Baur, Wilhelm - Evangelisches Neujahrswort

Evangelischer Neujahrsgruß. (1883)

Der diesjährige Neujahrsgruß erhält seinen wärmsten Ton, seinen vollsten Gehalt durch den Namen Martin Luther. Die alte Neujahrslosung: Hier ist Immanuel! wird durch diesen Namen nicht abgeschwächt. Dass Jesus Christus auch des deutschen Volkes Heiland sei, das Evangelium der heilige Wein, der in den kräftigen Schlauch des deutschen Volkstums gefasst werden soll, der Christenglaube das Mark des deutschen Lebens, das Kreuz das Zeichen, unter welchem Deutschland seinen weltgeschichtlichen Beruf zu erfüllen hat, das bedeutet uns der Name Martin Luther. Der vierhundertjährige Geburtstag des Reformators, der in das neue Jahr fällt, bringt den Namen wieder auf alle Lippen. Die Schmähung, mit welcher die Widersacher ihn aussprechen, treibt uns, ihn mit desto wärmerer Glut zu nennen. Wenn es von irgendeinem großen Mann der Geschichte gilt: er ist gestorben und redet noch, so wird es im neuen Jahre sich zeigen, dass Luther, so oft unser Volk seines Geistes neu bedarf, auch eine geistige Auferstehung unter ihm hält.

Luthers Bedeutung für Deutschland liegt nicht bloß darin, dass er unserem Volke das volle, lautere Evangelium zuerst gebracht hat. Als Reformator hat er in weiterem Umfang gewirkt als in Deutschlands Grenzen; von dem deutschen Reformator hat Deutschland mehr empfangen als die anderen Völker von ihm empfangen konnten. Uns Deutschen ist in Luther, nicht bloß in seiner Bibelübersetzung, sondern in dem ganzen Mann, das Evangelium verdeutscht. Luther ist die leibhaftige Darstellung der tiefinnigen Vermählung des Evangeliums mit dem deutschen Volkstum. Es gibt gewaltige Helden der deutschen Geschichte, die es in Deutschheit mit ihm aufnehmen können. Und Christenseelen hat unser Volk, in denen die Klarheit Jesu sich reiner, weil stiller gespiegelt hat, als in der sturmbewegten Kraftseele Luthers. Aber es gibt keinen Großen im Reiche des deutschen evangelischen Geisteslebens, in welchem beides, Christentum und Volkstum, in solcher Fülle sich einander begegnet, mit einander verbunden, einander durchdrungen hätte, als in Martin Luther. Der Pulsschlag des Apostels Paulus und der Pulsschlag alter deutscher Recken ist in ihm eins geworden. Die deutsche Art und die Christenart sind sich in ihm entgegenkommen. Geist, überwältigende Kraft und leidenschaftliche Bewegung des Gemüts, ist deutsche Art Geist, Kraft aus der Höhe, Zeugnis des Gottesgeistes in unserem Geist, durch welches der Mensch, mit Christus eins, die Welt für Schaden achtet, ist die Gabe der Christen - in Luthers Geist Lodert der Heilige Geist mit deutscher Flamme. Persönliches Leben, so stark ausgeprägt, dass man im Heldengedicht jeden Helden am Schwertstreich und am Trutz des Wortes sofort erkennt, ist deutsch, und die neue und in Christo freie Persönlichkeit, die sich umso freier fühlt, je fester sie sich an Christus gebunden hat, ist die reifste Frucht des Christenglaubens, und keine ausgeprägtere, zugleich deutsche und christliche Persönlichkeit haben wir als Luther. Die aus dem Geist geborene Persönlichkeit atmet aus in der Freiheit, in welcher sie bleiben will, was sie aus Gnade geworden, atmet ein in der Treue, in welcher sie das Leben immer wieder nehmen will, woher sie es zuerst empfangen; die Liebe des deutschen Mannes zur Freiheit ist in Luther verklärt zur Freiheit des Christenmenschen, der nie eines Menschen Knecht sein kann; die deutsche Treue, die sich mit Leib und Leben dem König ergibt, ist in Luther zur Treue des Dienstmanns gereist, der sich dem Herzog der Seligkeit, Christus, völlig und für immer verschrieben hat. Deutsch ist das Halten zur Sippe, christlich die Innigkeit des Familienlebens, - wie eine neue Offenbarung, was das Evangelium aus dem deutschen Hause machen kann, ist das hausväterliche Verhalten Luthers. Im echten deutschen Leben hat das Wort: Volk einen herzbeweglichen Klang und von einem Gottesvolk sagt uns die Bibel: das deutsche Volk zu einem Gottesvolk zu weihen, das war Luthers Kampf und Arbeit, Lieben und Leiden. Seit anderthalb Jahrtausenden war die deutsche Volkskraft mit Rom in furchtbaren Kämpfen immer wieder zusammengetroffen, auch Luther bekämpfte Rom, indem er wider die römische Veräußerlichung des Christentums eine echt deutsche Verinnerlichung desselben predigte. Die Macht seiner Persönlichkeit, die Größe seiner Tat, die Fortdauer seiner Wirkung in unserem Volksleben dies alles macht Luthers Namen zu der Losung, unter welcher das deutsche Volk seinen Gang durch die Geschichte fortsetzen muss. Wer ein Christ ist und grade als Christ auch seine deutsche Art nicht wegwerfen, sondern Christo zu Dienste stehen will, der halte sich an Luthers Vorbild. Wer sein deutsches Blut fühlt, aber Christi Blut auch kennt und als das Teuerste achtet, der hat an Luther sein Vorbild, denn auch die teuersten Güter achtete er gering um des Schatzes willen, den ihm das Wort Gottes bot. Nicht als ob es Luther ergriffen hätte aber mit ihm jagen wir dem Kleinod unserer deutschen und christlichen Berufung nach, der Dienstbarkeit des deutschen Volkes unter Christo zur Verherrlichung seines Namens, zum Wachstum seines Reiches.

Wie hoch wir übrigens Luther halten - der volle Dank gegen Gott, der uns einen solchen Mann gegeben hat, ist weit entfernt von Heiligen-Dienst. Zwar ist auch unser evangelischer Kalender mit Heiligen Namen gefüllt, mit solchen, die wir als Gemeingut mit anderen Kirchengemeinschaften besitzen und mit solchen, die unserer deutschen evangelischen Kirche besonders gehören. Aber wir verstehen unter Heiligen andere Leute als Rom, nicht solche, die mehr getan als sie zu tun schuldig waren, sondern arme Sünder, welche durch das Blut Christi gereinigt, durch den Heiligen Geist geheiligt, danach trachten, sich selbst zu verleugnen und in Liebe zu Gott und den Brüdern zu wirken und zu leiden. Solche Heilige bedürfen nicht der Ernennung durch den Papst: das Christenvolk erkennt sie an dem Lichte, das sie leuchten lassen. An diesem Lichte erkennt unser Volk auch seinen Luther. Wie aber Luther selbst alles Gute, das er hatte, Christo zuschrieb und seine Sünde dabei demütig erkannte, so verbietet uns die Wonne, die wir an dem Manne Gottes haben, keineswegs seine menschlichen Schwächen zu gestehen. Nur Einer, obwohl er unsere Natur angenommen, führte, ohne alle Einseitigkeit des Temperaments, sein Leben in voller Harmonie des eigenen Willens mit dem göttlichen Willen Luthers Natur konnte heftig aufbrausen und nicht immer brachte sie der Anhauch des Geistes von oben zu heiliger Stille. Nur Einer, obwohl wie wir alle zu bestimmter Zeit geboren, hatte die Ewigkeit in jedem Augenblicke, den er lebte - Luther war ein Kind der Zeit und nicht von allen aus der Zeit stammenden Schlacken hatte die Heilige Geistesglut in ihrem Tiegel ihn gereinigt. Nur Einer blieb auch dem Hass der Feinde gegenüber sich selbst gleich in der Liebe, die nicht wieder schilt, wenn sie gescholten wird, nicht drohet, wenn sie leidet - Luthers Schelten und Drohen war nicht immer der reine Eifer um des Herrn Haus, auch seine Eigenheit mischte sich darein. Nur Einer, auch wenn er im vertrautesten Kreis aus der tiefsten Verborgenheit seines inneren Lebens heraussprach, hatte auch nicht von der leisesten und flüchtigsten Trübung seiner Seele zu sagen Luther war von einer Wahrhaftigkeit und Unmittelbarkeit der Aussprache, in die wir zu vorsichtiger Lebensart geschulte Menschen uns kaum hineindenken können; was in ihm war, wagte er auch herauszusagen, da mag denn die Scheinheiligkeit sich einbilden, sie sei heiliger, weil sie nicht so ehrlich ist als er. Und im Gegensatz gegen diesen Mann sollen wir uns, weil ihn die Widersacher als einen Mann voll sündlicher Leidenschaften und sein Werk als ein arges Werk schmähen, die Herrlichkeit der römischen Kirche preisen lassen und alle die scheußlichen Sünden ihrer unfehlbaren Päpste, all die gottwidrige Unnatur ihrer nach selbsterfundenem Muster verfassten Heiligen, alle die Schlangenlisten ihrer freiheithassenden Jesuiten, alle das Blutvergießen, das Rom unter wahrhaftigen Heiligen angerichtet, alle den Schacher, den es mit den Seelen der Menschen getrieben, mit in den Kauf nehmen? Und das Bild unseres Luther sollten wir uns entstellen lassen durch Züge, welche die aufspürende Bosheit aus der gemütlichen Tischrede, aus dem traulichen Brief, aus der erregten Streitschrift zusammensucht, als wären die vom Heiligen Geist erfüllten gewaltigen Zeugnisse aus Gottes Wort, die seine Größe machen, nicht vorhanden? Wir sollten, den Widersachern zur Wonne, unseren Luther nur so anschauen, wie er in der Stunde der Anfechtung einmal erscheint, und nicht so, wie er heldenhaft wider Sünde, Welt und Teufel mit seinem Gotte Taten tut? Mögen sie, ohne Lust zu dem Atem der Freiheit, in welchem Luther geatmet, von ihm lästern, dass er, ein Revolutionär, die Freiheit zum Deckel der Bosheit gemacht, - die Früchte guter Ordnung in Haus und Volk, welche die Reformation gebracht, beweisen, dass er ein Gefreiter Christi war. Mögen sie, die gewohnt sind, sogar in den Anweisungen für die Seelsorge und den Beichtstuhl, eine Flut von Unreinigkeiten in ihre Seele ergießen zu lassen, Luther um seiner offenen, manchmal zu naturhaften, nicht genug geistlichen Aussprache über die Ehe so darstellen, wie ihn etwa eine schmutzige Mönchsphantasie sich denkt, es bleibt doch dabei, dass er durch seine Ehe und sein Familienleben mehr für die Reinheit des Lebens gewirkt hat, als alle Mönche und Nonnen. Wir wollen auch vom Gegner lernen, aber die Wahrheit, dass Luther nur auf Grund des Worts den Gewaltigen der Erde entgegengetreten, dass er zugleich eben mit dem Wort die göttliche Ordnung der Obrigkeit gestärkt, die widergöttliche Ordnung des Papsttums angegriffen, die Wahrheit, dass er, selbst keusch, das fromme Familienleben nicht bloß gepriesen, sondern auch gepflegt, soll uns keine römische Geschichtsdarstellung verkümmern.

Dem Gruß, der unter Berufung auf den Luthernamen ausgerichtet wird, darf der ernste tiefe Ton der Buße nicht fehlen. Aus dem erschrockenen Gewissen, aus der göttlichen Traurigkeit, aus der Reue, die niemanden gereut, aus der Buße, dem brennenden Schmerz über die Sünde und dem brennenden Verlangen nach Sündenvergebung, ist die Reformation Luthers herausgewachsen. Wie Christus, zu dem er zurückführen wollte, hat er seine Predigt begonnen: Tut Buße und glaubt an das Evangelium. Im tiefsten Erlebnis hatte er gelernt, dass Buße nicht eine Summe von Büßungen ist, die jemand leisten kann, ohne dass sein Sinn sich ändert, sondern Sinnesänderung, welche durch ein Sterben des alten Menschen unter dem Kreuze Christi geschieht. „Unser Herr und Meister Jesus Christus, da er spricht: Tut Buße usw. will, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei“, so lautet die erste seiner 95 Thesen. Der Bußernst, mit welchem Luther sich einst von Rom frei machte, muss uns heute, wenn wir noch immer gegen Rom uns erheben, zugleich den Mut geben, vor allem die Gebrechen der evangelischen Kirche Deutschlands demütig zu bekennen. - Die Übertragung der bischöflichen Gewalt auf die Landesobrigkeit, in den Tagen der Reformation als ein Notstand gerechtfertigt durch die Erledigung der Bischofsstühle, durch die Unlust der reformatorischen Männer, selbst ins Bischofsamt zu treten, durch die fromme Gesinnung der Fürsten, hat doch der evangelischen Kirche Abbruch an rein kirchlicher Gestalt getan. Während die römische Kirche an keiner Landesgrenze mit ihren kirchlichen Einrichtungen stille steht, ihre Anordnungen, wo sie nicht durch die Macht gehindert wird, aus ihrem eigensten Geiste trifft, durch das bischöfliche Amt den vollen Gewinn bedeutender Persönlichkeiten für sich eintut und ihre reichen Kirchengüter zum Wachstum ihres geistigen Einflusses geltend macht, wie viel Hemmungen hat seit ihrer Entstehung die evangelische Kirche in ihrer Verflechtung mit dem Staate gehabt! Wie schwer hält es, über die Landesgrenze hinaus das Evangelische zu einheitlicher Geltung zu bringen, wie peinlich ist das kirchliche Leben durch die Schwankungen des politischen beeinflusst, wie viel Rücksicht hat auch der reichbegabte, kirchlich begeisterte, tatkräftige Mann zu voller Auswirkung seiner Persönlichkeit auf synodale und kollegialische Mächte zu nehmen und endlich wie arm sind wir am zeitlichen Gut! Neben dem Gebrechen in der Verfassung steht ein Gebrechen, nicht so sehr an der Lehre, als in Bezug auf die Lehre. Dass Martin Luther als der ins Deutsche übersetzte Paulus bei seiner reformatorischen Verkündigung den Herzschlag des Evangeliums hören ließ, die Rechtfertigung des Sünders vor Gott allein durch den Glauben an Christum, das hat unserer evangelischen Kirche ein für alle Mal den Charakter tiefster Innerlichkeit und Wahrhaftigkeit gegeben - es mochten spätere Geschlechter von Gottesgelehrten neben der Paulinischen Weise der Predigt die der anderen Apostel und apostolischen Männer zur Geltung bringen. Auch dies war gegenüber der Starrheit der römischen Kirche, in welcher die einzelne Seele nicht zur freien Entfaltung kommt, weil sie in der kirchlichen Anstalt ihr Heil auch ohne lebendigen Glauben verbürgt sieht, wohlberechtigt, dass in der evangelischen Kirche zunächst die Wiedergeburt der Persönlichkeit aus dem Geiste betont ward. Es hat in späterer Zeit auch die Predigt vom Reiche Gottes wieder ihre gebührende Stellung erlangt. Das Schlimmste war, dass aus der Geburtszeit unserer Kirche das Betonen der reinen Lehre, die doch um des reinen Lebens willen gepredigt wird, in die spätere Zeit in einer einseitigen Weise hinüberging, - in einer Weise, welche den Kopfglauben förderte, den Herzensglauben schädigte. Die alten Töne der Schrift und der Kirche: das Leben ist das Licht des Menschen; so jemand will Gottes Willen tun, der wird inne werden, ob das Evangelium Lehre von Gott sei; der Christ ist nicht, er wird; um zu werden, muss er entwerden, - sie waren vergessen, und einsam klangen Stimmen, wie die Johann Arndts: so wir nicht recht Buße tun werden, so wird Gott die reine Lehre von uns nehmen und wenn wir auch in Streitbüchern und disputationibus säßen bis über die Ohren. Das Wort Gottes ist ein Samenkorn, das seinen von Gott bestimmten Boden im Herzen des Menschen hat und das Christenleben gestaltet sich wachstümlich. Es kann der Kopf ein voller Speicher des Gotteswortes sein und im winterkalten Herzen ist auch noch keine grüne Saatspike zu sehen. Und das Herz kann grünen und blühen in Glaube, Hoffnung und Liebe und der Kopf ist mit der begrifflichen Fassung des Herzenslebens im weiten Rückstand. Die Gefährlichkeit des Kopfglaubens, der auch in orthodoxester Gestalt eine nahe Verwandtschaft mit dem Rationalismus hat, zeigt sich nirgends schmerzlicher als am Altar. Wir verkennen wahrlich nicht das gute Recht Luthers, die einzigartige Bedeutung des heiligen Abendmahls für das Christenleben, die wirkliche Gegenwart des Herrn in dem gesegneten Brot und Wein, den überschwänglichen Gewinn, den der gläubige Genuss bringt und das Gericht, welches der Ungläubige auf sich zieht, geltend zu machen. Aber während man das Geheimnis betonte, hat man es zugleich versucht, es in Formeln zu bannen, die nur der geschulte Verstand fasst. Wenn aber nach lutherischer Lehre bei schriftmäßiger Verwaltung die Gnade im Abendmahl unfehlbar vorhanden ist, so bedarf es nur einer schriftmäßigen Verfassung des Gemüts, damit wir dieselbe empfangen. Und wenn ebenfalls nach der Schrift nicht das verstandesmäßige Überzeugtsein von reiner Lehre, sondern Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit die rechte Gemütsverfassung für den Gang zum Altar ist warum dann ein Betonen der Lehre, das bis in den heiligsten Augenblick der geheimen Vereinigung der Seele mit ihrem Herrn einen Misston hineinträgt? Es geht gottlob! heute eine tiefe Einigkeit durch die gläubigen Christenseelen des evangelischen Deutschlands. In der Union ist Konfession, in der Konfession ist Union. Die kirchlichen Schriften, Versammlungen, Arbeiten bezeugen es, und wo es zu einem recht offenen, brüderlichen Austausch des aus Christo geborenen Lebens kommt, bezeugt es das wechselseitige Verständnis in der tiefsten Tiefe. Wenn ich nun aus der Union zu vorübergehendem Aufenthalt in die Konfession käme und ich spürte die innerlichste Union mit der Konfession und wollte sie auch gerne durch die Kommunion besiegeln und man verweigerte mir das Abendmahl, oder man gäbe es mir nur unter der Voraussetzung, dass ich's in der Union nicht mehr genösse oder dass ich gegen die Union wenigstens eine gegnerische Stellung einnähme wäre ein solches Mahl des Herrn Mahl und nicht vielmehr ein kirchenpolitisches? - Mit der einseitigen Betonung der Lehre hängt das Überwuchern der Predigt im evangelischen Gottesdienste zusammen. Das vorzüglichste Stück soll sie bleiben. Die evangelische Kirche ist die Kirche des Glaubens, des wahrhaftigen, lebendigen, persönlichen Glaubens. Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber aus dem Worte Gottes. Und eine Predigt, die das Wort Gottes als Zeugnis gibt, die das Zeichen an sich trägt, wir könnens ja nicht lassen, dass wir nicht sagen sollten, was wir gesehen und gehört haben, die in die bekümmerte Seele ruft: „auch mir war einst wie dir zu Mut“, eine Predigt, in welcher ein geistgesalbter Mann das Evangelium so verkündet, wie ers im eigenen Herzen erfahren, wie es der Gemeinde zur Auferbauung dient, die übt allezeit eine größere Gewalt als die ausgestattetste Liturgie. Aber weil nicht allerwärts solche Predigt zu haben ist, weil es Predigten gibt, welche den Hörern das Wort wie einen Stein an den Kopf werfen, nicht wie Brot der Seele darreichen, andere, welche der Freiherr vom Stein als „idyllenhafte Phraseologie“ bezeichnet, andere, welche die trockenste Moral, andere, welche die matteste Philosophie bieten und wieder andere, die einem schülerhaften Aufsatz gleichen, - darum gilt es, in den festen Bestandteilen des Gottesdienstes der Zufälligkeit des Predigers altkirchliche Schätze der Erbauung ergänzend zur Seite zu stellen. Lange hat die Predigt tyrannisch den Gottesdienst beherrscht; nicht die Predigt allein, auch das Gebet, selbst das Lied, sofern es vom Prediger gewählt war und in seiner Weise wieder predigte, trug das Gepräge des Predigers. Und wenn er den Text nur las, aber nicht wirklich predigte und kein Bekenntnis des Glaubens gehört ward, so fehlte für die Auslassungen des eigenen Geistes die Zucht des Kirchengeistes, des Heiligen Geistes. Nicht beschränkt soll die Predigt werden, sofern sie Verkündigung und Auslegung des Wortes ist, denn viel mehr Gottes Wort, als wir heute hören, hat uns Luther geben wollen. Bibelstunden, auch solche, in denen die Gemeinde mitredet, müssen gehalten werden mit Durchbrechung der Perikopenschranken, mit Eindringen ins ganze Gebiet der Heiligen Schrift. Aber die Anbetung, der Lobgesang, der geübte Chor im wetteifernden Wechsel mit dem Gemeindelied - und das alles in einer Kirche, welche auch dem Auge durch die heilige Kunst „Geschichte und Zierrat“ erglänzen lässt - das ists, was uns neben der Predigt not tut. Keine Saat auf die Sinnlichkeit, kein Bevorzugen der Phantasie, aber wenn Leib, Seele und Geist geheiligt werden sollen, so muss der Gottesdienst auch den ganzen Menschen ergreifen, so muss Leib, Seele und Geist sich freuen in dem lebendigen Gott, so muss die Stimme hoch sich erheben, die Seele tief sich versenken und der Geist reichlich mit den Schauungen des Gottesgeistes gefüllt werden. Und endlich: der Kirche gebricht es an einem sichtbaren Einfluss auf das Gesamtleben des Volks. In den Gebieten der römischen Kirche wie tritt die Kirche selbst uns überall sichtbar entgegen! Die Kirchen stehen Sonntags und Werktags offen, die Glocken locken früh und spät, die Menge strömt ein und aus, außer den großen Kirchen winken Kapellen von den Bergeshöhen, wer hinaufsteigt, dem wird Christi Leidensgang in Bildern vergegenwärtigt, an allen Wegen und Plätzen stehen Kreuze und Heiligenbilder, die Fahnen werden entfaltet, Prozessionen ziehen aus der Kirche durch die Straßen, durch die Fluren, Brüderschaften und Schwesterschaften nehmen daran Teil und immer neue kirchliche Stiftungen mehren die Mittel. Wir evangelische Christen begnügen uns zu sehr mit der Innerlichkeit des Glaubens und mit der sittlichen Frucht. Wenn wir doch nicht der Meinung sind, dass die Kirche allmählich von dem sittlichen Leben, wie es im Staate sich zusammenfasst, aufgesogen werden soll - brauchen wir nicht auch der Christen zeitliches Gut zu ihrem Bestand und ihrer Mehrung? Und damit sie volkserzieherisch wirke, muss sie denn nicht auch volkstümlich sich darstellen in Bild und Lied, in Schmuck und Auszug, in heiliger Lust und Freude? Aber was mehr ist, muss sie nicht beweisen, dass sie die Volksnot kennt und des Volkes beste Freundin ist in Werken der Barmherzigkeit? Wir sind in den letzten Jahrzehnten vorangekommen in dem sichtbaren Einfluss der Kirche auf das gesamte Volksleben, und grade die Werke der Barmherzigkeit in äußerer und innerer Mission sind in Stadt und Land immer neue Veranlassungen zu festlichen Zusammenkünften. Es fehlt auch uns nicht an Prozessionen, an Fahnen, an Posaunenchören und was mehr ist, nicht an mächtigem Gemeindegesang, volkstümlicher Predigt und an dem Hochgefühle, dass die Kirche zum Reiche Gottes emporwächst. Aber wir haben alle Ursache, dem nachzudenken, dass unser kirchliches Leben nicht zur Kirchenstunde am Sonntag, zum Hören einer Predigt und zum Gesang eines Liedes zusammenschrumpfe.

Die Bußstimmung, mit welcher wir in das neue Jahr mit seiner starken Erinnerung an Luther eintreten, darf nicht bei der Erkenntnis der Gebrechen stehen bleiben, welche seit lange unserer evangelischen Kirche anhaften. Wir, die wir heute leben, müssen uns anklagen, dass wir die Güter, die wir von den Vätern ererbt haben, nicht in Ehren gehalten. Die evangelische Kirche nennt sich vom Evangelium im Gegensatz zu Rom, welches das Licht des Evangeliums unter den Scheffel gestellt. Jedes evangelische Schulkind weiß es, Luther habe dem deutschen Volk die Bibel gegeben. Aber wie stehts damit? Durch die Rede freilich wollen wir uns von den Widersachern nicht einschüchtern lassen: die Bibel sei immer in der Kirche gewesen, für ihren Gebrauch habe sie auch vor Luther reichlich gesorgt, an deutschen Übersetzungen habe es auch ohne ihn nicht gefehlt. Die Kirchengeschichte gibt uns reichlich Zeugnis, wie sich der Papst je und je gegen die Bibelübersetzungen in der Volkssprache gestellt. In die englische Sprache, nicht in die Sprache der Engel habe Wiclif die Bibel übersetzt, so klagte der heilige Vater schon lange vor Luther mit unheiligem Wiz. Nicht aus der starren Gesetzlichkeit Roms, sondern am meisten aus dem freiheitlichen Geist der germanischen Völker stammt die Übersetzung und die Verbreitung der Bibel. Es entspricht der germanischen Wertschätzung der Persönlichkeit und der christlichen Forderung des Selbstglaubens und darum auch des Selbstlesens und Selbstforschens, dass die christlichen Völker germanischer Abstammung anderen voran jene große Arbeit übernommen, die Bibel nicht nur innerhalb der Kirche jedem Schulkind und jedem Brautpaar, sondern auch dem entferntesten Volke der Heidenwelt in hunderten von Sprachen zu geben. Nehmen wirs als ein bedeutsames Zeichen, dass die älteste germanische Urkunde, aus welcher wir die Grundlage für eine geschichtliche Sprachwissenschaft gewonnen, Ulfilas gotische Bibelübersetzung ist. Vergessen wir es nicht, dass Luther zuerst den Gedanken siegreich durchgekämpft und für sein Volk verwirklicht: jedes Volk muss die Bibel in seiner Muttersprache haben. Wir haben sie in der Muttersprache. Haben wir sie wirklich als Volksbuch, Hausbuch, Herzensbuch? Und wenn es allerdings Fleischesmenschen gibt, denen vor dem Schwert des Geistes graut, Aufgeklärte, die über die „alten Märchen“ hinaus sind, Boshaftige, welche den Garten der Gottesoffenbarung lauernd durchsuchen, ob nicht Gefährliches sich drinnen befindet, Hochgelehrte, welche die beiden Testamente lesen wie die Mythologien und Religionsbücher der Heiden - haben denn die gläubigen Christen, welchen die Bibel wahrhaftig Gotteswort ist, die Bibel wirklich? Lesen sie täglich darin? Sind sie aufs Hören durchs Lesen gerüstet? Und forschen sie nach der Predigt in der Schrift, ob sichs also hält? Lesen sie ganze Bücher der Heiligen Schrift? Nicht bloß die des neuen, sondern auch des Alten Testaments? Fischen sie nicht bloß die fettgedruckten Stellen heraus, sondern erlernen sie dieselben in ihrem Zusammenhang? Ist es ihnen um mehr zu tun als um ein tägliches Manna, um eine Losung für besondere Zeiten? Gilt es ihnen, den ganzen großen, wunderbar gefügten Reichtum der Gotteswahrheit sich anzueignen? Die evangelische Kirche bekennt dem Evangelium gemäß, dass der sündige Mensch vor Gott gerecht werde ohne des Gesetzes Werk allein durch den Glauben an Jesum Christum. Und auf diesem Artikel, sagt Luther in den Schmalkaldischen Artikeln, steht alles, was wir wider den Papst, Welt und Teufel lehren und leben. Von diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erden und was nicht bleiben will. Dreimal in der Geschichte des Reiches Gottes ist dieser Artikel wider die falsche Gerechtigkeit der eigenen Werke, in welcher der Mensch so gern einherstolziert, mit Geistesmacht festgestellt worden: das erste Mal durch Paulus wider die Pharisäer, das zweite Mal durch Luther wider die Römischen, das dritte Mal wider die Rationalisten durch die erneuerte Theologie dieses Jahrhunderts. Aber in der Aufräumung mit dem Rationalismus, der scheu an der Lehre von der Erbsünde, von dem versöhnenden Blut Jesu Christi, von der Gerechtigkeit aus dem Glauben allein vorübergeht, der die Sünde für eine bloße Hautkrankheit ansieht, Christi Werk für ein bloßes Tugendbeispiel, des Menschen Erlösung in eine bloße Besserung verwandelt, sind wir noch immer begriffen. Was ist denn offenbarer, als dass ich sündig bin und vor Gottes Heiligkeit nicht bestehen kann, dass ich mir selbst von der Sünde nicht helfen und dem Gesetze Gottes nicht genug tun kann, und was sollte willkommener sein, als die Botschaft von der Gnade, von Christus und der Friede der Sündenvergebung, den die Gnade dem Glauben darbietet? Aber wir wissen, dass viele evangelische Christen dahingehen, ohne den Mut der Selbsterkenntnis und der Gotteserkenntnis und wo sie noch glauben an Gott, Unsterblichkeit und Vergeltung, sich einbilden, der Himmel werde sich vor ihrer Trefflichkeit weit austun. Die äußersten Enden berühren sich. Die gegen Rom protestieren ohne die Kraft des Evangeliums zu erfassen, wollen wie die Römischen durch gute Werke selig werden. Ists nicht die Kirchlichkeit, das Beten, Fasten und Almosengeben, so muss es die Ehrbarkeit tun, die Familienliebe, die Berufstreue, die Menschlichkeit, soviel davon ohne Glaubensgemeinschaft mit dem Heiland zu haben ist. - Die evangelische Kirche hat immer gelehrt, dass aus der Sündenvergebung das Nichtmehrsündigen, aus der Gnade die Dankbarkeit, aus dem Glauben das neue Leben sich unmittelbar ergebe. Paulus hat es den Gerechtfertigten zu deutlich gesagt: haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebet Gott in Christo Jesu, unserem Herrn. Und Martin Luther hat es in der Vorrede zu Paulus Brief so durchschlagend ausgesprochen: dass der Glaube ein lebendig, geschäftig, mächtig Ding ist, dass er nicht fragt, ob gute Werke zu tun seien, dass er sie, ehe er fragt, schon getan hat und immer im Tun ist, dass gute Werke vom Glauben so wenig mögen geschieden werden wie Brennen und Leuchten vom Feuer. Aber wir müssen klagen, dass das Brennen und Leuchten, das vom Glaubensfeuer kommt, nicht mächtig genug gespürt wird, dass es an den lebenden Fackeln fehlt, welche in friedlichen Tagen hellen Schein für die Nachfolge bieten und im Sturme der Verfolgung nur heller lodern. Nicht fehlt es an Beweisen des Glaubens in ehrbarem Wandel, frommer Häuslichkeit und barmherzigen Werken. Aber der ganze Christenmensch, der aus der Rechtfertigung herauswächst, der im Glauben aller Dinge Herr und in der Liebe aller Menschen Knecht ist, der sich Gott ganz und gar ergibt und in allem seinem Leben die Flamme der Begeisterung spüren lässt, der auf das Wort: alles ist euer! antwortet: ich aber bin Christi, der ist unter der Menge doch eine seltene Erscheinung. Welch einen Helden rüstet Paulus aus! Da steht er stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke, ganz bedeckt von dem Harnisch Gottes, die Lenden mit Wahrheit umgürtet, die Brust mit dem Panzer der Glaubensgerechtigkeit geschützt, an Beinen gestiefelt zu treiben das Evangelium des Friedens, auf dem Haupte den Helm des Heils, in der linken Hand den Schild des Glaubens, in der Rechten das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes! Indem wir diesen ganzen Mann in Christo anschauen, fällt uns die letzte Schuld aufs Herz. Was uns Luther gepredigt vom geistlichen Stand aller Gläubigen, vom allgemeinen Priestertum aller, die in Christo Jesu sind o wie wenig haben wirs uns zu Herzen genommen! Es gibt mehr fromme Frauen als fromme Männer. Das mag bei den Katholiken wahr sein wie bei uns. Aber hat es nicht den Anschein, als ob die römische Kirche, welche das Priestertum hoch über die Laienwelt stellt, besser als wir auch ihre Laien geschult hätte, die Kirche zu verteidigen und zu mehren? Warum fehlen die evangelischen Männer auch in der Kirche, in welcher das Evangelium mannhaft gepredigt wird? Warum gibt es in den Presbyterien so viele Laien, welche den Dienst des Evangeliums eher hindern als fördern? Wenn die Geistlichen auf den Kanzeln das Evangelium zu verantworten haben, warum tuns die Professoren und Richter und Räte nicht fleißiger in anderen Versammlungen? Und im Reichstag und Landtag - werden sich nicht endlich gläubige Volksboten finden, nicht um ein protestantisches Zentrum zu bilden, aber um an jedem Punkte, wo die Volkswohlfahrt mit dem Evangelium sich berührt, einen deutlichen Klang der evangelischen Trompete hören zu lassen?

Wenn wir erst das Erbe der Väter, das evangelische Wort, den evangelischen Glauben, das evangelische Priestertum, das aus dem Glauben stammt, als lebendigen Besitz uns wieder zugeeignet, dann können wir auch wie die Väter gegen Rom protestieren. Wir wissen das Katholische in der römischen Kirche wohl zu schätzen: das Bekenntnis zu den großen Grundtatsachen des Heils, die Wolke der Zeugen, die im Laufe der Zeit ihren Christenglauben durch opferwillige Hingabe an das Wohl der Menschheit erwiesen haben, die frommen Christen unserer Tage, denen „römisch“ nur Beiname ist, der Hauptname „christlich“. Aber wenn in der Kirche Roms heute dieselben Schriftwidrigkeiten im Schwange gehen wie einst, wenn die Schildträger Roms unsre Kirche mit ungemindertem Hasse angreifen, wenn Rom noch immer den Beruf des deutschen Volks, das Evangelium in seiner tiefsten Innerlichkeit zu fassen und in seiner ganzen befreienden Kraft zu verkünden, schädigt - wie könnten wir jenes alte gläubige Protestieren mit der Bibel in der Hand lassen, in welchem der Luther von Worms und Speier uns vorleuchtet. Protestantischen Ton haben viele evangelische Männer im vergangenen Jahr bereits in öffentlicher Rede angeschlagen, vielen Glaubensgenossen zur Herzenserfrischung - nicht allen. Seit ich in Berlin über wahre und falsche Parität gesprochen, war das Ja und Amen, das mir sofort aus dem Kreise der Hörer entgegenkam, die dankende und beifällige Zuschrift, die mir ins Haus gesandt ward, doch nicht der einzige Widerhall, den ich vernahm. Die anonymen Unflätereien, die mir brieflich ins Gesicht gespritzt wurden, und die Klagen der römischen Presse, dass wir ohn' allen Anlass den Frieden störten, erschienen mir grade nicht verwunderlich. Den namenlosen Konvertiten, die mir weissagten, meine Rede werde viele, die auf dem Sprunge in die römische Kirche ständen, nur antreiben, diesen Sprung zu tun, und den „evang. Pastor em.“ am schönen Strand der Elbe, der die für einen Lutheraner überaus verwunderliche Logik feilbot: wenn wir Evangelische das Wort Gottes in heiliger Schrift für vom Geiste Gottes eingegeben hielten, warum wollten wir den Katholiken nicht zugestehen, auch ihren Papst für unfehlbar durch Geisteseingebung zu halten sah ich als Leute an, wie sie jede Zeit bieten wird: als autoritätssüchtige, die froh sind, wenn sie nur irgend eine Autorität gefunden haben, ob sie auch, statt auf dem Felsengrund des Gottesworts, nur auf der Grille, dem Einfall, der Anmaßung beruht. Aber auch in der eigenen Kirche und nicht bloß unter denen, welche der Solidarität mit den Römlingen von der liberalen Presse geziehen werden, nein, bis in die den Liberalen nahe verwandten Kreise hinein, ging die Rede, dass ich mit meiner offenen Aussprache einen großen „politischen Fehler“ begangen habe. Nun ist es mir neu, dass man einen politischen Fehler begehen kann, auch wenn man keine Politik treibt. Dies aber war mein Fall. Ich hatte den Eindruck gewonnen, als ob in Deutschland das Zeugnis von der evangelischen Wahrheit unter der Politik gelitten hätte. Darum trat ich vor meine Hörer mit dem ernstesten Verlangen, nicht als Politiker und Theologe, sondern einfach als deutscher Mann und evangelischer Christ zu reden. Ich hoffte evangelische Wahrheit zu bekennen, die zu jeder Zeit und unter jeder politischen Strömung wahr sei - vor und nach dem Kulturkampf, vor oder nach den Wahlen, unter einem liberalen oder konservativen Ministerium, unter dem Schuh oder der Ungunst des Herrschers. Ich hoffte, die religiöse Frage „lauter und abgeschieden von jeder Beimischung, Trübung, Verwirrung“ auf die Tagesordnung bringen zu können. Dass ein starkes, aber durchaus unpolitisches Betonen der evangelischen Wahrheit als ein politischer Fehler angesehen ward, bewies mir nur, dass es recht nötig geworden, durch evangelisches Zeugnis solche politische Fehler zu begehen. Wollen wir Evangelische denn auch, wie's in Rom geschieht, aus Gründen der Zeitgemäßheit die Antriebe des Gewissens ruhig stellen? Oder kann es für unser Volk heilsam sein, wenn die evangelische Wahrheit durch Verwicklung mit der Politik an der Gunst und dem Hass der Politiker teilnimmt? Es ist ja freilich eine Tatsache, die zum Nachdenken reizt, dass in Deutschland fast durchgängig eine bestimmte kirchliche mit einer bestimmten politischen Überzeugung aufs genaueste verwachsen ist. Wie gedankenlos dies Verwachsensein sich oftmals ausnimmt im Grunde mag es doch ein Zeugnis für die deutsche Art sein, welche die Dinge durchdenkt, um zu einer einheitlichen Lebensanschauung zu kommen. Der ausgesprochene Atheismus vermählt sich mit dem revolutionären Sozialismus. Dieselben Leute, welche auf politischem Gebiete für ziellosen Fortschritt arbeiten, möchten die Kirche in bekenntnislose Gemeinden auflösen. Der gebildete, wohlanständige und wohlhabende Liberalismus, der auf politischem Gebiete von der Freiheit und der Bildung alles erwartet, auch den Wohlstand, schwärmt für protestantische Geistesfreiheit und Versöhnung der zurückgebliebenen Kirche mit der vorausgeeilten Kultur. Es gibt in dem Staat wie in der Kirche eine Mittelpartei, welche die Wahrheit in der Mitte sieht, die politische in der Mitte zwischen den Liberalen und Konservativen, die kirchliche in der Mitte zwischen Lehrfreiheit und Lehrzucht. Die Männer endlich, welche der Regierung zumuten, dass sie wirklich das Volk leite, auch durch Widerstand gegen die wilde Freiheit und durch Schutz der Abhängigen, muten dem Regiment in der Kirche zu, dass sie das Bekenntnis schütze und Zucht gegen die Glaubens- und Sittenlosigkeit ihrer Glieder übe. Dürfen wir uns dieses Ineinander politischer und kirchlicher Anschauung, ob es auf durchdringendem Denken oder auf geistiger Bequemlichkeit beruht, einfach nur freuen? Kann nicht das Wachstum religiösen Lebens durch diese Solidarität politischer und kirchlicher Interessen geschädigt werden? Nehmen wir an, dass die volle evangelische Wahrheit bei den konservativen Gruppen zu finden sei - wird dann der Sozialdemokrat, Fortschrittler, Liberale, der die brennende Frage aufwirft: was muss ich tun, dass ich selig werde? gegen die evangelische Wahrheit nicht misstrauisch werden, wenn ihre Träger zugleich eine missliebige Politik vertreten? Und wenn wir freilich behaupten müssen, dass die tiefe Weltanschauung des evangelischen Christentums bei folgerichtigem Denken weder mit dem liberalen Optimismus, noch mit dem fortschrittlichen Individualismus, noch mit dem sozialen Kommunismus sich verträgt, so vergessen wir zugleich nicht, dass das verborgene Leben mit Christo in Gott anfangs überhaupt vor der Politik sich zu scheuen pflegt oder altgewohnte politische Wege unbefangen weiter geht. Kurz: wir halten es für ein nationales Unglück, dass so viele ehrliche Seelen, die dem Evangelium fern stehen, ihm auch darum nicht näher kommen, weil sie das evangelische Bekenntnis am lautesten von solchen Lippen hören, von deren politischen Kundgebungen sie sich abgestoßen fühlen. Und unerlässlich für die ernsten Christen halten wir darum keine weitere politische Überzeugung, als dass Deutschland ohne das Evangelium von Christo nicht bestehen und gedeihen kann, und dass die Gottesfurcht dem König die Ehre gibt, die ihm gebührt, und dass der Ordnung Gottes widerstrebt, wer der Obrigkeit nicht um des Gewissens halber untertan ist. Wenn aber demnach die Solidarität kirchlicher und politischer Überzeugung keine unbedingte sein darf, wenn die religiöse Wahrheit zu heilig ist, um die Verantwortung für politische Verfehlungen der Partei auf sich nehmen zu können, dann braucht auch das evangelische Zeugnis nicht auf günstige politische Zeit zu warten und die Anklage gegen dies Zeugnis, dass es ein politischer Fehler gewesen, ist nur ein Grund mehr, dass es zu jeder Zeit sich hören lasse.

Schwerer als der Vorwurf eines politischen Fehlers wiegt ein andrer, der nicht so laut sich erhoben, aber doch deutlich zu vernehmen war, der Vorwurf der kirchlichen Streitsucht. Es sind namentlich Christen von lutherischer Konfession und streng konservativer Gesinnung, welche Frieden mit Rom predigen, mehr Laien als Theologen, mehr Frauen als Männer. Wo die Lutheraner gründlich das Papsttum studiert haben, oder wo sie im Leben mit seiner Anmaßung zusammengetroffen sind, da sprühen sie wie Luther Zorn über diese Rebellion gegen Gottes Wort - aber wo Studium oder Erfahrung fehlt, wie ist das lutherische Schwert, vielleicht gegen Union und reformierte Kirche scharf geschliffen, mit Wolle umwickelt gegen Rom! Die sich rühmen, der Kirche der reinen Lehre anzugehören, wie viel unreine Lehre können sie von Rom vertragen! Immer wieder wird auf das apostolische Glaubensbekenntnis hingewiesen, als auf eine starke Gemeinsamkeit, in welcher wir mit der römischen Kirche stehen, und immer wieder wollen wir die Gemeinsamkeit gelten lassen, wo der geglaubte Glaube mit glaubendem Glauben ins Herz genommen ist, wo der arme Sünder den Zug des Vaters zum Sohne gespürt hat, nicht bloß des heiligen Vaters Hereinnötigen in die Kirchenanstalt, wo der Sohn den Sünder mit Gott versöhnt hat und diese Versöhnung nicht durch das Verdienst der Heiligen entwertet ist, wo der Geist Christum im Geiste verklärt und nicht in die innerlichste Gemeinschaft, die es gibt, des Gottesgeistes mit unserem Geiste, eine falsche Mittlerschaft sich hineindrängt. Aber Eins ist bei diesem Betonen des apostolischen Glaubensbekenntnisses als Bandes mit Rom von seiten ernster Christen unbegreiflich: ihre gutmütige Vergesslichkeit. Hat denn Rom in Luthers Tagen das Apostolikum nicht auch bekannt - warum hat sich denn Luther von Rom losgerissen? Und wenn die Kirche Roms seit Luthers Tagen nicht evangelischer, sondern unevangelischer geworden - wie könnt ihr euch nach Luthers Namen nennen, ohne mit Luther gegen den menschlichen Wahn zu kämpfen, welchen Rom für göttliche Offenbarung ausgibt? Habt ihr denn vergessen, was drüben und hüben gelehrt wird, oder ist euch in eurer Sehnsucht, euch mit der Kirche, die so stramme Ordnung hält, gegen die Revolution zu verbinden, alle Gabe der Unterscheidung verloren gegangen? Nehmt doch ein Buch, das über die Unterschiede belehrt, zur Hand, etwa das des Lutheraners Graul, oder lest des Lutheraners Philipp Wackernagel Kirchenlied, was er über Marienlieder und Mariendienst sagt, ob euch die Augen aufgehen? Wohlan, ihr glaubt doch, dass die einzige Quelle, aus der die seligmachende Wahrheit geschöpft werden kann, die Heilige Schrift ist, als das Wort unsers Gottes könnt ihrs denn ruhig mit ansehen, dass Rom die Quelle mit Tradition und Satzung verschüttet und nirgends Eifer zeigt, die Bibel unter die Leute zu bringen, dagegen die Bibelübersetzungen der Evangelischen verfolgt? Ihr glaubt doch, dass Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, das für uns in die Erde gefallene Weizenkorn, der uns mit Saft erfüllende Weinstock, unser guter Hirte, unser hochgelobtes Haupt, der Prophet, durch welchen der Vater sein letztes Wort mit der Menschheit geredet hat, der Hohepriester, der ein für allemal das Opfer der Versöhnung gebracht hat, der König, der bei uns bleibt alle Tage bis an der Welt Ende könnt ihrs denn ertragen, dass dieser Christus, von Gottes Gnaden und eures Glaubens wegen euer Eins und Alles, in der römischen Kirche die anmaßliche Statthalterschaft des Papstes, die widersinnige Nachhilfe der Heiligen und das unziemliche Hineinstellen seiner geliebten Mutter ins Allerheiligste der Gottesgemeinschaft sich gefallen lassen soll? Ihr glaubt doch, was Luther in der Vorrede zum Römerbrief vom Glauben sagt, dass er nicht ein menschlicher Wahn, sondern eine Geburt aus dem Heiligen Geiste sei, dass er den Menschen durch und durch erneure, dass in ihm allein das rechte Verhältnis zu Gott und den Brüdern, das rechte Wirken und das rechte Leiden gegeben sei und ihr wolltet euch mit einem Glauben zufrieden geben, wie er in Rom befriedigt, der nur ein Werk ist und darum des Zuschusses von Werken bedarf? Ihr glaubt doch, dass der Segen des Abendmahls an der schriftmäßigen Verwaltung desselben hängt und kennt die Aufforderung des Herrn: Trinkt alle daraus und die römische Kelchentziehung sollte nicht allein schon genügen, euch die römische Unlust an der göttlichen Wahrheit zu offenbaren? Ihr glaubt doch, dass dem Menschen der Gewinn der ganzen Welt nichts hilft, so er an der Seele Schaden nähme, dass um des Gewissens willen der Christ Gott mehr gehorchen muss als den Menschen, dass das in Christo gebundene Wissen eine unübersteigliche Schranke bildet gegen alle Zumutungen, durch welche das Gewissen geschädigt werden soll, dass das apostolische: wir könnens ja nicht lassen, das Luthersche: ich kann nicht anders, Triumphe des Gewissens gegen die weltliche und geistliche Macht gewesen – und ihr werdet nicht misstrauisch gegen eine Kirche, deren Oberhaupt es auf sein Gewissen nimmt, nicht dem Verstande allein, sondern auch dem Gewissen das Selbstopfer zuzumuten? Ihr glaubt doch, dass es eine tiefe Gemeinschaft der Gläubigen mit Gott gibt, ein seliges: Du bist mein und ich bin dein, von dem Paulus Röm. 8 ein hohes Lied singt: Ich bin gewiss, dass nichts, durchaus nichts mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist und ihr spürtet keine Empörung über die Zudringlichkeit Unberufener, die es wagt, dem Zeugnis des Heiligen Geistes in eurem Geiste zuzurufen: du lägst? Luther hat doch diese Empörung in seinem redlichen Gemüt lebhaft empfunden. Er zeugt in den Schmalkaldischen Artikeln dawider, dass der Papst binde, wo Christus gelöst hat: „Da stehen alle seine Bullen und Bücher, darinnen er brüllet wie ein Löwe, dass kein Christ könne selig werden, er sei denn ihm gehorsam und untertan in allen Dingen, was er will, was er sagt, was er tut. Welches alles nichts Anderes ist, denn alsoviel gesagt: Wenn du gleich an Christum glaubst und alles an Ihm hast, was zur Seligkeit not ist, so ists doch nichts und alles umsonst, wo du mich nicht für deinen Gott hältst, mir untertan und gehorsam bist.“ Wahrlich, die Zeit ist noch nicht da, sie wird auch nie kommen, da wir das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes, das Schwert, welches uns Luther zum Kampfe gegen Rom in die Hand gedrückt, in die Scheide stecken dürften, und auch den Schwerthieb dürfen wir nicht unterlassen, dass wir zu Rom sprechen: auf dem Wege, den du gehst, reifst du mehr und mehr das Antichristische in dir aus! „Ich für mein Teil kann doch in unseren Tagen keinen ausgeprägteren Typus des Antichristischen erkennen als das vatikanische Papsttum,“ so hab' ich im September öffentlich geredet. Wie? so lautete die einwendende Rede, die katholische Kirche sollte der Antichrist sein, in der doch so viele, auch uns Protestanten beschämende gute Christen sind? Nicht die katholische Kirche und nicht die frommen Christen in ihr hab' ich genannt, sondern das vatikanische Papsttum. Wie? Der Antichrist sollte der Papst sein, gibt es denn nicht viel gefährlichere Feinde Gottes in unseren Tagen? Aber nicht an Leo XIII hab' ich gedacht, sondern an das römische System, in dessen Banden jeder Papst geht und nicht den Antichristen hab' ich das vatikanische Papsttum genannt, sondern einen Typus des Antichristischen. Wie? gerade das vatikanische Papsttum sollte gegenwärtig der ausgeprägteste Typus des Antichristischen sein? Hast du denn die Sozialisten und Nihilisten vergessen? Gewiss nicht. Ihre Losung, seit 1848 wohlbekannt, hab' ich ausdrücklich genannt: „Fluch dem Gotte, dem blinden und tauben, zu dem wir vergeblich gebetet im Glauben, auf den wir vergeblich gehofft und geharrt er hat uns gefoppt, er hat uns genarrt!“ Aber wie ist's denn möglich, dass irgendetwas antichristischer gefunden werde, als diese Gotteslästerung? so entgegnet man aufs neue. Es gilt auch hier an die Bibel sich halten. Nach meiner Schriftkenntnis, nach meiner Auffassung des zweiten Briefes an die Thessalonicher und der Offenbarung Johannis, liegt das Antichristische nicht in der Auflehnung wider Gott an sich die hat der atheistische Sozialismus am nacktesten ausgesprochen - sondern in der Auflehnung wider Gott, die sich den Schein der vollendetsten Gottesfurcht gibt. Diese entsetzliche Verbindung des Anspruchs, Gottes Stellvertreter auf der ganzen Erde zu sein mit dem ungescheutesten Ungehorsam wider Gottes Offenbarung, das macht das Antichristische im vatikanischen Papsttum. Dieses Papsttum stellt das Wort Gottes unter den Scheffel und seine Einfälle auf den Leuchter, Wahrheiten, die vom Geist Gottes geschrieben stehen, verwirft es und schafft Wahrheiten, die Dunst sind, wie seine Unfehlbarkeit, ja schafft Tatsachen, die gar nicht sind, wie die Ausnahmestellung der Maria in der ganzen Kette des Menschengeschlechts. Dieses Papsttum mischt sich in die gesamte Gestaltung der menschlichen Verhältnisse; über die gekrönten Häupter, die von Gott ihr Königtum zu Lehn haben und über die mit Gnade und Barmherzigkeit gekrönten Gotteskinder, nimmt es wider Gott eine Entscheidung in Anspruch. Es nennt seine Kirche die heilige katholische und die Gemeinschaften, welche das apostolische Siegel des Glaubens an den Heiland und des Wandels in seinen Fußstapfen haben, belegt es mit dem Makel der Altkatholiken, der Ketzer. Es gießt seine Schmähungen aus über die Evangelischen als Abgefallene von der Mutter und die eigene Kirche bemüht es sich nicht, durch Buße und Beichte, durch Glaube und Heiligung zu reinigen. Es hebt die Diener seiner Kirche zur Würde der Priester empor, während doch seit Christus keiner Priester sein soll, oder alle Gläubige es sind, und es drückt die Diener der evangelischen Kirche zu Prädikanten herab, während sie doch nicht bloß auf der Kanzel, sondern auch am Altar und in der Hirtenarbeit an den Seelen ihres heiligen Dienstes warten. Es gibt sich das Ansehen, als ob es nur mit geistlichen Mitteln wirke, aber wenn ihm nur die weltliche Macht zu Willen wäre, seine Lehre ließe auch Gewaltmittel zur Erreichung kirchlicher Zwecke zu. Die Herrschaft der römischen Kirche, die bereits für Gottes Reich ausgegeben wird, nicht die Rettung der Seele und der Ausbau des Reiches Gottes, ist das Ziel des vatikanischen Papsttums. Wenn diese gewaltige Macht den Mut hätte, ihre Sünden und Gebrechen einzugestehen, wie's andere Mächte in dieser sündlichen Welt tun, warum wollte man ihr nicht auch zugestehen, dass sie der Welt Gutes erweisen könne? Aber die Unbußfertigkeit verbunden mit der Richterstellung über alle Erscheinungen der Christenheit, die Weltlichkeit verbunden mit der Behauptung, die heilige Gewalt auf Erden zu sein, ich wiederhole aus 2. Thess. 2, 4 das Sichüberheben über alles, was Gott oder Gottesdienst ist, das Sichsetzen in den Tempel als ein Gott der Schein höchster Gottseligkeit bei offenbarer Gottwidrigkeit, das gibt dem vatikanischen Papsttum sein apokalyptisches Zeichen.

Ganz Deutschland sei ja eine gemischte Ehe, so hat man gesagt, um zum Frieden zu mahnen, und aus der gemischten Ehe hat man die Folgerung gezogen, es müsse in Deutschland auch gemischte Schule sein. Aber hat man auch bedacht, dass in der gemischten Ehe wie in der gemischten Schule die römische Kirche den Löwenanteil davon trägt? Wenn in der gemischten Ehe, die zwischen Mann und Weib geschlossen wird, die römische Kirche ihrem Teil die Pflicht auflegt, den evangelischen katholisch zu machen, wollen wir denn verkennen, dass auch in der großen gemischten Ehe, welche deutsches Volk heißt, die katholische Kirche verpflichtet ist, die evangelische aufzusaugen? Und was die gemischte Schule betrifft, welche das ganze Deutschland umfasst, ist da die katholische Kirche nicht durch dickbändige Gelehrsamkeit wie durch fliegende Blätter geschäftig, den Evangelischen beizubringen, ihre Geschichte sei gefälscht und sie müsse sich über Luther und die Reformatoren von Geschichtsschreibern belehren lassen, die in Rom die Wahrheit, in Wittenberg die Lüge gefunden haben? Stellen wir uns doch nüchtern auf den Boden der Tatsache, dass Deutschland eine große gemischte Ehe, eine große gemischte Schule ist! Was soll geschehen? Wenn Rom seine Leute ermahnt: nimm, was du bekommen kannst! so wollen wir zu den unseren sagen: halte, was du hast! Der Kampf ist freilich ungleich, wir können dieselben Waffen nicht führen, wie die Römischen. Wir können nicht sagen: wer der Kirche des Papstes angehöre, sei von der Seligkeit ausgeschlossen; wer sich katholisch trauen und seine Kinder katholisch erziehen lasse, der lebe in einem unerlaubten und darum unsittlichen Verhältnisse, seine Kinder seien in den Augen der evangelischen Kirche unehelich; wer eine Seele von der katholischen Kirche zu der unseren herüberbekehre, der tue ein verdienstlich Werk. Wir können nicht dem Brautpaar die Hölle heiß machen für den Fall, dass es nicht alle künftigen Kinder evangelisch werden lasse, wir können, wenn etwa der katholische Vater gestorben sein sollte, die Mutter nicht in den Entschluss hineinängstigen, nun auch die katholischen Söhne evangelisch werden zu lassen. Es verträgt sich mit unseren sittlichen Anschauungen nicht, eine werdende katholische Gemeinde innerhalb der evangelischen Kirche in ihrem Wachstum zu stören, es ist gegen unsere kirchliche Gewohnheit, an Orten, wo die Evangelischen noch fehlen, unter den Katholiken einen evangelischen Altar zu errichten, in der Hoffnung, seien erst die toten Bausteine da, dann werden auch die lebendigen noch kommen. Es ist uns unmöglich, innerhalb des Staats die evangelische Zucht bis ins politische Parteiwesen hinein zu treiben und draußen unter den Heidenvölkern die katholischen Missionen zu verwirren. Man sagt wohl den evangelischen Geistlichen, wenn sie über katholische Übergriffe klagen: warum habt ihr nicht den schönen Eifer wie die katholischen? Wir antworten: die Kinder der Welt sind klüger in ihrem Geschlecht als die Kinder des Lichts. Weltliche Mittel der Bedrückung mit Gewalt, der Berückung mit List können wir nicht anwenden. Aber was wir können, wollen wir tun, um zu halten, was wir haben. Die evangelischen Hirten können wachsam sein. Wo an demselben Orte ein römischer und ein evangelischer Geistlicher das Amt führen, wo gar unter den Augen der katholischen Geistlichen die zerstreuten evangelischen Pfarrkinder ohne volle Pflege des entfernt wohnenden Hirten sind, da ist dem Priester nichts lieber, als wenn der Pastor ein träger Mietling ist, welcher der Schafe nicht achtet. Es gilt darum für den evangelischen Hirten: wachen, die Herde zusammenhalten, kein einziges Schäflein sich entreißen lassen und alle Mittel der Liebe und der Zucht, des Staatsgesetzes und des Gerichtsspruchs gebrauchen, dass der Widersacher seine Herde nicht unrechtmäßig mehre. Und während die Geistlichen ihr Wächteramt üben, können sie der Gemeinde zurufen: wachet! Sie dürfen nicht ablassen, im Unterricht der Jugend und in der öffentlichen Predigt die kirchlichen Schätze zu preisen, die uns die Reformatoren wieder gewonnen, die kirchlichen Unterschiede klar zu stellen, vor gemischten Ehen seelsorgerisch zu warnen, wenn sie eingegangen werden, gegen die Erziehung sämtlicher Kinder in der katholischen Konfession zu protestieren, wo diese dennoch zugesagt wird, die Trauung, wenn sie ausgeübt wird, die kirchlichen Ehrenrechte zu verweigern. Sie sollen auch beflissen sein, die konfessionellen Schulen aufrecht zu erhalten, namentlich die Schulen in der Diaspora, welche mit Liebesgaben der evangelischen Christen gegründet sind, die aus der Schule entlassene Jugend auf ihrem ferneren Lebenswege zu begleiten und überall zu mahnen: besteht in der Freiheit, damit euch Christus befreiet hat und lasst euch nicht wieder unter das knechtische Joch bringen!

Was soll aus Deutschland werden, wenn der Kampf der Kirchen auf seinem Boden aufs neue entbrennt? Gott weiß es. Wir Menschen können uns die kirchliche Zukunft Deutschlands etwa in einer vierfachen Möglichkeit vorstellen. Die erste wäre, dass der Kampf in ziemlich gleicher Stärke der Parteien fortdauerte, jeder neue Angriff von der einen Seite auf der anderen kräftigen Widerstand wachriefe, aber bei der die Tatsache, dass unter den Menschen immer die Gewohnheit eine große Macht ist und dass dieselbe den Übertritt von der einen Kirche zur anderen hemmt, in Deutschland immer die größere evangelische Kirche eine bedeutsame Minderzahl sich gegenüber haben werde. Die andere Möglichkeit wäre, dass aus der römischen Kirche bei neuem Anlass, den sie etwa durch eine neue Zumutung gegen das Gewissen gäbe und der eine volkstümliche Gegenbewegung hervorriese, in stärkerem Maße, als es in dem Altkatholizismus geschehen ist, die christlichen Elemente von den römischen innerhalb der katholischen Kirche sich schieden, wodurch dann der römische Rest immer deutlicher als undeutsch und unchristlich sich selbst kennzeichnete. Die dritte Möglichkeit wäre ein Sieg des Evangeliums in Deutschland, wie er in den Tagen der Reformation nahe schien, ehe die Jesuiten kamen und das verlorene Gebiet wieder zu erobern begannen. Die vierte Möglichkeit, dass das vatikanische Papsttum mit Hilfe der Jesuiten ganz Deutschland allmählig wieder katholisch machte - ists nicht heilsam, sie uns auch vor die Augen zu stellen? Und wen diese Möglichkeit erschreckt, was soll der tun? Wir Evangelische müssen uns in dieser gegenwärtigen Entscheidung vor allem fragen: haben wir die Wahrheit oder haben wir sie nicht? Haben wir sie nicht, haben wir nur irgendeine Weise, Zeit und Ewigkeit ins Licht der Religion zu stellen, und kann die Weise, welche die katholische Kirche hat, so trefflich sein wie die unsere, sprechen wir selbst zweifelnd: was ist Wahrheit? dann lassen wir Rom in Deutschland machen, wie es Lust hat und wir schlummern gut evangelisch weiter. Und die römische Kirche saugt die unsrige im Laufe der Jahrhunderte auf. Haben wir aber die Wahrheit und sind Gnade, Christus, Gotteswort, Glaube, Gotteskindschaft, neues Leben in Liebe und Friede, in Freude und Hoffnung die Klänge, die uns durch das ganze Wesen wie Auferstehungstöne dringen wohlan, dann haben wir die Pflicht nicht allein zu halten, was wir haben, sondern das höchste Gut auch anderen zu bieten. Es wird von den Evangelischen vergessen, dass ihr von Gott zugelassenes Zusammenwohnen mit den Katholiken ihres eigenen Volks innerhalb desselben Vaterlandes den Beruf für sie in sich schließt, denselben das lautere und ganze Evangelium zu bieten. Wir Evangelische müssen kampfesmutiger und siegesfröhlicher werden, Kirchen in größerer Zahl für die Evangelischen unter vorwiegend katholischer Bevölkerung bauen, die beste Geisteskraft und die wärmste Herzenslust daran wenden, allem Volke Christum vor die Augen zu malen, unser Schrifttum mit dem Salze des Evangeliums reichlicher würzen, in unserem Verkehr unseren Heiland einfältiger bekennen, und in immer größerer Glut der Barmherzigkeit das arme Volk mit leiblichem und geistlichem Brot versorgen. Hoffen wir, dass das bevorstehende Lutherfest eine evangelische Lohe anfache! Wer schreiben und wer reden kann, der helfe, dass unserem Volke sein Held gezeigt werde, wie er leibt und lebt, aber auch das Glaubensleben, zu welchem er die Christenheit erwecken wollte. Was der Glaube für die Seele, das Haus, den Beruf, die Gemeinde, das Volk, das Reich Gottes bedeutet, das werde vom neuen Jahre an aus der eigenen Erfahrung mit neuen Zungen gepriesen. „Nächst meiner geistlichen Geburt ins Reich Gottes hab' ich keinen höheren Vorzug, als dass ich durch meine leibliche Geburt deutschem Volke angehöre,“ das Bekenntnis wiederhol' ich, in der Zuversicht, auch jetzt reiche Zustimmung zu finden. An das Bekenntnis schließt sich die Hoffnung: das deutsche Volk werde immer deutlicher erkennen, dass es für seine nationale Einheit am Kaiser, für seiner Seele Seligkeit an Christus genug habe und weder für sein Volkstum noch für sein Christentum des unfehlbaren Papstes bedürfe!