Tauler, Johannes - Sechsundzwanzigster Brief.

Eine innige Uebung in die heiligen Wunden Jesu.

In Christo Jesu liebe Kinder! Eine Seele, die Gott lieb hat, soll ihn schauen und küssen in seinen Wunden; denn die Wunden unsers Erlösers geben mehr Schönheit, Freuden und Klarheit dem ganzen himmlischen Heere, denn alles, was in dem ewigen Leben ist, ausgenommen seine Gottheit. Nun soll der Gott liebende Mensch in dieser Zeit begierig das gekrönte Haupt unsers Herrn küssen; da wird er selbst geadelt und würdig des väterlichen Erbes mit Christus. Zum andern Mal soll man die Wunde des Herzens anschauen, so empfängt die Seele ein hitziges Zunehmen göttlicher Liebe und aller Tugenden. Zum dritten Mal soll man die Wunde der rechten Hand ansehen, so wird dem Menschen von Gott Erlösung, Freiheit und Gnade reichlich gegeben. Zum vierten Mal soll man die Wunde der linken Hand ansehen; davon empfängt der Mensch einen Schild und Schirm wider alle Versuchungen. Zum fünften Mal soll man die Wunde des rechten Fußes ansehen; davon empfängt der Mensch Stärke und Kraft, alle Dinge gern zu leiden durch Gottes Willen. Zum sechsten Mal soll man mit Andacht die Wunde des linken Fußes ansehen, so wird dem Menschen, von Gott Lust zu allen tugendhaften Werken gegeben. Ja, so oft der Mensch die lieben Zeichen unsers Herrn mit Andacht und mit Ernst ansieht, so oft werden diese eben genannten Gaben erneuert und zunehmend zu mehrerer Vollkommenheit. Dieß ist eine sichere, wahre Offenbarung von Gott, die ihr Fundament hat in der heiligen Schrift Jesu Christi.

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