Tauler, Johannes - Fünfundzwanzigster Brief.

Von gründlicher Gelassenheit und von Vergessen unserer selbst und aller Dinge, das man in der Schule Gottes lernt.

In der ewigen, unaussprechlichen Liebe des himmlischen Vaters und seines ewigen Wortes grüße ich dich, mein Geliebter in Christo Jesu. Ich habe meinen lieben Gott um Bereitung eines sichern Todes gebeten, und nun bin ich von ihm gesandt als ein armer Schüler in eine unermeßliche, reiche Schule, wo man unaussprechliche große Wunder lernt, alle Zeit und alle Tage. Um dieser gebenedeiten Schule willen muß man alle Dinge insgesammt übergeben; denn wer darin dem lieblichen Lehrmeister unterthänig seyn will, der muß seiner selbst und aller Creaturen gänzlich ledig seyn. In dieser edlen Schule lernt man alle Tage von dem würdigen Meister in dem allerhöchsten Buche diese Lehre: Daß es uns nämlich in einem unbeweglichen Gemüthe allezeit ergötzlich und eben so gleich seyn soll in rechter Gelassenheit unseres Willens in den allerliebsten Willen Gottes, was wir seyen, ob wir haben oder darben, wissen oder nicht wissen, so daß wir nichts wollen, nichts begehren, nichts wünschen, nichts meinen, als den Willen dieses lieblichen Meisters allein, auch in allem Können und Nichtkönnen, in allem Thun und Lassen, in allen leiblichen und geistlichen Leiden, im Leben und im Sterben; denn wo oder wie, das soll uns gänzlich gleich seyn, ohne allen Wankelmuth, ohne alles Kiesen und Verliesen dieses oder jenes, ohne gern oder ungern. Dieses allerliebsten Meisters Wille soll in uns leben, und was ohne diesen ist, soll uns gänzlich todt seyn und fremd. Sein allerliebster Wille muß in uns blos an sich selbst vollbracht werden, weder weniger noch mehr, vor dem Tode, in dem Tode und nach dem Tode.

Kurz, unsere Schule, in die wir gesandt sind von dem hohen Capitel, ist der gebenedeite väterliche Wille Gottes; der wahre Schulmeister ist der heilige Geist selbst in aller seiner Gutheit; das einzige wahre Schulbuch ist unser allerliebster Herr Jesus Christus in sich selbst und in allem, was sein ist. Alle andern Schulen sind mir gänzlich todt, alle andern Meister sollen mir fern und fremd seyn, alle andern Bücher außer diesem sind mir beschlossen und unbekannt. Dieß hat mich alle Dinge übergeben gemacht; denn wahrlich, diesen will ich allein leben. Ja, liebes Kind! nun lerne diesen allein leben und wahrlich leben, so findest du wahren Frieden in allen Dingen ganz und gar, und anders nicht. Ach, gehe oft in diese gebenedeite Schule; denn wohin wollen wir lieber gehen, oder zu wem anders wollen wir lieber gehen, als wo dieser gebenedeite Meister ohne Unterlaß und allezeit gegenwärtig und gänzlich bereit, und das allerliebste Buch allezeit offen ist? Liebes Kind! sey wohl zufrieden in diesem heiligen Orden, sicher auf mein Wort; denn in der Wahrheit, ich weiß weder einen bessern, noch nähern, sicherem und höhern Weg, und dein Gott hat diesen Meister dir gegeben aus dem Schatze seiner großen Liebe. Folge ihm, sicher auf mein Wort, denn es ist dein allerbester. Komm allein in diese heilige Schule; wer in diese kommt, der wird ohne allen Zweifel gelehrt, daß alle seine Gedanken, Worte und Werke, und all sein Leben ganz und gar geboren wird aus dem Vater, und behagen wird unserm Herrn auf das Allerbeste und Höchste.

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