Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner göttlichen Liebe. Amen.
Text: Ap. Gesch. II, v. 1-46.
Das letzte Fest der Kirche ist gekommen, die hochwichtigen Tage der Pfingsten sind angebrochen. Derselbe Herr, welcher am Himmelfahrtstage seinen königlichen Einzug hielt in den Himmel auf dem Wolkenwagen, erfüllt heute seine Verheißung, mit welcher er von den Jüngern schied, und sendet vom Throne seiner Herrlichkeit über sie herab die Fülle des Heiligen Geistes. Die Jünger waren sehr früh in den Tempel geeilt und hatten sich versammelt in einer der vielen Hallen des ungeheuren Gebäudes, das Morgenopfer war gebracht, immer höher stieg die Sonne am Himmel empor: da, auf einmal, geschah ein Brausen vom Himmel als eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Feuerflammen, wie Zungen gestaltet, erschienen in dem Saale, zerteilten sich über sie und ließen sich nieder über das Haupt eines jeden, und alle fingen an in neuen Sprachen zu reden, nachdem der Geist ihnen gab auszusprechen. Doch das Alles war nur etwas Äußerliches; der Wind, das Feuer, das Reden in fremden Sprachen war nur die Hülle, in der der Geist Gottes sein Wirken ankündete: die Hauptsache, die Seele des Festes, war etwas Innerliches. Der Apostel Petrus gibt sie an in seiner einfachen und doch so gewaltigen Pfingstpredigt: „Das ist's, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist: Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselbigen Tagen von meinem Geist ausgießen.“ Die Hauptsache war also die Erfüllung der Verheißung, welche der Herr am grünen Donnerstagabend kurz vor seinem Leiden ihnen gegeben: „Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch bleibe ewig; den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht; welche er am Auferstehungsabend durch sein Anhauchen sinnbildlich wiederholt und am Auffahrtsmorgen auf das bestimmteste erneuert hatte. Die Hauptsache war die Erhörung aller Gebete, welche sie in den zehn Tagen des Wartens inbrünstig an das Herz des Herrn gelegt hatten, die Ausrüstung der Apostel zu dem erhabensten Werk der Erde durch die Ausgießung des Heiligen Geistes. Sie wurden alle voll des Heiligen Geistes.
Indes diese erste Ausgießung, Geliebte, ist nur das Vorbild aller folgenden Geistesausgießungen, und bildet die Art und Weise vor, wie der Herr fortwährend seine Kirche regiert. Lasst sie uns am heutigen Tage näher anschauen, diese Geistesausgießungen, und da sie selbst etwas Innerliches sind, uns nach den Merkmalen umsehen, an denen wir sie zu erkennen haben. Prüfen wir unseren Text genauer, so ist unverkennbar diejenige Zeit eine Zeit der Geistesausgießung, wo 1) das Wort Gottes nach langer Dürre wieder rein und lauter verkündigt wird, und 2) wo in Folge dieser Verkündigung Erweckungen geschehen in Tausenden von Gemütern.
Trübe und finster sah es aus im Reiche Gottes zur Zeit Jesu Christi. Die reine Lehre des Alten Testaments war verdeckt durch eine Menge Menschensatzungen und äußere Religionsübungen, welche die Pharisäer eingeführt und dem Worte Gottes gleichgesetzt hatten, oder gar verkürzt und geleugnet durch die Sadduzäer, die einen ansehnlichen Teil der Heiligen Schrift verwarfen und nach ihren fleischlichen Gelüsten taten und annahmen, was ihnen gut dünkte. Da erschien der Herr und erfüllte das Gesetz und die Propheten; aber Israel verwarf ihn und schlug ihn ans Kreuz. „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; aber ihr habt nicht gewollt,“ lautete seine Wehklage, er stand auf aus dem Grabe, er fuhr auf gen Himmel; aber es blieb im Volke Alles beim Alten. Endlich brach das Fest der Pfingsten an, und wunderbar erfüllt vom Heiligen Geist stand Petrus auf im Kreise der Jünger und verkündigte dem staunenden Volke das Evangelium: Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesum von Nazareth, den Mann von Gott unter euch mit Taten und Wundern und Zeichen beweist, welche Gott durch ihn tat unter euch, denselbigen habt ihr genommen, durch die Hände der Ungerechten, und ihn angeheftet und erwürgt; den hat Gott auferweckt und aufgelöst die Schmerzen des Todes, des sind wir alle Zeugen. Nun er durch die Rechte Gottes erhöht ist und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr seht und hört. So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesum, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und Christ gemacht hat. Der Inhalt seiner Botschaft war Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der erniedrigte und erhöhte Gottessohn und Heiland, der fort und fort lebt in der Geschichte und seine Kirche regiert und den Heiligen Geist ausgießt über seine auserwählten Jünger. Und so oft diese Botschaft wieder verkündigt ward in der Kirche nach langem Stillschweigen, so oft ward es auch immer wieder lebendig auf den Totengefilden, die Gebeine regten sich und taten sich zusammen.
Blickt, Geliebte, in das Zeitalter der Reformation: ihr findet Ähnliches. Menschensatzungen, von herrschsüchtigen Priestern ausgegangen, kirchliche Glaubenssätze und strenge Lebensvorschriften, zur Unterjochung der Gewissen ersonnen und eingeübt, Missbräuche aller Art in allen Ländern verbreitet, hatten auch damals den Glauben der Heiligen Schrift in ein Gewebe voll Aberglauben verwandelt, aus welchem kaum die ursprüngliche und verhüllte Wahrheit heraus zu finden war. Die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit hatte prunkvollen Aufzügen und Umgängen, geheimnisvollen Zeremonien und unverständlichen Gebeten in fremder Sprache weichen müssen; der Sohn Gottes war mit einem Heere von Märtyrern und Heiligen umgeben, vor deren Glanze er völlig in den Hintergrund trat und nur zugänglich werden sollte ihren Fürbitten und Verdiensten; die Erlösung Christi und die damit verbundene Vergebung der Sünden aus freier Gnade Gottes war übergegangen in einen Handel mit Gold und Silber, und die allerseligste Grundlehre des Evangeliums zu einem Gegenstand des Spottes erniedrigt worden. Statt des unsichtbaren Herrn im Himmel thronte als sein sichtbarer Stellvertreter in gotteslästerlicher Majestät zu Rom der jedesmalige Papst, der, in seinen Worten unfehlbar, der Welt den Glauben vorschrieb, Kaiser und Könige ein- und absetzte, nach Gutdünken die Untertanen vom Gehorsam gegen ihre Obern lossprach, die festesten Verträge umstieß, die feierlichsten Eide löste, von den heiligsten Pflichten entband und alle Länder und Völker Europas tyrannisierte mit eisernem Zepter. Der Himmel gehörte nicht mehr Gott, die Kirche gehörte nicht mehr Christo, das Gewissen gehörte nicht mehr dem Menschen: Alles gehörte dem großen Pächter zu Rom, der es wiederum den Priestern und Mönchen verpachtete. Dem Volke war der Kelch im Abendmahl entzogen, den Priestern die Ehe verboten, in den Mörderhöhlen der Klöster wurde die Unschuld geschändet, Scheiterhaufen loderten auf für die Zeugen der Wahrheit, Marterbänke und Foltergerüste erpressten das falsche Geständnis nie begangener Verbrechen, und grausame Ketzergerichte verfolgten Alle, die es wagten, an den Entscheidungen und Lehren der Kirche zu zweifeln. Kurz, das Unwesen war so heillos geworden, dass die Steine hätten schreien müssen, wenn der Herr sich nicht lebendige Zeugen erweckt hätte. Nie hätte die Kirche so tief sinken können, wenn man nicht unvermerkt die Bibel dem Volke aus den Händen gewunden und allmählig zum Eigentum eines besonderen Standes gemacht hätte; aber auch das war gelungen, Millionen starben in der Christenheit, ohne eine Bibel gesehen zu haben, Luther hatte schon ausstudiert, als er noch nicht wusste, dass es außer den Evangelien und Episteln noch ein Wort Gottes gäbe; ja, die Geistlichen selbst waren mit der Heiligen Schrift unbekannt, oder verachteten sie als ein gefährliches Buch und verstopften die wahre und alleinige Quelle jeder Religionserkenntnis. Wie die Bibel wich, wich auch der Glaube der Apostel und die Reinheit der Lehre, und es verfiel je länger je tiefer das herrliche Gebäude der vom Sohne Gottes selbst gestifteten Kirche. Da winkte der Herr, der Geist wehte, und plötzlich wurde die verscharrte Bibel wieder an Tageslicht gebracht und in die Muttersprache übersetzt, plötzlich brach des Evangelii Ton wieder lauter und rein hervor im Zeugnis der Reformatoren, plötzlich drang wieder neuer Geist und neues Leben, Wahrheitsbesitz und Freiheitsgenuss in die entartete und erstorbene Christenheit. Der Herr sprach: „Es werde Licht,“ und es ward Licht.
Aber noch einmal verfinsterte sich das Licht in der Kirche, und was vor dreihundert Jahren die christliche Kirche überhaupt erfuhr, erlebte vor wenig Jahrzehnten, nur in anderer Gestalt, wieder die hergestellte evangelische Kirche. Auch sie geriet in einen tiefen Verfall, wie er nie da gewesen; es war freilich kein Aberglaube, der den Glauben verhüllte und verdunkelte, aber es war ein noch viel verderblicherer Unglaube, welcher nichts Geringeres bezweckte, als den Glauben aus der Welt auszurotten, indem er ihn selbst für Aberglauben erklärte. Man sah bald ein, dass nur auf den Trümmern des göttlichen Wortes das neue Schattenreich der Vernunft sich erheben könne; daher richtete man sogleich gegen jenes die entschiedensten Angriffe, verdächtigte das Wort des Lebens und die heiligen Verfasser desselben, verdrehte die Reden im Munde der Apostel, erklärte die Heilige Schrift geradezu für ein Buch wie alle andere Bücher, für eine zufällige Zusammenstellung alter, ungewisser Urkunden, für ein Geschreibsel halbschwärmerischer Menschen, das so bald als möglich aus dem Gedächtnis zu bringen sei. Man legte es in einer Flut recht geflissentlich verbreiteter Volksschriften und Romane darauf an, die Bibel in den Augen der Menschen um alle Achtung zu bringen, indem man die heiligsten Lehren, Worte, Geschichten, Personen derselben einem frechen Gelächter Preis gab, und überall nur von Fabeln und Märchen, von Bildern und frommen Betrügereien, von Unsinn und veralteten Lehrmeinungen redete. Als auf solche Weise das Wort, welches Millionen Licht und Leben gewesen und Trost und Frieden den Mühseligen, Kraft und Hoffnung den Sterbenden aller Jahrhunderte gegeben hatte, in seinen Grundfesten erschüttert war, da trat man kecker hervor, und ging auf die Grundlehren des Evangeliums selbst los, erklärte die Erbsünde geradezu für ein Gedicht, den Teufel und die Hölle für ein morgenländisches Märchen, die Lehre vom dreieinigen Gott für Abgötterei, den Glaubensartikel vom stellvertretenden Leiden und Sterben Jesu Christi für Schwärmerei und Wahn, ja, man sollte es kaum glauben, für Gotteslästerung. Sein eignes Ich machte man zum Gott, seine Vernunft setzte man auf den Richterthron zur letzten Entscheidung in göttlichen Dingen, und betete sie an wie die Kinder Israel das goldene Kalb in der Wüste, und unter dem Feldgeschrei von Aufklärung, Licht, Fortschritt der Zeit protestierte man immer entschiedener gegen den uralten Glauben der christlichen und evangelischen Kirche. Aber auch dabei blieb man nicht stehen; die Folgen wurden immer grässlicher. Bald verstummte in den Schulen neben dem gemeinschaftlichen Gebet und Gesang, besonders in den höheren Schulen, das Lesen und Lernen der Bibel, und die Jugend wuchs heran, - ich rufe euch Alle zu Zeugen auf, dass ich die Wahrheit sage - ohne die Bibel zu kennen, und wurde verwirrt, wenn man nach den zehn Geboten oder den Artikeln des Glaubens oder den Hauptstücken des Katechismus fragte. In den Häusern schwieg die Andacht und das Gebet; bald auch wurde das Kirchengehen und der Genuss des Abendmahls eingestellt. Im geselligen Umgange galt es für höchst unschicklich, das Gespräch nur irgendwie auf Gott und göttliche Dinge zu führen; jede Äußerung der Art zog ein verächtliches Lächeln und Achselzucken herbei, und die gottlose Welt tat sich viel darauf zugute, dass sie nicht zu den Frommen und Gläubigen gehörte. Wer Beifall und Bewunderung einernten wollte, durfte sich nur merken lassen, dass er über den alten Aberglauben erhaben und längst zu höheren, gereinigten Begriffen emporgestiegen sei. So riss man fleißig Alles ein, und konnte nichts wieder aufbauen; so betrog man sich selbst und seine Zeitgenossen um ihrer Seelen Seligkeit, und konnte ihnen nichts Besseres dafür wiedergeben. Verbrechen aller Art wurden immer vielfältiger, Wahrheit und Treue und Liebe immer seltener, Wollust, Betrug und Lüge galten gar nicht mehr für Sünde, sondern für erlaubt, sogar für notwendig durch die Verhältnisse; die Selbstmorde, die unehelichen Kinder, die Ehescheidungen, die Diebstähle, das Laster der Trunkenheit, kurz, die Sittenlosigkeit wuchs ins Ungeheure, - heute noch leiden wir an ihren schrecklichen Nachwehen - und mit dem Verfall des Glaubens war auch das Leben verfallen und ausgeartet. Da winkte der Herr, es wehte der Geist Gottes von neuem, äußerer Druck und langjährige Not weckten das Bedürfnis nach etwas höherem, und bald hallten die Lehrstühle und die Kanzeln wieder von der reinen und lauteren Predigt des Evangeliums, und wir können es nicht leugnen, in der Beziehung ist es seit zwanzig Jahren unendlich besser geworden, namentlich in unserer Stadt, es weht frische Frühlingsluft durch die Kirche des Herrn, Bibel- und Missionsgesellschaften tragen das Wort Gottes durch die Länder der Erde, die Könige legen in Demut Zepter und Kronen nieder zu den Füßen des Kreuzes, und die Gelehrten und Weisen der Zeit vernehmen aus dem Munde Jesu Christi die himmlische Wahrheit. Und wie auch daneben das Reich der Finsternis sich regt, das Licht des Evangeliums feiert seine Siege und Triumphe über die Erde.
Das erste Kennzeichen, dass auch unsere Zeit, Gottlob, eine Gnadenzeit, eine Zeit der Ausgießung des Heiligen Geistes ist, ist also vorhanden: das Wort Gottes wird lauter und rein wieder gepredigt. Wie steht es nun aber mit dem anderen, bedeutenderen Zeichen? offenbart sich auch die Wirkung des Wortes in der Wiedergeburt und den Erweckungen, wie am ersten Pfingstfest?
Lasst uns in unseren Text blicken. Da sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petro und zu den anderen Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? Die Sünde, die sie gegen Christum begangen, die Furcht vor den Strafen, die Gottes Gerechtigkeit nun über sie verhängen könnte, das Gefühl der Wahrheit der verkündigten Botschaft in ihrem Herzen, das Alles schlug blitzartig auf sie ein, machte sie unruhig, weckte sie auf aus dem Todesschlafe und legte die heilsbegierige Frage auf ihre Lippen: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Es war ihnen nun nicht mehr gleichgültig, wie sie zu Christo standen, sie wollten ihr Verhältnis zu ihm ordnen und das Heil ihrer Seele in Richtigkeit bringen. Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi, zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes; denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und Aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird. Buße und Taufe auf den Namen, d. h. den Glauben an Jesum Christum zur Vergebung der Sünden war es also, was er verlangte; denn das Heil, welches Christus uns erworben hat, kann uns nur zugutekommen, wenn wir es annehmen im Glauben; wir werden es aber nur annehmen im Glauben, wenn wir des Heils uns bedürftig fühlen; dieses Gefühl des Bedürfnisses ist aber dem Menschen nur eigen dann, wenn er seine Sünde, sein Elend, seine Rat- und Hilflosigkeit erkennt und nicht mehr weiß, was er anfangen soll, um den Sturm seines Innern zu beschwichtigen, das aufgeregte Gewissen zu beruhigen, und Trost und Frieden zu finden für das verwundete und zerschlagene Herz. Darum verlangte Petrus Buße und Glauben an Jesum Christum, und er konnte nichts anders als das verlangen; was die Welt ihm auch bieten, womit der hohe Rat auch drohen mochte, er verlangte es immer; es klang hart die Forderung und setzte große Demütigung und Selbstvernichtung voraus, er ließ sich aber nicht irre machen in seiner Forderung; es konnte Manches sogar dagegen von Seiten des natürlichen Menschen eingewendet werden, aber er schlug alle Einwendungen nieder mit der bestimmten Erklärung: Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi, zur Vergebung der Sünde, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ Und was geschah, Geliebte? Ihr Herz war getroffen, sie konnten nicht widerstehen, sie taten Buße, sie glaubten an Christum, sie ließen sich taufen, und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen. Dreitausend Seelen! Das war etwas Unerhörtes und Beispielloses, so hatte noch nie ein Wort gewirkt und Menschenseelen in Masse bekehrt. Dreitausend Seelen! Sie bildeten die erste christliche Gemeinde auf der Erde, die Erstlinge in der großen Ernte für die Ewigkeit. -
Indes auch dabei blieb es nicht; denn der Heilige Geist lässt sein Werk nie halb und unvollendet; von Tag zu Tage wuchs ihr inneres Leben und ihre äußere Gemeinschaft. Sie blieben beständig in der Apostel Lehre, und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Und alle, die gläubig waren worden, waren bei einander, und hielten alle Dinge gemein. Ihre Güter und Habe verkauften sie, und teilten sie aus unter alle, nachdem jedermann Not war. Und sie waren täglich und stets bei einander einmütig im Tempel, und brachen das Brot hin und her in Häusern, nahmen die Speise und lobten Gott mit Freuden und einfältigem Herzen, und hatten Gnade bei dem ganzen Volk. Der Herr aber tat täglich hinzu, die da selig wurden, zu der Gemeinde. Einfalt, Demut, Liebe waren die Äußerungen ihres Glaubens; Gebet, Lesen des göttlichen Wortes, Genuss des heiligen Abendmahls die Nahrungsmittel desselben. In der Tat, man kann diese Schilderung der ersten apostolischen Kirche nicht lesen, ohne im Innersten sich ergriffen zu fühlen und zu bekennen: Wenn das keine Ausgießung des Heiligen Geistes war, so gibt es keine! Es war nicht bloß der Tag der Pfingsten angebrochen, die Pfingstzeit der Menschheit war gekommen, und mit Fingern konnte man hinweisen auf das Heil Gottes.
Hat sich Ähnliches nicht wiederholt zur Zeit der Reformation? Als Luther, Zwingli und Calvin ihre vereinte Stimme erhoben gegen die Gräuel des Papsttums und die eingerissenen Missbräuche der Kirche, als sie Gottes Wort - in diesem Jahre wird es gerade dreihundertjährig, dass die Bibel zum ersten Male vollständig in deutscher Zunge und Sprache erschien - in unsere Muttersprache übersetzten und zu tausenden von Exemplaren verbreiteten, als sie durch Schriften, durch Predigten, durch Disputationen die Wahrheit verteidigten und ins Licht setzten, als sie sich keine Mühe verdrießen ließen und keine Anfeindung scheuten, um dem ewigen Worte Bahn zu brechen in die Herzen ihrer Zeitgenossen und der Nachwelt: zündete da dies göttliche Wort nicht an tausend Orten, lief es nicht mit Blitzesschnelle und unwiderstehlicher Gewalt über den Erdkreis? Es war aus Gott, darum konnte es nicht untergehen, und die Kirche entstand in verjüngter Klarheit und Schönheit aus ihren Trümmern, und sie besteht heute noch in dieser Gestalt, der Zahn der Zeit hat sie nicht umwandeln, die Angriffe der Widersacher haben sie nicht verletzen, die Pfeile des Spottes nicht erreichen, die Macht der Finsternis nicht gefährden können, und sie trägt an ihrer Stirn das große Wort himmlischer Verheißung, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen sollen.
Wie steht es nun aber, Andächtige, zu dieser unserer Zeit? Das Evangelium wird wieder an vielen Orten lauter und rein gepredigt, und Gott sendet es aus durch Scharen Evangelisten; aber geschehen auch die Erweckungen der apostolischen Zeit? und gibt es Gemeinden, gibt es Stellen der Erde, wo eine Predigt Dreitausende bekehrt? Es ist wahr, Großes bahnt sich an, und der Herr ist im Anzuge; an vielen Orten, wo früher Alles tot war, regt sich neues Leben; in der Heidenwelt werden die Fragen immer lauter und die Bitten immer dringender um Sendlinge und Heilsboten; aber eine allgemeine Erregung und Bewegung ist so wenig jetzt da, wie vor dreihundert Jahren und zur Zeit der Apostel; die dürfen wir auf Erden nie erwarten, es heißt und wird immer heißen, wie dort zu Jerusalem: „Sie entsetzten sich aber alle, und wurden irre, und sprachen einer zu dem anderen: was will das werden? Die Andern aber hatten's ihren Spott und sprachen: sie sind voll süßen Weins.“ Darum lasst uns die Frage bestimmter stellen: wie steht es mit uns und mit jedem Einzelnen unter uns? haben wir den Heiligen Geist empfangen und finden wir die Kennzeichen des Textes an uns, dass wir ihn empfangen haben? gibt es eine Stunde in unserem Leben, wo auch wir fragten: was sollen wir tun? wo geht der Weg nach Zion? wie finde ich Ruhe für meine Seele? - eine Stunde, in der alte Ahnungen wieder wach wurden und tief im Innersten unseres Gemüts eine Stimme tönte: also ist es doch wahr, du kannst noch ewig selig werden trotz deiner Sünden? - eine Stunde, in der wir uns arm, hilflos, verlassen, verloren und sündhaft fühlten, wie nie in unserem Leben, und ohne Zaudern zu Christo eilten, um bei ihm Hilfe und Trost zu suchen für unsere Seele? und ist es seitdem unsere Speise und Lust, immer mehr zu wachsen an dem, der das Haupt ist, Christus, und durch immer engeren Umgang mit dem Herrn, durch immer treueres Lesen des göttlichen Wortes, durch immer tieferes Eindringen in seine Gnade, durch immer größere Einfalt und Demut, ein lebendiges Glied zu werden an dem Leibe Christi, den ganzen Eigensinn und Eigenwillen des alten Menschen zu brechen, und die Hingebung und Sehnsucht unseres Herzens auszusprechen in den Worten, mit denen einst Saulus zu seinen Füßen lag: „Herr, was willst du, das ich tun soll? Rede, Herr, ich folge dir.“ Selig, wenn es so steht und der Geist Gottes unserem Geiste Zeugnis gibt, dass wir Gottes Kinder sind! Mögen wir uns oft auch noch sehr elend fühlen und mit heißen Tränen die Macht der Sünde in unserem Innern und unsere Ohnmacht zum Guten beweinen: wir sind doch selig, unser Bürgerrecht ist im Himmel, unser Name steht im Buche des Lebens, der Herr hat durch seinen Heiligen Geist sein Werk in uns angefangen und wird es herrlich hinausführen. Wie viel wir auch noch zu klagen und zu seufzen haben über uns selbst: wir müssen beim Blick auf die Gnadenwunder des Heiligen Geistes doch loben und danken und uns freuen in dem Herrn, und die Freude am Herrn ist unsere Stärke.
Wie aber? wenn wir den Heiligen Geist nicht empfangen haben oder gar sprechen müssen: wir haben auch nie gehört, ob ein Heiliger Geist sei? - Ach, dann ist es die höchste Zeit, dass wir fragen: ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? dass wir erschrecken über unseren Zustand, dass wir in uns gehen und sprechen: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sprechen: Vater, ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir, und bin hinfort nicht wert, dass ich dein Sohn heiße.“ Dann ist es die höchste Zeit, dass der Entschluss in uns Leben gewinne und Tat werde: es muss anders mit mir werden, so, wie es bisher war, kann es, darf es nicht mehr bleiben, in dieser Ungewissheit, ob ich ein Kind Gottes oder ein Kind des Verderbens bin, kann ich's nicht länger aushalten, und sollte ich Alles, auch das Liebste, daran setzen, sollte ich alle meine jetzigen Verbindungen, meine Verhältnisse, meine Freuden, mein Leben zum Opfer bringen, ich will ringen und beten mit heiligem Ernst, dass es besser mit mir werde. Ach, das Leben ist so kurz, wir wollen es nicht in Selbstbetrug verlieren; der Tod ist so gewiss, wir wollen ihn nicht zum König des Schreckens machen; wahrhaft grauenhaft klingt das Wort des Herrn: „Wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat,“ wir wollen es nicht darauf ankommen lassen, dass wir am Ende zu denen gehören, die nichts haben und dann Alles verlieren. Wir wollen heute und morgen und alle Tage von neuem Hände und Herzen zum Herrn erheben und ihn anrufen ohne Unterlass: „Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner göttlichen Liebe.“ Sind wir's gleich nicht wert, dass Du kommst und uns erhörst, wir sind's doch alle bedürftig, und Du willst ja nicht ansehen unsere Würdigkeit, sondern allein unsere Not und Bedürftigkeit. Komm denn und stille unsere Sehnsucht, taufe die Menschheit mit Deiner Alles durchdringenden Feuertaufe und erfülle mit Deinen himmlischen und unvergänglichen Gaben die ganze Christenheit. Komm zu den Millionen, die noch kein Pfingstfest feiern können, weil sie den süßesten aller Namen nicht auszusprechen wissen, und geleite zu ihnen die Füße der Boten, welche Frieden verkündigen. Komm zu den Millionen, die noch kein Pfingstfest feiern wollen, weil die Sünde sie abhält und die Lustgelage der Welt ihnen lieber sind als die Festtage in den Vorhöfen deiner Tempel. Komm, Geist des Vaters und des Sohnes, und erwecke die Leichtsinnigen, dass sie sich besinnen und ihre unsterbliche Seele retten, begeistere die Trägen, befestige die Wankelmütigen, erfreue mit Pfingsttroste die Traurigen und erquicke mit den Hoffnungen der ewigen Pfingsten alle, die im Sterben liegen und vielleicht heute noch davon müssen. Komm hernieder und segne uns Alle, Junge und Alte, Glückliche und Leidtragende, Gesunde und Kranke, Lebende und Sterbende, und gehe Keinem mit Deinem Segen vorüber; rette, was sich retten lässt, und vollende das Werk Deiner Erbarmungen, das Du in uns angefangen hast, bis auf den Tag Deiner Zukunft. Und einst, wenn die Tage des Wartens und des Betens vorüber sind - mögen sie nicht zu lange währen! - und Du uns reif findest für Dein Himmelreich: dann sende Deine Schnitter, die heiligen Engel, und hole uns heim zu den ewigen Pfingsten, die nimmer wieder untergehen. Amen.