Als Dr. Luther sein Zeitalter aus dem Schlummer der Werkheiligkeit aufrüttelte, dass es erwachen sollte zum alleinseligmachenden Glauben, der da erlangt, was das Gesetz verlangt, ließ ihn die Geschichte seines eigenen Geistes und seine reformatorische Erfahrung die Worte aussprechen: „Die Vernunft kann nicht des Glaubens Gerechtigkeit begreifen, sondern je hoher und kluger sie ist, je mehr sie an Werken hängt und sich darauf gründen will. Das hängt so feste an, dass auch Die, so den Glauben haben und die Gnade oder Vergebung der Sünde erkennen, mit aller Mühe und Arbeit sich kaum heraus wirken können. Kurz, es ist gar über Menschen Sinn und Verstand, Kunst und Vermögen, dass man sich über die irdische Gerechtigkeit erhebe und heraustrete in diesen Artikel, und ob man wohl Viel davon häret und zu sagen weiß, so bleibt gleichwohl immer der alte Wahn, so seine eigene Werke vor Gott will bringen und zum Grunde der Seligkeit setzt. Solches widerfährt, sage ich, denen, die Christen sind und dagegen fechten; die anderen Klüglinge und unversuchte Geister sind gar darin ersoffen.“ (Luther zu 1 Kor. 15.). Seht: mehr als irgendwann finden diese Worte ihre Bestätigung. Das christliche Volk gibt sich so wenig Mühe, den obersten Grundsatz der protestantischen Kirche, die Seligkeit aus dem Glauben, zu begreifen, dass es kaum noch um dessen Dasein weiß. Nimmt man doch selbst in evangelischen Schulen eine historische Untreue zu Hilfe, um jenen Grundsatz zu verschleiern, indem man die guten Werke des katholischen Lehrbegriffs als leere Kirchengebrauche ausschreit und ihnen wiederum gute Werke als beseligend entgegenstellt. Damit versündigt man sich gegen die katholische und evangelische Kirche zugleich; gegen die katholische, weil jene Äußerlichkeiten nur die Auswüchse ihrer Lehre von der Beseligung guter Werke sind; gegen die evangelische, weil sie das gute Werk an sich durchaus nicht als beseligend ansieht, sondern an den Glauben - welcher der Werke Meister ist die Bedingung der Seligkeit knüpft. Das Alles hat seinen Grund in der Wahrheit des mitgeteilten Lutherschen Ausspruches. Aber Gottes Wort steht dennoch fest, und es ist nicht immer Wahn, was der erste Blick des Menschen nicht erkennt. Moge diese kleine Schrift Etwas zur Vermittlung der rechten, biblischen Ansicht beitragen!
Die angehängten, einzelnen Stimmen der Kirchenväter sollen nur zur Erläuterung, nicht zum Beweise, dienen; denn außerdem, dass wir allein stehen wollen auf dem Grunde der Heiligen Schrift, würde eine zusammenhangende Betrachtung, die doch zur Beweiskraft nötig wäre, uns dartun; dass schon die Lehre der heiligen Väter von einzelnen Entstellungen nicht frei war, mithin für unsern praktischen Zweck undienlich sein. Zuletzt wünschen wir, dass nicht eine schwächliche Furcht vor Pietismus und Mystizismus - Namen, mit denen unsere Zeit so freigebig ist - die Wirksamkeit dieser Blätter hemmen möge. Wurzeln wir im biblischen Boden, so scheuen wir jene Namen nicht; denn es tut nicht weh, mit Johannes und Paulus gleich benannt zu werden.
Braunschweig, den 1. März 1842.
Ein Nachbild des Erlösers sehen wir den heiligen Stephan vor dem jüdischen Rate stehen, angeklagt, Lästerworte geredet zu haben wider Mosen und wider Gott. Wohl sahen sein Angesicht Alle, die im Rate saßen, wie eines Engels Angesicht; aber wie er des Heiligen Geistes voll wird und gen Himmel blickt; wie er die Herrlichkeit Gottes sieht und Jesum stehen zur Rechten Gottes und spricht: „siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen“; da schreien sie laut und halten ihre Ohren zu, stürmen einmütig gegen ihn ein, stoßen ihn zur Stadt hinaus und steinigen ihn. Er aber, der irdischen Welt enthoben, weilt in dem Lande der ewigen Ruhe und spricht: Herr Jesu, nimm meinen Geist auf. Drauf kniet er nieder, und mit den Worten: Herr behalte ihnen die Sünde nicht! entschläft er, wie man entschläft in den Armen der Liebe. Als sie diesen Mann gesteinigt haben, hat ein Jungling, Namens Saulus, ihnen die Kleider bewahrt, und als der Blutzeuge erblich, hat er ein Wohlgefallen daran gehabt. Eben derselbe zerstörte die Gemeine, ging hin und her in die Häuser, zog hervor Männer und Weiber und überantwortete sie ins Gefängnis. Und fort und fort schnob er mit Drohen und Morden wider die Junger des Herrn. Aber die Klarheit des Herrn durchleuchtete seinen finsteren Sinn; Saulus stirbt, und der wiedergeborene Paulus wird ein auserwähltes Rüstzeug des Namens Jesu. Er hat in eigener, innerer Erfahrung im Gesetz und im Evangelium gelebt, den Gegensatz von Natur und Gnade in seinem eigenen Seelenleben empfunden. Gemäß seiner Natur musste Paulus fortfahren zu streiten wider Gott; darum musste der wiedergeborene Paulus in der Gnade Gottes den einzigen Weg des Heils erkennen. In dieser in sich selbst erlebten und an ihm selbst erprobten Wahrheit ging ihm die echte Anschauung des Christentums auf, nicht als eine willkürliche Umdeutung des Christentums, sondern als eine notwendige Erfassung desselben an demjenigen Punkte, welcher der Leuchtpunkt gewesen war, aus dem die Strahlen des Himmelreichs in seine Seele gefallen waren. Jener christlichen Anschauung voll fühlt er sich gedrungen, die natürliche Ohnmacht und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen auf der einen und die göttliche, im Glauben angeeignete, Alles wirkende, Gnade auf der andern Seite als die wesentlichsten Gedanken des Christentums geltend zu machen. Vornehmlich in seinem Schreiben an die römischen Christen, unter denen die ehemaligen Juden im Dünkel auf das mosaische Gesetz und im Wahn der Selbstgerechtigkeit die freiwirkende göttliche Gnade übersahen, bildet das Verhältnis von Natur und Gnade den eigentümlichen Lehrstoff, welcher kurz in den Worten ausgesprochen ist: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Röm. 3, 28.)1) Auf diese Wahrheit ist die christliche Kirche gegründet, ein Gnadenborn für die heilsdurstigen Seelen. Wiederum erstand ein Mann, in dessen Leben der Blitz des paulinischen Wortes so gewaltig eingeschlagen hatte, dass die große Wahrheit der apostolischen Verkündigung abermals neu und frisch aus dem zerschlagenen und geheilten Herzen hervortönte und die christliche Welt durchbrauste. Aurelius Augustinus, der wilde Sohn der himmlisch gesinnten Monica, hatte unter seinen ungestümen Leidenschaften des Christentums milde Saat, welche die fromme Mutter glaubensvoll in sein Herz gestreut, begraben, und eine unchristliche Denkweise ging neben der Richtung seines Gemütes harmonisch einher. Aber die Gnade des Herrn führt ihn hinein in den christlichen Tempel zu Mailand, und das Wort des großen Ambrosius dringt mit Schrecken und Holdseligkeit in sein ödes Gemüt. Unter dem zerschmolzenen Eise der Verstocktheit geht der, vom Heiligen Geist befruchtete, einst von lieber Hand in sein Herz gestreute, Samen auf; die Heilige Schrift, die er jetzt glaubensvoll ergreift, strömt ihren beseligenden Tau über die reifenden Keime aus, und die Blüte der Christusreligion entwickelt sich täglich schöner in dem himmelan gerichteten Busen. Er hatte, wie Paulus einst, den Gegensatz der sündigen Natur und der wiedergebärenden Gnade in sich selbst erlebt, und aus seinem inneren Leben heraus trat als der Grundgedanke seiner Lehre der mit dem Mittelpunkte der biblischen Heilslehre übereinstimmende Satz hervor, dass der, an sich zum Guten und zur Seligkeit unfähige, Mensch das Heil allein finde in den Armen der göttlichen Gnade. Und die Kirche stand fest auf diesem Glaubenssatze und war stolz auf den Namen des Augustin. Aber der Hochmut des Geistes duldete nicht lange den Verzicht auf das eigene Verdienst; die Selbstgerechtigkeit empörte sich und wollte die Seligkeit verdienen; ja aller Erlösungsbedürftigkeit zum Trotz glaubte man an die Möglichkeit, mehr tun zu können, als zur Seligkeit erfordert werde, sprach sündige Menschen heilig und kaufte ihr überschüssiges Verdienst mit Gelde an sich. Da liegen also die Quellen des schnöden Ablasses, geistloser Bußübungen, törichter Anrufung und Anbetung von seines Gleichen; da verlor die Gesinnung ihre Bedeutung, da triumphierte die Werkheiligkeit mit dem Ruhme der Seligkeit; - aber der Glaube an die göttliche Gnade lag begraben im Schachte des Eigendünkels und des Aberglaubens. Und ein Mönch saß in seiner Zelle und lag forschend über der Heiligen Schrift. Darin stand Nichts geschrieben von dem Scheinbalsam, mit welchem die Kirche die wunden Gewissen zu heilen versprach, und je mehr sein tiefes Gemüt an jener Arznei verzweifelte, von desto größerer Schwermut und Zerknirschung wurde es gequält. Fromm, wie er war, wusste er sich nicht sündenlos, und die Sünde, die er nicht sühnen mochte nach der Weise seiner Kirche, raubte ihm den Frieden der Seele. Aber je mehr er sich hineinlebte in das Wort des Herrn, desto mehr ging die Ahnung eines andern Heilsweges in seiner frommen Seele auf, und die Ahnung wurde zur Gewissheit, zum Glauben. Und dem Gläubigen tönte von jedem Blatte der Heiligen Schrift der versöhnende Ruf der göttlichen Gnade entgegen, und die Unruhe wurde zum Frieden in Gott. „Sie sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie an Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist (Röm. 3, 24.)“, diese große Wahrheit zerschlug und heilte sein Herz mit himmlischer Allgewalt, und das innerlich Erkannte fasst er in Bezug auf jene Stelle mit den Worten zusammen: „Das ist das Hauptstück und der Mittelplatz dieser Epistel und der ganzen Schrift, nämlich: dass Alles Sünde ist, was nicht, durch das Blut Christi erlöst, im Glauben gerecht wird. Darum fasse diesen Text wohl; denn hier liegt darnieder aller Werke Verdienst und Ruhm und bleibt allein Gottes die Gnade und Ehre.“ Wie Luther aber im Römerbriefe den Kern und Stern der ganzen Heiligen Schrift erkannte, Das bezeugen seine einleitenden Worte zu demselben: „Diese Epistel ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium, welche wohl würdig und wert ist, dass sie ein Christenmensch nicht allein von Wort zu Wort auswendig wisse, sondern täglich damit umgehe, als mit dem täglichen Brot der Seele. Denn sie nimmer kann zu viel und zu wohl gelesen und betrachtet werden, und je mehr sie gehandelt wird, je köstlicher sie wird und besser schmeckt.“ Als Prediger und Lehrer zu Wittenberg hat Luther den Grundgedanken des Römerbriefes in Frieden und Freude als das Hauptstück des göttlichen Wortes verkündigt und Vieler Herzen bestürmt, erquickt und geheiligt. Und als aus dem Prediger und Lehrer ein Reformator wurde, da ist jene Wahrheit zu dem Grundsteine geworden, auf den die evangelische Kirche gegründet ist. Der Mensch kann durch Werke nicht gerecht werden, sondern allein durch den Glauben“2), mit dieser Lehre hat die evangelische Kirche sich losgesagt von dem werkheiligen Katholizismus, dessen Glaube im Aberglauben untergegangen war; mit dieser Lehre ist ein neuer Übergang eingetreten vom Gesetz zum Evangelium; mit dieser Lehre hat sich das Christentum wiedergeboren aus sich selbst.
Sehen wir uns aber um in der evangelischen Kirche, so finden wir, dass die Gerechtigkeit durch den Glauben ein Ärgernis und eine Torheit ist ihren Kindern. Der Grund liegt in nichts anderem, als darin, dass sie wähnen, selig werden zu können durch ihre Werke und dass sie nicht kennen das Wesen des Glaubens. Durch des Gesetzes Werke wird Niemand gerecht; denn das Gesetz, wie es im Alten Testamente gegeben und im neuen vergeistigt und vertieft ist, hat außer Jesus Christus Niemand erfüllt. Gott sollen wir über Alles lieben und unsern Nächsten wie uns selbst. Jenes sprechen Viele nach, und doch lieben sie sich selbst mehr, als Gott; Dieses ist verdrängt durch den Grundsatz, dass ein Jeder sich selbst der Nächste sei. Die Selbstsucht ist demnach der Satan, der den Menschen reizt wider das göttliche Gesetz; sie ist die Quelle der Sünde und die Sünde selbst. In Selbstsucht vergötterst du Das, was sichtbar ist, und übertrittst das erste Gebot; in Selbstsucht heiligst du nicht den Namen Gottes und übertrittst das zweite; in Selbstsucht bist du nicht in Dem, was deines Vaters ist, und übertrittst das dritte. So ist die erste Gesetzestafel, in welche die Pflichten gegen Gott eingegraben waren, für dich so gut wie zertrümmert. In Selbstsucht beugst du dich nicht unter die Stellvertreter Gottes und übertrittst das vierte Gebot; in Selbstsucht schätzt du gering die Werke und Gaben Gottes und übertrittst das fünfte; in Selbstsucht entweihst du den Verband, der da innig und heilig sein soll, wie der Verband Christi mit seiner Gemeine, oder du greifst ihm vor, und du übertrittst das sechste; in Selbstsucht bist du ungerecht gegen das Eigentum deines Nächsten und übertrittst das siebente; in Selbstsucht verkehrst du die Wahrheit in Trug und übertrittst das achte; in Selbstsucht befleckst du dein Herz mit unreinem Gelüste und übertrittst die zwei letzten Gebote. Siehe, nun wirst dir der zornige Prophet des Alten Bundes auch die zweite Gesetzestafel vor die Füße; zertrümmert hast du die heiligen Worte von den Pflichten gegen deinen Nächsten und gegen dich selbst. In der Tat, je gewissenhafter und strenger wir in unserer Selbstprüfung sind, desto aufrichtiger werden wir in das Wort einstimmen: Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen (Röm. 3, 23.). Jakobus, der Gerechte zugenannt, schämt sich ja nicht des Geständnisses: Wir fehlen Alle mannigfaltig (Jak. 3, 2.); und Paulus, welcher sagen konnte „ich habe mehr, denn sie Alle, gearbeitet (1 Kor. 15, 10.)“ nennt sich den vornehmsten unter den Sündern (1 Tim. 1, 15.). - Aber gesetzt auch, wir begönnen, dem Gesetze zu genügen, woher nehmen wir die Sühne für die früheren Sünden? Womit wollen wir tilgen jeden früheren Neid und Hass, jeden lüsternen Gedanken, jede verübte Kränkung, jede verabsäumte Gelegenheit, fortzuschreiten in der Heiligung, zu helfen in Not und Verderben? Etwa durch Werke der Heiligkeit und Gerechtigkeit? Das hieße ja, das Gesetz überbieten wollen und dem Wahne des Katholizismus huldigen, dass man mehr tun könne, als geboten ist. Wenn wir Alles getan haben, was wir zu tun schuldig sind, so sind wir unnütze Knechte; wie könnte uns also in den Sinn kommen, noch ein Übriges tun zu wollen, womit wir die früheren Sünden sühnten? Wer nur so viel verdient, als er eben gebraucht, kann ein früher ausgeliehenes Kapital nicht abtragen; ebenso wenig können wir eine früher begangene Schuld durch eigene sittliche Kraft sühnen. Aber der sittliche Leichtsinn der Zeit kennt nicht den furchtbaren Ernst der Sünde und überhört das Todesurteil derselben, gesprochen vom Gesetz.
Wenn nun aber die begangene Sünde durch eigene sittliche Kraft nicht gesühnt werden kann; wenn sie unvertilgbar an uns haftet, und das Gesetz mit Schrecken in unsere Seele ruft: Du sollst des Todes sterben! gibt es dann keine Ruhe und keinen Trost mehr für das bebende, zerschlagene Herz? Siehe, vom Himmel herab träuft der Tau der göttlichen Gnade3), wie geschrieben steht: „Aus Gnade werdet ihr selig durch den Glauben, und dasselbige nicht aus euch; Gottes Gnade ist es; nicht aus den Werken, auf dass sich nicht Jemand rühme. (Eph. 2, 8-9.).“ Siehe, wir werden ohne Verdienst gerecht aus Gottes Gnade. (Röm. 3, 6.)4). Aber meinst Du, dass die, wenn auch unverdienten, göttlichen Gnadengeschenke uns zu Teil werden könnten ohne irgendeinen Zusammenhang unseres Geistes mit dem Geiste Gottes? Nein, innerlich aneignen müssen wir uns die Gnade Gottes; - und diese Aneignung geschieht durch den Glauben; drum spricht der Apostel Paulus: So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Röm. 3, 28.)“ Aber was ist der seligmachende Glaube? Ist er ein Fürwahrhalten der religiösen Wahrheiten? Wohl schwerlich könnte er dann selig machen; denn selbst die Teufel haben solchen Glauben und zittern (Jak. 2, 19.). Auch hatte die evangelische Kirche, wenn sie die Seligkeit aus einem Glauben dieser Art zu ihrem obersten Grundsatze gemacht, schwerlich nötig gehabt, sich zu sondern von der römischen Kirche; denn jenen Begriff vom Glauben hat auch diese. Eben daher aber, dass das christliche Volk keinen andern Begriff vom Glauben hat, als jenen falschen, kommt es zum Teil, dass es sich ärgert an der großen Wahrheit von der Seligkeit aus dem Glauben. Die Judenchristen, welche Jakobus belehrt, hatten denselben Begriff vom Glauben; nur waren sie noch nicht fähig zu der Folgerung, dass ein solcher Glaube sie nicht beseligen könne; das christliche Volk unserer Tage macht diese Folgerung und verleugnet mit dem falschen Glauben zugleich den wahren. Jene hatten einen toten Glauben ohne Werke; dieses hat tote Werke ohne den Glauben. Daher bei jenen das Dringen auf das Werk zur Beleuchtung des Glaubens, bei diesem das Dringen auf den Glauben zur Beleuchtung der Werke. Ist nun aber der Glaube kein bloßes Fürwahrhalten, und kann auch um eines solchen willen der Mensch unmöglich zu Gnaden angenommen werden, so müssen wir wohl weiter in die Tiefen des Gemütes hinabsteigen, um jene seligmachende Kraft zu finden. Der verlorene Sohn konnte nicht eher in den Armen der väterlichen Liebe erwärmen, als er sein tiefes Elend erkannt und sich im Vollbewusstsein desselben der Gnade des Vaters ganz hingegeben hatte. Einem trotzigen und verstockten Kinde verzeihet ein weiser Vater nicht; aber wenn es vor ihm steht mit zerknirschtem Herzen und ergebungsreichem Sinn, als sei es ohne ihn verloren, mit ihm aber hochbeglückt, dann schließt der Vater das gläubige Kind mit unendlicher Liebe wieder in seine Arme; denn er hatte es verloren, jetzt aber hat er's wiedergefunden. Also erbarmt sich auch der Vater im Himmel aller derer, die im Schmerz des Schuldbewusstseins nach keinem andern Balsam sich umsehen, als nach der Gnade Gottes, welche durch die Sendung, die Lehre und den Tod Jesu den Menschen offenbar geworden ist. Und wer sich also hingibt an die göttliche Gnade, der hat den Glauben. Ein Fürwahrhalten ist demnach allerdings im Glauben; aber ein solches, das unmittelbar das Gemüt erregt, nicht wie die Teufel, zum Zittern, sondern, wie die Kinder, zur Zuversicht5); aber ein bloßes Fürwahrhalten ist der Glaube nicht; nicht allein ein Licht, das den Verstand erleuchtet, sondern ein Licht, dessen Strahl das innere Leben entzündet zur Glut der Sehnsucht nach der Gnade Gottes; der Glaube ist die Hingebung unseres ganzen Selbst an den Gott der Gnade, oder, was dasselbe sagt, an Jesus Christus, den Vermittler der Gnade. Dahin deutet auch die alte Form „Geloben“6), welche mit dem Worte Glauben Eins ist; der Gläubige gelobt sich dem Vater und dem Sohne. (Vgl. Hos. 2, 20.) Hast du nicht das Gefühl deiner Ohnmacht und Erlösungsbedürftigkeit, aus welchem du, durch das Gefühl deiner Abhängigkeit von Gott hindurch, zum Gefühle der Begnadigung und Ergebung hinausdringst, so hast du auch keinen Glauben, und es ist glaublicher, dass die Heiden, welche das Gefühl ihrer Sundhaftigkeit und Erlösungsnot in den Rauchwolken des Opferaltares dem Himmel klagen, der Seligkeit teilhaftig werden, als dass du sie erlangst mit deiner Verstocktheit und Selbstgerechtigkeit. Im Glauben aber, der aus dem Gefühl der Erlösungsnot keimt, hast du Frieden, wie der Zöllner, der gerechtfertigt in sein Haus ging; denn „nun wir sind gerechtfertigt durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum (Röm. 5, 1.)“; wir haben uns Gott hingegeben und werden von ihm hingenommen; wir haben Freudigkeit und Zugang in aller Zuversicht durch den Glauben an ihn (Eph. 3, 12.), als die Kinder, die da rufen: Abba, lieber Vater (Röm. 8, 15.)“.
Es ist aber aus dem Bisherigen klar, dass die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt, zunächst nur eine von Gottes Gnade gewirkte Gerechtsprechung ist, noch nicht ein geheiligter Zustand des Wesens. Allein wenn der Glaube eine Hingebung an die göttliche, durch Christus vermittelte, Gnade ist, so muss er mit Notwendigkeit auch die Heiligung wirken. Wenn sich das Kind der väterlichen Liebe ergibt, so ergibt es sich dem Vater; darum wer sich der göttlichen Gnade hingegeben, der hat sich damit auch der ganzen Fülle des göttlichen Wesens hingegeben, in welchem sich nicht einzelne Eigenschaften sondern und erfassen lassen. Dergestalt erhebt sich der Gläubige in demselben Grade über das Sinnliche und Weltliche zum Geistigen und Himmlischen, in welchem er im Glauben wächst; der Glaube erzeugt demnach den himmlischen Sinn und ist in seiner Vollendung der himmlische Sinn selbst7); sein Wesen ist das Leben in Gott. Aber das Leben in Gott ist Eins mit dem Leben in Christo; denn in Christo war die Fülle der Gottheit leibhaftig; wer ihn sieht, sieht den Vater. Darum legt sich das Wesen des Glaubens auch in den Worten dar: „Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir“; (Gal. 2, 20.) mit welchen, da die Gemeinschaft gegenseitig ist, übereinkommt: „Leben wir, so leben wir dem Herrn (Christo), sterben wir, so sterben wir dem Herrn; darum, ob wir nun leben oder sterben, so sind wir des Herrn (Röm. 14, 8. Vgl. Phil. 1, 21.). Wie aber durch das Leben mit Christus der Mensch geheiligt werde, entwickelt Paulus im 6. Kapitel des Römerbriefes. Unser alter Mensch ist mit Christus gekreuzigt (V. 6.); wir haben ihn gekreuzigt, weil wir uns seiner verderbten Natur bewusst waren und allein von Christo das Heil erwarteten. So entsteht dadurch, dass Christus in uns lebt, ein neuer Mensch in uns, nicht eine wesenlose Nachbesserung am Menschen. Der Sündendienst hört auf; „denn was er gestorben ist, Das ist er der Sünde gestorben zu Einem Male; was er aber lebet, das lebt er Gott. Also auch ihr, haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christo Jesu, unserm Herrn (V. 10 - 11.).“ So könnte es nicht sein, wenn wir, im Vertrauen auf eigene Kraft den alten Menschen hätten leben lassen, um an ihm nachzubessern; das Akte kann nicht neu werden, aber an die Stelle des Alten kann das Neue kommen; der alte Mensch muss gekreuzigt werden, soll der neue geboren werden. Daher die Ausspruche: „Es sei denn, dass der Mensch von Neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen (Joh. 3, 3.).“ „Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, und es ist Alles neu worden (2. Kor. 5, 17.)8).“ Sind wir aber durch den Glauben Eins mit dem Vater und mit dem Sohne; ist des Vaters und des Sohnes Geist der unsere: so widerlegt sich der Einwurf von selbst, dass das Wort von der Seligkeit aus dem Glauben, richtig erkannt, der Sittlichkeit Gefahr bringen könnte. Der Glaube in seiner Vollendung ist ja nach dem Bisherigen nichts anderes, als Religion im engere Sinne: denn Religion ist das Leben und Weben des menschlichen Geistes im göttlichen Geiste9). Die Verächter der Wahrheit von der Seligkeit aus dem Glauben wollen die Welt beherrscht wissen von der Moral; die Moral ist aber eine Wirkung der Religion; folglich wollen sie die Wirkung ohne die Ursache, oder wenigstens die Wirkung höher stellen, als die Ursache. Wir aber wollen die Quelle als das Wesentliche und Bedingende des aus ihr entsprungenen Flusswassers betrachten und sind gewiss, dass die reine Quelle auch reines Flusswasser gebären werde; dass also von dem reinen göttlichen Glauben, wie er oben entwickelt worden, eine reine, göttliche Moral unzertrennlich ist10).
Wollte Jemand einwenden, es stehe die Sittlichkeit auf ihrem eigenen Grunde, oder, sie verhalte sich nicht zum Glauben, wie die Wirkung zur Ursache: so müssten wir ungerecht sein gegen das Zeugnis der Geschichte, die in einzelnen außerchristlichen Erscheinungen den Geist einer ungebeugten, noch jetzt bewunderten, sittlichen Kraft predigt, wenn wir der sittlichen Handlung ihre selbstständige Bedeutung unbedingt absprachen. Wir bewundern den König Codrus, der sich für des Landes Wohl erschlagen lässt, jenen M. Curtius und die Carthagischen Brüder, welche aus Vaterlandsliebe gern lebendig begraben werden; wir freuen uns über einen Fabricius, welcher schwerer von der Rechtschaffenheit, als die Sonne von ihrem Laufe abgewandt werden kann, über einen Regulus, welcher den Eidschwur höher achtet, als den langsamen, tausendfachen Mord; wir erkennen den heiligen Ernst jener alten Weisheit, welche als das einzige Gut die Tugend und als das einzige Übel das Laster betrachtet. Und wollten wir das Alles verkennen, so wäre das ein Rechten mit dem Allweisen, dass er erst seit achtzehnhundert Jahren den Heilsweg des Christentums eröffnet habe. Die sittliche Tat musste möglich sein zu jeder Zeit, sonst wäre der Bau der Welt zusammengebrochen. Vielleicht ließe sich dartun, dass die Moral vorchristlicher Zeiten nicht unabhängig war von der falschen Weltanschauung des Altertums, so dass die scheinbare Selbstsuchtslosigkeit dennoch Selbstsucht gewesen wäre. Die Vaterlandsliebe käme dann auf Rechnung des Feindeshasses und der Sucht nach Nachruhm. Aber weil das Gesetz des Herrn auch den Heiden auf das Herzblatt geschrieben ist, so wollen wir gern zugeben, dass des Sittengesetzes Stimme oft Herrin geworden sei über den Wahn der alten Zeiten. Anders stellt sich die Betrachtung in Bezug auf die jetzige, christliche Zeit heraus. Das Christentum will den ganzen Menschen wiedergebären, und wie durch dasselbe Alles in ihm neu geworden ist, so können auch seine geistigen Triebe nicht eine verschiedene Richtung nehmen. Ist das Denken und Empfinden dem Himmel zugewandt, so kann der Wille nicht weltlich sein; wer an Christus glaubt, kann nicht geneigt sein zu unchristlichem Handeln. Das Christentum ist keine Pflichtenlehre, sondern eine Anstalt zur Vereinigung der Geister mit Gott, an welche sich Pflichten knüpfen. Jene Vereinigung aber ist Eins mit dem Wesen des Glaubens; also ist der Glaube der Grund der christlichen Sittlichkeit. Da im Christentum kein Wahn und Trug ist, so ist in demselben auch Nichts, woran die Sittlichkeit zur Empörung Anlass nehmen könnte; sie bleibt demnach im Gehorsam des Glaubens und erstarkt zugleich mit ihm. Wer daher Anspruch macht auf eine Sittlichkeit ohne Glauben, der hat mindestens nicht die christliche, sondern eine solche, die sich von der heidnischen nur insoweit unterscheidet, als sie unbewusst vom christlichen Geiste bestimmt ist. Ob aber diese heidnische, sogenannte, Sittlichkeit ihres Namens wert sei, ist eben die Frage. Sie kommt nicht aus dem Glauben, weil sie ohne Erlösungsnot ist, und sie ist ohne Erlösungsnot, weil sie durch sich selbst selig zu werden meint. Ohne an eine Wiedergeburt zu denken, wird sie sich mit dem Streben nach Besserung begnügen. Der alte Mensch bleibt demnach leben, und alles Bessern ist nur ein neuer Lappen auf ein altes Kleid.11)“ Wir wollen nicht mit dem großen Augustinus behaupten, dass die guten Werke der Heiden - und Glaubenlosen - nur glänzende Laster sind; aber da der alte Mensch noch lebt, so können wir sie nicht als Fruchte ansehen, denen ein inneres, geheiligtes, fruchtbringendes Wesen entspräche, und müssen mit Dr. Luther reden: „Gute, fromme Werke machen nimmermehr einen guten, frommen Mann, sondern ein guter, frommer Mann macht gute, fromme Werke. Nun ist's offenbar, dass die Früchte tragen nicht den Baum, so wachsen auch die Bäume nicht auf den Früchten, sondern wiederum die Bäume tragen die Frucht.“ „Zwar kann sagt Sartorius der Glaubenlose sich äußerlich mit guten Werken schmücken; aber sie sind, wie die Äpfel am Weihnachtsbaume, nur von außen daran gehängt, nicht von innen heraus durch die freie und gesunde Kraft eines liebenden Herzens hervorgetrieben.“ So lässt sich keine wahre Moral selbstständig ohne Glauben denken; sie ist die Wirkung des Glaubens, der Religion, ein Eigentum des wiedergeborenen, neuen Menschen.
Die Sittlichkeit des gläubigen Christen aber erscheint in einer starken und richtig bestimmten Liebe. Im Glauben sind wir, wie wir oben erkannt, gewiss geworden, dass uns Gott wolle gnädig sein. Sollen wir darum vielleicht ohne Liebe furchtlos fortsündigen? Das sei fern. Wer mit Schrecken und Angst das Gesetz erfüllt aus Furcht vor dem strengen Richter, schreibst du dem einen frommen Sinn zu? Nein, das ist Knechtesdienst! Wir aber, nun wir sind gerecht worden durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum (Röm. 5, 1.). Das ist kein Knechtesdienst, das ist Kindesdienst. Der Gläubige waltet im Vaterhause Gottes; da waltet sich's liebevoller und inniger, als im Diensthause. Wenn die Knechte liebevoller und treuer dienen, als die Kinder des Hauses, so will ich dir zugestehen, dass es eine treue Liebe gebe ohne Glauben. Bis dahin aber steht es mir fest, dass in dem Bewusstsein, aus Gnaden angenommen zu sein als ein Kind Gottes, nicht der Antrieb zum Sündigen, sondern zur frommen Liebe liegt. Die erste, grundlegende Bekenntnisschrift unserer Kirche weist auf diese Wahrheit folgendermaßen hin: „Die guten Werke können erst geschehen, nachdem wir durch den Glauben gerechtfertigt sind. Wie kann das menschliche Herz Gott lieben, so lange es fühlt, dass Gott furchtbar zürne und uns mit zeitlichen und ewigen Qualen bedrücke? Das Gesetz aber klagt uns immer an; immer zeigt es uns den Zorn Gottes. Gott kann also erst geliebt werden, nachdem wir im Glauben seine Liebe ergriffen haben.“ Und nun siehe, wie die Liebe, welche aus dem Glauben geboren wird, aus derselben Quelle stark wird, die Welt zu überwinden. Der gläubige Christ hat auf Erden Nichts zu suchen, was er verlieren könnte durch die Überwindung der Welt; er lebt dem Herrn, ob er lebt oder stirbt. Ist der Glaube der himmlische Sinn, so hat die Liebe, welche aus ihm kommt, keine Schranken, gleich wie nur auf der Erde der Flügelschlag gehemmt werden kann, der in den weiten Räumen des Himmels sich frei und ungehemmt bewegt. Drum können auch die Leiden des Erdenlebens, dem Ungläubigen Steine des Anstoßes zum tieferen Fall, den Gläubigen in seinem himmlischen Trachten nicht hindern; auf den Schwingen der Hoffnung hebt er sich über sie hinaus12). Zudem fehlt es dem Glaubenlosen an der Vertrautheit mit jenem Engel, von dem der Dichter13) singt:
Es zieht ein stiller Engel
Durch dieses Erdenland;
Zum Trost für Erdenmängel
Hat ihn der Herr gesandt.
In seinem Blick ist Frieden
Und milde, sanfte Huld;
O, folg' ihm stets hienieden
Dem Engel der Geduld!
Er führt Dich immer treulich
Durch alles Erdenleid
Und redet so erfreulich
Von einer schönern Zeit.
Denn willst Du ganz verzagen,
Hat er doch guten Mut;
Er hilft das Kreuz dir tragen
Und macht noch Alles gut.
Er macht zu milder Wehmut
Den herbsten Seelenschmerz
Und taucht in stille Demut
Das ungestüme Herz.
Er macht die finstere Stunde
Allmählig wieder hell;
Er heilet jede Wunde
Gewiss, wenn auch nicht schnell.
Er zürnt nicht deinen Tränen,
Wenn er dich trösten will;
Er tadelt nicht dein Sehnen,
Nur macht er's fromm und still.
Und wenn in Sturmes Toben,
Du murrend fragst: Warum?
So deutet er nach oben,
Mild lächelnd, aber stumm.
Er hat für jede Frage
Nicht Antwort gleich bereit;
Sein Wahlspruch heißt: Ertrage,
Die Ruhstatt ist nicht weit!
So geht er dir zur Seite
Und redet gar nicht viel
Und denkt nur in die Weite
Ans schöne, große Ziel.
Vor Allem aber fehlt es ihm an der lebendigen Gemeinschaft mit Christus, den er höchstens als einen Lehrer14) achtet. Die Tat Jesu ist ihm gleichgültig; darum sieht er ihn nicht leiden und sterben und vernimmt nicht das Wort: Verleugne dich selbst und nimm dein Kreuz auf dich und folge mir! Und vernähme er's, er würde es nicht verstehen. Wer aber in seinem Erlöser lebt, der kann auch mit ihm und für ihn leiden und sterben, mit ihm und für ihn die Welt überwinden15). Er bedarf kaum eines Lohnes für das Kreuz; denn er hat seinen Heiland lieb, und die Liebe fragt nicht nach Lohn. Aber sollte er in den Tagen, da er kämpfen muss den Seelenkampf, wie der Heiland zu Gethsemane, einer himmlischen Kräftigung bedürfen, so tont ihm das Wort entgegen: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind (Matth. 5, 10 - 12.). Wir sehen, wie stark die Liebe durch den Glauben wird, mit dem sie die Welt überwindet. Aus dem Quell des Glaubens empfängt aber auch die Liebe ihre Richtung und ihren Endzweck. Zwar wird sie sich nicht scheuen, die leiblichen Bedürfnisse der Brüder zu besorgen; denn auch der Leib ist des Herrn; auch der Leib wird gesättigt mit Wohlgefallen vom Himmel her; darum gehört es zur Gottähnlichkeit, dass wir den Hungrigen unser Brot brechen, Die, so im Elende sind, ins Haus führen, die Nackenden kleiden und von unserm Fleische uns nicht entziehen (Jes. 58, 7.). Aber der Gläubige ist durchdrungen von der Wahrheit, dass der Geist mehr ist, denn das Fleisch, und das Himmlische mehr, denn das Irdische; er weiß, dass, wer den Sünder bekehrt hat von dem Irrtum seines Weges, der hat einer Seele vom Tode geholfen (Sach. 5, 20.). Darum ist seine strebsame Liebe vorzugsweise auf die Erziehung zum Reiche Gottes dem Reiche der Gottähnlichkeit und Gottseligkeit gerichtet. Das unendliche, ewige Heil zu fördern, steht ihm höher, als die Förderung des äußeren Wohles; er wird glücklich sein, wenn er vom Tode des Leibes den Bruder errettet, glücklicher noch, wenn er einer Seele vom Tode geholfen; seine Liebe, aus dem himmlischen Sinne geboren, wird den himmlischen Sinn auch zu erwecken suchen in den Seelen seiner Erdenbrüder16). Er weiß, was es heißt: Was hilft es dem Menschen, so er die ganze Welt gewinne und nähme doch Schaden an seiner Seele (Matth. 16, 20.); er weiß sich berufen zum priesterlichen Königreiche und heiligen Volke (2 Mos. 19, 6.). Das Alles vermag der Glaube, von dessen heiligender Kraft wir noch hören wollen das Wort Luthers: „Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und gebiert aus Gott und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und Kräften und bringet den Heiligen Geist mit sich. O es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, dass unmöglich ist, dass es nicht ohne Unterlass sollte gutes wirken. Er fraget auch nicht, ob gute Werke zu tun sind; sondern ehe man fraget, hat er sie getan und ist immer im Tun. Wer aber nicht solche Werke tut, der ist ein glaubenloser Mensch, tappt und sieht um sich nach dem Glauben und guten Werken und weiß weder, was Glaube, noch gute Werke sind, wäscht und schwatzt doch viele Worte vom Glauben und guten Werken.“ Ist aber der Glaube die Kraft, welche das neue, göttliche Leben wirkt, so muss er als ein rein Inneres zugleich mit deinem Geiste bleiben in Ewigkeit. Deine Taten nimmst du nicht mit ins Jenseits (obgleich sich voraussehen lässt, dass der Glaube auch Früchte getragen - weshalb es auch bildlich in der Schrift heißt: Ihre Werke folgen ihnen nach), wohl aber den himmlischen Sinn, aus welchem die Taten entsprangen; der himmlische Sinn aber ist der Glaube. Darum denke dir das Gericht des Herrn nicht so äußerlich, als ob deine Taten abgezählt und abgewogen würden; der Herr wird nicht fragen, was du getan hast, sondern, wer du bist. Können demnach einzelne Taten dem Menschen die Seligkeit nicht schaffen, so entsteht die Frage, ob einzelne Sünden sie ihm rauben können. So viel ist gewiss, dass der Glaube in seiner Vollendung alle Sünde ausschließt17) und dass jede sündhafte Tat auf eine noch nicht völlige Herrschaft des Glaubens zurückschließen lässt. Da wir aber im Glauben wachsen können, so ist damit noch nicht Alles verloren. Nur mit dem Verluste des Glaubens, der Bedingung der Rechtfertigung, kann die Seligkeit völlig verloren gehen. Ist demnach die Sünde aus einem glaubenslosen, dem Himmel abgewandten, Wesen entsprungen, oder hat sie und dass sie Dieses allgemach wirkt, ist ihr furchtbarster Fluch den Glauben vernichtet, so geht der Mensch der Seligkeit verlustig; lässt sich dagegen die Sünde von dem inneren Wesen als eine fremdartige Erscheinung loslösen, so dass der Glaube, der himmlische Sinn, trotz ihrer im Menschen ist, so wird ihm die Seligkeit zu Teil werden, und zwar in desto höherem Grade, in je geringerem der Glaube getrübt war oder wurde. Die protestantische Kirche zählt daher nicht, wie die katholische, einzelne Todsünden auf, sondern indem sie behauptet, dass allein der Unglaube unselig mache, lässt sie nur diejenigen Sünden uns verdammen, welche uns entweder von Christus losreißen, oder aus einer, bereits von Christus losgerissenen, Gesinnung hervorgegangen sind. Weit entfernt von unsittlichen Grundsätzen, legt unsere Kirche in dieser Lehre das ganze Gewicht auf die Gesinnung und erkennt, dass die Seligkeit, als etwas Inneres, allein. nach der inneren Verfassung des Menschen werde bestimmt werden. Menschliche Richter müssen nach Taten richten; aber Gott wird Manchen, den die irdische Obrigkeit zerschlug, in seinen Vaterarmen begnadigen, weil die böse Tat nicht im Zusammenhange stand mit seinem Wesen; und Mancher, den keine bürgerlich-strafbare Tat vor die Schranken des irdischen Richters rief, wird vor dem Stuhle Gottes verworfen werden um seines gemeinen, in das Irdische versunkenen, Sinnes willen. Jener gleicht einem Spiegel blank und hell, doch mit einigen Rostflecken verunziert; dieser einem Spiegel trübe und düster, der auch ohne Rostflecke kein Bild zurückwirst. Der erste ist trotz seiner Flecke noch brauchbar, der zweite, selbst ohne die Flecke, unbrauchbar. Bist du wie jener Spiegel, das heißt: reinen, himmlischen Sinnes, aber mit einzelnen Makeln behaftet, so taugst Du noch für den Himmel; bist du aber wie dieser Spiegel, das heißt: gemeinen, trüben, ungöttlichen Sinnes, so taugst du nicht für den Himmel, und wirst du auch frei von einzelnen Schandtaten, zu denen dir vielleicht nur die Gelegenheit fehlte. Gegen einen törichten Schluss auf die Gleichgültigkeit der sündhaften Tat haben wir uns hoffentlich bereits hinlänglich verwahrt, und wolltest du dem Wahne huldigen, es sei dir in der Lehre vom alleinseligmachenden Glauben ein Freibrief zum Sündigen in die Hand gegeben, so wäre dir die Unseligkeit gewiss. Wir haben ja gesehen, dass mit dem Glauben die Lust zur Sünde sich nicht verträgt die, wenn sie geschieht, den letzten Zuckungen des alten Menschen zuzuschreiben ist, mit dessen völliger Vernichtung wir der Sünde ganz abgestorben sein werden; der Glaube muss Liebe wirken, wenn seine Wirksamkeit nicht gebunden ist wie die des Schachers am Kreuze. Gedächte der Sünder demnach den Glauben zu ergreifen, um unter dessen Hülle das alte Unwesen ferner zu treiben, so wurde er das Wesen des Glaubens durchaus missverstehen; denn wir haben erkannt, dass der Glaube nur kommen kann in ein, über die begangene Sünde tief betrübtes, Herz, das sich dem Vater und dem Sohne hingibt, von nun an in einem neuen Leben zu wandeln. Ist das neue Leben auch nicht ohne Sünde, weil erst die dereinstige Vollendung der Wiedergeburt alle widerstrebenden Triebe aussöhnt, so wird doch nur ein Tor von der Gnade, welche jenen Sünden als einzelnen Erscheinungen zu Teil wird, auf ein Privilegium zum Sündigen schließen.
Endlich müssen wir den Irrtum zurückweisen, als ob der Glaube, weil er den neuen Sinn erzeugt und in seiner Fortbildung der neue, himmlische Sinn selbst ist, der Grund der Beseligung sei, die Seligkeit sich verdiene. Es wäre diese Betrachtung in der Tat nur eine andere Form der katholischen Werkheiligkeit; denn der Glaube würde selbst als ein gutes Werk erscheinen und zu Schanden das Wort der Schrift: Wir werden ohne Verdienst gerecht aus Gottes Gnade (Röm. 3, 24)18). Der Glaube ist nicht der Grund, sondern die Bedingung und das Werkzeug der Seligkeit; nicht für den Glauben denn selbst der Gläubige sündigt noch, so lange er im Fleische ist - sondern durch den Glauben werden wir gerechtfertigt; der Glaube ist es, der uns für die Seligkeit empfänglich macht, so dass wir ohne ihn, den himmlischen Sinn, gar nicht im Stande wären, das Himmlische zu genießen; gleich wie der Tor unter den Weisen, der Knecht unter Königen, so wurden wir uns ohne den Glauben im Himmel nicht heimisch fühlen. „Es bleibt demnach allein Gottes die Gnade und Ehre.19)“
O dass wir die Gnade Gottes im Glauben ergriffen! Christus ist für die Menschheit gestorben; aber nur den Seinen frommt dieser Tod; er ist nur ein Versöhnungstod Denen, die sich Christo hingegeben; Diesen aber gewiss, denn zwischen Christo und den Seinen ist kein so lockeres Band, dass es eine Torheit wäre, sein Verdienst ihnen zuzurechnen. Sind sie doch mit ihm gepflanzt zu gleichem Tode; wie sollten sie nicht durch Gottes Gnade seiner Auferstehung gleich sein? (Röm. 6, 5.). Christus wurde gekreuzigt; sie haben auch gekreuzigt ihren alten Menschen; Christus ist verherrlicht durch seine Auferstehung; wie sollten sie nicht durch Gottes Gnade Teil haben an seiner Herrlichkeit20)? Darum werde Eins mit Christo, und du bist mit Gott versöhnt. Wie dem Weibe, aus welchem der Herr einst sieben Teufel austrieb, kommt auch dir aus seiner Auferstehung der himmlische Gruß21):
Pone luctum, Magdalena!
Et serena lacrymas;
Iam non est Simonis coena,
Non cur fletum exprimas;
Causae mille sunt laetandi;
Causae mille exsultandi;
Hallelujah resonet!
Sume risum, Magdalena!
Frons mitescat lucida;
Demigravit omnis poena,
Lux revertit fulgida;
Christus mundum liberavit
Et de morte triumphavit!
Hallelujah resonet!
Vive, vive, Magdalena!
Tua lux reversa est;
Gaudiis turgescat vena;
Mortis vis eversa est!
Moesti procul sint dolores;
Laeti redeant amores!
Hallelujah resonet!
Las dein Klagen, Magdalene!
Dies ist nicht mehr Simons Mahl;
Heitre du des Auges Träne;
Keine Träne, keine Qual!
Sieh, wie tausend Freuden locken,
Aufzujauchzen, zu frohlocken;
Hallelujah schalle nun!
Lächle wieder, Magdalene!
Freundlich sei dein Strahlenblick;
Alle Trübsal schwand, und jene
Helle Sonne kommt zurück!
Christ hat frei die Welt gerungen;
Christus hat den Tod bezwungen!
Hallelujah schalle nun!
Lebe, lebe Magdalene!
Wieder strahlt dein Morgenlicht;
Lust durchströme jede Sehne,
Nun die Kraft des Todes bricht!
Trübe Qual sei fern getrieben;
Kehre wieder, wonnig Lieben!
Halleluja schalle nun!
Der Glaube macht selig.
Ein Wort
an evangelische Christen
von
Wilhelm Beste.
Braunschweig,
Verlag von Eduard Leibrock.
1842.