's Schärfste, um die Heilmittel genau darnach zu bemessen. Und weil Er überdies als der Herr über Alles auch die Umstände, die auf unser Leben wirken, in seiner Gewalt hat, so ordnet und Lenkt Er sie so, wie es jedem, der sich Ihm übergeben, gut ist und mitwirken kann zu seiner Heilung. Daher die Mannigfaltigkeit unserer Lebensführungen.

Gerade darin zeigt Er sich als Meister im Helfen und Heilen, daß Er bei allem Weltregiment im Großen doch auf jeden Einzelnen, der sich Ihm in Pflege und Kur gibt, noch besondere Sorgfalt verwendet und als sein Arzt mit besond'rer Treue und Geschicklichkeit seine Heilung leitet. - O Seele, der dich kennt, wie Keiner, der dich liebt wie Keiner, der zerschlagen und verwunden, aber auch heilen und trösten kann wie Keiner, das ist der rechte Mann für dich, dein Arzt! Und ist deine Lebensgeschichte, wie die Israels, um der anklebenden Sünde willen eine lange Krankheitsgeschichte gewesen, so soll sie auch, wenn du ihn als deinen Arzt angenommen, eine stete Heilungsgeschichte werden, von der du, wie alle andern Genesenen, einst wirst rühmen müssen: Mich hat er mit besonderer Treue behandelt, in meinem Leben hat er ein Meisterstück ärztlicher Weisheit an das andere gereiht, ich hab ihm durch unzählige Untreue seinen Heilandsberuf erschwert aber er ist mein Arzt geblieben und hat mich nicht gelassen, bis ich aller Gefahr entnommen und ganz heil war!

4. Arzt

Denn - damit ich vollends alle Schleusen der Trostquellen des Evangeliums von Mara öffne, Er verbürgt dir ja mit dem letzten Wörtlein die Heilung, wenn er sagt: „Ich bin der Herr dein Arzt.“ Wird's dir als Sünder vielleicht bange bei dem Gedanken, ob du dem Herrn so nahe kommen darfst, daß er dich in seine tägliche Pflege nimmt, so höre vor Allem: Er kommt nicht als Richter, sondern als Arzt. Ein Arzt kommt auch, wo muthwillige Fehler die Krankheit verursachten, nicht um zu tadeln, zu züchtigen, sondern zu heilen! So macht's auch Gott der Herr, wie wir am verlorenen Sohne sehen. Und so auch Christus unser Heiland. Wer sich Ihn immer nur als König und Richter vorstellt, dem sagt er heute: „Mein Kind, Ich bin zunächst Arzt; Ich muß den großen Weltschaden heilen, und darum laufe ich den kranken Schäflein nach, nicht um sie durch Schläge noch kränker zu machen, sondern um sie aus der Irre zurückzuführen, ihre Wunden zu verbinden und sie auf meinen Schultern heimzutragen.“ O sag's deinem erschrockenen Herzen so lange vor, bis du es glauben kannst: Mein Herr und Gott ist ein Arzt, Er will mich nicht verderben, sondern heilen! Seht denn hier zum Schluß noch die fest verbürgte, aber auch Vertrauen fordernde Wahrheit des Wörtleins: Arzt.

Sie ist fest verbürgt, weil er der Herr ist, der Treue, der nicht lügt, weil er dies zum „Gesetz und Recht“ auch für die Zukunft gemacht hat, daß Israel in aller Noth ihn um Hülfe angehen und sie von Ihm erwarten darf, und weil Er dies auch thatsächlich an seinem Volk fortan bewiesen hat, so oft es Ihn anrief. Und diese Wahrheit ist noch fester verbürgt in Christo Jesu, im Jesus- d. i. im Heilandsnamen. In Jesu tritt der Herr heute vor dich, o Christ, und spricht: „Ich bin dein Arzt.“

Und der erste große Trost, den Er dir damit gibt, ist die darin liegende Botschaft: Hülfe ist möglich. Ob Alle an dir verzweifelten, Ich halte dich nicht für unheilbar, Ich kann noch dein Arzt und Helfer werden. Siehst du wohl, was er damit thut? sagt er: „Ich bin dein Arzt“, so verpfändet Er in alle dem sein Wort, seine Ehre, seinen Heilandsnamen, gleichsam seinen ganzen ärztlichen Ruf, daß er auch an dir sich als heilenden Arzt beweisen werde. Du siehst bange auf die Tiefe und Gefährlichkeit deiner Krankheit, aber höre: gefährliche Kranke sind gerade den Meistern unter den Ärzten manchmal lieb. An ihnen können sie ihre Kunst in vollem Glanze sehen lassen. So sage Ich getrost: Zugegeben, daß du der Kränksten Einer unter den Kranken bist und den Tod schon in allen Gliedern hast, so bist du gerade der rechte Mann für diesen Arzt, so wünscht gerade dich der Herr bei sich zu haben, um sich an dir als Meister im Heilen zu bewähren, und darum spricht Er zu dir: „Ich bin dein Arzt!“ „Wenn deine Sünde gleich blutroth ist, so soll sie doch schneeweiß werden“ (Jes. 1,18). Wo die Sünde mächtig geworden, da kann und soll die Gnade doch noch mächtiger werden! (Röm. 5,20.) Ich heile auch dich, wie Mose das Wasser von Mara durch ein Holz, durch mein Kreuz, da erkenne deine Krankheit, da dürste nach Gnade, da ergreife deinen Versöhner, so wirst du heil durch meine Wunden!

Und damit fügt sich zu jenem ersten Trost, daß Heilung möglich, gleich der zweite: das Heilmittel für dich ist schon bereit, die Erlösung ist längst vollbracht. Und dadurch wird die Wahrheit des Wörtleins „Arzt“ und jenes göttlichen, zum Gesetz und Recht für immer aufgestellten Zeugnisses so fest verbürgt, daß jeder Zweifel daran ein schweres Unrecht wird. Menschliche Arzneien müssen erst bereitet werden; die des Herrn ist fertig und wird auch dir angeboten vom Apostel: Gott war in Christo, und versöhnte die Welt mit Ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung; so bitten wir nun an Christi statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! denn Er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in Ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ (2. Kor. 5,19-21). Dies theure Wort von Gottes Gnade in Christo hat schon Tausenden geholfen, die an derselben Krankheit litten wie du, hat unzählige beladene, wunde Gewissen entlastet, geheilt, für immer gestillt, warum nicht auch deines? Das aufgerichtete Kreuz Christi ist der verkörperte Wille Gottes, daß allen Menschen geholfen werde (1. Tim. 2,4), und du solltest ausgeschlossen sein? Die Erlösten aller Zeiten bezeugen es droben vor dem Thron Gottes, daß sie geheilt und gereinigt wurden im Blut des Gekreuzigten und preisen darum das Lamm, das erwürget ist (Offb. 5,9-12; 7,14), und dir sollten Gott und Mensch, Himmel und Erde, Geschichte und Erfahrung es nicht fest genug verbürgen können, daß er in Wahrheit der Arzt, der Helfer und Heiland auch für dich?

Eines freilich muß Er hierbei, so gut und noch mehr fordern als alle menschlichen Ärzte: Vertrauen und Gehorsam. Und dies muß sich gleich darin zeigen, daß du ihm deinen Schaden aufdeckst. Ein Arzt beginnt damit, daß er sich sagen läßt, wo es Einem fehlt. Und da muß der Kranke nicht bloß seine Schmerzen und Wunden aufdecken, sondern oft auch seine Fehler gestehen. Der göttliche Arzt fängt nicht anders an. Wohl kennt Er Krankheit und Ursache derselben zum Voraus und besser als wir selbst. Aber Er muß die Aufrichtigkeit unsrer Selbst- und Sündenerkenntnis, den Ernst unsres Heilsverlangens daran prüfen, daß wir es über uns gewinnen, Ihm unser Elend und all unsre Schuld ohne Rückhalt und bußfertig aufzudecken. Schon dazu ist Vertrauen zu Ihm nöthig.

Aber sollte das uns so schwer fallen? Es weckt doch sonst Vertrauen, wenn ein Arzt treu und aufopfernd seinem Beruf sich hingibt. Nun, dein göttlicher Arzt lebt auch nach seiner Erhöhung von der Erde seinem Heilandsberuf so völlig, daß Alles, was Er sinnt und thut, auf das Heil der Welt gerichtet ist, daß in seiner Hand Alles, was er den Seinen sendet, ein Heilmittel wird. Es weckt doch sonst Vertrauen, wenn einem Arzt eine reiche Erfahrung zu Gebot steht. Nun, diesem Herrn, wenn wir so menschlich von Ihm sprechen sollen, steht eine mehr als tausendjährige Erfahrung zur Seite. Aber andere Ärzte haben oft viel Mühe, auch nur den Sitz und die Ursache der Krankheit zu ermitteln, sie können sich täuschen oder doch in den Mitteln fehlgreifen, daß Manche, wie jenes blutflüssige Weib, oft umsonst viel erleiden von vielen Ärzten (Marc. 5,26). Vor dem Auge des Herzenskündigers steht Alles aufgedeckt. Ihm ist in seiner langen Praxis noch keine einzige Kur fehlgeschlagen, wenn anders der Kranke nicht muthwillig sich Ihm wieder entzog! Ich frage: kann ein solcher Arzt nicht Vertrauen fordern?

Noch mehr. Was wäre einem Arzt oft lieber, als wenn er Herr über Leben und Tod seiner Kranken wäre? Da würde ihm Alles zulaufen. Der Arzt von Mara kann sprechen: „Ich bin der Herr, dein Arzt.“ Er ist auch der Herr über Leben und Tod. Sein Aufsehen bewahret deinen Odem (Hiob 10,12). Und auch der, dem Er alle Macht übergeben, dein Heiland, kann sagen: Ich bin der Herr auch über dein Leben, Ich habe die Schlüssel der Hölle und des Todes (Offb. 1,18). Und Er sollte nicht Vertrauen fordern können? Oder zweifelst du gar an seinem aufrichtigen Willen, dir zu helfen? O Seele, wenn ein Arzt sich um seinen Kranken so sehr bemühte, daß er schließlich, um ihn zu retten, mit seinem eigenen Leben ihm beispränge, verdiente der solchen Zweifel?

Vor einiger Zeit ließ sich ein junger englischer Arzt in einem Krankenhaus in Manchester 25 Unzen seines Blutes mit eigener Gefahr, entziehen, damit sie einem im Sterben liegenden armen Manne beigebracht würden, dessen Leben dadurch auch wirklich gerettet wurde. Das heiße ich eine selbstverleugnende Bemühung um den Franken. Da war an dem aufrichtigen Willen, dem Armen zu helfen, gewiß nicht zu zweifeln. Und hat das nicht in noch ganz anderer Weise, nicht bloß mit eigener Lebensgefahr, sondern mit völliger Dahingabe seines Lebens dein Herr und Heiland für dich gethan, der den Fluch deiner Krankheit auf sich selbst überleitete, nur um dich zu befreien und dein Leben zu erhalten? Fürwahr, Er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen, die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet„ (Jes. 53,4-5). hm war an deiner Heilung so viel gelegen, daß er auch um deinetwillen sich in den Tod opferte!

Und endlich, wenn bei einem menschlichen Arzte gilt: Je länger der Dienst, je größer die Rechnung, und mancher Kranke mit einiger Besorgnis der letzteren entgegensieht, wie wenig brauchst du wegen der Kurkosten bei deinem göttlichen Arzt zu erschrecken, der so freundlich einlädt: „Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommet her zum Wasser, und die ihr nicht Geld habt, - kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides, Wein und Milch“! (Jes. 55,1.) Ich frage wieder: Verdient Er bei solcher Macht und solcher Gesinnung dein Vertrauen oder nicht? O warum läuft Ihm denn nicht alle Welt nach?

Warum? Weil etwas an seiner Heilmethode ihr nicht gefällt, der Gehorsam, den Er fordert. Das Vertrauen auf einen Arzt erprobt sich am Gehorsam gegen seine Weisungen, und eben der wird manchem Kranken nicht ganz leicht, wenn ihm der Arzt allerlei Gewohntes verbietet und dafür allerlei bittere Arznei verordnet. Auch der Arzt von Mara läßt Einen erst bitteres Wasser trinken, und dann erst süßes. Erst muß er die Giftbeulen aufschneiden, die Wunden bloßlegen und fühlen lassen, dann erst kann Er verbinden und heilen. Denn „Er verletzet und verbindet; Er zerschmeißt und seine Hand heilet“ (Hiob 5, 18). Erst die bittere Erkenntnis der Sünde - „thut Buße“, dann die selige Erfahrung der Gnade. Erst abwärts und einwärts, dann aufwärts. Schon dieser Anfang des Heilsweges ist dem natürlichen Sinn gar sehr zuwider. Da gilt es vertrauen und folgen, ohne sich lang mit Fleisch und Blut zu besprechen.

Und wenn dem Genesenden gesagt wird, fortan das zu meiden, was einen Rückfall in die alte Krankheit zur Folge hätte, auf dem schmalen Wege in einem neuen Leben zu wandeln, das Fleisch zu kreuzigen und die Welt zu verleugnen, da gilt es beharren im Gehorsam und Vertrauen, daß, der das gute Werk angefangen, es auch vollführen und uns nicht lassen werde, bis wir ganz ausgeheilt. Darum sagt dort der Arzt von Mara seinem Volke: „Wirst du der Stimme des Herrn deines Gottes gehorchen, und thun was recht ist vor Ihm; und zu Ohren fassen seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will Ich der Krankheiten keine auf dich legen, die ich auf Ägypten gelegt habe.“ O was hätte sich Israel an Strafen und Heimsuchungen ersparen können bis auf diese Stunde, wenn es dieser Vorschrift seines Arztes treu geblieben wäre, die da lautet: Gehorsam und Wandel in Gottes Wegen!

Auch heute noch ist damit alles gesagt für jeden, der sich diesem Arzt übergibt, nur daß wir jetzt klar sehen: Der Weg, der zu wandeln, ist Christus und sein Vorbild; die Kraft zum Wandeln ist Christus und sein Geist; das Ziel des Weges ist Christus und sein vollendetes Reich. Und darum faßt sich für uns alle Gehorsamsforderung in die Eine zusammen: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig“ (Apg. 16,31).

Liebe Seele, willst du ganz ausgeheilt werden, bleibe in seiner Behandlung, in seiner Gemeinschaft bis an's Ende, und lerne Ihm immer kindlicher folgen. Ob auch anfangs schwer, wird der Wandel in seinem Gehorsam dir je länger je leichter, je seliger werden, bis du rühmen kannst: „Seine Gebote sind nicht schwer“ (1. Joh. 5,3). Die Liebe macht sie leicht und selbstverständlich. Und ob Er dich zu Zeiten wunderbar führt und du die Nützlichkeit seiner Heilmittel nicht immer gleich verstehst, - lauf nicht weg zu andern Ärzten. Wenn du vieles in deinem innern und äußern Leben nicht begreifst, frage dich: Ist Er nicht vielleicht jetzt wieder am Heilen? Will Er mir nicht durch dies und jenes manche Untugenden aufdecken und abgewöhnen? O, dein ganzes Leben wird dir erst klar im Licht des Evangeliums von Mara, wenn du es glauben gelernt hast: Der Herr ist mein Arzt und will durch Alles, was er sendet, mich ausheilen! So laß ruhig und demüthig Ihn allezeit über dir walten, und fall Ihm nicht hindernd in die Hand, wenn er einmal zum Messer greift, um dich zu reinigen, daß du mehr Frucht bringest! (Joh. 15,2.)

Nimm aber auch in seiner Pflege nicht zugleich die Welt noch heimlich als Nebenarzt hinzu, woran uns schon oben die Ausschließlichkeit des „Ich“ erinnerte. Viele Ärzte zusammen sind leicht des Kranken Tod. Zwei Herren dienen wollen ist der Beweis der Untüchtigkeit des Knechts. Ist nicht vielleicht deshalb noch immer so viel Krankes in dir, weil der Herr noch nicht ausschließlich dein Arzt ist? O schenk ihm doch nicht bloß einiges, sondern alles Vertrauen, und bleib dem ausschließlich ergeben, der allein mit Fug und Recht dir die Heilung verbürgt, wenn er sagt: „Ich bin der Herr, dein Arzt!“

Als das Wasser in Mara süß geworden, da ging wohl durch's ganze Lager der Ruf: Nun, wen da dürstet, der komme und trinke getrost! Und Mensch und Vieh kam und labte sich fröhlich und dankbar. So möge auch jetzt das Evangelium von Mara austönen in den Ruf, in die herzliche Einladung: „Wen da dürstet, der komme zu Ihm und trinke; Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle!“ (Joh. 7,37; Ps. 65,10.) Meines Herrn Arznei schmeckt wohl anfangs bitter, dann aber immer süßer. Wer sich krank fühlt, der wisse: Hier ist ein Arzt. Ich stelle Ihn vor euch, daß Er selbst euch predige wie dort in seiner Heimath: „Der Geist des Herrn ist bei Mir; Er hat mich gesandt zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu heilen die zerstoßenen Herzen, zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen!“ (Luk. 4,18.) Wer Ohren hat zu hören, der höre! Und wer gekommen ist und sich Leben und Gesundheit getrunken hat an diesem Born, der spreche: „Lobe den Herrn, meine Seele, der da heilet alle deine Gebrechen!“ (Ps. 103,2-3.) Amen.