Zinzendorf, Nikolaus von - Zitate

Der Weg zu Jesus

Ehe Jesus unser wird,
ehr wir unser selbst vergessen
und gesessen
zu den Füßen unsers Herrn,
sind wir fern
von der ew’gen Bundesgnade,
von dem schmalen Lebenspfade,
von dem hellen Morgenstern.

Ich wollte, daß alle Menschen den Heiland und Seine Wunden lieb kriegten und an Seinen Tod glauben lernten. Ich wollte, sie wüßten, daß der Geist, der Himmel und Erde erschaffen hat, für sie am Kreuz erblaßt ist. Daß Er das nicht für die Langeweile getan haben wird, das kann man wohl denken. Es wird also ein Nutzen und Rat für alle armen Sünder herauskommen sollen: daß keine Sünde, kein Verderben, keine alte Verkrummtheit im Bösen so groß sein kann, daß nicht Sein Tod und Verdienst noch mächtiger wäre, da herauszuhelfen.

Vor Gott gilt nichts, weder unser Laufen und Rennen noch unsere Buße und Besserung, sondern allein Sein Erbarmen, Christi Genugtuung und Versöhnung am Kreuz. Alle brauchen Christi Blut, das allein den zukünftigen Zorn tilgen, den Satan und die Hölle überwinden, das Herz reinigen, den Schaden heilen, die Liebe zur Sünde an der Wurzel ausreißen und alles gutmachen kann. Darum muß man sich nur um den Glauben an Christus recht bekümmern, alles andere aber so geschwind fahren lassen und vergessen wie ein Kind.

Wer keine Erkenntnis von der Größe der Erbsünde hat, der bittet um Vergebung, wie die Leute, die einem im Vorbeigehen unversehens stoßen, um Vergebung bitten. So bittet man Gott täglich um Vergebung, wenn etwa je etwas vorgekommen wäre, das ihm nicht sollte gefallen haben. Dieses Kavalier-Begehren kriegt auch ein dergleichen Vergeben. Wer so um Gnade bitte, der kriegt auch so Gnade. Wer aber im Sinn der Schrift selig wird und Vergebung der Sünde kriegt, der kriegt sie nicht von einer, sondern von allen Sünden auf einmal. Es wird reine Arbeit gemacht, was vorbei ist, das ist vorbei. Das ist der Akt der Vergebung der Sünden, der größten einer im ganzen geistlichen Leben.

Wer nicht Mut genug hat, sein Herz dem Heiland zu geben, der fasse nur den festen Entschluß, daß er’s nicht zurückhalten will, der Heiland wird sich’s schon selber holen, wenn es nur bereit ist, sich ihm zu lassen, wenn es nur nicht nein sagt, wenn Er sich meldet.

Man wird’s so gewohnt, liest es in der Bibel und hört’s lesen: „Wir bitten an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!“ Aber wenn man der Bitte recht nachdenkt, so stehen einem die Haare drüber zu Berge. Wir bitten euch an Christi Statt, der alle Dinge geschaffen hat; Er hat uns geschickt, daß wir euch bitten sollen, um was? Etwa euer Leben für Ihn zu lassen? Ach nein! Man schämt sich fast, den Gegenstand der hohen Bitte zu nennen. Der Apostel bittet eben, daß ihr doch so gut sein wollt, die Feindschaft gegen euren Schöpfer, der euch gemacht hat, fahren zu lassen und wieder gut auf ihn zu werden: Lasset euch versöhnen mit Gott!

Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, daß Er die Werke des Teufels zerstöre, den Zusammenhang der Sünden auseinanderreiße, daß es bei den Gläubigen nicht zur Lust und Tat komme, sondern das sündliche Verderben unter dem Fuß bleibe, seine Gewalt, Macht und Herrschaft verliere, sich nicht regen dürfe oder ein immer neues Abtun zu erwarten habe.

Wenn mir kam eine böse Lust,
so dankt ich Gott, daß ich nicht mußt,
ich sprach zur Lust, zum Stolz, zum Geiz:
Dafür hing unser Herr am Kreuz!
Da macht ich keinen Disputat,
sondern das war der kürzste Rat:
ich klagt es meinem Herrn so bloß,
da wurd ich’s immer wieder los.
Gelobet seist Du, Jesus Christ,
daß Du ein Mensch geboren bist
und hast für mich und alle Welt
bezahlt ein ewig Lösegeld!

Man hat nicht zuerst zu sorgen, wie man die Sünde lasse und fromm werde, sondern wie man Jesus als seinen Heiland erkennen lerne, so wird das andere von selbst folgen, nachdem uns der Sohn einmal frei gemacht hat. Denn der kann allein von Sünden befreien, Er allein kann auch in den verschiedenen Dingen raten und helfen, wo sonst kein menschlicher Rat nach Kraft hinreicht.

Christi Blut und Gerechtigkeit,
das ist mein Schmuck und Ehrenkleid,
damit will ich vor Gott bestehn,
wenn ich zum Himmel wird eingehn.
Und würd ich durch des Herrn Verdienst
auch noch so treu in Seinem Dienst,
gewänn den Sieg dem Bösen ab
und sündigte nicht bis ins Grab:
So will ich, wenn ich zu Ihm komm,
nicht reden mehr von gut und fromm,
sondern: da kommt ein Sünder her,
der gern fürs Lösgeld selig wär.

Was der Glaube wirkt

Dies ist das wunderbare Ding:
Erst dünkt’s für Kinder zu gering,
und dann zerglaubt ein Mann sich dran
und stirbt wohl, eh er’s glauben kann.

Wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß Er sei. Von dieser Pflicht kann uns der Heiland nicht entbinden. Wenn wir nicht glauben, so können wir Ihn nicht inne und gewahr werden. Wir müssen in dieser Zeit glauben, weil wir nicht sehen. Wenn wir also nicht glauben wollen, so können wir Ihn nicht haben.

Wenn der Glaube einmal angezündet ist im Herzen, brennt er bis ins ewige Leben.

Was ist die Sünde im neuen Testament? Etwa, daß man das und das unrecht macht, die und die böse Tat tut? O nein! Denn das Sündigen ist der Sünde Strafe, die Rute für die Sünde, die Peitsche für die Sünde. Wenn einer einmal einen bösen Gedanken nicht loswerden kann, zu dieser und jener bösen Tat kommt, so ist’s ebensoviel, als ob er die Rute kriegte. Für was denn? Für die Sünde! Was ist denn das eigentlich? Der Unglaube!

An Jesus nicht glauben – das ist die Sünde! Und wer in der einzigen Sünde steht, wird mit allen anderen Versündigungen als mit einer Rute gepeitscht und kann sie nicht loswerden. Und wenn er alle vierzehn Tage nur einmal äße und in acht Tagen nur zweimal schliefe und sich alle Marter in der Welt antäte, so käme er immer tiefer drein. Warum? Weil das die Sache nicht ist, sondern: er soll ans geschlachtete Lamm glauben.

Glauben heißt nicht, sich einen Gedanken machen, sondern des Heilandes Wirkungen wesentlich an seinem Herzen erfahren, ihnen stillehalten und sie liebhaben. Glauben heißt, wenn der Heiland faßt, daß wir auch fassen, wenn der Heiland umspannt, daß wir Ihn halten, und wenn Er tut, als wollte Er sich zurückziehen, daß Er sieht, wir haben den Unterschied gefunden zwischen den Bildern und Phantasien und zwischen dem Wesen, das wir aus Ihm haben.

Der Glaube ist die einzige Pflicht, die uns im Neuen Testament abgefordert wird. Denn alle die anderen Sachen, gute Werke, Pflichten, Regeln von allen Arten sind keine Pflichten mehr, keine Anforderungen, sondern Seligkeiten und Gnadenerlaubnisse, dabei einem überaus wohl ist. Ja, man wird bei dem Glauben an Jesus den Heiland gleich so gerecht, so heilig und selig, daß man seines Lebens erst recht froh ist.

Weil man im Neuen Testament nicht mehr sagt: Du sollst demütig, du sollst keusch, du sollst freigebig, du sollst arbeitsam sein, sondern: Ich bin durch das Blut des Sohnes Gottes vom Hochmut, von der Lust, vom Geiz, von der Faulheit erlöst, ich darf demütig, ich darf keusch, ich darf vergnügsam, ich darf arbeitsam sein; es ist mir erlaubt, und das hat mir das Blut Jesu zuwege gebracht – so hat man sich um nichts nötig zu bekümmern als um den Glauben.

Den Glauben mir verleihe
daß alles gut wird gehen;
die Fehler auch verzeihe,
die von mir sind geschehn.
Du wirst mich nicht beschämen,
weil Du verboten hast,
mehr über sich zu nehmen
als eines Tages Last.

Es hängt glauben, Vergebung kriegen und selig sein ganz fest aneinander, daß einer in der Stunde, da er glaubt, auch gleich Gnade kriegt und selig wird; und alsdann ist er auch gleich willig zum Bekennen und Nachfolgen.

Wer läßt nicht um Jesum Christ
alles fahren,
der gespürt hat, wer Er ist,
und erfahren,
daß uns solche Seligkeit
nichts kann rauben!
Mehr uns, Herr, den Glauben!

Ein Name über alle Namen

Du bist Herr –
Deine Knechte bleiben wir.
Deines Reichs zahllose Welten,
Deiner Kräfte offne Tür,
Deine ew’gen Herrlichkeiten
werden uns von auß und innen klar,
das ist wahr.

Man muß sich den Heiland als einen wahren Menschen vorstellen, wenn man Ihm ähnlich zu werden begehrt.

„Lieber Heiland“ ist der Titel unseres Herrn Jesu Christi – der nächste, der ordentlichste, der einfältigste; und ich kann ihn nicht ungekünstelter nennen, als wenn ich Ihn so nenne.

Die Wahrheit sehen und kennen oder den Heiland, das ist einerlei: denn ohne den Herrn zu sehen und zu kennen, ist keine Wahrheit zu erlangen. Wenn man aber Ihn hat und kennt, so hat man alle Wahrheit beisammen.

Das ist die große Sache aller Lehrer, daran sie sich totpredigen sollen:
Jesum vorzumalen,
wie Er uns zu bezahlen,
am Holz in Tod versank.“

Die trockenste Theologie, die die ganze Welt erfüllt, ist die, daß man immer vom Vater redet und den Sohn überhüpft. Diese Theologie hat der Teufel erfunden. Da denkt er, die Leute werden den Vater schon nicht zu sehen kriegen, ich will sie fein neben dem Heiland herumführen. Ich will ihnen ein Gaukelspiel von einem Vater vormachen. Damit behalte ich sie; und sie sollen immer denken, die Leute, sie seien sehr klug.

Er ist sanftmütig. Er ist gütig. Er ist von Herzen demütig. Ein Bettelmann hat soviel Recht zu Ihm als ein Kaiser. Wenn der Kaiser denkt: Ich halte mich an den Herrn Jesus, Er ist der König aller Könige und Herr aller Herren und wird’s ewig sein – das gilt mir, da spricht der Bettelmann: Ich halte mich an den Herrn Jesus; Er hatte nicht, da Er Sein Haupt hinlegte.

Da ist das große, unaussprechliche Kunststück, aufsehen auf Jesus, der, da Er ewige Freude hatte und auf dem Thron der Welten saß, es gar nicht zu viel achtete und nicht zu viel zu tun gedachte, wenn Er zu uns käme, sich in unser armes Fleisch und Blut verkleidete, der Schande nicht achtete, das Kreuz duldete, sich töten ließ, öffentlich Buße für das ganze menschliche Geschlecht tat und die Zornflammen über sich ergehen ließ, und wie Er fertig war, ging Er wieder hin, wo Er hergekommen war, setzte sich auf den Stuhl, wo Er gesessen hatte, und verklärte sich mit der Majestät, die Er hatte, ehe die Welt war. Auf den sehet hin, spricht Paulus, das ist der Hohepriester unserer Religion!

Wir können werden, wie Er, Jesus Christus, war. Wir können glauben, wir können lieben, wir können den Glauben und gut Gewissen bewahren wie Er. Das hat Er uns in Seinem Testament vom Vater ausgebeten, daß Er in uns und wir in Ihm sein und daß uns der Vater bewahren sollte. Das ist eine Sache von äußerstem Gewicht, die einen Eindruck in aller Herzen machen soll. Uns soll’s eine Freude sein, in Seine Fußtapfen zu treten und so zu wandeln, wie Er gewandelt ist. Denn wer solche Hoffnung zu Ihm hat, der reinigt sich, gleichwie auch Er rein ist, und wer da sagt, daß er in Ihm bleibt, der soll auch wandeln, so wie Er gewandelt ist.

Es ist kein Mensch in einer so elenden Gestalt und Figur, der sich nicht sollte erinnern und trösten können, daß Jesus auch einmal so gewesen ist wie er. Sein ganzes Leiden, Sein Tod und die Rechtfertigung an Seiner eigenen Person, wodurch Er Adams Fall gebüßt hat, ist kein Spiegelfechten und Blendwerk, sondern empfindliche Wahrheit gewesen. Darum müssen wir Ihn als einen treuen Hohenpriester ansehen und glauben, daß Er in der Zeit, die Er auf Erden zugebracht, uns in allen Stücken gleich geworden ist, in der Gemütsarmut und allen anderen Umständen auch gestanden hat, darunter Seine Kinder noch jetzt sich winden.

Wenn wir es auf den höchsten Grad gebracht haben, so wissen wir, daß wir Menschen sind, Er Hausherr, wir Knechte; Er Sohn im Hause, wir angenommene Kinder; Er Gott, wir Seine Kreaturen; wir Glieder, Er Haupt; Er hat das Leben in sich selber, wir haben’s von Ihm. Wir haben alles aus Seiner Gnade und Barmherzigkeit. Das bleibt fest: In Ansehung der Würdigkeit sind wir nichts gegen Ihn, kleine Stäublein und in keine Rechnung zu bringen. Wir haben alle Gnade, Kraft, Tugenden und Gaben von Ihm.

Ja, amen, da sind beide Hände!
Aufs neue sei Dir’s zugesagt:
Ich will Dich lieben ohne Ende,
mein Alles werde drangewagt!
Ach laß, mein Freund, mich Deinen Namen
und Deines Kreuzes Ehrenmal
nach Deiner Lieb und Gnadenwahl
an meiner Stirne tragen! Amen.

Im Dienst des Meisters

Hier hast Du uns alle
zu Deinen Befehlen!
Je mehr Du befiehlst,
je mehr Siege wir zählen,
denn Deine Befehle
sind so viel Versprechen,
durch alle verhauenen
Bahnen zu brechen.

Der Heiland ist so genau mit Seinen Knechten und Mägden verbunden, daß Er hinter allen ihren Kleinigkeiten wirklich steht. Was sie mit wahrer Freudigkeit tun, und zwar nicht aus Absicht, sich zu bereichern, ein gemächliches Leben zu führen, geehrt zu werden, sondern aus dem wahrhaftigen Grund: Es ist mein Amt, es ist mir befohlen, darum will ich’s von Herzen tun; das segnet, das regiert Er, das fördert Er, das schützt Er, da ist Er mit dabei.

Die Wanderschaft in dieser Zeit
hat manche rauhen Wege
und dem nur, der sich Jesus weiht,
gezeigte Friedensstege.

Da stärket unser lieber Herr,
der Herr voll Gnad und Liebe,
durch guten Weg dem Wanderer
die matt gewordnen Triebe.

Du bist der hoch geliebte Fürst
der Schwachen und der Kleinen,
nach welchem unsre Seele dürst,
Du ein’ges Gut der Deinen.

Hilf uns durch alle Schwierigkeit
und auch durch alle Schwächen
in gläubiger Verwegenheit
mit Sieg und Segen brechen!

Gib mir, was Du verordnet hast,
daß Deine Diener haben sollen,
wenn sie Dir nützlich werden wollen:
ein Joch, das meinem Halse paßt,
ein inniglich vergnügtes Herz,
ein Herz, besprengt mit Deinem Blute,
das Nötigste vom Heldenmute,
beim Lieben einen sanften Schmerz,
Geduld und Unerschrockenheit,
das Tun und Ruhn in gleichem Grade
und Beugung bei der größten Gnade
und Dein Verdienst zum Ehrenkleid,
ein Auge, rein und sonnenklar,
ein treues Ohr für alle Schäden,
gerührte Lippen, recht zu reden,
Gemeinschaft mit der obern Schar.

Christen sind nicht auf der Welt,
daß sie sich mit ihr erfreuen und gedeihen.
Ihr Beruf heißt: Jesus nach
durch die Schmach,
durchs Gedräng von auß und innen,
das Geraume zu gewinnen,
dessen Pforte Jesus brach.

Laß uns geringe sein,
und wenn Dir’s wohlgefället,
noch mehr zurückgestellt;
wir willigen darein.
Nur laß uns auch erfahren
in unsern Pilgrimsjahren,
daß eine kleine Kraft
gewisse Arbeit schafft.

Wer sich im Neuen Testament das Gute zum Gesetz macht, ist ein Narr oder ein Betrüger. Gutes tun ist keine Pflicht, sondern eine Lust der neuen Natur. Pflicht, heilig zu leben, nicht zu stehlen usw. ist ebenso geredet wie Pflicht zu essen oder Pflicht, sich nicht zum Fenster hinauszustürzen. Sobald man Liebe eine Pflicht nennt, weil es heißt: Du sollst Gott, deinen Herrn lieben – so ist’s wunderlich. Wer Gnade gekostet hat, der liebt; wer seines Schöpfers verdienstliches Leben und Sterben glaubt, der möchte sich totlieben.

Sei, o Herr, mit unserm Bunde,
laß uns leuchten als ein Licht,
das Du in der Abendstunde
auf dem Leuchter zugericht.
Unser Wille bleibe stille,
unser Mund und Hand vollende
die Geschäfte Deiner Hände.
Uns wird noch manch Stündlein schlagen;
so der Herr will, immer her!
Jesu Schmach ist leicht zu tragen,
selbstgemachte trägt sich schwer.
Wir sind Christen, die sich rüsten,
mit dem Herrn der Herrlichkeiten
dort zu prangen, hier zu streiten.

Ein gläubiges Herz, das sich einmal in den Heiland hineingesetzt hat und in Ihm bleibt und lebt, das tut Gutes wie eine laufende Quelle, die nicht aufhört. Es setzt ein Vergnügen drein, wenn es Gelegenheit hat, Gutes zu tun; es ist sein Kummer, wenn ihm die Gelegenheit und das Vermögen abgeht. Denn Gutestun ist eine Fürstenlust, aber ohne viel dran zu denken und sich drüber aufzuhalten. Es offenbart sich von selbst. Man wird Jesushaft; der Sinn und die Gedanken, die in Ihm sind, entstehen nach und nach in uns; wir lernen denken, wollen und handeln wie Er.

Drum auf Deinen Kampf und Wunden
sei mein Leben drangewagt!
Schlaget, meiner letzten Stunden
selige Minuten, schlagt!
Kurze Arbeitsstunden bringen
in die Ewigkeit zur Ruh.
Aber erst geht’s an ein Ringen.
Sieger, überwinde Du!

Die Gemeinde des lebendigen Christus

Du gestern und auch heute
der Kirche lieber Herr,
Dich spüren Deine Leute
tagtäglich herrlicher,
weil sich an jedem Gliede
Dein treues Herz beweist
und uns Dein teurer Friede
bei Tag und Nacht umschleußt.

Das ist ein Hauptmerkmal eines Kindes Gottes: die heilige Scham. Das ist ein Herz, das der Überschwang der Gnade und Seligkeit, die Besprengung mit Seinem Blut und der freundliche Blick des Heilands demütigt und niederbeugt. Was muß Jesus an mit trübem Herzen lieben? Das bringt einen gleich auf die selige Gemeinschaft, was Er an meinen Geschwistern und uns alles liebt: Sein Verdienst und Leiden, ein Herz, damit der Schöpfer pranget, weil’s ihm so sauer worden ist. Da nimmt man sich nichts Apartes heraus in der Gnade. Man sieht sie als eine Gnade übers Ganze, über alle Geschwister an und schätzt sich glücklich, Glied am Leibe zu sein.

Mache die Gemeinde
Dir zu Friedenshütte
und gib uns gerade Schritte.
Laß der Arbeit Lasten,
die wir aufgeladen,
uns gedeihn nach Deiner Gnaden,
daß wir Dich festiglich
fassen und Dir trauen,
glauben ohne Schauen.

Was das Wachstum an der Zahl betrifft, so ist es eine Freude, wenn’s sein kann. Aber auch eine kleine Zahl muß keiner Seele eine Gelegenheit sein, sich entmutigen zu lassen und sich zu verspäten. Der Heiland ist mit einem kleinen Häuflein so wohl zufrieden als mit einer großen Menge. Ihm ist nur darum zu tun, daß Er das Herz ganz kriege, dem Er sich so gern verbindet und nahe tut.

Der Du noch in der letzten Nacht,
eh Du für uns erblaßt,
den Deinen von der Liebe Macht
so schön gepredigt hast:
Erinnre Deine kleine Schar,
die sich so leicht entzweit,
daß Deine letzte Sorge war
der Glieder Einigkeit.

Die eigentliche Gemeine Jesu Christi ist unsichtbar und auf dem ganzen Erdboden ausgestreut. Es gibt aber auch sichtbare Gemeinen, dadurch immer alle zwei oder drei in Seinem Namen versammelte Personen gemeint sein können.

Alle Gemeinschaft, die bloß auf Übereinstimmung der Meinungen und Formen ohne Änderung des Herzens sich gründet, ist eine schädliche Sekte.

Es ist gut, daß wir Ordnungen und Methoden haben, aber dem Heiligen Geist müssen dadurch die Hände nicht gebunden werden.

Bleib, o bleib, o Haupt, am Leib,
verlaß nicht Deine Kreuzgemein,
die nichts hat als Deine Gnad
und lebt aus Deiner Füll allein.
Fahre hin, was helfen kann!
Unsre Hilfe ist der Mann,
dem, soweit die Schöpfung geht,
alles zu Gebote steht.
Du Fels des Heils,
wir sinken auf Dich nieder.
Gründ uns durch Gnade
so in Dich hinein,
daß wir nicht mehr
herauszureißen sein.
Geht etwas ein am Hause,
bau es wieder.
Und stürmt auch manches
Wetter auf uns zu,
so gönne uns bei Dir stets sichre Ruh.

Zubereitet für Ihn

Alle unsre Stunden
heilige Du Dir.
Mach uns Deinen Wunden,
Lamm, zur Ehr und Zier.
Laß Dein Volk erfahren,
daß die Sammelstadt
der erlösten Scharen
Dich zum König hat.

Die Hauptsache ist die: Wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen sehen, so sollen unsere Augen beständig auf den Heiligen Geist gerichtet sein und ihn durch den stündlichen Umgang, Gehorsam und Fleiß in dem, was Er uns lehret, kennenlernen, daß man endlich sich mit Ihm für verstanden halten und gewisse Tritt tun, zunehmen und wachsen kann in der Gnade.

Wie müht sich unser Herr mit mir
nun schon gar lange Zeit!
O wär ich Ihm zur Ehr und Zier
für Seine Freundlichkeit!
Solange man auf Erden ist,
solange wird gebaut.
Zuletzt kriegt dennoch Jesus Christ
ein reines Herz zur Braut.

Wenn man einen Schritt zum Heiland naht, so kommt Er einem hundert Schritt entgegen und tut mehr als drei Viertel Kraft, Rat und Tat zu dem Viertel guten Willen, den Er eben auch selber erst gegeben hat.

Jesus muß unser Glaube werden, unsere Liebe und Hoffnung, der einzige Gegenstand und Zweck unseres Lebens. Alle Gedanken, Reden und Begierden müssen Seiner voll werden, so sind sie recht und gelten vor Gott um Seinethalben.

König, dem wir alle dienen,
- ob im Geist, das weißt Du –
rette uns durch Dein Versühnen
aus der ungewissen Ruh.
Mache den Gedanken bange,
ob das Herz es redlich mein,
ob die Seele an Dir hange,
ob wir scheinen oder sein.
Leit uns würdiglich der Gnade
und dem Evangelio;
mach uns treu von Grad zu Grade
und in Deinen Wegen froh!

Solange man sich noch teilen möchte, gedeiht man nicht. Dem Heiland gehören nicht die Überbleibsel der Kreatur, sondern wir präsentieren Ihm das Ganze, Seele und Leib, das Inwendige und Auswendige; es gehört Ihm ohne Ausnahme.

Alles, was ein Kind Gottes tut, muß nicht um sein selbst willen, sondern für den Heiland sein. Der Heiland kriegt alles, und man macht nicht eher Gebrauch davon, als bis es einem der Heiland wieder gibt und dessen Gebrauch bestimmt.

Das muß die Last des Lebens
uns versüßen,
das macht das graue Alter
wieder jung,
wenn man von Deinem Lob
darf überfließen
und Dich umfassen in der
Heiligung.
Laß unsre Seelen von Dir
erzählen
und nichts verhehlen von
Deiner Treu!
Ob ich dienen, ob ich still genießen,
wandern oder ruhen soll,
das läßt Du rechten Zeit mich wissen,
mir tut eins wie’s andre wohl.
Ich bin ja in Deiner Nähe selig,
ob mein Ungeschicktsein gleich unzählig;
denn so oft mir was gebricht,
schenkt Sein Geist mir Zuversicht.

Es bleibt dabei, daß Jesus Christus über alles ist, hochgelobt in Ewigkeit, und daß Er sich nur aus Liebe für uns erniedrigt und Seiner Herrlichkeit entäußert hat. Er gebe uns die Beugung vor Ihm in der Gnadenzeit, die Ihm hier und dort von Seinen Erlösten gehört, und lasse uns Seine Glieder, Sein Fleisch und Bein werden, Er aber bleibe das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeine. Wer wollte nicht Ihm zuliebe mit tausend Freuden etliche geringe Dinge dieser Welt, so uns unser verderbter Verstand und verführerisch Herz vorhält, wegwerfen und Ihm allein leben?

Richte unser Herz
hier schon himmelwärts,
daß die Zeichen dieser Zeiten
uns zur letzten Zeit bereiten;
richte unsern Sinn
auf das Ende hin!\\

Quelle: Er das Licht und wir der Schein Aussprüche und Verse, ausgewählt von Heinz Schäfer Verlag der St.-Johannis-Druckerei C. Schweickhardt Lahr-Dinglingen (Baden) Nr. 490

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