Tholuck, August - Glaubens-, Gewissens- und Gelegenheitspredigten - Predigt über Joh. 21, 14-17

In Gott Geliebte. Ich habe in unserm letzten Gottesdienste euch davon gesprochen, daß über alle die Neujahrswünsche hinaus, welche uns am neuen Jahre zu umschwirren pflegen, Gott in der Stille uns etwas ganz Anderes wünscht, als wir meist uns selbst wünschen. Ich habe euch nach dem Worte des Propheten den Neujahrswunsch ausgelegt, den er euch allen insgemein dargebracht hat: unsere eigenen Gedanken und Wege fahren lassen und auf seinen Wegen Ihn allein suchen, unser höchstes Lebcnsgut. Wenn ich aber auf die unruhige durcheinander stürmende Menge blicke, die am Neu. jähr sich ihre Wünsche entgegenruft, so muß ich immer daran denken, wie so manche darunter sind - und namentlich unter euch Jungen - für die Gott noch einen besonderen Wunsch auf dem Herzen trägt, an den diejenigen am wenigsten denken, die dessen am meisten bedürfen: das ist der Wunsch „Erkenne dich selbst!“ O sehe ich, wie es vielen noch an diesem ersten Schritte des geistlichen Lebeus fehlt, so kann ich nicht anders, so muß ich jetzt am Anfange des neuen Jahres euch zurufen:

Willst du, o Menschenkind den Schatz des Heils erheben:
Die Selbsterkenntniß ist der erste Schritt zum Leben,

Ich führe euch einen Abschnitt des Evangeliums vor, aus welchem mit besonderem Nachdruck diese Aufforderung an uns ergeht. Es ist die euch wohlbekannte Frage des Herrn in dem letzten Gespräche mit dem Jünger, wodurch derselbe zur Selbsterkenntniß gebracht worden.

Joh. 21, 14-17.

Das ist nun das dritte Mal, daß Jesus geoffenbaret ist seinen Jüngern, nachdem er von den Todten auferstanden ist. Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zn Simon Petro: Simon Johanna, hast du mich lieber, denn mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, Du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht er zu ihm: Weide meine Lämmer. Spricht er zum andern Mal zu ihm: Simon Johanna, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja Herr, Du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht er zu ihm: Weide meine Schaafe. Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon Johanna, hast du mich lieb? Petrus ward traurig, daß er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: Herr, Du weißt alle Dinge, Du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schaafe.

Laßt uns denn betrachten, wie viel wir aus diesem letzten Gespräche des Herrn mit Petrus für unsere christliche Selbsterkenntniß lernen können.

Laßt uns zuerst sehen, woran uns dieser Abschnitt im Leben des Petrus erinnert. Er erinnert uns daran, wie sehr ihm die Selbsterkenntniß gefehlt und wodurch er dazu gebracht ist. Wir richten dann den Blick darauf, was dieser Text uns zeigt: Wie der gefallene Jünger die gewonnene Selbsterkenntniß bewährt und zugleich, wie auch jetzt noch seiner Selbsterkenntniß etwas fehlt.

Wir blicken also darauf, woran dieser Abschnitt uns erinnert. Daran, wie sehr ihm die Selbsterkenntniß gefehlt hat. Auch jene Frage, die mit dreifachem Hammerschlage das Gewissen des Jüngers trifft, ist bestimmt ihn an das zu erinnern, was in seinem Leben vorherging - erstens an seine dreimalige Verleugnung, sodann daran, wie viel ihm damals noch an der Selbsterkenntniß gefehlt als er im kecken Uebermuth der geistigen Blindheit ausrief: „Herr und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen,“ „und wenn alle sich an dir ärgerten, will ich mich doch nicht an dir ärgern.“

Als er auf die Frage: Und was saget ihr, daß der Menschen Sohn sei?„ so zuversichtlich für die Andern das Wort nahm und antwortete: „Du bist Christus der Sohn des lebendigen Gottes“ - wer hätte meinen sollen, daß eine Stunde für den Jünger kommen könnte, wo er ihn verleugnen würde? Als er beim Fußwaschen rief: „Herr nicht die Füße allein, sondern auch Hände und Haupt“ - wer hätte es geglaubt, daß derselbe Jünger sich verschwören könnte: „ich kenne des Menschen nicht?“ - Wir hätten es nicht geglaubt, er selbst hat es nicht geglaubt. Wer sollte dies auch glauben bei einem, der schon bei zwei Jahren täglich in dieses göttliche Auge geblickt, an diesem göttlichen Munde gehangen, der an seinem Tische gegessen und getrunken und zugesehen hatte, als auf das Wort dieses Mundes der Sturm sich legen mußte und das Grab seine Todten herausgab! Auch war ja Petrus einer, welcher über seine Voreiligkeit schon mehr als einen Wink erhalten, der ihn hätte vorsichtig machen müssen - damals als er vorschnell für den, der mehr war als der Tempel, die Tempelsteuer versprochen hatte, als er gesprochen: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen,“ und in andern Fällen. War Einer gewesen, den der Herr an die Versuchlichkeit seines Herzens erinnert hatte, so war es Petrus: „Simon, Simon, der Satanas hat euer begehret, daß er euch möge sichten wie Waizen.“ O welch unergründlicher Abgrund ist des Menschen Herz vor den Augen des Menschen selber!

Wir werden weiter durch diese dreimalige Gewissensfrage daran erinnert, wodurch Petrus wenigstens zudem Grade der Selbsterkenntniß gebracht worden, auf dem wir ihn hier sehen. Und dies ist ein dreifaches: durch seinen schmählichen Fall, durch die ernste Bestrafung von Seiten des Herrn, durch die ernstliche Einkehr in sich selbst. Daß der schmähliche Fall dazu hat dienen müssen, ist ein bitteres Mittel gewesen, aber ein solches, ohne das es fast nicht abgeht, weder bei den Flattergeistern noch bei den Trotzköpfen. Zu den quecksilbrigen Flattergeistern, bei denen die Windrose in jeder Stunde sich nach einer andern Weltgegend dreht, gehörte Petrus. Wenn er zu einem Felsen geworden ist, auf welchen der Herr seine Kirche baut, so gehört das der Gnade und nicht seiner Natur. Bei solchen Flattergeistern fehlt es an der Nüchternheit. Wenn sie nüchtern werden sollen, geht es wie bei den Mondsüchtigen: sie müssen durch einen tiefen Fall nüchtern werden. Von selbst wäre auch Petrus nicht erwacht, aber der Herr schickte ihm einen Gewissensdonner, das war der Hahnenschrei, und einen Gewissensblitz, das war sein strafendes Auge. - Aus dem innern Hause des Hohenpriesters führen sie ihn in den Hofraum - da sah ihn der Herr an. Auch von einem tiefen Falle wacht mancher noch nicht auf, so Petrus von dem Hahnenschrei noch nicht - aber wenn der Herr ihn ansieht! Was das für ein Blick gewesen, erkennen wir daraus, wenn es gleich nachher heißt: Und Petrus stürzte sich hinaus und weinte. Wo er sich hinstürzte, ist uns nicht gesagt, aber unter den Jüngern sehen wir ihn nicht mehr, es ist sogar ungewiß, ob er unter dem Kreuze sich hat blicken lassen. Er ist in die Einsamkeit gegangen und dahin muß jeder gehen, den nach einem tiefen Falle das Auge seines Herrn anblickt. Gehst du mit einem solchen Blicke gleich wieder unter die Menschen, so bleibt es bei einem flüchtigen Wetterleuchten. Ein stetiges, helles Licht zündet des Herrn Blick bei dir nur an, wenn du damit in die Einsamkeit gehst. Daran also erinnert uns dieser Abschnitt, daß es einmal ein schmählicher Fall, dann ein strafender Blick vom Herrn und endlich die Selbstprüfung in der Einsamkeit gewesen, durch welche Petrus das von Selbsterkenntniß gewonnen, was er hier besitzt.

Was unser Text uns zeigt? - Das zeigt er uns, wie der gefallene Jünger die gewonnene Selbsterkenntniß bewährt. Er bewährt sie durch das Mißtrauen in sein eigenes Urtheil über andere und durch das Mißtrauen gegen das eigne Herz. - Herr und wenn sie sich alle an dir ärgern, so will ich mich doch an dir nicht ärgern. hatte er ausgerufen, während die andern Jünger stillschwiegen, und nun hatte er ihn mehr verleugnet, als alle andern! Als jetzt der Herr fragt: „hast du mich lieber als mich diese haben?“ - keine Vergleichung mehr, kein Urtheil über die andern, er blickt nur in die eigene Brust: Herr du weißt, daß ich dich lieb habe. - Auf des Herrn Bewußtseyn provocirt er allein. So hat er also gelernt, dem Urtheil seines eignen Herzens über sich zu mißtrauen und das ist ein Großes! Wie Paulus spricht: „Es ist mir ein Geringes, daß ich von einem menschlichen Tage gerichtet werde, der Herr ist es, der mich richtet.

Was ferner unser Text uns zeigt: daß auch jetzt noch seiner Selbsterkenntniß etwas fehlt. „Herr du weißt, daß ich dich lieb habe.“ antwortet er auf die dreifache Frage. Hiebei vermissen wir nun etwas. Was wir vermissen ist das Bekenntniß, wie sehr er sich eben an dieser Liebe versündigt habe. Sollte man nämlich nicht erwarten, daß er verzagt den hohen Beruf abgelehnt hätte, den der Herr ihm überträgt? Nun könnte es seyn, er hätte jenes Bekenntniß nur zurückgedrängt, den hohen Beruf abzulehnen hätte er nicht gewagt, weil er sich erinnerte, was damals der Herr zu ihm gesprochen als er rief: Herr, nimmermehr sollst du mir die Füße waschen. an jene Antwort nämlich: „was ich jetzt thue weißt du nicht, du wirst es aber nachher erfahren.“ Kann er nicht gedacht haben: Ei, wenn der Herr ein solches Werkzeug, wie ich bin, nicht wegwerfen will, darf ich mich denn sträuben? Nun mag es seyn, daß er so gedacht - gesagt ist'es wenigstens in unserm Texte nicht, und dem Verdacht ist viel Raum gelassen, daß er doch noch auf die warmen Gefühle seines Herzens zuviel Gewicht gelegt. Wissen wir doch auch, daß es bei einem Selbstverblendeten gewöhnlich mit Einem Fall und Aufstehen noch nicht gethan ist: durch mehr als Einen Fall muß es oft hindurchgehen, ehe die Schuppen sich ganz lösen. Begegnen wir doch später noch einmal dem Petrus in der Geschichte und finden ihn theilweise noch als den alten wieder, als den Petrus, welcher - wenn auch nicht seinen Herrn, doch ein Stück seiner Wahrheit zu verleugnen im Stande ist. Ich meine damals, als er aus Furcht vor den Juden sich zum Verrath der evangelischen Freiheit verleiten läßt, die er doch erkannt hatte (Gal. 2. ).

Ihr seht, wie viel wir im Lichte dieses Petrus und seiner Geschichte für unsre eigene Selbsterkenntniß lernen können - soviel, daß ich noch in einer ferneren Betrachtung darüber zu euch sprechen muß. - Wie sehr auch uns diese Selbsterkenntniß fehlt, und auf welchem Wege wir zu ihr gelangen, davon laßt mich noch heut sprechen, in unserm nächsten Gottesdienste: wie sie sich bewähren muß und - wie wir nie damit fertig werden.

Wie sehr es uns an der Selbsterkenntniß fehlt: Ich gehe davon aus, wie gänzlich verschieden über Leichtigkeit und Schwierigkeit derjenigen Tugend, von der wir sprechen, das Unheil der gegenwärtigen Welt von dem der alten Welt ist. Ihr kennt ja wohl jene zwei Inschriften, welche die Griechen über die Pforten ihres Tempels zu Delphi gesetzt, gleichsam als die Bedingungen unter denen allein der Zutritt zur Gottheit vergönnt. „Erkenne dich selbst“ lautete die eine, „Nichts im Uebermaaß“ die andere. Ihr meint: sich selbst erkennen das verstehe sich von selbst, das müsse das allerleichteste seyn, da uns nichts näher ist als unser eigenes Ich. Jene Alten dachten anders, da sie es zur Bedingung des Zutritts zur Gottheit machten. Ein griechischer Dichter spricht: „Das Erkenne dich selbst, dies kleine Wort, versteht kein Mensch, sondern Zeus allein unter den Göttern. Ihr Männer, ihr Frauen und ihr Jünglinge, ahnet ihr es denn, welche Aufgabe euch in diesem Worte gestellt ist? Kommt es euch wohl ein, daß ihr vielleicht in euch selbst noch ganze unbekannte Welttheile zu entdecken habt? Kennt ihr denn das Gebet: Erleuchte mich mein Licht, ich bin mir selbst verborgen?“ - Was aber Gott zunächst von uns fordert, das muß doch diese Selbsterkenntniß seyn, denn wie kann der Kranke geheilt werden, der noch nicht weiß, daß er eines Arztes bedarf und welches? Haben wir nun das allernächste nicht erkannt, wie sollen wir ferne und hohe Dinge erkennen?

Fangen wir mit unserer Blindheit an in Bezug auf unsere Anlagen und Kräfte. Der Apostel fordert auf: ein jeder halte von sich, wie sich gebührt. Finden wir wohl einmal einen, der weniger von sich hielte als sich gebührt? Ach fände man nur viele, die nicht mehr von sich halten als sich gebührt! Wie wäre schon dann des Unglücks weniger in der Welt, wenn es keinen unter uns gäbe, der weiter griffe als die Hand reicht, oder höher fliegen wollte, als er Flügel hat! Woher kommt denn der verfehlte Beruf mit seinen täglich neuen Sorgen und Ruthenschlägen? Kommt er nicht daher, wenn einer einen Thurm bauen will, ohne sich vorher hinzusetzen und die Kosten zu überschlagen? Wohl unglückselig ist der Mann, der unternimmt was er nicht kann, und unterläßt was er versteht, kein Wunder, daß er zu Grunde geht. Und geht es darin nicht den großen Geistern wie den kleinen? Wissen wir nicht, daß sie sich gerade auf das am meisten zu Gute thun, was sie am wenigsten verstehen? Denn bloßes Klugseyn hilft vor der Thorheit der Selbstverblendung nicht - wie vielmehr die Schrift spricht: großen Leuten widerfährt keine kleine Thorheit - und wie die Weisheit von der Gasse spricht: Es ist kein Mann so klug von Rath, der nicht seinen Gecken hat, jedoch heißt der ein kluger Mann, der seinen Gecken verbergen kann. Und ist dies schon wahr bei den Schwächen unseres Kopfes und unserer Einsicht, wie vielmehr bei den Fehlern unsers Herzens! Läuft einem da nicht alle Tage die Erfahrung in die Hand, daß die Gescheytheit der Gescheyten zu nichts anderem dient, als für unsere Schooßsünden recht geschickte Mäntelchen herauszufinden. Ist einer eitel, aber - heißt es - soll sich denn der Mensch nur der Blumen freuen dürfen, die auf fremdem Acker wachsen und nicht derer auf seinem eigenen? Ist einer hart und lieblos - das ist so meine einfache derbe Art. Ist einer eigensinnig, aber - heißt es - Recht muß doch Recht bleiben, und so überall. - Wie blind wir über uns selbst sind, da kann es freilich jeder mit Händen greifen, aber seht nur darauf, wie oft es vorkommt, daß von den Hauptfehlern eines Menschen die ganze Stadt wissen kann bis zu den Kindern auf der Gasse und der einzige der davon nicht weiß, ist er selbst! Wo findet der Dünkel unerbittlichere Ankläger, als unter denen, die am meisten selber davon strotzen? wem sind die Geschwätzigen unausstehlicher, als dem Schwatzhaften? und so bei allen andern Schooßsünden. Woher denn aber nun diese ungeheure Verblendung und daß man sogar den Splitter im Auge des Bruders so deutlich sehen kann und den Balken nicht in dem eigenen Auge? So fragt schon ein Cicero. Ja woher? Weil doch keiner ein scharfsinnigerer Advocat ist, als wenn's die eigne Sache gilt. So lange Christus dich noch nicht mit dir selbst entzweit und dich zu deinem eignen Feinde gemacht, so willst du noch gar nicht die Wahrheit über dich hören. O Freunde, glaubt mir, es giebt kein sichreres Zeichen, daß einer dem Reiche Gottes schon nahe ist, als wenn einer danach aufrichtig verlangt, die Wahrheit über sich zu hören, wenn er ordentlich danach dürstet, komme sie aus Freundes- oder Feindesmund. Sich gerne strafen lassen - o wenn ich einen Jüngling sehe, der sich gern strafen läßt, o wie viel kann ich dem vergeben und zu Gute halten! Mag er auch noch ein ganz schwacher Anfänger seyn, zu dem spreche ich: „Du bist nicht fern vom Reiche Gottes.“ Denn dahin kann keiner aus sich selbst kommen, sondern nur durch den heiligen Geist. Wie anders mag es indeß bei vielen von uns noch jetzt stehn - wie laufen wir, wie biegen wir aus, und selbst wenn es der liebste Mund ist, der ein Zeugniß wider uns ablegen will.

Indeß die Tiefe dieser Selbstverblendung, in die wir versunken sind, sieht erst dann der Mensch ein, wo würklich der Anfang gemacht ist mit dem: Erkenne dich selbst! Das muß man erst erleben, wie, wenn die erste Hülle einem abgezogen ist, hinter der man sich verstecken wollte, sogleich eine zweite zum Vorschein kommt und, wenn die gefallen, eine dritte und immer wieder eine neue. Ich versichere es euch, daß auch bei solchen, die sich ihre Heiligung ernstlich angelegen seyn lassen, 10, 20 Jahre vergehen können, ehe sie recht erfahren haben, wo der faulste Fleck bei ihnen sitzt. Bei den Schooßsünden ist die Erkenntniß allerdings immer noch schwerer. Am leichtesten ist noch die Erkenntniß bei den Fleischessünden, da sie die kenntlichsten und offenbarsten sind. Keine wird so schwer erkannt, als der Dünkel und der Eigenwille.

Es ist nicht zu sagen, welche Schlangenwindungen der alte Adam macht, ehe er sich hiebei gefangen giebt. Leichter erkennst du. spricht ein arabischer Weiser, der Ameise Fuß auf schwarzem Stein in dunkler Nacht, als des Dünkels List, wenn sie dich berückt behend und sacht. Du ärgerst dich über deinen Dünkel und wieder nur aus Dünkel; du betest wider die Eitelkeit und wieder nur aus Eitelkeit und mit Selbstbespiegelung. - Der Anfang der Selbsterkenntniß geschieht damit, daß du deine sündlichen Werke erkennst, obwohl auch davon wieder nur einen kleinen Theil, vielleicht die, welche vor aller Menschen Augen liegen, die gegen Weib und Kind, aber nicht die gegen deinen Freund, gegen deinen Dienstboten. Dann macht dir Gottes Licht deine Zungensünden offenbar und du erschrickst vor ihrem Umfange und ihrer Zahl. Dringt aber Gottes Licht noch tiefer ein und die Herzenssünden gehen dir auf, dann bricht das Gebet hervor: „Herr, wer kann merken, wie oft er fehle, vergieb mir auch meine verborgnen Sünden!“

Nun meinst du am Ziele zu seyn und bist es doch noch nicht. Das ist noch ein Bausch- und Bogenbekenntniß deiner Sünde und damit ist noch bei weitem nicht alles gethan. Du bekennst vielleicht mit der Gemeinde: „Ich armer, elender Mensch, bekenne vor dir meine vielfachen Sünden und Missethaten, mit denen ich dich täglich beleidigt und deinen gerechten Zorn auf mich gezogen habe. und doch weißt du es nicht, was das für Sünden und Missethaten sind, mit denen du täglich seinen gerechten Zorn auf dich ziehst. Und weißt du das nicht, was ist es mehr, als ein bloßes Wort, wenn du hinterher sprichst: „Sie sind mir aber alle herzlich leid. “ Was deine täglichen Sünden und Missethaten sind, mit denen du Gott beleidigst, mußt du erkennen und mußt auch ausdrücklich erkennen, daß du damit nicht bloß dich selbst und andre, sondern Gott beleidigst. Wie manchen Flattergeist habe ich gesehen, der dahin gekommen war, zu erkennen: Ja mein Leichtsinn ist mein faulster Fleck, der aber auch im entferntesten nicht an jenes „das Auge Ausreißen und die Hand abhauen“ gedacht, die uns ärgert, welches vom Herrn geboten ist. Wie mancher Trotzkopf hat bekannt: Ja mein Trotz ist der faulste Fleck in mir, der aber, nachdem er dies Bekenntniß gethan, doch wieder hingegangen ist, als wäre damit durch seine Rechnung mit Gott der Strich gezogen. Sie erkennen nicht, daß sie mit ihren Sünden Gott beleidigen, sonst würden sie auch mit dem Augenausreißen und Handabhauen Ernst machen.

So muß denn Gott deine Sünde selbst zu deinem Heilmittel ausschlagen lassen. Das ist sein Regale, sein königliches Vorrecht, daß er das kann. Wir machen, daß Gottes Gnadengaben uns zu Versuchungen werden, Er kann machen, daß unsere Uebertretungen uns zu Gnadenmitteln werden. Nicht als läge das in der Natur der Uebertretung selbst ^- daß keiner sich täusche! sondern nur seiner übergreifenden Gnade ist das zuzuschreiben. Ein Fall ist nur das Aufwachen aus dem Schlafe: nun muß noch Gottes strafender Blick dein geöffnetes Auge treffen, wenn es zu einem heilsamen Erwachen kommen soll. Und auch das ist noch nicht genug. Du mußt wie Petrus mit diesem Gnadenblick in die Einsamkeit gehen. Da muß es dir erst klar werden, an wem du dich versündigt hast. So kommt es denn bei Christen, welche die erziehende Weisheit Gottes einen tiefen Fall hat thun lassen, erst unter dem Kreuze des Erlösers zur tiefsten Selbsterkenntniß. Beides singt die unter dem Kreuze Christi selig gewordene Sünderschaar, einmal: Unter seinem Kreuz allein schlafen meine Sünden ein. dann aber auch wieder: Unter seinem Kreuzespfahl, wacht erst auf der Sünden Qual. - Der Trotzkopf, der nicht brechen wollte, als Sinai mit seinen Donnern über ihm stand, bricht erst unter Jesu Kreuze. Was dein Fleischeskitzel, was dein Leichtsinn, deine Eitelkeit vor Gott verdienen, geht dir erst auf, wenn du unter seinem Kreuz erkennst, daß du dich an der ewigen Liebe damit versündigt hast.

Ja, fraget nur alle in Christo lebendig gewordenen Menschen, ob nicht für sie der erste und unleugbarste Beweis für die Wahrheit des Wortes Gottes eben das gewesen ist: daß es kein Wort sonst auf Erden giebt, das mit so Mark und Bein durchschneidender Schärfe die Täuschungskünste aufdeckt und die Feigenblätter zerreißt, womit der Mensch sich seine eigene Blöße verhüllt, um sich nicht schämen zu dürfen. Wenn mich einer fragt: woher weißt du, daß die Bibel Gottes Wort ist? ich spreche zuerst mit dem Psalmisten: „Das Zeugniß des Herrn ist gewiß, es macht die Albernen weise. Die Gebote des Herrn sind lauter, sie erleuchten die Augen.“ O möchte hier keiner seyn, der nicht von demselben Grunde aus mit mir sprechen könnte: Das Zeugniß des Herrn ist gewiß. Auch hier wird mancher wohl ohne Zweifel seyn, der wie Petrus erst durch einen schmählichen Fall aufgewacht ist, mancher auch, den nach dem Falle der strafende Blick des Herrn getroffen hat. O macht nur, daß dieser Blick ein stetiges Licht auf eurem Wege werde. Geht damit in die Einsamkeit, erwäget, daß unsere sogenannten Schwachheiten Versündigungen an der ewigen Liebe sind. Erst in diesem Lichte werden die Tiefen eures Herzens euch offenbar werden. Und - nur durch die Höllenfahrt der Selbsterkenntniß geht der Weg zur Himmelfahrt der Gotteserkenntniß.

Da gehen sie hin in das neue Jahr die Hunderttausende und Millionen mit ihren ungezählten Wünschen für das neue Jahr, und das, was sie zunächst und am meisten bedürfen, das wünschen sie sich nicht. O schenke ihnen das, was dein Herz, du treuer Gott, ihnen am meisten wünscht, ein heilsames Erwachen - könnte es nicht anders seyn, auch durch einen tiefen Fall und deinen strafenden Liebesblick! Amen.

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